Jakobsweg: 4. Etappe: Cervera – Castellnou de Seana (26 km)

Kilometer: 87,8

Das Gute an meinem Arrangement mit dieser Nonne war, dass ich aus diesem Grund definitiv puenktlich aufstehen musste. So kam ich dann auch um zwei Minuten vor 6 nach unten, wo sie schon auf mich wartete und mir aufschloss.

Sie schien ernsthaft begeistert von mir zu sein und herzte mich, bevor sie mich entliess. „Buen viaje, guapa!!“ Dann durfte ich gehen.

Wie koennte man eine neue Etappe besser beginnen als mit einer ausgibigen Suche nach dem richtigen Weg? Das bluehte mir jetzt leider. Die Markierungen waren nirgendwo zu sehen und mein Pilgerfuehrer half auch nicht. Es dauerte sicherlich mindestens 10 Minuten, bis ich einfach fluchend eine Strasse Richtung Westen einschlug und die Stadt auf diese Weise verliess. Und da fand ich dann auch endlich wieder Pfeile. Halleluja!
Ich bin ja vom Camino del Norte schon ein wenig abgehaertet, aber die Markierungen auf dem camino catalán sind eindeutig ausbaufaehig, vor allem in den Ortschaften -.-

Guten Morgen!

Guten Morgen!


Dafuer praesentierte sich der Weg heute wieder recht nett. Es ging durch eine sanfte Huegellandschaft, die ich sehr genossen haette, wenn mir nicht insgesamt dreimal herrenlose Hunde entgegen gelaufen waeren.

Spanien fun fact 5: Es gibt in Spanien offensichtlich keine Leinenpflicht. Was ich eigentlich ueberhaupt nicht lustig finde!!!

Ohne Hunde war es schön.

Ohne Hunde war es schön.

Sie schienen keine Streuner zu sein, aber von ihrem Herrchen oder Frauchen war keine Spur zu sehen. Einmal kamen mir sogar drei gleichzeitig entgegen, von dem einer einen toten Vogel im Maul trug.
In solchen Faellen beisse ich die Zaehne zusammen und gehe, stur geradeaus starrend, einfach weiter. Ich habe eigentlich keine Angst vor Hunden, aber wenn euch mal um sieben Uhr morgens auf einem verlassenen Landweg so ein Kalb von einem Koeter entgegen laeuft, versteht ihr vielleicht, warum ich das nicht soooo cool finde.
Häschen sind völlig okay!

Häschen sind völlig okay!

Grafitti für die doofen Radpilger.

Grafitti für die doofen Radpilger.

Nach ganzen 9 km erreichte ich die erste Ortschaft (El Talladell), in der ich was getrunken und Pause gemacht haette, waere denn irgendwas geoeffnet gewesen. Aber nee, alles lag da wie ausgestorben. Also ging es weiter.
In Tárrega, dem naechsten Ort (12.000 Einwohner) ging es dagegen richtig ab. Diverse Marktstaende wurden gerade aufgebaut. Es gab z.B. die groessten Melonen, die ich in meinem ganzen Leben jemals gesehen habe, aber sowas konnte ich logischerweise nicht mitnehmen. Stattdessen kaufte ich ein paar Datteln, die perfekte Wegnahrung.

Und dann musste natuerlich das absolut Wichtigste erledigt werden… der Tabakkauf!
Ich fragte einen Passanten und ging in die angegebene Richtung. Die Gasse war allerdings wegen den vielen Marktstaenden sehr unuebersichtlich und ich daher nicht sicher, ob ich richtig gelaufen bin.
Ein paar Typen, die gerade ihren Gemuesestand aufbauten, starrten mich an. „Oy, Camino de Santiago!?“
„Si,“ antwortete ich.
„Francesa?“
„No, alemán.“ Ich bin naemlich wieder zur Wahrheit gewechselt und will auch da bleiben. Nur, warum zur Hoelle haelt mich jeder fuer eine Franzoesin? Das war jetzt sicher schon das fuenfte oder sechste Mal. Liegt es an meiner weltgewandten Eleganz, die an die Laufstege von Paris erinnert?
„Ahhhh…“ Der Typ hinter dem Stand musterte mich. „Guapa!“ Dann sagte er noch mehr zum Rest der Bagage und alle brachen in wiehrendes Gelaechter aus.
Tze… es ist eine Sache, wenn eine Nonne mit „Huebsche“ nennt, aber sowas… es war vermutlich besser, dass ich das meiste nicht verstanden habe -.-

Wenigstens waren sie so anstaendig, mir den Weg zum Tabakladen zu erklaeren. Danach musste ich den Tatsachen ins Auge sehen: Mein Bargeldvorrat war schon fast am Ende. Ich habe die letzten Tage viel mehr Geld ausgegeben, als ich eigentlich vorgehabt hatte, was an den teuren Herbergen und natuerlich auch an den ganzen Medikamenten liegt. Eigentlich haette das ein, zwei Wochen reichen sollen…
Aber wenn ich schon mal in einer so grossen Stadt bin, nutzte ich das aus und gehe zur Bank. Ich fand auch direkt einen Geldautomaten und hob den Hoechstbetrag ab (gefaellt es mir, mit so viel Bargeld rumzulaufen? No, Señor.). Ich hoffe, das reicht jetzt fuer eine Weile.

Ich trank noch eine Cola, dann ging es weiter. Der naechste Ort, Vilagrassa, war wieder winzig, aber wenigstens gab es eine offene Baeckerei. Und im Ort danach, Anglesola, dann endlich auch ein huebsches Plaetzchen zum Sitzen und Essen.
Es gab wieder Chorizo und Kaese zum Brot. Das Wasser aus dem Brunnen war auch okay. Hier scheint viel weniger gechlort zu werden als im Norden und das ist gut.

Danach rauchte ich eine Weile, bis ich ploetzlich merkte, wo ich gerade sass, naemlich vor einem kleinen, huebschen Beet mit lauter Kakteen, und darunter… eine Aloe Vera! Und zwar keine grosse, vertrocknete, sondern eine kleine Pflanze, wie wir sie auch zuhause haben, die voll im Saft zu stehen schien.

Die Rettung!

Die Rettung!

Ich sah mich um, dann nahm ich mein Taschenmesser und schnitt ein Blatt (? nennt man das bei Kakteen auch so?) ab. Es war wirklich feucht! Also schaelte ich es und rieb meine Beine damit ab.
Cortison mag hochpotent sein, aber es kuehlt leider gar nicht. Die Aloe dagegen schon. Ich kann gar nicht sagen, wie erleichternd sich das anfuehlte. Am liebsten haette ich die ganze Pflanze ausgegraben und mitgenommen, aber das ging natuerlich schlecht, also schnitt ich heimlich noch zwei Blaetter ab. Heimlich deswegen, weil das Beet so gepflegt aussah, dass die Leute des Oertchens es bestimmt uncool faenden, wenn ich es kaputt mache (ich nahm allerdings Blaetter von ganz unten, die man kaum sieht).

Leider kam in diesem Moment eine Frau vorbei und bemerkte wohl mein leicht schmerzlich verzogenes Gesicht. Was mit mir los waere, fragte sie.
Ich erklaerte es mit Haenden und Fuessen und entschuldigte mich dafuer, die Blaetter genommen zu haben. Das schien sie aber gar nicht gross zu interessieren. Sie verschwand mit ihren Einkaufstueten in einem nahen Haus.
Ich rauchte noch eine, als sie ploetzlich wieder auftauchte. Und in ihrer Hand – Aloe-Gel! Es war zwar nicht mehr viel drin, aber sie schenkte mir die Flasche einfach!

Das ist doch einfach nur schoen! Gestern Josep, heute diese Frau. Supergeil! Vielleicht bin ich nur so ein grosser Fan vom Jakobsweg, weil er meinen menschenhassenden Zynismus ein wenig abschleift und meinen Glauben an das Gute im Menschen wieder herstellt.
Aloe-Gel, endlich! Ich freute mich wie ein Schnitzel.
Sie fragte noch, ob ich noch was brauche. Essen, Trinken, ne Dusche? Ich verneinte alles. Gegessen hatte ich ja gerade, Wasser hatte ich genau vor mir und ne Dusche wuerde ich heute Abend kriegen, also alles im gruenen Bereich.

Als ich weiter ging, fuehlte ich mich richtig gut. So nette Menschen!

Die letzten 9 Kilometer waren dann allerdings relativ hart. Es war heiss geworden und der nette „Weg durch Kulturland“, den mein Fuehrer anpriess, machte das nur noch schlimmer. Wenn man im Sommer durch eine Wiese oder eben durch Felder durch geht, wird man eines feststellen: Die Pflanzen schwitzen unheimlich viel Wasser aus. Und so wird dann aus trockener Hitze feuchte Hitze, die natuerlich viel schlimmer ist!
Trotzdem latschte ich weiter durch die Felder und an mehreren Kanaelen vorbei, bis ich meinen Zielort erreichte: Castellnou de Seana. Ein Ort, der eine kostenlose Pilgerherberge sein eigenen nennen soll laut meinem Fuehrer.

Ich fragte ein Paerchen, das auf dem Plaza Mayor zu Mittag ass. „No hay albergue!“ antworte es mir. Der Alptraum eines jeden Pilgers! Aber sie schienen sich nicht so sicher zu sein und meinten, ich solle mal in der Apotheke fragen.
Ich betrat den genannten Laden und stellte mich an. Vor mir war nur eine einzige Frau. Aber, und das ist jetzt keine Uebertreibung: Die kaufte den halben Laden leer. Mindestens 20 Medikamente. Ungelogen!!!! So etwas habe ich noch nie im Leben gesehen. Vielleicht war sie sowas wie private Altenpflegerin, die saemtliche Besorgungen ihrer Schuetzlinge gleichzeitig erledigte… ich weiss es nicht!
Sowas kann natuerlich auch nur mir passieren, und natuerlich auch nur, wenn ich kaum noch stehen kann. Aber es zog sich wirklich endlos. Der Apotheker erklaerte ihr jedes Medikament lang und breit und schnitt noch von einigen den Barcode ab (keine Ahnung warum). Es dauerte ewig.
Nach 5 Minuten setzte ich mich auf einen der bereitgestellten Stuehle. Ich schwitzte wie bekloppt. In diesem Laden war es heisser als draussen!
Nach 10 Minuten legte ich meinen Kopf auf meine Wasserflasche, die ich herausgekramt hatte, und seufzte ein bisschen in mich hinein. Aber es dauerte nochmal 5 Minuten, bis die Frau endlich fertig und ich dran war.

„Donde esta el albergue de peregrinos?“ fragte ich fehlerfrei. Darauf der Apotheker, unglaublicherweise: „Hablas inglés?“
Ich runzelte die Stirn. „Si?“ Warum fragte er mich das, obwohl er doch von diesem einen kleinen Satz gar nicht ablesen konnte, dass mein Spanisch fuer tiefschuerfendere Gespraeche nicht ausreicht?
„O francés?“ Das musste ich verneinen. Was war eigentlich sein Problem?

Er stammelte etwas vor sich hin, was wirklich absolut nicht wie englisch klang, allerdings auch nur bedingt wie spanisch. Und da fiel bei mir der Groschen! Dieser Typ hatte ein Diplom von der Universitaet von Barcelona an der Wand haengen – aber konnte kaum Spanisch! Er sprach nur katalonisch! Ab-so-lut unglaublich!!
Irgendwie schaffte er es dann aber, mich zum Rathaus oder dem kleineren Aequivalent davon zu schicken, wo man mich verstand. Aber das war echt eine Begegnung, die ich einfach nur krass fand!

Der Typ im Rathaus telefonierte und schickte mich dann zur Sporthalle. Dort wartete schon der Hospitalero auf mich, ein braungebrannter Mittsechziger mit stolz hervorquellendem Brusthaar. Ein absolutes Original, mit dem ich mich zwar kaum verstaendigen konnte, den ich aber trotzdem sofort mochte.
Die Herberge dagegen weniger. Es war ein Notlager im Umkleideraum des Fussballclubs. Und ich kann es nicht beschoenigen: Es war megadreckig. Und im Klo schwamm eine Kaulquappe. Ich schwoere es!!!

Sieht sauberer aus, als es ist...

Sieht sauberer aus, als es ist…


Aber ich bin ja abgehaertet und hatte ausserdem keine andere Wahl. Ich suchte mir ein Bett aus (wieder war ich alleine) und streckte mich erstmal aus.

Als ich etwa eine Stunde spaeter was zu essen suchen wollte, flanierte ein Typ mit Wanderhosen draussen rum. Ich oeffnete ihm. Noch ein Pilger?
Tatsaechlich, allerdings nicht fuer heute. Er konnte englisch und erklaerte mir seinen Plan: Er wuerde ab morgen von Montserrat aus wandern, allerdings mit seinen beiden Pferden! Und jetzt fuhr er alle Herbergen ab, um Futter fuer seine Pferde da zu lassen.
Was fuer ein bekloppter Typ! Aber wahnsinnig nett. Wir unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde und tauschen Pilgererfahrungen aus (nachdem der Hospitalero grummelig gemeint hatte, warum ich mit IHM nicht geredet haette, mit dem Typen aber schon). Er konnte mir einige Infos zu den naechsten Etappen liefern.

Am Schluss fuhr er mit seinem Pferdeanhaenger wieder davon. Tony hiess er. Total netter Kerl. Langsam beginne ich, die anderen Pilger zu vermissen😦

Der Rest des Tages war unspektakulaer. Ich kaufte was zu essen, nahm mein Sandwich auf dem schattigen Spielplatz neben der Herberge zu mir und ging dann rein. Das Innere der Herberge hatte sich inzwischen in einen Backofen verwandelt, aber was soll man machen.
Schon um 6 Uhr hatte ich eine Baldriantablette genommen, damit ich frueh schlafen konnte. Ein paar Kinder, die gegen die Wand der Sporthalle Fussball spielten, verhinderten diesen Plan nicht, schoben aber seine Ausfuehrung leicht nach hinten.

Morgen geht es naemlich ueber mehr als 30 km bis nach Lleida, eine Grossstadt mit ueber 100.000 Einwohnern. Da brauche ich meine gesamte Kraft, um den Weg durch die Stadt zu finden. Und je frueher ich los gehe, umso besser!

4 Gedanken zu “Jakobsweg: 4. Etappe: Cervera – Castellnou de Seana (26 km)

  1. Echt coole Erlebnisse🙂 Und ein paar gute Menschen scheint es ja tatsächlich noch zu geben. Ich bin ja auch so ein kleiner Misanthrop und über sowas freue ich mich echt riesig.

    Wenn du heute geschafft hast, bist du ja schon – was die Restkilometer angeht – im dreistelligen Bereich angekommen😉

    • Ja, sowas baut einen auf🙂 Leider gibt es auch Scheissmenschen… aber dazu komme ich noch😉

      Jap, der dreistellige Bereich, das geht doch schneller als man meint😉 Schon mehr als eine Woche rum!

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