Ein feministisches Desaster: Wonder Woman

Seit Wonder Woman vor zwei Wochen in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, bricht dieser Film Rekorde. Nicht nur das Einspielergebnis, sondern auch die Ratings auf imdb, Rotten Tomatoes etc.pp. beeindrucken.
Spätestens der inzwischen oft gelesene Spruch „Wonder Woman – der beste DC-Film seit langem!“ sollte allerdings stutzig machen, denn in Anbetracht von Verbrechen an die Filmkunst wie Man of Steel, Batman v Superman und Suicide Squad muss man sich fragen, ob das tatsächlich eine großartige Leistung darstellt.

DC hat mich in der Vergangenheit einfach zu oft enttäuscht, um den euphorischen Berichten glauben zu können. Deshalb habe ich etwas getan, was ich noch nie getan habe und bin am ersten Tag der deutschen Veröffentlichung ins Kino gegangen, um endlich mitreden zu können.

Leider wurde ich erneut enttäuscht, wenn auch ganz anders, als ich vermutet habe. Ich habe einen mittelmäßigen Actionfilm mit feministischen Anklängen erwartet – tatsächlich ist es mir aber nach dem Kinobesuch völlig unbegreiflich, was an diesem Film feministisch oder überhaupt in irgendeiner Weise herausragend sein soll.

Spoilerwarnung – Details zur Handlung, inklusive Plottwists

Wonder Womans erster Coverauftritt, 1942

Einige scheinen zu glauben, Wonder Woman müsse feministisch sein, weil es ein Film mit einem weiblichen Superhelden ist. Das ist aber falsch. Ein Wonder-Woman-Film muss feministisch sein, weil Wonder Woman feministisch ist. Ihr Schöpfer William Moulton Marston erfand sie, weil es ihn ärgerte, dass alle Superhelden männlich waren. Er war selber Feminist und hat mit Wonder Womans Background als Amazone den Inbegriff weiblicher Macht und Unabhängigkeit gewählt. Wonder Woman begleitet Steve Trevor in die Welt der Männer, um den Krieg zu beenden, aber auch, um für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen (in der Neuinterpretation ihrer Figur Mitte der Achtziger war das sogar der Hauptgrund).

Und schon sind wir mittendrin in der feministischen Kritik. Das ist nämlich etwas, was im gesamten Film nicht mit einem Wort Erwähnung wird.

Dabei betritt Wonder Woman im Film eine Zeit, die inzwischen 100 Jahre in der Vergangenheit liegt. Doch nicht ein einziges Mal stutzt sie oder wird überhaupt wirklich konfrontiert mit dieser Welt, in der Frauen nicht wählen oder Kriegsdienst leisten dürfen oder überhaupt etwas zu sagen haben. Kein Stirnrunzeln, als die versammelten Generäle sich ereifern, weil sie, eine FRAU, es gewagt hat, in ihre Sitzung zu platzen. Nicht ein Wortwechsel zwischen Steve und seinen Compagnons, die ihn fragen, was um alles in der Welt er sich dabei gedacht hat, eine Frau auf ihre Mission mitzunehmen. Und damit auch keine Gelegenheit für Diana, sich gegen diese Behandlung zu wehren – und den Jungs demonstrativ zu beweisen, dass sie trotz ihres Geschlechts alles kann, was sie können, nur besser.

Eine Frau als Präsident? In 1000 Jahren vielleicht.

Es scheint inzwischen als feministisch zu gelten, eine Frau in eine klassische Männerrolle zu stecken und dann so zu tun, als würde das keinen Unterschied machen. Leider werden damit Tatsachen ignoriert, die aber nun mal existieren – heute und noch viel mehr vor 100 Jahren. Wonder Woman kommentiert den Sexismus dieser Welt nicht, sie registriert ihn ja nicht mal. Sie nimmt ihn vielmehr sogar an. Sie akzeptiert ohne Widerrede, dass sie sich nicht öffentlich in ihrer Uniform zeigen darf, auch wenn sie nicht weiß wieso, und lässt sich fügsam aus der Versammlung der Generälen führen, so, wie sie sich eigentlich den ganzen Film über von Steve Trevor führen lässt. Da bleiben auch die wenigen Male, als sie (endlich!) doch tut, was sie für richtig hält, nicht im Gedächtnis und ein Spruch wie „Ich lasse mir von dir nichts befehlen!“ wirkt eher hysterisch in seiner Hilflosigkeit. So typisch Weib eben.

Ich habe mir kein flammendes feministisches Plädoyer von einem Film gewünscht, im Gegenteil. Das wirkt schnell belehrend und nervt. Aber dieses völlige Ausblenden historischer Diskriminierungserfahrungen, sogar die bloße Nicht-Erwähnung des Umstands, dass Frauen im Jahr 1918 normalerweise nicht an die Front reisen und kämpfen – das ist geschichtsvergessen und schlicht ignorant.

Sexismus kennen übrigens auch die Amazonen – denn Männer, das sind für sie ausnahmslos Kriegstreiber, Gewalttäter, Tiere. Diana nun betritt in ihrer Achtziger-Version die Welt der Männer nicht nur als ihre Botschafterin mit dem Auftrag der Befreiung der Frau – sondern lernt, dass es auch gute Männer gibt. Steve ist einer davon, ihre späteren Kollegen Superman und Batman ebenfalls. Diese versöhnliche Botschaft geht über den vulgärfeministischen Ansatz eines William Moulton Marston, der von der Überlegenheit der Frau überzeugt war und sich ein Matriarchat herbei sehnte, weit hinaus und hätte Chancen geboten, die hier gnadenlos verspielt worden sind, weil das Geschlechterthema schlicht und ergreifend völlig eliminiert wurde.

Ein Superheldenfilm ohne Geschlechterthematik? Klar kann man das machen. Aber eben nicht bei Wonder Woman. Und wenn alle, die den Film bisher euphorisch gelobt haben, mal einen Schritt zurück treten würden, dann müssten sie erkennen, dass dieser Film nicht direkt ein feministisches Meisterwerk ist, nur weil im ersten Drittel ein paar durchaus coole Amazonen vorkommen.

Wonder Woman auf dem Cover des feministischen Ms.-Magazins

Allein dadurch wird Wonder Woman zu einem Film, der von dem Geschlecht der Superheldin abgesehen keine feministische Botschaft hat, sogar im Gegenteil unfeministischer ist als so ziemlich alles, was ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Selbst Deadpool, der eine Frau abknallt, weil er es irgendwie sexistisch findet, wenn er während seiner Tötungsorgie nur bei Frauen eine Ausnahme machen würde, ist da emanzipatorischer. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich nur eine einzige Szene zu wünschen, in der Wonder Woman einem Macho, der sie beleidigt, voll auf die Fresse haut?

Aber eine Frau hat Regie geführt! Kaum ein Artikel, der Patty Jenkins‘ Regiearbeit nicht besonders hervorhebt, als handle es sich hierbei um die Entdeckung des achten Weltwunders. Erwähnenswert dabei immer Monster, „Jenkins‘ Oscarfilm“ – tatsächlich hat einzig Charlize Theron, die die Hauptrolle spielte, für den Film einen Oscar erhalten, auch wenn die Formulierung etwas anderes nahelegt. Und da Jenkins seit Monster (von 2003!) keinen Kinofilm mehr gedreht hat, gibt es kaum eine Gelegenheit, ihre bisherige Arbeit zu bewerten und damit auch keine Möglichkeit, ihren persönlichen Stil zu erkennen. Vielmehr ist eine andere Handschrift unverkennbar – Zack Snyders, der bei Man of Steel und Batman v Superman Regie geführt hat und hier sowohl Produzent ist, als auch die Story beigesteuert hat. Slowmotion ist sein filmisches Markenzeichen. Die Zeitlupeneinstellungen während der Kämpfe, mit denen die ohnehin schon überrissene Akrobatik der Amazonen mehr als einmal haarscharf am Rande der Lächerlichkeit taumelt, nehmen den Kämpfen allerdings viel Dynamik und werden schlicht überstrapaziert. Das allerdings ist typisch für Snyder und Grund für so ziemlich allen Spott, den er für seine Arbeit erhält. Neben dem viel zu auffälligen CGI-Effekten natürlich. Diese, sowie sein Hang zu düsteren Farben, sind bei Wonder Woman und vor allem der Darstellung von Themyscira nicht ganz so ausgeprägt wie sonst, aber immer noch störend genug in ihrer Künstlichkeit. Bei Filmen wie 300 (Synders Durchbruch), den ich sehr mochte, war das ja noch neu und passend, aber ich kenne wirklich niemanden, der diesem Stil langfristig etwas abgewinnen kann. Umso unbegreiflicher, dass er immer noch solche Megadeals erhält!

Was allerdings wohl sicher auf Jenkins zurück zu führen ist – und das hat mich tatsächlich positiv überrascht, weil ich das in dieser Deutlichkeit noch nie bemerkt habe – ist das völlige Fehlen des „männlichen Blicks“. Aber selbst dieses wohltuend ungewohnte Stilmerkmal verkehrt sich ins Negative, wenn Steve Dianas zeitgemäße Verkleidung brüsk kommentiert: „Sie sollte doch WENIGER auffällig aussehen!“ – und die Kamera die ganze Zeit auf ihrem Gesicht bleibt. Die Aussage ist nicht nur lächerlich (das graue Kostüm kann man maximal adrett nennen), sondern auch unpassend umgesetzt, da ja aus seiner Sicht gefilmt wird, ohne einen Schwenk über ihren Körper aber der Eindruck entsteht, es sei wirklich nur ihr Gesicht und nicht etwa ihr knappes Superheldenoutfit, was ihn bisher gestört hat. Was hat er sich als Verkleidung vorgestellt, eine Burka?

Hätte ich einen Regisseur nennen müssen, der es versteht, Frauenrollen zu drehen, wäre mir auf Anhieb ein Name eingefallen: Joss Whedon. Das Mastermind hinter Buffy, der vielleicht besten Serie mit einer starken Frau in der Hauptrolle aller Zeiten, war auch verantwortlich für Avengers und hat dort mit Black Widow einen weiblichen Charakter interpretiert, der interessant, cool, stark und wahnsinnig tough ist. Eben das hätte ich mir für Wonder Woman gewünscht und sollte sie im kommenden Justice-League-Film so dargestellt werden, dann ist das ganz allein Whedons Verdienst, der kürzlich für den ausgefallenen Synder als Regisseur eingesprungen ist. Hätte ich gewusst, dass es tatsächlich möglich ist, gleichzeitig für Marvel und für DC zu arbeiten, wäre er als Regisseur für Wonder Woman meine allererste Wahl gewesen.

Tatsächlich war er vor Jahren schon mal im Gespräch gewesen als Regisseur, aber die Verhandlungen darüber scheiterten. So wurde es also Jenkins und wäre sie es nicht geworden, dann eine andere Frau, denn genau das war das alleinige Kriterium, nach dem Warner Bros. den Posten der Regie besetzte. Kompetenz egal, Hauptsache weiblich – das kann ich beim besten Willen nicht als Fortschritt ansehen, vor allem nicht eingedenk des vorliegenden Ergebnisses.

Nach eigener Aussage wollte Jenkins Wonder Woman schon seit Jahren drehen. Umso unverständlicher, warum dann ausgerechnet mit Wonder Womans Abstammung als Tochter des Zeus (der laut Überlieferung die Menschen übrigens NICHT erschaffen hat, aber wen interessieren schon solche Details) ein Storyelement in den Film Einzug hielt, das in den Comics erst seit 2011 etabliert wurde. Davor war ihre Schöpfung aus geformten Lehm Kanon gewesen – SIEBZIG JAHRE LANG.
Änderungen wie diese passieren in Comics häufig und regelmäßig und so gut wie immer sind die alteingesessenen Fans damit unzufrieden. Aber obwohl mir schon oft Pingeligkeit vorgeworfen wurde bei meiner Kritik an Neuheiten oder nicht-werkgetreuen Adaptionen, weigere ich mich, das dieses Mal gelten zu lassen. Was DC damals angerichtet hat, geht weit über die üblichen Umgestaltungen hinaus und hat der Wonder Woman als Figur massiven Schaden zugefügt.

Und das wird nun auch auf die Leinwand getragen: Nicht Hippolyte, die als Herrscherin über ein ganzes Volk voll starker, wunderschöner Frauen glücklich sein müsste, es aber nicht ist, weil sie sich nichts mehr wünscht als ein Kind, erschafft Diana. Zeus ist es. Doch zeugt er kein Kind der Liebe (oder auch nur der Lust), sondern eine Waffe gegen seinen entfesselten Sohn. Diana ist damit Mittel zum Zweck, kein vaterloses Wunder aus Lehm, dem Aphrodite aus Gnade gegenüber der flehenden Hippolyte Leben einhaucht, einer Tochter, die sie schuf um ihrer selbst willen, von den Göttern des Olymps ausgestattet mit Kräften weit über das menschliche Maß hinaus. Nein, stattdessen ist sie lediglich ein weiblicher Halbgott, wie es sie zu Dutzenden gibt. Und so stellt sie sich dann auch ihrer Bestimmung, nicht weil sie getrieben ist von ihrem unbedingten Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit, sondern weil Zeus, ihr Vater, ein Mann, das eben so geplant hat.

Das ist mehr als nur ärgerlich. Es ist traurig. Und es macht die Figur schon auf der untersten konzeptionellen Ebene unfeministisch. Tatsächlich ist es so, als hätte man ihr damit die Seele ihres Schöpfers ausgetrieben. Der Film nun, der nicht verpflichtet gewesen wäre, dieser Neuinterpretation zu folgen, tut das nicht nur, sondern verhöhnt auch noch die ursprüngliche Idee. „Ach ja, du wurdest ja aus LEHM geformt,“ spottet Steve – und das ist zusätzlich auch noch unfassbar arrogant. Mit welchem Recht spuckt die Filmadaption auf eine Originstory, die im ersten Moment für Nicht-Comicleser vielleicht lächerlich klingt, sich aber wunderbar in das mythologische Setting einfügt, wesentlich origineller ist als die meisten anderen Superheldenentstehungsgeschichten und darüber hinaus noch die tiefgründige Bedeutungsebene der vaterlosen Geburt trägt?

Mein erster DC-Comic war Wonder Woman – und ich war als Kind absolut fasziniert von ihrer Geschichte, auch wenn ich diesen Subtext noch nicht verstand. Mein Fanherz blutete bei Steves Spott und mir ging das Messer im Sack auf. Ist es da ein Wunder, dass DC seit Jahren im Kino keinen Fuß auf den Boden bekommt, wenn sie so mit ihren Schöpfungen umgehen?

Abgesehen von dieser dezidiert feministischen Kritik möchte ich allgemein von der eigentlichen Handlung noch zwei weitere Dinge heraus stellen, die mir besonders negativ aufgefallen sind.

Zum einen wäre da die reichlich seltsame Entscheidung, das Setting von Wonder Woman, deren Historie über 75 Jahre eng mit dem 2. Weltkrieg verbunden war, in den 1. Weltkrieg zu verlagern. „Intelligent“, findet die FAZ, Nazis seien ja so ausgelutscht. Kann man so sehen, allerdings wusste selbst die grenzdebile Sarah-Palin-Doppelgängerin in Iron Sky, dass es keine besseren Schurken gibt als Nazis. Deshalb funktioniert die Änderung des Settings auch aus dem gleichen Grund nicht, aus dem Kriegscomics nach dem 2. Weltkrieg aus der Mode kamen, obwohl mit dem Koreakrieg der nächste große Konflikt gar nicht lange auf sich warten ließ: Das Feindbild ist einfach nicht besonders gut. Den 1. Weltkrieg allein Deutschland anzulasten, selbst wenn es unter dem Einfluss von Kriegsgott Ares stand, ist historisch bestenfalls fragwürdig und nötigt den Zuschauern einiges ab. Nazis dagegen, als alleinige Aggressoren, Hassprediger und Massenmörder schon schlimm genug, aber mit ihrem Mutterkult und einem Rollenbild, in dem die Frau nur als Gebärmaschine und gehorsame Dienerin ihres arischen Mannes Platz hat auch der Inbegriff eines Patriachats – das wäre was gewesen. Es ist nicht ausgelutscht, wenn es funktioniert.

Tatsächlich wollte DC wohl einfach keinen Superheldenfilm mit Nazis drehen, wenn Marvel das doch schon mit Captain America vorgemacht hat. Aber die haben halt trotzdem kein Patent auf Nazis, und wenn man schon solche Angst vor Plagiaten hat, sollte man nicht General Ludendorffs Chefchemikerin eine Substanz erfinden lassen, die frappierend an Captain Americas Superserum erinnert, darüber hinaus aber nahezu keine Storyrelevanz besitzt.

Gleichzeitig mit dem Settingwechsel wird damit auch jegliche Verbindung zu Amerika gekappt. Nun ist der Standort USA neben Feminismus und griechischer Mythologie aber ein integraler Bestandteil der Figur. Wonder Woman ist schlicht eine amerikanische Heldin, nicht gerade in dem Maße wie Captain America, aber nah genug dran. Vor einigen Tagen schien sich das ganze Internet darüber zu amüsieren, dass FOX den fehlenden Patriotismus der Figur bemängelte, aber leider hat diese Kritik, so lächerlich sie auch wirken mag (und so antisemitisch motiviert sie in Wahrheit möglicherweise ist), einen wahren Kern, wenn man bedenkt, dass tatsächlich nicht ein einziger Amerikaner – von einem amerikanischen Ureinwohner an der belgischen Front einmal abgesehen – in diesem Film vorkommt. Der Frage, warum Wonder Woman dann ein Star-Spangled-Banner als Kostüm trägt, wurde zwar aus dem Weg gegangen, indem man die Sterne einfach wegließ – die Assoziation bleibt aber, denn Wonder Woman ist nun mal eine Ikone der Popkultur, deren Darstellung auch der bisher desinteressierteste Kinobesucher irgendwann schon einmal irgendwo gesehen hat. Das lässt sich nicht einfach so wegwischen, selbst wenn es die Verantwortlichen wirklich versucht hätten, wovon man aber wiederum nichts merkt. Gleichzeitig beweisen Dianas im Laufe des Films zunehmend übermenschliche Fähigkeiten bzw. der Umstand, dass diese bis zur Enthüllung ihrer Herkunft nicht erklärt werden, dass beim Publikum minimales Wissen um die Figur vorausgesetzt wird, was damit ja auch wieder inkonsequent ist.

Der zweite Punkt betrifft die Weglassung des Contests. In bisher fast jeder Adaption musste Diana zuvor eine Reihe von Wettkämpfen bestreiten, bis feststand, dass sie die beste Kämpferin unter den Amazonen und damit würdig ist, den Titel „Wonder Woman“ (sowie das dazu gehörige Kostüm und das Lasso der Wahrheit) zu tragen. Im Film dagegen entschließt sie sich einfach, die Insel zu verlassen, und handelt damit gegen den erklärten Befehl ihrer Mutter und Königin (deren hervorstechendes Merkmal ist aber ohnehin, dass sie sich erst über missachtete Befehle ereifert und dann doch nachgibt, worüber ich mir jetzt jeglichen Kommentar spare).
Der Unterschied ist offensichtlich: In der Ursprungsversion hat sie sich die Ehre VERDIENT, während sie in der Filmversion durch die Untätigkeit der Amazonen regelrecht dazu getrieben wird. Die Betonung ihrer edlen Gesinnung geht also zu Lasten derer ihres Volkes, dem die Kriegsopfer in der Außenwelt damit anscheinend ziemlich egal sind.

Natürlich MUSS ein Film, der nun mal eine begrenzte Laufzeit hat, an manchen Stellen gekürzt werden. Aber der Contest ist meiner Meinung nach zu essentiell, um gestrichen zu werden – anders als der Kampf der Amazonen gegen die eindringenden Deutschen. Natürlich: Man wollte sie kämpfend, eben in Aktion zeigen – aber gerade das wäre doch auch beim Contest der Fall gewesen. Und damit wäre auch die peinliche Frage vermieden worden, wieso die mächtige magische Barriere um Themyscira offensichtlich von jeder kleinen Nussschale von einem Boot durchbrochen werden kann.

Antiope, Dianas Tante und Ausbilderin (die in den Comics übrigens schon seit Jahrzehnten von der schwarzen Amazone Philippus verkörpert wird, was die große Masse der radikalfeministischen Wonder-Woman-Neufans glücklicherweise nicht weiß und wir damit einer weiteren ermüdenden Whitewashing-Debatte entronnen sind), hätte außerdem nicht sterben müssen. Das inzwischen nur noch nervige und dämliche Klischee eines toten Familienmitglieds als Motivation des Helden, das in Barry Allens (The Flash) ermordeter Mutter einen traurigen Höhepunkt gefunden hat, wäre vermieden worden. Vielmehr hätte sich hier die Möglichkeit geboten, Diana WIRKLICH als würdigste Kandidatin zu zeigen – indem sie Antiope im Kampf Frau gegen Frau erstmals besiegt. Die Schülerin übertrifft die Meisterin, Antiope senkt respektvoll ihr Haupt – wie großartig wäre das bitte gewesen.

Ich glaube, das hätte man durchaus unterbringen können. Natürlich hätte man dann an anderer Stelle kürzen müssen, aber bedenkt man die pure Dämlichkeit des eigentlichen Plots, wäre hier weniger eine Kürzung denn eine komplett andere Story nötig gewesen. Bis hierhin war der Verriss größtenteils eine Kritik an der ADAPTION einer Figur, die ich bereits vorher kannte. Aber auch als normaler Superheldenfilm ist Wonder Woman EINFACH NICHT GUT. Ludendorffs Plan, das neu entwickelte Supersenfgas gegen die englische Zivilbevölkerung einzusetzen, ist am Ende ein Twist aus dem Nichts und als Storyelement so löchrig wie die Gasmasken nach einer Behandlung mit eben diesem. Denn für einen solchen Angriff wäre keine jahrelange Forschung nötig gewesen – oder trägt etwa jeder Londoner eine Gasmaske im Bett, die man erst aufwendig zersetzen muss, bevor das Gas seine tödliche Wirkung entfalten kann? Überhaupt, was macht London als Ziel attraktiver als Paris, Moskau, Washington? Der gesamte Plan wirkt wie eine Rachaktion, wenn man auch nicht weiß für was – einen kriegsstrategischen Sinn vermag ich dahinter jedenfalls nicht erkennen, sofern Ludendorff nicht vorhat, die gesamte Weltgemeinschaft noch mehr gegen Deutschland aufzubringen und den Krieg auf diese Weise zu beenden, weil ihm die schon laufenden Waffenstillstandsverhandlungen irgendwie zu konventionell sind. Mein Gott, ist das so blöd! Ähnlich schwammig und verwirrend wirkt dann auch Ares‘ Plan, den ich nicht mal wiedergeben könnte, weil er total an den Haaren herbei gezogen ist.

Und selbst wenn man über so etwas in einem Actionfilm, der nicht zwangsläufig intelligent oder auch nur schlüssig sein muss, hinweg sehen kann, hat der Film noch weitere Probleme. Die Spezialeffekte machen stellenweise einfach fassungslos. Schon in der Szene, in der Diana als Kind von der Klippe springt (warum auch immer), also gerade mal gut 5 Minuten im Film, sind die Hintergründe so grauenhaft schlecht animiert, dass ich im Kino wirklich die Hände über den Kopf zusammen schlug. Ein Film mit diesem Budget, und DAS kommt dabei heraus?! Es gibt Filme, die zwanzig Jahre und mehr auf dem Buckel haben und trotzdem bessere Effekte aufweisen können. Und die wurden noch mit Bluescreen gedreht! Leider kein einmaliger Ausrutscher, sondern fast in jeder Szene mit Special Effects, vor allem bei Wonder Womans Kampfszenen, zu bestaunen. Allein dafür könnte man schon fast sein Geld zurück verlangen. Das Studio weiß offensichtlich sowieso nichts damit anzufangen!

Und ja, ich weiß, dass das niemand hören will – aber Gal Gadot ist eine BESCHISSENE Schauspielerin. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeugt ihr Gesichtsausdruck von ihrer Karriere als Model, denn der Blick ist alles, nur nicht natürlich. Sie ist wunderschön, klar, aber gibt es in Hollywood solche Frauen nicht zu Hunderten, die deutlich besser schauspielern können? Da sie zuvor praktisch unbekannt war, kann dieser Faktor da auch keine Rolle gespielt haben. Das ist in der Tat eine Besetzung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und versaut mir auch noch den Spaß an den Szenen, die nicht pointless, unfreiwillig komisch oder auf andere Weise schlecht sind!

Fazit: Trotz der ikonischen Hauptfigur und einer reichen Veröffentlichungshistorie, aus der man sich bei Story und Konzeption hätte bedienen können, wurden bei Wonder Woman eigentlich nur falsche Entscheidungen getroffen – personell, narrativ, dramaturgisch. Das Ergebnis ist dann vom feministischen Standpunkt aus ein absolutes Desaster und auch ansonsten einfach kein guter Film, weder für normale Kinogänger, als auch im noch größeren Maße für Fans. Hätte man dieselbe Mühe, die man anscheinend darauf verwendet hat, Wonder Woman alles Feministische auszutreiben, in die Entwicklung einer guten Story gesteckt, wäre der Film ein Meisterwerk geworden. So ist er nur ein schreckliches Vorzeichen auf das, was mit Justice League noch kommen mag. Aus den Lobeshymnen kann man indes nur schließen, dass die Latte für DC-Produktionen inzwischen wirklich gewaltig niedrig hängt – und eine Frau als Hauptperson, die nicht eindeutig sexistische Klischees bedient, offensichtlich schon reicht, um das Label „feministisch“ zu verdienen.

Damit ist nicht Wonder Woman der beste DC-Film seit Langem, sondern weiterhin The LEGO Batman Movie und mein Gott, wie traurig ist das bitte.

Wir lassen uns nicht instrumentalisieren!

Fuck you I won’t do what you tell me.“
– Rage against the Machine

Wir leben in einer Welt, in der Terror fast schon normal geworden ist. Was in anderen Teilen der Erde seit Ewigkeiten zwangsläufig zum Alltag gehört, ist in den letzten Jahren auch in Europa angekommen – sei es in Paris, Berlin oder erst gestern wieder London.
Das sorgt einerseits verständlicherweise für Unsicherheit, aber auch für gewisse Abnutzungserscheinungen. Es ist schlicht nicht möglich, über Monate und Jahre den Grad an Entsetzen aufrecht zu erhalten, der bei jeder einzelnen dieser Attacken eigentlich angebracht wäre. Das ist menschlich. Genauso menschlich ist es aber, plötzlich doch nochmal besonders fassungslos zu sein, wenn es jemanden oder etwas trifft, mit dem man sich in irgendeiner Weise verbunden fühlt.

baendchenAus diesem Grund war ich vorgestern dann im ersten Moment auch wirklich schockiert, als ich erfuhr, dass Rock am Ring wegen Terrorgefahr unterbrochen worden ist. Dabei hatte ich noch vor wenigen Tagen erst das neue Sicherheitskonzept kritisiert, das Taschen und „Behältnisse“ aller Art auf dem Gelände verbietet. (An dieser Kritik halte ich auch fest. Der Umstand, dass die verdächtigen Personen keine Gäste waren, sondern zur RaR-Truppe gehört haben, widerspricht mir da ja auch nicht wirklich.) Ich bin schon seit Jahren davon überzeugt: Rock am Ring ist als Großveranstaltung ein attraktives Ziel für Anschlagspläne und wer diese wirklich durchziehen will, der findet einen Weg.

Trotzdem traf mich die Meldung wie ein Amboss aus dem Nichts. Mehrere Bekannte sind gerade auf dem Festival, schickten mir Informationen oder baten selber um welche, da sie auf dem Campingplatz schlechtes Internet hatten. Unzählige Nachrichten flogen umher in diversen Whatsapp-Gruppen, daheim gebliebene Freunde machten sich Sorgen um die, die zum Ring gefahren sind, diese wiederum bemühten sich einerseits, die Leute zuhause zu beruhigen und anderseits, ihre überall auf dem Gelände verstreuten Kumpels auf den schnellsten Weg zurück zum richtigen Campingplatz zu lotsen – ein kleines Chaos, man kann es sich vorstellen.

Letztendlich war die Situation ja doch ungefährlich und die Unterbrechung nur eine vorsorgliche Sicherheitsmaßnahme. Und so ließ mein Schock am späteren Abend dann auch fast genauso schnell nach, wie er gekommen war. Mehr noch, ich grinste sogar bei dem Gedanken an die ungeplante, aber bestimmt hammergeile Party, die jetzt mit Sicherheit auf den Campingplätzen stieg (und wünschte mir ein bisschen, dabei zu sein – vielleicht pietätlos, aber die Wahrheit).
Tatsächlich lief es dann anscheinend genauso ab, wie ich mir das vorgestellt habe: Die Polizei lobte die Besucher für ihren geordneten Rückzug, es kam zu keinen Krawallen, alles lief friedlich ab. Nicht mal per Whatsapp hat irgendjemand gemeckert. Kann man ja eh nix dran ändern, gehen wir halt saufen. Das ist der Ring, wie ich ihn kennen gelernt habe.

Und vor allem ist das die Art Community, die für zwei Dinge keinen Platz hat: Hass und rechte Hetze. Genau das sind aber die einzigen Programminhalte der AfD, die sich natürlich innerhalb kürzester Zeit (als auch eigentlich noch kaum etwas zu den Hintergründen bekannt war) zu Wort meldete, fast, als hätte sie auf genau so eine Gelegenheit gewartet, um sich mal wieder als Retter der freien Welt aufspielen zu können. Vermutlich hatten diese Elendstouristen das Statement für den Fall des Falles schon vorbereitet in der Schublade.

Aus AfD-Sicht macht das natürlich Sinn: Terroranschläge, ob vereitelt oder ausgeführt, sind für sie Wasser auf die Mühlen ihrer Agenda und damit eigentlich das Beste, was ihnen passieren kann. Vermutlich hat ihnen bisher jeder Anschlag einen Zustrom an neuen Wählern beschert. Warum sich also jetzt nicht an Festivalbesucher anbiedern? Die müssen doch alle richtig Kochen vor Wut oder schlottern vor Angst. Da kann man ansetzen, da geht doch was!

Rock und Metal haben ja in manchen linken Kreisen einen Macker-Ruf. Für die ein oder andere alteingesessene Band mag das ja sogar stimmen. Tatsächlich ist die Nu-Metal-Szene (und alles, was da musiktechnisch noch so dranhängt), die jahrelang den Ring dominiert hat, aber die toleranteste, freundlichste, lustigste Szene, in die ich je Einblick haben durfte.

Ich will nicht sagen, dass die Szene unpolitisch ist. Bands wie System of A Down, Rage against the Machine oder Bad Religion sind definitiv nicht unpolitisch. Auch fiel die Hochzeit dieser Musik in die frühen 2000er, erlebte also den 11. September, den Afghanistan-Feldzug, den Irakkrieg etc.pp. Es wurde viel gegen den Krieg gesagt und gesungen. Als George W. Bush von der „Achse des Bösen“ sprach, schlossen sich mehrere Stars zusammen und konterten mit der Gründung der „Axis of Justice“. Da ging so einiges, und das meiste war cool.

Nein, die Szene ist nicht unpolitisch – doch vom Standpunkt politisierter Kreise aus wirkt das vielleicht so, weil vieles eher diffus klingt. Aber nur weil man keine Demos organisiert oder in einem wöchentlichen Sitzkreis darüber reflektiert, welche Begriffe jetzt am wenigsten offensive sind, ist man noch lange nicht gleichgültig gegen Hass. Und vor allem ist keine einzige Person, die ich auf dem Ring kennen gelernt habe, wirklich so blöd, auf diese plumpen Anbiederungsversuche der AfD rein zu fallen!

Ich meine… ernsthaft!? Die besorgten Bürger, aus welcher die AfD-Wählerschaft besteht, sind dieselben, die nach den Schulamokläufen der 2000er gegen unsere Musik gejault haben. DIE haben das vielleicht vergessen, aber WIR nicht. Ihr könnt über „Fake News“ heulen, so viel ihr wollt, aber Tatsache ist, dass ihr, wenn ihr keine Argumente habt, aber dringend einen Schuldigen braucht, beängstigend gewalttätige Songtexte auch gerne mal einfach so erfindet!

Was, das war ja gar nicht die AfD, die gibt es ja noch gar nicht so lange? Natürlich nicht! Aber es ist derselbe Menschenschlag: erzkonservative Griesgräme, die alles ablehnen, was ihnen fremd ist und sie nicht kapieren. Leute, die Männer mit langen Haaren, verzerrte Verstärker und Flunkyballturniere bis vorgestern am liebsten verboten hätten! Aber jetzt ist plötzlich alles anders, weil sie glauben, die Menschen, die sie gerade noch wie Abschaum behandelt haben, könnten sich als Verbündete eignen, weil Mitglieder einer anderen Gruppe, die sie immer noch am allermeisten hassen, ein Festival gestört haben.

Aber das funktioniert nicht. Ich war siebenmal auf Rock am Ring und erlaube mir jetzt einfach mal im Namen aller Ringrocker zu sprechen: Wir lassen uns von euch nicht instrumentalisieren. Wir wollen euch nicht und wir brauchen euch nicht, nicht in unseren Parlamenten und auch nicht als Retter unserer „Lebensweise“, die ihr, ihr ach so braven Kleingartenbesitzer, bisher doch so krank und brutal und pervers fandet. Und das könnt ihr gerne weiterhin tun, denn WIR finden euch auch scheiße!

Ich bin froh, dass am Ring alles wieder in Ordnung ist und anscheinend alle Spaß haben. Denn darum geht es bei einem unserer größten Festivals, egal wie brutal und gewalttätig viele unserer Bands für Helene-Fischer-Fans auch klingen: um Spaß, der auch durch eine kleine Unterbrechung nicht ernsthaft gestört wird. Und das zusammen mit 80.000 anderen Leuten, egal woher die kommen oder welche Hautfarbe oder Religion die haben. Das ist nämlich alles unwichtig, denn jeder Mensch ist cool, solange er einen guten Musikgeschmack hat!

Ihr seid die, die immer nur nach unten treten und alles hassen und fürchten, was nicht Mainstream ist. Aber das, ihr Arschlöcher, war noch nie unsere Art, denn zu oft haben wir auch schon den ein oder anderen Tritt abbekommen. Wir boxen lieber nach oben. Und vor allem haben wir keine Angst, was das einzige ist, von dem eure miese kleine Partei zehrt. Also bitte tut uns den Gefallen und nervt eine andere Community, denn bei uns habt ihr keine Chance!

Denn auch wenn viele Ringrocker auf den ersten Blick unpolitisch sein mögen, hat es doch einen Grund, weshalb die Toten Hosen oder die Ärzte gefühlt jedes Jahr am Nürnburgring spielen, die Onkelz aber noch nie.

Und am Ende steht man wieder am Anfang. Warum ich meine Therapie abgebrochen habe

Es heißt ja, dass man nichts so hoch schätzt wie etwas, für das man richtig hart kämpfen musste. Wenn das stimmt, dann hätte mir meine Therapie, auf die ich immerhin neun Jahre gewartet habe, so teuer sein müssen wie ein ein kleines Juwel oder mein Erstgeborenes.

Und dennoch habe ich meine Therapie abgebrochen.

Das passierte auch schon wieder letzten Sommer. Zu diesem Zeitpunkt lief sie schon fast ein Jahr mit Unterbrechungen halbwegs regelmäßig einmal die Woche. Nach all dieser Zeit war der Abbruch ein großer Schritt, der leider auch nicht völlig glatt vonstatten ging. Aber er war nötig und überfällig. Um das zu erklären, muss ich leider ein wenig ausholen.

Was passt zu mir?

Erstmal muss man wissen, dass Therapie nicht gleich Therapie ist. In Deutschland werden insgesamt drei Therapieformen von der Krankenkasse anerkannt, nämlich die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Therapieformen oder spezielle Methoden, die sich nicht so ganz in diese drei Kategorien einordnen lassen, aber von verschiedenen Therapeuten trotzdem zusätzlich erlernt und angeboten werden.
Ich spare mir mal eine genaue Erklärung dieser Therapieformen und ihrer Unterschiede (es ist ja auch nicht so, als blicke ich da selber vollständig durch). Es reicht zu wissen, was ich gerne für mich gehabt hätte. Von Psychoanalyse halte ich beispielsweise GAR NICHTS – das hat meiner Meinung nach was von Gedichtinterpretationen oder freien Assoziieren. Kann stimmen, muss aber nicht, und die Gefahr der Überinterpretation ist groß. Mit Freud und seinen kruden, anachronistischen Sextheorien hat das heutzutage zwar nicht mehr wirklich viel zu tun, aber dennoch ist das für mich einfach nichts. Und Verhaltenstherapie? Der Name sagt es schon: Der Fokus liegt auf einer Änderung des Verhaltens, nicht auf der emotionalen Ebene, obwohl man das natürlich nicht strikt trennen kann. Trotzdem, letztendlich roch diese Behandlung für mich immer eher nach reiner Symptombekämpfung und kam damit auch nicht wirklich in Frage.

Ich wollte also eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Ich bekam eine Verhaltenstherapie.

Zeitweise wusste ja das halbe Internet Bescheid über meine Probleme bei der Therapiesuche. Umso peinlicher ist es dann auch zuzugeben, was den Ausschlag gab dafür, mich für eine Therapie zu bewerben (anders kann man das nicht formulieren) die mir nicht wirklich zusagte: Erstens hieß es, die therapeutische Ambulanz, bei der ich schließlich landete, hätte keine langen Wartezeiten. Und zweitens konnte man sich ohne lächerlich kurze Telefonsprechzeiten per Email melden. Damit waren mehrere Hemmschwellen weg, die mich bisher gebremst haben.

Tja, das mit der Wartezeit stimmte nicht, aber immerhin hatte ich nach sechs Monaten dann schließlich meinen ersten Termin. Auch wenn es nicht die richtige Therapieform war, war ich erstmal froh, überhaupt wieder eine Chance bekommen zu haben und dachte, dass ich es einfach mal ausprobieren sollte. Schaden kann es ja (in den meisten Fällen) nicht.

Diese Ambulanz, in der ich landete, muss man sich wie eine Art Lernkrankenhaus vorstellen, in dem Therapeuten ihre Ausbildung absolvieren. Deshalb lief das von Anfang an etwas anders als bei einem normalen Therapeuten. Und leider lief es von Anfang an irgendwie schief.

Startschwierigkeiten

Es fing bereits bei meinem Erstgespräch an. Mich begrüßte ein quietschiges kleines Persönchen, das ungefähr so viel Autorität und therapeutische Seriosität ausstrahlte wie ein Teletubby. Dieses Mädel stellte mir dann in eineinhalb Stunden ungefähr achtmillionen Fragen zu meinem Lebenslauf und meiner Krankengeschichte, womit ich in dieser geballten Form nicht so wirklich gerechnet hätte. Deshalb war ich nach kürzester Zeit ein einziges heulendes Nervenbündel. Nicht hilfreich dabei waren ihre lieb gemeinten, für mich aber unerträglichen Versuche mich aufzupäppeln. „Sie haben sich also Ihre soziale Phobie selbstständig abtrainiert? Das ist ja toll! Darauf können Sie richtig stolz sein! Sooooo toll!!!“
Nun mag das objektiv stimmen, subjektiv habe ich aber nunmal ein Problem damit, für etwas gefeiert zu werden, was für jeden gesunden Menschen nicht der Rede wert ist, und da sie leider nicht aufhörte mit ihren aggressiven Lobgesängen bekam ich einen Heulkrampf, der die arme Frau absolut hilflos zurück ließ.

Ja, so ähnlich darf man sich das vorstellen – wie gesagt eineinhalb Stunden lang. Am Ende klärte sie mich dann über die weitere Vorgehensweise auf… wobei plötzlich heraus kam, dass ich im falschen Raum war und dies nicht das Erstgespräch gewesen war, für das ich kommen sollte, sondern der obligatorische ZWEITE Termin, der zur Anamnese da ist. Woraufhin sich auf ihren Gesicht ein Ausdruck nackter Panik zeigte – ohne vorherige Vorbereitung hätte man mich nämlich gar nicht einem so hohen emotionalen Stress aussetzen dürfen.
Und ich? Heulte natürlich wieder, denn in diesem Moment war mir vollkommen klar, dass ich jetzt vermutlich wieder monatelang würde darauf warten müssen, bis es weiter geht.

Letztendlich war dieser Fehler dann doch leicht wieder auszubügeln, aber das Ganze hat mich dennoch sehr aufgewühlt, wofür meine Mitbewohner damals leider absolut kein Verständnis hatten. „Joah, dumm, aber is doch jetzt gut, ne? We kann man sich über sowas nur so aufregen“ lautete der Tenor bei beiden. Auch nicht wirklich hilfreich. Und im Rückblick erscheint mir dieser Fehlstart symptomatisch für meine gesamte Therapie.

Der Anfang: Die erste Therapeutin

Mein drittes Gespräch fand dann mit der richtigen Therapeutin statt, die für mich eingeteilt war. Normalerweise hat man fünf Sitzungen mit einem Therapeuten, bis man sich entscheiden muss, ob man mit ihm klar kommt oder nicht. Außerdem muss anderes organisatorisches Zeugs geregelt werden, bis der Antrag auf Bewilligung bei der Krankenkasse eingereicht werden kann.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie groß die Hemmschwelle ist, einen Therapeuten abzulehnen, wenn man so lange Zeit auf einen warten musste. Die Therapeutin, die mir zugeteilt wurde, war ebenfalls recht jung und wirkte damit auf mich auch nicht sonderlich imposant. Kann man scheiße finden, aber ich kann mir nun mal nur beschränkt aussuchen, welche Art Mensch auf mich besonders kompetent wirkt. Personen, die jünger sind als ich, haben es da nun mal schwerer.

Aber gut, ich war mir meiner eigenen Vorurteile bewusst und wollte es mir einfach mal ansehen. Leider gab es ziemlich am Anfang schon einen heftigen Bruch, der mich am gesamten Konzept „Therapie“ zweifeln ließ.

So fragte sie mich nach meinen bisherigen Strategien, um mit schlimmen depressiven Phasen umzugehen. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich dann, sofern noch in der Lage dazu, einen bzw. mehrere Freunde zur Hilfe rufe und mit ihnen zusammen einen trinke und dabei so lange jammere, bis es mir irgendwann besser geht. Ja, Alkohol – dass das nicht ideal ist, weiß ich selber. Aber wenn es nun mal das einzige ist, was funktioniert?

Ich dachte, das hätte ich ihr begreiflich gemacht. In der nächsten Stunde eröffnete sie mir dann, dass die Krankenkasse mir vermutlich für die Bewilligung der Therapie als Auflage stellen würde, die gesamte Zeit über abstinent zu bleiben.

Ich: erstmal sprachlos, weil das für mich aus dem Nichts kam. Die Krankenkasse stellt natürlich nur solche Auflagen, wenn die Therapeutin ihr etwas entsprechendes kommuniziert. Aber wieso?

Es folgten Diskussionen. Und hier offenbarte sich mir ein so dermaßen unfaires Dilemma, dass ich die Therapie am liebsten sofort beendet hätte. Denn macht mal jemanden unter diesen Voraussetzungen begreiflich, dass ihr kein Alkoholproblem habt. Es ist unmöglich. Auch jetzt werden das einige lesen und sagen „Klar, typisch Alkoholikerin, diese Ausflüchte.“ Aber denkt das bitte mal durch. Ich hätte mit der Auflage nicht mal im Sommer im Garten sitzen und dabei ein Radler trinken dürfen. Was ja wohl überhaupt nicht schwer sein sollte, wenn ich kein Alkoholproblem habe. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn ich doch keins habe, warum muss ich mich dann so gängeln lassen? Aber das zu kritisieren – diese Gängelung – ist das nicht schon wieder der Beweis dafür, DASS ich ein Problem habe???

Seht ihr das Dilemma? Ich steckte im Prinzip in einer nicht-falsifizierbaren Aussage fest, denn jede Argumentation gegen diese Auflage konnte als Beweis für ihre Notwendigkeit gedeutet werden. Eine Situation, die mir ganz entschieden gegen den Strich ging. Dazu kommt die andere Ebene: Ich weiß verdammt noch mal selber, dass Alkohol nicht gut ist. Aber wenn die Alternative in diesen schlimmen Phasen nun mal wäre, mich selbst zu verletzen oder gar umzubringen – weil ich sonst nun mal keine wirksamen Skills habe? Es ist keine gesunde Selbsthilfe, aber wenigstens IST es Selbsthilfe, die mir diese Frau nun nehmen wollte, obwohl ich ganz eindeutig NICHT wegen Alkohol eine Therapie angefangen habe.
Was übrigens zusätzlich einfach nur ein Schlag in die Fresse war. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr wegen einiger sehr belastender Handicaps, die euer ganzes Leben dominieren, Hilfe bei einem Experten suchen würdet – und diese Person bohrt dann nach einer ganz anderen Sache, stürzt sich darauf und problematisiert sie, statt sich um das zu kümmern, weswegen ihr gekommen seid?

Versteht ihr, wie ohnmächtig ich mich fühlte? Es gab nichts, was ich tun oder sagen konnte, um aus dieser Nummer rauszukommen. In diesem Moment empfand ich zum ersten Mal, was es in unserem System heißt, psychisch krank zu sein. Ich kam mir nicht ernst genommen vor, bevormundet, unmündig, abhängig. Ist es da ein Wunder, dass mein Glauben an den Nutzen einer Therapie in diesem Moment heftig erschüttert wurde?

Ich grübelte nach der Sitzung einen ganzen Tag lang über diese dämliche Auflage. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, bestand darin, ihr einfach zuzustimmen und so zu tun, als würde ich mich daran halten… also zu lügen. Etwas, was mir tief zuwider ist. Allgemein, aber besonders eben im therapeutischen Kontext, denn was bringt die ganze Scheiße bitte, wenn ich nicht das Maul aufmachen und die Wahrheit sagen darf?

Glücklicherweise hatte meine Therapeutin wohl auch noch ein bisschen nachgedacht, denn sie rief mich einen Tag nach der Sitzung tatsächlich an und verkündete mir, dass die Auflage vom Tisch wäre. Aber der Bruch war passiert und auch damit nicht zu kitten.

Danach ging es… schleppend. Nachdem wir meine Problemfelder eingekreist hatten, konzentrierte meine Therapeutin sich darauf, mich durch den Rest meines Studiums zu schleifen, denn meine völlige Antriebslosigkeit hat genau das immer verhindert.
An sich war ich also froh über die Hilfe. Gleichzeitig wurde ich das Gefühl jedoch nicht los, dass ich nicht dafür eine Therapie angefangen habe. Es stellte, wie schon befürchtet, eine reine Symptombekämpfung dar, denn diese Antriebslosigkeit ist nur Resultat meiner Depression, aber nicht der Grund dafür (wobei das natürlich manchmal ineinander greift und meine Schwierigkeiten dahingehend häufig in einer Episode schwärzesten Selbsthasses münden). So war es denn auch ganz nett, dass wir Arbeitspläne aufstellten und Maßnahmen gegen Prokrastination bzw. für mehr Motivation besprachen, aber die Wurzel des Übels – meine Kindheit und was da alles falsch gelaufen ist – blieb unbehandelt. Weil die Therapie nun mal auf eine Änderung des VERHALTENS ausgerichtet ist, nicht zur Behandlung der URSACHEN desselben.

Leider funktionierte nicht mal das wirklich. Die Maßnahmen, die Pläne, die Skills, nichts schien länger als ein paar Tage zu wirken. Aber jedes Mal, wenn ich dieses Problem ansprach, kam die selbe Aussage: „Es braucht Zeit, bis dem Patienten das geänderte Verhalten verinnerlicht hat, danach wird es einfacher.“ Das war die einzige Form der Anleitung, die ich bekam. Leider habe ich diesen Punkt nie erreicht.

Ich gab der Therapieform die Schuld. Eine befreundete Therapeutin versicherte mir zwar, dass mit wachsender Erfahrung die Grenzen zwischen den Therapieformen verschwimmen. Genau diese Erfahrung war bei meiner Therapeutin allerdings anscheinend noch nicht gegeben. So kam es dann auch mehr als einmal vor, dass ich von belastenden Erinnerungen berichtete und… null Rückmeldung dazu bekam. Stattdessen wurde eilig zurück geschwenkt Richtung Verhaltensmodifikation, oft ohne auch nur mit mehr als einem Satz auf das eben Gehörte zu reagieren.

Diese, ja… „Hilfslosigkeit“, muss man es wohl nennen, meiner Therapeutin zog sich wie ein roter Faden durch die restliche Therapie, in der sich dann auch eine Stunde kaum von der nächsten unterschied. Ich versuche wirklich, nicht unfair zu sein und glaube auch, dass sie mir ernsthaft helfen wollte, aber ich hatte nun mal nicht das Gefühl, dass mir irgendwas davon etwas gebracht hat. Deshalb reagierte ich mit der Zeit auch immer gereizter. So blaffte ich einmal, nachdem sie die Frage „Wie fühlen Sie sich in diesem Moment?“ gestellt hatte, angepisst zurück: „Genauso wie vor zwei Minuten, als Sie mich genau dasselbe schon mal gefragt haben!“ – was mich zugegebenermaßen immer noch aufregt, wenn ich drüber nachdenke.
Mir kam es schlicht so vor, als würde die gute Frau ein vorgegebenes Programm abspulen bzw. versuchen, mir eine Therapie nach Schema F überzustülpen, was bei mir aber einfach nicht funktionierte. Zurück blieb Frust, möglicherweise auf beiden Seiten, und nach mehreren Monaten das Gefühl, dass wir uns so rein gar nichts mehr zu sagen hatten. Nach jeder Sitzung fühlte ich mich wie durch den Fleischwolf gedreht und stöhnte schon Tage vor dem nächsten Termin, weil ich schlicht überhaupt keinen Bock darauf hatte.

Dazu kamen dann Kleinigkeiten, die mich damals unglaublich aufregten. So fragte sie mich am Anfang einer Sitzung, wie ich denn nach der letzten Stunde, die ich heulend und aufgelöst verlassen hatte, zurecht gekommen wäre. Ich antwortete etwas lapidar, dass ich mich danach dann irgendwann wieder eingekriegt hätte, spätestens im Bus hätte ich mich ja zusammen reißen müssen, da mir Heulen vor Fremden logischerweise ziemlich peinlich ist. Daraufhin kam ihr die fixe Idee, dass Busfahren ja der perfekte Skill für mich wäre und davon ließ sie sich auch nicht mehr abbringen. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann schon gar nicht mehr groß diskutiert, da ich gemerkt hatte, dass es sinnlos ist. Aber natürlich ist Busfahren für mich KEIN super Skill, das habe ich zu diversen Gelegenheiten davor und danach erfahren müssen.

Nach mehreren Monaten, ich hatte noch etwas über die Hälfte der Sitzungen frei, eröffnete sie mir, dass sie demnächst den Standort wechseln und ich einen anderen Therapeuten bekommen würde. Keine ideale Situation mitten in der Therapie, aber nach meinen Erfahrungen mit ihr auch kein Weltuntergang. Ich schöpfte neue Hoffnung: Vielleicht war der nächste Therapeut ja besser?

Das Ende: Der zweite Therapeut

Der nächste Therapeut war nicht besser. Er war schlimmer.

Äußerlich entsprach er zunächst eher meinen Kriterien für seriöse Ausstrahlung, denn er war deutlich älter als ich. Aber schon die erste Sitzung, die wir abends abhielten, ließ mich ziemlich sprachlos zurück.

Er hatte zwar meine Akte gelesen, aber natürlich mussten wir alle nochmal durchkauen. Problemfelder, bisherige Strategien, etc.pp. Bereits beim Thema „Antriebslosigkeit“ hatte er aber völlig andere Ansichten als ich.
Ich glaube, es ist inzwischen deutlich geworden, wie sehr ich darunter leide. Er sah das aber nicht so. Er war sehr vom Yin&Yang-Konzept überzeugt (Teil seiner „fernöstlichen Lehren“, die er in die Therapie mit einbringen wollte) und projizierte es hemmungslos darauf. Es gäbe nun mal einerseits Menschen wie mich und andererseits aktive, leistungsstarke Menschen, die mitunter überhaupt nicht abschalten können, also totale Workaholics sind – das wäre ja auch nicht schön. Ich könne also froh sein, dass ich nicht zu diesem Typ gehöre.
Was soll man dazu bitte noch sagen? Meine Antriebslosigkeit hat mir mein Abi versaut, mein Studium auf die doppelte Länge aufgebläht, mir Schulden eingebracht, meinen Träumen im Weg gestanden, mein halbes Leben versaut. Und das soll ich jetzt feiern, weil andere Leute bis zum Burnout ackern? Was soll denn bitte DARAN hilfreich sein?

Seine Antwort war ein enervierend nachsichtiges Lächeln, das ich die folgenden Monate noch wirklich hassen lernen würde. Seine Aussage sei doch positiv gewesen. Ich könne wohl Lob nicht annehmen???
An dieser Stelle zeigte sich schon, dass dieser Mensch ein fundamental anderes Verständnis von Selbstliebe, seelischer Hygiene, eigentlich sogar dem Themenkomplex „psychische Erkrankung“ hatte als ich. Ich glaube nicht daran, dass Probleme weggehen, wenn man sie schönredet und „sich selbst annimmt“. Und es hat nicht zwangsläufig was mit Selbsthass zu tun, wenn ich Dinge an mir kritisiere, die nun mal einen erheblich negativen Einfluss auf mein Leben haben. Ich war zudem ein sehr aktives Kind, bis ich krank wurde. Meine Antriebslosigkeit empfinde ich als etwas feindliches, das meine echte Persönlichkeit überschattet und mich daran hindert, mein wahres Potential zu entfalten. Mich ritzen, weil es mich so dermaßen ankotzt, dass ich schon wieder einen Monat für die Wäsche gebraucht habe? Natürlich ist das scheiße. Aber das komplette Gegenteil soll so viel besser sein? Ist jeder Wunsch, sich zu verbessern, schon Hass?

Ach, ich sei ja zu hart zu mir.
„Ich bin nicht hart zu mir.“
„Aber Sie sind doch gerade wütend.“
„JA, ABER DOCH NICHT AUF MICH!!!“ – muss ich wirklich noch mehr sagen?

Mir schien es, dass sich dieser Typ bereits ein komplettes Bild von mir gebastelt hatte, bevor ich überhaupt zur Tür reingekommen bin. Und wenn ich irgendeinem Aspekt dieses Bildes widerspreche, kann das ja nur an fehlender Reflexion liegen.

Da wären wir wieder: Die Therapie, die nicht-falsifizierbare Aussage und ich. Und Unterstellungen, die erneut Dinge problematisieren und pathologisieren, für die ich nicht gekommen bin. Neu war hier nur, dass andere Probleme dafür kleingeredet wurden und das natürlich mit den schönsten, blumigsten Allgemeinplätzen: Man müsse „sich annehmen“, „sich akzeptieren“, „sich verzeihen“ etc.pp. Und DAFÜR hat dieser Mensch studiert?

Ich hatte also einen Vertreter des Standpunkts „Du bist voll okay so, wie du bist, auch wenn du in dieser Form kaum lebensfähig bist“ vor mir. Dazu kam eine paternalistische Art und Weise, die mir das Gefühl gab, für ein dummes, kleines Mädchen gehalten zu werden.

So hielt er mir in der selben Sitzung noch einen Vortrag – anders kann man das nicht nennen. Er nutzte das Whiteboard, um mir ein psychologisches Konzept zu erklären, das mir bereits bekannt war und brauchte dafür ungelogen mindestens 20 Minuten, in denen er ohne Punkt und Komma redete und mich kein einziges Mal zu Wort kommen ließ. Nach etwa der Hälfte war ich zu gleichen Teilen tödlich gelangweilt und fassungslos von so viel sinnlosen Mitteilungsbedürfnis, zumal die 50-Minuten-Sitzung meinem Empfinden nach schon deutlich überzogen war (im Raum gab es keine Uhr und ich fand es unhöflich, auf mein Handy zu sehen).
Danach schien er sich selbst in Schwung geredet zu haben, denn er bombardierte mich dann noch mit zusammenhangslosen Fragen, die ewigtiefe neue Fässer aufgemacht hätten, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Fragen wie „Glauben Sie an Gott?“ oder, mein Favorit, denn der Gesichtsausdruck und der gewollt provokative Ton dazu waren großartig: „MÖGEN Sie sich eigentlich???“
An dieser Stelle brach ich die Sitzung ab, nur um danach sehen zu müssen, dass er um fast eine Stunde überzogen hatte – etwas, was ich ihm in der nächsten Sitzung vorwarf. Er rechtfertigte sich damit, dass er sich nun mal besonders viel Zeit für mich hatte nehmen wollen und deshalb direkt zwei Sitzungen zusammen gelegt habe – was einfach nicht okay ist, wenn es nicht abgesprochen ist.

Aber das war symptomatisch für ihn: Paternalismus bis hin zur leichten Übergriffigkeit. Das äußerte sich auch in jeder Sitzung bereits zu Anfang, wenn er mich, den Kopf leicht gebeugt, von unten augenzwinkernd ansah und mit vorgeschobenen Schnütchen fragte, wie es mir ginge, eine Haltung also, die man eher einnimmt, wenn ein Grundschulkind am Schniefen ist, weil es nicht noch ein Eis bekommt. Er gab mir schlicht das Gefühl, nicht krank, sondern einfach nur ein bisschen überempfindlich zu sein.

Auch mit ihm hatte ich also wieder das Gefühl, keinen Schritt weiter zu kommen, zumal seine Methoden durchschaubar und unterkomplex waren und er gerne Dinge wiederholte, die ich eine Sekunde vorher bereits gesagt habe (nicht um mich zu spiegeln, sondern weil er anscheinend glaubte, er müsse mir Sachen erläutern, die ich selbst von mir gegeben habe). Dennoch konnte ich mich zu einem Abbruch nicht durchringen, bis ich eines Tages einen schlimmen depressiven Schub bekam.
Grund war mein Stiefvater, der sich ganz außergewöhnlich zierte, als es darum ging, mich bei seinem Geburtstag dabei zu haben, eine Situation, die mich leider frappierend an eine Episode mit meinem Erzeuger erinnerte. Dies ließ mich psychisch völlig zusammen brechen. Es dauerte Stunden, bis ich endlich aufhören konnte zu heulen und kein Skill half (nicht mal Busfahren!).
Dieser Kollaps bestätigte mir meine anfänglichen Befürchtungen: Eine Verhaltenstherapie ist nicht das richtige für mich, denn nicht mein Verhalten ist Auslöser für solche Zusammenbrüche.

Nach dieser Erkenntnis war ich entschlossen, die Therapie abzubrechen. Nur ließ mich mein Therapeut zunächst nicht.

Natürlich hätte ich einfach nicht mehr hingehen können, aber als Mensch in einem Patient-Therapeuten-Verhältnis sind ganz einfache Dinge plötzlich unverhältnismäßig schwer. Wenigstens erklären wollte ich mich ihm, vielleicht sogar seine Einschätzung dazu hören. Also erzählte ich ihm, was passiert war, umriss dazu auch kurz die Geschichte mit meinem Vater und teilte ihm meine Gewissheit mit, dass Verhaltenstherapie bei so etwas nicht hilft. Statt darauf einzugehen, stellte er weitere Fragen zu meiner Familie, nur um am Ende zufrieden festzustellen, dass das ja mal eine richtig gute Sitzung gewesen wäre, weil ich mich endlich geöffnet hätte.
An dieser Stelle bin ich dann ein bisschen ausgerastet. Nichts davon war mir in irgendeiner Weise unangenehm gewesen, vor meinem Therapeuten zu äußern. Nichts davon hatte ich bewusst versteckt, im Gegenteil. Erst später fiel mir zudem ein, dass ich GENAU DIE SELBE GESCHICHTE meiner ersten Therapeutin SCHON MAL erzählt hatte – und sie NICHTS dazu gesagt hatte.
War es also allein meine Schuld, dass die Therapie bei ihm, bei beiden bisher nicht gelaufen war? Meine angebliche Verschlossenheit? Diesen Eindruck erweckte er bei mir.

Der Abschied war frostig, eine Sitzung sollte noch folgen, in der er nicht mit einem Wort auf meinen Wunsch abzubrechen einging. Erst am Ende vertröstete er mich wieder auf die nächste Sitzung, um die abschließenden Formalia zu klären. Und auch diese Sitzung hätte er wieder in eine völlig andere Richtung gelenkt, wenn ich das nicht von Anfang an abgeblockt hätte. Woraufhin die zwei schlimmsten Aussagen folgten, die dieser Mensch sich in all den Stunden mir gegenüber geleistet hatte.

Erstens: Ich nannte ihm weitere Beispiele für Situationen, in denen nicht mein Verhalten Trigger für depressive Schübe war, darunter auch die Tatsache, dass ich die gesamte Taufzeremonie meines Neffen als heulendes Nervenbündel verbracht habe, da mich Kirchgänge wie dieser daran erinnern, dass ich familiär nicht eingebunden bin. Woraufhin er antwortete: „Hm, dann bringt meine Idee wohl nichts… ich wollte Ihnen vorschlagen, dass Sie sich Gott zuwenden.“ – Wozu ich mir jetzt einfach mal jeglichen Kommentar spare!

Und zweitens sprach er von meiner Erkrankung als „Erkrankung“. Kein Scheiß. Er malte beim Sprechen Anführungszeichen in die Luft. Und spätestens das wäre der Punkt gewesen, an dem ich mich zum Abbruch entschlossen hätte, wenn ich diese Entscheidung nicht schon vorher getroffen hätte.

Und jetzt?

Das war letztes Jahr Ende Juli. Seitdem bin ich wieder ohne Therapie. Ich habe gute Phasen, aber auch tiefschwarze. Dazwischen lebe ich vor mich hin und habe kaum je das Gefühl, einen erfüllenden, produktiven, erfolgreichen Tag gehabt zu haben, denn alles in mir bremst mich aus.

Die Therapie hat mir eigentlich nichts gebracht. Zwischendrin sorgte meine Therapeutin dafür, dass ich Antidepressiva bekam, was eine gewisse Zeit lang nötig gewesen war, aber inzwischen habe ich sie wegen den Nebenwirkungen wieder abgesetzt. Ansonsten bleibt nicht viel außer Frust und der grauenvolle Gedanke, dass die ganze Odyssee jetzt wieder von vorne anfängt.

Heißt: WIEDER die Überwindung, überhaupt bei einem Therapeuten anzurufen, WIEDER monatelange Wartezeiten, wenn ich nicht direkt abgewiesen werde, WIEDER die Frage, ob der neue Therapeut überhaupt zu mir passt. Aber eigentlich stehe ich nicht einfach wieder am Anfang, sondern habe noch einen Malus obendrauf bekommen: eine abgebrochene Therapie. Obwohl das zu Beginn meiner Therapie anders klang, hat mein Therapeut mir nicht viel Hoffnung auf eine erneute Bewilligung gemacht.

Dazu kommt das Ende meines Studiums, nach dem ich jetzt in der Luft hänge und nicht weiß, ob ich überhaupt noch hier wohne, wenn endlich ein Therapieplatz für mich frei wäre. Die hochgelobte Flexibilität, die Arbeitgeber heute verlangen, kollidiert extrem mit dem gewaltigen Maß an Planungssicherheit, das man braucht, wenn man sich für eine monatelange Therapie an einem bestimmten Standort entschließt.

Also noch mehr warten. Darauf, dass ich mein Leben soweit geordnet kriege, dass Zeit bleibt für meine seelische Gesundheit. Auch wenn es natürlich genau meine Krankheit ist, die dafür sorgt, dass ich überhaupt nichts auf die Reihe kriege.

Das System der Krankenkassen, die weiterhin viel zu wenige Kassensitze mit viel zu langen Wartezeiten zur Verfügung stellen und damit wissentlich eine Situation in Kauf nehmen, die für viele Menschen eine Therapie unmöglich macht (und manche damit das Leben kostet), fickt mich also noch immer. Wenn dieser Müll wenigstens wirtschaftlich einen Sinn machen würde… Aber nicht mal das ist ja der Fall.

Leider fällt mir an dieser Stelle kein knackiger Schluss ein. Wie auch, denn die Suche nach Hilfe ist ja noch lange nicht beendet. Auch wenn die Hoffnung darauf jeden Tag mehr schwindet.

Edit: Mir ist jetzt erst wieder eingefallen, dass Erzählmirnix vor Jahren mit mir ein Interview geführt hat, in dem es u.a. um dumme Therapieerfahrungen ging.
Weil das so gut passt, hier der Link

7 Filme, die ich liebe, obwohl sie jeder hasst

Was eignet sich in Zeiten, in denen ich eigentlich unter Hochdruck Bewerbungen schreiben müsste, besser als Prokastinationshilfe, als endlich einen Artikel zu liefern, den ich schon vor über eineinhalb Jahren versprochen habe? Zeigt dieser Umstand doch die ganze Misere meiner peinlichen Lebensunfähigkeit auf :3

Ein weiteres Problem bei der Fertigstellung war allerdings, dass mir lange Zeit einfach ums Verrecken kein 7. Film eingefallen ist. Als dies dann aber doch passierte, hätte der betreffende Film passender nicht sein können. Er ist nun meine Nummer 1! Damit Vorhang auf für…

7 Filme, die ich liebe, obwohl sie jeder hasst

 

Platz 7: American Pie
Im allerersten Kommentar unter dem anderen Artikel („7 Filme, die ich hasse, obwohl sie jeder liebt“) schrieb jemand, sie wäre vielleicht wohl ein wenig einfach gestrickt, weil ihr die Filme, die ich aufgezählt habe, alle gefielen… tja, wie soll man nun DAS nennen?
Ich kann nichts dagegen tun. Ich liebe, liebe, LIEBE dumme Teenager- oder Collegekomödien aus den späten 90ern einfach sehr hart. Ich hätte diese Liste problemlos nur mit solchen Filmen füllen können (habe es aber aus Gründen der Varianz nicht getan).
American Pie ist nun der ungekrönte König dieser Filme. „Pubertär“, „hirnlos“ und „dumm“ hat man ihn in meiner Gegenwart schon genannt – worauf ich nichts anderes antworten kann als: „Und trotzdem ist er witzig!“
Wobei, ist er wirklich so blöd? Eigentlich kam er damals mit einem ganzen Haufen guter Ideen um die Ecke. Die Hauptcharaktere sind alle auf ihre Art grundsympathisch, ihre Motivation nachvollziehbar, die jeweilige Auflösung für jeden einzelnen passend.
Und das Ende! Ist es nicht herzig?
Der zweite Teil war dann auch eigentlich genau so gut, weil er den ersten Teil praktisch eins zu eins kopierte. Es ist richtig cool zu sehen, dass wirklich jeder noch so unwichtige Nebencharakter (sogar Typen, die im ersten Teil nur mal im Hintergrund durchs Bild gerannt sind) im zweiten Teil wieder auftaucht und alle relevanten Plotlines genau so, nur halt anders, nochmal durchgehechelt werden.
Der dritte Teil fiel demgegenüber extrem ab, weshalb ich ihn überhaupt nicht mag, aber der vierte Teil macht dann wieder alles richtig. Das war Nostalgie pur.
Fazit: American Pie ist immer noch und für alle Zeit der perfekte Streifen für schnapsselige Filmabende – egal, wie blöd er ist!

Platz 6: Unbreakable
Viele Leute setzten große Hoffnung in diesen Film, der nach dem Überraschungserfolg von „The Sixth Sense“ das zweite große Projekt von dem damals als Regie-Wunderkind gefeierten M. Night Shyamalan war. Diese Erwartungen wurden enttäuscht, die meisten fanden den Film zum Gähnen langweilig.
Nun, es IST natürlich wahr, dass M. Night Shyamalan als Regisseur einige unverwechselbare Charakteristika mitbringt, die man tatsächlich nicht gerade actiongeladen nennen kann, und ja, auch mir geht es auf den Sack, dass er es schafft, jeden noch so guten Schauspieler sämtliche Schauspielkunst aus dem Leib zu prügeln und ihm dafür einen einzigen starren Gesichtsausdruck verpasst, während er viel zu lange viel zu pseudo-tiefgründige Gespräche führt und der überraschende Twist am Ende obligatorisch und daher null überraschend ist.
Und trotzdem hat mir der Film gefallen, was einzig und allein an der Prämisse liegt. Bis dahin habe ich nie darüber nachgedacht, aber es ist doch wahr: Wenn es Leute gibt, die an schrecklichen Krankheiten leiden, dann müsste es doch tatsächlich auch Leute geben, die irgendwie unzerstörbar sind. Vielleicht nicht ganz so wie im Film (mal ehrlich, dass er am Ende sogar telepathisch und präkognitiv veranlagt ist, kommt doch ein bisschen zu sehr aus dem Nichts), aber trotzdem. Und gibt es für Superheldenfans nichts schöneres, als einen fast schon logisch zwingenden Beweis dafür, dass es vielleicht, so ein ganz kleines bisschen, in Echt Menschen mit Superkräften geben könnte?
Es ist sicher kein Film, den ich mir zum Spaß noch ein Dutzendmal ansehen werde, weil „Shyamalan“ wohl das indische Wort für „das Gegenteil von Spaß“ ist. Aber auch wenn ich absolut nachvollziehen kann, warum man den Film nicht mag, mag ich ihn trotzdem.

Platz 5: Das Wunder von Bern
Inzwischen gilt ja so ziemlich alles, was in welcher Form auch immer einen nostalgischen Blick auf unser Heimatland wirft, als nazihaft irgendwie ein bisschen anrüchig. Und das deutsche Kino sehen ohnehin viele als größte Lachnummer überhaupt an.
Diesen Menschen empfehle ich dringend die unfassbar schlechte, offen gewaltverherrlichende und – lustigerweise! – latent nazihafte amerikanische Adaption des deutschen Kinoklassikers „Das Experiment“. Allen anderen sei hiermit mitgeteilt, dass ich „Das Wunder von Bern“ für einen großartigen Film halte, den ich mir immer wieder gerne ansehe – spätestens zur nächsten WM! Trotz einiger eindeutiger Fehler (so ist Fritz Walters, meines ewigen Fußballhelden, Dialekt anscheinend nicht richtig wiedergegeben! Skandal!) und der etwas tränendrüsigen Filmmusik bietet er genau die leichtfüßige Berieselung, die ich bei einem meiner Lieblingsgenres, nämlich dem auf Entertainment ausgelegten historischen Film, so schätze. Damit ist er nicht nur für Fußballfans interessant, sondern in der Tat ein treffendes Sittengemälde der frühen 50er Jahre! Hände hoch, wer die spritzigen Wortgefechte zwischen dem Journalisten und seiner Ehefrau nicht großartig findet.

Platz 4: Manta Manta
Bleiben wir doch bei Meisterwerken der deutschen Kinokunst!
Ich mag nicht nur billige Teenagerkomödien und seichte Historienfilme, sondern auch deutsches Prekariatskino! Als solches ist „Manta Manta“ wohl die Blaupause für alles, was danach kam. Besondere Aufmerksamkeit verdient er aber auch, weil er der letzte gute Film von Til Schweiger war!
Diese witzige Peinlichkeit hat mich sogar zur Idee einer Fortsetzung inspiriert: 20 Jahre nach den Ereignissen des 1. Teils findet die Tochter von Manni (Schweiger) seinen alten Manta irgendwo in einer Garage und macht ihn wieder flott, um die Bonzen an der Uni aufzumischen, während Manni irgendwie damit klar kommen muss, dass seine Tochter 1. studiert und 2. ein Mädchen ist. Das, sowie die Beantwortung der Frage, was aus den Protagonisten des 1. Teils geworden ist, bietet so viel Raum für Gags, Mario Barth wäre begeistert! Am Ende dann Versöhnung, die Erkenntnis, dass jedes Arbeiterkind, das es an die Uni schafft, ein Stück Proll im Herzen bewahren soll und ein megamäßig aufgepimpter Manta, natürlich der heimliche Star des Ganzen (wo er doch neben Til Schweiger sowieso der eindeutig bessere Schauspieler ist). Mantas sind ja auch einfach geile Autos, trotz ihres ungerechtfertigt schlechten Rufs! Ich denke, das könnte ein totaler Hit werden, aber vermutlich ist sich Til Schweiger inzwischen zu fein für sowas. Ich bin mir jedenfalls nicht zu fein für das Geständnis, wie sehr ich diesen Film immer noch feiere! Er lindert mich über den Schmerz hinweg, dass mein Stiefvater seinen (schwarzen! OMG!) Manta schon vor Jahrzehnten verkauft hat.

Platz 3: Titanic
Hier gilt ähnliches wie bei der Nennung von „Avatar“ in der anderen Liste. „Avatar“ war vielleicht der erfolgreichste Film aller Zeiten, wird aber sicher nicht von allen geliebt, und „Titanic“ hasst jeder, obwohl auch dieser Film einst Rekorde brach. Man mag es ein bisschen willkürlich nennen, aber meiner Empfindung nach ist „Titanic“ nun doch im Rückblick für die breite Masse ein eindeutig schlechter Film, Rekorde hin oder her.
Aber das völlig zu unrecht! Ich meine – ich sehe, welche Probleme viele mit dem Film haben. Eine kitschige Liebesgeschichte, natürlich, wie lame! Gerne wird dabei aber vergessen, dass „Titanic“ in erster Linie ein Katastrophenfilm, sprich pure Action ist! Und die sieht 20 Jahre nach der Veröffentlichung des Machwerks immer noch verdammt gut aus. Wesentlich besser als das meiste von dem, was uns heute als unispiriertes CGI vorgesetzt wird.
Doch nicht nur das! Die Kostüme! Das Design! Die hervorragend besetzten Schauspieler! Ich meine, allein Billy Zane reißt die Rolle des Schurken, die im Grunde genauso motivationsfrei und billig daher kommt wie ihre Entsprechung in „Avatar“ aber sowas von raus! Er rockt seinen Charakter! Nie war ein Kotzbrocken hassenswerter!
All das macht es wert, dass man die Ressentiments gegen den Hype zu diesem Film mal gründlich überdenkt und dann vielleicht zum Schluss kommt, dass er doch sehr gut unterhält!

Platz 2: Independence Day
Wir nähern uns der Zielgeraden mit einem Film, über den ich die letzten 15 Jahre eigentlich noch nie was positives gehört habe!
Denn ja, ich mag nicht nur billige Teenagerkomödien, seichte Historienfilme und deutsches Prekariatskino, sondern auch den Blockbuster-Actionfilm der 90er Jahre! Auch hier habe ich der Varianz wegen darauf verzichtet, die gesamte Liste nur mit Filmen wie diesem zu füllen.
Bevor Christopher Nolan, den ich ja bekanntermaßen hasse, mit dafür sorgte, Actionfilme dark und gritty und nolandish zu machen, waren Actionfilme bombastisch, herrlich unrealistisch und witzig! Denn Scheiß auf Pseudorealität – ich bin ein einfaches Mädchen und will Explosionen, übermächtige Freizeithacker und in letzter Sekunde gerettete Hunde!

Natürlich kann ich auch hier die Kritiken nachvollziehen. Aliens greifen die USA an, Amis blasen zum Angriff, ein überheroischer Präsident (noch dazu vermutlich Republikaner!) hält eine patriotische Rede, Amis retten die Welt und über all dieser hirnlosen Action weht das Star-Spangled Banner.
Klar, lebensfremde Action, übertriebener Pathos und völliger Unrealismus können schon nerven. Aber wisst ihr… das, was der Film macht, macht er trotzdem gut. Roland Emmerich wird als Ausländer den überrissenen Patriotismus seines Werkes wohl selber bemerkt haben. Mehr noch, ich stelle mir ihn sogar vor, wie er sich vor sein Produktionsteam stellt und sagt: „An diese Stelle soll nun eine patriotische, pathetische Rede. Und wisst ihr was?! Wir geben ihnen die PATRIOTISCHSTE, PATHETHISCHSTE REDE ALLER ZEITEN!!!“ Und genau so war es dann auch!
Ich meine, wer um alles in der Welt kann sich daran ernsthaft stören, dass alle Hauptcharaktere vom Anfang bis zum Ende immer nur haarscharf einer Katastrophe entkommen sowie die Lösung an den Haaren herbei gezogen ist und das „unrealistisch“ nennen, wenn es einfach gottverdammt spannend ist?! Und da ist es mir eben scheißegal, ob es Explosionen im Weltraum geben kann oder Will Smith nur durchs Zusehen lernt, wie man eine Alienuntertasse steuert, wenn es halt geil aussieht! Das mag auch wieder sehr seicht wirken – aber warum zur Hölle auch nicht? Den ganzen Tag sehen, lesen und hören wir von Tragödien, Kriegen, Umweltzerstörung, Mord und Totschlag – was ist also falsch daran, wenigstens für die Dauer eines abendfüllenden Actionfilms mal die Welt ohne mich weiter rotieren zu lassen, die Füße hochzulegen und mich verdammt nochmal gut unterhalten zu lassen? Gute Unterhaltung muss nicht tiefgründig sein und seichte Unterhaltung kann trotzdem wahnsinnig gut gemacht sein! Wenn ihr das nicht glaubt, dann schaut euch zum Vergleich einfach mal die Fortsetzung des Films an, denn DIE macht NICHTS richtig!
Nennt „Independence Day“ meinetwegen den professionellsten Trashfilm aller Zeiten, wenn ihr einen ironischen Grund braucht, um ihn euch anzusehen, bevor ihr ihn zerreißt. Aber messt ihn doch bitte nicht an Maßstäben, die er niemals erreichen wollte, und verurteilt ihn nicht dafür, reines Popcornkino ohne großen Anspruch bieten zu wollen. Denn das ist nicht nur völlig legitim, sondern macht auch einfach Spaß!

Platz 1: Wolverine
Hier ist er. Meine Nummer Eins. Der Film, der Fans auf der ganzen Welt zum Heulen gebracht und mir trotzdem gefallen hat.
Bei jedem anderen Film dieser Liste kann ich die Kritik daran nachvollziehen, teile aber einfach die Schlussfolgerung nicht. Dieser Film ist anders. Tatsächlich habe ich nicht mal gemerkt, welche Probleme er hat, bis ich die Kritiken las. Mein Urteil nach der ersten Sichtung war dann auch unbedarft positiv. Hugh Jackman, eine Filmcollage am Anfang, die mich wirklich geflasht hat, Hugh Jackman, viele Mutanten, Hugh Jackman, geile Kampfszenen, Hugh Jackman, coole Klamotten, Hugh Jackman… das sind doch alles Zutaten für einen guten Film, oder? Kein Meisterwerk, sicher, aber ich war dennoch völlig befriedigt rundherum zufrieden.
Bis ich, wie es meine Gewohnheit ist, Rezensionen zum Film las – die mir plötzlich ausführlich, nachvollziehbar und leider sehr logisch darlegten, was für eine grottige Umsetzung dieser Film darstellt… und was für ein Idiot ich war, ihn zu mögen.
Das kommt ja nicht oft vor, aber ich saß wirklich völlig sprachlos vor all diesen Argumenten und schrumpelte bei jedem bissigen Kommentar noch mehr zusammen, während ich mich vor Verlegenheit wand. Denn ich habe ihnen nichts, aber auch wirklich gar nichts entgegen zu setzen. Außer nun mal das (bitte in piepsiger Stimme lesen): „Ich mag ihn aber trotzdem.“
Nie klaffte meine eigene Meinung und die Auffassung der breiten Masse weiter auseinander, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen konnte. Außer den Umstand, dass ich nun mal kein Fan der Marvelcomics bin und mir deshalb die katastrophale Umsetzung von Deadpool zumindest damals noch ziemlich am Arsch vorbei ging, habe ich auch nichts zu meiner Verteidigung vorzubringen. Habt also Mitleid mit mir!

20 Jahre §177-Reform – Die halbe Geschichte eines Meilensteins

Vorgestern feierte meine Timeline das Jubiläum eines Meilensteins: Nach jahrelangem Ringen wurde am 15. Mai 1997 eine Reform des Paragraphen 177 (heute „sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“) beschlossen. Gegen den Widerstand weiter Teile der CDU wurde damals der Begriff „außerehelich“ aus dem Gesetzestext gestrichen, womit Vergewaltigung in der Ehe nun endlich auch als solche justiziabel war. Dem voraus gingen endlose Debatten, die heute größtenteils schockierend und absurd anmuten und sich deshalb perfekt zu Demonstrationszwecken eignen – zeigt dies doch, wie hart einst für Rechte gekämpft werden musste, die uns heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie auf dem Papier noch gar nicht so lange existieren.

Ich war 12, als die Reform auf den Weg gebracht worden ist. Ich wusste damals nicht, dass Ehepartner bis dato vom Straftatbestand „Vergewaltigung“ nicht erfasst worden sind und war darüber schockiert. Umso wichtiger finde ich eine Erinnerungskultur in Form einer Berichterstattung 20 Jahre nach der Reform.

Und trotzdem stößt mir gerade diese Berichterstattung sauer auf. Es wird nämlich nur die halbe Geschichte erzählt.

Sehen wir uns dazu den §177 mal an, der bis zur Reform nur den Tatbestand „Vergewaltigung“ umfasste:

§ 177. Vergewaltigung.

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

 

 

Mit der Reform wurden die Straftatbestände „Sexuelle Nötigung“ und „Vergewaltigung“ zusammen gefasst, eine Vergewaltigung somit also zu einer besonders schweren Form der sexuellen Nötigung. Das neue Gesetz las sich dann nach einigen kleineren Korrekturen von 1998 bis 2016 (in gekürzter Form) so:
 

§ 177. Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung.

(1) Wer eine andere Person

  • 1. mit Gewalt,
  • 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  • 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. [2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  • 1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Wie bereits erwähnt wurde hier „außerehelich“ gestrichen. Gleichzeitig, und das fällt vielleicht nicht so deutlich ins Auge, wenn der Text mit den sexistischen Vorzeichen gelesen wird, die wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben, wird jedoch auch aus der „Frau“ in der älteren Version das geschlechtsneutrale „Person“. Und das, liebe Berichterstatter, bedeutet nichts anderes als das: Vor der §177-Reform konnten Männer laut deutschen Gesetz nicht vergewaltigt werden.

Ich möchte nun sicher nicht darüber streiten, welche Änderung bahnbrechender war. So argumentierte ein Kumpel gestern, ein betroffener Mann hätte zwar keine Vergewaltigung, wohl aber die schon vor 1997 geschlechtsneutral formulierte „Sexuelle Nötigung“ (damals §178) zur Anzeige bringen können. Allerdings gilt für Vergewaltigung in der Ehe ähnliches: Diese konnte auch schon vor der Reform als einfache Nötigung (§240) oder Körperverletzung verurteilt werden (weshalb die Behauptung, sie wäre vor 1997 „straffrei“ gewesen, strenggenommen falsch ist).
Aber das sind Feinheiten. Richtig ist ganz simpel: Bis 1997 konnte vor dem Gesetz eine Frau nicht von ihrem Ehemann und Männer im Allgemeinen von niemanden vergewaltigt werden.

Soweit die Fakten. Fragen bleibt dennoch:

Warum wird die Änderung Männer betreffend an keiner Stelle miterwähnt? Warum fällt die gegenüber der Vergewaltigung in der Ehe völlig unter den Tisch? Gibt es darüber nicht ähnlich zeithistorisch interessante Bundestagsdebattenschnipsel, welche den schweren Weg bis dahin nachzeichnen? Wie wurde DIESER Antrag aufgenommen, wer hat ihn zur Diskussion gestellt, wie lauteten die Gegenargumente? Und so weiter.

Jetzt könnte man aus antifeministischer Sicht argumentieren, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nun mal als wichtigeres Problem wahrgenommen wird als gegen Männer. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, erklärt das in keinster Weise, warum auch aus Männerrechtler-Kreisen keine einzige Anmerkung zu dieser Reform gekommen ist. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer solchen einzig auf einen Eintrag zum §177 in der antifeministischen und sexistischen Datenbank WikiMANNia gestoßen, der allerdings die Reform weniger feiert als sie in verschwörungstheoretischer Manier negiert. Eine Sichtweise übrigens, mit der ich mich auch schon auseinander setzen musste:

Während ich mich also durchaus darüber ärgere, dass nur die halbe Wahrheit zu dieser dringend nötigen Reform den Weg in die Medien findet, besteht die Erinnerungskultur und damit Lobbyarbeit deutscher Männerrechtler mal wieder aus – genau – nichts.

Aber das ist ja nun auch nichts neues.

Quellen zur Straftatsbestandsgeschichte: lexetius.com

Und jetzt?

Nach vier Monaten ist es wohl mal wieder Zeit für ein Update.

Momentan habe ich die Aufmerksamkeitsspanne eines demenzkranken Goldfischs, deshalb ist Twitter gerade das einzige Medium, über das ich mich überhaupt regelmäßig zu Wort melde. Dabei gibt es zumindest eine Neuigkeit, die dann aber auch der Grund für meinen derzeitigen Zustand ist: Ich habe, mit Biegen und Brechen zwar, aber dennoch, tatsächlich mein Studium erfolgreich abgeschlossen beendet. Und dafür habe ich auch nur doppelt so lange gebraucht wie angesetzt! YAY!

Schön war das zum Ende hin nicht. Ich bin ja eine entschiedene Gegnerin der Bologna-Reform, aber wenigstens haben die Bachlor- und Masterstudenten nicht sämtliche notenrelevanten Prüfungen erst am Schluss. Nicht, dass ich nicht genug Zeit zum Lernen hatte, auch wenn einer meiner Dozenten entsetzt war über mein spätes Auftauchen zur Themenbesprechung (ich war ca. sechs Wochen vorher da, für ihn viel zu kurz, effektiv gelernt habe ich aber höchstens sechs Tage. Meine Note? Ne solide Zwei.), trotzdem wird mir das letzte Jahr als das grauenhafteste aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Nach meinem Marathon im Frühling, währenddessen ich fünf Hausarbeiten in ebenso vielen Wochen fertig stellte (natürlich keine davon notenrelevant), ging es meinem Empfinden nach nahtlos weiter mit dem Unischeiß, obwohl das in Wahrheit so gar nicht stimmt. Mein Stresslevel war dennoch konstant hoch, sank nicht während meiner Vorbereitung auf die Klausuren und entlud sich schließlich, als ich kurz vor der eigentlich leichtesten mündlichen Prüfung vor der Sekretärin des Landesprüfungsamts einen kleine Heulattacke hatte und die Prüfung daraufhin verschieben durfte – was nett von ihr war, im Prinzip das Leiden aber nur verlängerte.

Bei all dem könnte man meinen, dass ich nach der letzten Prüfung auf Wolken hätte schweben müssen. Das Gegenteil war der Fall.

Es ist die vielleicht größte Ekelhaftigkeit dieser elenden Krankheit Depression, dass sie es schafft, eigentlich tolle Sachen in einen riesigen Haufen Scheiße zu verwandeln. So verkroch ich mich nach meiner letzten Prüfung dann auch im Bett und heulte sechs Stunden am Stück.

Und jetzt, über zwei Monate danach, hat sich im Prinzip seitdem nicht viel geändert.

Ich fühle mich zu Tode erschöpft und leergepumpt, obwohl ich eigentlich kaum etwas anderes tue als sinnlos rumzuhängen, zu viel zu trinken und arbeiten zu gehen, wo ich dann auch oft nur rumhänge und zu viel trinke. Die Motivation für die ganzen tollen Projekte, nach denen ich mich während meiner Lernphase so gesehnt habe, ist in dem Moment verpufft, als ich endlich Zeit im Überfluss dafür hatte. Übrig bleibt: Lethargie, Selbsthass.

Im Grunde falle ich momentan in die selben unguten Muster, die sich bei mir auch nach dem Abi abzeichneten. Damals nannte man es Adoleszentenkrise, aber ob dieser Begriff für mich inzwischen 32jährige Schabracke noch passt?

Manchmal glaube ich, dass jeder noch so geistlose 9-to-5-Job mit der damit zwangsläufig verbundenen Struktur besser für mich wäre als dieser dauerhafte Zustand des so-gern-Wollens-aber-einfach-nicht-Könnens, wo doch all die Zeit, die ich ausfüllen könnte mit übersprudelnder Kreativität, sowieso sinnlos verstreicht. Gefolgt von dem verzweifelten Gedanken: morgen. Morgen wird es bestimmt besser.

Bisher war es es das aber nicht. Morgen ist es nie besser. Morgen bin ich nur einen Tag älter.

Ziellosigkeit. Ich weiß schlicht und ergreifend nicht, was ich will. Oft genug weiß ich nicht mal genau, was ich NICHT will, das sind dann die Momente, in denen der geistlose 9-to-5-Job plötzlich doch wahnsinnig attraktiv erscheint, aber selbst für sowas bin ich, die frischgebackene Historikerin und Germanistin, vermutlich nicht qualifiziert. Und so zieht sich die Ungewissheit ohne Ergebnis durch die Wochen und Monate.

Seit Wochen versuche ich ich, mich zum Schreiben von Bewerbungen zu motivieren, aber da ich ja nun doch kein Lehramt ausfüllen will, steht mir plötzlich alles und nichts offen. Ein paar Ideen hätte ich ja doch, aber weil ich nun so viele Jahre mit der Vorbereitung auf einen Beruf verschwendet habe, den ich nicht will, fehlt mir bei dem Meisten davon die nötige Erfahrung. Trotzdem könnte man es ja mal probieren – wenn man nur könnte. Wenn man irgendwas einfach mal so einfach könnte.

Die letzten Tage waren gefühlsmäßig mal wieder eher schlechter und das Schreiben bis hierher hat mich auch nicht gerade aufgebaut. Trotzdem gibt es kleinere Lichtblicke. Das Geld, was ich im Dezember gesammelt habe, hat gereicht, meine zu hohen KfW-Rückzahlungen bis diesen Monat zu bezahlen – ab 1. Mai zahle ich viel weniger und kann das hoffentlich in Zukunft allein stemmen. Gleichzeitig habe ich es geschafft und es auch bei Twitter stolz verkündet, dass ich Dank (halblegaler) Überstunden nun auch beim Freund schuldenfrei bin – was er genauso melodramatisch mürrisch zur Kenntnis nahm wie angekündigt.

Er ist ein weiterer Lichtblick. Ich liebe ihn sehr. Aber ich wünschte, ich könnte für ihn immer die Frau sein, die ich bin, wenn ich nicht in diesem tiefen Loch sitze.

Trotzdem habe ich weiterhin das Gefühl, in jeder Lebenslage gerade mit beiden Füßen auf der Bremse zu stehen. Leider habe ich bisher nur auf eine Art gelernt, mit so etwas umzugehen: Indem ich ihnen etwas anderes zu tun gebe und Wandern gehe.
Nun weiß ich selber, wie asozial es rüber kommt, wenn ich im Winter um Geld bettle und im Frühling in Urlaub fahre. Aber ich weiß nicht, was ich sonst noch machen soll. Ich kann einfach nicht mehr. Und da ich wie gesagt so viel arbeiten war wie möglich, Geld zum Geburtstag bekommen habe und auch meine Mutter mir unbedingt was zum Abschluss schenken wollte, wird es nun mal das. Nicht so lange wie ich gerne möchte (dann wäre ich wohl bis September unterwegs) und so sparsam wie möglich, aber immerhin 15 Tage – die mir hoffentlich genug Kraft geben, um den Restart-Button zu finden. Der Jakobsweg ist nicht die lebenserschütternde Wunderreise, als die er immer verkauft wird, aber immerhin dafür ist er für mich gut.

Nächste Woche gehts los. Und danach kann es hoffentlich weiter gehen und ich finde Antwort auf die eingangs gestellte Frage. So oder so.

Und noch ein Update! (Weihnachtsedition)

Morgen ist Weihnachten, also wäre eigentlich die Zeit gekommen für mein fast schon traditionelles Gejammer darüber, wie unheimlich scheiße dieses Fest ist… aber dieses Jahr fällt das flach. Einerseits, weil ich durch den ganzen Stress der letzten Wochen noch nicht mal im Ansatz realisiert habe, dass es morgen wirklich schon soweit ist (was ich gar nicht mal so schlecht finde). Und andererseits deswegen, weil mein Herz gerade voll Liebe ist ❤

Liebe Leute, ich kann nur immer und immer wieder Danke sagen. Denn eine Woche vor Ende meiner Spendenaktion wurde das Spendenziel nicht nur erreicht, sondern sogar deutlich überschritten!!! Das ist mit Abstand das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals bekommen habe. Das verschafft mir genug Luft, um nicht als hysterisches Nervenbündel ins neue Jahr zu gehen. Nochmal: DANKE!!!

Einzig meine Aussage über die  Verwendung muss ich ein wenig revidieren. Auf Twitter wurde ich nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass meine Vorstellung von einer „Stundung“ nicht der Realität entspricht – jedenfalls nicht, wenn es um die KfW geht. In meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich, eine Stundung würde bedeuten, die Zahlungen würden einen bestimmten Zeitraum lang ausgesetzt. Tatsächlich werden sie aber GESCHOBEN – was bedeutet, dass ich, wenn ich, sagen wir, 10 Monate lang die Rückzahlungen stunden würde, am Ende dieser Zeit die KOMPLETTEN Zahlungen AUF EINMAL hätte bezahlen müssen – also nicht knapp 400 Euro im Monat, sondern VIERTAUSEND auf einmal!

Wusstet ihr das? Falls ja, könnt ihr jetzt über mich lachen oder den Kopf schütteln. Ich wusste es nämlich nicht. Und mindestens zwei Personen in meinem Umkreis, die selber ihren Studienkredit stunden und die ich jetzt darauf aufmerksam gemacht habe, auch nicht. Was echt scheiße ist.

Das heißt aber auch: Selbst, wenn bei meiner Hilfsgesuch überhaupt nichts zusammen gekommen wäre… allein für diese Info hätte es sich schon gelohnt – und das hat mich vor einem schweren Fehler bewahrt. Auch dafür kann ich nicht oft genug Danke sagen.

Damit ist das Thema Stundungsantrag vom Tisch. Der Alternativplan lautet nun, weiterhin die Raten zu bezahlen, bis ich die Zahlungshöhe ändern lassen kann. Das geht leider erst ab April zur nächsten Roll-Over-Periode (was immer DAS auch heißt). Das Gute ist jedoch, dass genug Geld zusammen gekommen ist, um die Zeit bis dahin zu überbrücken – und danach sind die Zahlungen (hoffentlich) auf einem Niveau, das ich selber leisten kann 🙂

Lediglich der Freund muss damit jetzt leider noch ein bisschen warten, bis er sein Geld zurück kriegt, aber der freut sich da eher noch drüber (wir erinnern uns… wegen MACHT und so).

Ich habe lange überlegt, wie ich jetzt mit dem Spendenpool verfahren soll, da ich ihn ursprünglich bis Silvester geöffnet habe, das Ziel aber ja erreicht ist. Trotzdem habe ich mich entschlossen, ihn nicht vorzeitig zu schließen. Ich weiß, dass es leider immer Leute geben wird, die einem so etwas nicht gönnen, die neidisch sind oder einfach nur allgemein verbittert, und das jetzt als Anlass nehmen werden für noch mehr Hohn und Hass… aber ganz ehrlich: Geld (oder der Mangel daran) ist für mich leider ein viel zu großes Thema, um auf sowas Rücksicht zu nehmen. Niemand wäre froher als ich, wenn eine solche Aktion nicht nötig gewesen wäre, aber sie war es nun mal.

Tatsache ist: Mit dem Erreichen des Spendenziels sind meine akuten Geldprobleme gelöst. Ich sitze aber immer noch auf einem riesigen Berg Schulden, von dem ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau weiß, wie ich ihn jemals zurück zahlen werde. Ich hoffe, das ändert sich noch, aber bis dahin ist jede Hilfe willkommen. Selbst, wenn von heute an bis Silvester nur noch 5 Euro dazu kommen… das sind dann schlicht und ergreifend 5 Euro weniger, um die ich mir Sorgen machen muss.

Deshalb bleibt der Spendenpool solange offen wie ursprünglich geplant. Wer deswegen lästern will, kann das gerne tun. Ich wünsche solchen Menschen nur aus vollen Herzen, dass sie niemals in eine solche Situation kommen werden – und sich dann auch noch zusätzlich so eine bösartige Scheiße anhören müssen.

Alle anderen, die mir die letzten Tage durch liebe Worte, Unterstützung und ihre Spenden geholfen haben, wünsche ich außerdem ein schönes Weihnachtsfest mit einer erträglichen Verwandtschaft, leckerem Essen und reichen Gabentisch. Ich kann dazu leider nichts beitragen außer meinem tausendsten Dankeschön – und ein bisschen Musik mit meinem Lieblingsweihnachtsalbum!

 

Danke, Leute, ihr seid toll ❤