#aufschrei: Ein dummes Lämmlein blökt zurück

Nerdbarbie hat mir unter meinem letzten Blogpost den Artikel Das Schreien der Lämmer von Frau Meike geliefert. Als ich ihr meine ausführliche Meinung dazu posten wollte, merkte ich, dass dies den Rahmen der Kommentarspalte eindeutig sprengt, sowohl hier, als auch bei Frau Meike. Dennoch möchte ich Frau Meike darlegen, warum ich ihren Artikel, O-Ton, “ziemlich schlecht” fand – gerade weil er in der  momentanen Sexismusdebatte immer wieder als sachliche Gegenstimme zitiert wird, obwohl er in meinen Augen zahlreiche nicht zu übersehende Schwächen hat.

Liebe Meike,

dein Blogpost hat mir leider einige Ansätze geliefert, die ich so auf keinen Fall unterschreiben kann, weshalb ich ihn, wenn auch nicht unbedingt vom Grundgedanken, jedoch von der Ausführung her nicht gut finde. Ich möchte dir erklären wieso.

Beginnen wir mit deinem ersten Kritikpunkt, Die Verquickung von z.B. Sexismus und Kindesmissbrauch, Sexismus und Vergewaltigung, Sexismus und körperlichen Übergriffen. Hier hältst du fest, dass sexuelle Gewalt bagatellisiert würde, wenn man sie mit Sexismus in einem Topf wirft. Kindesmissbrauch und Vergewaltigung seien ja viel schlimmer, ein Verbrechen.

Hier direkt zwei Probleme.
Erstens: “Sexismus ist kein Verbrechen” – das kann man so nicht sagen. Im Grundgesetz ist der Schutz vor Sexismus verankert. Je nachdem, wer sich wo und wie sexistisch äußert oder handelt, kann ganz empfindliche Strafen erhalten – beispielsweise der Chef, der einen Mann befördert, obwohl eine Frau da wäre, die besser qualifiziert wäre. Die Arbeitsgerichte sehen sowas gar nicht gern!
(Falls du jedoch “Verbrechen” im juristischen Sinne meinst, dann sei dir gesagt, dass sexueller Missbrauch von Kindern nach §176 StGB auch nur in schweren Fällen ein Verbrechen ist)

Zweitens: Du kritisierst die Vermengung der Begriffe, ohne deinerseits eine ordentliche Definition zu liefern. Nach dem, was du schreibst, kann man aber leider nicht davon ausgehen, dass du weißt, worum es sich bei den genannten Taten im einzelnen genau handelt. Sexuelle Gewalt scheint bei dir irgendwie nur als “Penis in Vagina” zu existieren.
Alles andere ist bagatellisierend? Tja, sexuelle Gewalt ist aber viel mehr. Auch Kindesmissbrauch ist viel, viel weitgehender, der kann sogar schon anfangen, wenn das Kind nicht mal berührt wird. Bei vielen Missbrauchsfällen kommt es nie zur Penetration… und wenn, ist das schon schwerer Missbrauch. Wissen die meisten nicht, ist aber so.

Ist jeder Vergewaltiger ein Sexist? Spontan würden das wohl viele bejahen, aber wenn man etwas drüber nachdenkt, muss man wohl zum Schluss kommen, dass diese Einschätzung zu einfach ist. Bei manchen mag das sicher zutreffen, aber die meisten Vergewaltiger werden sich über ihre Opfer nicht hermachen, weil sie Frauen sind und Frauen für sie per se weniger wert sind, sondern weil sie sich einfach nicht unter Kontrolle haben. Für viele steckt da wohl kein richtiges Schema dahinter – zumindest keines, dem sie sich bewusst sind.

Ist jeder, der Kinder missbraucht, ein Sexist? Das wohl noch weniger. Echten Pädophilen ist es scheißegal, ob ihr Opfer männlich oder weiblich ist, es zählt allein die Kindlichkeit. Und der große Rest, der Kinder missbraucht, tut dies einfach, weil sie – die Kinder – gerade da sind; sie werden zum “Ersatzobjekt”. Das Geschlecht ist beim Kindesmissbrauch recht nebensächlich, auch wenn immer noch mehr Mädchen als Jungen missbraucht werden.

Damit kommen wir zur sexuellen Belästigung, die deiner Meinung nach überhaupt nichts mit Sexismus zu tun hat. Ich mach es kurz: Du liegst falsch. Wer mich “Fotze” nennt oder mir ungefragt an die Brüste packt, während er schmierig grinst, macht sich nicht nur juristisch der Beleidigung bzw. der sexuellen Belästigung schuldig, sondern zeigt ausgeprägte sexistische Züge. Ein mir entgegen geschleudertes “Fotze” dient nicht der sexuellen Befriedigung des Täters, sondern soll mich einfach nur demütigen, mich in meiner Weiblichkeit abwerten, indem ich auf mein primäres Geschlechtsorgan reduziert werde, ich zu einem Loch werde, womit systematisch und gewollt meine Grenzen überschritten werden.

Was ist Sexismus, wenn nicht das?

Was dir irgendwie gar nicht auffällt: Mit der Forderung, doch bitte beim Thema Sexismus zu bleiben und die “Schlagworte nicht zu verquicken”, verbietest du im Grunde den Opfern sexueller Gewalt (für dich also lediglich Vergewaltigungsopfer und als Kind sexuell missbrauchte Menschen), sich bei der #aufschrei-Aktion zu äußern, die nun mal unter dem Titel “Sexismusdebatte” in die Mediengeschichte eingehen wird, da beides ja in deinen Augen nichts (und wie du siehst, in meinen auch nicht so wirklich) mit Sexismus zu tun hat. Aber wer bist du, Frauen, die jahrelang still gelitten haben, zu sagen, dass sie jetzt bitte nicht im Eifer des Gefechts mit der Teminologie durcheinander kommen sollen? So von wegen Ohrfeige ins Gesicht aller Opfer?

Wenn eine Vergewaltigung und ein Kindesmissbrauch schon nicht sexistisch sind… der ständige Druck auf die Opfer, doch bitte nicht so ein Fass aufzumachen, ist es schon. Pola Kinski kann ein Lied davon singen.

Bei deinem zweiten Punkt, Das Ignorieren unterschiedlicher Wahrnehmungen fragst du dich, was sexistisch ist und was nicht und bringst Beispiele.
Ich finde den Punkt unnötig: Die Frauen, die bei #aufschrei mitmachen, empfanden die geschilderten Aktionen wohl in jedem Fall übergriffig, sonst würden sie ja nicht davon berichten. Es ist doch völlig egal, ob das nicht der Fall gewesen wäre, wenn die übergriffige Person eine andere gewesen wäre.
Ich habe auch einige Vorfälle gelesen, die ich nicht als Übergriff empfunden hätte, wenn sie mir passiert wären. Aber das ändert ja nichts an der Wahrnehmung der Frau, die es erlebte. Für eine Beurteilung vor Gericht wäre dieser Maßstab freilich nicht ausreichend.

Am Ende bleibt aber dennoch: Wenn hier jemand unterschiedliche Wahrnehmungen ignoriert, dann bist das doch leider du.

Dein Punkt drei, Die Weigerung vieler Frauen, Verantwortung zu übernehmen, ist mir auch absolut zu pauschal. Klar soll man lernen, sich zu wehren, aber wenn ich einem Kerl, der mir an den Busen grabscht, eine Ohrfeige verpasse, ändert das nichts daran, dass dieser Busengrabscher passiert ist und sich nicht rückgängig machen lässt. Vielleicht für die nächste Frau, vor deren Linse er gerät, aber mir persönlich bringt es nichts (außer Genugtuung), zumal man sich in unserer verdrehten Gesellschaft dann auch noch vorwerfen lassen muss, man wäre gewalttätig.

Ich mag das Wort “Verantwortung” in diesem Zusammenhang nicht. Liegt es in meiner Verantwortung, wenn ein Mann mich begrabscht? Nein, das war seine eigene und exklusive Entscheidung. Nicht mal meine Klamotten kann man dafür verantwortlich machen, denn ich kleide mich nicht sehr weiblich.

Von wegen, Frauen sollen bei der Beseitigung des Problems auch mal tätig werden – ähm, das wird doch gerade gemacht!? Aber das ist auch wieder nicht richtig. Es wäre doof, Männern einfach zu sagen, dass sie sich ändern sollen. Aber warum soll ICH mich ändern, damit Männer mich nicht mehr begrabschen? Ich hab doch gar nichts gemacht!
Also: Wehren ja, wehren ist toll! – aber die Verantwortung für einen Übergriff hat niemand sonst als der Übergriffige selbst!

Schön finde ich es auch, dass du diese vielen Tweets liest und einfach so davon ausgehst, dass sich die Betroffenen in keiner Situation gewehrt haben. Steht das dabei? Nee, das erfindest du dazu.
Davon ab: Wie soll man sich in allen Situationen wehren? Manche geschehen so plötzlich, so schnell, so unerwartet, dass man einfach nur zur fassungslosen Salzsäule erstarrt. Wie soll ich mich wehren, wenn mir jemand aus einem vorbeifahrenden Auto “Ey Schlampe, zeig mal deine Titten” entgegen brüllt? Ich bin nicht schneller als ein Auto!

“Man soll miteinander reden”, schreibst du, da die Männer ja nicht wissen können, ob sie sich noch auf angemessenen Flirtterrain bewegen oder doch schon übergriffig sind. Sorry, aber wie einfach kann man es sich eigentlich machen? Wer mich “Schlampe” nennt oder mir in die Brust zwickt, dem muss ich doch wohl nicht erst erklären, dass ich sowas nicht als Auftakt zu einem aufregenden Flirt empfinde!

Verantwortung sollen doch bitte die Männer übernehmen, die sowas für normale Umgangsformen halten!

Dein Punkt vier, Die Opferhaltung vieler Frauen, die sich in der Debatte äußern zeigt ein Problem auf, das mich auch immer wieder ankotzt, nämlich die durch und durch negative Konnotation des Wortes “Opfer”. Es klingt immer so, als wären Opfer schwächliche, kleine Mäuschen, die nur ihr Gesicht in den Armen vergraben und gar nichts machen können.

Ich bin kein Mäuschen, aber wenn ich sexuell belästigt werde, bin ich trotzdem ein Opfer, nämlich eines der sexuellen Belästigung. Das ist für mich völlig wertfrei!

Victim Blaming, Opferbeschuldigung, sagt schon viel aus, nur ist es meistens nicht auf das konkrete Ereignis beschränkt, indem man dem Opfer eine Mitschuld zuschiebt und ihm damit Komplizenschaft unterstellt (“Na, wenn du SO rumläufst…!” – “Selbst Schuld, wenn du nachts allein unterwegs bist” – “Du hast bestimmt falsche Signale gesendet”) sondern man wird schon einfach so beschuldigt, nur weil man Opfer ist. Man ist scheiße, weil ein anderer Mensch sich dazu entschlossen hat, einen anzugreifen. Classic!

Ich bin mit dir einer Meinung, dass Frauen öfter mal auf den Putz hauen und sich wehren sollten. Aber DAS geht in meinen Augen nicht klar. Auch geht es nicht, dass du deine Geringschätzung echten Opfern gegenüber damit begründest, noch nie selbst in solche Situationen gekommen zu sein. Du schreibst das, als wärst du stolz darauf, als wäre das dein eigener Verdienst. Aber das ist es nicht – du hast, falls das stimmt, einfach nur Glück gehabt.

Netzwertig meldet, dass in nur zwei Tagen 25.000 Tweets mit dem Hashtag #aufschrei über den Schirm gelaufen sind. Weißt du wahrscheinlich, denn du wurdest mit deinem “differenzierten Blickwinkel” verlinkt.

Jetzt überleg mal: 25.000 Tweets, “ohne Spam”! Was das für ne Masse ist!

Natürlich kann man die nicht alle zählen. Ich nehme an, Trolle wurden nicht herausgefiltert, wie sollte das auch gehen? Dafür müsste man jeden Tweet einzeln lesen.
Nehmen wir mal (ganz hoch angesetzt) an, bei drei Fünfteln der Tweets handelt es sich um Trollerei oder um Aphorismen. Dann bleiben immer noch 10.000 Geschichten von Frauen und den sexuellen Übergriffen, die sie erlebt haben. Nach deiner eigenen Schätzung (“60% der Schilderungen fand ich erschreckend, der Rest Pillepalle”) sind das immer noch 6000 Tweets, die schockierende Erfahrungen mit sexueller Gewalt zum Thema haben! Und das in zwei Tagen! Kannst du mit dieser Zahl vor Augen immer noch so relativieren, wie du es in deinem Blogpost getan hast?

Dazu möchte ich anmerken: Ich kenne niemanden persönlich, der Twitter benutzt. Keine einzige meiner Freundinnen ist bei Twitter. Twitter ist für mich eine Randerscheinung, ein Special Interest für Leute, die sich ohnehin überwiegend im Netz aufhalten und es mitgestalten. Meine Freundinnen nutzen das Internet, um Nachrichten zu lesen, Youtubevideos zu kucken, Konzertkarten oder Flugtickets zu bestellen, Rezepte zu suchen, auf Facebook rumzugammeln, was bei Wikipedia nachzuschlagen, nach der korrekten Rechtschreibung eines Wortes zu suchen oder Antworten auf Fragen wie “Wie entfernt man Kaugummi aus Haaren?” oder “Darf man Spülmittel in die Spülmaschine tun?”. Das wars. Und meine Freundinnen sind damit nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Deutschen, ob Frau oder Mann, nutzen Twitter nicht. ICH habe Twitter nicht genutzt. Konkrete Zahlen sind schwer zu bekommen, aber es ist unübersehbar, dass Twitter im Vergleich zu Facebook und Co. gewaltig abstinkt.

Trotzdem diese vielen Beiträge. In zwei Tagen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Auch nicht durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der Versicherung, dass man SELBST nie sowas erlebt hat.
Ganz ehrlich: Ich glaube dir das nicht. Bist du wirklich noch nie “Schlampe” oder ähnliches genannt worden? Hat noch nie ein Mensch, den du nicht mal kanntest, eine unangemessene Bemerkung über dein Aussehen oder deine Brüste oder Hintern gemacht?
Wenn es wirklich so ist: Herzlichen Glückwunsch. Ich beneide dich. Nur muss  ich dir leider sagen: Das ist vollkommen egal. Kaltmamsell hat dazu einen wunderbaren Artikel geschrieben, den du dir mal zu Gemüte führen solltest. Sie schreibt ebenfalls, dass sie sowas noch nie erleben musste, aber kommt zu einem komplett anderen Schluss. Ihrer lautet: “Es geht nicht um mich.”

Wenn es tausende Frauen allein auf Twitter, dem Minderheitenmedium, gibt, die von ihren Erlebnissen berichten, dann ist es doch völlig unwichtig, dass du sowas noch nie erlebt hast. Das beweist gar nichts, höchstens, wie gesagt, dass du ein besonderes Glückskind bist. Aber damit hast du nicht den Beweis geliefert, dass sexuelle Gewalt in Deutschland kein Thema ist. Nein, du hast lediglich den Männern in die Hände gespielt, die tausend Tweets mit Leichtigkeit ignorieren können, solange nur eine Frau sich hinstellt und sagt: “Das ist doch gar nicht schlimm.”

Bei Punkt 5, Nicht alles ist Sexismus, stimme ich dir bis zu einem gewissen Grad zu, aber ich glaube, das ist schlicht und ergreifend momentan egal. #aufschrei ist zu einem Selbstläufer geworden, der keinen klaren Richtlinien unterworfen ist, weil die Erfinderinnen niemals auch nur im Traum erwartet hätten, was für eine Lawine sie da lostreten könnten. Das in dieser Debatte, wie in eigentlich jeder Debatte, nicht alles astrein läuft und dass vieles möglicherweise auch übertrieben wird, liegt in der Natur der Sache. Dieser einzigartigen, großartigen Sache, die so viele Frauen dazu gebracht hat, endlich ihr Schweigen zu brechen und damit auf eine Weise tätig zu werden, die du einerseits forderst, andererseits aber verurteilst. Wenn dabei teilweise über das Ziel hinaus geschossen wird – sei es drum! Momentan will sich jede nur Luft machen und das ist auch dringend nötig. Niemand will Männer verletzen, die sich Frauen gegenüber respektvoll verhalten und von den ganzen geschilderten üblen Vorfällen tief betroffen sind (schämen müssen die sich übrigens nicht – warum auch, wenn sie nichts gemacht haben?).

Ich finde #aufschrei einfach gigantomanisch. Vielleicht könntest du dich darauf mehr einlassen, wenn du mal über folgendes nachdenken würdest: Nicht alles ist KEIN Sexismus.

Damit bin ich fast am Ende, habe aber noch eine letzte Frage. Du schreibst direkt zu Anfang:

Dennoch möchte ich sagen, was mich wütend macht und warum.

Du hast mit mehr oder weniger schlüssigen Argumenten dargelegt, was dich an der Debatte gestört hat, aber das Warum hast du nicht beantwortet. Daher noch mal die Frage: Warum macht dich das so wütend? Warum kannst du nächtelang deswegen nicht schlafen? Warum heulst du deswegen? Warum schreibst du sechs Stunden lang an einem Blogpost, der einzig zum Ziel hat, diese Aktion schlecht zu reden? Warum nutzt du die letzten Sätze deines Posts, um deine übertriebene emotionale Betroffenheit herauszustellen?

Was stört dich denn so daran, wenn Frauen endlich gemeinschaftlich von Übergriffen sexueller und sexistischer Art berichten, die nicht okay sind, egal wie oft sie noch relativiert werden?

Ich fürchte, dieser Post wird dir nicht gefallen. Es lag mir fern, dich zu beleidigen, auch wenn ich mich selbst von deinem Post ein wenig beleidigt gefühlt habe. Das Beste daran war leider der Titel.

Sorry.

lg
Robin

Edit: Mehr Contra: 

Haltungsturnen: Derailing und die Lämmerfrage
Frau Elise: Wir sind keine Lämmer
Und allgemein:
Natalie: Aufschrei-Argumente
Journelle: Danke #aufschrei

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22 Gedanken zu “#aufschrei: Ein dummes Lämmlein blökt zurück

  1. Chapeau!

    Aber ich möchte in einem Punkt nachhaken. Du schriebst, wer keine Belästigung oder sexuelle Gewalt erlebt, hat einfach Glück gehabt. Und ich glaube sogar, dass du damit Recht hast.
    Aber da frage ich doch mal, warum eigentlich? Warum hat ein Mensch Glück, wenn er von Übergriffigkeit verschont bleibt? Es sollte doch der Normalzustand sein, und kein Glücksfall, für den man vielleicht noch dankbar zu sein hat.
    Wenn man darüber näher nachdenkt, wird eigentlich klar, dass wir sehr wohl in einer Rape Culture leben, auch wenn du den Begriff ablehnst. Denn all diese Umstände sind ursächlich verantwortlich dafür, dass es Vergewaltigern so beschissen einfach gemacht wird, straflos davon zu kommen.

    • Da hast du natürlich Recht. Aber dass die Realität anders aussieht, ist ja nun mal leider nicht von der Hand zu weisen.
      Vielleicht wäre “Zufall” besser. Wobei, eigentlich dasselbe :/

      • ja das ist mir auch klar. Sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit darf weder was mit Glück, noch mit Zufall zu tun haben. Dass wir formal das Recht dazu haben, heißt leider nicht, dass es de facto auch so ist.
        Erinnerst du dich an die Story die du erzählt hast, wie du an einem schweinekalten Abend bei einem Typen im Taxi kostenlos mitgefahren bist? Und meine Reaktion darauf? Dass ich auch im ersten Moment dachte “puh, ganz schön mutig…”. Das ist genau das gleiche. Damals dachte ich auch spontan “Glück gehabt”. Warum? Weil du die Arschkarte gehabt hättest, wenn es anders ausgegangen wäre –> warum bist du auch in dieses Taxi gestiegen? –> Victim Blaming —> Rape Culture

      • Ja, die Story steht auf meinem Barblog ;) Könnte ich ja auch mal schnell twittern. Ja, ich bin jetzt bei Twitter!! :mrgreen:

        Ich weiß leider nicht, wie viel Zeit noch vergehen muss, bis solche Übergriffe so selten geworden sind, dass man sie als “Pech” bezeichnen könnte. Also nicht im Sinn von “Na, so ein Pech aber auch”, ähm… verstehst was ich mein?
        Ich bin wieder am Durchmachen. Kann leider nicht mehr gut denken :(

    • Wow, Danke für den Link! Hätte ich mir wohl doch die Kommentare genauer ankucken müssen (aber es waren sooooo vieeeele…!).

      Find den Text klasse. Es gibt doch noch ein paar Lichtblicke! ;)

  2. Zwei kritische Anmerkungen:

    Meines Erachtens bezieht sich Frau Maike mit ihrer Kritik auf andere feministische Blogs und Publikationen. Du musst also ihre Kritik ein wenig in Zusammenhang damit sehen. Um mal auf den leidigen Brüderle-Artikel zu kommen: Es wird da nun mal kaum differenziert, es werden schlimme Übergriffe gesehen, ohne dass man weiß, was eigentlich genau passiert ist. Oder nimm das Domscheit-Berg-Video. Da wird nicht ein einziger Vorfall konkret geschildert. Ich finde, du siehst auch zu sehr nur deine eigene Perspektive. Du streitest ab, dass Frauen Verantwortung übernehmen sollen, dass sie Männern gegenüber deutlicher kommunizieren müssen. Bei _dir_ mag das Argument verfehlt sein, bei anderen Frauen ist es aber vielleicht angebracht.

    Zu den Fragen an Frau Maike:
    “Bist du wirklich noch nie “Schlampe” oder ähnliches genannt worden? Hat noch nie ein Mensch, den du nicht mal kanntest, eine unangemessene Bemerkung über dein Aussehen oder deine Brüste oder Hintern gemacht?”

    Also ich bin auch schon von Frauen Wichser genannt worden, sogar von meiner Freundin (was schon mal zeigt, dass man nicht alles wörtlich nehmen sollte). Wir sagen ja auch gern “Fuck off” “What the fuck”, in deiner Feminismus-Einführung sagtst du “Bitch please!” Mit anderesn Worten: Flüche und sexualisierte Sprache ist schon mal ein weites Thema. Ich bin auch schon aus dem Auto heraus beschimpft worden (wenn auch mit sexuellem Bezug, aber zum “Loch” bin ich da durchaus geworden), es sind schon Mädels auf mich zugekommen, um mich auf sexuelle Art zu provozieren und zu hänseln (und ich war heilfroh, dass sie mir nicht noch hinterherliefen). Ich würde niemals bestreiten, dass Frauen hier wesentlich mehr ertragen müssen, aber wenn man wirklich _alles_ aufzählst, wie du es in dem obigen Zitat gerade machst, dann wundert es mich nicht, dass da einiges zusammenkommt, auch tausendfach innerhalb von zwei Tagen. Wie du siehst, hätte ich als Mann da auch etwas beisteuern können. Man kommt also um gewisse “Relevanzkriterien” nicht herum, jedenfalls dann, wenn man wie du Schlüsse aus der Twitteraktion ziehen will und sie nicht einfach nur als allgemeines Kotzbecken betrachtet. Mal eine konkrete Frage: Was wäre denn für dich die Grenze zum “Schockierenden”?

    • Sorry, Tippfehler:

      Ich bin auch schon aus dem Auto heraus beschimpft worden (wenn auch nicht mit sexuellem Bezug, aber zum “Loch” bin ich da durchaus geworden)

    • Gnaaaah, jetzt hab ich dir ne ewiglange Antwort geschrieben und als ich was von dir kopieren wollte, war alles weg! o.O

      Dann also nochmal, bisschen kürzer: Es steht nirgends, dass sie sich auf feministische Blogs etc. bezieht, sie wirkt auf mich auch nicht wie eine Frau, die sowas üblicherweise liest. Dass sie sich mindestens im Teil auf Twitter bezieht, beweisen ihre Tweets und der Titel “Das SCHREIEN der Lämmer”.

      Brüderle: Hab schon im Artikel davor geschrieben, dass ich darüber nicht diskutieren will (über das Video auch nicht, das habe ich mir nämlich nicht angesehen). Abgesehen davon, dass ich den Vorfall auch nicht ultraschlimm fand (allerdings symptomatisch), ist das Thema ja inzwischen ein anderes.

      Verantwortung: Ich finde ja auch, dass Frauen sich heftig wehren sollen, aber so wie sie das schrieb, geht das einfach gar nicht klar. Aber ich bleib dabei: Frauen können für Übergriffe auf sie nicht verantwortlich gemacht werden, das ist schlicht und ergreifend victim blaming.
      Alles andere, was ich daran undifferenziert fand, habe ich schon ausgeführt.

      Es kommt drauf an, wer mich Schlampe nennt. In meinem Freundeskreis ist ein “Fick dich” oder auch “Arschloch” (auch gegen Frauen), wie wohl bei vielen jüngeren Menschen, Usus. Das ist witzig gemeint.
      Aber niemand würde mich Schlampe, Möse oder Fotze nennen, weil die wissen, wie unangebracht das ist. Das ist eine Beleidigung, die konkret frauenabwertend ist. Während wir doch alle irgendwie Ficker, Wichser und Arschlöcher sind (oder haben).
      Es gibt keine männlichen Schlampen und außer “Schwanz” (das aber erst seit neustem, abgeleitet von englisch “Dick”) keine genital-bezogene Beleidigung für Männer (weshalb ich “Schwanz” mal absichtlich in meinem letzten Post benutzen musste). Und “Schwanz” ist lange nicht so negativ wie Möse oder Fotze. Zeig mir mal eine Frau außerhalb der Pornobranche, die ihre Vagina so nennt.

      Wenn mich wer “Schlampe” nennt, vor allem, wenn ich ihn nicht mal kenne oder ich ihm nicht mal einen Grund geliefert habe, dann ist das eine Beleidigung. Sogar juristisch. Ich finde schon, dass man darüber twittern kann.

      “Mal eine konkrete Frage: Was wäre denn für dich die Grenze zum “Schockierenden”?”

      Das musst du Meike fragen, weil ich das so aus ihrem Artikel übernommen habe. Sie fand 60% schockierend. Ich selbst fand eigentlich nichts, was ich bisher gelesen habe, schockierend. Dafür hätte es mich nämlich erstmal überraschen müssen.

  3. “Aber das ändert ja nichts an der Wahrnehmung der Frau, die es erlebte. “

    einen privaten Aufschrei rechtfertigt sicherlich auch alles subjektive. bei einem öffentlichen Aufschrei und dessen Bewertung muss man dann aber doch, wenn man sich nicht der Standpunkttheorie verschreibt, einen objektiven Massstab hinzunehmen

  4. Was ich so bemerkenswert finde: Wenn früher eine Frau von einer Übergriffigkeit berichtete, hätte man ihr nicht geglaubt, man hätte sie nach Beweisen gefragt, ihr die Mitschuld gegeben und jedenfalls NIEMALS den Namen des Täters veröffentlicht. Der Fall Brüderle hat daher eine neue Qualität. Und die Debatte hat bereits andere Frauen ermutigt, an die Öffentlichkeit zu gehen und Namen zu nennen:
    http://deraufschrei.wordpress.com/endlich-werden/

    • Ich finde es ja nicht gut, Meike Lobos Artikel unter dem Eingangsartikel deines Blogs zu verlinken, weil sie im Grunde alles verteufelt, wofür dieses Blog doch steht. Ich verstehe wirklich nicht, warum man ihn dann darunter setzt. Zumindest sollte man dann noch eine kritische Stimme zu ihren Ausführungen dazu liefern. Wenn meiner nicht genehm ist – am Ende habe ich noch zwei weitere verlinkt, die sich mit Frau Lobos Ausführungen auseinander setzen, vielleicht passt einer davon ja besser.

      Ich fände es schön, wenn uns endlich geglaubt wird, aber auf Twitter lese ich leider auch genug Gegenstimmen, die das alles nicht glauben. Einer schrieb mir gar, er würde 99% der Tweets zu #aufschrei nicht glauben.
      Damit sind wir ja doch wieder nur Lügnerinnen.

  5. Ich habe das Gefühl, dass du und Meike eigentlich gar nicht so unterschiedlicher Meinung seid. Ich habe ihren Text nicht so verstanden, dass sie den Frauen Verantwortung oder gar die Schuld in die Schuhe schieben will für das Erlebte.
    Auch kann ich verstehen, dass sie es problematisch findet, wenn Blicke und Sprüche neben Missbrauch bzw. Vergewaltigung genannt werden. Ich selbst sehe die Twitter Aktion aber erstmal nur als eine Sammlung aller möglichne Übergriffe und hoffe, dass differenziert wird, wenn es um konkrete Handlungen geht (Keine Ahnung im Moment worin die bestehen könnten).
    Ich für mich habe auch eine klare Definition wo, ich die Grenze ziehen würde und dass ist für mich Anfassen. Ich selbst bin mir aber bewusst, dass andere Leute das anders sehen.

    Und genau den Punkt mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen finde ich extrem wichtig. Da beide Seiten darüber nachdenken könnten, wie etwas bei der anderen Person ankommt. Damit meine ich natürlich nicht, dass eine Frau für irgendeinen Übergriff verantwortlich ist. Ich habe auch das Gefühl, dass bei diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen der eigentlich Knackpunkt liegt, wodurch es dazu kommt, dass Männer sich unverstanden fühlen und dass Frauen sich unverstanden fühlen. Da ich dazu so viel zu sagen hätte, habe ich auch mal einen eigenen Post zum Theme “unterschieldiche Wahrnehmungen” verfasst und würde mich freuen auch deine Meinung dazu zu hören :)

    http://nur-miria.blogspot.de/2013/02/unterschiedliche-wahrnehmungen.html

    Liebe Grüße,
    Miria

    • Ich weiß nicht, ob meine und Meikes Meinungen so ähnlich sind. Ich sehe ihr Problem darin, dass sie einige einzelne Extrembeispiele (z.B. Frauen, die wirklich Kinkerlitzchen posten, oder Frauen, die aufgrund von Erlebten in Hasstiraden gegen Männer verfallen) zum Anlass nimmt, einen solchen Beitrag zu schreiben.

      Am meisten genervt hat mich einfach die Art der Präsentation. Sorry, aber man kann nicht einerseits einen Anspruch auf Differenzierung und totale Sachlichkeit für sich beanspruchen, aber dann so stark betonen, wie sehr man deswegen geheult und getobt hat. Das passt einfach irgendwie überhaupt nicht. Ich kann nicht genau sagen, was mich daran stört, aber es stört mich einfach kolossal!

      Wegen der Differenzierung: Es begannen schon erste Anstrengungen, die kompletten #aufschrei-Tweets in eine wissenschaftlich präsentierbare Form zu bringen (u.a. um auch einfach rauszufiltern, wie viel davon jetzt tatsächliche Aufschreie waren und wie viel Trollerei). Darauf bin ich SEHR gespannt.

      Ich finde, man kann bei solchen Dingen einfach keine klare Grenze ziehen. Du schreibst, bei dir ist diese erst bei Anfassen erreicht, aber kannst du dir wirklich keine Äußerung vorstellen, die dich tief verletzen und beleidigen würde? Und wie sähe das bei Jüngeren aus? Findest du, dass Vierzehnjährigen die gleichen verbalen Entgleißungen zuzumuten sind, die du noch ertragen kannst? Und kommen nicht GERADE bei bestimmten Äußerungen eine sexistische Grundhaltung viel eher zum Vorschein als durch Grabscherei?

      Ich finde, in deinem Beitrag sprichst du schon einige wichtige Punkte an. Ich bin absolut nicht dafür, im Flirten ungeschickte Männer aufgrund ihrer Unfähigkeit direkt in den Boden zu stampfen. Ich denke aber auch: Von ein paar männerhassenden Ausnahmen abgesehen versteht so ziemlich jede Frau, welche Anmache jetzt auf Unbeholfenheit zurückzuführen ist und welche einfach nur ein böswilliger Sexismus darstellt. Die meisten werden über so was großzügig hinweg sehen. Frau Himmelreichs Bericht über Brüderles Unbedarfheit war ja nicht gerade von Empörung getränkt, sondern eher eine kleine Spitze.
      Was ich NICHT verstehe ist, warum, wie du sie nennst, “verwirrte” Männer einfach nicht den Unterschied zwischen beidem sehen wollen. Wenn mehr Menschen darauf bedacht wären, beim Flirten authentisch zu bleiben, gäbe es diese Verwirrung gar nicht.

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