Lebst du schon, oder WGtierst du noch?

Man hat ja so Vorstellungen von gewissen Sachen. Manche nennen das ganz unfreundlich „Klischees“, aber was soll’s.

Ich hatte immer solche Ansichten über das Studentenleben. Es gab und gibt einfach Dinge, die ich als „typisch studentisch“ auffasse. Housepartys zum Beispiel. Oder Kellnern. Oder sich tagelang von Pizza und Miracoli ernähren, während man Playstation zockt und den Gedanken an kommende Abgabetermine für Hausarbeiten erfolgreich mit Billigbier und noch mehr Pizza abtötet. Oder eben – eine WG.

Als ich angefangen habe zu studieren, wäre eine WG undenkbar gewesen. Sozialphobisch und schüchtern war ich eigentlich ganz froh, mich in meinem damaligen, winzigen Wohnheimzimmer verkriechen zu können und so wenig wie möglich mit den Leuten auf meinem Flur zu tun haben zu müssen. Es war schon schlimm genug, dass ich mir mit denen Küche und Bad teilen musste (es war ein SEHR billiges Wohnheim).
Aber naja, meine geistige Gesundheit schritt voran und irgendwann (ich wohnte inzwischen in Wohnheimzimmer Nummer 3, das ist aber eine andere Geschichte) kam mir der Gedanke an eine WG nicht mehr beängstigend, sondern verlockend vor. Ich dachte mir, ich würde es später bereuen, diese wichtige studentische Erfahrung nie gemacht zu haben.
Vor allem ein spezielles Problem trieb mich um: Ich studierte zwar schon ziemlich lange, aber ich kannte kein Schwein. Das ist der Nachteil, wenn Freunde von zuhause mit einem studieren: Man hängt immer aufeinander und hat überhaupt keinen Druck, neue Leute kennen zu lernen. Und dann lernt man auch keine kennen. Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ich hatte keine Freunde, nicht mal flüchtige Bekannte in meiner Unistadt. Und wenn meine Freunde in den Ferien zu Hause waren (wo ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr willkommen war), hockte ich allein rum.

Mission also: Coole WG finden, Leute kennen lernen! Und da ich eh mal wieder umziehen wollte (dieses Mal näher in Richtung Innenstadt), passte das gut.

Wie die WG-Suche vonstatten ging, habe ich schon mal berichtet. Ich freute ich damals wirklich, Max und Moritz gefunden zu haben.

Die Freude währte nicht lange.

Wenn ich alles aufzählen müsste, was mich an dieser WG stört, wüsste ich nicht mal, wo ich anfangen soll. Eigentlich sind es nur Kleinigkeiten, aber alle zusammen genommen werden sie zu einem riesigen Berg aus… Unbehaglichkeit.

Ich meine… ich bin jemand, der definitiv ab und zu seine Ruhe braucht, aber ich wollte auf gar keinen Fall eine Zweck-WG. Als ich hier einzog, war ich eigentlich sicher, das Gegenteil gefunden zu haben. Doch das war ein Trugschluss, und das ärgert mich.
Ich meine, warum freut man sich tierisch darüber, dass ein Mensch die selben Serien liebt wie man selbst, wenn man eh nie vorhat, sie sich mit diesem Menschen anzusehen? Es gab Tage, da sah ich mir in meinem Zimmer eine „American Dad“-Folge an, während ich durch die Wand hören konnte, dass Moritz gerade „South Park“ kuckte und Max den Flur runter „Family Guy“. Was soll das? Warum sitzen drei Menschen in drei verschiedenen Zimmern, wenn sie genauso gut im Wohnzimmer ZUSAMMEN sein könnten?
Die wenigen Male, als wir probierten, gemeinsam auf die Piste zu gehen, waren auch eher enttäuschend. Max weigerte sich, in eine Metaldisco zu gehen, Moritz war unter keinen Umständen für eine 90er-Jahre-Party zu haben und ich hätte mir eher die Pulsadern aufgeschnitten, als mir House oder Minimal reinzuziehen. Einigung unmöglich. Folge: Projekt „gemeinsam feiern“ abgeblasen.

Das gleiche ist jetzt übrigens auch mit Mattes, unserem neuen Mitbewohner, der im Herbst als Ersatz für Max kam, der Fall. Das fällt aber schon fast unter „Vorspiegelung falscher Tatsachen“! Angeblich ein Fan der rockigen Musik höre ich von ihm eigentlich auch nur Minimal und extrem langweiligen HipHop. Aber was heißt hier langweilig? RISE AGAINST findet er langweilig. Und zwar im Vergleich zu – Minimal.

Ächz.

Das normale Leben gestaltet sich ebenfalls etwas schwierig. Moritz ist… brummig. Oft. Ich glaube nicht, dass das was mit mir zu tun hat, aber dennoch vertrage ich sowas schlicht und ergreifend nicht gut. Ich bin da halt Mimöschen und reagiere ziemlich sensibel auf die Stimmung anderer.
Und Mattes? Ist ein 21jähriger Klugscheißer. Das stört mich vermutlich deswegen so arg, weil ich selbst so eine üble Klugscheißerin bin. Eine Klugscheißerin, die stark auf die Dreißig zugeht und die es nicht mag, ständig von einem Erstsemester verbessert zu werden, selbst bei Themen, von denen er gar keine Ahnung hat (ich aber schon, siehe Essensdiskussion).

All das könnte ich vielleicht noch verkraften, wenn die beiden nicht solche Hipster wären – Moritz mehr als Mattes.
Hipster sind einfach infernalisch. Mit Worten kann ich nicht beschreiben, wie sehr ich Hipster hasse… mit ihrem lächerlichen Kleidungsstil, ihrer bekackten „Fritz Kola“, ihren Kunstfilmen, ihrer Schusseligkeit, ihrer Arroganz, ihrer kompletten Inkompetenz in ALLEN Bereichen, ihrer beschissenen Musik!!

Ich meine, okay – jeder Mensch kann so leben, wie es ihm gefällt. Ich finde nur einfach nicht, dass Hipster Menschen sind!!!

Puh. Tief durchatmen.

Jedenfalls fühle ich mich hier wirklich nicht wohl, hatte ich mich eigentlich damit abgefunden, in dieser WG zu bleiben, bis ich mein Studium beende. Das dürfte nämlich in ca. einem bis eineinhalb Jahren endlich der Fall sein. Außerdem bin ich schon so oft innerhalb dieser Stadt umgezogen und habe schlicht und ergreifend keinen Bock mehr drauf!

Tja, und dann kam Kollege David und fragte mich, ob ich in seine WG ziehen will.

Mein erster Impuls war, sofort nein zu sagen, aus oben genannten Grund. David bat mich aber, wenigstens drüber nachzudenken und zeigte mir schließlich auch die Wohnung.
Und… wow. Altbau. Ein absoluter Traum! ALLES in dieser Wohnung ist der Hammer, aber ich sag nur: EINE BADEWANNE!! Ich kann kaum noch an was anderes denken!!!

Ich mach es kurz: Wegen der puren Großartigkeit der Wohnung, des kaum zu überbietenden Sympathieleveles von David sowie seines Mitbewohners (der heißt leider auch David, wird zur besseren Unterscheidung allerdings Dave genannt) und dem bequemen Umstand, dass diese Wohnung sogar etwas billiger ist als mein schon sehr billiges WG-Zimmer, habe ich mich letztendlich entschieden, tatsächlich dort einzuziehen!

David war so glücklich, fast hätte er mich geheiratet. Sein aktueller Mitbewohner Nr. 2 ist nämlich ein absoluter Depp. Ich habe ihn nur kurz getroffen, aber sofort verstanden, was David an ihm stört. Der Kerl wirkt einfach creepy und ist zudem einfach komplett durch. Einer, der am Rande des Alkoholismus wandelt und sich fast das gesamte Hirn weggekifft hat.
Aber auch Dave mag mich total. Verstehe ich ehrlich gesagt nicht so wirklich. Er lernte mich erst durch David kennen und hört seitdem gar nicht mehr auf zu betonen, wie sehr er sich darüber freut, dass ich bei ihnen einziehe. Und seine Freundin sogar auch! Sie ist Feministin und war hin und weg, als sie hörte, dass ich auch eine bin. Wir wurden uns in der Kneipe vorgestellt und nachdem das geklärt war, drehte sie sich zu Dave und sagte mit zwei Herzchen statt Augen sowas wie: „Ich finde sie total super!“

Ist es doof, dass mich das irgendwie ein bisschen einschüchtert? Ich habe das Gefühl, als würden mich alle für viel toller halten, als ich bin, so dass sie unweigerlich enttäuscht sein werden, wenn ich erst einmal wirklich eingezogen bin😦
Es wurde gar noch schlimmer. Als Johanna, Kollegin deux, hörte, dass ich mit David zusammen ziehe, fragte sie mich spontan, ob ich nicht bei ihr einziehen wolle, in ihrer WG würde nämlich auch ein Zimmer frei. Und Tim, mein Aerobicpartner, hat schon vor einem halben Jahr, als meine alte Freundin, deren WG-Partner er war, ausgezogen ist, angefragt, ob ich nicht bei ihm einziehen will.

Das ist ZU VIEL! Ich komme mit so viel freundlicher Aufmerksamkeit nicht klar! Das ist zu viel Druck! Wie soll ich so viel positive Erwartung jemals erfüllen!😦

Wenigstens auf Moritz und Mattes war Verlass. Als ich ihnen sagte, dass ich ausziehen werde, war die Reaktion wahrlich unterwältigend. Offensichtlich war es ihnen ziemlich scheißegal. Naja, ich kann es ihnen nicht verdenken, mir wäre es genauso gegangen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich ziehe nächste Woche um! Und da ich jetzt schon in Tränen ausbrechen könnte, wenn ich daran denke, wie viel Arbeit noch vor mir liegt, gibt’s nächste Woche ein kleines Special, das drüber hinweg trösten soll, dass ich wenig Zeit zum Bloggen haben werde. Nerdbarbie hat mich mit ihrem Special zum Thema nerdige Musik auf die Idee gebracht, was ähnliches zu starten – nur wird es bei mir in der gesamten nächsten Woche um Zeichentrickserien meiner Kindheit gehen:mrgreen: Ich hoffe, während ich zwischen Umzugskartons sitze und weine, bringe ich damit meine gleichaltrigen Leser zum nostalgischen Schwärmen, die älteren zum Kopfschütteln und die jüngeren zum Staunen.

Das wird übrigens ein ganz besonders krasser Umzug, da ich aufgrund akuter lahmarschiger Blödheit zu scheiße war, mich rechtzeitig um einen Umzugswagen zu kümmern. Jetzt hab ich keinen. Das wird ein Spaß!

9 Gedanken zu “Lebst du schon, oder WGtierst du noch?

  1. Ich bin so gespannt, was du für Serien rauskramst😀 Ich war ja ein absolutes Fernsehkind und bin gespannt, was ich davon alles kenne😀

    Uuund ich würde mich jetzt zu gern in einen Umzugswagen setzen und zu dir fahren. Da ich aber erstens nicht weiß, wo du wohnst und zweitens zwar einen Führerschein aber keine Fahrpraxis habe, werde ich wohl nie ankommen. Daher sende ich dir meine mentale Umzugshilfe (die darfst du auch anschreien, wenn sie was kaputt macht) und hoffe, dass alles schnell von statten geht und du endlich ein großartiges WG-Leben vor dir hast😀

    • Danke🙂 Letzte Woche hatte ich voll die Krise, weil ich plötzlich dachte, ich hätte doch einfach hier bleiben sollen, aber inzwischen freue ich mich sehr. Die beiden sind schon ein ganz anderes Kaliber…

      Umzug krieg ich schon irgendwie hin. Irgendjemand wird mir schon für einen Kasten Bier eine halbe Stunde seiner Zeit leihen😉 Wenigstens ein Auto habe ich immerhin, von Daves Freundin…

  2. Dann alles Gute für deinen Umzug.
    Ich hoffe, du hast einige nette Umzugshelfer, dann kann das sogar etwas Spaß machen.

    „Wie soll ich so viel positive Erwartung jemals erfüllen!“

    Du bist nicht da, um irgendjemandes Erwartungen zu erfüllen. Selektive Authentizität und normale zwischenmenschliche Gegenseitigkeit reichen völlig aus. (Selektive Authentizität ist ein Fachbegriff aus der Humanistischen Psychologie, heißt soviel wie „authentisch sein, ohne sich selbst oder andere unnötig zu verletzen“.)

    In dem anderen Strang antworte ich die Tage noch.

    • Dann versuche ich mal, selektiv authentisch zu sein… was Ausdruck:mrgreen:

      Weiß grad nicht, welchen anderen Strang du meinst, langsam verliere ich etwas den Überblick über meine Kommentare. Aber ich bin gespannt.

  3. Ich kann verstehen, dass du die Erwartung anderer erfüllen willst und dass du nicht willst, dass sie dann traurig sind, aber ich glaube, dass es eine der wahrlich wichtigsten und richtigsten Entscheidungen war, die du treffen konntest🙂 Hauptsache ist doch, dass du dich wohlfühlst und dann auf jeden Fall jemanden hast, den du auch magst😀 Ich freu mich wirklich tierisch mit dir und wenn die ein oder andere Träne fällt, dann ist das auch nicht schlimm ♥😀
    Viel Glück!

  4. Alles Gute für den Umzug, wird schon schiefgehen😉

    Und was die Erwartungshaltung angeht, dazu hat Leszek schon alles gesagt. Wobei ich glaube, dass du dir den meisten Druck aber eh selbst machst. Schließlich mögen dich die Leute ja genau deshalb, weil du so bist, wie du bist.

    • Das hoffe ich, nur zusammen leben ist halt immer was anderes… nicht umsonst verzichten viele Menschen darauf, mit ihren besten Freunden zusammen zu ziehen…

      Naja, wird schon. Ich hab den Jungs auch irgendwann gesagt, dass ich mich grad voll unter Druck fühle. Sie meinten, das müsste ich nicht. Weil, ich wäre ja so toll. Was natürlich NOCH VIEL MEHR Druck aufgebaut hat ^^

      Stimmt schon, der Druck kommt von mir selbst. Aber ein bisschen weniger dick auftragen könnten die Jungs schon ^^

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