Bücher-ABC 2013: A wie Stephen Kings „Abgrund“

Hä, Bücher-ABC?

Ich hinke mal wieder hinterher, denn der Buchstabe „A“ ist schon längst beendet (sowie „B“ und „C“ auch…), trotzdem mache ich hier alphabetisch mit Stephen Kings Meisterwerken weiter. Ob das für den Blog Bücher-ABC noch zählt und ich noch mit aufgelistet werde weiß ich nicht, aber es ist mir auch irgendwie egal ^^ Freue mich, wenn es so ist, wenn nicht, steige ich wieder ein, wenn ich alles nachgetragen habe!

Stephen King – Abgrund
Nightmares and Dreamscapes, 1993

Abgrund beinhaltet die zweite Hälfte des amerikanischen Kurzgeschichtenbandes „Nightmares and Dreamscapes“, der in Deutschland aufgeteilt wurde. Die erste Hälfte stellt Alpträume dar und wie auch dort gibt es in diesem Band wieder 12 Kurzgeschichten.

abgrund Regenzeit ist die Geschichte eines jungen Paares, das eigentlich nur Urlaub machen will, in seinem gemieteten Domizil dann jedoch von einem Regen aus Monsterfröschen überrascht wird.

In Mein hübsches Pony erhält ein Junge von seinem Großvater eine Lektion über die Relativität des menschlichen Zeitempfindens.

In Entschuldigung, richtig verbunden wundert sich eine Mutter über einen geheimnisvollen Anruf und merkt leider viel zu spät, um wen es sich bei der mysteriösen Anruferin handelt.

Brandon Pearson gehört zu den 10-Uhr-Leuten, die sich um eben diese Zeit vor seinem Büro zur Zigarettenpause treffen. Im Bemühen, seinen Zigarettenkonsum, wenn er es schon nicht schafft, das Rauchen ganz einzustellen, wenigstens zu verringern, lernt er eines Tages die negativen Seiten seines neuen, gesünderen Lebensstils kennen…

Crouch End ist eine Geschichte über ein gleichnamiges Viertel in London, in dem die Grenzen zwischen unserer Welt und einer lovecraft’schen Horrordimension leider nicht ganz so solide sind, wie man sich das wünschen würde.

In Das fünfte Viertel jagt ein Krimineller den Teilen einer Schatzkarte hinterher.

Die Kinder, die Das Haus in der Maple Street zusammen mit ihrer Mutter und ihrem ekelhaften Stiefvater bewohnen, merken eines Tages, dass sich ihr Heim langsam beginnt, in ein Raumschiff zu verwandeln.

Der Fall des Doktors ist eine Sherlock-Holmes-Story, in der jedoch Dr. Watson im Mittelpunkt steht und endlich auch mal einen Fall löst!

In Umneys letzter Fall muss der schlitzohrige 40er-Jahre-Privatdetektiv Clyde Umney eines Tages feststellen, dass er nur eine Romanfigur – und sein Schöpfer ihm nicht mehr wohlgesonnen ist.

Kopf runter ist die Dokumentation einer Saison der Little-League-Mannschaft von Bangor West, in der Stephen Kings Sohn mitspielte.

Auch August in Brooklyn handelt von Baseball, allerdings in lyrischer Form.

Und Der Bettler und der Diamant ist Stephen Kings Interpretation einer indischen Sage.

Diese Kurzgeschichtensammlung habe ich just bestellt und gleich gelesen, als ich bei der Rezension von Alpträume feststellen musste, dass mir diese noch fehlt! Mein Eindruck ist also ganz frisch.

Auch hier schwankt die Qualität der Stories zuweilen wieder stark. Zuerst zu dem good stuff: Mein Favorit der Sammlung ist hier definitiv Die Zehn-Uhr-Leute, weil die Prämisse so richtig schön bescheuert ist. Die Machtelite der Welt ist von alptraumhaften Monstern unterwandert (den Batmen, höhö) und nur Raucher, die nicht mehr als 10 Zigaretten am Tag konsumieren, können die Illusion erkennen? Was für ein Bullshit! Aber ein unterhaltsamer!:mrgreen:

Der Fall des Doktors zeigt: Auch Stephen King ist zuweilen nur ein Fanboy, der gerne Fanfictions schreibt! Ich selbst habe noch nie Sherlock Holmes gelesen, aber wie jeder Mensch auf diesem Planeten, der nicht unter einem Stein wohnt, kenne ich den Herren und seinen Sidekick natürlich trotzdem. Horror gibt es in dieser Story nicht, aber Kings Bemühung, den viktorianischen Stil nachzuahmen, war höchst vergnüglich zu lesen.

Regenzeit ist dagegen wieder Horror pur, und zwar kurz und knackig. Gelesen, gemocht!

Damit zu den Geschichten, die okay waren, mich aber nicht so richtig überzeugen konnten. Als allererstes möchte ich hier Das Haus in der Maple Street  nennen. Obwohl die Story inhaltlich überzeugt, störte es mich kolossal, wie die Kinder hier dargestellt wurden. Vier wunderbar brave, mutige Lichtwesen, die entschlossen gegen ihren Arsch von Stiefvater vorgehen, der natürlich irgendwie the ultimate evil ist. Die Charaktere sind einfach so dermaßen schwarz-weiß! Vielleicht verständlich, wenn man weiß, dass Stephen King diese Geschichte für seine Kinder schrieb. Aber trotzdem. Vor allem die beiden ältesten Kinder agierten auch viel zu erwachsen, weshalb ich die Geschichte nur bedingt mochte.

Der Bettler und der Diamant ist, wie gesagt, Kings Nacherzählung einer Hindu-Sage. Als solche ist sie kurzweilig (und auch wirklich sehr kurz), aber mir hat sich nicht so ganz erschlossen, warum er so etwas veröffentlicht, zumal er fast nichts geändert hat.

Umneys letzter Fall artikuliert eine durchaus interessante Überlegung: Was wäre, wenn Romanfiguren wirklich lebendig wären? Wie wirkt sich der schöpferische Akt des Schreibens auf den Autor aus? Und wie viel Macht hat ein Autor eigentlich über seine Schöpfung? Dennoch fand ich die Erzählung irgendwie ein bisschen langweilig. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich mal einen dieser „Privatschnüffler in den 40er Jahren“-Roman gelesen hätte, das habe ich aber nie. Die Geschichte ist beileibe nicht schlecht, aber es hat mich einfach nicht gefesselt.

Entschuldigung, richtig verbunden ist lediglich ein Drehbuch (das wohl auch in Rahmen einer Mysteryserie verfilmt worden ist, allerdings bin ich zu faul nachzusehen, ob diese Serie es jemals nach Deutschland geschafft hat) und daher nicht sonderlich flüssig zu lesen. Der Inhalt ist okay, ich hätte mir aber eine andere Form der Präsentation gewünscht.

Crouch End ist zwar durchaus gruselig, aber naja… da ich doch so einiges von Stephen King gelesen hat, wiederholt sich manches zwangsläufig. Hier ist es also die Beschreibung eines mysteriösen Stadtviertels, das ohne besonderen Grund eine Schnittstelle verschiedener Realitäten darstellt, und die Konfrontation normaler Menschen mit etwas, das zu grausig und GROSS ist, um vom menschlichen Verstand verkraftet werden zu können. Das gleiche gab es auch schon in der Kurzgeschichte N., in diverser Form im Dunklen Turm und der Roman Der Buick beschäftigt sich praktisch mit nichts anderen. Das ist too much. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Stephen King unaussprechlichen Horror beschreibt, aber nachdem er schon so oft Plätze/Gegenstände/Personen nicht-von-dieser-Welt beschrieben hat und es einzig darum geht, dass diese nicht-von-dieser-Welt sind… zeigen sich bei der geneigten Leserin (moi) Ermüdungserscheinungen.

Dagegen ist Das fünfte Viertel so trivial und nichtssagend, dass die Story getrost überblättert werden kann, auch wenn sie nicht wirklich schlecht ist. Allerdings hat man Storys dieser Art (Typ „besucht“ eine Reihe von Personen, um irgendetwas – Infos oder halt den Teil einer Schatzkarte – zu erpressen) schon hundertfach gelesen oder auch gesehen. Mit nichts hebt sich diese Geschichte von den vielen anderen dieses Typus ab. Sie könnte genauso gut von irgendeinem Niemand geschrieben worden sein.

Damit komme ich zu den Stories, die ich wirklich, wirklich schlecht fand. Als allererstes wäre da Mein hübsches Pony zu nennen, eine Geschichte, in der Stephen King seinen immer wieder durchschimmernden Hang, absolute Banalitäten zu mystifizieren, komplett auf die Spitze treibt. Da wird ein Gespräch zwischen Großvater und Enkel mal so eben zu einer prägenden Erfahrung von welterschütternden Ausmaßen, und das zeigt sich dann auch leider in jedem Satz. Ich mache es kurz: Das nervt einfach wie Sau!

Den Vogel hat er allerdings mit Kopf runter abgeschossen. Diese „Geschichte“ ist das mit Abstand blödeste, was jemals den Weg zwischen zwei Buchdeckel mit dem Namen „Stephen King“ gefunden hat. Er selbst bezeichnete den Text als Essay, allerdings weist er in meinen Augen keinerlei Merkmal dieser Textgattung auf.
Auf sechzig (!!!) Seiten dokumentiert Stephen King hier eine Saison des Kinder-Baseballteams von Bangor West, die mit dem Sieg der Bezirksmeisterschaften oder sowas endete, obwohl das niemand vermutet hätte. Das wars auch schon – und ist stinklangweilig! Besonders für Deutsche, die wohl zu 99,9 Prozent noch nie mit Baseballregeln in Berührung gekommen sind, ist diese Story absolut uninteressant, da wirklich verschiedene Spielzüge seitenlang breitgetreten werden. Ich gebe zu, irgendwann habe ich alles einfach nur noch überflogen, weil ich ja eh nichts verstand. Und bis Seite 59 hatte ich noch die Hoffnung, dass noch irgendein belletristisches Horrorelement eingefügt werden würde, was sich dann aber zerschlagen hat. Erst durch die Liner Notes, die Stephen King am Ende einer jeden Kurzgeschichtensammlung einfügt, wurde mir dann klar, dass es sich hierbei um einen Tatsachenbericht handelte, was das Ganze dann auch nicht mehr besser machte!
Ich finde, ein solcher Text ist eine schöne Geschenkidee für die Kinder, die in diesem Team mitgespielt haben – aber sie in einem Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen, empfinde ich fast schon als Frechheit!!

Über August in Brooklyn, ein Gedicht, das in die selbe Kerbe schlägt, möchte ich mit allem Respekt den Mantel des Schweigens breiten…

Abgrund ist für mich leider deutlich schwächer als der Band Alpträume, auch wenn es hier einige Perlen zu entdecken gibt,  weshalb sich die Anschaffung dennoch lohnt (wie  meistens).

Ein Gedanke zu “Bücher-ABC 2013: A wie Stephen Kings „Abgrund“

  1. Pingback: [Halloween-Special] Der King (und seine fünf besten Kurzgeschichten) | robins urban life stories

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