Bücher-ABC 2013: C wie Stephen Kings „Carrie“

Nicht wundern: Ich bin immer noch voll im Lernmodus. Aber das hier hat eh auf seine Veröffentlichung gewartet!

Hä, Bücher-ABC?

Stephen King – Carrie
Carrie, 1974 (deutsch 1977)

carrieDas Leben der sechzehnjährigen Carrie White ist ein Alptraum: Von ihrer fanatisch religiösen Mutter misshandelt und seelisch gepeinigt, ist sie auch in ihrer Highschool eine Außenseiterin, die ständig gehänselt wird. Der (vorläufige) Gipfel dieser Demütigungen ist am Tag ihrer sehr späten, ersten Periode erreicht, die sie nach dem Sportunterricht in der Dusche ereilt: Während sie selbst glaubt, verbluten und sterben zu müssen, da sie nie aufgeklärt worden ist, bewerfen sie ihre Mitschülerinnen angeekelt mit Tampons und lachen sie aus.

Emotional aufgewühlt passieren immer mehr merkwürdige Dinge um Carrie herum, die in ihr den Verdacht erwecken, telekinetische Kräfte zu besitzen. Während sie diese eifrig trainiert und auch in der Schule aufblüht, weil einige Mitschülerinnen, beschämt über ihr eigenes Verhalten, versuchen, netter zu ihr zu sein, und sie schließlich sogar zum Abschlussball eingeladen wird, hegen andere Schüler weiterhin Groll gegen das unscheinbare Mädchen und schmieden einen Plan zu ihrer ultimativen Demütigung… nichtsahnend, welche Kräfte Carrie inzwischen mobilisieren kann, wenn sie nur wütend genug ist…

Carrie war Stephen Kings allererster Roman und gehört mit Sicherheit zu einem der erfolgreichsten! Dabei wäre er fast nie erschienen. Das ursprüngliche Manuskript war viel zu kurz, um als eigenständiges Werk auf den Markt gebracht zu werden, daher wurde es an Stephen King mit der Bitte um Überarbeitung zurück geschickt. Der fügte der Geschichte Auszüge aus fiktiven Biographien, Zeitungsartikeln, Bücher über den Vorfall etc. hinzu und änderte damit nebenbei mal die ganze Erzählstruktur.

Zum Glück! Die Einschübe peppen das Werk so richtig auf und machen es zu etwas besonderen. Ganz ehrlich: Als ich das Buch mit zwölf Jahren zum ersten Mal las, glaubte ich das alles! Ich dachte, das wäre wirklich so etwas wie ein ausgeschmückter Tatsachenbericht! Jedenfalls habe ich schwer gezweifelt ^^

In bester Colombo’scher Manier weiß der Leser durch die beigefügten fiktiven Sachtexte schon von Anfang an, dass die Geschichte auf ein apokalyptisches Ende zusteuert. Damit ist die Frage „Was?“ direkt von Tisch und der Fokus gleichzeitig auf das „Wie?“ gelegt. Ein erzählerischer Kniff, den ich sehr schätze, sofern er nicht überstrapaziert wird.

Dem Buch selbst merkt man an, dass es sich um Kings ersten Roman handelt, da die Charakterzeichnung noch etwas unterdurchschnittlich ist. Obwohl größtenteils aus Carries Perspektive erzählt wird, bleibt das Mädel leider etwas blass, man erfährt praktisch nichts von ihr. Gleichzeitig sind mir andere Figuren, nämlich Chris (Carries Mitschülerin) und ihr Freund Billy eindeutig zu bösartig geraten. Man erfährt zwar, warum Chris sich letztendlich entscheidet, ihren Plan gegen Carrie zu schmieden (als Strafe für ihr beleidigendes Verhalten nach dem Sportunterricht wird sie vom Abschlussball ausgeschlossen und die Schuld daran gibt sie Carrie), aber warum sie von Anfang an so eine Bitch ist, bleibt unklar. Billy, den man nur als mindestens soziopathisch einstufen kann, ist dann noch mal ne ganze Ecke schlimmer.

Auch ist nicht zu übersehen, dass das Buch jetzt schon fast vierzig (!!!) Jahre auf dem Buckel hat. Wie Stephen King mit dem Thema weibliche Sexualität umgeht, lässt auf große Unsicherheiten des damals erst 27jährigen Stephen King schließen (um mal ein bisschen psychoanalytisch, um nicht zu sagen unverschämt zu werden ^^). Religiöser Fanatismus, der hier sogar so weit geht, dass Carries Mutter es  schafft, die natürliche körperliche Entwicklung ihrer Tochter zu verzögern, ist ebenfalls eine Thematik, der er sich hier zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal gewidmet hat (siehe Der Nebel, Needful Things, Kinder des Zorns und unzählige Einzelcharaktere in fast allen Werken, die allesamt ein ein bisschen zu enges Verhältnis zu Jesus haben…). Und das Mobbing-Thema ist natürlich leider zeitlos.

Stephen King hat mit Carrie eine große Geschichte geschaffen, die spätestens nach der Verfilmung von Brian de Palma (der auf deutsch mit dem unsäglichen Untertitel „Des Satans jüngste Tochter“ versehen worden ist – Opferbeschuldigung in Reinform) zu einem fast nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der Popkultur geworden ist! Allein deswegen lohnt sich das Lesen schon. Meine Empfehlung!

Wo wir gerade bei Verfilmungen sind: Ich fand „Carrie“ als Film immer scheiße. Der Film ist 1976 eingeschlagen wie eine Bombe und Sissy Spacek wurde sogar für einen Oscar nominiert, aber mit so alten Schinken habe ich meine Probleme, zumal sich de Palma einer mir unerträglichen Bildsprache bedient und das Erzähltempo kaum lahmer sein könnte. 

Umso schöner, dass dieses Jahr eine Neuverfilmung heraus kommt, in der Carrie von der ziemlich coolen, leider für diese Rolle wesentlich zu hübschen Chloe Moretz (bekannt geworden als Hit-Girl in „Kick-Ass“) gespielt wird. Ich bin gespannt und hoffe auf eine weitere geile King-Verfilmung!

5 Gedanken zu “Bücher-ABC 2013: C wie Stephen Kings „Carrie“

  1. ich bin auch schon sehr gespannt auf die neue verfilmung (hab die „alte“ aber auch gar nicht gesehen.) was du über die charakterzeichnung gesagt hast, dem kann ich nur zustimmen. wobei ich sowieso nicht so der stephen-king-fan (mal abgesehen von der-dunklen-turm-reihe) bin, was vor allem an seinem schreibstil liegt, der mir nicht so gefällt, obwohl ich die storylines prinzipiell meistens kul finden würde.
    und psychoanalytisch kann man bei stephen king sicher seehr viel reininterpretieren, vor allem, weil *es folgt eine kleine übertreibung* 90% seiner hauptfiguren immer schriftsteller aus maine sind😉

    • Das finde ich mal sehr ungewöhnlich: Den Dunklen Turm lesen, aber ihn sonst nicht so mögen… meistens ist es eher umgekehrt! Selbst viele eingefleischte Fans trauen sich an diesen Megaepos nicht ran…

      Ich finde, bei dem alten Film hast du echt nix verpasst. Inzwischen sind auch schon richtige Trailer zur Neuverfilmung draußen, an denen man schon erkennen kann, dass die Adaption wohl doch etwas freier sein wird. Ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll, aber naja, erst mal abwarten! Es ist ja auch schwer, einen Film zu drehen, dessen Handlung praktisch jeder schon kennt.

      „und psychoanalytisch kann man bei stephen king sicher seehr viel reininterpretieren, vor allem, weil *es folgt eine kleine übertreibung* 90% seiner hauptfiguren immer schriftsteller aus maine sind“
      Neeneenee! 40% sind Schriftsteller aus Maine, 50% sind Kinder aus den 50ern/60ern aus Maine und der Rest ist… was anderes😉
      Aus diesem Grund muss ich tatsächlich irgendwann mal nach Maine!

      • Ihr habt die Bullys vergessen. Und die prügelnden Ehemänner/Väter. Und die Alkoholkranken. Und die fluchenden alten Vaterfiguren, die voller Weisheit sind. Hab ich sonst noch King-Klischees vergessen?

        Beim Dunklen Turm bin ich so meh.
        Ich hab mal ne Kurzgeschichte gelesen, die in dem Universum spielte, hat mich nicht gekickt.

      • dann freue ich mich zumindest mal auf deinen blogpost über das schöne ‚maine‘. nach kings vorstellungen muss das ja ein schaurig schöner ort sein😀
        @neuverfilmung: ich würde es ja irgendwie lustig finden, wenn sie etwas sehr wesentliches an der handlung ändern würden (denke ich zwar nicht, und außerdem würde das wohl sehr viele fans sehr aufregen) aber lustig wäre es trotzdem🙂

  2. Pingback: [Halloween-Special] Der King (und seine fünf besten Kurzgeschichten) | robins urban life stories

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