Man ist nur ein Opfer, wenn man in der Ecke sitzt und weint.

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Da hatten sie mich also wieder. Ein saudämlicher Satz, beiläufig eingeflochten, trivial, gedankenlos, böse.

Ich gehe an die Decke. Und genau das ist das Problem: Ich darf das nämlich nicht. Ausnahmsweise dieses Mal nicht, weil ich eine Frau bin und damit per se unfähig zu komplexen Gedankengängen, sondern wegen meiner Krankheit.

Mir wurde vor ziemlich genau sieben Jahren Depressionen diagnostiziert – doch nach all dem, was ich seitdem (und auch schon davor) gelesen und erfahren habe, dürfte ich schon wesentlich länger daran leiden. Nämlich, seit ich 13, 14 bin. Damit bin ich mein halbes Leben lang depressiv.

Das ist Scheiße, aber wie man sieht, lebe ich noch und bin durchaus in der Lage, meine Situation zu schildern. Und vor allem kann es mich so richtig ankotzen, wenn irgendwelche Pseudowissenschaftler, deren Spielplatz ich hier absichtlich nicht verlinken werde, über Depressionen plaudern, als ginge es ums Wetter, und dabei mehr als deutlich durchblicken lassen, dass sie bei dem Thema so ungebildet sind wie Scheiße.

Menno, jetzt hab ich schon wieder geflucht. Überhaupt bin ich ja schon wieder voll aggro. Denn das ist mein Schreibstil: Oft aggressiv, zeitweise polemisch, unsachlich, wenn es das Thema erfordert und ich keinen Bock auf überkorrektes Herumeiern habe, und manchmal auch einfach nur völlig überdreht.
Mein Schreibstil ist so, weil ich so bin. Denn: Ich bin nicht meine Depression. Eine Depression ist wie ein dunkler Schleier, der sich über einen legt, vieles dämpft – und manches erstickt.

Ich war ein fröhliches Kind. Ständig am herumrennen, neugierig, aktiv, laut, nervig, qietschfidel, extrovertiert, nicht im geringsten schüchtern. Das bin ich jetzt leider nicht mehr… was aber nicht heißt, dass mein Charakter sich geändert hat. Er liegt vielleicht unter der Leiche meiner Selbstachtung begraben, aber er ist noch da und zeigt Präsenz, so wie auch getönte Gläser das Licht der Sonne zwar verdunkeln, aber nicht aussperren können.

Worauf will ich mit diesem Schlingern am pathetischen Abgrund eigentlich hinaus?

Depressive sind nicht gleich. Jeder Depressive ist die Summe aus seinen Erfahrungen und dem, was ihm von Geburt an mitgegeben worden ist. Logischerweise unterscheiden sich Depressive daher, genauso wie andere Menschen (wir Depris nennen euch „Normalos“ – sorry) sich auch voneinander unterscheiden.

Natürlich gibt es Schnittstellen, sonst wäre die Bezeichnung „Depressiver“ ja hinfällig. Wir teilen uns offensichtlich genug Eigenschaften, um zu einer bestimmten Kategorie zugeordnet zu werden. Darüber hinaus sind wir aber jeder für sich ein Individuum.

depression2Eben diese Individualität wurde mir abgesprochen. Im Laufe der Zeit habe ich hunderte Depressive kennen gelernt und weiß: JEDER von ihnen hätte einen Satz wie „Depressive sollten sich ein positiveres Weltbild zulegen“ zum Kotzen gefunden. Das ist nämlich genau der Bullshit, der daran Schuld ist, dass Depressive ihre Krankheit immer noch lieber geheim halten; eine Verschiebung der Schuld auf höchsten Niveau, die leider vom Großteil der Bevölkerung immer noch betrieben wird, weil viele Menschen einfach ein Gefühlsleben wie ein Stück Brot haben und keine Sekunde in der Lage sind, sich mal in einen anderen Menschenhinein zu versetzen. Und saublöd ist er außerdem – das ist ungefähr so, als würde man einem verhungernden Kind empfehlen, doch einfach weniger Hunger zu haben. „Du würdest weniger heulen, wenn du einfach mehr lächeln würdest“ – aaaalles klar!

Was an natürlicher Empathie fehlt, kann man ja vielleicht wenigstens durch Bildung halbwegs wieder wett machen, oder? Tze, nee. Klappt auch nur bei denen, die Bock drauf haben. Und eben dieser Lackaffe, der mir bescheinigte, ich HÄTTE ja gar keine Depression, wenn ich es doch noch schaffe, so böse und heftig auf ein harmloses Sätzchen zu reagieren und die lieben Maskulistenbübchen so gemein anzugehen, hatte nun mal keinen Bock drauf (aber naja… das war eigentlich nicht überraschend).

Viele Depressive, die ich kenne, hätten tatsächlich nichts gesagt, weil ihnen krankheitsbedingt schlicht und ergreifend die Kraft gefehlt hätte. Und nur wenige der restlichen Betroffenen hätten es geschafft, so viel Wut zu mobilisieren und auf den Monitor zu bringen wie ich. So bin ich aber eben halt, da sprach nicht meine Krankheit aus mir, sondern, naja, ICH halt.
Mir einfach vor den Latz zu knallen, das wäre der Beweis, dass ich keine Depression hätte (und damit ja im Grunde auch gesagt wird, dass ich lüge), zeugt natürlich von besonderer Raffinesse. Denn damit bleiben ja nur zwei Möglichkeiten:
1. Ich halte meine Fresse und darf in den Augen dieser Wichser depressiv bleiben, damit bliebe ihr Müll aber unkommentiert, oder
2. Ich reiße mein Maul auf und bin eine Lügnerin.

Wisst ihr was? Interessiert mich nicht. Ich habe mein ganzes Leben versucht, so ehrlich wie möglich zu sein, aber wenn es mich zur Lügnerin macht, gegen gehirnerweichenden Bullshit anzuschreiben, dann bin ich halt eine.

Nur wenige Gegenstimmen erhoben sich außer mir. Und eine war besonders interessant: Es ging zwar ein vorsichtiger indirekter Tadel an die Vollidioten, die sich auf meine Kommentare gestürzt hatten, aber auch der eindeutige Hinweis an mich, über meine „Leiden“ doch da besser nicht zu schreiben.

„Meine Leiden“… buh, man vermeidet das böse D-Wort. Ich soll also nicht von meinem „Leiden“ schreiben, damit ich keine Angriffsfläche biete…
Woran erinnert mich das? Aja: „Geh nicht durch die dunkle Gasse, dann wirst du auch nicht vergewaltigt“.

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Ich schäme mich meiner Diagnose nicht. Kein Mensch mit Depressionen ist Schuld an seiner Krankheit. Im Real Life würde ich mir durchaus überlegen, wem ich mich offenbare, eben WEIL es so viele Idioten gibt, aber hier bin ich anonym und daher interessiert es mich einen Scheißdreck, wenn eine Bande Unbekannter mich für verwirrt oder verrückt hält.

Aber es ist schon interessant, wie man mundtot gemacht wird, nur weil man sich nicht so verhält, wie manche Leute es aus ihrer Kinderbeilage von „Psychologie Heute“ kennen. Die selben Menschen (naja, nein, DIE bestimmt nicht, aber Menschen vom gleichen Schlag) hätten vielleicht sogar wenigstens ein bisschen Mitleid mit mir, wenn ich still in meinem Kämmerlein vor mich hin leiden würde, statt unter schwachsinnigen Blogbeiträgen auf den Putz zu hauen.

Wozu mir ein ziemlich übles Beispiel einfällt.

Ich hatte ein Praktikum in einer Schule und kam dabei besonders mit einer sechsten Klasse in Kontakt. Diese Klasse, wie mir die Klassenlehrerin erzählte, war momentan schwierig: Zum neuen Schuljahr war eine neue Schülerin dazu gekommen. Sie war ein Jahr älter als ihre Klassenkameraden und bei einer Pflegefamilie untergebracht, weil sie in ihrer echten Familie missbraucht worden ist.

Verdammte Scheiße, dachte ich. Mir tat die Kleine unendlich leid. Aber wenn ich in diesem Moment auch nur annähernd geahnt hätte, wie der gesamte Lehrkörper zu diesem armen Mädchen steht, hätte ich vermutlich meine Jacke genommen und mir ein anderes Praktikum gesucht.
Denn alle hassten das Mädchen. Wirklich wahr. Sie machte kaum Hausaufgaben, fehlte oft, lungerte mit älteren Freunden vor der Schule herum und trank dort manchmal sogar Alkohol. Das war alles zuviel für die ganzen braven Landkinder der Klasse, die in geordneten Verhältnissen groß geworden sind. Sie reagierten mit Unruhe. Und Schuld war das Mädchen.
Es ist unglaublich, wie viel Abneigung alle Lehrer diesem Mädchen entgegen brachten, sobald sich die Tür des Lehrerzimmers hinter uns schloss. Am liebsten sollte sie einfach weg, wohin, wusste niemand, war aber auch egal, Hauptsache weg. Die Klassenlehrerin erzählte mir wutschnaubend, während die restlichen Lehrer um uns herum standen und beifällig nickten, dass die Klasse vor dem Auftauchen des Mädchens vorbildlich gewesen wäre.
Da fragt man sich: Wie vorbildlich und brav können zwölfjährige Schüler sein, die eine Mitschülerin, die verdammt noch mal sexuell missbraucht worden ist, anrufen und sie am Handy „Schlampe“ nennen?

Wäre sie doch nur ein besseres Opfer gewesen. Wenn sie doch nur schüchtern den Kopf über ihre Bank gesenkt und vielleicht ab und zu ein paar Tränchen verdrückt hätte, statt im trotziges Schweigen gehüllt den Schimpftiraden ihrer Lehrer zu lauschen, nur um an nächsten Tag wieder auf dem Parkplatz rumzugammeln und mit Sechszehnjährigen Bier zu saufen!

Wie immer nach der Todesstrafe für Kinderschänder geschrieen wird, wenn mal wieder ein Fall publik wird. Und dann hat man ein reales Opfer eines Kinderschänders vor sich und stellt plötzlich fest, dass dieses Kind schwierig ist. Sowas aber auch. Dann hat man natürlich jedes Recht, dieses Kind scheiße zu finden!

 

Wie wärs, ihr Vollidioten da draußen, wenn ihr uns allen einfach die Peinlichkeit erspart, euch zusehen zu müssen, wie ihr das Benehmen von auf welche Weise auch immer geschädigten Leuten mit der kaffeefleckigen Verhaltensschablone vergleicht, die ihr euch irgendwann vor Jahren nach Vorlage eines Spiegelartikels zum Thema oder des RTL-Samstagskinos gebastelt und danach nur noch in die Hand genommen habt, um eure unqualifizierte Meinung in die Welt zu scheißen?

Dann hätten wir normalen Betroffenen endlich Ruhe vor euch, auch ohne uns schön opfermäßig in eine kalte Ecke zu kauern.

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