Ein Tweet und seine Geschichte

Ich kotze grade SO HART!

Heute mittag wurde ich wach, Griff zum Laptop, wie gehabt, Twitter auf, huch, wieder neuer Hashtag, #neuland hä? Mal ein bisschen scrollen…

Aha, Merkel hat was blödes gesagt. „Internet ist für uns alle Neuland“, aha, aha. Wie doof! Und da sind auch die ersten Spotttweets dazu. „Google ist #neuland“, „Twitter ist #neuland“, „1492, Columbus entdeckt Amerika, 2013, Merkel entdeckt das Internet #neuland“ etc. pp.
Kicher, ja, immer druff! Find ich gut. Hm, fällt mir dazu auch was lustiges ein? Mal überlegen…

Und während ich noch nachdenke, kommt mir DIESER Tweet dazwischen:

https://twitter.com/miinaaa/status/347320904621105153

Und meine Hände fallen von der Tastatur.

Ach, Scheiße! Sie hat Recht! Naja, schiebt es auf meine Müdigkeit, meine Doofheit, meinetwegen auch aufs Wetter. Wobei, so doof kann ich nicht sein, dieser kleine Schubser genügte!

Also Danke an Mina, Tweet favorisiert und retweetet, erst mal ne Zigarette und noch ein bisschen überlegen. 27 Millionen*? Klingt ja fast unglaublich, aber ich glaube es ihr halt mal. Deckt sich ja eigentlich mit meinen Erfahrungen. Wen kenne ich persönlich, der sich im Internet auch nur halb so sicher bewegt wie die Leute, denen ich hier Tag für Tag begegne? Die Antwort ist leicht: keinen. Moment, eine Bloggerin kenne ich, okay. Und natürlich meinen Cousin. Der ist Informatiker oder zumindest sowas ähnliches. DER kennt sich mit Computern aus, zu dem rennt die ganze Familie, wenn mal wieder ein Virus aufgetaucht ist oder so.
Doch reicht das technische Verständnis, um als „netzaffin“ zu gelten? Ich weiß nicht recht. Und der Rest der Bagage? Meine anderen Cousins, okay, die sind jung, die gehen natürlich täglich online. Facebook und so. Streamen vielleicht irgendwelche Sachen (psst!). Checken bei Wikipedia ne Jahreszahl und mehr für Hausarbeiten (psst!). Und das wars auch schon!
Dann die Elterngeneration. Der ein oder andere hängt in sozialen Netzwerken rum, postet ab und zu ein Bild. Oder bestellt was bei Quelle. Mehr nicht. Und meine Oma? Für die ist das Internet sowas wie Atomphysik. Sie schafft es ja kaum, mit dem Handy zu telefonieren, das wir ihr aufgedrängt haben!

Dann ich. Ich blogge, twittere, lese, streite. Ich nutze das Internet täglich. Ein Tag ohne Internet würde mir fast körperliche Schmerzen verursachen. Doch bin ich netzaffin?
Bis vor 10 Jahren hatten wir zuhause kein Internet. Bis vor zwei Jahren hatte ich nur knapp ein Dutzend Seiten, die ich regelmäßig besuchte. Bis vor eineinhalb Jahren wusste ich nicht, wie das mit dem Bloggen funktioniert. Bis vor einem halben Jahr hatte ich nur eine verschwommene Vorstellung davon, was Twitter überhaupt ist. Bis heute habe ich kein Smartphone und habe keine Ahnung von Tumblr, Reddit, Instagram und wie die Sachen alle heißen, von denen ich fast täglich lese. Ich würde gerne meine Blogposts mit ein paar gifs verschönern, aber ich weiß nicht, wie man danach sucht und noch weniger weiß ich, wie man selbst welche macht.

Es ist zu viel gesagt, dass das Internet Neuland für mich ist. Es gleicht eher einer Landkarte mit vielen, vielen weißen Flecken. Und ich sitze hier mit einem Kompass, der nur nach Norden zeigt, wenn er gerade Bock drauf hat. Nein, ich bin so vieles, aber netzaffin bin ich nicht! Und fast alle, die ich persönlich kenne, sind sogar NOCH schlimmer dran als ich.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mina hat Recht, der sicher in bester Absicht getätigte Spott über den Neulandspruch ist elitär und irgendwie sogar klassistisch. Wie fasst man das auf 140 Zeichen zusammen?

Damit hätte das Thema erledigt sein können, denn so spannend ist es ja nicht, ne.
Aber dann kam Spiegel Online um die Ecke, rotzt nen schnellen Artikel hin und ZITIERT MICH!!! MEINEN TWEET!!! Das hätte ich nicht mal gemerkt, wenn mir nicht jemand einen freundlichen Hinweis gegeben hätte (Danke, Miriam!).

Jetzt freue ich mich natürlich drüber, fühle mich sogar ein bisschen geschmeichelt und voll toll. Aber eines KANN ich einfach nicht so stehen lassen! Denn das Ganze wird eingeleitet mit:

„Andere springen Merkel aber durchaus bei.“

Ich möchte hier festhalten: Ich springe Merkel nicht bei! Ich springe überhaupt niemanden aus der CDU bei! Und wenn wir schon dabei sind: auch niemanden aus der FDP!
Ich meine, würde ich Frau Merkel aufhelfen, wenn sie vor mir auf die Schnauze fliegt? Aber sicher. So sind wir linken Socken nämlich. Gutmenschen, ne. Glauben an Menschenrechte, dass jeder Mensch die gleichen Chancen haben sollte und so Zeugs.

Und genau beim zweiten Punkt fängt es an zu haken. Die CDU steht exakt für das Gegenteil! Eine lahme, staubtrockene Elitenpartei, die nur an der Macht ist, weil sie mit den richtigen Leuten klüngelt, die unser Land und unseren Planeten vergiften, Arbeiter ausbeuten und Verbraucher abzocken! Während sie gleichzeitig dafür sorgt, dass Kinder von Arbeitern, Hartz4-Empfängern und Immigranten aufgrund fast unüberwindbar hohen finanziellen Schranken kaum eine Chance haben, ihr Potential zu nutzen und sich auf eine Art weiter zu bilden, die es ihnen erlauben würde, hinter die Fassade der angeblichen Volkspartei zu blicken und zu erkennen, wie sehr sie verarscht werden! Und so bleibt sie an der Macht, denn die Reichen wählen sie, weil sie reich bleiben wollen und die Armen wählen sie, weil sie sich von dem großen C im Namen beeindrucken lassen und Dank ihr zu ungebildet sind, um zu checken, dass sie an ihrer Armut Schuld sind! Und an der ihrer Kinder!

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Frau Merkel ausnahmsweise mal die erwähnt, die gewisse Ressourcen wie z.B. Netzaffinität und all die schönen Folgen, die sich daraus ergeben, nicht haben. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat, aber ich bin sicher, ihre Gedanken gingen bestimmt nicht in die Richtung, in der Minas (unterstelle ich jetzt einfach mal) und meine wanderten.

Es bleiben eine Menge Twitterer, die – und das mag ich ja normalerweise! – eine mir ungeliebte Politikerin und das, wofür sie steht, lächerlich machen. In dem Fall ging es halt daneben, weil die Aussage ausnahmsweise mal größtenteils richtig war. Deshalb bin ich diesen Twitteren überhaupt nicht böse, aber ich würde mir wünschen, dass andere so richtig blöde Statements eine genauso große Beachtung fänden wie #Neuland.
Und natürlich wäre es schön, wenn dadurch den Menschen, die von dieser tollen Erfindung Internet fast nichts haben, weil sie nie gelernt haben, damit umzugehen, einfach mal ein bisschen mehr ins Bewusstsein rücken. Die Tweets mögen harmloser Klassismus sein, dem ich auch fast aufgesessen wäre, aber es bleibt Klassismus. Niemand muss sich deswegen jetzt total schlecht oder schuldig fühlen, aber demnächst mal kurz nachdenken wäre halt trotzdem nicht schlecht.

Ich glaube ja nicht, dass sich dadurch was ändert, aber so sind wir linken Socken, die niemals die Absicht hatten, Frau Merkel beizuspringen, eben nunmal: hoffnungslose Idealisten…

Mina kann übrigens viel besser als ich erklären, was Menschen wie sie und ich an der CDU ankotzt, z.B. in ihrem aktuellen Artikel: klick

Und auch noch zum Weiterlesen: „Neuland. Was für ein Aufreger, was für eine Frechheit.“

*Mina hat die Zahl kurz darauf nach unten korrigiert, es bleibt aber verdammt viel:
https://twitter.com/miinaaa/status/347330477331464192

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11 Gedanken zu “Ein Tweet und seine Geschichte

  1. Etwas mehr differenzierte Sichtweise wäre nicht schlecht:
    Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

    Demzufolge verweise ich auf Max Planck, der mal gesagt hat:

    „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“

    Das gilt auch für andere Themen, unjd das gilt ganz besonders für die Nutzung von Computern und dem Internet.

      • Kann ich schlecht sagen. Mir scheint eher, dass solche Zahlen ohne weiteres Hinschauen nichtssagend ist. Nach der Statistik sind 31% gänzlich ohne Internetnutzung. Allerdings scheint das eine absolute Zahl zu sein, was soviel wie „ohne Internet-Anschluss“ bedeutet. Den Löwenanteil der Nichtnutzer tragen jedoch die Älteren, und ich denke, dass viele von ihnen sich entweder gar nicht mehr an die für sie „komplizierte“ neue Technik herantrauen oder einfach keine Lust mehr haben, etwas Neues anzufangen. Das ist aber kein Fehler der Möglichkeiten, sondern der eigenen (Un-)Lust. Insofern frage ich mich, wieso diese Zahl überhaupt in irgendeiner Weise relevant ist.
        Sicher ist das Internet noch sehr jung, und wird eben eine ganze Generation brauchen, bis es bei allen selbstverständlich geworden ist. Aber als „Neuland“ sehe ich es nun schon lange nicht mehr an. Insofern ist der Spott über Merkel in meinen Augen berechtigt.

      • Ich sehe eben zwei Dimensionen: Die Nichtnutzer, das sind vermutlich wirklich größtenteils alte Leute, oder halt die Kaumnutzer, die die Möglichkeiten des Internets nicht mal ansatzweise ausschöpfen. Dazu zähle ich bis zu einem gewissen Grad auch mich. Und dieser Anteil in der Bevölkerung ist doch ganz erheblich. Ist bei vielen nicht mal tragisch, aber naja, einige würden vielleicht auch gerne, können aber nicht…

  2. Just my 2c

    Als alter Sack der noch die Zeit mit den Mailboxen und Datex-P vor dem Internet gut erinnert, 🙂 kann ich nur sagen, dass die meisten Blogger und Facebook User und gerade die angeblich so „netzaffine“ Jugend sich meistens auch nur durch völliges Fehlen von grundlegendem Technikwissen auszeichnet. Die meisten von Euch sind und bleiben Noobs, Anwender die bestenfalls autistisch Gesten auf ihren Smartphones hinbekommen oder ungefiltert jeden uralt Hoax bei Facebook weiterteilen, von daher halte ich den Spott an Merkel auch für übertrieben…

    lach und ich verdienen mein Geld ähnlich wie dein Cousin damit, Noobs zu helfen ihre Viren und Trojaner wieder loszuwerden

    • Ja, die technische Dimension interessiert mich halt auch einfach nicht. Ganz ehrlich. Meine Begabungen liegen auf anderen Gebieten. Ich will nur, dass alles funktioniert, so wie es soll, alles andere ist mir wirklich total egal.

  3. Mit der Einstellung habe ich auch überhaupt kein Problem 🙂 Es nerven mich nur (die zu meist männlichen) Blogger in meinem Freundeskreis die ein IT Wissen von der Grundschule haben, aber immer so tun, als wüssten sie was ein Sysadmin tut :-), das waren auch die die am dollsten über Frau Merkel und ihre Bemerkung gelästert haben, hat mich irgendwie geärgert und ich bin eigentlich auch absolut kein Fan Boy von der Bundeskanzlerin 🙂

  4. in meiner Abteilung arbeiten 20 Leute – jeder von uns benutzt gezwungenermaßen einen PC – 3 von uns würde ich behaupten gehen mit einer gewissen Sicherheit mit diesem Gerät um.
    10 gucken mich kuhäugig an, wenn ich sage, dass sie einfach nur xyz.de in die Adresszeile ihres Browsers eingeben sollen. Das Internet ist für meine Kollegen nicht unbedingt Neuland, sie wissen von der Existenz, es ist mehr so etwas wie beängstigende Wildnis.

  5. @Robin:

    „Und so bleibt sie an der Macht, denn die Reichen wählen sie, weil sie reich bleiben wollen und die Armen wählen sie, weil sie sich von dem großen C im Namen beeindrucken lassen und Dank ihr zu ungebildet sind, um zu checken, dass sie an ihrer Armut Schuld sind! Und an der ihrer Kinder! “
    —–
    Was wählt denn die Dame, die gebildet genug ist, um erkannt zu haben, dass die CDU-Wähler nur verblödete Deppen sind (der Anteil der Bildungsfernen ist übrigens bei der Linkspartei am höchsten und Parteien der Besserverdiener sind FDP und Grüne, CDU weniger).

    Außerdem halten Studiengebühren Arbeiterkinder kaum vom Studium ab, da diese, sofern sie Bafög beziehen, gar keine Studiengebühren bezahlen. Problem ist eher die Berechnungsgrundlage beim Bafög, speziell die Bevorzugung von Alleinverdienern und Selbstständigen bzw. die Benachteiligung von Haushalten mit wenig Kindern.

    • „Was wählt denn die Dame, die gebildet genug ist, um erkannt zu haben, dass die CDU-Wähler nur verblödete Deppen sind“

      Die Frage kann ich dir gerne beantworten, wenn du mir zeigst, wo ich geschrieben habe, dass CDU-Wähler NUR verblödete Deppen sind. Ich geb dir einen Tipp: In der von dir zitierten Stelle findest du das schon mal nicht.

      „Außerdem halten Studiengebühren Arbeiterkinder kaum vom Studium ab,“

      Quelle?

      „da diese, sofern sie Bafög beziehen, gar keine Studiengebühren bezahlen. Problem ist eher die Berechnungsgrundlage beim Bafög, speziell die Bevorzugung von Alleinverdienern und Selbstständigen bzw. die Benachteiligung von Haushalten mit wenig Kindern.“

      Rumschwurbelei. Es ist eine Frage des Geldes. Und Bildung sollte nicht eine Frage des Geldes sein. Ganz einfach.

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