Die Zugänglichkeit der deutschen Universitäten für das unterprivilegierte Proletariat

Eigentlich wollte ich heute über was ganz anderes schreiben, aber nachdem ich gerade eine Kolumne auf Spiegel Online von Jan „Der schwarzer Kanal“ Fleischhauer gelesen habe und mir dabei fast ein Ei geplatzt ist, muss dieses Thema jetzt endlich auf den Tisch!

Mir ist es wirklich unbegreiflich, wie solche Leute mit ihrer wirren, polemischen Krakelei eine Plattform auf einer der größten deutschen Nachrichtenseiten bekommen können! Was ist jetzt bitte genau sein Problem? Ist er nun für oder gegen Studiengebühren? Ist er dagegen, aber es kotzt ihn an zu wissen, dass die verteufelte SPD von Anfang an keine Studiengebühren einführen wollte? Oder ist er dafür, weil: die Lidl-Verkäuferinnen?! Was ist denn das bitte für eine Argumentationskette?! Nochmal: Wie kann einem solchen Typen die Möglichkeit geboten werden, seine geistigen Abwegigkeiten der breiten Masse zu präsentieren?!

Es kann einem natürlich Angst und Bange werden bei dem Gedanken, die Universität mit solchen Pöbel wie mir teilen zu müssen. Mir dummen Arbeiterkind!

Ich kam im universitären Umfeld mit Klassismus in Berührung, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte. Ach, eigentlich fing es ja schon vorher an! Die Arzttochter wurde nach der Grundschule – natürlich! – aufs Gymnasium geschickt, doch ich, Tochter einer Sachbearbeiterin und eines Schreiners, kam selbstverständlich auf eine Realschule. Es half leider nichts, dass ich dort einige Jahre in Folge die Beste in der Klasse war und mich tödlich langweilte – niemand dachte darüber nach, daran nachträglich etwas zu ändern!

Und auch wenn mir immer wieder von einigen Familienmitgliedern nahe gelegt wurde, doch einfach eine Lehre zu machen und Geld zu verdienen, zog ich nach der mittleren Reife den Wechsel zu einer anderen Schule durch und erreichte dort mein Abitur.

Dann ging es darum: Wo studieren? Die nächsten Unis fielen direkt weg, wegen Studiengebühren! Also bewarb ich mich in andere Bundesländer und wurde dort glücklicherweise an einer Uni angenommen.

Und hier fingen die Probleme erst RICHTIG an. Kein Mensch konnte, nein, wollte mir helfen, meinen Stundenplan zusammen zu stellen oder überhaupt mal bei der Studienordnung durchzublicken. Wie sollten sie auch, ich war die erste in meiner Familie, die studiert!
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und als das für meine Eltern offensichtlich wurde, fuhr mich mein ziemlich angepisster Stiefvater zu meiner künftigen Uni und warf mich dort aus dem Auto mit dem Befehl, erst wieder zu kommen, wenn ich die Studienberatung wegen meinen Problemen aufgesucht hätte.

Tja, da irrte ich also auf dem Campus rum, ohne zu wissen, wo ich mich hinwenden sollte. Schließlich, als die Verzweiflung groß genug wurde, ging ich einfach mal in eines der vielen Gebäude rein und fragte dort den erstbesten Studenten, wo die Studienberatung ist. Und er, sicher in bester Absicht, schickte mich leider zum falschen Büro.

Mir wird immer noch ganz heiß bei dem Gedanken, was ich dort erlebte. Stotternd und verschüchtert schilderte ich der Sekretärin meine Probleme, was diese mit einem süffisanten Grinsen bedachte.

„Was, Sie wollen zur Studienberatung für Soziologie? Da sind Sie hier aber falsch, hier ist Jura. Ich würde sagen, da geht das kleine Mädchen noch mal heim und kuckt sich die Öffnungszeiten der Studienberatung im Internet an! Das müsste der Herr Müller sein, im Raum 0815. Der ist aber erst nächste Woche wieder da.“ Ihr Grinsen wurde breiter und noch eine Spur selbstzufriedener. Einen Seitenhieb hatte sie nämlich noch für mich! „Bis dahin können Sie ja noch ein bisschen Hochdeutsch üben!“

Wenn ich diese Geschichte erzähle, ernte ich meist ungläubige Blicke, aber ich schwöre, es hat sich genau so abgespielt! Und oh mein Gott, wie gerne würde ich wieder zu diesem Tag zurück gehen. Heute würde ich dieser blöden Kuh den Arsch aufreißen!!! Aber damals war ich einfach nur erstarrt. Die einzige Aufsässigkeit, die ich mir leistete, war ein sarkastisches „Viel Spaß“ an die anderen Studenten, die noch vor der Tür warteten, als ich davon schlich.

Ich ging zurück zu meinem Stiefvater, setzte mich ins Auto und brach in Tränen aus. Selten habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Herkunft, die sich in so vielen Kleinigkeiten äußerte – meinem Auftreten, meiner Wortwahl, meiner allgemeinen Unsicherheit in diesem Umfeld, meinem Dialekt – in gewissen Kreisen ein Grund war, mich von vorne herein zu disqualifizieren und verächtlich zu machen. Aber das war auch die Geburt eines Gefühls, das ich gerne „Arbeiterhass“ nennen würde. Arbeiterhass, geboren aus Arbeiterstolz!
Ich habe mit meinem Stiefvater nie mehr darüber gesprochen, aber als er mich in Tränen aufgelöst so vor sich sah und sich meine stockende Schilderung anhörte, stieg in ihm wohl ein ähnliches Empfinden auf. Er war jedenfalls kurz davor, auszusteigen und zu der Tussi zu gehen, um ihr seine Meinung zu sagen. Leider habe ich ihn damals davon abgehalten.

Und das war nur der Beginn meiner Odyssee, die noch nicht beendet ist und die sich trotzdem immer noch so anfühlt, als wäre ich eine Fremde in einem fremden Land, bewohnt von Leuten, die genauso aussehen wie ich, aber besser gekleidet sind und mit mir nicht mehr gemeinsam haben als Aliens.

Da war zum Beispiel die junge Studentin in meinem Philosophieseminar über Kant, die dem Dozenten aus welchen Gründen auch immer erzählte, dass sie eine wunderschöne Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ damals von ihrem Großvater zum Abitur geschenkt bekommen hat.
Ich saß neben ihr und spürte wieder diese Wut. MEIN Opa war Bergmann gewesen und hat in seiner Freizeit Hühner gezüchtet. Ich bin mir fast sicher, dass er in seinem ganzen Leben nie was von Kant gehört hat (fragen kann ich ihn aber leider nicht mehr), geschweige denn jemals auf die Idee gekommen ist, mir ein Buch von ihm zu schenken.
Überhaupt – Bücher. Die Romane, die wir zuhause haben, hatte ich schon mit 12 Jahren durch. Und Sachbücher, Bücher, mit denen man sein Wissen mehren konnte? Ein medizinisches Nachschlagewerk aus den Fünfzigern, in dem Onanie noch als (rein männliche) Krankheit aufgeführt wird und eine sechsbändige Enzyklopädie, die verkündet, die Amerikaner hätten für die nächsten Jahre eine bemannte Mission zum Mond geplant. Tolle Voraussetzungen!

Geld war natürlich auch immer ein Thema. Der obligatorische Bafögantrag wurde gestellt und abgewiesen. Meine alleinerziehende Mutter verdient angeblich zu viel. Und ja, von einem Gehalt von ca. 1.700 Euro können junge Sacharbeiter, die anders als meine Mutter, die seit den boomenden Siebzigern im selben Betrieb angestellt ist, heute nur träumen. Auch wurde uns negativ ausgelegt, dass meine Mutter ein Haus besitzt. Aber ein Haus ist nicht automatisch Luxus, vor allem nicht, wenn noch über 100.000 Euro Schulden drauf sind! Ich komme vom Land, da hat so ziemlich JEDER ein Haus, Wohnungen gibt es auf dem Land praktisch nicht! Was hätte sie tun sollen – es verkaufen?! Das Haus, das größtenteils mit ihrem Geld und der Hände Arbeit ihres Partners und Vaters gebaut worden ist, nur damit ihre Tochter studieren kann?! Und dann? Sich eine Wohnung suchen, die mietmäßig im Endeffekt auch nicht billiger kommt als die Raten für unser Haus?!

1.700 Euro, und davon sollte sie mir eine Wohnung, Essen und Taschengeld bezahlen. Hätte sie nicht geschafft, wenn sie sich nicht ihre eigenen Lebenserhaltungskosten mit meinem Stiefvater geteilt hätte – und damit war es vorbei, als sie sich trennten und sie ihm seinen Anteil am Haus ausbezahlte.
Und das war der Moment, als mir schmerzlich klar wurde, dass mein 400 Euro Job ebenfalls nicht reicht, um zu leben und ich es nicht weiter verantworten kann, meiner Mutter so viel Geld abzuverlangen. Ein paar Wochen erwog ich ernsthaft, mein Studium abzubrechen und eine Lehre zu beginnen und hätte ich gewusst, dass ich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen würde, hätte ich es wohl gemacht. Aber ich wusste es eben nicht, also entwickelte ich einen Plan B und richtete einen Studienkredit ein. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, wäre ein Studienabbruch keine Frage des Sollens, sondern des Müssens gewesen!

Man muss dazu sagen, dass ich noch Altstudierende bin, nach allem, was ich beobachtet habe, die BA/MA-Studenten der neuen Studiengänge aber überhaupt nicht arbeiten gehen können! Das Studium ist nun so straff und so arbeitsintensiv (dabei aber nicht im Geringsten besser), dass dafür schlicht und ergreifend keine Zeit mehr bleibt! Für diese Menschen gibt es gar keine andere Möglichkeit als einen Studienkredit, wenn Mami und Papi das Studium nicht bezahlen können! Und selbst damit wird es schwer – der Kredit bei der KfW, den ich habe, ist auf 650 Euro im Monat limitiert! Versucht mal davon zu leben, wenn ihr davon von Miete über Essen über Bücher über Klamotten über Semesterbeitrag ALLES bezahlen müsst!

Und dann stellt euch vor, ihr müsstet davon noch Studiengebühren abdrücken. 1000 Euro im Jahr – dafür muss ich zweieinhalb Monate arbeiten gehen!
Ich hab mal eine Äußerung eines CDU-Politikers gehört, als es darum ging, in einem bestimmten Bundesland Studiengebühren einzuführen. Ich weiß nicht mehr, um welches Bundesland es ging, auch den Namen des Politikers weiß ich nicht mehr, aber seine Meinung war folgende: „500 Euro Studiengebühren bei 10 Semestern, das sind 10.000 Euro… das ist ja nicht sooo viel. Das ist ungefähr der Wert eines Autos.“

Wem ist die mathematische Glanzleistung in diesem Beispiel aufgefallen!? Die stammt nicht von mir! Der Mensch war tatsächlich der Meinung, dass 10 * 500 = 10.000 Euro ist! Da ist die Frage dann nicht mehr, ob der Typ selbst studiert hat oder nicht, sondern ob er überhaupt die 5. Klasse geschafft hat!
Muss ich überhaupt noch erwähnen, dass es ein kleiner Unterschied ist, ein Auto von diesem Geld zu kaufen und dieses dann auch zu HABEN, oder sich von 10.000 Euro einfach auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden?! Das sollte klar sein, selbst wenn es sich korrekterweise nur um 5.000 Euro handelt! Das ist eine Summe, die man halt auch erst mal verdienen muss – für einen Bankmanager natürlich ein weitaus leichteres Unterfangen als für eine Lidl-Verkäuferin!!

Eigentlich sollte man meinen, die Erkenntnis, dass manche Leute zwar durchaus gut leben können, wie meine Familie es immer tat (wir sind eben NICHT arm!), aber es halt für diese eine kaum zu stemmende Belastung ist, ein Kind auf eine Universität zu schicken – oder, Gott bewahre, zwei oder drei! – wäre einfach. Aber nein – für gewisse Mitstudenten, aus genannten Gründen eher aus einem besserverdienenden Akademikerhaushalt stammend denn aus meinem Milieu, ist das eine nicht zu leistende Einsicht.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon dafür rechtfertigen musste, dieses oder jenes nicht zu tun, weil es mir zu teuer ist. „Tja, warum kaufst du dir nicht was ordentliches? Kein Wunder, dass es nicht funktioniert,“ war das Urteil meiner Mitbewohner zu meinem unter-300-Euro-Netbook, das ich vor ein paar Monaten gekauft und direkt verflucht habe, weil es schlicht und ergreifend scheiße ist (mein erstes Netbook hat aber vor vier Jahren auch nicht mehr gekostet und läuft nun gezwungenermaßen immer noch).

Begreift ihr nicht, meine lieben privilegierten Mitstudenten, dass ich mir mehr nicht leisten kann?! Meine Fresse, wenn ich das Geld hätte, würde ich mir natürlich auch ein supergeiles oberpowermäßiges Macbook für tausend Euro irgendwas kaufen, aber ich kann es nun mal nicht!! Leute, ich habe zu diesem Zeitpunkt fast dreißigtausend Euro Schulden!!! Und JA, anders als Bafög muss ich die irgendwann KOMPLETT zurück zahlen!!

Ich freue mich ja für euch, dass alles von euren Eltern bezahlt wird und ihr nicht mal arbeiten gehen müsst, aber kommt mal aus eurer Reiches-Kind-Seifenblase raus und macht verdammt noch mal die Augen auf!

Interessant war auch die Ansicht dieses einen Typen, den ich 2010 auf dem Jakobsweg in Spanien traf, ein Trip, den ich mir vom Mund abgespart hatte! – auf mein Geständnis hin, gerne richtig gut Spanisch sprechen zu können. Obwohl ich mehrmals darauf hinwies, nicht viel Geld zu haben, penetrierte er mich mit Vorschlägen wie diesem: „Ein einmonatiger Sprachkurs in Madrid kostet gerade mal tausend Euro!“
Was, nur tausend Euro?! Ein Schnäppchen! Ich Dummerchen, sowas nicht vorher in Betracht gezogen zu haben!

Fremdsprachen sind definitiv nicht meine Stärke. Aber ist es ein Wunder, dass ich schlechter Englisch spreche und verstehe als Leute, die schon in der Schule ein Auslandsjahr in den USA spendiert bekamen, zwischen Schulabschluss und Uni „einfach mal chillten“ und eine Backpackungtour durch Australien unternahmen und jetzt in den nächsten Semesterferien zwei Monate in Irland zelten wollen?! Und das ich aus diesem Grund jedes Mal ein kleines bisschen eskalieren könnte, wenn man mir herablassend bescheinigt, dass meine Lieblingsserie im O-Ton ja viiiel besser sei?

Klassismus ist nichts, über das ich aus meinem universitären Elfenbeinturm heraus abgehoben fasele, sondern meine Lebensrealität! Daher möchte ich gerne jedes Mal Amok laufen, wenn ich eine elitäre Radikalfeministin lese, die in einer Arroganz, die wahrlich ihresgleichen sucht, mit Fremdwörtern und feministischen Fachtermini um sich wirft, so dass ihr Text für alle, die nicht schon mindestens einen Bachelor haben, völlig unverständlich wird, gleichzeitig aber in einem Akt der totalen puritanischen Selbstbeweihräucherung ob ihrer Hingabe für diskriminierte Minderheiten hinter gebräuchlichen Phrasen ein „RW“ für „Redewendung“ einfügt, „als Hilfe für Nicht-Muttersprachler_innen“.

Was für eine groteske Lächerlichkeit! Und die gleichen Menschen, die sich für den moralischen Eichstrich der gesamten Welt halten, werfen mir Klassismus vor, wenn ich konstatiere, dass es Frauen gibt, die ein niedrigeres Bildungsniveau haben. Können die Frauen was dafür, meinte ich, dass diese Frauen blöd sind?! Nein, aber sie stecken dennoch da drin, wie auch  ich bis zu einem gewissen Grad drin steckte und immer noch stecke!

Und aus dieser meiner Position heraus sage ich am Ende dieses viel zu langen, völlig abschweifigen Posts, um noch mal einen Bogen zu meinem Aufhänger zu schlagen, in aller gebotener proletarischer Deftigkeit: Herr Fleischhauer, ich finde Sie scheiße!

Advertisements

Ein Fitnessstudio wäre so schön, wenn nur der ganze Sport und die Leute nicht wären. Teil 2: Mitsportler

Nachdem Tim und ich also unsere ersten Erfahrungen in unserem neuen Fitnessstudio gesammelt hatten, erhielten wir nur zwei Tage später unser vom Chef persönlich abgehaltenes Einführungstraining.

Zu diesem Zweck mussten wir, wie schon gesagt, einen Fragebogen ausfüllen und uns dann verbindlich für das Training anmelden. Pünktlich zur verabredeten Zeit waren Tim und ich zur Stelle und freuten uns, dass laut Plan nur noch eine einzige weitere Person mit uns eingeführt werden sollte. Weniger Leute, mehr individuelle Betreuung – toll!

Bevor die Frau jedoch auftauchte, machten wir Bekanntschaft mit dem Chef. Und der sah genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: An die Fünfzig, ein Bizeps wie Oberschenkel und Oberschenkel wie Baumstämme. Ein Mensch, der für seine Leidenschaft lebt! Wenn sie nur nicht so unansehlich wäre…

Er begrüßte uns nett. Dann wurde es direkt nicht so nett. „Also, ich werde euch gleich die Geräte zeigen, aber bis die andere kommt, wollt ihr vielleicht zum Einstieg beim Bauchwegkurs mitmachen? Der fängt in zwei Minuten an.“
Wohlgemerkt: Unser letzter (und erster) Bauchwegkurs, der mir wie ein Wochenendausflug in einen der inneren Kreise der Hölle vorgekommen war, lag erst zwei Tage zurück. Meine immer noch schmerzenden Muskeln schrien allein bei der Vorstellung auf, diese Tortur noch mal durchmachen zu müssen.
Tim dagegen sagte: „Na klar!“
Und meine Muskel hörten auf zu schreien und weinten stattdessen ein bisschen. Ach Mann!

Aber ich lächelte einfach nur verzerrt und ergab mich meinem Schicksal. Just in diesem Moment tauchte dann auch die Dritte im Bunde auf. Eine Frau Mitte dreißig, komplett in stylisches Adidas gewandet, die mir sofort unaufgefordert erzählte, dass sie schon vorher in diesem Studio gewesen war und jetzt wieder durchstarten wolle, weil „es sich einfach so gut anfühlt“ und ungefähr 12 Kilo wog.

Unnötig zu erwähnen, dass ich die Tussi sofort aus tiefster Seele hasste.

Auch sie stimmte begeistert zu, beim Bauchwegkurs mitzumachen, also schlich ich hinter Tim und ihr in den Trainingsraum und ließ mich seufzend auf einer Matte nieder.
Die ersten Übungen übertrafen meine schlimmsten Befürchtungen. Zuvor war der Kurs ja schon übel gewesen – aber mit Muskelkater fühlte es sich tatsächlich so an, als würde jemand ein rostiges Messer in meinen Bauch rammen und lustvoll rotieren lassen.

Ich ächzte vor mich hin und wechselte mehr als einen leidenden Blick mit Tim, der neben mir lag und sich ähnlich fühlte. Auf der anderen Seite verrenkte sich die Tussi und sah dabei völlig entspannt aus.
„Wir haben noch ziemlichen Muskelkater vom letzten Mal,“ erklärte ich ihr auf ihren skeptischen Blick hin.
„Ja, ich sehs, ihr macht ja nur die Hälfte mit!“

Woah… danke, Captain Obvious. Kriegst du das auch hin, ohne abfällig zu klingen? o.O

Glücklicherweise war der Kurs schnell vorbei. Die Geräte riefen!
Der Chef präsentierte uns unsere persönlichen Trainingspläne. In einer wundervollen Tabelle (ich mag es, wenn etwas schön geordnet ist!) waren alle Geräte aufgeführt, die wir nutzen sollten, daneben war Platz, um das verwendete Gewicht und die Anzahl der Wiederholungen einzutragen.
Mich wunderte, dass alle Wiederholungen an jedem Gerät nur zweimal ausgeführt werden sollten und fragte den Chef danach. „Was, dreimal?“ antwortete der. „Das ist viel zu viel und völlig unnötig, zweimal reicht!“
Ich hörte staunend zu. Okay, ich habe bisher immer nur gelesen, dass man alle Übungen dreimal machen sollte, aber gut, wenn zweimal reicht… hab ich nix dagegen.

Wir starteten mit Rückentraining. Der Chef gab die Gewichte vor und zeigte uns, wie wir die Übungen ausführen sollten. Dann verschwand er, um Tim, der als Mann einen anderen Trainingsplan hatte, an einem anderen Gerät das gleiche zu erklären.

Während ich mit der anderen Tussi ein wenig plauderte, verfestigte sich mein erster Eindruck immer mehr. Es war nicht zu leugnen: Ich konnte die Frau nicht ab. Dabei war absolut nicht hilfreich, dass sie ständig die Zettel verwechselte und immer auch auf meinem Trainingsplan rumkritzelte.

Dennoch schafften wir es halbwegs friedlich durch die Hälfte der Geräte, bis wir zum Butterfly Reverse kamen, eine Übung, die einfach nur so richtig brennt. Das merkte auch die Tussi: Kaum war der Trainer weg, jammerte sie los. „Mann, tut das weh! Warum tut das so weh?“
Ich: „Die Übung hab ich auch immer in meinem alten Fitnessstudio gemacht. Die ist echt hart… man merkt da plötzlich Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat.“
Sie: „Haha, genau!“
Und kaum war der Chef wieder da und fragte, ob alles in Ordnung sei, kam von ihr wie aus der Pistole geschossen: „Die Übung ist richtig fies! Da merkt man plötzlich Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat!“

Ich: „…boah.“

Wie peinlich ist denn das bitte? Elende Sprücheklauerin!!

Natürlich sagte ich nichts, aber ihr Sympathielevel fiel immer mehr. Vor allem, da sich in mir langsam der Eindruck verfestigte, dass der Chef ihr wesentlich mehr erklärte als mir. Alles klar, offensichtlich hielt er mich mit meinem Schwabbelspeck sowieso für eine Karteileiche, während ihr durchtrainierter Körper (warum macht so jemand überhaupt Gerätetraining?! Damit macht sie mehr kaputt als sonst was!!) mit jeder Faser „sportlich!!!“ und „Motivation!!!“ schrie. Dem werde ich es aber sowas von zeigen!!!
Wenigstens an der Beinpresse konnte ich ein paar Punkte machen. Der Chef stellte 80 Kilo ein und die Tussi sollte als erstes ran. Ätsch, ging nicht – sie konnte das Ding mit ihren Storchbeinen schlicht nicht bewegen.
„Oh Mann, das ist viel zu viel!“ jammerte sie, bis der Chef sich erbarmte und auf 60 Kilo runter ging. „Probier du mal, das ist voll schwer!“ drängte sie mich dann noch, als ich an der Reihe war.
Stoisch, aber zuversichtlich stellte ich das Gewicht wieder zurück auf 80 Kilo und riss die geforderten zwölf Wiederholungen eiskalt runter. Es war nicht nur nicht sonderlich schwer, sondern sogar ziemlich leicht. Ihr fielen fast die Augen raus. Tja, meine fetten Schenkel bestehen eben nicht NUR aus Speck, Herzchen.
Das hinderte sie im Übrigen nicht dran, auf meinen Trainingsplan im entsprechenden Feld eine „60“ hinzukritzeln -.-

Eine der letzten Übungen betraf den Bizeps. Das war mein Stichwort. „Was ist denn die beste Übung für schlanke Oberarme?“ fragte ich den Chef. Meine speckigen Oberarme sind eine Problemzone, die ich an mir mit Abstand am meisten hasse.
Der Chef musterte mich herablassend. „Es gibt keine Übung für schlanke Oberarme. Wenn du schlanke Oberarme haben willst, musst du abnehmen.“
Während ich noch versuchte, diese Spitze emotional zu verarbeiten, meldete sich die Tussi zu Wort, die gerade das Bizeps-Gerät benutzte und deren durchtrainierten, schlanken Oberarme ich schon im ersten Moment unseres Aufeinandertreffens neidvoll registriert hatte. „Ja, meine Oberarme sehen ja auch nur so definiert aus, weil ich so dünn bin, das heißt aber nicht, dass ich irgendwie viel Kraft drin hätte oder sowas!“
Ich: „Halt die Fresse, du Hungerhaken.“ (Das habe ich natürlich nicht gesagt. Wäre aber ein wunderschöner Moment gewesen.)

Ist doch wirklich kein Wunder, dass ich die Frau hasse, oder?

Nach diesem Intermezzo wurde ich dann auch etwas zickig, weigerte mich, die letzte Übung (Bauchpresse, als ob das nach dem blöden viertelstündigen Kurs NUR für den Bauch noch nötig wäre!) zu machen und verabschiedete mich am Schluss ziemlich unterkühlt von der blöden Tussi und ihrem präpubertären Size-Zero-Body. Die wird bestimmt nicht meine neue beste Freundin!

Fazit: Ich habe den Cheftrainer kennen gelernt, der konnte intelligente Sätze sagen wie „Eigentlich haben wir ja alle einen Sixpack, er ist nur unter Fett verborgen“ und mir unterschwellig das Gefühl geben, dass ich eh nicht durchhalten und regelmäßig kommen werde, um abzunehmen und fit zu werden.

Aber der wird sich noch umkucken. Ich werde abnehmen und ihm demnächst meine schlanken Oberarme präsentieren, nur um ihn zu ärgern. „Motivation durch Hass“ nenne ich das!!!

Das gleiche ließe sich übrigens auch über die Aerobic-Trainerin sagen. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Ohhh, das ist ja nett.

Aus der Reihe „Sachen, die man nicht schreiben darf, weil sie zu böse sind, die ich jetzt aber trotzdem schreibe“:

Liebe Freunde (um nicht zu sagen „Freunde“),

Danke, dass ihr dieses Jahr wieder eine Ausrede gefunden habt, um nicht zu meinem Geburtstag kommen zu müssen. Sind ja immerhin brandgefährliche 60 Kilometer zu fahren, das kann man ja niemanden zumuten.

Ich finde es auch nett, dass mir jeder von euch persönlich auf Facebook geschrieben hat. Hat ja nur drei bis vier Tage gedauert, bis ihr euch mal gerührt habt. Ich verstehe das, ihr habt ja zu tun, könnt nicht ständig auf Facebook rumhängen und man kann ja auch nicht sehen, wer eine solche Nachricht schon gelesen hat und wer nicht, ne.

Wo war ich? Ah ja, die persönlichen Nachrichten. Das versteh ich. Wenn man eine Nachricht an alle schreibt, so dass auch alle die Antworten lesen können, möchte man natürlich nicht, dass die anderen sehen, welche Ausrede man sich da gerade aus den Fingern saugt. Das schädigt dann das Selbstbild, Eigenwahrnehmung, Fremdwahrnehmung oder so. Also persönlich. Toll! Es ist nett, wie sehr ihr an mich denkt. Nur solltet ihr euch in Zukunft genauer absprechen. A., irgendwie kommt es komisch, wenn du wegen einer Bandprobe absagen musst, deine Freundin mir aber schon persönlich geschrieben hat, dass ihr bereits auf einer Familienfeier eingeplant seid. Hier muss die Kommunikation definitiv besser werden!

Überhaupt, die Bandprobe. Kann ich voll verstehen. Ihr verdient neben der Uni einen Haufen Geld mit eurer Musik und daher ist die Bandprobe natürlich etwas, was man auf gar keinen Fall verschieben kann. So wie du, R., deinen Fitnessstudio nicht hinten an stellen konntest, als ich im Sommer sagte, dass ich gerne mal wieder was mit dir und den anderen unternehmen würde. Das sind halt Termine. Verpflichtungen! Die kann man nicht umlegen, so wie es einen passt.

Der Geburtstag ist ja auch nicht so wichtig. Es ist ja nicht so, dass ich schon seit 10 Jahren darüber rede, wie wichtig mir GENAU DIESER Geburtstag ist. Das wäre ja auch verrückt. Nee, so bin ich ja nicht.

Feiere ich halt mit den fünf Leuten, die trotz aller Mühseligkeiten des Lebens es irgendwie geschafft haben, für mich einen Tag im Kalender frei zu halten. Gibt schon bescheuerte Leute, was? Aber was soll ich tun, ich mag diese liebenswerten Spinner einfach.

Naja, jedenfalls Danke für das Gespräch und eure Mühe. Ich bin dankbar für eure Rückmeldungen. Dafür werde ich euch auch in diesem anderen Brief erwähnen, falls ich jemals dazu kommen sollte, ihn zu schreiben. Das wird sicher so großartig, dass ihr es euer Lebtag nicht mehr vergessen werdet.

lg
Robin

1. Fastensonntag

Sooo, eine Woche ist rum, wie konnte ich meine Fastenvorsätze umsetzen?

Ernährungsumstellung
Ich sach ma: Es wird. Selbst an meinen besten Tagen fällt es mir unheimlich schwer, fünfmal am Tag zu essen, weil das einfach oft zeitlich nicht hinhaut, aber immerhin habe ich mich jetzt standardmäßig schon auf dreimal am Tag verbessert. Auch die Essenswahl war nicht ganz so kalorienreduziert, wie ich mir das gewünscht hätte (Samstag bin ich schwach geworden…), aber auch da: Es wird!

nix Süßes
Ehrlich gesagt weiß ich wirklich nicht, warum ich mir das überhaupt vorgenommen habe. Ich esse gar nicht zu viel Süßes! Das war ein spontaner Einfall, während ich den Beitrag geschrieben habe.
Tja, ich bin kein Süßmaul (eher ein Pizza- und Käsemaul), aber WENN ich dann mal Lust auf Süßes habe, fällt es mir schwer, dem nicht nachzugeben. Geklappt hat es trotzdem, auch wenn es mitunter hammerschwer war! Somit habe ich es tatsächlich geschafft, in der vergangenen Woche überhaupt nichts Süßes zu essen. Nur während der Arbeit am Dienstag habe ich ein halbes Glas Cola getrunken, weil mir der Kreislauf abgekackt ist und ich vergessen hatte, was zu essen mitzubringen. Aber naja… Scheiße, aber nicht welterschütternd :/ Oder?

Alkohol und Feiern nur einmal die Woche
Letzte Woche habe ich das nicht geschafft, weil mir unendlich nervige Gäste dazwischen kamen, diese Woche war das aber kein Problem. Allerdings trinke ich eigentlich selten mehr als einmal die Woche was, daher ist das jetzt nicht so ein wahnsinniges Opfer. Räusper.

Super-Power-Sportprogramm (10 Stunden die Woche)
Das war der Vorsatz, der mir persönlich am wichtigsten war. Wie ist das gelaufen?
Die Woche fing schon mal so richtig scheiße an. Ich verpasste einen Unisportkurs, der zweieinhalb Stunden dauerte. Wer rechnen kann merkt: Damit hätte ich bereits am Montag schon mal ein Viertel des geforderten Pensums geschafft! Aber habe ich nun mal nicht. Ich hatte also einiges aufzuholen.
Insgesamt habe ich diese Woche

– zwei Stunden Kickboxen
– zwei Stunden Gerätetraining (mit Cardio)
– eineinhalb Stunden Badminton
– zwei Stunden Step Aerobic

gemacht. Heute wollte ich eigentlich nochmal für eine Stunde ins Step Aerobic und danach Gerätetraining machen, um wenigstens noch annähernd meinem Ziel nahe zu kommen, aber leider zeigte sich, dass es eine schlechte Idee war, sowas ohne Frühstück zu versuchen 😦 Mir wurde nach einer Viertelstunde schwummrig und ich musste abbrechen. Das war scheiße!! Klar hätte ich damit rechnen können, aber es soll ja eigentlich ganz gesund sein, noch vor dem Frühstück joggen zu gehen, also…? Naja, offensichtlich vertrage ich das nicht.
Überhaupt muss man seine Ernährungsgewohnheiten extrem überdenken, wenn man so viel Sport macht. Die Ernährungsumstellung hat ja bei mir vor allem das Ziel, die vielen Kohlehydrate einzuschränken. Jetzt zeigte sich mir aber bereits letzte Woche, dass ich überhaupt keinen Elan habe, wenn ich vor dem Training nur Proteine esse. Nach einer halben Stunde hatte ich gar keinen Beef mehr und war einfach nur schlapp. Das geht also auch nicht so leicht… deshalb habe ich diese Woche darauf geachtet, vor dem Training Kohlenhydrate (in Maßen) zu essen.
Es heißt ja immer, Leute, die sagen, sie hätten keine Zeit für Sport, würden nur nach Ausreden suchen. Das stimmt absolut nicht. Meine gesamte Woche war nur auf den Sport ausgerichtet! Man muss dementsprechend essen (nichts essen vor dem Training vertrage ich offensichtlich nicht, zu kurz davor allerdings auch nicht. Eine Kleinigkeit vor dem Training essen und erst danach „richtig“ bringts auch nicht, weil man das nicht machen soll etc.pp.) und im Prinzip seinen ganzen Tagesablauf planen.

Umso, äh, schader, dass ich mein Ziel nicht erreichen konnte: Insgesamt habe ich nur siebeneinhalb Stunden geschafft 😦 Und das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern, weil ich gleich arbeiten gehen muss.
Andererseits habe ich noch niemals so viel Sport in einer Woche gemacht und war auch bis auf Samstag (Hangover-Tag) jeden Tag beim Sport. Heute hatte ich es zumindest vor, auch wenn es effektiv nur eine Viertelstunde geworden ist. Naja. Ich bin trotzdem ein bisschen stolz und peile nächste Woche die vollen 10 Stunden an! Wenn ich es morgen in den zweieinhalbstündigen Kurs schaffe, sollte das nicht allzu problematisch sein.

Motivation: Hoch! Immerhin!

o.O MAMA!!!

Kennt ihr das, wenn eure eigenen spießigen, heiligen Mütter eine Seite von sich hervorblitzen lassen, die euch einfach nur völlig in euren Grundfesten erschüttern?!

Eben. Telefonat mit Mutter. Es geht um Kiffen (fragt mich nicht, wie wir darauf gekommen sind!!).

Mutter: „Naja, wenn man nach Holland fährt, muss man ja schon auch Kekse kaufen.“
Ich: o.O „Ähhhh… warst du denn in Holland?“
Mutter: „Ja, vor ein paar Monaten erst!“
Ich: „Ähhhh… und du hast Kekse gekauft?“
Mutter: „Klar.“
Ich: „Ähhhh… und sie auch gegessen?“
Mutter: „Nein, ich habe sie gekauft, um sie wegzuschmeißen, tze.“
Ich: „Ähhhh… und, wie wars?“
Mutter: „Och, wie ich es in Erinnerung hatte.“

shocked

 

 

Das erinnert mich daran, wie ich meine Mutter mal ein bisschen verarschen wollte und ihr dieses schöne Lied vorspielte:

Ich ließ sie sich die Zähne am Refrain ausbeißen (ihr Englisch ist unterirdisch), bis sie schließlich mit ein bisschen Hilfe drauf kam und abwinkte.

Und während ich mich gerade so schön vor Lachen kringelte, sagte sie den besten Satz ever zu diesem Song:

„Jo, passiert.“

Und irgendetwas starb in mir.

Eiskalt. Sowas nennt man wohl „owned“…

Desinformationspolitik. Level: Katholische Kirche

„Ich ficke keine Kinder. Die sind doch viel zu klein!“
– Fear and Loathing in Las Vegas

Ich müsste es ja langsam besser wissen, aber schon wieder habe ich mein halbes Wochenende damit verplempert, mich mit Idioten im Internet zu streiten.

Manche Dinge sind aber auch so hirnerweichend blöd und bösartig, dass man gar nicht anders kann, als sich entweder am Schreibtisch ein Schädelhirntrauma zuzuziehen oder stattdessen in die Tasten zu hauen. Jedenfalls kann ICH nicht anders.

Naja. Darüber werde ich irgendwann mal mit einem Therapeuten reden müssen. Bis dahin rege ich mich gerne weiter über sowas auf:

Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche dürfte ja jedem ein Begriff sein und die erbärmlichen Versuche der Institution, jegliche Schuld an den Vorkommnissen von sich zu weisen ebenfalls, aber welche Qualität diese perfide Desinformationspolitik stellenweise annimmt, war mir jedenfalls neu.

Na gut, dass ja irgendwie nur Schwule Messdiener und so missbrauchen, habe ich tatsächlich schon öfter gehört, doch hielt ich das für die exklusive Meinung von verwirrten Zeitgenossen, die keinerlei Wissen über den großen Themenkomplex Missbrauch & Pädophilie ihr eigen nennen können.

Stattdessen scheint so ein homophober Bullshit tatsächlich sowas wie Lehrmeinung der Kirche zu sein. Und um das zu verteidigen, ziehen sogar in hohen Würden stehende Psychiater mit.

Zenit.org ist eine nichtkommerzielle Nachrichtenagentur, die sich der katholischen Kirche verschrieben hat. Als solche veröffentlichte sie vor fast drei Jahren den Artikel Pädophilie, Ephebophilie und Homosexualität: Eine Klärung, der mir just an diesem Wochenende unter die Finger gekommen ist.

Die Lektüre lohnt sich wirklich. Anlass des Artikels waren die Äußerungen von Kardinal Bertone, einem Typen, von dem die meisten wohl noch nie etwas gehört haben, außer vielleicht eben in Bezug auf genau diese von ihm ausgelöste Debatte vor knapp 3 Jahren, der aber innerhalb der Kirche in der Hierarchie nur nen schlappen Handbreit unter dem Papst steht. Dieser Mann hatte behauptet, die meisten Missbrauchsfälle gingen nicht auf das Konto von Pädophilen, sondern von Homosexuellen, die sich perfiderweise unter die, äh, „normalen“ Priester gemischt hätten.

Weil so eine… These heutzutage natürlich nicht lange unkommentiert bleibt und viele Leute das irgendwie nicht so gut fanden, sah sich zenit.org dazu verpflichtet, mit einem Artikel Klarheit zu schaffen.

Ich spiele mal den Spoiler: Der Artikel ist Rotz.

Kardinal Bertone habe sich mit Sicherheit auf die Ephebophilie bezogen, so Cantelmi, das heißt auf das sexuelle Interesse für Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren. „Und der Großteil der sexuellen Missbräuche durch Kleriker betrifft vor allem nachpubertäre Minderjährige, wobei die Täter homosexuell sind”, so Cantelmi.

Hier direkt der erste Fehler. Nur weil ein Psychiater behauptet, bei diesen Fällen von Pädophilie würde es sich in Wahrheit um Ephebophilie (was Wort!) handeln, stimmt das nämlich leider noch lange nicht. Die Altersangaben sind schlicht falsch. Allgemein wird nämlich als Zielalter für Ephebophilie ein Alter zwischen 17 und 20 angenommen.

Das muss man aber nicht mal wissen, um den offensichtlichen Unsinn zu erkennen. Wer sich an seine Zeit in der 5. Klasse zurückerinnert, wird vielleicht noch wissen, dass die Jungs damals noch allesamt wie glattwangige Chorknaben mit glockenhellen Stimmchen daher kamen. Natürlich gab es auch in jeder Klasse immer diesen einen Typen, der schon jeden Lehrer überragte und nach der Schule die Gilette-Klingen im DM-Markt nicht mit sehnsüchtiger Skepsis, sondern grimmigen Fatalismus betrachtete, weil er wusste,  dass es spätestens zum nächsten Weihnachten so weit sein würde, aber das ist ja egal. Solche Jungs sind die Ausnahme – denn bei den wenigsten setzt die Pubertät so früh schon ein.

Das weiß auch der DSM-IV, ein international anerkanntes Klassifikationssystem zu psychischen Störungen. Aus diesem Grund gilt im DSM-IV ein Mensch als Pädophiler, der ein sexuelles Interesse an Kindern im Alter von 13 Jahren oder jünger hat.

Um das nochmals zu betonen: Laut dem „Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen“ erzählt Professor Cantelmi Scheiße, wenn er die untere Altersgrenze zur Ephebophilie so niedrig ansetzt. Da fragt man sich doch, ob der gute Prof während seines Studiums mal in Kontakt mit dem DSM-IV gekommen ist?

Natürlich hat der DSM-IV seine Kritiker. Auch muss man sich fragen, ob es einen Pädophilen, der sich im Schwimmbad sofort in den süßen kleinen Kevin und seine glatten Achselhöhlen verliebt, großartig interessiert, dass der ein bedauerlicher Spätzünder und schon vierzehneinhalb Jahre ist. Aber in diesem Bereich kommt man nun mal ohne Kategorisierungen nicht aus, vor allem, wenn es juristisch wird, und dann muss man sich eben auf Mittelwerte stützen, die leider nur ungenügend abbilden, dass der Mensch und seine Entwicklung individuell ist, aber nun mal alternativlos sind.

Definitiv festhalten kann man dennoch, dass der DSM-IV mit seiner Altersgrenze der Wahrheit wohl wesentlich näher kommt als Professor Cantelmi, der hartnäckig darauf besteht, gerade rechtzeitig zu dieser Debatte eine ganz eigene Einteilung treffen zu dürfen.

Was bleibt, ist der meiner Meinung nach leicht durchschaubare, dabei tendenziöse Versuch, Ephebophilie (und damit AUCH Homosexualität) eben doch in Richtung Pädophilie zu drängen, da von „nachpubertären Minderjährigen“ die Rede ist, mit der Altersangabe aber bei den meisten Lesern Assoziationen von halbwüchsigen Jungs geweckt werden.

Da hilft es wenig, wenn er das

Der Psychiater hält fest, dass Pädophilie nichts mit Homosexualität zutun hat. „Die Pädophilie ist eine Krankheit, eine schwere Perversion, die nicht an die sexuelle Ausrichtung gebunden ist.“

nur kurz darauf wieder abstreitet.

Nachtrag (5. März): Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ein gewaltiges Problem bei dieser Argumentation habe ich doch glatt übersehen. Klar gibt es Jungs, die schon mit 11 in die Pubertät kommen, wie der Typ, der diesen Artikel an anderer Stelle lieferte, mir so abfällig bescheinigte, als hätte er eine Idiotin vor sich, aber wie viele sind in dem Alter wohl schon nachpubertär und damit interessant für Ephebophile?
Genau: keine!!

Cantelmi betonte, dass die Ursache für Pädophilie nicht der Zölibat sei. Der pädophiles Verhalten auslösende Faktor bestehe in einer Störung der Persönlichkeit. Diese sei im Allgemeinen narzisistischer und bösartiger Natur und stehe in Verbindung mit extrem manipulierenden Menschen, bei denen ein antisoziales und sadistisches Profil zu erkennen sei.

Kompletter Nonsens, allerdings werden hier schöne Klischees bedient (und das wollen die Leser ja, ne): Der Pädophile als Monster.
Pädophile sind keine Monster per se. Vielen Pädophilen ist vorrangig der Wunsch einer engen, zärtlichen Beziehung zu Kindern gegeben, in der viele übrigens sexuelle Erfüllung finden können, ohne überhaupt sexuelle Handlungen vor oder an dem Kind ausführen zu müssen (Michael Jackson scheint mir ein solcher gewesen zu sein). Den meisten ist sehr am Wohlergehen des Kindes gelegen und das ist wohl das Gegenteil von Bösartigkeit. Wen das genauer interessiert: klick

Nichtsdestotrotz ist pädophiles Verhalten natürlich in keinster Weise akzeptabel, auch wenn mein ganzes Mitgefühl den Pädophilen gilt, die gegen diesen ihnen angeborenen Drang verzweifelt ankämpfen. Wer ihm nachgibt, hat mein Mitgefühl selbstverständlich verspielt.

Man mag davon ausgehen, dass gerade die Menschen, die ihre Pädophilie ausleben (in Gegensatz zu denen, die es nicht tun)
1. einen stärkeren Trieb haben und/oder
2. weniger Empathie mit dem missbrauchten Kind verspüren und daher erfolgreicher darin sind, ihr schlechtes Gewissen zu unterdrücken. Aber geringe Empathie hat weder etwas mit Narzissmus, noch mit antisozialen/psychopathischen Persönlichkeitsstörungen oder Sadismus zu tun. Umgekehrt schon – Narzissten, Psychopathen und Sadisten geht Empathie völlig ab. Aber es ist ein Fehlschluss, von geringer Empathie auf die genannten Störfelder zu schließen. Oder ist etwa jedes kleine Arschlochkind, das seine Mitschüler in der Schule mobbt,ein Psychopath?

Psychopathen und Sadisten gibt es in jeder sexuellen Orientierung und einige sind sicher auch pädophil, aber jeden Pädophilen als Psychopathen zu bezeichnen, ist grob falsch und ekelhaft polemisch, um das verzerrte Bild der jubelnden Massen vom sinisteren Pädophilen zu bedienen.

Wer sich fragt, warum ich so gegen diese pauschale Verurteilung von Pädophilen bin, obwohl die doch so viele Gründe liefern, sie zu hassen: Ich finde, ein solches Bild in der Öffentlichkeit erschwert die Therapiearbeit und führt letztendlich zu mehr Übergriffen auf Kinder durch untherapierte Pädophile.

Prof. Cantelmi betonte des weiteren, dass die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft zu einem Punkt eine einheitliche Meinung vertrete: „Es gibt keinen Beweis, aufgrund dessen gesagt werden könnte, dass der Zölibat die Basis der Pädophilie ist. Der Zölibat hat damit nichts zu tun.”

Da hat er sogar Recht: Das Zölibat macht Männer nicht pädophil. Allerdings sind die meisten Täter sexuellen Missbrauchs ja auch nicht pädophil, sondern bedienen sich den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen als sogenanntes Ersatzobjekt. Und da spielt das Zölibat schon eine Rolle.

Es wird somit deutlich dass das Phänomen des sexuellen Interesses an Kindern und Jugendlichen (Pädophilie und Ephebophilie/Parthenophilie) zweifellos von homosexuellen Neigungen und homosexueller Praxis zu unterscheiden ist.

Ich glaube, das ist mein liebster Absatz (und das nicht nur wegen des fehlenden Kommas vor dem „dass“)!

Der Meinung zu sein, Männer, die sich an Elfjährige ranmachen, seien nicht pädophil oder auch nur, äh, ersatzhandelnd, sondern schwul – geschenkt. Die Meinung KANN man in einem solchen Artikel vertreten, wenn man keine Ahnung hat. Aber es ist was GANZ anderes, sich innerhalb einer Argumentationskette selbst zu widersprechen – und genau das tut der Artikel hier.

Hat der werte Prof. Cantelmi nicht just etwas weiter oben so zufriedenstellend herausgearbeitet, dass Ephebophilie eine homosexuelle Spielart ist? Und jetzt wieder doch nicht? Äh-häm.

90% aller Pädophilen sind heterosexuell, verheiratet und von gehobener Kultur.

…wow.

Echte Pädophile sind nicht heterosexuell, sondern – tada! – pädophil. Und innerhalb der pädophilen Störung fühlen sich fast genauso viele männliche Pädophile zu Mädchen wie zu Jungs hingezogen (in geringerem Umfang auch zu beiden Geschlechtern im gleichen Maße). Es gibt also annähernd genauso viele heterosexuelle Pädos wie homosexuelle, dazu kommen die bisexuellen.

Vielleicht denkt der gute Cantelmi an eine durchaus interessante Diskussion innerhalb der Fachwelt darüber, ob man weiterhin „Pädophilie“ oder „Pädosexualität“ sagen soll. Da „-philie“ irgendwie etwas zu niedlich und verharmlosend klingt, hätten viele Opfer es lieber, wenn man stattdessen „-sexualität“ nimmt, während andere Opfer auch dagegen sind, da sie (und, traurigerweise, auch viele Täter, die sind dann aber dafür) dies als Schritt zur „Normalisierung“ dieser Störung auffassen. Sprich, Pädophilie wird mit der Form „Pädosexualität“ in eine Reihe gestellt mit den normalen, nichtgewalttätigen Formen der Sexualität (Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität).

Die Verteidiger dieser Umbenennung argumentieren, dass hiermit die Definition präzisiert wird: Laut ihnen wären Pädosexuelle dann Menschen, deren Präferenz sich ausschließlich auf Kinder bezieht, Pädophile allerdings Menschen, die eine andere Sexualität haben, aber Kinder halt irgendwie auch ganz geil finden (Beispiel: Ich bin heterosexuell, aber leicht homophil, da ich gewisse nackte Frauenkörper recht erotisch finde, auch wenn ich niemals mit einer Frau schlafen wollte).

Sollte Prof. Cantelmi diese Unterscheidung, die sich allerdings weder in normalen Sprachgebrauch, noch in der Fachliteratur endgültig durchgesetzt hat, im Kopf gehabt haben, als er diesen Satz sagte, könnte man mit viel guten Willen die Behauptung, Pädophile seinen heterosexuell, noch durchgehen lassen, wobei ich die Zahl 90% dennoch für unbelegten Schwachsinn halte. Da der gesamte Artikel vorher aber immer nur von Pädophilen redete und damit eigentlich Pädosexuelle meinte, wäre das trotzdem im besten Falle unpräzise, im schlechtesten Fall schlichter Bullshit.

Und natürlich sind Menschen, die pädosexuell sind, aber heterosexuell leben, weil sie das nicht ausleben wollen, trotzdem pädosexuell (im weiteren Text werde ich wieder zum gebräuchlicheren „pädophil“ wechseln). Jahrhundertelang haben Homosexuelle geheiratet und Kinder bekommen, weil sie ihre Sexualität nicht ausleben durften und es sicherer war, sich mit einer „normalen“ Beziehung zu tarnen, das machte sie aber innerlich trotzdem nicht heterosexuell.

Bei dem Rest kann ich nur den Kopf schütteln. Pädophile sind grundsätzlich höher gebildet? Soll das jetzt Akademikerbashing sein oder was? Wie passt das denn mit der zuvor bescheinigten antisozialen Persönlichkeitsstörung zusammen? Oder bezieht er sich hier auf die Irren, die in der jüngeren Vergangenheit Pädophilie als normale Spielart der menschlichen Sexualität anerkannt sehen wollten? Wobei sich die Frage stellt, ob das alles Kernpädophile waren (eher nicht)? Sehr mysteriös!

Gleichzeitig ist der unabhängigen statistischen Studie des „John Jay College of Criminal Justice” der „City University of New York” aus dem Jahr 2004 zu entnehmen, dass 81 Prozent der Kleriker, die zwischen 1950 und 2002 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger angeklagt wurden, homosexuelle Neigungen hatten.

So, und hier wären wir also bei der dreckigsten Lüge im gesamten Pamphlet angekommen!

Wollt ihr wissen, wie diese 81% zustande kommen? Ganz einfach: Die Studie fand heraus, dass 81% der Missbrauchsopfer männlich waren. Und daraus macht diese ekelhafte Propagandaseite dann eben mal Opfer homosexuellen Missbrauchs, obwohl der größte Teil (60%!!!) der Opfer (männlich und weiblich, hier wird leider nicht nach Geschlecht aufgeschlüsselt, aber in Bezug auf Pädophilie ist das ja auch egal) 13 Jahre oder jünger waren.

Edward Norton war schon 27, als er im Film "Zwielicht" missbraucht worden ist. Der übrigens viel besser ist als "Twilight".

Edward Norton war schon 27, als er im Film „Zwielicht“ missbraucht worden ist. Der übrigens viel besser ist als „Twilight“.

Das passt weder zur gängigen Definition von Pädophilie (13 Jahre oder jünger), noch zu Cantelmis exklusiver Definition von Ephebophilie (ab 11, über 20% der Opfer waren 10 Jahre oder jünger!)!! Nicht mal, wenn man annimmt, dass alle Opfer unter 11 Jahren nur Mädchen waren, was natürlich völliger Blödsinn ist!

Es ist mir persönlich völlig unbegreiflich, wie man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, eine ziemlich einfache Statistik so dermaßen falsch wieder zu geben!

Der Rest des Textes ergeht sich in homophoben, dabei paradoxen Gewäsch, welches darin besteht, Homosexuelle einerseits für untauglich zum Priesteramt zu erklären (“immerhin ficken die unsere jungen Messdiener!!!!einself”), andererseits aber in ach so einfühlsamer Weise die Diskriminierung von Homosexuellen ablehnt, weil die Schätzchen dafür ja nichts können (das MÜSSEN sie schreiben: Sie können ja nicht behaupten, Pädophile wären so schon geboren, um abstreiten zu können, dass das Zölibat daran schuld ist, dann aber behaupten, Homosexualität wäre eine „Entscheidung“). Am Ende steht dann noch ein Rundumschlag gegen Sexualität an sich:
Der Aufruf zur Keuschheit stellt somit keinen „Sonderfall für Homosexuelle” dar, sondern betrifft den gesamten Umgang der menschlichen Sexualität, die sich allein in der Ausrichtung auf die wahre Freiheit verwirklicht.

Damit wäre ich am Ende (sprichwörtlich, so viel abartige Lügen machen mich müde). Ich möchte betonen, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen keinesfalls nur ein Problem innerhalb der katholischen Kirche ist, aber mit solchen Artikeln gewinnen die Ereignisse nachträglich noch eine ganz neue Qualität!

Lustigerweise kam der John Jay Report, der so großspurig herangezogen worden ist, um die Thesen zu untermauern, zu nachfolgenden Fazit:

The John Jay report identified the following factors contributing to the sexual abuse problem:
– Failure by the hierarchy to grasp the seriousness of the problem.
– Overemphasis on the need to avoid a scandal.
– Use of unqualified treatment centers.
– Misguided willingness to forgive.
– Insufficient accountability.

An wie viel Realitätsverweigerung muss man leiden, um solche Studien zu zitieren und für sich positiv auszulegen?

Der bedauernswert kirchenhörige Typ, der mir diesen Artikel lieferte, fragte höhnisch nach meiner Expertise, als ich ihm sagte, dass ich ihn scheiße finde.
Ich denke, man kann festhalten, dass meine Expertise darin besteht, auch andere Texte als solche, die von der Kirche abgesegnet sind, lesen zu können!

Fastenzeit, ein ebenso guter Grund wie jeder andere…

Mein werter Kollege David hatte gestern – ich arbeitete –  eine besondere Challenge angenommen. Er feierte „Gegenteiltag“ und schüttete sich diverse Biere in den Schlund. Und das am Aschermittwoch!

Naja. Ein Großteil von Deutschland frönt dagegen seit gestern den gepflegten Masochismus und versucht, diverse Laster einzustellen oder zumindest zu verringern. Als gutes katholisches Mädchen mache ich da natürlich mit.

„Wie, Fastenzeit?!“ keuchte Mitbewohner Mattes hysterisch, als ich ihm an Faschingsdienstag, während er zusah, wie ich meine berühmten, käsetriefenden Tortellini alla Panna zubereitete, mitteilte, dass diese meine letzte Sünde vor der Fastenzeit darstellen sollten. Dieses arme Heidenkind… (naja, eigentlich ist er sogar ebenfalls katholisch. Aber das macht’s ja nur noch schlimmer.)

Leider muss ich schmerzlich eingestehen: Seit meiner letzten Ankündigung zur Umstellung meiner Ernährung ist tragischerweise nicht allzu viel passiert (allerdings habe ich auch nicht wieder zugenommen – man muss auch über Kleinigkeiten dankbar sein). Mein Vorhaben, mir wöchentliche Essenpläne zu schreiben, habe ich nach der geschilderten Woche wieder völlig auf Eis gelegt. Man muss nämlich wissen, wann man verloren hat, und das hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon von Anfang an.
Ich kann nämlich nicht alles auf einmal. In diesem Fall hieß das: Erstmal meinen Tagesrhythmus wieder in Griff kriegen, bevor ich auch nur daran denke, eine Ernährungsumstellung anzupeilen. Wie soll ich nach Essensplan leben, wenn ich körperlich sowie zeitlich kaum in der Lage bin, einkaufen zu gehen?! Und ich mich Tag für Tag wie ein Zombie durch die Uni schleppe und die Minuten zähle, wenn ich mich endlich wieder zuhause kraftlos auf die Couch schmeißen kann?!

Eine Baustelle nach der anderen. Mein letzter Versuch, durchzumachen hatte ja leider nicht besonders geklappt, weil ich wohl trotzdem zu spät schlafen gegangen bin. Jedenfalls war ich am nächsten Tag erst nach ein Uhr wieder wach. Keine guten Voraussetzungen, um abends zeitig im Bett zu liegen!
Es ging also noch drei Wochen so beschissen weiter. Drei Wochen, in denen ich mich permanent fühlte wie ausgekotzt. Schließlich hatte ich die Schnauze voll und machte WIEDER durch – allerdings mit erheblich mehr Erfolg (dieses Mal lag ich nämlich schon um 22 Uhr im Bett!) und dieses Mal von Samstag auf Sonntag. Da ich samstags arbeiten musste (und sogar nur deswegen meine frühe gegen die späte Schicht tauschte – meine Kollegin freute sich!), hab ich dabei sogar Geld verdient. Besser gehts doch nicht.

Tja, und dem folgte dann eine absolute Powerwoche, in der ich früh schlafen ging und sogar völlig freiwillig früh wieder aufstand. Ich war wie ausgewechselt! – und war sogar insgesamt 6 (SECHS) Mal beim Sport! UND ES WAR GEIL!!! Zumindest meistens (ich werde noch berichten…).

Also:
Tagesrhythmus – Check!
In Sport hinein geschnuppert – Check!
Ernährungsumstellung – jetzt bist DU dran!

Die Fastenzeit ist als Grund genauso gut wie jeder andere, um jetzt endlich komplett durchzustarten. An Karneval habe ich aber auch wirklich neue Tiefpunkte erreicht. Fast hätte ich mich mit einem sechszehnjährigen Mädchen geprügelt (okay, sie war ein großmäuliges, freches Miststück und hätte es verdient gehabt, aber trotzdem). Dann habe ich, ohne es wirklich zu wollen, insgesamt zehn Shots geklaut… einfach nur, weil es so leicht war :/ Und das hat die Fahrt nach Hause (vier Stunden Zug, allein und volltrunken und depressiv, ein wirkliches Vergnügen) auch nicht besser gemacht.

Wirklich Anlass genug, mal auf die Bremse zu treten…

Die Fastenzeit endet am 30. März und ist im letzten Jahrhundert erfreulich frei interpretierbar geworden. Man muss nicht fasten im ursprünglichen Sinn, damit das zählt. Auch jeder andere Verzicht oder Verbesserungsvorschlag für das eigene Leben ist okay.

Daher: Während der Fastenzeit, so möchte ich es zumindest versuchen, darf ich nicht öfter als einmal die Woche feiern gehen. Damit handle ich sogar in bester katholischer Tradition, denn jeder Sonntag während der Fastenzeit ist fastenfrei. Da kuckt ihr! Davon hat meine Oma auch nie was gesagt.
Ich werde das aber so legen, wie ich Bock habe. Also vermutlich schon aufs Wochenende, aber nicht gerade auf Sonntag.
Auch Süßigkeiten sollen verbannt sein. Und dazu eben Ernährungsumstellung mit fünfmal am Tag essen, wenig Fett und Kohlehydrate etc. pp.
Zusätzlich dazu, weil das so gut geklappt hat: Sport. Dazu passt, dass endlich Semesterferien sind und ich genügend Zeit habe, um so richtig durchzustarten und auch die Kurse zu besuchen, die zuvor zeitlich wegen der Uni nicht passten. In dieser Hinsicht bin ich hochmotiviert, denn bereits nach meiner ersten Powerwoche ging es mir fantastisch… von einem kleinen Abstecher ins Krankenhaus abgesehen *hust* Aber davon erzähle ich auch noch.

Ich habe mir mal eine Liste gemacht mit allen Sportangeboten von Fitnessstudio und Uni, die ich potentiell besuchen könnte.  Das Ergebnis ist geradezu angsteinflößend. Theoretisch könnte ich zwanzig Stunden die Woche mit Sportkursen füllen (es wäre sogar noch mehr, wenn sich nicht manches überschneiden würde). Das entspricht ca. 16 Kursen, dazu gehört Badminton, Aerobic (verschiedene Angebote im Fitti sowie an der Uni), Zumba (auch hier Fitti und Uni), Kickboxen, Fußball, Bodyforming etc.

Njoah. Das ist ja schon ein bisschen viel, ne. So für den Anfang und überhaupt. Außerdem werde ich wegen der Arbeit auch nicht immer so ganz fit sein. Nur: Wie viel soll ich mir aufhalsen veranschlagen?

Ich sage knallhart: 10 Stunden. Weil Ferien sind. Und ich ohnehin in der Zeit, in der ich zuhause bin, nichts ordentliches mache, auch wenn ich tatsächlich mehr als genug für die Uni zu tun hätte, selbst bzw. vor allem jetzt in den Ferien. Das kann böse werden, aber ich kann es auf jeden Fall schaffen. Zumindest jetzt mal als Versuch in der Fastenzeit (danach ist ja eh bald wieder Uni).

So, meine Fasten-Vorsätze also nochmal in der Zusammenfassung:

– Ernährungsumstellung nach dem bekannten Prinzip
– nix Süßes
– Alkohol und Feiern nur einmal die Woche
– Super-Power-Sportprogramm

Die Ernährungsumstellung wurde schon in die Wege geleitet (den Aschermittwoch feierte ich mit Äpfeln, Erbeer-Joghurt-Shake und Brühe, als Einstieg), das Sportprogramm beginnt dagegen erst nächste Woche, da ich gestern und heute damit beschäftigt war, diversen Dozenten nachzurennen und das Wochenende komplett arbeiten muss.

Mal sehen, ob das was wird. Bis zum Ende der Fastenzeit werde ich euch jeden Fastensonntag die neusten Entwicklungen mitteilen 😉

PS: Ach ja, heute ist/war ja Valentinstag. MEIN Gegenteiltag:

Ach, Quatsch… ich wünsche dem Geiste dieses Tages entsprechend allen lieben Menschen, die mich lesen, viel Liebe und Freude in ihrem Leben.

Außer meinem Ex, dem wünsche ich hartnäckige Diarrhoe.