Jakobsweg: 3. Etappe: Coll de la Panadella – Cervera (15,2 km)

Kilometer: 61,8

Heute Nacht hatte ich den schlimmsten Alptraum seit Monaten. Irgendwas mit schrecklichen Monstern aus einer lovecraft’schen Horrordimension, meinen Mitbewohnern, die ohne mich abgehauen sind und meinem Chef, der nicht kapiert hat, dass die Apokalypse gekommen ist.
Was Freud wohl dazu sagen wuerde? Wahrscheinlich irgendwas mit Penissen -.-

Jedenfalls, als ich mich aus dem Alptraum gekaempft hatte, musste ich leider aufstehen und das Licht im Bad anschalten. So blieb es die ganze Nacht. Kindisch, aber was soll man machen.

Ich kam wieder relativ schlecht aus dem Bett und war erst kurz vor 7 auf dem Weg. Dafuer kam ich endlich von der Nationalstrasse weg und durfte in einen Waldweg einbiegen.

Ich und mein Cape, äh, Schultertuch.

Ich und mein Cape, äh, Schultertuch.

„Wie huebsch,“ dachte ich gerade, als es penetrant anfing, nach faulen Eiern zu stinken. OMG, was ist denn das jetzt schon wieder. Sind die Legionen der Hoelle hinter mir her? (Info: Schwefel riecht nach faulen Eiern.) Ich konnte mir nicht vorstellen, woher so ein Geruch in einem WALD stammen konnte, aber nach ein paar Minuten war er auch schon wieder weg. Keine Ahnung, was das gewesen war – und ich werde es wohl auch nicht mehr rausfinden!

Der Weg war dann weiterhin sehr nett, bis ich nach ca. 4 km auf das Doerfchen Pallerols stiess. Dort bestellte ich ein Bocadillo mit Chorizo und Kaese. Ich rechnete mit einem belegten Brot, wie es sie bei uns beim Baecker gibt, stattdessen bekam ich zwei Haelften eines breiten, riesigen Baguettes, wovon die eine Haelfte mit Chorizo und die andere mit Kaese belegt war. „Enorme!“ konstatierte ich platt. Die Wirtin kuckte nur verwirrt.

Das macht satt.

Das macht satt.


Nachdem ich die Plastikhuelle vom Chorizo geknibbelt hatte (kein Kommentar) schmeckte es dann auch ziemlich gut. Und es machte sehr, sehr satt! 3,50 kostete es, worueber man sich wohl wirklich nicht beschweren konnte.
Leider musste ich in dieser Kneipe auch zum ersten Mal Zigaretten kaufen und feststellen, dass Spanien uns in dem Punkt fast eingeholt hat: 4,50 kosten sie inzwischen, bei gleicher Menge. Sehr schade😦
Hinter Coll de Panadella

Hinter Coll de Panadella


Der Rest dieser kurzen (15,2 km) Etappe ging durch Ackerland und einige weitere kleine Doerfchen, in denen es betaeubend nach Kuhmist roch. In solchen Faellen bin ich froh, dass ich vom Land komme… Stadtkinder waeren bei einigen Abschnitten wahrscheinlich umgekippt.

Hier wich dann leider mein Pilgerfuehrer erstmals erheblich von der tatsaechlichen Streckenfuehrung ab. Laut dem Guide sollte es weiter geradeaus durch Ackerland gehen, waehrend ein Pfeil eindeutig nach rechts zeigte. Dort sah ich nichts als ein wenig niedergetrampelte Wiese. Aber natuerlich bog ich ein.
Die Wiese wich schnell einem trockenen, sehr mediterran wirkenden

Man beachte den Pfeil

Man beachte den Pfeil

Waeldchen, in dem es teilweise steil bergauf und wieder ab ging. Eigentlich sehr schoen! Da haben sie sich wohl in den letzten 6 Jahren eine bessere Alternative ausgedacht. Keine Ahnung, wie lang das letztendlich war, nach meinem Gefuehl hatte sich der Weg damit allerdings unwesentlich verlaengert. Doch das war auszuhalten.

Cervera ist nah

Cervera ist nah

Sowieso war es schnell genug vorbei und ich kam wieder auf den normalen Ackerweg. Vom letzten Dorf aus war es nur noch eine Dreiviertelstunde bis Cervera.
Dieses Staedtchen mit 7500 Einwohnern hat endlich wieder eine
Ein bisschen Folter vor dem Ziel...

Ein bisschen Folter vor dem Ziel…

Herberge, allerdings in einem Nonnenkloster, eine Oertlichkeit, in der ich nur ungern bleiben wollte (aus Gruenden), aber was soll man machen… In der Not schlaeft das Rotkehlchen bei den Pinguinen.

Ich fand die Herberge auch schnell und wurde von einer Frau, die aussah wie Gottes Grossmutter, begruesst. Sie trug keine Tracht und sah auch ansonsten einfach nur wie eine stinknormale spanische Omma aus. Sie schien mich sofort ins Herz zu schliessen und plapperte froehlich, aber ich verstand natuerlich kaum etwas.
Wann ich denn morgen losgehen wolle, fragte sie. „Seis,“ antwortete ich. Sie schuettelte den Kopf. Nein nein, sechs Uhr, das waere zu frueh, die Schwestern stuenden erst um 6 auf und waeren dann erst um halb sieben so weit, mir aufzuschliessen (denn eingeschlossen war ich, was mir gar nicht gefiel -.-), aber das waere ja auch gut, vale?
Ich fand das UEBERHAUPT nicht „vale“, denn ich wollte ja so frueh los, um meine immer noch sehr schlimme Allergie vor der Hitze zu schuetzen, aber sie einigte uns auf 6:30 Uhr mit befehlsgewohnter Stimme.
„Seis y media,“ sagte sie, „seis… y treinta.“ Sie wiederholte das sicherheitshalber noch ungefaehr achtmal, obwohl ich es schon beim ersten Mal verstanden hatte.

So'n bisschen 50er-Jahre-Mief.

So’n bisschen 50er-Jahre-Mief.

Das Zimmer war okay, das Bad auch. Nachdem 10 Euro den Besitzer gewechselt hatten (ja, diese Herberge kostete auch -.-) duschte ich. Inzwischen war es 4 Uhr – Zeit, endlich eine Apotheke zu suchen.
Zu diesem Zweck kehrte ich auf die Calle Major zurueck, die eigentlich nicht viel mehr war als ein Gaesschen, und wandte mich Richtung Plaza Major. Der allerdings voellig ausgestorben war.
Ich fuehlte mich, als waere ich mitten in „The Stand“ geraten. Ich irrte verstoert ueber den Platz. Keine Sau war auf der Strasse, alle Fenster verrammelt, alle Geschaefte geschlossen. In dieser Richtung hatte ich wohl kein Glueck…

Ich wandte mich also um und ging zurueck, und endlich begegnete ich einem menschlichen Wesen: Einem Typen, der gerade irgendwas in seinem Auto kramte. Ich stuerzte sofort auf ihn zu und fragte, wo die naechste Pharmácia waere. Er wirkte sofort besorgt. Es gaebe 4 Apotheken, aber davon waere nur eine auf, es ist ja Sonntag…
Damit hatte ich gerechnet, nicht allerdings mit dem, was als naechstes kam. Er verschwand und ging sein Smartphone holen, um online nach der Notapotheke zu kucken. Soweit, so normal (wenn auch sehr nett). Allerdings fand er nichts und schien sich darueber aufrichtig zu aergern. Schliesslich steckte er sein Smartphone weg, ging um sein Auto rum und bedeutete mir, einzusteigen. Er wuerde mich hinfahren, es waere zu kompliziert zu erklaeren.

Ich war verbluefft, aber erfreut, und nahm das Angebot gerne an!

Es ging dann tatsaechlich durch die halbe Stadt, erst zu einer Apotheke, die geschlossen war, aber die Adresse der Notapotheke im Schaufenster stehen hatte, dann zu eben dieser. Die war aber auch geschlossen. Nur eine Telefonnummer war hinterlassen.
Er waehlte sie. Inzwischen hatte ich ihm erklaert, was mir fehlte, und er hatte meine Allergie mit dem noetigen Mitgefuehl gemustert. Eben diese meine schreckliche Allergie schilderte er jetzt auch der Apothekerin am Telefon, aber die war knallhart: Ja, sie haette Notdienst, aber sie kaeme nur, wenn man ein Rezept haette.

Er legte angepisst auf und bedeutete mir, einzusteigen. Als naechstes ging es ins Krankenhaus.

Whaaaat?! dachte ich, aber der Typ zog seine Heldennummer echt durch! Er hatte mir erzaehlt, dass er selbst schon mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen war, was seine Hilfsbereitschaft ein Stueck weit erklaerte. Er half mir, mich bei der Rezeption anzumelden und wartete mit mir auf den Arzt, der gluecklicherweise fast direkt Zeit hatte.
Im Behandlungszimmer fand ich es wieder mal ziemlich unglaublich, dass noch nicht mal spanische Aerzte eine Fremdsprache beherrschen. Bei uns braucht man zwei Fremdsprachen, um ueberhaupt Abitur machen zu duerfen, und in Spanien?!
Gluecklicherweise waren meine Symptome schnell erklaert, dazu musste ich nur ein Bein ausstrecken. Der Arzt redete dann ein bisschen, wovon ich nichts verstand, aber das wichtigste bekam ich mit, naemlich etwas, was sich nach „histamina“ und „cortisona“ anhoerte.
„Ah, si, entiendo,“ machte ich. Na, das ist ja mal leicht!
Er erklaerte mir dann noch, dass ich die Cortisonsalbe dreimal taeglich auftragen sollte. Die Histaminpillen sollte ich heute zweimal nehmen, morgen auch zweimal und ab dann jeweils eine Tablette taeglich, bis die Packung leer ist. „En la mañana, antes la comida,“ sagte er. „ANTES – LA – COMIDA.“
„Si, entiendo,“ sprach ich wieder, aber zur Sicherheit wiederholte er es noch ein paar Mal streng, nur fuer den Fall, dass ich ihn verarschte und doch nicht verstanden hatte.

Und damit war das dann auch erledigt. Josep, so der Name meines Helferleins, fuhr mich zurueck zur Apotheke. Dabei zeigte er auf die Rezepte. Seine Frau spraeche englisch, die koennte mir damit helfen. Aber ich beruhigte ihn, denn ich brauchte ja keine Uebersetzung! Als er dann hoerte, dass „histamina“ auf deutsch „Histamin“ heisst und „cortisona“ einfach „Cortison“, war er relativ platt.
Und dann erzaehlte er mir, dass seine Frau eine Schwester in Deutschland hatte. Ich traute meinen Ohren nicht. Die Schwester lebte nur 30 km von meinem Heimatort weg! Was ein Zufall! Allerdings kein ungewoehnlicher. Wo ich herkomme, sagt man: „Ueberall auf der Welt trifft man jemanden aus der Heimat.“ Und das hatte sich hier wieder bewahrheitet. Zumindest halbwegs!

Ich tauschte meine Rezepte um, verzichtete dafuer auf mein Aloe Vera (erstmal das ausprobieren, dachte ich) und Josep fuhr mich zurueck zur Herberge. Ich bedankte mich ueberschwaenglich und hupefte in mein Zimmer. Allein haette ich das niemals hingekriegt!!

Ich trug meine Creme auf, nahm eine Tablette und verrichtete meinen ersten Pflichtanruf bei meiner Mutter (die unglaublicherweise sagte: „Ach, bei Nonnen, da bist du ja gut aufgehoben.“).
Ich telefonierte vielleicht drei Minuten, als es an der Tuer klopfte. Es war die Schwester, die mich aufgenommen hatte. Was sie allerdings wollte, kapierte ich nicht – ich verstand nur „mujer“ und „abacho“, also „Frau“ und „unten“. Telefonierte ich vielleicht zu laut, fuehlte sich irgendjemand gestoert?
Sie wiederholte alles nochmal geduldig, und endlich fiel der Groschen: Eine Frau, unten, wollte mit mir sprechen. Oh Mann, was ist das denn jetzt? Werde ich der Mutter Oberin vorgefuehrt?

Ich beendete mein Gespraech und ging nach unten… wo Josep auf mich wartete. Samt Frau und Kind. Erstere stuerzte sofort auf mich zu. Sie war total aufgeregt, weil Josep ihr erzaehlt hatte, dass ich in der Naehe ihrer Schwester lebte. Wir redeten eine Weile und tauschten schliesslich Nummern. Ich solle sie JEDERZEIT anrufen, wenn ich in Spanien Probleme haben sollte. Sie wuerde im Dezember ihre Schwester besuchen, ob sie mich dann auch mal anrufen duerfte?
Wie haette ich da nein sagen koennen? Es waere bestimmt nett, Josep und seine Frau ein wenig rumzufuehren. Dann kann ich endlich mal Dolmetscherin spielen!

Bevor sie wieder gingen, bat ich sie um einen letzten Gefallen. Es passte mir immer noch nicht, dass ich erst so spaet aus der Herberge heraus durfte, und ich fragte, ob sie die Schwestern vielleicht umstimmen konnten. Ich hatte naemlich nicht das Gefuehl gehabt, dass sie kapiert hatten, warum ich so frueh los wollte.
Josep versuchte sein Glueck. Zuerst wehrten die Schwestern ab, aber als die, die mich empfangen hatte (inzwischen hielt ich DIE fuer die Mutter Oberin) verschwunden war, kam eine andere Schwester auf mich zu – die, die mir als Hueterin der Schluessel vorgestellt worden war. Sie war mindestens genauso alt wie die Mutter Oberin.
Sie stuende zwar erst um 6 auf, aber wenn ich um diese Zeit zur Tuer komme, koennte sie schnell ihr Schlafjaeckchen ueberwerfen und mir aufsperren, bevor sie sich fuer das Fruehstueck fertig machte. Sie kicherte bei dieser Vorstellung maedchenhaft.
Ich lachte mit. Diese winzige Regeluebertretung schien das rebellischste zu sein, was sie sich in den letzten 50 Jahren geleistet hat. Irgendwie goennte ich es ihr… und fand die Nonnen insgesamt eigentlich doch gar nicht so schlecht.

Damit war mein Tagwerk verrichtet. Spaeter kaufte ich mir einen

meh.

meh.

Doener, der, typisch fuer Spanien, mit einer Art Ketchup uebergossen war statt mit Knoblauchsosse (er war eher meh), dann konnte ich erstmals ins Internet. Mein erster Bericht wurde allerdings so lang, dass ich ihn nicht fertig bekam, bevor ich in die Herberge zurueck musste. Ich labere eindeutig zu viel!!

Morgen soll es wieder ein wenig weiter gehen, 26 km insgesamt. Noch bin ich am Ball! Und vielleicht bald wieder allergiefrei!

4 Gedanken zu “Jakobsweg: 3. Etappe: Coll de la Panadella – Cervera (15,2 km)

  1. Was ein schönes Erlebnis🙂 Würde einem hierzulande eher nicht passieren😉

    Wobei, ein bisschen schimpfen muss ich auch, denn es ist ja doch etwas *hüstel* leichtsinnig, einfach zu nem fremden Kerl ins Auto zu steigen😉

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