Bücher-ABC 2013: A wie Stephen Kings „Amok“

Stephen King – Amok
Rage, 1977 (deutsch 1988)

amokDer von erheblichen persönlichen Problemen getriebene Schüler Charlie Decker wird eines Tages der Schule verwiesen, weil er einen seiner Lehrer angegriffen hat. Statt jedoch wie angewiesen die Schule zu verlassen, greift er sich die Pistole, die er schon seit einiger Zeit regelmäßig mit zur Schule gebracht hat. Erst erschießt er die Lehrerin, die gerade in seiner Klasse unterrichtet, dann nimmt er seine Mitschüler als Geiseln.
Während draußen die Verantwortlichen der Schule sowie die Polizei in Stellung gehen, entsteht zwischen Charlie und seinen Mitschülern ein eigenartiges Psychospielchen, bei dem die Perspektive mehr und mehr verschwimmt und die Grenzen zwischen Gut und Böse aufgeweicht werden.

 

Man mag es in irgendeiner Weise unangebracht finden, über das durchaus ernste Thema Schulamokläufe ein Buch dieses Inhaltes zu schreiben (Stephen King war wohl selber dieser Meinung, denn sonst hätte er es nicht über zwanzig Jahre nach dem Erscheinen vom amerikanischen Markt nehmen lassen). Doch ist die Verbindung zu realen Fällen höchstens oberflächlich.

Die Hintergründe des Täters werden im Laufe des Romans immer klarer, denn auch wenn Charlie Decker auf andere einen eher schüchternen, zurückgezogenen Eindruck machte, schildert er in Ich-Perspektive Episoden aus seinem Leben, das von der Angst vor seinem gewalttätigen, überdominierenden Vater geprägt war, der Charlies Mutter verachtete und gleichzeitig seinen „verweichlichten“ Sohn mit seinen überzogenen Männlichkeitsvorstellungen drangsalierte.

Ebenfalls spielt Sexualität eine große Rolle (wobei man bedenken muss, dass das Buch schon Ende der Siebziger erschienen ist, weshalb manche Szenen heute etwas merkwürdig anmuten). Während des sich zwischen Charlie und seinen Geiseln entspinnenden Gesprächs manifestiert sich die große Sexualunsicherheit, die einer prüden Gesellschaft wie den USA der Siebziger inhärent war. Während bei Charlie das Thema „sexuelle Versagensangst“ vorherrscht, berichten mehrere Mitschüler von ihren eigenen Erfahrungen, die unter anderem auch durchaus feministische Anklänge haben. So erzählt die Freundin des Klassenschönlings, wie sie in einer schmierigen Bar einen Kerl aufriss, und ein anderes Mädchen berichtet von einem unschuldig-schönen Shopping-Ausflug mit ihrer besten Freundin, der durch die Beleidigung „Fotze“ eines vorbei fahrenden Autofahrers jäh beendet wird. Auch wenn das keine reale Begebenheit ist, muss ich dennoch jedes Mal daran denken, wenn mir etwas ähnliches passiert.

Das Interessante an diesem Roman ist, dass man fast augenblicklich Sympathie für den vermeidlich bösen Amokläufer empfindet und seine Motive immer besser nachvollziehen kann. Fast kafkaesk wirkt dann auch die Reaktion der meisten Geiseln, denn diese sind mehr mäßig interessiert denn verängstigt. Mich hat das als Jugendliche, als ich den Roman zum ersten Mal las, besonders angesprochen, denn dieses „Generation-X“-Gefühl, das ich da herauszulesen glaubte („Na Hauptsache, es passiert mal was…“) war mir durchaus vertraut.

Vollends ins Groteske rutscht die Handlung schließlich, als sich die Stimmung der Klasse immer mehr gegen den Klassenschönling und einzigen „normalen“ Schüler der Klasse richtet, der als letzter dem Sog des Psychospielchens widersteht und seine Mitschüler vehement auffordert, Charlie als das zu sehen, was er offenkundig ist: ein verrückter Mörder. Doch obwohl dieser Junge bisher immer den Ton in der Klasse angegeben hat, wenden sich seine ehemaligen Bewunderer (und auch seine Freundin) letztendlich gegen ihn, was man allegorisch als Aufstand der unterdrückten Massen gegen den spießigen Mainstream lesen kann. Und was mir, ich gebe es zu, beim Lesen irgendwie Genugtuung verschafft hat!

„Amok“ wurde von Stephen King ursprünglich unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht, dessen Bücher durchaus einige Unterschiede zu King-Werken aufweisen. Den meisten fehlt das fantastische Element, wie auch hier. Unter den Bachman-Büchern bilden für mich „Amok“ zusammen mit „Todesmarsch“ und „Menschenjagd“ eine Einheit (vermutlich nur, weil ich sie damals ziemlich unmittelbar hintereinander gelesen habe). Alle drei sind verstörende Romane, die in pessimistischen Welten voller Abgründe spielen und alle drei haben kein gutes Ende – auch wenn man sich gerade bei „Amok“ fragen muss, ob Charlie nicht dennoch am Ende als moralischer Sieger hervor geht.

Daher sei euch auch dieser King-Roman empfohlen, auch wenn ihr vielleicht zu einem ganz anderen Urteil kommen werdet als ich.

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Bücher-ABC 2013: A wie Stephen Kings „Alpträume“

Stephen King – Alpträume
Nightmares and Dreamscapes, 1993

Hierbei handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung mit insgesamt 12 Geschichten unterschiedlicher Länge. Ganz schön viel, daher werde ich mich beim Inhalt extrem kurz halten.

alpträumeDolans Cadillac handelt von einem Typen, dessen Ehefrau von der Unterweltgröße Dolan getötet worden ist, weshalb er sich einen teuflischen Racheplan ausdenkt, bei dem Dolans geliebter Cadillac eine wichtige Rolle spielt.
Das Ende des ganzen Schlamassels spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Welt aufgrund von Kriegen und Terroranschlägen am Abgrund steht und ein geniales Wunderkind eine Möglichkeit findet, die menschlichen Aggressionen auf ein Minimum zu reduzieren.
In Kinderschreck erblickt eine ältliche Lehrerin hinter der Fassade ihrer Schüler das Grauen.
Der Nachtflieger ist eine Vampirstory, in der ein Journalist sich an die Fersen eines mysteriösen Piloten heftet, den er als Schuldigen einer Mordserie vermutet, ohne zu wissen, mit welchem Wesen er sich hier anlegt.
In Popsy muss ein Kidnapper erkennen, dass er von manchen Kindern besser die Finger lässt.
Es wächst einem über den Kopf wirft einen Blick zurück nach Castle Rock nach den Ereignissen im Roman Needful Things.
In Klapperzähne entpuppt sich ein Kinderspielzeug, mechanische Riesenzähne mit Füßen, als Retter in der Not.
Zueignung ist die Geschichte eines schwarzen Zimmermädchens, dass auf mysteriöse Weise die Essenz eines weißen, erfolgreichen Autors in sich aufnimmt.
Der rasende Finger beschäftigt sich mit folgender hochwichtigen Frage: Wie würdest DU reagieren, wenn du eines Tages in den Bad gehen würdest und sehen müsstest, dass aus dem Abfluss ein lebendiger Finger ragt?
In Turnschuhe treibt ein Toter in der Toilette eines Bürogebäudes immer noch sein Unwesen.
In Verdammt gute Band haben die hier verschlägt es ein Pärchen in das abgelegene Städtchen „Rock ’n Roll Heaven“. Dort merkt es bald, dass der Name hier tatsächlich Programm ist!
Und bei der letzten Story Hausentbindung handelt es sich um eine klassische Zombiegeschichte, in die eine hochschwangere Frau unvermittelt gerät.

 

Bei dieser Sammlung handelt es sich um die allererste Kurzgeschichtensammlung überhaupt, die ich von Stephen King gelesen habe. Damals war ich wohl noch zu jung, um alle Geschichten zu verstehen, aber seither habe ich sie noch viele Male gelesen 🙂

Wie bei allen Kurzgeschichtensammlungen von King gibt es gute und schlechte Geschichten. Am wenigsten gefallen mir Kinderschreck, Es wächst einem über den Kopf , Zueignung, Turnschuhe und Hausgeburt. Kinderschreck ist mir einfach zu trivial, genauso wie Turnschuhe und Hausentbindung; alle drei Geschichten bedienen sich bekannter Stereotypen (Kinder als reale Monster, plötzlich auftauchende Tote/Geister und Zombies), aber schaffen es nicht, sich dabei von anderen Storys gleichen Inhaltes abzuheben. Mir erscheinen sie eher wie eine Fingerübung denn als echte Kurzgeschichten.
Zueignung dagegen ist einfach nur sehr unappetitlich, zudem verstehe ich dieses schwarz-weiß-Thema nicht so wirklich. Hier offenbart sich außerdem Kings Schwäche, aus der Sicht von Frauen zu schreiben. Letztendlich plätschert die Story etwas lahm vor sich hin, ohne dass tatsächlich was passiert. Sie ist auch einfach viel zu lang!
Es wächst einem über den Kopf ist definitiv die Story mit dem größten „Hä?“-Faktor. Eigentlich gibt es hier überhaupt keine Handlung. Man trifft einige Bekannte aus „Needful Things“ wieder (womit man die Story getrost überblättern kann, wenn man diesen Roman nicht gelesen hat) und wird mit der pessimistischen Grundstimmung dieser sterbenden Stadt konfrontiert. Das ist deprimierend und macht schlicht und ergreifend keinen Spaß!

Dolans Cadillac, Nachtflieger, Popsy und Verdammt gute Band haben die hier sind so mittel. Sie sind nett zu lesen, hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck. Bei Dolans Cadillac kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier viel zu viel Aufwand betrieben wird für zu wenig Ergebnis. Die Geschichte ist genauso aufgebläht wie Nachtflieger. Ich bin ja der Meinung, dass Stephen King einfach die Finger von Vampiren lassen sollte, denn irgendwie kriegt er das nie so wirklich zu meiner Zufriedenheit hin! Das ist dann auch die Schwäche von Popsy.
Die Story von Verdammt gute Band haben die hier ist durchaus der Hammer – hier trifft das Pärchen auf sämtliche Rockstars, die zu früh gestorben sind. Das Problem, was ich damit habe, ist ein ganz persönliches, welches ich nicht Stephen King anlasten will, dennoch hat es mir den Spaß ziemlich vermiest: Ich kenne die meisten der Rockstars (größtenteils Stars aus den 60er Jahren) einfach nicht. Janis Joplin, Elvis etc. sind klar, aber dazu kommen noch sooo viele andere Personen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Und jedes Mal ärgere ich mich, dass Stephen King diese Story schrieb, bevor Kurt Cobain sich auf seine Reise in den Rock ’n Roll Heaven gemacht hat…

Damit zu den wirklich guten Storys. Das Ende des ganzen Schlamassels ist die einzige Geschichte, die in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Der Bruder des besagten Wunderkindes schildert darin rückblickend in einem Bericht die Ereignisse, wobei er sich interessanterweise durch Einnahme eines langsam wirkenden Gifts selbst eine Deadline (höhö) gesetzt hat. Das Ganze ist unheimlich spannend, zudem regt die Handlung zum Nachdenken über die Natur des Menschen und seine Intelligenz an.

klapperzähne

Klapperzähne!

Klapperzähne ist besonders interessant, weil man irgendwie damit rechnet, dass dieses Gebiss mit Füßen, welches der Hauptcharakter zufällig in einem Tankstellenshop aufstöbert, das Böse in der Story ist. Isses aber nicht, im Gegenteil. Das ist lustig und vor allem super geschrieben. Man wünscht sich sofort auch so ein Teil!

Meine Lieblingsgeschichte ist aber mit Abstand Der rasende Finger. Allein die Idee ist so dermaßen schräg, offenbart aber wieder mal Stephen Kings skurriles Verständnis von Horror. Es muss nicht immer ein Zombie, Vampir oder Geist sein – man würde genauso ausrasten, wenn so etwas alltägliches wie ein (körperloser?) Finger sich plötzlich an Stellen zeigt, wo er nicht hingehört!
Zudem nutzt King hier wirklich das komplette Potential, was sich aus diesen Vorgaben bietet. So bescheuert es auch ist, man fiebert wirklich mit, vor allem, da hier innerhalb von wenigen Seiten einige wirklich lebensnahe, glaubhafte Charaktere gezeichnet werden. Kings große Stärke!

Zusammengefasst ist Alpträume, auch wenn die Bewertung ein wenig harsch aussieht, eine wirklich schöne Kurzgeschichtensammlung mit vielen unterschiedlichen Storys. Für jeden sollte was dabei sein… und für Kingfans ist es das sowieso!

Als letztes sollte erwähnt werden, dass die Sammlung nur die Hälfte der Geschichten aus „Nightmares and Dreamscapes“ enthält, zumindest ist das in der Ausgabe so, die ich vor vielen Jahren gekauft habe. Die andere Hälfte wurde im Band Abgrund veröffentlicht, der sich damit ja auch gut für das aktuelle Bücher-ABC anbieten würde – wenn ich ihn denn gelesen hätte 😦

Aber was glaubt ihr, was ich mir GERADE JETZT bestellt habe? :mrgreen:

Bücher-ABC 2013: A wie Stephen Kings „Achterbahn“

Stephen King – Achterbahn
Riding the bullet, 2000

achterbahnDen Studenten Alan Parker erreicht eine schlechte Nachricht: Seine Mutter liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Obwohl sein Auto kaputt ist, möchte er es sich nicht nehmen lassen, sie sofort zu besuchen. Dazu will er die gesamte Strecke trampen.

Nachdem zwei Autofahrer ihn bereits ein gutes Stück mitgenommen haben, geht er gerade an einem Friedhof vorbei, als ein dritter Autofahrer anhält und ihn mitnimmt. Trotz des seltsamen Geruchs im Wageninnern steigt er ein, muss aber im Laufe der Fahrt feststellen, dass er das Auto mit einem Toten teilt…

Man kann sich drüber streiten, ob dieses nicht mal 100 Seiten lange Geschichtchen eine Kurzgeschichte oder doch schon eine Novelle ist. Wie dem aus sei – das hat den Ullstein-Verlag nicht davon abgehalten, diese Story als einzelnes Buch herauszubringen und seinerzeit immerhin knapp 7 Euro dafür zu verlangen.
Noch im Okay-Bereich, wenn die Geschichte das wert ist. Nun, das ist sie leider nicht! Achterbahn ist wirklich stinklangweilig und lange nicht in der Lage, als einzige Geschichte ein Buch zu tragen.
Ich meine, wie platt ist das bitte. Der Typ latscht an einem Friedhof vorbei und der nächste Autofahrer, der anhält, ist ein Zombie. Wow.
Was das Ganze mit der Achterbahn („The Bullet“) zu tun hat, vor der Alan als Kind mal Angst gehabt hat, hat sich mir leider auch nicht so ganz erschlossen. Das ist wieder so ein Beispiel für Catchphrases oder Metapher, die Stephen King fast in jeder Geschichte einführt und dann bis zum Erbrechen auf die Spitze treibt. Bei „Sie“ ist das Afrika, bei „Dolores“ ist es „trick me twice, shame on me“, bei „Friedhof der Kuscheltiere“ ist es „Der Acker im Herzen eines Mannes ist steiniger“ etc.pp. Hier steht die Achterbahn nun metaphorisch für Herausforderungen – in diesem Fall die Herausforderung des Zombies für Alan, entweder anstelle seiner Mutter zu sterben oder sich selbst zu retten, indem er seine Mutter zum Tode verurteilt.
Ich habe mit sowas immer Probleme. Das ist einfach gegen die Spielregeln: Ein Geist/Zombie/Dämon kann nicht einfach jeden x-beliebigen Menschen aufgabeln und vor eine sadistische Wahl stellen, dafür muss dieser sich in irgendeiner Weise verpflichtet oder schuldig gemacht haben!
Leider ist Achterbahn damit für mich durchgefallen. Die Story ist zu beliebig, der Horror vorhersehbar und die Charaktere platt. Die Tatsache, dass die Story auch noch einzeln als Buch erschienen ist, ist dabei das Tüpfelchen auf dem i und schlicht Geldmacherei.

Fazit: Wirklich nur für Fans!