Wessen Privileg schwerer wiegt… (Das leidige Thema IV)

Einige Bloggerinnen haben die Aktion #waagnis ins Leben gerufen und andere aufgefordert, daran teilzunehmen. Das hier ist allerdings weniger ein Teilnehmerpost als ein kleiner Rant gegen die Kritiker dieser Aktion. Das ist hoffentlich auch genehm.

Als ich heute um halb eins so langsam die Augen aufbekam (ich war mal wieder arbeiten bis vier Uhr morgens), war meine erste Amtshandlung, wie immer, der Griff zum Laptop. Und, wie so oft, öffnete ich Twitter und sofort ploppten einige Fragezeichen über meinem müden Schädel auf. #waagnis, hä? Was geht ab?

Das war schnell geklärt. Ninia, Kathrin, Johanna und Maike von Kleinerdrei schrieben über das Hadern mit ihren Körpern, haben sich entschlossen, (teils weiterhin) ohne Waage zu leben und fordern alle auf, ebenfalls von ihren Problemen mit der unnötigen Badezimmerelektronik namens Waage zu berichten. Entweder in Form von Blogposts oder bei Twitter unter dem Hashtag #waagnis.

Noch bevor ich allerdings die Artikel alle lesen und entscheiden konnte, ob ich das nun cool finden soll oder nicht, fielen mir die ersten negativen Statements zu der Aktion ins Auge. Gleich gefolgt von einem entschuldigenden Tweet von Ninia.

Nennt mich anti, aber in diesem Moment war mir sofort klar, dass etwas, was so eine Entschuldigung nötig macht, eigentlich nur gut sein kann!

Doch zunächst zu mir.

Probleme mit meinem Gewicht habe ich schon hier, hier und hier verbloggt, man könnte also auf die Idee kommen, dass ich dazu nichts mehr zu sagen habe. Tatsächlich ist das aber eine neverending story… und nicht nur für mich.

Seit zweieinhalb Monaten lebe ich mehr oder weniger unfreiwillig ohne Waage, denn Anfang April bin ich umgezogen und war bisher zu faul, meine Waage in meiner alten WG abzuholen. Sie war auch eines der ersten Geräte, die ich für diese WG anschaffte – zusammen mit einer Küchenwaage.

Der Slogan der Mädels von #waagnis lautet übrigens:
waagnis
Ich musste direkt lachen, als ich das las. Nicht, weil es ein lächerliches Statement ist, sondern weil ich Leute kenne, die selbst DAS für irgendwie bescheuert halten.

Wie mein geschätzter Ex-Mitbewohner Moritz zum Beispiel. Er beäugte unsere neue Küchenwaage damals völlig verblüfft. „Wofür brauchst du die denn?“
Ich, gnadenlos: „Um Sachen zu wiegen.“
„Äh, aber warum? Das geht doch auch so?“
Nun muss ich mich vor jemanden, der eine halbe Stunde braucht, um eine Karotte und ne halbe Zucchini zu schneiden und das „Kochen“ nennt, wohl wirklich nicht zu rechtfertigen, tat es aber doch. „Ja, normal schon. Aber ich koche ja auch mal nach Rezept. Oder brauch abgewogene Zutaten zum Backen. Oder für Nudeln.“
Schockierter Blick von Moritz. „Du wiegst deine Nudeln?!?!“
„Ja.“
…Und er glotze mich an, als hätte ich eine Essstörung.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir klar, dass andere Leute das wohl offensichtlich nicht tun. Also, Nudeln wiegen. Aber da Moritz mit seinem Urteil nicht falsch lag (jedenfalls nicht völlig), gibt es für mich leider keine Alternative.
Das Problem ist, dass ich fressen kann, bis ich fast platze. Weitaus mehr, als ich brauche, weitaus mehr, als angenehm für mich ist. Und leider fehlt mir durch jahrelange Probleme mit meiner Ernährung irgendeine Art Mechanismus, der meinem Körper während des Essens sagt „Es langt jetzt“. Natürlich fühle ich mich nach zu viel Essen völlig vernichtet. Es ist nicht so, dass mir ein Sättigkeitsgefühl fehlt. Eher die Beherrschung, auch darauf zu hören, obwohl das für die meisten Leute überhaupt kein bewusster Akt ist und sie einfach von selbst aufhören, wenn sie merken, dass sie satt sind.
Daher wiege ich meine Nudeln. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich von 100-120 Gramm Nudeln absolut angenehm satt bin. Essen kann ich aber auch locker doppelt so viel!! Weshalb die Küchenwaage in diesem Fall mein einziger Freund ist, der zwischen mir und der völligen Überfressung steht.

Und aus dem selben Grund kann ich das #waagnis nicht eingehen und meine Körperwaage entsorgen.
Seitdem meine Waage in meiner Ex-WG im Exil ist, habe ich zugenommen. Das spüre ich an meinen Jeans und natürlich auch an der Optik. Vor meinem Umzug hatte ich gerade ein paar Kilo abgenommen und war auf 71 kg runter, verteilt auf schnuckelige 1,58. Inzwischen dürfte ich wieder bei 75 sein, ungefähr.

Und das gefällt mir nicht. ICH gefalle MIR so nicht. Es ist mein ureigenes Ästethik- und auch Körperempfinden, dass ich mir mit 10-20 Kilo weniger besser gefallen würde. Hatte ich alles schon, konnte es damals allerdings nicht genießen. Jetzt wäre das anders und deswegen möchte ich da wieder hin!

Das klappt allerdings nicht ohne Waage. Ich kann auf dieses elende Kontrollding nicht verzichten. Ich hätte nämlich nicht wieder 4 Kilo zugenommen, wenn ich zwischendurch gesehen hätte, in welche Richtung ich mich gerade bewege. Ohne Waage war das ein diffuses Gefühl, das sich ganz langsam aufbaute, bis es zu spät war.
„Hm, so lange ohne Waage. Hab ich zugenommen? Neeeee.“
„Hm, die Jeans kneift. Ist aber auch frisch gewaschen. Muss nix heißen.“
„Hm, ist das ein neues Speckröllchen? Schwer zu sagen…“
„Okay, ein neues Loch im Gürtel. JETZT ist es amtlich!“

Natürlich ist die Waage nur ein unzureichendes Gerät zur Messung des Körpers. Die Waage interessiert sich nicht dafür, ob ich mir gerade ein Kilo Eis reingepfiffen hab oder ein Liter Wasser auf Ex – in beiden Fällen zeigt sie direkt danach ein Kilo mehr an. Es ist ihr auch egal, ob ich gerade meine Tage hab und aufgeschwemmt bin. Oder, ob ich vor oder nach ihrer Besteigung aufs Klo gehe. Die Waage macht, was sie will, weil der menschliche Körper macht, was er will!

Dennoch brauche ich das blöde Teil einfach, denn zumindest für die grobe Richtung reicht es. Deshalb werde ich meine Waage nicht entsorgen (und kann leider auch nicht, wie gewünscht, ein Foto machen, weil ich sie ja momentan nicht in der Wohnung habe).

Ich weiß nicht, ob das vielleicht bedeutet, dass ich „noch nicht so weit“ bin. Oder ob es einfach von meinem Standpunkt aus nur logisch ist. Wie soll ich das beurteilen? Ich hätte meine Meinung nicht, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass meine Meinung richtig ist.

Dennoch mag ich die Aktion und fand alle Ausgangsartikel ziemlich gut. Deswegen nervt es mich auch, wie viel Kritik die Initiatorinnen einstecken müssen!

Warum? Naja. Es gibt ja diese „fat acceptance“-Bewegung, die sich für die Akzeptanz „alternativer Körperformen“, bzw. in diesem Fall ganz konkret fetter Körper einsetzt (sie nennen sich selbst so. Also, fett. Deshalb schreibe ich das jetzt einfach so, obwohl ich sowas im Leben nicht jemanden ins Gesicht sagen würde. Dazu habe ich es selbst schon zu oft gehört.). Eine Bewegung, die ich nicht unkritisch betrachte, die mich aber auch nicht wirklich tangiert.

Genau aus dieser Ecke erschallt nun ne Menge Wut, was in meinen Augen einfach nur paradox ist. Immerhin war es ja die Intention der Autorinnen, alle mollige Frauen da draußen dazu zu motivieren, den ständigen Kampf mit der Waage einfach aufzugeben und sich ihr Leben nicht von ein paar Zahlen auf einem Display diktieren zu lassen!

Und das ist ja auch richtig so. Oft wird der Einfluss der Medien etc. auf dieses Thema verharmlost (mein Eindruck: Meist irgendwie nur von Männern, die nur auf Frauen mit Modelmaßen stehen), aber man muss sich nur mal ein bisschen umsehen und auf saublöde Artikel wie diesen stoßen um zu merken, dass es eben NICHT harmlos ist. Kleine Mädchen machen sich schon Sorgen um ihre Figur, der Großteil der weiblichen Teenager hasst sich, erwachsene Frauen geben Tonnen von Geld dafür aus, schlank zu werden oder zu bleiben.

Diese Frauen und Mädchen sind alle sehr unsicher und sehr unglücklich, obwohl sie größtenteils wirklich keinen Grund dazu haben. Aber es wird ihnen eben eingeredet. Eine Folter, an der sogar Freunde und Familie mit Genuss partizipieren.

Für einige dieser Frauen könnte es ein Segen sein, die Waage einfach in den Müll zu werfen, sich davon nicht mehr den Tag versauen zu lassen, nicht mehr darüber zu grübeln, warum man heute plötzlich ein Kilo mehr wiegt, obwohl man gestern nur Salat und ne Salzkartoffel gegessen hat (das passiert halt manchmal einfach so). Was ist daran bitte schlecht?

Auf Twitter las ich von irgendeiner, das Problem sei, dass sich hier nur Frauen mit „Normalgrößen“ zu Wort gemeldet hätten. Und diese sind natürlich im Vergleich zu richtig fetten Frauen total privilegiert, was in manchen radikalen Strömungen des Feminismus der finale Code ist für „Fresse halten“. Denn privilegierte Menschen dürfen NIEMALS irgendwas sagen!

Diesen Damen scheint das tatsächliche Problem entgangen zu sein. Das Problem ist ja nicht, dass Frauen ab BMI 30 verhöhnt und ständig wegen ihrer Figur kritisiert werden. Das Problem ist, dass sowas auf ALLE Frauen zutrifft! Eine Ausnahme mögen wohl die wenigen von der Natur gesegneten sein, die ohne Sport etc. essen können was sie wollen und trotzdem schlank bleiben. Aber selbst die werden doch ständig auf ihr Gewicht angesprochen, auf ihren Körper reduziert!

Die Schwere eines Misstandes äußert sich nicht darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die extrem krass von der gesetzten Norm abweichen. Die Schwere eines Misstandes äußert sich darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die davon auch nur ein bisschen abweichen. Und das ist beim Thema „weibliche Figur“ eindeutig der Fall!

Der Schmerz, den richtig fette Menschen empfinden müssen, wenn sie angepöbelt oder ausgelacht werden, wird nicht im Geringsten geschmälert, wenn eine, die in einen H&M reingehen kann und dort sogar auch ohne Übergrößenabteilung was passendes findet, davon berichtet, wie an ihrem Aussehen rumgemäkelt wurde. Und es ist nur logisch, dass eine solche Frau sich mit solchen, die von diesen Attacken noch viel mehr betroffen sind, praktisch automatisch solidarisiert!

Deshalb ist es gar nicht schlecht, dass sich hier Frauen zu Wort gemeldet haben, die nach Interpretation der fat-acceptance-Membern ne völlig normale Figur haben. Ganz im Gegenteil! DAS beweist doch erst, was für ein Problem wir heutzutage mit abweichenden Körperformen haben!

Deshalb finde ich die Kritik an der Aktion völlig überzogen, vor allem, wenn man das weiter denkt. Wenn jetzt Frauen, die mehr wiegen als die Initiatorinnen meinen, dass nur so richtig fette Frauen sich dazu wirklich äußern dürfen, was passiert dann, wenn NOCH dickere Frauen auftauchen? Gibts ne Grenze, ab der man sich äußern darf? Oder heißt es: Je mehr BMI, desto mehr Gewicht haben auch die Worte?

Manchmal sollte man einfach mal überlegen, was sich Leute bei bestimmten Dingen gedacht haben. Und die #waagnis-Mädels haben bestimmt nicht gedacht: Höhö, trollen wir mal ein bisschen rum. Sie haben reflektiert, wofür dieses Scheißding Waage eigentlich steht und beschlossen, sich daraus zu befreien, während sie gleichzeitig anderen Frauen damit Mut machen wollen.

Dass dabei viele fatpositive oder fatacceptance Bloggerinnen „unsichtbar“ gemacht wurden… also meine Güte. Manchmal glaube ich, manche Leute stecken so tief in ihrer Filterbubble drin, dass sie gar nicht merken, dass ihnen außerhalb dieser keine Sau zuhört. Ich habe mich beispielsweise schon seit ich denken kann mit Diäten, Gewicht etc. beschäftigt, aber fat acceptance ist mir erst über den Weg gelaufen, als ich anfing zu bloggen. Das ist wieder mal keine besonders verbreitete Bewegung, die daher doch über jeden neuen Impuls froh sein kann. Wenn dieser jetzt von Ninia, Kathrin, Johanna und Maike kommt, warum nicht? Sie mögen einen anderen Ansatz haben, sind auch wahrscheinlich nicht fat positive. Aber sie sind Frauen und haben eine Leidensgeschichte. Frauen mit einer kleinen Idee. #waagnis eben. Und der Vorstellung, dass man ausgehend von seiner Blogger-Fangemeinde damit vielleicht für das ein oder andere Mädchen etwas besser macht.

Ich mache bei #waagnis nicht mit. Aber ich hoffe, viele andere tun es. Und Ninia, Kathrin, Johanna und Maike wünsche ich alles Gute. Sie haben sich absolut nichts vorzuwerfen.

15 Gedanken zu “Wessen Privileg schwerer wiegt… (Das leidige Thema IV)

  1. Mir gehts da ähnlich wie dir. An sich finde ich es wichtiger auf sein Körpergefühl zu hören (aber was, wenn man keins hat?) und bewundere Menschen, die das können. Meine 3 Stiefschwestern sind z.b. zierliche Elfen. Ich erinnere mich noch als sie mal kichernd in unserem Bad standen und unsere Waage bewundert haben. Sowas kannten die gar nicht und es war ein großer Spaß für sie, sich zu wiegen („50 Kilo… ist das viel? Bin ich fett?“) – ich war echt neidisch. Ich dagegen kann mich an keine Zeit ohne Waage erinnern. Ich finde, Kinder sollten grundsätzlich nicht gewogen werden (ausser vielleicht aus medizinischen Gründen beim Arzt).

    • Ich war mal mit 11 in einer Kinderkur und saß am Abnehmertisch… da ging es praktisch nur ums Wiegen -.-

      Meinem Körpergefühl kann ich nicht immer trauen, daher brauch ich das Teil einfach. Allerdings ist z.B. ein Maßband etwas zuverlässiger, da Muskeln ja bekanntlich mehr wiegen als Fett. Ich hab es vor 2 Jahren tatsächlich einmal geschafft, ein ganzes Semester lang jede Woche 2-3 Mal mit einem Kumpel ins Fitnessstudio zu gehen, merkte davon aber gar nichts, weil die Zahl auf der Waage sich überhaupt nicht änderte! Erst, als ich damit wieder aufhörte merkte ich, wie ich wieder auseinander ging… ich wog zwar dasselbe, aber ob Speck oder Muskeln ist schon ein optischer Unterschied!

  2. „Auf Twitter las ich von irgendeiner, das Problem sei, dass sich hier nur Frauen mit “Normalgrößen” zu Wort gemeldet hätten. Und diese sind natürlich im Vergleich zu richtig fetten Frauen total privilegiert, was in manchen radikalen Strömungen des Feminismus der finale Code ist für “Fresse halten”. Denn privilegierte Menschen dürfen NIEMALS irgendwas sagen!“

    Ist mir schon oft begegnet. Dicke Menschen scheinen zu glauben, dass schlanke Menschen auf gar keinen Fall Probleme mit ihrem Aussehen haben können. Solidarität scheint da nur in eine Richtung zu funktionieren.

    Ansonsten finde ich die Aktion auch voll in Ordnung, wenn meine Meinung als nichtdicker Mensch da überhaupt Relevanz hat.

    • Jede Meinung hat Relevanz, sag ich jetzt einfach mal.

      Man muss halt sehen, wo das hinführt. Die eine hat eine Normalfigur, wurde aber trotzdem immer von ihrer Mutter gegängelt, damit es auch nur ja so bleibt. Die andere hat 10 Kilo zuviel und wurde genauso gegängelt. Die nächste dann 20 Kilo etc.

      Man sollte bei dem Thema nicht damit anfangen, erlittenen Schmerz gegeneinander aufzuwiegen. Ob 10 Kilo zuviel oder 100 – wir leiden alle unter der repressiven Norm. Und Gewicht ist kein Indikator dafür, wie sehr uns das weh getan hat.

      • Gebe ich dir 100% Recht- Lookismus tut jedem weh, egal ob es sich auf Gewicht, Gesicht oder andere Körpermerkmale bezieht. Und die Schönheitsindustire lebt imemrhin davon, dass selbst diejenigen, die dem Schöhnheitsideal noch am nähsten kommen, immer noch etwas an sich zu bemängeln, man kann ja nicht perfekt genug sein.
        Deshalb sehe ich Schlankheit nicht unbedingt als Privileg, weil man den schlanken Menschen dennoch auseinandernehmen kann, wenn er oder sie nicht aussieht wie ein aalglatter Hollywood Celebrity.
        Eine Diskriminierungs-Olympiade finde ich in allen Bereichen äußerst problematisch.

    • „Solidarität scheint da nur in eine Richtung zu funktionieren.“

      Kann ich nicht bestätigen. Ich habe eine sehr liebe Kollegin, die wirklich dünn ist und auf jedes Kilo stolz ist, was sie auf die Rippen bekommt. Sie hat auch gesundheitliche Probleme mit ihrem Gewicht, Magenschmerzen, Verdauungsprobleme etc. Ich kann nicht sagen, dass sie weniger Solidarität bekommt als Übergewichtige.

      • War natürlich nicht pauschalisierend gemeint, lediglich ich habe die Erfahrung mit der ein oder anderen dicken Frau gemacht, dass sie sich in Selbstmitleid suhlten, weil sie mit ihrem Aussehen nicht zufrieden sind, bis hierhin eine vollkommen verständliche Reaktion. Mein Bekenntnis aber, dass ich mich mit meinem Gesicht und meinem Untergewicht unwohl fühle, brachte die Damen so in Rage, als wäre mein Gefühl von Selbstunzufriedenheit nicht mal ansatzweise legitimiert. Ich weiß nicht ob das als Derailing empfunden wird, gut möglich, wobei es mir nicht darum geht, von der Herabsetzung dicker Frauen in unserer Gesellschaft abzulenken, sondern im Gegenteil ein Solidaritätsgefühl aufzubauen, weil auch wenn man nicht dieselben „Problemzonen“ hat, weiß man zumindest wie es sich anfühlt, den „Hässlichkeits-Stempel“ aufgedrückt zu bekommen.

  3. @ Grace
    Was ich durchaus glaube, dass Untergewicht (sofern es nicht extrem ist) gesellschaftlich wesentlich akzeptierter ist und deswegen negative Körpergefühle nicht sofort ernstgenommen werden. Übergewicht steht – ob nun subtil oder direkt – in sofortigem Zusammenhang mit Zügellosigkeit, Fressattacken, Faulheit, Häßlichkeit, Leistungsunfähigkeit, mangelnder Hygiene. Völlig unabhängig von der Person selbst. Untergewicht dagegen wird oftmals nicht mal als solches erkannt, sondern als angebliches Ideal propagiert

    • Eine gute Begründung, ich habe selbst oft den Spruch „Sei doch froh über deine Figur/dass du nich zunimmst!“ zu hören bekommen.
      Ich glaube aber auch, dass man gesellschaftlich nicht sehr viel bewegen kann, ein Schönheitsideal wird dann bloß von einem anderem abgelöst. Die Devise „Jeder Mensch ist (äußerlich) schön“ stimmt einfach nicht und das muss sie auch nicht
      Da gefällt mir der feministische Ansatz, zu sagen „selbst wenn du nicht schön aussiehst, du hast andere Qualitäten, die dich wertvoll machen“, um Einiges besser.

      • Just my 2c:

        „Da gefällt mir der feministische Ansatz, zu sagen “selbst wenn du nicht schön aussiehst, du hast andere Qualitäten, die dich wertvoll machen”, um Einiges besser.“

        Mag ein schöner Kalenderspruch sein, aber als Mensch der ein entstelltes Gesicht hat, kann ich Dir nur sagen, in der Realität kannst Du als häßlicher Mensch, egal welchen Geschlechts auf den Spruch Scheissen… gerade bei der Partnerwahl etc. wird Dir das immer wieder ganz deutlich klar gemacht🙂 Was ich bei der Fat Acceptance Bewegung auch spannend finde, dass immer nur von der Diskriminierung dicker Frauen die Rede ist, nie von dicken Männern. Meine überschaubare Anzahl von Partnerinnen mit denen ich Sex hatte in meinem Leben, waren in der Regel wirklich dicke/fette Frauen. Zum einen wundert mich immer, dass die Fat Acceptance Menschen jeden Zusammenhang zwischen (Über)gewicht und Krankheiten verneinen. Einige meiner Partnerinnen hatten aber sehr wohl zum Teil erhebliche gesundheitliche Einschränkungen durch die Folgen des Gewichtes (okay der BMI lag dann auch bei >40). Lustig fand ich auch immer, dass diese Frauen aber ausschließlich schlanke bis sehr dünne Männer als (Sex)partner wollten. Der „Marktwert“ dicker Männer scheint also noch niedriger zu sein…

      • Das halte ich wirklich für absolut falsch. Natürlich sind auch richtig fette Männer von Diskriminierung etc. betroffen, aber bei Männern ist eine Abweichung vom Schönheitsideal, egal in welche Richtung, wesentlich akzeptierter als bei Frauen, wenn sie denn nicht zu groß ist.

        Bei Frauen sind oft schon 5 Kilo zuviel ein Grund für blöde Sprüche. Bei Männern habe ich das noch NIE erlebt. Man kann wohl nur von den Präferenzen der „überschaubaren“ Menge an dicken Frauen, die eine solche Vorliebe dir gegenüber geäußert haben, nicht darauf schließen, dass der „Marktwert“ dicker Männer NOCH niedriger zu sein scheint! Das ist absolut selektiv und nicht im Geringsten repräsentativ.
        Auch werden gerne absolut schlanke Frauen als „fett“ bezeichnet, wenn man sie aus irgendeinem anderen Grund nicht attraktiv findet. Einige fanden z.b. Kate Winslet in Titanic fett. Und das geht ja wohl echt gar nicht! Bei Frauen ist das eine Standardbeleidigung, bei Männern nicht!

        Wobei der Anteil der männlichen Jugendlichen, die an einer Essstörung leiden, offensichtlich auch seit Jahren langsam, aber stetig steigt. Ein Grund mehr für etwas mehr Toleranz!

    • Naja wenn man auch nur leicht untergewichtig ist oder sich am Rande zum Untergewicht bewegt, wird einem sehr schnell – teilweise auch aus verborgener Missgunst heraus – eine Esstörung unterstellt. Das zieht dann häufig weitere unschöne Folgen nach sich.

      Beleidigende, abwertende Kommentare wie „Klappergestell“ oder „wer will schon mit einem Skelett ficken“; „die hat ja gar keine Titten“; „Du isst ja viel mehr als ich dachte – dann kotzt du also statt zu hungern?!“ kommen dann nochmal dazu. Bei einem BMI zw. 17,x – 19 als Teenager wohlgemerkt. Oder die Kommentare und prüfenden Blicke der „lieben Verwandtschaft“ beim Familienessen im Rahmen von Feiern oder sonstigen Treffen. Mir wurde sogar mal von einer Tante bei der Umarmung zur Begrüßung unvermittelt und für mich völlig unerwartet in den Hintern gekniffen und anschließend gesagt, dass ich viel zu dünn wäre. Das finde ich verdammt grenzüberschreitend und respektlos. So etwas kann einen auch sehr treffen und prägen. Ich esse bis heute aus dieser Erfahrung heraus am liebsten alleine und meide Gespräche mit anderen über Körper-Figuren.

      Ich finde es übel, dass sich die Leute bzgl. Essen, Gewicht und Figur nicht einfach gegenseitig in Ruhe lassen können. Es geht doch darum, dass sich jeder mit einer anderen Figur am wohlsten fühlt. Das kann man doch nicht so pauschalisieren. Und Missgunst macht einen selbst auch nicht schlanker. Immer dieses Lästern und Kritisieren und Einmischen in das Privatleben anderer. Das erschließt sich mir nicht.

      • Eben. Man löst die Stigmatisierung der einen Gruppe (wie dicke Menschen) nicht damit, dass man die andere Gruppe, in diesem Fall also dünne Menschen, runtermacht. „Real women have curves“ ist somit genauso verletzend wie die herbalassenden Kommentare, die Dicke immer ertragen müssen.
        Da stimme ich Schwarze Katze zu, soll sich jeder in punkto Aussehen an die eigene Nase fassen.

  4. „Ich finde es übel, dass sich die Leute bzgl. Essen, Gewicht und Figur nicht einfach gegenseitig in Ruhe lassen können. Es geht doch darum, dass sich jeder mit einer anderen Figur am wohlsten fühlt. Das kann man doch nicht so pauschalisieren. Und Missgunst macht einen selbst auch nicht schlanker. Immer dieses Lästern und Kritisieren und Einmischen in das Privatleben anderer. Das erschließt sich mir nicht.“

    Korrekt. Aber bei manchen Dingen muß man einfach den Mund aufmachen und widersprechen. Wenn eine Madame Klum normalgewichtige Mädchen als zu dick bezeichnet und damit vorsätzlich in Kauf nimmt, dass sie weißnichtwievieltausend junge Mädchen, die sich den Quatsch angucken und vielleicht auch naive Modelträume haben, tatsächlich in eine Esstörung treibt, hat das mMn schon eine gewisse Tragweite, die man nicht ignorieren sollte. Da hilft es ja auch nix, zu sagen, man soll das einfach nicht gucken. Es wird geguckt und Klum sollte sich einfach endlich mal bewußt machen, welche Verantwortung sie da hat.

  5. Wenn Frau Klum meint Mädchen, die dünner als sie selbst sind, als „zu dick“ bezeichnen zu müssen und sich einige der weiblichen Zuschauer dann davon dermaßen getriggert fühlen, dass sie mit panischem Hungern begingen, dann wage ich zu behaupten das Frau Klum nicht der Auslöser für eine etwige Esstörung dieser Zuschauerinnen ist. Die Ursachen für eine Esstörung beginnen woanders. Ich mag die Klum aus anderen Gründen nicht, aber sie trotzdem ist nicht für die psychische Labilität und das schwache Selbstwertgefühl ihrer Zuschauerinnen verantwortlich.

    Eine Essstörung beginnt in der Psyche der jeweiligen Person; besonders anfällig für Essstörungen sind z.B. Borderliner und sehr zwanghafte Menschen, die sehr perfektionistisch und leistungsbezogen sind. Daneben gibt es eine genetische Disposition in der Form, dass Betroffene stärker positiv auf das Hungern ansprechen. Also auf die Endorphine etc., die beim Hungern freigesetzt werden. Eltern können durch ihre Erziehung und ihre eigene Persönlichkeit sowie ihrem Umgang mit Essen, Körpergewicht & Diäten tatsächlich Dispositionen bei ihren Kindern legen. Aber das Schönheitsideal ist selten der einzige Auslöser für eine Essstörung.

    Just my 2 cents.

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