Jakobsweg: 9. Etappe (Zwangspause 1): Bujaraloz – Alagón (109,4 km)

Kilometer: 181,6

Die Nacht verlief recht ruhig, weil ich zum ersten Mal seit dem Anfang meiner Pilgerreise ausschlafen konnte. Das war nett, loeste aber mein Problem nicht.

Ich liess mir extrem viel Zeit und waelzte meinen Pilgerfuehrer. Die naechste Etappe haette mich nach Fuentes de Ebro gefuehrt – was 50 km entfernt war.
Das waere die Etappe gewesen, die ich vorher schon erwaehnt habe… die Etappe, die fuer mich einfach viel zu lang ist. 50 km sind fuer mich absolut unmoeglich. Mein Rekord liegt bei ca. 43 km, aber da war ich auch wirklich den gesamten Tag unterwegs gewesen (ernsthaft: mit Pausen 15 Stunden!). Mehr ist nicht drin. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich diesen Marathon damals geschafft habe (ich habe das recherchiert: Ein Marathon zaehlt auch, wenn man nicht laeuft, sondern geht!), aber ich muss das nicht unbedingt nochmal haben. Und, wie gesagt: NOCH mehr ist voellig utopisch. Vor allem bei diesem Wetter!

Deshalb ist es eigentlich gar nicht schlecht, dass ich ausgerechnet diese Etappe ueberspringe. Ich haette sie sowieso abkuerzen muessen, indem ich trampe oder in einem der Doerfer (in keinem gibt es die Moeglichkeit, zu uebernachten), durch das ich gekommen waere, mir einen Bus geschnappt haette. Jetzt ueberspringe ich sie halt komplett.
Naetuerlich koennte ich auch einfach in Bujaraloz bleiben. Aber der Ort machte mich so gar nicht an mit diesem ueblen Durchgangsverkehr und dem teuren Hostal. Ausserdem moechte ich ja vom Fleck kommen. Also: Mein Ziel heisst Fuentes de Ebro!

Ich verliess mein Zimmer um 11 Uhr und gab den Schluessel ab. Dann fragte ich, wo der Bus abfaehrt.
„Bus, nach Fuentes de Ebro? Gibt’s nicht!“ bekam ich zur Antwort. Na klasse!
Die ziemlich ueberheblichen Kellnerinnen schlugen mir leicht sadistisch grinsend vor, doch ein Taxi zu nehmen. Klar, ich hab ja auch Geld zum Scheissen! Ich will gar nicht wissen, wie viel ein Taxi ueber 50 km kosten wuerde.

Damit musste der Plan umgeschmissen werden. Das naechste Etappenziel NACH Fuentes de Ebro hiess Zaragoza, die Hauptstadt von Aragón mit 600.000 Einwohnern. Dorthin FAEHRT ein Bus, wie ich von einem Kellner aus einer Bar gegenueber der einzigen Bushaltestelle erfuhr. Leider ist die Stadt von Fuentes de Ebro 30,1 km entfernt.

Und damit, Freunde und Nachbarn, ist es leider beschlossen: Ich muss noch den Weg bis zum Kap Finisterre gehen. Das liegt noch ca. 90 km hinter Santiago und stellt die einzige verbliebene Chance dar, mein selbstgestecktes Ziel von 1000 km noch zu erreichen. Lust habe ich nicht drauf, weil meine Motivation erfahrungsgemaess gegen Null abstuerzt, sobald ich Santiago erreicht habe. Aber es sind ja nur 3-4 Tage mehr. Es muss einfach sein!

Damit hatte ich wieder ein paar Kilometer zu verbraten, was besonders gut war, weil ich absolut keinen Bock hatte, in einer so grossen Stadt 2 Tage lang zu bleiben. Also beschloss ich, danach NOCH eine Etappe zu ueberspringen und direkt weiter nach Alagón zu fahren, einem sehr kleinen Staedtchen. Damit kaeme ich auch meinem ersten Ziel, naemlich Logroño, wo ich endlich auf den Camino francés stossen wuerde, mit grossen Schritten naeher! Ich habe naemlich gruendlich die Schnauze voll vom camino catalán!

Leider fuhr der erste Bus um Viertel nach 4, also hatte ich noch unheimlich viel Zeit zu vertroedeln. Das tat ich schliesslich mit Internet und massiver Rumgammelerei in der Bar vor der Bushaltestelle.
Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, die Zeit zu nutzen, um meine Notizen zu aktualisieren und einfach zu chillen, aber ein paar besoffene Festivalbesucher machten mir einen Strich durch die Rechnung. Ja, auch diese Gruppe (etwa 8 junge Typen) wollte in die Monegros, um dort auf Elektro abzugehen, denn heute war es endlich soweit! Vorher soffen sie aber in Bujaraloz vor und machten es mir mit ihrem extremen Krach leider unmoeglich, auch nur eine Sekunde zu entspannen. Naja… Pech gehabt.
Zwei andere Typen, wesentlich aelter, fragten mich ueber den Pilgerweg aus (oder versuchten es zumindest – Sprachbarriere!). Der eine war sehr freundlich, aber der andere musterte mich abschaetzig von oben bis unten und liess seine generelle Angepisstheit deutlich heraus haengen. Als er hoerte, dass ich eine entzuendete Blase habe, machte er herablassend meine Schuhe dafuer verantwortlich und liess keinen Zweifel daran, fuer was fuer eine Dilettantin er mich hielt.

Ich moechte das hier nochmal betonen: Ein Blasenproblem meinerseits liegt NICHT an meinen Chucks! Ich bin den Grossteil des Camino del Norte voellig ohne Probleme und ohne Blasen mit meinen Converse gegangen. Und die Probleme letztes Jahr resultierten aus meiner Unfaehigkeit, genug zu trinken. Ansonsten ist es einfach toll, mit den Chucks zu laufen! Es funktioniert – fuer mich! Also koennte einfach jeder mal die Schnauze halten und mich so machen lassen, wie ich will!
Aber so ist das eben mit dem Jakobsweg… bei dem Thema mutiert fast jeder, egal ob Pilger oder nicht, zum absoluten Klugscheisser. Vermutlich, weil die meisten Menschen in ihrem Leben schon mal zu Fuss irgendwo hin gelatscht sind. Da haelt man sich halt fuer einen Experten -.-

Egal. Der Bus kam tatsaechlich nur eine Viertelstunde zu spaet und war, wie alle Busse in Spanien, voellig unterklimatisiert. Die Fahrt dauerte etwas laenger als eine Stunde. Genug Musse, um mir die Landschaft anzusehen, die ich nun doch nicht durchwandern wuerde.
Und das war irgendwie schade. Die Umgebung, durch die wir fuhren, wirkte auf mich wesentlich mehr wie eine Wueste als die Monegros. Die einzige Vegetation bestand aus kleinen Bueschen, die gerade mal Knoechelhoehe erreichten. Das waere sicher hart geworden – aber auch interessant. Doch es hatte nicht sein sollen. Tja…

In Logroño angekommen musste ich heraus finden, wie ich nach Alagón komme, aber in der Busstation konnte ich keine Information entdecken. Also mal an einem Ticketschalter fragen, ne? Nur gestaltete sich das wesentlich schwieriger als gedacht. Ueber den Schaltern waren die grossen Zielortschaften schon angegeben… aber ich hatte ja keine Ahnung, in Richtung welcher grossen Stadt ich unterwegs sein wuerde, wenn ich nach Alagón fahre. Was tun?
Letztendlich fragte ich am aeusserten Schalter, an dem „tickets immediata“ stand, was ich aber nicht checkte. Soforttickets oder wie? Was soll denn das sein? Kriegt man die anderen Tickets nicht direkt?

Gluecklicherweise war das richtig. Ich fragte nach einem Zug (die Busstation war auch gleichzeitig die Bahnstation und auf der Karte konnte ich sehen, dass durch Alagón Gleise fuehrten), hoerte dann aber ueberrascht, dass es tatsaechlich auch einen Bus gab. Eine Stunde spaeter – das war ja voll okay.
Ich kaufte ein Ticket und fragte, wo ich da nun hinmuesse spaeter. Die Station hatte naemlich ungefaehr 30 Busterminals, aber auf dem Ticket stand die Nummer nicht drauf. „Weiss ich nicht. Ich verkaufe die Tickets nur!“ bekam ich als schnippische Antwort. Die Schalterfrau laberte noch mehr, aber ich verstand kein Wort, was sie aber nicht dazu brachte, zu Englisch zu wechseln, obwohl sie das laut eigener Aussage beherrschte. Nachdem sie mein drittes „No entiendo“ ignoriert hatte, nahm ich mein Ticket und zog genervt ab.

Das hatte mich wieder mal massiv genervt. Ich meine, was soll denn das? Sie hatte auf ihrem Monitor gesehen, dass und wann der Bus fuhr, aber von wo er startete war nicht zu sehen? Meh -.-

Ich machte mich auf die Suche nach der Information. Die musste ja irgendwo sein. Ich kam aber kaum 3 Meter weit, als mich ein Typ ansprach und offensichtlich selbst ein Problem hatte. „No hablo español,“ wehrte ich ab. Das erregte sein Interesse und foerderte ein paar Brocken Englisch hervor. Ich beschwerte mich bei ihm, dass ich nicht wuesste, wo ich hinmusste, dafuer wusste er aber, wo die Information zu finden war und begleitete mich dorthin.
Das war nett. Noch netter waere es allerdings gewesen, wenn er mich danach in Ruhe gelassen haette. Nur tat er das nicht. Und je laenger er mir an der Backe hing, desto mehr wurde offensichtlich, dass der Kerl ordentlich einen an der Klatsche hatte.

So versuchte er krampfhaft, sich mit mir auf Spanisch zu unterhalten, und beendete jeden Satz damit, dass er das letzte Wort fuenfmal wiederholte – als wuerde ich eine mir unbekannte Vokabel checken, wenn er sie nur oft genug sagt! Aber selbst WENN ich das Wort kannte („baño, baño, baño“ – „Bad, Bad, Bad“) kapierte ich natuerlich trotzdem nicht, was er von mir wollte. Es war ebenfalls nicht hilfreich, dass er unheimlich leise sprach und ich ihn deswegen schon rein akustisch nicht verstand.
Nachdem er ungefaehr eine Viertelstunde lang mir auf diese Weise meine wohlverdiente Raucherpause vor der Busstation zerstoerte, war ich irgendwann mit den Nerven am Ende. „No entiendo!!!“ rief ich zum sicher zehnten Mal. Und irgendwann checkte er, dass ich keinen Bock mehr auf ihn hatte und zog ab. DANKE!!!

Die Busfahrt verlief ereignislos, auch wenn ich extrem nervoes war, weil ich Angst hatte, die richtige Station zu verpassen. Das war dann aber kein Problem.
In Alagón angekommen war natuerlich mal wieder eine ausgedehnte Herbergssuche angesagt. Zur Abwechslung gab es auch in diesem Ort keine Pilgerherberge. Allerdings kannte mein Pilgerfuehrer ein Hostal. Ich hoffte auf etwas guenstiges, da die Stadt allerdings keinen touristischen Eindruck machte und nichts besonderes zu bieten hatte, dachte ich, meine Chancen stuenden gut.

Ich machte mich auf den Weg durch die Stadt. Und dabei fiel mir zum wiederholten Male etwas auf, was einfach nur extrem unangenehm ist: Ich wurde mit meinem grossen Rucksack und meinem maechtigen Pilgerstab angestarrt wie ein Alien. Selbst, wenn ich angepisst zurueck starrte, wandten die Leute ihre Blicke nicht ab. Ich fuehlte mich wie unter einem verdammten Mikroskop!
Es half nix… ich biss die Zaehne zusammen, kuckte zu Boden und lief weiter. Es ist nicht schoen, von so vielen Menschen gleichzeitig angeglotzt zu werden. Vor allem nicht auf diese „Was geht den mit DER Alten ab“-Art. Das ist etwas, was mir auf dem camino francés niemals passieren wuerde! Auch da kucken die Leute, aber wesentlich weniger penetrant, da sie an Pilger gewoehnt sind, und vor allem freundlich! Meist wird das dann noch mit einem „Buen Camino!“ begleitet. Wird Zeit, dass ich endlich dort hin komme! Das hier macht mich langsam krank!!

Ich fand das Hostal und erfuhr, dass eine Nacht 30 Euro kostete. Aber nee, fuer Pilger mit Preisnachlass, also nur 27 Euro. Na super. Waere ich in Burajaloz doch billiger weggekommen, wenn auch nicht viel -.-

Vor dem Hostal sassen ein Haufen schick angezogener Leute mit Trommeln und anderen Instrumenten. Bevor der Hospitalero mich in mein Zimmer fuehrte, fragte seine Frau, ob ich nicht Lust haette, mir die Prozession zu „Maria Magdalena vírgen“ anzusehen. Die waere nur einmal im Jahr! Voll krasser Scheiss, darf man nicht verpassen!
Ich musste ablehnen. Ich war heute nicht gegangen, allerdings war ich trotzdem ziemlich zerstoert. Es war ja inzwischen schon 8 Uhr. Ausserdem habe ich in meinem Dorf schon viele Prozessionen gesehen und verspuerte nur wenig Interesse, mir die spanische Version davon anzutun. Obwohl es das erste Mal war, dass jemand in meiner Gegenwart Maria Magdalena als Jungfrau bezeichnete. Laut meinen Informationen war sie ja doch eindeutig keine gewesen. Naja, das machte mich schon neugierig, aber nicht genug, um der Festivitaet beizuwohnen.

Das Zimmer war kuehl und okay, ein Raucherzimmer wie alle Hostalzimmer, die ich bisher gehabt hatte. Das muss man sich mal vorstellen! Ist sowas in Deutschland ueberhaupt noch erlaubt?

Den Rest des Abends (von einem kurzen Ausflug in einen nahen Supermarkt abgesehen) lag ich auf dem Bett auf den Ruecken, starrte zur Decke und rauchte. Ich fuehlte mich wie in einem dieser 20er-Jahre-Krimis, in denen alles schwarzweiss ist und die Frauen mitten an einem normalen Tag in Cocktailkleidern im Buero eines Privatdedektivs auftauchen, um ihn wegen ihres untreuen Ehemannes oder sowas zu engagieren. Fehlte nur noch der sich langsam drehende Ventilator an der Decke. Allerdings hatte ich auch hier wieder eine Klimaanlage und das war immerhin nahe dran (auch wenn diese Papierfetzen fehlten, die daran flattern konnten).

Mein Fuss fuehlte sich im Uebrigen okay an. Mich hatte sogar inzwischen der Verdacht beschlichen, dass ich mit der entzuendeten Blase doch haette weitergehen koennen. Der Arzt war einfach nur besonders uebervorsichtig gewesen. Aber jetzt war ich schon mal hier und wuerde auch noch einen weiteren Tag zum Auskurieren bleiben, beschloss ich. Auch wenn das Hostal so teuer war. Aber wenigstens durfte ich auf dem Zimmer rauchen.

Zwangspause mit Kettenrauchen – man muss schon ueber Kleinigkeiten dankbar sein…

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Jakobsweg: 8. Etappe: Candasnos – Bujaraloz (22,9 km)

Kilometer: 181,6

Zur Abwechslung bin ich heute dann mal wieder extrem schlecht aus dem Bett gekommen. Der Wecker stand auf 5, aber ich habe alle 10 Minuten weiter gedrueckt, bis es ploetzlich 6 Uhr war.
Ich habe mich dann auch extrem langsam fertig gemacht und war eigentlich fast abmarschbereit, als es anfing, wie aus Kuebeln zu giessen. Da hatte ich wohl wieder Glueck gehabt.

Eine Viertelstunde spaeter hatte es aufgehoert und ich konnte los!

Der Weg verlief wieder recht gradlinig durch eine Monegros-aehnliche Landschaft (gehoerte aber laut Fuehrer nicht mehr dazu. Keine Ahnung.), spaeter dann wieder Felder.

Hübscher als Monegros

Hübscher als Monegros

Es war noch relativ kuehl und ich kam gut voran, als der Weg abrupt aufhoerte.

Ich denke, auch die, die hier mitlesen, aber noch nie auf dem Jakobsweg gewandert sind, duerften inzwischen mitgekriegt haben, dass der Weg durch gelbe Pfeile markiert ist. Oder jedenfalls sein sollte. Wenn die Verantwortlichen ganz besonders motiviert sind, liefern sie noch einen Extraservice an Kreuzungen: Die falschen Richtungen sind mit einem gelben X markiert. Was das bedeutet, duerfte wohl jeder verstehen!
Nun kam ich an eine Kreuzung dreier Wege. Links: ein X. Mitte: sogar ZWEI XXe! Und rechts: nix.
Ich schwankte. Rein nach dem Ausschlussprinzip blieb ja nur noch der rechte Weg uebrig, aber das kam mir trotzdem komisch vor. Warum schaffen die es, Xe zu malen, aber keine Pfeile?
Ich zog meinen Fuehrer zu Rate und fand auch die Stelle, an der ich mich mutmasslich befand. Er schrieb von einem ziemlich schlechten Weg, der fuer Radfahrer schwierig sei. Na, DAS passte!

Ich bog also rechts ein und musste mich ueber steinigen Untergrund kaempfen. Und dann, nach drei Minuten, hoerte auch dieser Weg auf… dieses Mal aber wirklich. Alles ueberschwemmt.

Aehm. Und jetzt?

Rein vom Gefuehl her haette ich ja angenommen, dass der mittlere Weg auch richtig sein musste und wohl nur mit zwei XX markiert war, weil er ueber Privatgelaende fuehrte, aber ich wollte es trotzdem nicht riskieren.
Ich trottete zurueck zur Kreuzung, dann wanderte mein Blick zur Nationalstrasse, die wieder mal parallel verlief. So nah und doch so fern… 20 Meter und dichtes Gestruepp trennten mich von ihr.
Letztendlich habe ich mich irgendwie durchgekaempft. Normalerweise waere das wohl kein Problem gewesen, aber durch den schlechten Sommer war das Gestruepp leider gut gewachsen und stand voll im Saft. Ich benutzte meinen Pilgerstab, um mir eine Schneise zu schlagen, und kletterte auf die Nationalstrasse.
An diesem Morgen fuhren leider wieder mal extrem viele LKWs in absoluter Hoechstgeschwindigkeit an mir vorbei. Nachdem ich mir gut 10 Minuten waehrend des Gehens mein Basecap festgehalten hatte, damit es nicht wegflog, hatte ich die Schnauze voll und packte es ein. Zum ersten Mal, seitdem ich auf dem Camino bin! Aber es war noch nicht sehr heiss und die Sonne stach noch nicht.

Nach einer halben Stunde fand ich den Camino wieder, der kurz die Nationalstrasse beruehrte, und wechselte wieder. Daraufhin ging es eine Weile auf und ab, bis ich ueber einen Huegel kam und einen Osborne-Stier zu sehen bekam. Na sowas aber auch! Davon gibts leider keine Fotos.
Kurz danach erreichte ich schon das erste Dorf, Peñalba, wo ich voellig unspektakulaer mein obligatorisches Cola trank und dann weiter zog.
IMG_0264Auch hier musste ich erst wieder ueber einen Huegel, aber ab dann ging es nur noch gerade aus durch Maisfelder. Glueck fuer mich, dass in komfortablen Abstand (etwa jeden Kilometer, schaetze ich) kleine Haeuschen standen, die Schatten boten, denn inzwischen war es megamaessig heiss geworden. Gleichzeitig wurden die Felder gerade bewaessert, was ich natuerlich nutzte. Immer, wenn ich an einer Sprinkleranlage vorbei kam, stellte ich mich mit ausgebreiteten Armen darunter und genoss den kuehlen Regen (wobei ich von ganzen Herzen hoffte, dass das Wasser nicht voller Pestizide war…).

Schuhe sind wieder sauber. Also... sauberer.

Schuhe sind wieder sauber. Also… sauberer.


So ging es recht ereignislos fast 12 km weit, bis ich meinen Zielort erreichte: Bujaraloz, ein Ort, dessen Name ich einfach nicht ueber die Lippen kriege.
Wie koennte es anders sein: Auch hier gab es wieder keine Herberge. Ich musste mir also wieder ein Hostal suchen.
Zuerst ueberraschte mich das Dorf allerdings mit einem wahrhaft hoellischen Durchgangsverkehr. Alle 5 Sekunden bretterten LKWs durch. Die Nationalstrasse fuehrte mitten durch den Ort! Wie aetzend!

Weil ich inzwischen tierisch ueberhitzt war, trank ich in der ersten Bar vor Ort noch ein Kas. Ueberhaupt, Kas!! Kas ist die geilste Limo!! Davon habe ich ja noch gar nichts erzaehlt!!

Göttlich!

Göttlich!

Kas schmeckt wie eine Mischung aus Fanta und Orangina. Sie ist fruchtiger als Fanta, hat aber nicht dieses eklige Fruchtfleisch von Orangina. Die meisten Spanier machen ueberhaupt keinen Unterschied zwischen Fanta und Kas – und ehrlich gesagt ist mir auch inzwischen der Gedanke gekommen, dass der Inhalt voellig identisch ist. Fanta wird nur eben in Spanien unter „Kas“ vertrieben (wobei, normales Fanta gibt es auch).
Ist mir aber egal. Kas ist DAS Getraenk fuer mich auf dem Camino. Ich habe es auf meinem ersten Jakobsweg lieben gelernt und waere unendlich gluecklich, wenn ich es auch in Deutschland faende. Ich weiss, ich habe es bei uns auch mal gesehen, aber keine Ahnung wo.

Jedenfalls… diese Bar war auch ein Hostal, also fragte ich nach dem Preis fuer ein Bett. Antwort: 25 Euro. Meh. Da suche ich doch weiter.
Mein Fuehrer bot noch eine weitere Adresse am Ortsausgang, also latschte ich da hin. Das Hostal, welches ich dort fand, praesentierte sich optisch als eine Art amerikanisches Diner, was ehrlich gesagt ziemlich billig aussah. Da habe ich sicher mehr Glueck?
Ich fragte bei einem Kellner nach, erhielt aber wieder die selbe Antwort. 25 Euro, das ist mir echt zuviel! Ob es was ausmacht, dass ich Pilgerin bin?
„Sorry,“ teilte mir der Kellner bedauernd mit. „Das ist schon der Sonderpreis fuer Pilger. Normalerweise kostet ein Zimmer 40 Euro.“
Ich seufzte und wollte grade „okay, dann her mit dem Schluessel“ sagen, als er das Telefon in die Hand nahm. Er wuerde noch woanders anrufen, ob es dort billiger sei.

Na, das ja mal Service! – dachte ich, aber leider erreichte er in dem anderen Hostal niemanden. Was sollte ich machen? Irgendwo musste ich ja schlafen.
In diesem Moment laberte ihn ein aelterer Typ neben mir auf Spanisch an und lachte. Ich nahm an, der wollte noch einen Kaffee. Stattdessen sah der Kellner erst ihn komisch an, dann mich und sagte: „He pays for you.“

What the fuuuuuck?!

„Why?“ fragte ich unglaeubig. Der Kellner zuckte die Schultern. „Porqué?“ fragte ich also den Typen, aber der lachte einfach nochmal und winkte ab.

Also das ist… ich weiss gar nicht, wie ich das finde! In dem Moment vor allem: yay?

Er zueckte dann auch die goldene Visa (bei diesem Anblick schrumpfte mein schlechtes Gewissen zu einem Nichts zusammen) und tat es tatsaechlich. Dann sah er mich an. „Mi hijo… my son…“
Aha, dachte ich, jetzt erzaehlt er mir, dass sein Sohn auch mal den Jakobsweg gegangen ist. Deswegen ist er so hilfsbereit.
Aber weit gefehlt. Er laberte nur etwas drueber, dass sein Sohn Englischlehrer sei und er deswegen das Gespraech zwischen mir und dem Kellner halbwegs verstanden haette.
Das erklaerte ueberhaupt nicht, warum er mir einfach so das Zimmer bezahlte… aber ich beschwerte mich ganz sicher nicht!

Das Zimmer war okay, aber nicht gerade 40 Euro wert. Dafuer hatte es eine Klimaanlage. Sowas hab ich ja tatsaechlich noch nie fuer mich gehabt. Deshalb spielte ich eine Weile damit rum, bis ich in meinem auf ungefaehr minus 12 Grad abgekuehlten Zimmer in einen Mittagsschlaf fiel, aus dem ich mit leichten Halskratzen wieder erwachte. Ach ja… da war doch was mit Klimaanlagen und meinem zarten Immunsystem -.-

Den Rest des Tages habe ich dann eigentlich auch nur vertroedelt. Ist ja auch nicht so, als haette ich nach Ankunft in meinem Zielort noch was zu tun. Hab ich schon geschrieben, dass ich die anderen Pilger langsam ziemlich vermisse?

Mehr Beweise!

Mehr Beweise!

Ich kaufte mir Gazpacho in drei Mini-Tetrapaks und wurde dann voll kreativ, indem ich einen austrank und ihn dann in der Haelfte durchschnitt, um ein Gefaess zu erhalten, in dem ich mein Brot dippen konnte. Weil ein Glas hatte ich ja nicht. Selbst ist die Frau!

Dann fand ich ein Hostal, in dem ich den Computer benutzen durfte, was ich auch ausgiebig tat. Als ich jedoch wieder gehen wollte und aufstand, zuckte ich zusammen. Warum tat mir diese Blase am linken Fuss ploetzlich so weh?
Die habe ich seit ca. 2 Tagen. Sie ist sehr klein, ungefaehr wie ein Centstueck, und deshalb habe ich sie lediglich aufgestochen und dann nicht weiter beachtet. Mir ist aber von Anfang an aufgefallen, dass sie zwar flaechenmaessig winzig, aber irgendwie sehr dick ist. Statt unter der 1. oder 2. Hautschicht hatte sie sich… tja, unter allen Hautschichten gebildet. So sah es zumindest aus.

Ich folgerte, dass mein Plaster wohl locker sitzen musste. Also ging ich mir neues kaufen. Denn ja, ich habe schon eine komplette Packung Plaster verbraucht!

Dann war es schon fast so weit fuers Bett, also ging ich zurueck zur Herberge. Dort sah ich mir die Misere mal genauer an und was ich sah, gefiel mir nicht. Die Blase war rot umrandet, ziemlich heiss und damit offensichtlich entzuendet.
Ich liess mich aufs Bett fallen. Und jetzt? Desinfektionsmittel hatte ich keines dabei. Die Apotheke hatte sicher jetzt auch schon zu. Was tun? Es tat mit jeder Minute hoellischer weh.

Das ist auch ne Bar, da muessen die doch ein Medizinschraenkchen haben, dachte ich, und humpelte nach unten, denn inzwischen ging sonst nichts mehr. Einem Kellner (ein anderer als der davor) stammelte ich etwas von „desinfectión“ vor und hoffte einfach, dass er das verstehen wuerde. Das tat er! Er verschwand und kam kurz darauf mit Desinfektionsspray und Jod wieder.
„Gracias,“ sagte ich und streckte die Haende danach aus. Aber der Typ gab es mir nicht. Irgendwann zwischen dem Suchen des Zeugs und der Rueckkehr zu mir war ihm eingefallen, dass ihm das wohl zu viel Verantwortung ist!
Es tauchte auch der andere Kellner wieder auf, der Englisch konnte. „It’s not allowed,“ teilte der mir mit, „go to the centro de salud.“ Das waere nur ein paar Meter weiter ueber die Strasse.
„Ich brauche doch nur ein bisschen Desinfektionszeug!“ meinte ich heftig, aber er blieb hart. Sie duerften mir davon nichts geben!

Angepisst humpelte ich zurueck in mein Zimmer, um mir meine Schuhe anzuziehen und meinen Stab zu holen. Kurz ueberlegte ich, ob ich es nicht einfach lassen und hoffen sollte, dass es morgen wieder gut ist, aber meine Vernunft siegte, also humpelte ich ueber die inzwischen stockdunkle Strasse zum Centro de Salud.

Dort wurde gerade die Tuer geoeffnet, um andere Patienten rauszulassen, also schluepfte ich rein. Notdienst hatten ein Arzt und eine Schwester, die selbstverstaendlich kein Wort englisch sprachen.
„Tengo una ampolla… imflamata?“ riet ich bang. Was offensichtlich richtig war. Oder jedenfalls verstaendlich. Ich musste meinen Schuh ausziehen und mich auf die Liege setzen, bevor sie sich die Sache ansahen.
„Esta mal?“ fragte ich noch banger, aber der Arzt beachtete mich gar nicht. Er legte die Handkante auf mein Schienbein und fluesterte der Schwester zu, dass man hier wohl amputieren muesse. Ein totaler Witzbold.

Nachdem die Schwester ungefaehr 80 Liter Desinfektionsmittel auf die Blase gekippt hatte, lachte er nicht mehr. Stirnrunzelnd betrachteten sie die nunmehr gut sichtbare Blase, die offensichtlich doch schlimmer war als auf den ersten Blick erkennbar. Sie redeten miteinander und ich verstand nur „carne“. Wuerg!

Die Blase wurde gut verbunden. „Eres una peregrina? Dos dias – no caminar!“ Er hielt zwei Finger hoch. Och nee, oder?!

Damit war ich eigentlich schon fertig. Er erklaerte mir, ich solle das Ding mit Wasser und Seife waschen (das hab ich ja noch nie gehoert… aber wenn der Doktor es sagt…) und dann eine Salbe gegen Entzuendungen drauftun. Diese Salbe ueberreichte er mir, zusammen mit Zellstoff und Mull.
Angesaeuert nahm ich alles entgegen. Bald kann ich eine gottverdammte Apotheke aufmachen!

Dann war ich entlassen. Das alles uebrigens, ohne auch ueberhaupt nur meinen Namen aufzuschreiben, geschweige denn, sich meine Krankenkassenkarte anzusehen. Centro de Salud – ultrasozial! So etwas sollte es mal bei uns geben!

Ich humpelte zurueck. Und damit stellt sich jetzt leider die unangenehme Frage: Was tun, wenn ich zwei Tage nicht gehen darf und ausgeknockt bin…?

Jakobsweg: 7. Etappe: Fraga – Candasnos (26,7 km)

Kilometer: 158,7

Heute also die Monegros!

Dazu erstmal die Frage: Was SIND die Monegros? Als ich davon erstmals in meinem Pilgerfuehrer las, dachte ich, es heisst DER Monegros und es waere ein Berg. Tony, der Reiter aus Castellnou de Seana klaerte mich allerdings auf (sowie spaeter etwas genaueres Lesen meines Pilgerfuehrers *hust*): Die Monegros ist ein hoeher gelegenes Gebiet, in dem es so gut wie gar nichts gibt (auch keinen Schatten!) und wo es extrem heiss werden kann. Tony nannte es eine Wueste und sah mich dabei an, als stuende ich im Begriff, auf meine eigene Beerdigung zu gehen.

Deshalb war ich auch so bedacht darauf, so frueh wie moeglich aufzustehen, um so viele Kilometer wie moeglich hinter mich zu bringen, bevor es richtig schlimm heiss wird.
Obwohl ich gestern abend so schlecht ins Bett gekommen bin, stand ich tatsaechlich um halb 5 auf. Ich hatte leichte Kopfschmerzen vom Bier und war allgemein nicht allzu guter Stimmung. Das hatte einen Grund:

Eléna, die Tochter der Campingplatzbetreiberin, hatte gestern erstaunt reagiert, als ich darueber klagte, dass ich durch das Uebernachten auf dem Campingplatz ja jetzt NOCH weiter gehen muss. Ich musste ja erst den kompletten Weg in die Stadt wieder runter, bis ich zu der Stelle komme, an der mein Pilgerfuehrer zu zaehlen anfaengt. Von dort aus wollte ich am Anfang nicht auf dem Camino gehen, sondern auf der Nationalstrasse bis zu einer Raststaette/Bar – einfach deswegen, weil mir das im Dunkeln sicherer ist (der Weg war laut Fuehrer ziemlich steinig und steil).
„Aber die Bar, die ist von hier aus viel naeher!“ meinte sie.
„Wirklich?“ Ich konnte das kaum glauben.
„Klar! Du gehst einfach, wenn du vom Campingplatz runter gehst, nicht links Richtung Stadt, sondern rechts. Da triffst du auf die Nationalstrasse!“ Sie ging ihre Mutter fragen, wie weit es von dort aus bis zu der Bar ist, und kehrte triumphierend zurueck. „Sie sagt, von hier bis zur Bar sind es nur 4 Kilometer!“

Das erschien mir dann doch SEHR optimistisch. Laut Fuehrer war es auf dem Camino von der Stadt bis zur Bar 8,5 km auf dem Camino. Ich schaetzte, dass ich auf der Nationalstrasse bis zu 2 km sparen wuerde. Und vom Campingplatz aus sollte es NOCH naeher sein? Wir waren ja nicht mal auf der richtigen Seite des Flusses. Aber Eléna schwor, das wuerde stimmen.

Und deshalb war ich schon morgens leicht gestresst. Denn ein Teil von mir wusste, dass das unmoeglich stimmen kann, ein anderer Teil jedoch wollte einfach nur diese Bar erreichen, ohne dazu nochmal runter in die Stadt zu muessen.
Der letzte Teil gewann, da staerker. Und das war falsch -.-

Wie Eléna sagte, ging ich vom Gelaende des Campingplatzes runter nicht links, sondern rechts. Es war stockdunkel und ich trabte einfach los.
Bei ihr hatte es sich so angehoert, als muesste ich praktisch unmittelbar auf die Nationalstrasse treffen. In Wahrheit latschte ich gut 20 Minuten, bis ich nicht zur Nationalstrasse kam, sondern in eine Art Industriegebiet, in dem sowas wie Outletstores zu finden waren. Ich sah jedenfalls ein Moebelgeschaeft und sowas.

Da haette ich ja direkt schon wieder ausrasten koennen… aber jetzt war ich schon so weit gegangen… zurueck gehen war keine Option mehr…

Ich traf auf eine Kreuzung und rastete innerlich noch mehr aus. Wohin jetzt, rechts oder links!?
Mein innerer Kompass sagte links, also tat ich das. Dort war dann nach wenigen Metern ein Kreisel erreicht. Erneutes kurzes Eskalieren. Wieder wandte ich mich nach links. Jetzt war ich auf einer relativ breiten Strasse, auf der auch schon ein wenig Verkehr herrschte. Die Nationalstrasse?! Moeglich, aber… keine Schilder, keine Sicherheit!!

Das war sooo ein grosser Fehler gewesen, das wurde mir spaetestens jetzt klar. Meine Erfahrung hat mir schon oft genug gezeigt, dass die meisten Spanier zweierlei nicht drauf haben: Wegbeschreibungen und das Abschaetzen von Entfernungen. Ich haette nicht auf Eléna hoeren sollen! Jedenfalls nicht, wenn ich vorhabe, im Dunkeln zu gehen! Ich sah GAR NICHTS!!!

Verzweifelt streckte ich den Daumen aus… und sofort hielt jemand an. Halleluja. Wenigstens in der Dunkelheit klappt es noch!
Der Typ konnte mir allerdings auch nicht sagen, ob das hier die N-II war, also stieg ich ein und fuhr mit ihm zurueck nach Fraga. Es WAR uebrigens die N-II gewesen, das konnte ich sehen, als er von ihr abbog Richtung Stadt, aber da war es ja schon zu spaet. Ob er allerdings kuerzer gewesen waere, bezweifele ich noch immer… fuer mich sah es so aus, als waere ich eine riesige Schleife gelatscht!

Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg durch die Stadt. Zum insgesamt 5. Mal ueber diese saubloede Bruecke *seufz*

Der Weg durch die Stadt zog sich endlos. Eigentlich hatte ich um 6 Uhr an dieser Bar sein wollen, aber es wurde 6 und war noch nicht mal aus dieser bloeden Stadt raus. Als ich endlich die Randbezirke erreichte, sah ich dann schliesslich auch die Auffahrt zur Nationalstrasse. Dieses Mal war sie es ganz sicher und ich legte einen Zahn zu.
Der Fuehrer hatte mich gewarnt, dass es steil nach oben geht. Das tat es tatsaechlich (sehr, sehr lang gestreckt). Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass Berge wesentlich angenehmer zu besteigen sind, wenn man einfach stur zu Boden schaut. Einige schwoeren darauf, das Ziel, den Gipfel, fest im Blick zu behalten, aber ich mache das genaue Gegenteil. Wenn man auf den Boden glotzt, sieht jeder Berg voellig flach aus. Und so schaffte ich es dann auch, waehrend ich leicht belustigt feststellte, dass die ganzen LKWs offensichtlich mehr Probleme damit hatten als ich.

Dann sah ich endlich die Bar. Mein Fuehrer nennt sie eine „eigenartige LKW-Fahrer-Bar“, in der man gut fruehstuecken koenne. Na, das sehe ich mir doch definitiv an!
Wie koennte es anders sein: Das Scheissteil hatte geschlossen. Und zwar offensichtlich fuer laenger.

War ja irgendwie klar. Trotzdem musste ich erstmal Pause machen. Inzwischen war es 7:45 Uhr und ich hatte keine Ahnung, wie viele Kilometer ich jetzt tatsaechlich bis jetzt zurueck gelegt habe. Jedenfalls hatte ich saumaessig Hunger und fiel ueber die Salami her, die Salvatore mir geschenkt hatte. War gut, wenn auch ohne alles etwas karg.
Dann checkte ich den Stand meiner Wasserflasche. Haette besser sein koennen, aber in 5,5 km sollte eine richtige Raststaette kommen, in der ich sie auffuellen konnte. Bis dahin musste der Rest reichen.
Das Gute: Der Morgen daemmerte ziemlich diesig herauf. Der Himmel war nicht komplett bedeckt, aber viele Wolken verhinderten bis jetzt doch noch erfolgreich, dass die Sonne richtig aufgehen konnte. Keine Sonne, keine moerderische Hitze. Und in der Nacht hatte es sintflutartig geregnet (das hatte ich gesehen, als ich mein Bier wegtragen gehen musste), was ebenfalls zur Abkuehlung beigetragen hatte.
Ach so, da geht’s lang![/caption]Alles also noch im Gruenen, dachte ich, und schulterte meinen Rucksack. Ab hier bog ich auf den Camino ab, der rechts neben der Nationalstrasse verlaeuft, wenn auch in einigem Abstand.
Kurz, nachdem ich wieder gestartet war, holte Salvatore mich ein. Radfahrer haben es schon gut, koennen ausschlafen -.- Der war den richtigen Camino gefahren und erzaehlte mir, dass er Weg furchtbar gewesen war, vor allem wegen den vielen Regen. Es war also gut gewesen, den Aufstieg auf der Nationalstrasse zu meistern.

Salvatore fuhr weiter. Noch so jemand, den ich sicher nicht wiedersehen werde.

Flach.

Flach.

Ab hier hatte ich die Hochebene der Monegros vor mir. Die Aussicht war ganz okay, aber diese karge Landschaft und ihre „herbe Schoenheit“ (Fuehrer-O-Ton) liess mich ehrlich gesagt doch recht kalt.
Es war… nett. Mehr allerdings nicht. Mich macht eine satte, gruene Wald- und Wiesenlandschaft oder ein geiler Ausblick aufs Meer einfach tausendmal mehr an. Deshalb hat es mir auf dem Camino del Norte ja auch so viel besser gefallen. Das ging auch nicht jedem so. Ein Pilger hat mir letztes Jahr spoettisch gesagt, „noch ein Strand und noch ein Strand“ waere ja furchtbar langweilig. Sehe ich nicht so. Das ist genau mein Ding. Das hier dagegen… gar nicht.

Wenigstens auf das „tiefe Gefuehl der Einsamkeit“ und die „Stille“ war ich gespannt gewesen, aber ich weiss ja auch nicht… Vielleicht hat der Autor des Pilgerfuehrers ja nicht so gute Ohren, aber ICH konnte zu jedem Zeitpunkt die LKWs auf der Nationalstrasse vorbei brettern hoeren.

Ich war froh, dass ich die Raststaette erreichte, denn inzwischen hatte ich doch noch mehr Hunger und auch Durst. Ich kaufte ein riesiges Baguette mit Omlette (schmeckte recht meh) und ne Cola und setzte mich draussen hin.
Ich sass vielleicht eine Viertelstunde, als es langsam zu tropfen begann. Ich ignorierte das zunaechst, aber als es staerker wurde, verzog ich mich unter das Vordach der Raststaette. Von dort aus sah ich dem Regen zu.

Hab ich vielleicht ein Glueck! In diesem Gebiet regnet es schaetzungsweise dreimal im Sommer und ICH erwische ausgerechnet einen dieser Tage. Der absolute Wahnsinn! Und Tony hatte noch so mitleidig gekuckt, als ich leicht verzweifelt gemeint hatte, dass es ja vielleicht regnet. „No,“ hatte er gesagt. Ich hoffe, er kuckt den Wetterbericht, egal wo er gerade ist!

Ich musste sogar kurzzeitig meine Weste anziehen, weil es so kalt war. In den Monegros! Mitten im Juli!

Hübsch.

Hübsch.

Da kann ja nix mehr schief gehen, dachte ich. Der Regen hoerte bald auf und ich ging weiter – bei schaetzungsweise 15 Grad weniger, als es fuer die Region normal waere.

Ach so, da geht's lang!

Ach so, da geht’s lang!

Spaeter klarte es ein wenig auf, doch immer mal wieder verschwand sie Sonne hinter einer Wolke und gewaehrte mir eine Verschnaufspause, denn sobald sie auftauchte, wurde es schlagartig richtig heiss. Trotzdem musste es weiter gehen. Ab und zu blieb ich stehen, um meine Waden zu checken. Denn ja, ich gehe wieder mit kurzen Hosenbeinen! Endlich! Nachdem ich am 5. Tag morgens bis zum Sonnenaufgang mit kurzen Hosen in der kuehlen Morgenluft gelaufen war (was ich vergessen habe zu erzaehlen) und das besser geholfen zu haben schien als sonst alles andere, was ich davor unternommen hatte, war mein Ausschlag endlich zurueck gegangen. Wie schon gesagt wurde es am 5. Tag in der Mittagssonne nochmal schlimm, aber ab abends wich die Roetung endlich. Am 6. Tag machte ich mir noch Sorgen, ob die Flecken, jetzt nicht mehr rot und heiss, aber doch deutlich anders gefaerbt als der Rest meiner Haut, vielleicht fuer den Rest meines Lebens bleiben wuerden (sowas aehnliches hatte meine Mutter, bevor sie es sich weglasern liess), aber schon am 6. Tag konnte davon keine Rede mehr sein. Und jetzt getraute ich mich zum ersten Mal, meine Haut wieder der Sonne auszusetzen.IMG_0203

Und es war nichts zu sehen. Endlich schien meine Sonnencreme zu wirken. Der Ausschlag war weg!!

Ich flog ueber den Camino, so gluecklich machte mich das. Und dann kam mir ein Typ mit freien Oberkoerper und Wasserkanister entgegen. Ob ich auch zum Festival wolle?

Die Wüste lebt!

Die Wüste lebt!

Auch davon hatte Eléna mir erzaehlt. Sie, d.h. der Campingplatz, waren fuer dieses Wochenende ausgebucht, weil mitten in den Monegros ein Festival stattfand – leider nur mit Elektroscheisse. Ich wuerde daran vorbei kommen, sagte sie.

IMG_0207Und das kam ich tatsaechlich. Schon von weitem sah ich die Buehne und die grossen Festzelte, die gerade aufgebaut wurden. Mitten in der Wueste!
Es schienen noch nicht viele Leute da zu sein. Es war ja erst Donnerstag. Aber als ich am Gelaende angekommen war, fiel mir ein Typ entgegen, der aber sowas von absolut sicher voellig zugekifft war. In gebrochenen Spanisch fragte er mich, ob ich vielleicht Tabak haette.
Den hatte ich und unterhielt mich noch eine Weile mit ihm. Er war Tscheche, deswegen wechselten wir zu Englisch. Auch er dachte, ich wolle auch zum Festival, aber das musste ich verneinen. Irgendwie aber echt schade, dass ich nicht zwei Tage spaeter hier durch gekommen bin… wie lustig waere DAS bitte gewesen? Ich total brav pilgernd mitten durch diese Deppen durch, die auf Elektro abgehen: klick

Er erzaehlte mir, dass ein Freund von ihm gerade Wasser holen war. Den hatte ich doch gesehen! Aber die Raststaette war doch bestimmt schon 5, 6 km hinter mir?
„Si,“ sagte er leidend. Ich erfuhr auf Nachfrage, dass es auf dem Gelaende kein Wasser gab.
„Wow, that’s really dangerous,“ meinte ich verbluefft.
„Yes. Katastrofa!“

Na, da hatte er allerdings recht. Bei einer Orga wie dieser muss man sich nicht wundern, wenn Sachen passieren wie damals bei der Love Parade!

Von meinem Wasser konnte ich aber leider nichts abgeben. Es war inzwischen doch ziemlich heiss. Aber fuer meine naechste Pause fand ich sogar Schatten. Ha! Von wegen, kein Regen und kein Schatten!

Rastplatz!

Rastplatz!

Ein blauer Schmetterling (die hab ich am liebsten) kam mich besuchen

Guckguck!

Guckguck!

und ich verbrachte eine halbe Stunde damit, ihn mit viel Flucherei dazu zu bringen, endlich beim Sitzen die Fluegel zu oeffnen, damit ich ihn fotographieren konnte. Das konnte ich schliesslich. Ist hammermaessig gut geworden. Wartet nur, bis ihr die Bilder seht!

Yeah!

Yeah!

Und danach dachte ich beim Laufen ueber eine neue Geschichte nach und war ploetzlich ganz schnell in Candasnos. Huch! Ich hatte die Monegros bezwungen, fast ohne es zu merken!

Nette Begrüßung in Candasnos

Nette Begrüßung in Candasnos

Fuer 16 Euro (akzeptabler Preis) mietete ich mich in einem suessen kleinen Hostal ein, fiel auf dem Bett ins Koma und war anschliessend so zerstoert, dass ich dort auch zu Abend ass, statt etwas kaufen zu gehen. Ich verstand nur die Haelfte von dem, was mir der Kellner als Auswahl fuer das menú del dia anbot und nahm dann schliesslich das, was ich kannte. Es gab Nudelsalat mit Thunfisch und einer Wagenladung Cocktailsosse obendrauf und als Hauptgang nochmal Fisch mit ein paar Pommes. War fuer 8 Euro (1,5 l Wasser inklusive) voellig okay.
Nicht ganz so nettes Wandgemälde in meinem  hostal :/

Nicht ganz so nettes Wandgemälde in meinem hostal :/


Und danach war der Tag auch schon zuende. Die angeblich schlimmste Etappe bewaeltigt – Check! Wenn auch voellig unspektakulaer! Ab hier kann es nur noch schlimmer werden :mrgreen:

Jakobsweg: 6. Etappe: Lleida – Fraga (13,8/32 km)

Kilometer: 132

Heute schlief ich mal etwas laenger, bis 6 Uhr. Wie gesagt, ich hatte vor zu schummeln!

Auch das ist bei manchen Pilgern unendlich verpoent, aber ganz ehrlich: Wie sich dieser Camino mir streckenweise praesentiert, hat fuer mich recht wenig mit pilgern zu tun. Die Wege neben der Nationalstrasse sind nicht so cool, aber auszuhalten, auch kann ich es verkraften, immer noch allein zu sein, aber diese Industriegebiete gehen – einfach – gar – nicht. Eben ein solches sollte sich mir bei dieser Etappe aber nach etwa der Haelfte wieder praesentieren.
Ich kann das nicht. Ich hasse stinkige Industriegebiete auch schon, ohne stundenlang hindurch wandern zu muessen. Das geht eindeutig ueber meine Kraefte!

Ich hatte also beschlossen: Ich gehe ca. 14 km bis nach Alcarrás und nehme ab dort den Bus nach Fraga. Dadurch werde ich den Weg um 18 km verkuerzen. Und das finde ich okay. Der Gesamtweg von Montserrat bis nach Santiago belaeuft sich auf 1089 km – was machen da schon die paar Meter?
Das ist ja auch MEINE Sache. Und den Camino zu gehen, das ist fuer mich ein grosses Ding. Als ich 2010 auf meinem ersten Jakobsweg unterwegs war, erzaehlte ich schon zwei Wochen vor dem Ziel jedem, der es hoeren wollte (und vermutlich auch einigen, die es NICHT hoeren wollten), dass ich vorhatte, am Kap Finisterre ein Bild von mir mit triumphierend in die Luft gereckten Pilgerstab und Victory-Zeichen, das Meer im Hintergrund, zu schiessen.
Das tat ich dann auch. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich nannte es mein Siegerposen-Bild. Aber was sagte da eine altbekannte Pilgerin zu mir, die ich einen Tag spaeter kurz vor der Abfahrt zurueck nach Santiago in Fisterra wieder traf, und der ich das, gluehend vor Stolz, erzaehlte? „Glaubst du, du hast dir das verdient? Immerhin bist du ja auch mal Bus gefahren.“
Ich war absolut sprachlos. Denn JA, ich bin auch schon bei meinem ersten Camino auch mal Bus gefahren. Ich hab das nie genau ausgerechnet, aber ich schaetze, ich habe von 940 km (den Weg nach Finisterre habe ich auch noch halb beschritten) ca. 90 uebersprungen. Kann man bloed finden, muss man aber nicht. Im Umkehrschluss heisst das aber immer noch, dass ich 850 km zu Fuss gegangen bin!
Fuer mich als untrainierten Menschen war das eine riesige Leistung, die mir NIEMAND zugetraut haette. Ich glaube, auch mit ein bisschen Schummeln kann ich da zurecht stolz auf mich sein. Und dann kommt die bloede Kuh und sagt sowas! Uebrigens voellig arglos… ich glaube, die hat echt nicht kapiert, wie beleidend das eigentlich war!
Vor allem geil deswegen: Sie ist erst in Avilés losgegangen – ueber 500 km NACH mir! o.O

Egal. Dann bescheisse ich halt in den Augen mancher. Ich sehe das nicht so eng. Zumal demnaechst eine Etappe kommen wird, die ich teilweise ueberspringen MUSS, da sie fuer meine Verhaeltnisse eindeutig zu lang ist. Aber solange ich ueber 1000 km bleibe, ist mir das ehrlich gesagt egal.
1000 km – das ist mein persoenliches Ziel. Das moechte ich schaffen. Weil ich sagen koennen moechte: „Ich bin 1000 km zu Fuss gegangen, bitches!“ Und was andere darueber sagen, dass ich ein wenig geschummelt habe, interessiert mich ehrlich gesagt nicht.

Damit habe ich 89 km zu verpulvern :mrgreen: Bzw. 71, nach dem, was heute davon schon abgeht.

Der Anfang war sogar noch ganz schoen. Ich haette es ja nicht geglaubt. Mein Pilgerfuehrer hatte von einem schoenen Weg neben dem Fluss Segre geschwaermt, aber da ich diese Drecksbruehe ja schon gestern ausfuehrlich betrachten konnte, traute ich dieser Beschreibung nicht. Im Endeffekt war es dann aber doch ein sehr angenehmer Weg. Nachdem ich Lleida verlassen hatte, durfte der Segre wieder in einem naturnahen Bett fliessen und ich lief auf einem von Baeumen ueberschatteten Spazierweg daneben.
IMG_0194
So lief ich einige Zeit, aber schon ab Butsénit, dem ersten kleinen Ort heute nach 8,4 km, wurde es leicht aetzend. Dort fing bereits das Industriegebiet von Alcarrás an.
Noch ging es allerdings durch Felder, dann wurde es immer industrieller. Das bestaerkte mich in meinem Vorhaben, den Bus zu nehmen!

Alcarrás war ein Ort mit immerhin knapp 5000 Einwohnern, ich war also guter Hoffnung, auch wirklich einen Bus zu kriegen. Ein aelter Herr jedoch, den ich nach einer Bushaltestelle fragte, wiegte den Kopf. Es gaebe einen Bus nach Fraga, aber wann der kommt…! Er glaubte um viertel nach 1, war sich aber nicht sicher.
Der Plan an der Bushaltestelle war dann aber auch leider voellig unverstaendlich.

Spanien fun fact 8: Jean-François Champollion wuerde es VIELLEICHT schaffen, spanische Busplaene zu entziffern, aber die kleine Robin Urban ist damit schlichtweg ueberfordert.

Soweit verstand ich den Plan jedenfalls: Ein Bus nach Fraga, den GAB es gar nicht! Es fuhr zwar ein Bus in die Richtung, allerdings bog der vorher ab und fuhr woanders hin.
Was soll der Scheiss, dachte ich, schnappte mein Zeug und streckte den Daumen raus. In Alcarrás herrschte ein heftiger Durchgangsverkehr, aber obwohl ich bestimmt eine halbe Stunde rueckwaerts Richtung Ortsausgang schlich, hielt keine Sau an. Ein paar winkten, aber das wars auch schon.
Grmpf. Keine gute Zeit fuer Tramper. War das frueher nicht mal die leichteste und billigste Art gewesen, um durch Europa zu touren?

Am Ortsausgang gab ich auf und ging zurueck zur Bushaltestelle. Ich hatte mir ueberlegt, einfach den Busfahrer zu fragen. Vielleicht gab es ja von einem der Orte, wo er hielt, einen anderen Bus nach Fraga.
Bis viertel nach 1 war es noch eine Stunde, eigentlich genug Zeit, noch irgendwo was zu trinken, aber ich entschied, lieber an der Bushaltestelle zu warten. Und das war genau richtig! Denn um viertel VOR 1 kam ein Bus angefahren – und darauf stand gross „Fraga“ drauf!!

Mein letztjaehriger Jakobsweg, als ich nicht gehen konnte, hatte mich gelehrt, den spanischen Nahverkehr zu hassen. Doch DAS war der Hammer! Endlich einmal Glueck!

Ich bezahlte 1,68 (acht-und-sechzig!!!) fuer den Bus, dann ging es los. Waehrend der Fahrt sah ich immer wieder gelbe Pfeile auf der viel befahrenen Nationalstrasse. Wenn ich mir das so ansah, war es absolut richtig gewesen, diese Teiletappe zu ueberspringen!

Fraga, ein Ort mit 13.000 Einwohnern, lag an einer Seite von Bergen eingezwaengt in einem Flusstal, durch das sich mitten durch eine braune Bruehe waelzte. Keine Industrie, nur Dreck. Es hatte in den vergangenen Naechten viel geregnet und deshalb fuehrte der Fluss Hochwasser.
Ich stieg aus und war absolut euphorisch. Gerade 14 Uhr und schon da! Jetzt nur schnell die Herberge finden (mein Pilgerfuehrer half mir, wie ueblich, ueberhaupt nicht).

Ich fragte einen Opa nach dem Weg zur Touristeninfo. Der dachte kurz nach und gab mir dann eine knappe, exakte Beschreibung, die ich komplett verstand. Haette ich nur mehr Vertrauen in ihn und auch in meine Spanischkenntnisse gehabt, denn als ich etwa die Haelfte des Weges, den er mir beschrieben hatte, gegangen war, bog ich lieber auf eigene Faust irgendwo ab.
Das war falsch. Ich irrte in engen Gassen umher und kam schliesslich zwischen einer Kirche und einer Bar raus. Ich lenkte meine Schritte zur Bar, um dort nochmal zu fragen.
Ein Typ vor der Bar sprach mich an. „Perdón, no hablo español,“ antwortete ich.
„Ah, no entiendes?“ gab er im herablassenden Tonfall zurueck und laberte dann noch etwas auf katalanisch. Danach brach er sowie der ganze Tisch in haemisches Gelaechter aus.
Ja, ja, macht euch nur lustig ueber die Auslaenderin, die eure Sprache nicht spricht. Ich hatte schon genug von dieser Stadt -.-

Der Barkeeper konnte mir leider auch nicht helfen. Obwohl ich explizit nach der Touristeninfo fragte, dachte er, ich wolle einen Stempel fuer meinen Pilgerausweis, und zeigte auf die Kirche gegenueber. Nachdem er das noch dreimal wiederholt hatte, gab ich auf. Ich sah mir die Kirche dann sogar tatsaechlich an, weil ich dachte, da koennte man mir vielleicht helfen, aber laut Aushang hatte sie zwischen halb 1 und halb 9 geschlossen. Das war mir zu lang zu warten, also ging ich wieder.

Ich fand dann tatsaechlich irgendwann die Touristeninfo, wo mir eine sehr nette Frau einen Stadtplan aushaendigte und mir den Weg zur Herberge einzeichnete.
Diese Herberge war laut meinem Pilgerfuehrer wieder mal in Nonnenhaenden und eigentlich ein Altenheim. Das erreichte ich auch schnell, nachdem ich den Fluss wieder ueberquert hatte.

Und dort erwartete mich wieder mal eine Ueberraschung. Nachdem sowohl die Schwester am Empfang als auch die junge, nicht ordinierte Altenpflegerin mich nicht verstanden, riefen sie noch eine junge Pflegerin, die englisch sprach. Die sagte mir schliesslich dieses: „There is no Albergue. Albergues are for poor people.“
Ich runzelte die Stirn. „Verzeihung, ich meine ja eine Pilgerherberge. Und Pilgerherbergen sind nicht fuer Arme, sondern fuer Pilger.“
Das schien alle drei gruendlich zu verwirren. Aber nach langem Hin und Her verstand ich schliesslich: Dies war mal eine Herberge gewesen, jetzt war es das aber nicht mehr. Pilger schlafen jetzt auf dem ewig weit entfernten Campingplatz.

Das darf doch nicht wahr sein. Ich bin ja jetzt vom camino catalán schon gewoehnt, dass es kaum Herbergen gibt. Aber es ist EINE Sache, definitiv zu wissen, dass ich mir ein Hostal suchen muss, aber eine voellig andere, von der gottverdammten TOURISTENINFORMATION zu einer total falschen Stelle geschickt zu werden!!!

Das sagte ich auch der englischsprechenden Pflegerin. Die zerfloss sichtlich vor Mitleid. Genau wie die andere, die kein englisch konnte, die mir aber auf spanisch erzaehlte, dass sie im Jahr davor auf dem Camino francés gewandert war und meinen Aerger verstehen koenne.
Sie bedeuteten mir, zu warten. Sie debattierten eine Weile. Und dann kamen sie wieder und eroeffneten mir: Ich koennte doch bleiben, es gaebe die alten Raeumlichkeiten der Herberge schliesslich noch!

Ich war relativ platt, nahm aber freudig an. Das war aber auch wirklich SEHR nett!

Sie zeigten mir die etwas muffigen Oertlichkeiten und sagten mir, dass ich um halb 8 wieder da sein solle, wenn ich noch vorhabe, in die Stadt zu gehen, dann schliessen sie naemlich. Damit hatte ich kein Problem. Ich musste zwar wirklich noch in die Stadt zum Einkaufen, wollte aber auch frueh schlafen gehen. Morgen wird eine harte Etappe!

Ich ging duschen und verliess dann das Zimmer. An der Rezeption sass inzwischen eine andere Nonne. Von meinen beiden jungen Engeln war nichts zu sehen, dafuer war eine andere Altenpflegerin da, die ziemlich muerrisch wirkte und ein irgendwie schiefes Gesicht hatte. Ich winkte, dann ging ich in die Stadt.
Ich hatte einige Dinge zu erledigen. Erst ein bisschen Internet, dann musste ich mir eine neue Duschgel-Shampoo-Kombination kaufen, weil ich meine in Cervera stehen gelassen habe -.- Und weil es in dem Altenheim keine Stempel mehr gab, musste ich mir sonstwo einen besorgen. Dazu ging ich zur Polizei, wo das fix erledigt wurde. Ich kam auf dem Weg an der Touristeninfo vorbei und wollte der Tussi da drin sagen, dass sie Pilger nicht mehr zu diesem Altenheim schicken solle, aber die hatte schon geschlossen.

Danach war es schon fast so weit, zurueck zu gehen. Ich kaufte mir noch einen Doener (unglaublicherweise mit normaler Knoblauchsosse!), dann ging ich zur Herberge. Es war etwa 20 nach 7.

Die Rezeptionistin – WIEDER eine neue – begruesste mich misstrauisch. Konnte es sein, dass die nichts von der Pilgerin wusste, die heute zu Gast war?
Ich versuchte, ihr die Situation zu erklaeren, als auch schon Frau Schieffresse auftauchte. Sie redete auf spanisch auf mich ein. Ich verstand ueberhaupt nichts, ausser „eglesia San Juán“.
„No entiendo,“ sagte ich daher. Was dazu fuehrte, dass sie dasselbe nochmal von vorne laberte.
So ging das mindestens 5 Minuten lang. Ich wurde langsam etwas pissig. Glaubt die, ich lerne spontan spanisch, nur weil niemand zum Uebersetzen da ist?

„NO – ENTIENDO!“ sagte ich wieder, etwas lauter. Sie machte einfach weiter. „Blablabla eglesia San Juán blablaba…“
Irgendwas mit „zur Kirche San Juán gehen“. Wollte die, dass ich mir dort einen Stempel holen gehe? Das musste ich aber ja gar nicht, ich hatte ja schon einen. Ich facepalmte innerlich. „Si, señora, entiendo „Eglesia San Juán“, pero no entiendo porqué?“

Aber sie laberte immer noch stoisch immer wieder dasselbe. Und wie ich so in ihre grantige Fresse starrte, daemmerte mir da so langsam etwas. „Ach so – yo voy ahora? No duermo aqui?“
„Si,“ sagte sie. Dies waere keine Pilgerherberge. Ich solle mich verpissen.

Aha.

Ich war so sprachlos, dass ich mich nicht mal wehrte. Ich kann nur sagen… die Frau hatte Glueck, dass sie keine Sprache beherrschte, die ich sprechen konnte.
Ich kaute auf meiner Zunge, dann folgte ich ihr in mein Zimmer, das jetzt nicht mehr meines war. Ich packte meine Sachen, waehrend sie vor der Tuer wartete. Und dann geleitete sie mich zu einem Nebeneingang. Nicht mal den Haupteingang durfte ich benutzen – ich wurde aus dem Lieferanteneingang geschmissen wie irgend so eine Kuechenmagd!!!

„Gracias,“ sagte ich sarkastisch.
„Da nada,“ antwortete sie und knallte die Tuer hinter mir zu.

Ja, de nada!!! De nada AM ARSCH, du bloede Kuh!!!

Voellig betaeubt marschierte ich zum vierten Mal an diesem Tag ueber diese drecksverdammte Bruecke. Ich war gerade aus einem von Nonnen gefuehrten, christlichen Altenheim geschmissen worden. Auf dem Camino de Santiago. Als Pilgerin. Abends. Alleine!

Auch hier wieder: Es ist eine Sache, wenn sie von Anfang an gesagt haetten, dass sie halt keine Pilgerherberge mehr sind und ich mir was anderes suchen muss. Aber es ist nun mal was voellig anders, wenn sie zuerst sagen, ich koennte dort uebernachten, und mir dann fuenf Stunden spaeter doch einen Arschtritt verpassen!!! Ich kann nicht sagen, wie unendlich wuetend ich war!!!

Ich hatte die Kirche San Juán erreicht. Die selbe Kirche, vor der ich mittags schon mal gestanden hatte. Jetzt war sie offen. Ein Typ wuerde dort auf mich warten, so viel hatte ich immerhin verstanden.
Dieser Typ stand im Eingang und sah mir entgegen. „Hola! Qué tal?“
„Mal!“ rief ich.
Er wirkte milde verdutzt. „Ah, si?“

Und dann legte ich los. Ich breitete die gesamte Geschichte in all ihrer unchristlichen Graesslichkeit aus. Ich brach in wuetende Traenen aus. Ich fluchte unter dem Dach des Gotteshauses. Ich war fuchsteufelswild – merkte aber nach gut einer Minute, dass sich sein Gesichtsausdruck nicht im Geringsten veraendert hatte. „Do you speak english? Do you understand me?“ fragte ich also vorsichtshalber.
„No,“ antwortete er heiter.
Aaaaargh!!!

Er beruhigte mich sanft und erzaehlte mir, dass ich hier einen Wisch bekommen konnte, mit dem ich auf dem Campingplatz umsonst uebernachten duerfte. Ich hatte immer noch keinen Bock, dort zu uebernachten!!! Aber was sollte ich machen? Es war bereits viertel vor 8 und ich wusste immer noch nicht, wo ich schlafen werde.
„Zeigen Sie mir den Campingplatz auf der Karte,“ verlangte ich, denn ich war definitiv zu fertig, um mich bis dorthin durchzufragen oder einer Erklaerung zu folgen, die ich nur halb verstanden hatte. Ich hielt ihm den Stadtplan aus der Touristeninfo hin.
„Oh, das ist kein Problem… du gehst da hinten rechts und…“
„Nein, zeigen Sie ihn mir auf der Karte!“ Ich tippte mit dem Zeigefinger heftig auf den Plan. „EN – LA – MAPA!!!“
Er schenkte der Karte einen triefaeugigen Blick, dann sah er wieder die Strasse hinunter. „Also, dort hinten rechts und…“
„NO!!!“ Ich heulte schon wieder. Was fuer eine Drecksstadt, dieses Fraga!!! Mit Leuten, die offensichtlich nicht mal Stadtplaene lesen konnten!!!

Inzwischen hatte er wohl kapiert, dass ich mich nicht mit einem halbherzigen „tranquila“ abspeisen lassen wuerde. Das ist die spanische Standardantwort auf saemtliche Probleme des Alltags. Nur konnte ich nicht mehr „ruhig“ bleiben! Ich war jenseits von „ruhig“!!
Und so kapitulierte er und bot mir an, mich zu fahren, wenn die 8-Uhr-Messe zuende ist. Er war naemlich der Pastor. Dieses Angebot nahm ich voellig undankbar an!!

Dann musste ich noch in ein Seitengebaeude, um mir eben diesen Wisch zu holen. Dort wartete der Kuester oder der Diakon oder was auch immer das war. Der merkte auch, dass ich nicht „tranquila“ war und fragte, was los ist.
Ich stammelte die gesamte Geschichte auf spanisch runter. Das war ein grammatikalisches Desaster, aber immerhin verstaendlich, glaube ich. Ausserdem war es einfach schoen, sich auszukotzen.
„Y las hermanas dicen: ‚Tu debes ir! Aqui no hay camas para peregrinos!'“ Ich schloss mit einem heftigen Fingerzeig in Richtung eines riesigen Bildes von Papst Benedikt XVI., das an der Wand hing (in Spanien hat man offensichtlich noch nicht mitgekriegt, dass wir inzwischen einen neuen Papst haben). „NO ES CATÓLICO!!“

Eine buehnenreife Vorstellung. Der Diakon wirkte auch leicht mitleidig. Aber was sollte der machen? Der konnte ja auch nix dafuer.

Er gab mir diesen bloeden Wisch und fragte mich, ob ich vielleicht die Messe mitbesuchen wolle. Ich lachte laut und hart. Und das schien er zu verstehen.

Ich musste also eine halbe Stunde auf den Pastor warten. Ich liess mich auf einer Treppe paralell zur Eingangstuer der Kirche nieder, immer noch mit nassem Gesicht. Und ich sass kaum zwei Sekunden, als eine Frau mit einem grossen, schwarz emaillierten Kreuz um den Hals auf mich zu gestuerzt kam. Ob mir was fehle?
Als Antwort heulte ich noch mehr. Aber die Frau konnte englisch. Halleluja. Also erzaehlte ich die gesamte Geschichte nochmal, dieses Mal richtig. Und sie war absolut schockiert. „Rausgeworfen, nachdem sie schon gesagt haben, dass du dort schlafen kannst?! Also nein… da rufe ich morgen mal an!“
Es zeigte sich, dass Pilar (so ihr Name) auch eine Pilgerin war und den Camino francés schon per Rad bewaeltigt hatte. Sie war gerade auf dem Weg zur Messe und war froh zu hoeren, dass der Pastor mich wenigstens zum Campingplatz fahren wuerde. Dann schenkte sie mir einen Schokoriegel und ging in die Kirche.

Ich rauchte Kette, bis diese bloede Messe vorbei war. Danach redete ich noch ein bisschen mit Pilar (der Pastor wollte noch 10 Minuten mit irgendjemanden reden, letztendlich wurde es eine halbe Stunde). Die war wirklich unheimlich nett. Ein richtiges Kontrastprogramm zu dieser bloeden Altenpflegerin!

Dann ging es endlich zu diesem Campingplatz. Der Pastor hatte vorher gesagt, dass das hoechstens 10 Minuten zu gehen waeren. Eine freche Untertreibung. Von der Kirche aus haette ich mindestens eine halbe Stunde bis dorthin gebraucht. Teils ging es steil bergauf.

Dort angekommen lieferte er mich in der Campingbar ab, wo eine muetterliche Campingplatzbetreiberin mich in Empfang nahm. Ich war bereits jenseits von Gut und Boese, merkte aber, dass sie ueber mich redeten. Der Pastor sagte ihr, ich sei „depre“.
„No soy depre!“ fuhr ich dazwischen. „Soy… angry!“
Woraufhin der Pastor wieder mild laechelte und sich verpisste.

Die Campingfrau meinte, ich solle erstmal ankommen. Das tat ich. Was dazu fuehrte, dass ich vor lauter nachlassendem Stress wieder anfangen musste zu flennen. Ich bloede Heulboje!
Sie rief dann ihre Tochter, eine huebsche Mittzwanzigerin, die englisch konnte und uns resolut zwei Bier zapfte. Ihr erzaehlte ich die Geschichte dann ein viertes Mal, waehrend ich mein Bier runterstuerzte. Genau das hatte ich gebraucht. Es wurde dann noch ein zweites und ein drittes, als ein zweiter Pilger auftauchte – Salvatore. Allerdings ein Radfahrer.

Es wurde doch noch ein irgendwie cooler Abend. Drei Bier hatten mich bereits leicht betrunken gemacht. Man merkt, ich habe schon seit ueber einer Woche keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Und als ich am Schluss in meine Huette ging, schenkte mit Salvatore aus heiterem Himmel eine grosse Salami. „Ein Freund von mir macht die,“ erklaerte er. Na, das nehme ich doch gerne an.

Es war inzwischen halb 12. Mein Wecker stand auf halb 5. Das konnte ja nur gut gehen. Morgen wartet die Etappe auf mich, vor der mich seit einer Woche alle warnen!

Jakobsweg: 5. Etappe: Castellnou de Seana – Lleida (30,4 km)

Kilometer: 118,2

Heute bin ich sehr gut aus dem Bett gekommen, genau wie geplant. Ich war frueh auf den Beinen und unterwegs – um viertel nach fuenf.

Ich weiss, viele Pilger finden es eigentlich ziemlich schrecklich, wenn so Leute wie ich so frueh los ziehen, aber ich brauch das einfach. Ich bin viel langsamer als die meisten und habe auf den normalen Wegen bei Hochbetrieb kaum eine Chance, einen ordentlichen Herbergsplatz zu ergattern. Dazu ist es einfach auch megamaessig demotivierend, staendig von anderen Pilgern ueberholt zu werden. Dem kann ich nur entgehen, wenn ich deutlich frueher losgehe als die meisten anderen.
Dazu die Hitze auf diesem Camino. Zwar wird es erst gegen 12 wirklich unangenehm (ich vertrage das doch deutlich besser als die meisten anderen – muss mein suedamerikanisches Blut sein), aber wenn ich bis dahin schon einen guten Teil der Strecke zurueck gelegt habe, laeuft es sich viel besser.

Aber ach, bevor ich losmarschierte, hatte ich noch eine Begegnung. Ich packte gerade meine Tasche, als ich etwas ueber den Boden huschen und sich zwischen meinen Schuhen verstecken sah. Eine Kakerlake.
Vor ein paar Wochen hat mein Mitbewohner mir eine Kakerlake aus Plastik in meine Teedose gelegt und ich haette ihn deswegen fast umgebracht, doch jetzt? Seufzte ich nur resigniert, wartete, bis sie weggekrabbelt war und schuettelte dann stoisch meine Schuhe aus (war nix drin – la cucaracha war wohl heute sóla unterwegs).

Jedenfalls, es war noch stockdunkel, als ich los ging, aber ausnahmsweise war der Weg mal gut markiert. Es war auch schwer, ihn NICHT zu finden, denn der Anfang war sehr gradlinig. Sobald ich das Dorf hinter mir gelassen hatte, ging es wieder durch Felder.
Sowas wuerde ich mich ja zuhause niemals trauen – also im Dunkeln mitten durch die Walachei wandern. Ich bin halt eine Schisserin. Aber auf dem Camino ist eben alles anders!

Dunkel.

Dunkel.


Ich kam gut voran und erreichte das erste Dorf (El Palau d’Anglesola, was fuer ein Name…), als gerade die Sonne aufging. Der Kirchturm, unter dem ich mich nieder liess, zeigte 7:20 Uhr an. Das verstimmte mich etwas. War ich wirklich so langsam gewesen?
Als eine Zigarette spaeter die Uhr immer noch die selbe Zeit anzeigte, war das Raetsel jedoch geloest. Die Uhr war stehen geblieben und eigentlich war es bei Ankunft 25 Minuten frueher gewesen.

Spanien fun fact 6: Wenn in Spanien eine Uhr richtig geht… dann ist das purer Zufall!
Nirgendwo sonst offenbart sich mir mehr, dass ich eben doch eine Deutsche bin…!

Der Kirchturm wurde auch in meinem Pilgerfuehrer angepriesen. Ueberhaupt, wenn man dem glaubt, dann steht in jedem noch so winzigen Dorf eine Kirche, die mindestens so bedeutend ist wie die Sixtinischen Kapelle! Nur interessiert mich das nicht so grossartig. Gibt es wirklich Pilger, die nach 30 km im Zielort noch eine ausgedehnte Besichtigungstour durchziehen?
IMG_0185Die Voegel waren so frueh am Morgen natuerlich wieder mal am Ausrasten. Und dann sah ich etwas, was mich dann DOCH beeindruckte: Stoerche! Auf dem Kirchturm! In einem riesigen Nest! (Davon erzaehlte mein Pilgerfuehrer allerdings nix.)
Der absolute Wahnsinn. Ich glaube, ich habe noch nie Stoerche in Echt gesehen. Wartet nur, bis ihr die Bilder seht! (Ich glaube, dieser Satz wird hier noch zum Running Gag!)

Hammer!

Hammer!

Es ging weiter. Wieder Felder, wieder Feldwege, meist leicht geschottert (meh), manchmal einfach nur festgetretener Grund. Im naechsten Dorf (Bell-lloc d’Urgell – fast noch schlimmer!) war es dann hoechste Zeit fuer eine richtige Pause und vor allem etwas zu essen!

Das bin ich!

Das bin ich!


Ich bestellte Cola und eine Tortilla de patatas, die einladend hinter der Theke stand. Ich bekam: fast ein Viertel dieser grossen Tortilla und drei, ja, DREI dicke Scheiben von einem grossen Baguette mit Tomate.
Ein Festmahl!

Ein Festmahl!


Spanien fun fact 7: In Spanien wird Butter offensichtlich nicht gerne als Brotaufstrich benutzt (vielleicht ist es dafuer zu heiss, die wuerde ja weglaufen). Stattdessen wird das Brot mit einer halbierten Tomate abgerieben und mit Olivenoel betraeufelt. Ein Spanier sagte mir mal, das wuerde „Tomaca“ heissen, Wiki sagt, es heisst „pa amb tomáquet“, hier sagt man ganz schnoede „Tomate“ dazu. Was die Frage aufwirft, was man bestellen muss, wenn man wirklich ein Brot mit Tomatenscheiben haben will. Aber egal. Mir schmeckt es! Und gesuender als Butter ist es vermutlich auch!

Ich stuerzte mich darauf und fotographierte die Tortilla. Die Kartoffeln waren deutlich in Scheiben geschnitten. Ha! Das kriegt mein Mitbewohner zu sehen, dieser Besserwisser!

Beweise!!!

Beweise!!!

Danach sollte es weiter gehen, durchs Dorf, von dort ins Kulturland und ab nach Lleida. Und das war ein Problem. Wieder mal… keine Pfeile! Schlimm genug im Gelaende, in einer Ortschaft einfach nur die Hoelle.
Ich ging tapfer nach Westen und versuchte, mich durch zu fragen. Leider ist der Camino catalán so neu, dass ihn nicht mal die Anwohner wirklich kennen -.- Nachdem man mich zweimal falsch geschickt hatte, verzichtete ich auf weitere Hilfe und ging weiter nach Westen bis zum Ortsausgang.
Dort traf ich auf eine Strasse. Laut der sehr undetaillierten Karte meines Pilgerfuehrers sollte das die Autobahn sein. Aber wie soll das gehen, so direkt am Dorf vorbei? Ohne Ausfahrt? Es musste sich um die N-II handeln, also eine Nationalstrasse – in Spanien ungefaehr das, was bei uns eine Bundesstrasse ist.
In diesem Moment fing ich an, meinen Fuehrer wirklich zu hassen. Die Karten sind ein absoluter Witz! Nicht mal massstabsgetreu. So wird der Jakobsweg in einer gepunkteten Linie angezeigt. Diese Linie ist zwischen Castellnou und El Palau 8 Punkte lang, zwischen El Palau und Bell-lloc dagegen 18 Punkte. Der reale Abstand in Kilometern betraegt dagegen 7,2 zu 8,7!!! Die Karte kann also unmoeglich stimmen!!

Ich musste also doch wieder fragen und sprach zwei aeltere Frauen an, die mir entgegen kamen. Die eine ueberraschte mich total mit einem ganz passablen Englisch. Das haette ich von einer Frau Mitte Sechzig in diesem Kaff als allerletztes erwartet!
Leider hatte sie ue-ber-haupt keine Ahnung. Sie schien noch nie etwas vom Camino de Santiago gehoert zu haben. Meine Frage, ob diese Strasse die N-II waere, beantwortete sie mit „Yes“, meinte aber kurz darauf, dass ich dort nicht gehen koennte, weil es verboten sei, auf einem „autovía“ zu laufen.
Was nun – Nationalstrasse oder Autobahn? Ich begann bereits, zu verzweifeln.
Ich wollte ja auch gar nicht auf der Strasse laufen, ich wollte wieder zurueck zum Weg. Das schien sie nicht zu checken. Sie war voellig von den Socken, dass ich nach Lleida zu Fuss gehen wollte. „Why?!“ Ihre sehr stumme Freundin erklaerte ihr, dass ich eine Pilgerin sei, aber sie fand es wohl weiterhin unglaublich.
„Son 12 kilómetros,“ erklaerte sie mir oberlehrerhaft. Das wusste ich allerdings schon. Am besten solle ich den Zug nehmen, der fuehre mehrmals die Stunde…
„No…“ machte ich hilflos. Wieder redete ihre Freundin auf sie ein. Und endlich kapierte sie, dass ich wirklich und wahrhaftig zu Fuss nach Lleida wollte. Wo der richtige Weg war, wusste sie allerdings immer noch nicht. Stattdessen fragte sie, wo ich uebernachten wolle.
Ich kramte meinen Pilgerfuehrer heraus und nannte ihr die Adresse der Pilgerherberge von Lleida. Sie kannte sie und begann daraufhin, mir detailliert zu erklaeren, wo sich diese befaende.

Ich seufzte und schaltete auf Durchzug. Das wuerde ich mir eh nicht merken koennen. Und ich suchte ja immer noch den Weg!

Mit Hilfe der Strassenbeschreibung im Pilgerfuehrer konnten die beiden mir letztendlich ungefaehr erklaeren, wo ich hingehen muesste, um wieder auf den Camino zu stossen… vielleicht.

Ich liess also die Nationalstrasse links liegen und bog nach rechts zurueck ins Dorf ein. Dort fand ich Schienen, die ich laut Fuehrer ueberqueren musste und dort dann auch endlich wieder gelbe Pfeile. Warum denn nicht gleich so!

Ich wanderte also durch das „Kulturland“. Eine Landschaft, die ich ebenfalls begonnen hatte, zu hassen. Es war so megalangweilig. Aepfelbaeume, Birnenbaeume, Mais, Korn… ich hatte schon alles durch. Und alles sah gleich aus. Und alles hatte den selben unangenehmen Untergrund fuer meine Converse. Wie waere es mal mit einem schoenen Waldweg?!

Diese komischen Dorfnamen gibt's wirklich.

Diese komischen Dorfnamen gibt’s wirklich.


Ueberhaupt fuehlte ich mich heiss und baeh. Ich ging immer noch mit langen Hosen, denn die Medikamente hatten meinen Ausschlag zwar gebessert, ganz weg war er allerdings noch nicht. Vor allem an meiner linken Wade war es ziemlich schlimm (da sich ja mittags die Sonne immer zu meiner Linken befand). Die Hose schuetzte zwar vor der direkten Sonnenstrahlung, aber nicht vor der Hitze, und deswegen tat mir die Stelle bei jedem Schritt ziemlich weh.

Ich trottete eine Weile vor mich hin und zerfloss in Selbstmitleid. Warum muss ich diese beschissene Allergie haben. Ich hatte meinen ersten Sonnenbrand auf Fuerteventura – mit 16! Und seitdem war meine Haut in der Sonne vielleicht 5 oder 6mal rot geworden.
Aber hier in Spanien dann direkt eine Sonnenallergie. Das ist einfach so scheisse. Ich will nicht fuer den Rest des Caminos in langen Hosen gehen. Mir ist heiss! Und ausserdem will ich braune Beine haben! Oder wenigstens welche, die nicht weh tun, wenn der Stoff dran reibt!
Der Arzt in Cervera hatte mich gefragt, ob ich kratzen wuerde. Ein totaler Witz! Ich kann die schlimmen Stellen ja kaum anfassen, ohne aufzujaulen!!

So jammerte ich eine Weile still und privat vor mich hin. Andere Pilger waeren vermutlich unendlich genervt gewesen. Aber davon gab es ja immer noch keine Spur.
Aber je laenger ich ging, desto mehr klaerte sich mein Kopf. Andere Pilger, die ich auf meinen anderen Caminos getroffen hatte, hatten doch ganz andere Probleme gehabt. Und auch ich selbst bin doch wesentlich besser unterwegs, als das auf meinen anderen Caminos der Fall gewesen war. Meine Sehnenentzuendung letztes Jahr war das schlimmste gewesen, aber ja laengst nicht das einzige.
Eigentlich geht es mir doch bisher recht gut. Am ersten Tag hatte mein Ruecken kurz gezwickt, gibt seitdem aber Ruhe. Meine Schultern tun seit dem 2. Tag nicht mehr weh, sie haben sich an das Gewicht des Rucksacks gewoehnt. Mein linkes Knie und meine Hueften, beides ebenfalls persoenliche Sorgenkinder, die an manchen Tagen der vergangenen Caminos unendlich weh getan hatten, mucken auch nicht. Mein Knie hatte zusammen mit meinem Ruecken am ersten Tag gezwickt und ist seitdem brav. Meine Hueften fuehlen sich total normal an. Sogar meine Blasen vom ersten Tag verwandeln sich so langsam in stahlharte Hornhaut. Ueberhaupt, meine Fuesse… es koennte so viel schlimmer sein. Und da beschwere ich mich wegen ein bisschen Allergie, obwohl die bestimmt bald weg sein wird, wenn ich weiterhin brav meine Medikamente nehme?

Also… Jammermodus aus! Es lagen nicht mal mehr 10 km vor mir. Ein Klacks, ob haessliche Feldwege oder nicht!

Nicht lange darauf verfluchte ich mich selbst. Feldwege, oh ja, auf Dauer unheimlich langweilig. Aber tausendmal besser als ein Industriegebiet!!!

Durch ein solches musste ich naemlich leider. Erst eines, das sich wohl erst im Bau befand (alles war niedergewalzt), dann durch die Aussenbezirke von Lleida. Vorbei zum Beispiel an einer Polyesterfabrik (wenn ich das richtig verstanden habe), die wahrlich atemberaubend stank. Und ich war immer noch mindestens 3 km vom Stadtzentrum entfernt. Und meinen letzten Schluck (heisses) Wasser hatte ich inzwischen auch schon laengst getrunken.
Der letzte Wegabschnitt, vorbei am Fluss Segre, war am schlimmsten. So eine tote Bruehe, eingepfercht in ein Betonbett. Schrecklich!!!

Ich ueberquerte eine Bruecke und war endlich tatsaechlich in der Stadt. Aber die Herbergssuche musste warten… ich sah eine Bar!
Dort bestellte ich 1,5 Liter eiskaltes Wasser, bezahlte dafuer 1,5 Euro und kippte mir die gesamte Flasche in weniger als 15 Minuten in den Rachen. Ohne Uebertreibung kann man wohl sagen, dass auf der ganzen Welt niemals ein Mensch etwas koestlicheres getrunken hat!!

Dann musste ich eben doch die Herberge suchen. Mein Pilgerfuehrer schrieb lapidar „im Stadtzentrum“. Ja, ich hasse das Ding jetzt wirklich!!! Und vermisse Raimund Joos‘ (Autor der meisten anderen deutschen Pilgerfuehrer) Karten durch Grossstaedte!!!
Gluecklicherweise fand ich eine Frau, die meine Frage nach einem zentralen Plaza, den mein Pilgerfuehrer als Zielort nannte, mit einem „komm mit, ich gehe da sowieso gerade hin“ beantwortete. 2 Minuten weiter fand ich die Touristeninformation. Dort erklaerte man mir zwar, dass die Jugendherberge, die laut meinem Pilgerfuehrer eine Pilgerherberge sei, mitnichten eine ist, aber wohl guenstig genug fuer Pilgerbeduerfnisse, und gab mir einen Stadtplan.

Letztendlich bezahlte ich 15,55 fuer eine Uebernachtung (4-Bett-Zimmer, ich wieder allein) und bekam den Schluessel fuer das Zimmer im 4. Stock ausgehaendigt. „Aehm… der Fahrstuhl ist leider ausser Betrieb,“ sagte die Rezeptionistin entschuldigend.
Ach, als koennte mich das noch schocken…

Viel mehr war an diesem Tag dann auch nicht mehr von mir zu erwarten. Ich ging mir Empanadas kaufen, ass sie vor der Tuer, wo mich spaeter ein Depp anlaberte, der mit mir „Freundschaft schliessen“ wollte, weil er so gluecklich sei, endlich mal eine Deutsche kennen zu lernen. Ob ich das auch wollte?
„Nein, ich bin morgen weg und habe kein Bedarf,“ erklaerte ich pissig. Ne Abfuhr ist bei einem Typen, der einen anstrengenden spanisch-englisch Mischmasch laberte, noch schwieriger als ohnehin schon!

Den Rest des Abends nutzte ich das kostenlose Internet. Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon beschlossen, morgen zu schummeln. Aber davon mehr an gegebener Stelle!

Jakobsweg: 4. Etappe: Cervera – Castellnou de Seana (26 km)

Kilometer: 87,8

Das Gute an meinem Arrangement mit dieser Nonne war, dass ich aus diesem Grund definitiv puenktlich aufstehen musste. So kam ich dann auch um zwei Minuten vor 6 nach unten, wo sie schon auf mich wartete und mir aufschloss.

Sie schien ernsthaft begeistert von mir zu sein und herzte mich, bevor sie mich entliess. „Buen viaje, guapa!!“ Dann durfte ich gehen.

Wie koennte man eine neue Etappe besser beginnen als mit einer ausgibigen Suche nach dem richtigen Weg? Das bluehte mir jetzt leider. Die Markierungen waren nirgendwo zu sehen und mein Pilgerfuehrer half auch nicht. Es dauerte sicherlich mindestens 10 Minuten, bis ich einfach fluchend eine Strasse Richtung Westen einschlug und die Stadt auf diese Weise verliess. Und da fand ich dann auch endlich wieder Pfeile. Halleluja!
Ich bin ja vom Camino del Norte schon ein wenig abgehaertet, aber die Markierungen auf dem camino catalán sind eindeutig ausbaufaehig, vor allem in den Ortschaften -.-

Guten Morgen!

Guten Morgen!


Dafuer praesentierte sich der Weg heute wieder recht nett. Es ging durch eine sanfte Huegellandschaft, die ich sehr genossen haette, wenn mir nicht insgesamt dreimal herrenlose Hunde entgegen gelaufen waeren.

Spanien fun fact 5: Es gibt in Spanien offensichtlich keine Leinenpflicht. Was ich eigentlich ueberhaupt nicht lustig finde!!!

Ohne Hunde war es schön.

Ohne Hunde war es schön.

Sie schienen keine Streuner zu sein, aber von ihrem Herrchen oder Frauchen war keine Spur zu sehen. Einmal kamen mir sogar drei gleichzeitig entgegen, von dem einer einen toten Vogel im Maul trug.
In solchen Faellen beisse ich die Zaehne zusammen und gehe, stur geradeaus starrend, einfach weiter. Ich habe eigentlich keine Angst vor Hunden, aber wenn euch mal um sieben Uhr morgens auf einem verlassenen Landweg so ein Kalb von einem Koeter entgegen laeuft, versteht ihr vielleicht, warum ich das nicht soooo cool finde.
Häschen sind völlig okay!

Häschen sind völlig okay!

Grafitti für die doofen Radpilger.

Grafitti für die doofen Radpilger.

Nach ganzen 9 km erreichte ich die erste Ortschaft (El Talladell), in der ich was getrunken und Pause gemacht haette, waere denn irgendwas geoeffnet gewesen. Aber nee, alles lag da wie ausgestorben. Also ging es weiter.
In Tárrega, dem naechsten Ort (12.000 Einwohner) ging es dagegen richtig ab. Diverse Marktstaende wurden gerade aufgebaut. Es gab z.B. die groessten Melonen, die ich in meinem ganzen Leben jemals gesehen habe, aber sowas konnte ich logischerweise nicht mitnehmen. Stattdessen kaufte ich ein paar Datteln, die perfekte Wegnahrung.

Und dann musste natuerlich das absolut Wichtigste erledigt werden… der Tabakkauf!
Ich fragte einen Passanten und ging in die angegebene Richtung. Die Gasse war allerdings wegen den vielen Marktstaenden sehr unuebersichtlich und ich daher nicht sicher, ob ich richtig gelaufen bin.
Ein paar Typen, die gerade ihren Gemuesestand aufbauten, starrten mich an. „Oy, Camino de Santiago!?“
„Si,“ antwortete ich.
„Francesa?“
„No, alemán.“ Ich bin naemlich wieder zur Wahrheit gewechselt und will auch da bleiben. Nur, warum zur Hoelle haelt mich jeder fuer eine Franzoesin? Das war jetzt sicher schon das fuenfte oder sechste Mal. Liegt es an meiner weltgewandten Eleganz, die an die Laufstege von Paris erinnert?
„Ahhhh…“ Der Typ hinter dem Stand musterte mich. „Guapa!“ Dann sagte er noch mehr zum Rest der Bagage und alle brachen in wiehrendes Gelaechter aus.
Tze… es ist eine Sache, wenn eine Nonne mit „Huebsche“ nennt, aber sowas… es war vermutlich besser, dass ich das meiste nicht verstanden habe -.-

Wenigstens waren sie so anstaendig, mir den Weg zum Tabakladen zu erklaeren. Danach musste ich den Tatsachen ins Auge sehen: Mein Bargeldvorrat war schon fast am Ende. Ich habe die letzten Tage viel mehr Geld ausgegeben, als ich eigentlich vorgehabt hatte, was an den teuren Herbergen und natuerlich auch an den ganzen Medikamenten liegt. Eigentlich haette das ein, zwei Wochen reichen sollen…
Aber wenn ich schon mal in einer so grossen Stadt bin, nutzte ich das aus und gehe zur Bank. Ich fand auch direkt einen Geldautomaten und hob den Hoechstbetrag ab (gefaellt es mir, mit so viel Bargeld rumzulaufen? No, Señor.). Ich hoffe, das reicht jetzt fuer eine Weile.

Ich trank noch eine Cola, dann ging es weiter. Der naechste Ort, Vilagrassa, war wieder winzig, aber wenigstens gab es eine offene Baeckerei. Und im Ort danach, Anglesola, dann endlich auch ein huebsches Plaetzchen zum Sitzen und Essen.
Es gab wieder Chorizo und Kaese zum Brot. Das Wasser aus dem Brunnen war auch okay. Hier scheint viel weniger gechlort zu werden als im Norden und das ist gut.

Danach rauchte ich eine Weile, bis ich ploetzlich merkte, wo ich gerade sass, naemlich vor einem kleinen, huebschen Beet mit lauter Kakteen, und darunter… eine Aloe Vera! Und zwar keine grosse, vertrocknete, sondern eine kleine Pflanze, wie wir sie auch zuhause haben, die voll im Saft zu stehen schien.

Die Rettung!

Die Rettung!

Ich sah mich um, dann nahm ich mein Taschenmesser und schnitt ein Blatt (? nennt man das bei Kakteen auch so?) ab. Es war wirklich feucht! Also schaelte ich es und rieb meine Beine damit ab.
Cortison mag hochpotent sein, aber es kuehlt leider gar nicht. Die Aloe dagegen schon. Ich kann gar nicht sagen, wie erleichternd sich das anfuehlte. Am liebsten haette ich die ganze Pflanze ausgegraben und mitgenommen, aber das ging natuerlich schlecht, also schnitt ich heimlich noch zwei Blaetter ab. Heimlich deswegen, weil das Beet so gepflegt aussah, dass die Leute des Oertchens es bestimmt uncool faenden, wenn ich es kaputt mache (ich nahm allerdings Blaetter von ganz unten, die man kaum sieht).

Leider kam in diesem Moment eine Frau vorbei und bemerkte wohl mein leicht schmerzlich verzogenes Gesicht. Was mit mir los waere, fragte sie.
Ich erklaerte es mit Haenden und Fuessen und entschuldigte mich dafuer, die Blaetter genommen zu haben. Das schien sie aber gar nicht gross zu interessieren. Sie verschwand mit ihren Einkaufstueten in einem nahen Haus.
Ich rauchte noch eine, als sie ploetzlich wieder auftauchte. Und in ihrer Hand – Aloe-Gel! Es war zwar nicht mehr viel drin, aber sie schenkte mir die Flasche einfach!

Das ist doch einfach nur schoen! Gestern Josep, heute diese Frau. Supergeil! Vielleicht bin ich nur so ein grosser Fan vom Jakobsweg, weil er meinen menschenhassenden Zynismus ein wenig abschleift und meinen Glauben an das Gute im Menschen wieder herstellt.
Aloe-Gel, endlich! Ich freute mich wie ein Schnitzel.
Sie fragte noch, ob ich noch was brauche. Essen, Trinken, ne Dusche? Ich verneinte alles. Gegessen hatte ich ja gerade, Wasser hatte ich genau vor mir und ne Dusche wuerde ich heute Abend kriegen, also alles im gruenen Bereich.

Als ich weiter ging, fuehlte ich mich richtig gut. So nette Menschen!

Die letzten 9 Kilometer waren dann allerdings relativ hart. Es war heiss geworden und der nette „Weg durch Kulturland“, den mein Fuehrer anpriess, machte das nur noch schlimmer. Wenn man im Sommer durch eine Wiese oder eben durch Felder durch geht, wird man eines feststellen: Die Pflanzen schwitzen unheimlich viel Wasser aus. Und so wird dann aus trockener Hitze feuchte Hitze, die natuerlich viel schlimmer ist!
Trotzdem latschte ich weiter durch die Felder und an mehreren Kanaelen vorbei, bis ich meinen Zielort erreichte: Castellnou de Seana. Ein Ort, der eine kostenlose Pilgerherberge sein eigenen nennen soll laut meinem Fuehrer.

Ich fragte ein Paerchen, das auf dem Plaza Mayor zu Mittag ass. „No hay albergue!“ antworte es mir. Der Alptraum eines jeden Pilgers! Aber sie schienen sich nicht so sicher zu sein und meinten, ich solle mal in der Apotheke fragen.
Ich betrat den genannten Laden und stellte mich an. Vor mir war nur eine einzige Frau. Aber, und das ist jetzt keine Uebertreibung: Die kaufte den halben Laden leer. Mindestens 20 Medikamente. Ungelogen!!!! So etwas habe ich noch nie im Leben gesehen. Vielleicht war sie sowas wie private Altenpflegerin, die saemtliche Besorgungen ihrer Schuetzlinge gleichzeitig erledigte… ich weiss es nicht!
Sowas kann natuerlich auch nur mir passieren, und natuerlich auch nur, wenn ich kaum noch stehen kann. Aber es zog sich wirklich endlos. Der Apotheker erklaerte ihr jedes Medikament lang und breit und schnitt noch von einigen den Barcode ab (keine Ahnung warum). Es dauerte ewig.
Nach 5 Minuten setzte ich mich auf einen der bereitgestellten Stuehle. Ich schwitzte wie bekloppt. In diesem Laden war es heisser als draussen!
Nach 10 Minuten legte ich meinen Kopf auf meine Wasserflasche, die ich herausgekramt hatte, und seufzte ein bisschen in mich hinein. Aber es dauerte nochmal 5 Minuten, bis die Frau endlich fertig und ich dran war.

„Donde esta el albergue de peregrinos?“ fragte ich fehlerfrei. Darauf der Apotheker, unglaublicherweise: „Hablas inglés?“
Ich runzelte die Stirn. „Si?“ Warum fragte er mich das, obwohl er doch von diesem einen kleinen Satz gar nicht ablesen konnte, dass mein Spanisch fuer tiefschuerfendere Gespraeche nicht ausreicht?
„O francés?“ Das musste ich verneinen. Was war eigentlich sein Problem?

Er stammelte etwas vor sich hin, was wirklich absolut nicht wie englisch klang, allerdings auch nur bedingt wie spanisch. Und da fiel bei mir der Groschen! Dieser Typ hatte ein Diplom von der Universitaet von Barcelona an der Wand haengen – aber konnte kaum Spanisch! Er sprach nur katalonisch! Ab-so-lut unglaublich!!
Irgendwie schaffte er es dann aber, mich zum Rathaus oder dem kleineren Aequivalent davon zu schicken, wo man mich verstand. Aber das war echt eine Begegnung, die ich einfach nur krass fand!

Der Typ im Rathaus telefonierte und schickte mich dann zur Sporthalle. Dort wartete schon der Hospitalero auf mich, ein braungebrannter Mittsechziger mit stolz hervorquellendem Brusthaar. Ein absolutes Original, mit dem ich mich zwar kaum verstaendigen konnte, den ich aber trotzdem sofort mochte.
Die Herberge dagegen weniger. Es war ein Notlager im Umkleideraum des Fussballclubs. Und ich kann es nicht beschoenigen: Es war megadreckig. Und im Klo schwamm eine Kaulquappe. Ich schwoere es!!!

Sieht sauberer aus, als es ist...

Sieht sauberer aus, als es ist…


Aber ich bin ja abgehaertet und hatte ausserdem keine andere Wahl. Ich suchte mir ein Bett aus (wieder war ich alleine) und streckte mich erstmal aus.

Als ich etwa eine Stunde spaeter was zu essen suchen wollte, flanierte ein Typ mit Wanderhosen draussen rum. Ich oeffnete ihm. Noch ein Pilger?
Tatsaechlich, allerdings nicht fuer heute. Er konnte englisch und erklaerte mir seinen Plan: Er wuerde ab morgen von Montserrat aus wandern, allerdings mit seinen beiden Pferden! Und jetzt fuhr er alle Herbergen ab, um Futter fuer seine Pferde da zu lassen.
Was fuer ein bekloppter Typ! Aber wahnsinnig nett. Wir unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde und tauschen Pilgererfahrungen aus (nachdem der Hospitalero grummelig gemeint hatte, warum ich mit IHM nicht geredet haette, mit dem Typen aber schon). Er konnte mir einige Infos zu den naechsten Etappen liefern.

Am Schluss fuhr er mit seinem Pferdeanhaenger wieder davon. Tony hiess er. Total netter Kerl. Langsam beginne ich, die anderen Pilger zu vermissen 😦

Der Rest des Tages war unspektakulaer. Ich kaufte was zu essen, nahm mein Sandwich auf dem schattigen Spielplatz neben der Herberge zu mir und ging dann rein. Das Innere der Herberge hatte sich inzwischen in einen Backofen verwandelt, aber was soll man machen.
Schon um 6 Uhr hatte ich eine Baldriantablette genommen, damit ich frueh schlafen konnte. Ein paar Kinder, die gegen die Wand der Sporthalle Fussball spielten, verhinderten diesen Plan nicht, schoben aber seine Ausfuehrung leicht nach hinten.

Morgen geht es naemlich ueber mehr als 30 km bis nach Lleida, eine Grossstadt mit ueber 100.000 Einwohnern. Da brauche ich meine gesamte Kraft, um den Weg durch die Stadt zu finden. Und je frueher ich los gehe, umso besser!

Jakobsweg: 3. Etappe: Coll de la Panadella – Cervera (15,2 km)

Kilometer: 61,8

Heute Nacht hatte ich den schlimmsten Alptraum seit Monaten. Irgendwas mit schrecklichen Monstern aus einer lovecraft’schen Horrordimension, meinen Mitbewohnern, die ohne mich abgehauen sind und meinem Chef, der nicht kapiert hat, dass die Apokalypse gekommen ist.
Was Freud wohl dazu sagen wuerde? Wahrscheinlich irgendwas mit Penissen -.-

Jedenfalls, als ich mich aus dem Alptraum gekaempft hatte, musste ich leider aufstehen und das Licht im Bad anschalten. So blieb es die ganze Nacht. Kindisch, aber was soll man machen.

Ich kam wieder relativ schlecht aus dem Bett und war erst kurz vor 7 auf dem Weg. Dafuer kam ich endlich von der Nationalstrasse weg und durfte in einen Waldweg einbiegen.

Ich und mein Cape, äh, Schultertuch.

Ich und mein Cape, äh, Schultertuch.

„Wie huebsch,“ dachte ich gerade, als es penetrant anfing, nach faulen Eiern zu stinken. OMG, was ist denn das jetzt schon wieder. Sind die Legionen der Hoelle hinter mir her? (Info: Schwefel riecht nach faulen Eiern.) Ich konnte mir nicht vorstellen, woher so ein Geruch in einem WALD stammen konnte, aber nach ein paar Minuten war er auch schon wieder weg. Keine Ahnung, was das gewesen war – und ich werde es wohl auch nicht mehr rausfinden!

Der Weg war dann weiterhin sehr nett, bis ich nach ca. 4 km auf das Doerfchen Pallerols stiess. Dort bestellte ich ein Bocadillo mit Chorizo und Kaese. Ich rechnete mit einem belegten Brot, wie es sie bei uns beim Baecker gibt, stattdessen bekam ich zwei Haelften eines breiten, riesigen Baguettes, wovon die eine Haelfte mit Chorizo und die andere mit Kaese belegt war. „Enorme!“ konstatierte ich platt. Die Wirtin kuckte nur verwirrt.

Das macht satt.

Das macht satt.


Nachdem ich die Plastikhuelle vom Chorizo geknibbelt hatte (kein Kommentar) schmeckte es dann auch ziemlich gut. Und es machte sehr, sehr satt! 3,50 kostete es, worueber man sich wohl wirklich nicht beschweren konnte.
Leider musste ich in dieser Kneipe auch zum ersten Mal Zigaretten kaufen und feststellen, dass Spanien uns in dem Punkt fast eingeholt hat: 4,50 kosten sie inzwischen, bei gleicher Menge. Sehr schade 😦
Hinter Coll de Panadella

Hinter Coll de Panadella


Der Rest dieser kurzen (15,2 km) Etappe ging durch Ackerland und einige weitere kleine Doerfchen, in denen es betaeubend nach Kuhmist roch. In solchen Faellen bin ich froh, dass ich vom Land komme… Stadtkinder waeren bei einigen Abschnitten wahrscheinlich umgekippt.

Hier wich dann leider mein Pilgerfuehrer erstmals erheblich von der tatsaechlichen Streckenfuehrung ab. Laut dem Guide sollte es weiter geradeaus durch Ackerland gehen, waehrend ein Pfeil eindeutig nach rechts zeigte. Dort sah ich nichts als ein wenig niedergetrampelte Wiese. Aber natuerlich bog ich ein.
Die Wiese wich schnell einem trockenen, sehr mediterran wirkenden

Man beachte den Pfeil

Man beachte den Pfeil

Waeldchen, in dem es teilweise steil bergauf und wieder ab ging. Eigentlich sehr schoen! Da haben sie sich wohl in den letzten 6 Jahren eine bessere Alternative ausgedacht. Keine Ahnung, wie lang das letztendlich war, nach meinem Gefuehl hatte sich der Weg damit allerdings unwesentlich verlaengert. Doch das war auszuhalten.

Cervera ist nah

Cervera ist nah

Sowieso war es schnell genug vorbei und ich kam wieder auf den normalen Ackerweg. Vom letzten Dorf aus war es nur noch eine Dreiviertelstunde bis Cervera.
Dieses Staedtchen mit 7500 Einwohnern hat endlich wieder eine
Ein bisschen Folter vor dem Ziel...

Ein bisschen Folter vor dem Ziel…

Herberge, allerdings in einem Nonnenkloster, eine Oertlichkeit, in der ich nur ungern bleiben wollte (aus Gruenden), aber was soll man machen… In der Not schlaeft das Rotkehlchen bei den Pinguinen.

Ich fand die Herberge auch schnell und wurde von einer Frau, die aussah wie Gottes Grossmutter, begruesst. Sie trug keine Tracht und sah auch ansonsten einfach nur wie eine stinknormale spanische Omma aus. Sie schien mich sofort ins Herz zu schliessen und plapperte froehlich, aber ich verstand natuerlich kaum etwas.
Wann ich denn morgen losgehen wolle, fragte sie. „Seis,“ antwortete ich. Sie schuettelte den Kopf. Nein nein, sechs Uhr, das waere zu frueh, die Schwestern stuenden erst um 6 auf und waeren dann erst um halb sieben so weit, mir aufzuschliessen (denn eingeschlossen war ich, was mir gar nicht gefiel -.-), aber das waere ja auch gut, vale?
Ich fand das UEBERHAUPT nicht „vale“, denn ich wollte ja so frueh los, um meine immer noch sehr schlimme Allergie vor der Hitze zu schuetzen, aber sie einigte uns auf 6:30 Uhr mit befehlsgewohnter Stimme.
„Seis y media,“ sagte sie, „seis… y treinta.“ Sie wiederholte das sicherheitshalber noch ungefaehr achtmal, obwohl ich es schon beim ersten Mal verstanden hatte.

So'n bisschen 50er-Jahre-Mief.

So’n bisschen 50er-Jahre-Mief.

Das Zimmer war okay, das Bad auch. Nachdem 10 Euro den Besitzer gewechselt hatten (ja, diese Herberge kostete auch -.-) duschte ich. Inzwischen war es 4 Uhr – Zeit, endlich eine Apotheke zu suchen.
Zu diesem Zweck kehrte ich auf die Calle Major zurueck, die eigentlich nicht viel mehr war als ein Gaesschen, und wandte mich Richtung Plaza Major. Der allerdings voellig ausgestorben war.
Ich fuehlte mich, als waere ich mitten in „The Stand“ geraten. Ich irrte verstoert ueber den Platz. Keine Sau war auf der Strasse, alle Fenster verrammelt, alle Geschaefte geschlossen. In dieser Richtung hatte ich wohl kein Glueck…

Ich wandte mich also um und ging zurueck, und endlich begegnete ich einem menschlichen Wesen: Einem Typen, der gerade irgendwas in seinem Auto kramte. Ich stuerzte sofort auf ihn zu und fragte, wo die naechste Pharmácia waere. Er wirkte sofort besorgt. Es gaebe 4 Apotheken, aber davon waere nur eine auf, es ist ja Sonntag…
Damit hatte ich gerechnet, nicht allerdings mit dem, was als naechstes kam. Er verschwand und ging sein Smartphone holen, um online nach der Notapotheke zu kucken. Soweit, so normal (wenn auch sehr nett). Allerdings fand er nichts und schien sich darueber aufrichtig zu aergern. Schliesslich steckte er sein Smartphone weg, ging um sein Auto rum und bedeutete mir, einzusteigen. Er wuerde mich hinfahren, es waere zu kompliziert zu erklaeren.

Ich war verbluefft, aber erfreut, und nahm das Angebot gerne an!

Es ging dann tatsaechlich durch die halbe Stadt, erst zu einer Apotheke, die geschlossen war, aber die Adresse der Notapotheke im Schaufenster stehen hatte, dann zu eben dieser. Die war aber auch geschlossen. Nur eine Telefonnummer war hinterlassen.
Er waehlte sie. Inzwischen hatte ich ihm erklaert, was mir fehlte, und er hatte meine Allergie mit dem noetigen Mitgefuehl gemustert. Eben diese meine schreckliche Allergie schilderte er jetzt auch der Apothekerin am Telefon, aber die war knallhart: Ja, sie haette Notdienst, aber sie kaeme nur, wenn man ein Rezept haette.

Er legte angepisst auf und bedeutete mir, einzusteigen. Als naechstes ging es ins Krankenhaus.

Whaaaat?! dachte ich, aber der Typ zog seine Heldennummer echt durch! Er hatte mir erzaehlt, dass er selbst schon mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen war, was seine Hilfsbereitschaft ein Stueck weit erklaerte. Er half mir, mich bei der Rezeption anzumelden und wartete mit mir auf den Arzt, der gluecklicherweise fast direkt Zeit hatte.
Im Behandlungszimmer fand ich es wieder mal ziemlich unglaublich, dass noch nicht mal spanische Aerzte eine Fremdsprache beherrschen. Bei uns braucht man zwei Fremdsprachen, um ueberhaupt Abitur machen zu duerfen, und in Spanien?!
Gluecklicherweise waren meine Symptome schnell erklaert, dazu musste ich nur ein Bein ausstrecken. Der Arzt redete dann ein bisschen, wovon ich nichts verstand, aber das wichtigste bekam ich mit, naemlich etwas, was sich nach „histamina“ und „cortisona“ anhoerte.
„Ah, si, entiendo,“ machte ich. Na, das ist ja mal leicht!
Er erklaerte mir dann noch, dass ich die Cortisonsalbe dreimal taeglich auftragen sollte. Die Histaminpillen sollte ich heute zweimal nehmen, morgen auch zweimal und ab dann jeweils eine Tablette taeglich, bis die Packung leer ist. „En la mañana, antes la comida,“ sagte er. „ANTES – LA – COMIDA.“
„Si, entiendo,“ sprach ich wieder, aber zur Sicherheit wiederholte er es noch ein paar Mal streng, nur fuer den Fall, dass ich ihn verarschte und doch nicht verstanden hatte.

Und damit war das dann auch erledigt. Josep, so der Name meines Helferleins, fuhr mich zurueck zur Apotheke. Dabei zeigte er auf die Rezepte. Seine Frau spraeche englisch, die koennte mir damit helfen. Aber ich beruhigte ihn, denn ich brauchte ja keine Uebersetzung! Als er dann hoerte, dass „histamina“ auf deutsch „Histamin“ heisst und „cortisona“ einfach „Cortison“, war er relativ platt.
Und dann erzaehlte er mir, dass seine Frau eine Schwester in Deutschland hatte. Ich traute meinen Ohren nicht. Die Schwester lebte nur 30 km von meinem Heimatort weg! Was ein Zufall! Allerdings kein ungewoehnlicher. Wo ich herkomme, sagt man: „Ueberall auf der Welt trifft man jemanden aus der Heimat.“ Und das hatte sich hier wieder bewahrheitet. Zumindest halbwegs!

Ich tauschte meine Rezepte um, verzichtete dafuer auf mein Aloe Vera (erstmal das ausprobieren, dachte ich) und Josep fuhr mich zurueck zur Herberge. Ich bedankte mich ueberschwaenglich und hupefte in mein Zimmer. Allein haette ich das niemals hingekriegt!!

Ich trug meine Creme auf, nahm eine Tablette und verrichtete meinen ersten Pflichtanruf bei meiner Mutter (die unglaublicherweise sagte: „Ach, bei Nonnen, da bist du ja gut aufgehoben.“).
Ich telefonierte vielleicht drei Minuten, als es an der Tuer klopfte. Es war die Schwester, die mich aufgenommen hatte. Was sie allerdings wollte, kapierte ich nicht – ich verstand nur „mujer“ und „abacho“, also „Frau“ und „unten“. Telefonierte ich vielleicht zu laut, fuehlte sich irgendjemand gestoert?
Sie wiederholte alles nochmal geduldig, und endlich fiel der Groschen: Eine Frau, unten, wollte mit mir sprechen. Oh Mann, was ist das denn jetzt? Werde ich der Mutter Oberin vorgefuehrt?

Ich beendete mein Gespraech und ging nach unten… wo Josep auf mich wartete. Samt Frau und Kind. Erstere stuerzte sofort auf mich zu. Sie war total aufgeregt, weil Josep ihr erzaehlt hatte, dass ich in der Naehe ihrer Schwester lebte. Wir redeten eine Weile und tauschten schliesslich Nummern. Ich solle sie JEDERZEIT anrufen, wenn ich in Spanien Probleme haben sollte. Sie wuerde im Dezember ihre Schwester besuchen, ob sie mich dann auch mal anrufen duerfte?
Wie haette ich da nein sagen koennen? Es waere bestimmt nett, Josep und seine Frau ein wenig rumzufuehren. Dann kann ich endlich mal Dolmetscherin spielen!

Bevor sie wieder gingen, bat ich sie um einen letzten Gefallen. Es passte mir immer noch nicht, dass ich erst so spaet aus der Herberge heraus durfte, und ich fragte, ob sie die Schwestern vielleicht umstimmen konnten. Ich hatte naemlich nicht das Gefuehl gehabt, dass sie kapiert hatten, warum ich so frueh los wollte.
Josep versuchte sein Glueck. Zuerst wehrten die Schwestern ab, aber als die, die mich empfangen hatte (inzwischen hielt ich DIE fuer die Mutter Oberin) verschwunden war, kam eine andere Schwester auf mich zu – die, die mir als Hueterin der Schluessel vorgestellt worden war. Sie war mindestens genauso alt wie die Mutter Oberin.
Sie stuende zwar erst um 6 auf, aber wenn ich um diese Zeit zur Tuer komme, koennte sie schnell ihr Schlafjaeckchen ueberwerfen und mir aufsperren, bevor sie sich fuer das Fruehstueck fertig machte. Sie kicherte bei dieser Vorstellung maedchenhaft.
Ich lachte mit. Diese winzige Regeluebertretung schien das rebellischste zu sein, was sie sich in den letzten 50 Jahren geleistet hat. Irgendwie goennte ich es ihr… und fand die Nonnen insgesamt eigentlich doch gar nicht so schlecht.

Damit war mein Tagwerk verrichtet. Spaeter kaufte ich mir einen

meh.

meh.

Doener, der, typisch fuer Spanien, mit einer Art Ketchup uebergossen war statt mit Knoblauchsosse (er war eher meh), dann konnte ich erstmals ins Internet. Mein erster Bericht wurde allerdings so lang, dass ich ihn nicht fertig bekam, bevor ich in die Herberge zurueck musste. Ich labere eindeutig zu viel!!

Morgen soll es wieder ein wenig weiter gehen, 26 km insgesamt. Noch bin ich am Ball! Und vielleicht bald wieder allergiefrei!