Jakobsweg: 1. Etappe: Montserrat – Jorba (31,6 km)

Kilometer: 31,6

Direkt zu Anfang eine spek-ta-ku-laer-e Etappe… aber der Reihe nach 😉

In meinem Zimmer bei offenem Fenster schlief ich supergut, bis um

Guten Morgen!

Guten Morgen!

halb 6 der Wecker klingelte. Wie ueblich, dauerte das Packen doch etwas laenger, so dass ich erst um kurz vor halb 7 den Schluessel abgab und losmarschierte.
Das ist katalanisch!

Das ist katalanisch!

Nach kurzer Orientierung fand ich dann auch den richtigen Weg. Es ging einen schoenen Waldweg hoch, waehrend langsam die Sonne aufging. Idylle pur! Aber schon bald ging es steil runter zur
Der erste Pfeil!

Der erste Pfeil!

Nationalstrasse.

Nun hassen viele Pilger das Wandern auf Strassen, aber ich fand, die megakrasse Umgebung entschaedigte dafuer wirklich mehr als genug. Die Felsformationen! Wartet nur, bis ihr die Fotos seht. Und Autos gab es auch fast keine (vielleicht eines alle Viertelstunde).

Einfach nur richtig hübsch!

Einfach nur richtig hübsch!


Es war noch recht kuehl, versprach aber, ein sonniger Tag zu werden. Ich fuehlte mich irgendwie rundherum wohl. Nach einer Stunde zwickte zwar mein Ruecken etwas, aber ich machte 5 Minuten (Zigaretten)Pause, in der ich auch meine Hose kuerzte, und danach war es wieder gut. Seitdem hat er sich auch nicht mehr gemuckt.
Eigentlich ueberrascht mich das gar nicht so sehr. Meine orthopaedischen Probleme bezogen sich auf einen Bereich in der Mitte, im Kreuz, waehrend mir beim Wandern immer nur die Schultern weh tun. Wobei sich auch das in Grenzen hielt. Wie viel doch 2 Kilo weniger ausmachen koennen!
Vielleicht hilft der Rucksack ja sogar, weil er meinen Ruecken stabilisiert. Praktisch wie ein Korsett. Keine Ahnung. Jedenfalls habe ich keine Rueckenprobleme! Und ich dachte, solange ich keine ruckartigen Bewegungen mache, bleibt das bestimmt auch so (aber dazu spaeter mehr…).

Ich folgte der Strasse fast 10 Kilometer lang, dann erreichte ich das erste Dorf, in dem es eine Bar gab. Ein sehr sauberer, gefegter Hof mit Weinranken oder sowas. Ein absoluter Traum! Also Zeit fuer die erste richtige Pause.
Ich bestellte Tortilla (ENDLICH!) und ueberforderte die nette aeltere Kellnerin voellig damit, dass ich ZWEI gruenen Tee bestellte und nicht nur einen. Damit wollte ich eine persoenliche Reisekrankheit angehen, die mich immer ueberfaellt, sobald ich auch nur woanders schlafe. Wenn ihr versteht, was ich meine.

Sie deckte am Tisch fuer zwei ein, brachte den Tee und kam wirklich gar nicht damit klar, dass ich direkt zwei trinken wollte. Keine Ahnung, was die wohl gedacht hat… erklaeren konnte und wollte ich es ihr nicht!
Leider war der Tee nicht gruen. Ich kann mir auch sonst nicht vorstellen, worum es sich dabei handelte.

Spanien fun fact 1: Es gibt in Spanien Tee, der heisst einfach nur „té“. Sehr geheimnisvoll. Koennte Schwarztee sein, aber ich koennte es nicht beschwoeren!
Spanien fun fact 2: Tee heisst auch „infusión“. Falscher Freund Alarm!!

Groß!

Groß!

Die Tortilla war dann auch nicht das, was ich erwartet habe (naemlich eine Tortilla española, sprich, eine mit Kartoffeln) sondern ein schnoedes Omlett (Tortilla francesa) auf der weltgroessten Scheibe Brot. Naja, schmeckte trotzdem!
Hier wurde ich von ein paar anderen Gaesten (die Wein tranken – es war immerhin schon 10 Uhr in der Frueh!) zum ersten Mal gefragt, ob ich WIRKLICH „sola“ unterwegs bin. Es sollte nicht das letzte Mal sein…

Ich nutzte die Pause zur weiteren Etappenplanung. Nicht, dass es auf dem camino catalán viel zu planen gibt, dafuer fehlen leider die Herbergen. Aber an diesem ersten Tag hatte ich immerhin die Moeglichkeit, nach 24,6 km in Igualada zu uebernachten oder doch weiterzugehen bis nach Jorba, wie es mein Pilgerfuehrer empfahl.
So viel habe ich gepredigt ueber „sich in den ersten Tagen nicht ueberanstrengen“. Aber meine nackten Fuesse (man soll die Schuhe waehrend der Pausen nicht ausziehen, weil dann die Fuesse anschwellen und man nicht mehr reinpasst – das ist mir aber scheissegal ^^) fuehlten sich noch voellig okay an, so wie ich mich ueberhaupt sehr fit fuehlte, also beschloss ich spontan, doch bis nach Jorba zu gehen! Auf dem Camino del Norte bin ich ja auch zweimal 27 km am ersten Tag gegangen – mit teils erheblichen Steigungen!

Ich beendete meine Pause und ging weiter, doch inzwischen hatte sich die Umgebung leider zu ihrem Nachteil veraendert. Es war immer noch ziemlich flach, aber das Panorama war laengst nicht mehr so beeindruckend und leider rueckte auch die Autobahn immer naeher. Zeit, meinen Ipod auszupacken.

Doch ganz nette Aussicht neben der Autobahn

Doch ganz nette Aussicht neben der Autobahn


Ich kam durch ein sehr nettes Dorf, in dem ich spontan die Apotheke enterte. Meine Fuesse fuehlten sich zwar sehr okay an, aber Arnikasalbe hatte mir letztes Jahr praktisch das Leben gerettet, also war es wohl gut, doch welche vorsorglich zu kaufen.
Es war noch eine andere Kundin da, die mich interessiert musterte und wissen wollte, wo ich her kam. Also, gebuertig.

Und das war leider eine Situation, vor der ich mich ein bisschen gefuerchtet hatte. Mir ist letztes Jahr mehrmals aufgefallen, wie die zuvor freundlichen Gesichtszuege der Fragenden versteinerten, wenn ich sagte, dass ich Deutsche bin. Dabei kann ich nichts fuer die Finanzkrise, genauso wenig, wie der normale Spanier (oder der normale Grieche) etwas dafuer kann. Aber das zu erklaeren, geht leider ueber meine Sprachkenntnisse.
Ich log also, sagte „austria“ und hoffte, dass die Leute den Unterschied kennen. Kannten sie. Puh. Trotzdem fuehlte ich mich ganz schoen feige -.-

Ich bekam also meine Arnikasalbe und ging weiter. Inzwischen war die Hitze doch relativ krass geworden, auch wenn wenigstens noch ein frischer Wind wehte. Inzwischen ging es praktisch nur noch ueber Asphalt.
Unter einer Bruecke lief ich durch ein bisschen halbfesten Matsch, weil ich das fuer eine gute Idee hielt. Wie schon gesagt… duenne Gummisohlen und Asphalt sind eine schlechte Kombi. Ich stellte mir vor, dass der Matsch meine Sohlen abkuehlte, was er auch tat. Das muss ich mir merken, dachte ich.

Davon abgesehen hatte ich immer noch keine Probleme. Ich war voellig euphorisch, dass es bis jetzt so gut klappte, vor allem auch deswegen, da meine Beine noch nicht die Spur der Sonnenallergie zeigten, die mich immer in Spanien befaellt. In Deutschland kriege ich nicht einmal Sonnenbrand, aber hier geht es gleich mit Ausschlag los!
Als ich die Inspektion meiner Beine zu meiner Zufriedenheit abgeschlossen hatte, fiel mein Blick auf meine Arme… und DA sah es leider ganz anders aus. Pusteln! Och nee!

Ich kramte mein Tuch heraus, das ich extra fuer diesen Fall gekauft habe, und schlang es mir um meine Schultern. Damit sah ich noch ne Ecke bescheuerter aus, aber das war mir egal.

Ich lief inzwischen auf ein Industriegebiet zu. Zuvor bemerkte ich am Strassenrand aber noch mehr Matsch, auf den ich arglos meinen Fuss setzte.
Leider war es kein stinknormaler Matsch, sondern Schlick -.-
Ich trat in den knoecheltiefen Schlamm, voellig ohne Widerstand, rutschte aus und landete mit dem zweiten Fuss und meinem Hintern auch noch drin. So viel zu „keine komischen Bewegungen machen“!
Irgendwie wuehlte ich mich wieder raus und sah entsetzt an mir herab. Ich war bis zu den Knien voller grauen Schlamm! Wie unendlich peinlich! Und so richtig, richtig idiotisch!!!

Kreisch!!!

Kreisch!!!


Ich humpelte in den naechsten Schatten mit Schuhen, die ploetzlich drei Tonnen wogen. Zuerst versuchte ich das Zeug mit Taschentuechern zu entfernen, aber meine Haende waren ebenfalls dreckig, also nahm ich die -.-
Gluecklicherweise hatte mein Rucksack fast nichts abbekommen, aber ICH sah aus wie Sau. Meine Schuhe waren kaum noch zu erkennen. Nochmal: Wartet nur, bis ihr die Bilder seht!!
Ich vergeudete zwei Taschentuecher und einen grossen Schluck Trinkwasser, um meine Haende sauber zu kriegen, bis mir einfiel, dass mein Hintern ja auch noch dreckig war -.-
Nicht wirklich besser -.-

Nicht wirklich besser -.-

Danach half alles nix: Ich musste weiter. Igualada war auch nicht mehr fern, dort koennte ich mich setzen und auf den Schock erstmal eine rauchen!
Leider war der Weg in die Stadt schwerer als der gesamte Weg davor. Das einzige, was noch haesslicher ist als ein Industriegebiet, ist ein Industriegebiet im Sommer bei flirrender Hitze. Denn ja, so langsam schaffte die Hitze mich doch!
Es waren nur zwei oder drei km bis in die Stadt, aber ich musste zwischendurch Pause machen, um nicht zusammen zu klappen. Ich hatte kaum noch Wasser und musste dringend aufs Klo (das ist immerhin positiv – heisst, ich trinke genug, anders als letztes Jahr), also musste es weiter gehen.
Dabei merkte ich dann auch, dass mein linker Fuss nach den paar Minuten Pause vernehmlich zu schmerzen angefangen hatte. Ueberhaupt – nicht – gut, war das doch der Fuss, der mir letztes Jahr solche Probleme bereitet hatte. Und kurz vorher hatte ich noch drueber nachgedacht, ob es wohl schaedlich ist, Arnikasalbe praeventiv aufzutragen (es ist nur ne Pflanze, aber eben auch Arznei!). Na, DAS Problem hatte sich damit erledigt.

Aber der Schmerz liess beim Gehen nach, was meine Sehenentzuendung letztes Jahr definitiv nicht getan hatte, also noch kein Grund zur Panik. Ich entlastete meinen Fuss trotzdem ein wenig mit meinem Stock und blickte mich sehnsuechtig nach einer Bar um.
Kurz darauf fand ich auch eine, aus der mit voller Lautstaerke schlechte Clubmusik erschallte (offensichtlich stehen die Spanier auf so einen Scheiss), aber das war mir egal. Ich stuerzte mich auf meine Cola, die, wie in Spanien so oft, in der Dose serviert wurde, was ich hier in Deutschland sehr vermisse!!

Inzwischen war die Mittagshitze auf dem Hoehepunkt. Ich fragte mich, ob ich nicht einfach hier bleiben sollte, obwohl mir die Stadt ueberhaupt nicht gefiel. Andererseits haette ich auch auf der Stelle einschlafen koennen, daran aenderte auch die Cola nichts (und die zweite uebrigens auch nicht).
Ich rang mit mir, dann nahm ich eine Vierteltablette Coffein. Das moechte ich in Grenzen halten, aber es ging einfach nicht anders.

Ich hatte entschieden: Ich bleibe hier. Laut Pilgerfuehrer gab es zwar keine Herberge, aber dann wuerde ich mich halt in einem billigen Hostal einmieten. Da koennte mir die Touristeninfo bestimmt helfen.
Ich fragte den Wirt, ob diese am Plaza Major zu finden sei, doch der hatte offensichtlich nicht die geringste Lust, mir zu helfen. Er meinte „sí“, doch an jenem Platz angekommen konnte ich nichts entdecken.
Dafuer gab es da einen der vielen oeffentlichen Brunnen.

Spanien fun fact 3: In jeder Stadt, ja, in fast jedem noch so kleinen Doerfchen, gibt es Brunnen mit Trinkwasser. Waehrend in Deutschland kaum ein Brunnen trinkbares Wasser fuehrt und das, sollte es der Fall sein, deutlich gekennzeichnet ist (ich glaube, das habe ich in meinem ganzen Leben erst zwei oder dreimal gesehen), ist es in Spanien genau umgekehrt: Wenn es nicht trinkbar ist, steht es dran („no potable“), aber das habe ich auf zwei Jakobswegen noch nie erlebt. Ansonsten kann man davon ausgehen, dass es geniessbar ist. Und eben total oeffentlich. Das finde ich extrem sozial!

Darauf hatte ich gehofft. Endlich konnte ich meine Beine entschlammen (es kamen Waden zum Vorschein, die nun auch deutliche Anzeichen von Sonnenallergie zeigten -.-). Und da beschloss ich spontan, doch weiter nach Jorba zu gehen. Die Strassen waren schattig, ein Typ hatte mir gerade im Vorbeifahren das erste „buen camino!“ dieses Jakobsweges zugerufen und das Coffein kickte wohl auch endlich rein. 8 km mehr? Bitch, please! Das schaffe ich!

Ich schlaengelte mich durch kuehle Gassen und suchte erstmal die naechste Apotheke. Schon wieder. Dieses Mal, um Aloe-Vera-Gel fuer meinen Ausschlag zu kaufen. Es gibt nichts besseres!
Die Apothekerin hatte das Gewuenschte sofort zur Hand, aber der Rest bereitete Probleme. Ich brauchte naemlich noch eine Kanuele, weil ich inzwischen doch Blasen hatte und keine Nadel zur Hand, um sie aufzustechen.
Es ist nicht so, dass ich sie vergessen haette… Ich habe daran gedacht, war dann aber einfach zu faul gewesen, zuhause eine zu suchen! Das raechte sich jetzt. Ich hatte keine Ahnung, was „Nadel“ oder „Kanuele“ auf Spanisch heisst!

Aber ich hatte mir eine tolle Phantomime ueberlegt. Zuerst zeigte ich auf meine Hand. „Pie,“ – Fuss. „Mucho caminar,“ sprach ich und ahmte Gehbewegungen nach. Dann deutete ich ein kugelfoermiges Etwas an. „Au, au!“ Ich nahm eine imaginaere Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen Hand und stiess zu. „Pfft!“
Ich haette mit der Nummer in Las Vegas auftreten koennen! Aber die Tussi verstand kein Wort. „Ampollas? Compeed?“ Sie zeigte auf das Genannte, aber ich schuettelte den Kopf (wenigstens wusste ich so wieder, was „Blase“ auf spanisch heisst!).
Wir unterhielten uns noch ein wenig mit Haenden und Fuessen, aber ich konnte es ihr nicht begreiflich machen, bis ihr Chef auftauchte, ein Typ um die Sechzig. Der trug ein Namensschild, und darauf – eine Spritze! Leider ohne Nadel.
Ich zeigte aufgeregt dahin, wo die Nadel gewesen waere, waere sie denn da. „Este parte!!“ Was die Tussi leider immer noch nicht checkte. Dafuer aber ihr Chef! Er brachte mir sofort eine Kanuele, die ich nicht mal bezahlen musste.

Beschwingt verliess ich mit Kanuele und Aloe Vera die Apotheke und marschierte weiter. Kurz darauf schenkte mir eine Kellnerin aus einer Kneipe, an der ich vorbei ging, ungefragt eine Flasche Wasser. Eiskalt! Und ich happy!

So euphorisch sind die 8 km nix! – dachte ich, dann blieb ich wie angewurzelt stehen. Vor mir auf der Strasse: Ein gelbes Kaestchen mit einem „A“ drin, das caminouebliche Zeichen fuer „Albergue“, Herberge, und ein Pfeil nach rechts.
Und hier schmiss ich meine Plaene WIEDER um. Wenn es jetzt doch eine Pilgerherberge gibt, dann schlafe ich halt doch hier! Mein Pilgerfuehrer ist dahingehend leider etwas veraltet.

Ich machte mich auf die Suche, bald tatkraeftig unterstutzt durch einen Polizisten, der mich bis vor die Herbergstuer fuehrte und noch weiter, bis zu einem Altenheim, wo ich mich anmelden musste.
Die Hospitalera (endlich jemand, der ein wenig Englisch konnte!) sagte: „15 Euros.“ Und ich so „Whaaat?!“
Fuer eine Pilgerherberge ein happiger Preis, das sa sie selbst ein. Die Herberge in Jorba sei kostenlos, versicherte sie mir. So berichtete es auch mein Pilgerfuehrer, der ausserdem schrieb, es handelte sich nur um ein Notquartier in einer Turnhalle.
Naja… aber umsonst. Ich bedankte mich also und machte mich wieder auf dem Weg.

Die schlimmste Mittagshitze ist vorbei, dachte ich, denn es war inzwischen fast 5 Uhr. Das stimmte schon. Leider geht man aber auf dem Jakobsweg immer nach Westen, wodurch mir die Sonne nun direkt ins Gesicht schien, und das war eigentlich schlimmer.
Ich zog mein Basecap tief ins Gesicht und biss die Zaehne zusammen. Von meiner neuerwachten Energie war schnell nicht mehr viel uebrig, aber ich schaffte es trotzdem irgendwie nach Jorba.

Es gab eine gute Nachricht: Das Dorf hat inzwischen eine richtige Herberge und keine Notunterkunft in der Turnhalle mehr. Die schlechte Nachricht dagegen: Es kostete jetzt 10 Euro.
Ich war voellig fassungslos. War ich jetzt noch 8 km gegangen, nur um 5 Euro zu sparen!? Aber ich musste natuerlich zaehneknirschend akzeptieren.
Eigentlich wollte ich den netten Hospitalero noch nach Internet fragen, aber mein Kreislauf sackte weg, also legte ich mich erst einmal aufs Bett (ich war wieder allein) und daemmerte weg.
Im Halbschlaf hoerte ich einen weiteren Pilger ankommen und dachte „oh nee“. 10, 20, auch 100 Pilger – kein Problem, aber einer? Womit wir nur zu zweit waeren? Das ist unangenehm. Und irgendwie peinlich.

Gluecklicherweise waren es drei Pilger, Spanier, die vom Hospitalero in einem anderen Zimmer untergebracht wurden, obwohl in meinem Zimmer noch Platz war. Sehr luxurioes!

Als ich wieder halbwegs bei Bewusstsein war, entschied ich, endlich etwas gegen meine Allergie zu tun. Ich packte also das Aloe-Zeug aus und schmierte es auf mein Bein.
Dabei wunderte ich mich, dass es so gar nicht klebte und auch nicht stank, wie das bei Aloe sonst der Fall ist. Aber ein genauerer Check der Packung zeigte mir auch warum: Auf der Flasche prangte zwar stolz eine Aloe-Pflanze, aber das Zeug war schnoede Feuchtigkeitscreme! Die Tussi hatte mir stinknormale Bodylotion angedreht!! Und dafuer hatte ich SECHZEHN EURO bezahlt!!!!!

Ich koennte die Frau immer noch erwuergen, aber was sollte ich machen? Ich schmierte halt davon was drauf, schaden konnte Feuchtigkeit ja nicht. Der Ausschlag tat allerdings hoellisch weh und brannte.

Egal. Ich hatte Hunger. Leider war es inzwischen halb 9 und damit hatte der Supermarkt zu, die Baeckerei allerdings nicht (das muss man sich mal vorstellen!). Ich kaufte ein Broetchen und eine franzoesische Salami (was witzig ist, wenn man drueber nachdenkt). Etwas karg, aber leider das einzige, was die Baeckerin hatte.

Gegenueber der Herberge liess ich mich nieder und kaute mein Essen. Es warf mich nicht sonderlich vom Hocker, aber von irgendetwas muss ja die Energie kommen…
Fuer diesen Tag war ich allerdings voellig bedient, deshalb rauchte ich nur noch eine nach dem Essen und humpelte dann zur Herbergstuer.
Die verschlossen war.

Ich klingelte und wurde immer fassungsloser, als niemand antwortete. Wo war der Hospitalero? Wo die bloeden Spanier? Hatten DIE etwa die Tuer zugesperrt, als sie reingegangen sind!? Aber warum machten sie jetzt nicht auf?

Leider war ich mir gar nicht sicher, ob die Klingel ueberhaupt funktionierte, weil ich nichts hoeren konnte, also musste Hilfe her. Ich betrat die Bar 5 Meter weiter und sprach die Wirtin an. „Perdone, nesicito un poco ayuda. Soy una peregrina, pero el albergue es cerrado…“
Sie hoerte sich das an, fragte, ob ich ein Handy haette (hatte ich nicht, lag ja alles in der Herberge!), nickte dann einmal kurz und machte den Abflug.

Kommt bestimmt gleich wieder, dachte ich. Ich hielt mich derweil an der Theke fest.
Aus dem „gleich“ wurden letztendlich 15 Minuten, in denen sie umherschlurfte, in Zeitlupe Bier zapfte und mich voellig ignorierte. Das war jedenfalls mein Gefuehl. WOLLTE die mir wohlmoeglich gar nicht helfen?
Ich war so muede und fertig und daher tatsaechlich kurz davor, sie das auch wirklich zu fragen, als sie schliesslich DOCH wieder zu mir kam und mir ein Handy sowie eine Telefonnummer hinlegte.
Das war wiederum etwas ungluecklich. Sie hatte doch gehoert, dass ich kaum spanisch spreche… Aber meine Guete, ich will ins Bett, also los…

Ich mache es kurz: Ich verstand ueberhaupt nichts. Ich sagte meinen Spruch und sonst kam von mir nur noch „NO HABLO ESPAÑOL!!!“ – in stetig hoeherer Lautstaerke. Das hinderte den Hospitalero nicht, einfach im selben Tempo weiter zu labern.
Ich blickte mich, das Handy am Ohr, suchend um, und war kurz vorm Amoklaufen, als ein Typ neben mir winkte und das Handy nahm. Er laberte kurz mit dem Hospitalero, dann legte er auf und beriet sich mit der Wirtin. Dann bedeutete er mir, mitzukommen.
Auf der Terasse bot er mir einen Platz an, redete in spanischer Kindersprache zu mir und irgendwann hatte ich dann auch kapiert, dass der Hospitalero wohl noch ne Weile brauchen wird. Einfach unglaublich!

Es folgten EINEINHALB STUNDEN pure Folter. Ich war so muede und war ueber 12 Stunden unterwegs gewesen… warum musste sowas jetzt passieren!?
Der Typ, ein Mittsechziger, gab sich alle Muehe, mich zu beruhigen. Der war sowieso voll im Chillmode. Ein richtiger Althippie. Sagte „Namaste“ statt Danke und ass seinen Salat, als wuerde er einen heiligen Akt vollziehen. Wenn wir uns haetten richtig unterhalten koennen, waere es vielleicht sogar ganz nett geworden!
Er bestellte mir Kaese und Cracker und ich ass sie, nur um was zu tun zu haben, denn Hunger hatte ich keinen mehr (waehrend meiner ersten Tage auf dem Jakobsweg sowieso selten – ich glaube, da ist mein Koerper noch in Schockstarre). Ich war schon am Heulen. So viel zu „Der Camino bringt jeden zum Weinen“!
Je spaeter es wurde, desto irrealer fand ich die gesamte Situation. Wo waren die Scheissspanier? Warum oeffneten sie nicht? Und warum bewegt sich der Hospitalero nicht endlich her?
Ich musste kurz lachen. Ich hatte ihn vorher gefragt, wie lange er da sein wuerde und er hatte leicht spoettisch geantwortet: „I live here!“ – Tja, und was hab ich davon, wenn er nicht DA ist!?
Ich erzaehlte dem Hippie stockend, dass ich eigentlich vorgehabt hatte, in Igualada zu bleiben und nur hier her gekommen bin, weil ich dachte, es sei umsonst, es aber doch nicht umsonst war, und er nickte teilnahmsvoll. Er schien einer der wenigen Spanier zu sein, der 1. auch grammatikalisch nicht-einwandfreies Spanisch versteht und 2. kapiert, warum ich das Praesens benutze, obwohl ich offensichtlich von der Vergangenheit labere.

Es war inzwischen nach 11 und mich fror in meiner kurzen Hose langsam. Das merkte der Hippie und fragte mich, wo mein Rucksack ist. „Na, in der Herberge!“ antwortete ich. Und da schien er erstmals zu kapieren, dass ich nicht gerade angekommen bin, sondern schon laengst eingecheckt hatte und TROTZDEM ausgesperrt war!
Das fuehrte zu einem zweiten Anruf und dieser widerum zu einem sofortigen Auftauchen eines Kumpels des Hospitaleros, der irgendwo essen war, wie ich erfuhr. Der Kumpel hatte einen Schluessel und war ganz untroestlich. Ob ICH vielleicht die Tuer zugezogen hatte, als ich aus der Herberge gegangen war?
Ich verzog das Gesicht. Diese Tuer ist eine, die OFFEN bleibt, selbst wenn man sie zuzieht, solange man sie nicht absperrt, es konnte also auf gar keinen Fall meine Schuld sein! Aber das konnte ich auf spanisch nicht sagen.
Ueberhaupt erklaerte der Hippie das alles fuer unwichtig und schob mich in die Herberge. War vermutlich auch froh, mich los zu sein mit meinen bad vibrations.

Ich humpelte die Treppen nach oben und schenkte der Zimmertuer der Spanier einen toedlichen Blick. Ich hatte soooo Lust, sie aus den Betten zu werfen und zu fragen, warum sie verdammt noch mal nicht aufgemacht hatten, aber das waere ja in noch mehr Diskussionen ausgeartet. Ich wollte einfach nur ins Bett!

Und das tat ich auch, nachdem ich geduscht und mit Blick auf die Uhr meinen Plan, am naechsten Tag um halb 6 aufzustehen, begraben hatte :/

Ich habe einen Typen gesehen, der fuhr Moped und rauchte dabei eine Zigarette. Viva España!!

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3 Gedanken zu “Jakobsweg: 1. Etappe: Montserrat – Jorba (31,6 km)

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