Und wenn es Gott wirklich gibt, hört er gar nicht mehr auf zu kotzen…

„Lasset die Kinder zu mir kommen.“
– ein palästinensischer Zimmermann

Am Montag strahlte das ZDF „Und alle haben geschwiegen“ aus, einen Film, basierend auf den realen Erlebnissen von Kindern und Jugendlichen, die in den Sechzigern und Siebzigern in katholischen und evangelischen Heimen untergebracht inhaftiert waren (Tante Jay und Schwabenkrawall berichteten).

Ich habe mir den Film angesehen… und auch wenn er einige eindeutige filmische Schwächen hat, war er doch ziemlich erschütternd, selbst wenn man von unserer lieben Mutter Kirche schon einiges gewohnt ist.
Mich hat der Film umso mehr interessiert, weil meine Mutter selbst mal unter der Fuchtel von Nonnen stand (sie nennt sie nur noch „diese Pinguine“…). Sie war zwar nie im Heim, besuchte aber mit 12, 13 ein Jahr lang ein Internat, eine reine katholische Mädchenschule, die eben von Nonnen geführt worden ist.

Dem Geist des Filmes entsprechend dachte ich, ein kleines „Interview“ mit meiner Mutter wäre ganz erhellend, obwohl ich schon ein paar Details aus dieser Zeit kannte.

Ich muss spoilern: Viel herausgekommen ist leider nicht. Aber trotzdem…

Früh heute morgen holte sie mich ab, wir fuhren nämlich in eine Therme (mein Geburtstagsgeschenk, yay). Während der Fahrt erwähnte ich den Film (den sie nicht gesehen hatte) und fragte sie, wie es im Internat gewesen sei.
Sie antwortete: „Schrecklich.“

Viel mehr wollte sie eigentlich gar nicht sagen, also begann ich ihr, von dem Film zu erzählen. Als ich erzählte, dass die weibliche Hauptperson ihre gesamte Kleidung abgeben musste und daraufhin eine einheitliche Heimkluft mit Nummer bekam, mit der sie dann auch immer angesprochen worden ist, verzog sie die Lippen zu einem bitteren Lächeln. „Ich war KD 21… 21? Ja, 21-76.“
Ich staunte. „KD? Kind?“
„Nein, Kandidat…“

Und ab da wurde sie etwas gesprächiger. Im Gegensatz zum Heim gab es keine Schuluniform, aber Hosen waren nicht erlaubt, obwohl es in dem alten Kloster bitterkalt war. Stattdessen durften die Mädchen nur Röcke anziehen, die bis über die Knie gingen.

Der Tagesablauf war immer gleich: Morgens aufstehen, vors Bett knien, beten. Und dann, noch vor dem Frühstück, eine Stunde in die Messe – jeden Tag.
„Da bin ich mit meinen Kreislaufproblemen regelmäßig umgekippt…“

Weiter: „In der Zelle…“
„Zelle?“
„Ähm, die Zimmer. Also unsere Zimmer, die hießen Zellen.“
„Musstest du auch mit 20 Mädchen in einem Zimmer schlafen?“
„Hm-hm, jede hatte eine Zelle für sich allein. Also… das war ursprünglich ein großer Raum, der war aber abgetrennt mit solchen, hm…“
„Rigipsplatten?“
„Ja. Da drin stand nur das schmale Bett, ein Stuhl und ein kleiner Nachttisch, sonst nichts.“
„Hm… ich weiß nicht, was schlimmer ist… sich mit 20 Mädchen ein Zimmer teilen zu müssen oder ganz allein in so einem Kabuff.“
Meine Mutter lacht leise. „Ja, ich weiß auch nicht, was schlimmer ist…“

Sie schwieg wieder, also erzählte ich weiter vom Film. Als ich zu der Stelle kam, an der die männliche Hauptperson jedes Mal einen Schlag auf die Finger kriegt, wenn er stottert, zuckte sie zusammen.
„Ja, das war normal. Man wurde für alles bestraft.“
„Für was, zum Beispiel?“
„Na… ich hatte so wahnsinniges Heimweh, aber ich durfte ja nicht weinen! Immer wenn ich geweint habe, wurde ich bestraft. Oder es hieß ‚Ab in die Zelle‘.“
„Und konntest du da weinen?“
„Heimlich,“ antwortete sie leise.

Das muss man sich vorstellen: Ein ganzes Jahr an einem Ort, an dem man nicht weinen darf…

Die Kinder im Film hatten immer die Tage gezählt, bis sie volljährig waren („ja stimmt, damals noch mit 21…“) und raus durften.
„Ich hab auch die Tage gezählt…“
„Warum bist du überhaupt das volle Jahr geblieben?“
„Na, ursprünglich sollte ich ja acht Jahre bleiben bis zum Abitur!“
„Aber trotzdem, das ganze Jahr?“
„Na, ich konnte ja nicht früher. Ich meine…“ Sie machte eine unbestimmte Geste mit der Hand.
Ich riet ins Blaue hinein und riet richtig. „Wegen dem Schulgeld?“
„Ja, dein Opa hatte ja für das ganze Jahr bezahlt. Und als deine Oma und dein Opa dann zum Elternsprechtag kamen, hab ich gebettelt, dass ich wieder heim darf. Deiner Oma war das ja egal, die sagte nur ‚Du wolltest hier hin, jetzt bleibst du auch hier‘. Aber dein Opa meinte, ich solle dann halt meine Sachen packen und mitkommen.“

Hach, mein Opa… schrecklich in seinem Zorn, aber innerlich doch butterweich…

Eigentlich wollte ich noch viel mehr fragen… ich hätte gerne gewusst, wie genau die Bestrafungen aussahen, mehr über den Tagesablauf, über einzelne Personen, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben sind… aber an dieser Stelle schluckte meine Mutter und sagte: „Ich erinnere mich wirklich nicht gerne an diese Zeit zurück“ – und ihr stiegen Tränen in die Augen.

Ich hab das dann gelassen. Ich finde, Tränen in den Augen einer über Fünfzigjährigen, die sich an Ereignisse zurück erinnert, die über vierzig Jahre her sind, sagen mehr als tausend Worte.

Übrigens endet der Film mit dem Hinweis, dass kürzlich ein Hilfsfond mit 150 Millionen Euro eingerichtet worden ist, um die ca. 800.000 betroffenen Kinder und Jugendliche, die in dieser Zeit in christlichen Heimen eingepfercht waren und seelisch und körperlich misshandelt wurden, zu entschädigen.

Das entspricht nicht mal 200 Euro pro Opfer.