Bücher-ABC 2013: A wie Stephen Kings „Atlantis“

Der Blog Bücher-ABC 2013 ist auf die ziemlich geniale Idee gekommen, über das gesamte Jahr verteilt zu Buchrezensionen aufzurufen! Das allein wäre noch relativ unspektakulär, wenn es nicht noch eine lustige Auflage gäbe. Im zweiwöchentlichen Turnus werden sämtliche Buchstaben des Alphabets der Reihe nach abgearbeitet. Bis zum 14. Januar macht demnach der von uns allen geschätzte Buchstabe A den Anfang! Gefragt sind daher Rezensionen zu Büchern, deren Titel mit A beginnen.

Es gibt zwar nicht zu jedem Buchstaben was zu gewinnen, wenn ich das richtig verstanden habe, aber zum Auftakt winkt direkt ein 25€ Amazongutschein, was man natürlich immer gebrauchen kann!

In solchen Fällen kann man pro Rezension ein Los erlangen, weshalb ich es dieses Mal auch nicht bei einer Rezension belassen werde 😉

Ein Spiel wie für mich gemacht, schreibe ich doch wirklich gerne Rezensionen! Und da mein Lieblingsautor the one and only Stephen King ist und ich ohnehin mal Rezensionen über alle Bücher, die ich von ihm gelesen habe,  sammeln und vorstellen wollte, ist dies die perfekte Gelegenheit! Ich widme dieses Spiel also ihm (und hoffe, es wird nicht vorzeitig abgebrochen). Den Anfang macht:

Stephen King – Atlantis
Hearts in Atlantis, 1999

atlantis2Inhalt
Bei diesem King-Werk handelt es sich im Grunde um eine Novellen- und Kurzgeschichtensammlung mit insgesamt fünf Texten, die jedoch thematisch und inhaltlich zusammenhängen. Allerdings spielen alle auf unterschiedlichen Zeitebenen, wobei der Aufbau chronologisch ist.

Niedere Männer in gelben Mänteln
In der ersten (und längsten) Erzählung lernen wir den elfjährigen Bobby Garfield kennen, der im Jahre 1960 nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter allein lebt. Diese hat der Tod ihres Mannes und die darauf folgende einsame finanzielle Verantwortung für den gemeinsamen Sohn wohl verbittert, denn sie behandelt Bobby äußerst kalt und pflegt zudem einen ausgesprochen manischen Sparwahn, unter dem Bobby zusätzlich zu leiden hat. Bobbys einzige Freunde sind sein bester Kumpel John und Carol, in die er – natürlich! – heimlich verknallt ist.
Bobbys Leben ändert sich gründlich, als sich ein neuer Untermieter bei den Garfields vorstellt. Von dem alten Ted Brautigan ist Bobby sofort fasziniert, nicht zuletzt, weil dieser seine Liebe zur Literatur mit scharfsinnigen Anekdoten und ohne die für Erwachsene typische Herablassung fördert.
Schnell entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem ungleichen Paar, doch schon bald wird diese getrübt: Ted leidet offensichtlich unter der Wahnvorstellung, von geheimnisvollen „niederen Männern“ verfolgt zu werden, und verfällt immer öfter in Phasen, die Bobby als Alterssenilität interpretiert. Dennoch tut er ihm den Gefallen, in der Stadt nach Anzeichen für diese seltsamen niederen Männer Ausschau zu halten… und muss mit der Zeit mit Entsetzen feststellen, dass Teds Phantasien gar nicht so verrückt zu sein scheinen…

Herzen in Atlantis
1966: Pete Riley studiert erfolgreich an der University of Maine und erlebt seine ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner neuen Freundin, der Antikriegsaktivistin Carol (siehe oben), bis sein gesamtes Studentenwohnheim mit dem „Hearts“-Virus infiziert wird (Hearts als Kartenspiel sollte jeder kennen, der Windows verwendet und sich schon mal die vorinstallierten Spiele angesehen hat). Im Folgenden verbringen er und seine Kommilitonen jede freie Minute mit Kartenspielen, wodurch die Noten sämtlicher Betroffener in den Keller rasseln. Dies wäre allein nicht so tragisch, wenn Petes Stipendium nicht an einen guten Notendurchschnitt gekoppelt wäre… und ein Verlust dieses Stipendiums nicht bedeuten würde, dass er zum Wehrdienst einberufen und nach Vietnam geschickt wird…

Blind Willie
1983: Willie Shearman, nach außen hin ein seriöser Geschäftsmann, verwandelt sich jeden Tag in „Blind Willie“, einen Vietnamveteran, der im Kampf erblindet ist und mittels seiner Behinderung täglich große Summen auf den Straßen von New York erbettelt. In einem skurrilen Akt der Buße versucht er damit, die Schuld, die er im Krieg auf sich geladen hat, abzutragen. Gleichzeitig kann er nicht vergessen, wie er als Junge tatkräftig mitgeholfen hat, zusammen mit seinen Freunden ein kleines Mädchen namens Carol brutal zu verprügeln…

Warum wir in Vietnam sind
1999: Bobbys alter Freund John, der ebenfalls in Vietnam gedient hat, steckt auf dem Weg zur Beerdigung eines ehemaligen Vorgesetzten im Stau fest. Während seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen und er sich wieder schmerzlich an eine alte Frau erinnert, die vor seinen Augen erschossen worden ist, regnet es plötzlich Gegenstände auf die Straße…

Heavenly Shades of Night are Falling
1999: Bobby Garfield besucht seine Heimatstadt und trifft am Grabe von John auf Carol, von der man glaubte, sie wäre bei einem Anschlag ihrer Aktivistengruppe ums Leben gekommen. Während beide Erinnerungen austauschen, erreicht sie von Ted, der einst vor den Augen von Bobby von den niederen Männern geschnappt worden ist, eine Nachricht, die offensichtlich nicht von dieser Welt stammt…

Meine Meinung
Es ist lange her, seitdem ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, aber ich glaube mich zu erinnern, dass es mir am Anfang recht lahm vorkam. „Toll,“ dachte ich, „wieder Kinder, wieder die Sechziger, denk dir mal was neues aus!“ Mir schien es, als hätte Stephen King Probleme, in die Handlung und die Charaktere hinein zu finden, was sich in manch literarischen Behäbigkeit widerspiegelte.

Doch dieser Eindruck ist schnell vergessen, spätestens, wenn Ted auftaucht. Stephen King beschreibt den chesterfieldrauchenden, rootbeersüchtigen Bücherwurm äußerst sympathisch, weshalb das Geheimnis um seine Vergangenheit und die Menschen (sofern es Menschen sind?), die ihn jagen, einen sofort fesselt. Mit ihm kommen auch die einzigen übersinnlichen Elemente, mit denen Stephen King ja ansonsten nicht gerade sparsam umgeht, in den Storyband, denn Ted bildet sich die „niederen Männer“ mitnichten ein und ist auch selbst nicht ganz so normal und harmlos, wie er scheint.

Wer diese „niederen Männer“ jedoch sind, bleibt zumindest in diesem Buch ein Mysterium. Dazu muss man wissen: Der Aufbau von „Atlantis“ ist unter Stephen Kings vielen Werken einzigartig, doch muss ebenfalls erwähnt werden, dass zumindest die erste Geschichte (und damit auch die letzte) starke Bezüge zu Kings Saga „Der Dunkle Turm“ aufweist. Das ist ein siebenbändiger (bzw. obwohl abgeschlossen inzwischen um einen achten Band ergänzten) Koloss, vor dem meiner Erfahrung nach selbst eingefleischte Stephen King Fans im Angesicht der puren Gigantomanie schon im Vorfeld kapitulieren. Erst im siebten Band wird der Leser dort wieder auf Ted stoßen.

Bäh, versteht man das Buch dann überhaupt oder kann man es sich dann sparen? Tja, ich habe es selbst verschlungen, bevor ich auch nur eine Seite des „Dunklen Turms“ gelesen habe, daher kann ich mit Gewissheit sagen: Wer damit klar kommt, dass am Ende der ersten Novelle ein paar Fragezeichen übrig bleiben, der wird dennoch Spaß an dieser Geschichte haben. Und wer danach doch noch den „Dunklen Turm“ lesen will, wird feststellen, dass es sogar besser war, Ted schon zu kennen, bevor man ihn dann wieder trifft.

„Herzen in Atlantis“ geht wiederum in eine ganz andere Ecke. Hier zeigt sich, dass Stephen King zu Unrecht als reiner Horrorautor verschrien ist und durchaus auch subtile Geschichten voll  alltäglichen Schrecken fabrizieren kann, wie neben ihm kaum ein Zweiter.

Allein die Idee, aus einem harmlosen Kartenspiel mit Freunden auf diese Weise ein Ringen um Leben und Tod zu machen – grandios! Damit muss man „Herzen in Atlantis“ in einem Atemzug nennen mit ähnlich aufgebauten und ebenfalls fantastischen Storys wie „Pin-Up“ (besser bekannt unter dem Titel der Verfilmung – „Die Verurteilten“) oder „Die Leiche“ (verfilmt unter „Stand by me“). Hier ist Vorwissen absolut nicht nötig – lesen und genießen!

„Blind Willie“ schlägt fast in die selbe Kerbe, ist aber, obschon sehr gut, nicht ganz so überzeugend. Hier wirkt der frömmelnde Drang zur Buße stellenweise etwas zu konstruiert, zudem sind Willies Vorsichtsmaßnahmen, die verhindern sollen, dass jemand heraus findet, dass sich hinter dem blinden Bettler ein durchaus des Sehens mächtiger Mittelklassetyp verbirgt, gnadenlos überzogen.

„Warum wir in Vietnam sind“ ist dann wieder einer dieser King-Storys, welche die Furchen auf der Stirn von Seite zu Seite mehr vertiefen. Sie ist, naja… einfach weird. Auch, wenn sich die Ereignisse letztendlich als reine Phantasie eines in Agonie windenden Sterbenden heraus stellen, ist sowas wohl einfach nichts für jeden.

Insgesamt betrachtet ist „Atlantis“ nicht gerade Kings bestes Werk, aber durchaus im oberen Drittel anzusiedeln, da hier ein grandioses Sittengemälde der 60er Jahre gezeichnet wird. Wer seinen Schreibstil mag, sich aber vor allzu plastisch geschilderten Horror gruselt, sei dieses Buch daher besonders ans Herz gelegt, da es einige seiner herausragendsten erzählerischen Eigenschaften in sich vereint, ohne ins Blutige abzurutschen. Von mir wärmstens empfohlen!

Es existiert im Übrigen auch eine Verfilmung unter den Titel „Hearts in Atlantis“ mit Anthony Hopkins als Ted, die allerdings nur die erste Geschichte behandelt.

atlantis

Damit ist der Titel leider auch kompletter Nonsens, da dieser sich innerhalb der Sammlung einzig auf die zweite Novelle bezieht („Hearts“ dürfte klar sein und mit „Atlantis“ ist das sagenhafte Unterseereich gemeint, welches von Donovan (und viel, viel später leider auch von den No Angels) besungen worden ist. Innerhalb der Erzählung steht das in eben diesem Song dargestellte „Atlantis“ als Metapher für die 60er Jahre unter dem Eindruck des Vietnamkrieges und der aufstrebenden Hippiekultur). Der Film selber ist trotz Anthony Hopkins (der tragischerweise überhaupt nicht so aussieht, wie ich mir Ted vorgestellt habe) leider eher mittelmäßig geraten, zumal sämtliche Verweise auf den „Dunklen Turm“ eliminiert worden sind.

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