Ein neues Nest für Robin – Teil 2

Okay, das „Morgen“ tendiert schon mehr in Richtung „nächste Woche“… *hust*

An meiner Wohnung angekommen sprang Dave aus dem Transporter, riss die Seitentür auf und wartete ungeduldig darauf, dass ich ebenfalls ausstieg und die Haustür aufsperrte.

Ich staunte. Warum so hektisch? Ich dachte, wir rauchen erst mal eine…

Aber nein, Dave war voll im Stressmodus, also jumpte er, kaum hatte ich die Tür aufgesperrt, die Treppe hoch, überblickte, im Wohnzimmer angekommen, sofort die Situation und krallte sich vier vollbepackte Plastiktüten mit Zeug. Dann war er schon wieder auf dem Weg nach unten.
Ich war widerwillig beeindruckt (starker Kerl… arbeitet aber auch neben der Uni aufm Bau), aber auch völlig aus dem Konzept. Warum legt der denn so ein Tempo vor?
Ich folgte ihm, etwas weniger bepackt. Zurück am Transporter merkte ich vorsichtig an, dass es vielleicht schlauer wäre, zuerst meine Matratze einzuladen.
„Ach, Unsinn,“ meinte Dave lapidar und war schon wieder halb oben.

Hm, okaaaay? Ich lud mein Zeug ab und ging wieder nach oben, wo ich gerade noch rechtzeitig kam um zu sehen, wie Dave eine Matratze im Wohnzimmer mit Gewalt hochhievte.
„Stop!“ schrie ich. „Die nicht!“
Tatsächlich handelte es sich bei dieser kleinen Matratze um die WG-Couch, weil der letzte Mitbewohner die reguläre Couch mitgenommen hatte, als er ausgezogen ist. Meine viel größere und coolere Matratze befand sich noch in meinem Zimmer!
Dave schmiss die Couch-Matratze wieder hin und gemeinsam schleppten wir meine Matratze nach unten (wobei es ihn, glaube ich, ziemlich angepisst hat, dass er sie nicht allein tragen konnte…).

Dann war auch Mitbewohner Mattes zur Stelle. Tags zuvor hatte ich angefragt, ob er samstags zu Hause sein würde. „Warum, hast du mich zum Schleppen eingeteilt?“ fragte er leicht bissig, was ich ziemlich beschissen fand, denn als er eingezogen war, habe ICH ihm immerhin auch geholfen *grmpf*
Eigentlich ging es ja auch nur um das Zeug, das für mich zu schwer war. Beide begannen, meinen monströsen Röhren-Fernseher (80 Zentimeter Bilddiagonale, 60 Kilo) runter zu hieven, während ich von Dave die Anweisung bekam, meinen restlichen Kram links liegen zu lassen und endlich meinen Schrank fertig auseinander zu bauen.

Ich hatte gerade erst die Schubladen entfernt und war dabei, die Schrauben an der Rückwand zu lösen, als Dave schon wieder herbei gesprungen kam. Inzwischen war auch Aerobicpartner Tim zur Hilfe geeilt, der Süße ♥ der auch mit anpackte.
Hier fing mir die Hektik von Dave an, doch ein bisschen auf den Sack zu gehen. Dreißig Schräubchen zu entfernen – das dauert halt ein paar Minuten. Nichtsdestotrotz schnappte er sich einen weiteren Schraubenzieher und versuchte schon, die Decke und die erste Seitenwand abzukriegen.
Leider mit Erfolg, was der Statik doch nicht so ganz zuträglich war. Plötzlich kippte das ganze Teil zur Seite… bis auf die Rückwand. Die stand wie eine Eins, bis es knirschte und sämtliche noch verbleibende Schrauben gleichzeitig raus gerissen wurden, dann kippte sie auch, bis ich sie auffangen konnte.

Ich starrte fassungslos auf die ausgefransten, nun völlig nutzlosen Schraublöcher der Rückwand. „Oh nein!“
Die Jungs upsten und ließen sich ansonsten nicht in ihrer guten Laune stören. In mir dagegen brach eine Welt zusammen. Mein Schrank! Das erste große Möbel, das ich mir selbst gekauft, selbst in die Wohnung geschafft und selbst komplett zusammen gebaut habe!! Und nebenbei momentan auch noch das einzige Möbel, das ich nicht geschenkt bekam, vom Sperrmüll rettete, gebastelt oder mir sonstwie herbei gezaubert habe!!
„Mann, die ganzen Löcher sind kaputt! Das hält doch später niemals,“ jammerte ich mit bebender Unterlippe. Ohne festmontierte Rückwand ist so ein Schrank nämlich eine recht instabile Angelegenheit!
„Ach, wir haben zuhause Gaffa Tape,“ meinte Dave und grinste leichtfertig.

GAFfA TAPE?? Ich soll meinen Schrank mit GAFFA zusammen kleben?? Wie sieht denn das aus!!

Ich verzichtete allerdings auf weitere Zickereien, zumal die Jungs angefangen hatten, Witze über meinen wunderschönen, unschuldigen, gar-nicht-mal-so-billigen Schrank zu reißen. Als wär der nur ein Haufen Schrott!! *schnüff*
Hätte ich nur morgens nicht verschlafen! Dann hätte ich ihn allein auseinander gebaut, wie ich ihn ja auch allein zusammen gebaut hatte. Manche Dinge sollte man einfach selbst machen, vor allem, wenn man diese Dinge einem Menschen in die Hände legt, der Philosophie studiert und für den jeder materielle Besitz unnötiger Ballast auf dem Weg zur geistigen Vollkommenheit darstellt. Und ja, damit meine ich meinen neuen Mitbewohner!!

Naja, damit war meine schlimmste Seelenpein allerdings überstanden. Der Rest ging recht fix. Lediglich die Couch musste noch irgendwie runter (Tim beim Versuch, sie durch meine Tür zu quetschen: „Wie zur Hölle habt ihr die damals hier hoch und hier rein gekriegt?“ Ich: „Mit Gewalt.“), dann waren wir tatsächlich schon fertig. Ein prüfender Blick auf die Uhr zeigte: Gerade mal eine Dreiviertelstunde! Das hatte ich mir wesentlich langwieriger vorgestellt.

Ich bedankte und verabschiedete mich von Mattes (obwohl ich nur einen Tag später wieder auf der Matte stand, um das Zimmer noch zu putzen. Und, naja… um The Biggest Loser zu kucken.), dann war wieder Transporter-Time. Tim und Dave quetschen sich zu mir nach vorne.

Inzwischen wars ja geil, das Ding zu fahren. Allerdings zeigte es jetzt in die falsche Richtung.

„Ich kann nicht wenden,“ stellte ich knapp fest.
„Warum?“
„Ich kann nicht rückwärts fahren.“

Ich wartete, bis die Jungs fertig gelacht hatten, dann fuhr ich trotzig einfach die nächste Straße rechts, um eine Schleife zu fahren, wobei sich die Straße als wesentlich schmaler entpuppte als gedacht.
„Aaaaaah…“ machte Tim, als ich mich zentimeterweise zwischen einem geparkten Auto und einer Hauswand hindurch quetschte. Gegen jede Wahrscheinlichkeit kamen wir trotzdem ohne einen Kratzer an der neuen Wohnung an.
Und dort begegnete ich auch erstmals meinem baldigen Nachbarn, der mir David schon in den buntesten Farben geschildert hatte: Alki, der so heißen soll, weil er einer ist, und was ich schreiben darf, weil er das selbst von sich sagt(!) und offensichtlich trotzdem ganz gut zurecht kommt. Er ist um die sechzig und wohnt in der Wohnung über uns.

„Ah, da kommt das neue Mädel! Na, wie heißt du? Robin? Oje, das kann ich mir nicht merken! Ich nenne alle Mädchen „Petra“, nicht böse sein!“
Ich war nicht böse. Der Typ schien voll okay, da hatte ich mir was GANZ anderes vorgestellt. Er packte auch direkt mit an und half, Zeug hoch zu tragen – und bei dem Zeug, das er nicht tragen konnte, weil er halt schon etwas älter ist, dirigierte er die Jungs routiniert.

Dadurch ging das Entladen sogar noch wesentlich schneller als das Beladen. Ein Problem gab es allerdings…

„Hat der Drogi eigentlich jetzt schon was gemacht?“
‚Drogi‘ ist der Typ, von dem ich das Zimmer übernehme (ich nenne ihn so mit allem Respekt vor Menschen, die drogensüchtig sind). Mein Umzug fand ja am 30. statt, das Zimmer räumen musste er also erst einen Tag später – und er hatte auch versichert, dass er das schaffen würde.
„Keine Ahnung,“ antwortete Dave, „er war eben nicht da, als ich gegangen bin.“

Unser erster Gang führte uns also in sein Zimmer, das bald meins sein sollte.
Dort stand EIN Karton. Der Rest des Zimmers war völlig unverändert.

„Wow…“ konstatierte ich hilflos. Es wurde noch schöner, als wir das Wohnzimmer enterten, denn dort lag eine Notiz von ihm.
Hallo Robyn! Willkommen zuhause. Stell dein Zeug erst mal in Davids Zimmer. Ich räume Sonntag alles aus, brauche aber noch ein paar Kartons. Kannst du mir ein paar von deinen hinstellen? Gruß, Drogi

Ähm. Nein?
1. Die Kartons sind nur geliehen. Ich muss die wieder zurück bringen. Es sind zwar nur Kartons, aber wie man sieht, ist man ohne ziemlich aufgeschmissen!
2. Wie soll ich Kartons ausräumen, damit man sie wieder nutzbar machen kann, wenn ich nichts habe, wo ich das Zeug hinräumen kann? o.O

Dave stellte Bier auf den Tisch. All mein Zeug war behelfsmäßig verstaut, der Umzug war eigentlich über die Bühne. Aber die Sache Drogi versprach, noch interessant zu werden.

Und das wurde sie dann auch. Aber davon morgen… oder nächstes Jahr :mrgreen:

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5 Gedanken zu “Ein neues Nest für Robin – Teil 2

  1. Schön, dass alles gut geklappt hat.

    Ich hätte übrigens die perfekte Ausrede gehabt, nicht beim Umzug helfen zu können. Neben solchen Lappalien, wie dass ich nicht weiß, wo du wohnst usw., hatte ich nämlich die wirklich übelste Grippe seit Jahren. Erst seit heute geht es wieder ein bißchen besser.

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