Jakobsweg: 5. Etappe: Castellnou de Seana – Lleida (30,4 km)

Kilometer: 118,2

Heute bin ich sehr gut aus dem Bett gekommen, genau wie geplant. Ich war frueh auf den Beinen und unterwegs – um viertel nach fuenf.

Ich weiss, viele Pilger finden es eigentlich ziemlich schrecklich, wenn so Leute wie ich so frueh los ziehen, aber ich brauch das einfach. Ich bin viel langsamer als die meisten und habe auf den normalen Wegen bei Hochbetrieb kaum eine Chance, einen ordentlichen Herbergsplatz zu ergattern. Dazu ist es einfach auch megamaessig demotivierend, staendig von anderen Pilgern ueberholt zu werden. Dem kann ich nur entgehen, wenn ich deutlich frueher losgehe als die meisten anderen.
Dazu die Hitze auf diesem Camino. Zwar wird es erst gegen 12 wirklich unangenehm (ich vertrage das doch deutlich besser als die meisten anderen – muss mein suedamerikanisches Blut sein), aber wenn ich bis dahin schon einen guten Teil der Strecke zurueck gelegt habe, laeuft es sich viel besser.

Aber ach, bevor ich losmarschierte, hatte ich noch eine Begegnung. Ich packte gerade meine Tasche, als ich etwas ueber den Boden huschen und sich zwischen meinen Schuhen verstecken sah. Eine Kakerlake.
Vor ein paar Wochen hat mein Mitbewohner mir eine Kakerlake aus Plastik in meine Teedose gelegt und ich haette ihn deswegen fast umgebracht, doch jetzt? Seufzte ich nur resigniert, wartete, bis sie weggekrabbelt war und schuettelte dann stoisch meine Schuhe aus (war nix drin – la cucaracha war wohl heute sóla unterwegs).

Jedenfalls, es war noch stockdunkel, als ich los ging, aber ausnahmsweise war der Weg mal gut markiert. Es war auch schwer, ihn NICHT zu finden, denn der Anfang war sehr gradlinig. Sobald ich das Dorf hinter mir gelassen hatte, ging es wieder durch Felder.
Sowas wuerde ich mich ja zuhause niemals trauen – also im Dunkeln mitten durch die Walachei wandern. Ich bin halt eine Schisserin. Aber auf dem Camino ist eben alles anders!

Dunkel.

Dunkel.


Ich kam gut voran und erreichte das erste Dorf (El Palau d’Anglesola, was fuer ein Name…), als gerade die Sonne aufging. Der Kirchturm, unter dem ich mich nieder liess, zeigte 7:20 Uhr an. Das verstimmte mich etwas. War ich wirklich so langsam gewesen?
Als eine Zigarette spaeter die Uhr immer noch die selbe Zeit anzeigte, war das Raetsel jedoch geloest. Die Uhr war stehen geblieben und eigentlich war es bei Ankunft 25 Minuten frueher gewesen.

Spanien fun fact 6: Wenn in Spanien eine Uhr richtig geht… dann ist das purer Zufall!
Nirgendwo sonst offenbart sich mir mehr, dass ich eben doch eine Deutsche bin…!

Der Kirchturm wurde auch in meinem Pilgerfuehrer angepriesen. Ueberhaupt, wenn man dem glaubt, dann steht in jedem noch so winzigen Dorf eine Kirche, die mindestens so bedeutend ist wie die Sixtinischen Kapelle! Nur interessiert mich das nicht so grossartig. Gibt es wirklich Pilger, die nach 30 km im Zielort noch eine ausgedehnte Besichtigungstour durchziehen?
IMG_0185Die Voegel waren so frueh am Morgen natuerlich wieder mal am Ausrasten. Und dann sah ich etwas, was mich dann DOCH beeindruckte: Stoerche! Auf dem Kirchturm! In einem riesigen Nest! (Davon erzaehlte mein Pilgerfuehrer allerdings nix.)
Der absolute Wahnsinn. Ich glaube, ich habe noch nie Stoerche in Echt gesehen. Wartet nur, bis ihr die Bilder seht! (Ich glaube, dieser Satz wird hier noch zum Running Gag!)

Hammer!

Hammer!

Es ging weiter. Wieder Felder, wieder Feldwege, meist leicht geschottert (meh), manchmal einfach nur festgetretener Grund. Im naechsten Dorf (Bell-lloc d’Urgell – fast noch schlimmer!) war es dann hoechste Zeit fuer eine richtige Pause und vor allem etwas zu essen!

Das bin ich!

Das bin ich!


Ich bestellte Cola und eine Tortilla de patatas, die einladend hinter der Theke stand. Ich bekam: fast ein Viertel dieser grossen Tortilla und drei, ja, DREI dicke Scheiben von einem grossen Baguette mit Tomate.
Ein Festmahl!

Ein Festmahl!


Spanien fun fact 7: In Spanien wird Butter offensichtlich nicht gerne als Brotaufstrich benutzt (vielleicht ist es dafuer zu heiss, die wuerde ja weglaufen). Stattdessen wird das Brot mit einer halbierten Tomate abgerieben und mit Olivenoel betraeufelt. Ein Spanier sagte mir mal, das wuerde „Tomaca“ heissen, Wiki sagt, es heisst „pa amb tomáquet“, hier sagt man ganz schnoede „Tomate“ dazu. Was die Frage aufwirft, was man bestellen muss, wenn man wirklich ein Brot mit Tomatenscheiben haben will. Aber egal. Mir schmeckt es! Und gesuender als Butter ist es vermutlich auch!

Ich stuerzte mich darauf und fotographierte die Tortilla. Die Kartoffeln waren deutlich in Scheiben geschnitten. Ha! Das kriegt mein Mitbewohner zu sehen, dieser Besserwisser!

Beweise!!!

Beweise!!!

Danach sollte es weiter gehen, durchs Dorf, von dort ins Kulturland und ab nach Lleida. Und das war ein Problem. Wieder mal… keine Pfeile! Schlimm genug im Gelaende, in einer Ortschaft einfach nur die Hoelle.
Ich ging tapfer nach Westen und versuchte, mich durch zu fragen. Leider ist der Camino catalán so neu, dass ihn nicht mal die Anwohner wirklich kennen -.- Nachdem man mich zweimal falsch geschickt hatte, verzichtete ich auf weitere Hilfe und ging weiter nach Westen bis zum Ortsausgang.
Dort traf ich auf eine Strasse. Laut der sehr undetaillierten Karte meines Pilgerfuehrers sollte das die Autobahn sein. Aber wie soll das gehen, so direkt am Dorf vorbei? Ohne Ausfahrt? Es musste sich um die N-II handeln, also eine Nationalstrasse – in Spanien ungefaehr das, was bei uns eine Bundesstrasse ist.
In diesem Moment fing ich an, meinen Fuehrer wirklich zu hassen. Die Karten sind ein absoluter Witz! Nicht mal massstabsgetreu. So wird der Jakobsweg in einer gepunkteten Linie angezeigt. Diese Linie ist zwischen Castellnou und El Palau 8 Punkte lang, zwischen El Palau und Bell-lloc dagegen 18 Punkte. Der reale Abstand in Kilometern betraegt dagegen 7,2 zu 8,7!!! Die Karte kann also unmoeglich stimmen!!

Ich musste also doch wieder fragen und sprach zwei aeltere Frauen an, die mir entgegen kamen. Die eine ueberraschte mich total mit einem ganz passablen Englisch. Das haette ich von einer Frau Mitte Sechzig in diesem Kaff als allerletztes erwartet!
Leider hatte sie ue-ber-haupt keine Ahnung. Sie schien noch nie etwas vom Camino de Santiago gehoert zu haben. Meine Frage, ob diese Strasse die N-II waere, beantwortete sie mit „Yes“, meinte aber kurz darauf, dass ich dort nicht gehen koennte, weil es verboten sei, auf einem „autovía“ zu laufen.
Was nun – Nationalstrasse oder Autobahn? Ich begann bereits, zu verzweifeln.
Ich wollte ja auch gar nicht auf der Strasse laufen, ich wollte wieder zurueck zum Weg. Das schien sie nicht zu checken. Sie war voellig von den Socken, dass ich nach Lleida zu Fuss gehen wollte. „Why?!“ Ihre sehr stumme Freundin erklaerte ihr, dass ich eine Pilgerin sei, aber sie fand es wohl weiterhin unglaublich.
„Son 12 kilómetros,“ erklaerte sie mir oberlehrerhaft. Das wusste ich allerdings schon. Am besten solle ich den Zug nehmen, der fuehre mehrmals die Stunde…
„No…“ machte ich hilflos. Wieder redete ihre Freundin auf sie ein. Und endlich kapierte sie, dass ich wirklich und wahrhaftig zu Fuss nach Lleida wollte. Wo der richtige Weg war, wusste sie allerdings immer noch nicht. Stattdessen fragte sie, wo ich uebernachten wolle.
Ich kramte meinen Pilgerfuehrer heraus und nannte ihr die Adresse der Pilgerherberge von Lleida. Sie kannte sie und begann daraufhin, mir detailliert zu erklaeren, wo sich diese befaende.

Ich seufzte und schaltete auf Durchzug. Das wuerde ich mir eh nicht merken koennen. Und ich suchte ja immer noch den Weg!

Mit Hilfe der Strassenbeschreibung im Pilgerfuehrer konnten die beiden mir letztendlich ungefaehr erklaeren, wo ich hingehen muesste, um wieder auf den Camino zu stossen… vielleicht.

Ich liess also die Nationalstrasse links liegen und bog nach rechts zurueck ins Dorf ein. Dort fand ich Schienen, die ich laut Fuehrer ueberqueren musste und dort dann auch endlich wieder gelbe Pfeile. Warum denn nicht gleich so!

Ich wanderte also durch das „Kulturland“. Eine Landschaft, die ich ebenfalls begonnen hatte, zu hassen. Es war so megalangweilig. Aepfelbaeume, Birnenbaeume, Mais, Korn… ich hatte schon alles durch. Und alles sah gleich aus. Und alles hatte den selben unangenehmen Untergrund fuer meine Converse. Wie waere es mal mit einem schoenen Waldweg?!

Diese komischen Dorfnamen gibt's wirklich.

Diese komischen Dorfnamen gibt’s wirklich.


Ueberhaupt fuehlte ich mich heiss und baeh. Ich ging immer noch mit langen Hosen, denn die Medikamente hatten meinen Ausschlag zwar gebessert, ganz weg war er allerdings noch nicht. Vor allem an meiner linken Wade war es ziemlich schlimm (da sich ja mittags die Sonne immer zu meiner Linken befand). Die Hose schuetzte zwar vor der direkten Sonnenstrahlung, aber nicht vor der Hitze, und deswegen tat mir die Stelle bei jedem Schritt ziemlich weh.

Ich trottete eine Weile vor mich hin und zerfloss in Selbstmitleid. Warum muss ich diese beschissene Allergie haben. Ich hatte meinen ersten Sonnenbrand auf Fuerteventura – mit 16! Und seitdem war meine Haut in der Sonne vielleicht 5 oder 6mal rot geworden.
Aber hier in Spanien dann direkt eine Sonnenallergie. Das ist einfach so scheisse. Ich will nicht fuer den Rest des Caminos in langen Hosen gehen. Mir ist heiss! Und ausserdem will ich braune Beine haben! Oder wenigstens welche, die nicht weh tun, wenn der Stoff dran reibt!
Der Arzt in Cervera hatte mich gefragt, ob ich kratzen wuerde. Ein totaler Witz! Ich kann die schlimmen Stellen ja kaum anfassen, ohne aufzujaulen!!

So jammerte ich eine Weile still und privat vor mich hin. Andere Pilger waeren vermutlich unendlich genervt gewesen. Aber davon gab es ja immer noch keine Spur.
Aber je laenger ich ging, desto mehr klaerte sich mein Kopf. Andere Pilger, die ich auf meinen anderen Caminos getroffen hatte, hatten doch ganz andere Probleme gehabt. Und auch ich selbst bin doch wesentlich besser unterwegs, als das auf meinen anderen Caminos der Fall gewesen war. Meine Sehnenentzuendung letztes Jahr war das schlimmste gewesen, aber ja laengst nicht das einzige.
Eigentlich geht es mir doch bisher recht gut. Am ersten Tag hatte mein Ruecken kurz gezwickt, gibt seitdem aber Ruhe. Meine Schultern tun seit dem 2. Tag nicht mehr weh, sie haben sich an das Gewicht des Rucksacks gewoehnt. Mein linkes Knie und meine Hueften, beides ebenfalls persoenliche Sorgenkinder, die an manchen Tagen der vergangenen Caminos unendlich weh getan hatten, mucken auch nicht. Mein Knie hatte zusammen mit meinem Ruecken am ersten Tag gezwickt und ist seitdem brav. Meine Hueften fuehlen sich total normal an. Sogar meine Blasen vom ersten Tag verwandeln sich so langsam in stahlharte Hornhaut. Ueberhaupt, meine Fuesse… es koennte so viel schlimmer sein. Und da beschwere ich mich wegen ein bisschen Allergie, obwohl die bestimmt bald weg sein wird, wenn ich weiterhin brav meine Medikamente nehme?

Also… Jammermodus aus! Es lagen nicht mal mehr 10 km vor mir. Ein Klacks, ob haessliche Feldwege oder nicht!

Nicht lange darauf verfluchte ich mich selbst. Feldwege, oh ja, auf Dauer unheimlich langweilig. Aber tausendmal besser als ein Industriegebiet!!!

Durch ein solches musste ich naemlich leider. Erst eines, das sich wohl erst im Bau befand (alles war niedergewalzt), dann durch die Aussenbezirke von Lleida. Vorbei zum Beispiel an einer Polyesterfabrik (wenn ich das richtig verstanden habe), die wahrlich atemberaubend stank. Und ich war immer noch mindestens 3 km vom Stadtzentrum entfernt. Und meinen letzten Schluck (heisses) Wasser hatte ich inzwischen auch schon laengst getrunken.
Der letzte Wegabschnitt, vorbei am Fluss Segre, war am schlimmsten. So eine tote Bruehe, eingepfercht in ein Betonbett. Schrecklich!!!

Ich ueberquerte eine Bruecke und war endlich tatsaechlich in der Stadt. Aber die Herbergssuche musste warten… ich sah eine Bar!
Dort bestellte ich 1,5 Liter eiskaltes Wasser, bezahlte dafuer 1,5 Euro und kippte mir die gesamte Flasche in weniger als 15 Minuten in den Rachen. Ohne Uebertreibung kann man wohl sagen, dass auf der ganzen Welt niemals ein Mensch etwas koestlicheres getrunken hat!!

Dann musste ich eben doch die Herberge suchen. Mein Pilgerfuehrer schrieb lapidar „im Stadtzentrum“. Ja, ich hasse das Ding jetzt wirklich!!! Und vermisse Raimund Joos‘ (Autor der meisten anderen deutschen Pilgerfuehrer) Karten durch Grossstaedte!!!
Gluecklicherweise fand ich eine Frau, die meine Frage nach einem zentralen Plaza, den mein Pilgerfuehrer als Zielort nannte, mit einem „komm mit, ich gehe da sowieso gerade hin“ beantwortete. 2 Minuten weiter fand ich die Touristeninformation. Dort erklaerte man mir zwar, dass die Jugendherberge, die laut meinem Pilgerfuehrer eine Pilgerherberge sei, mitnichten eine ist, aber wohl guenstig genug fuer Pilgerbeduerfnisse, und gab mir einen Stadtplan.

Letztendlich bezahlte ich 15,55 fuer eine Uebernachtung (4-Bett-Zimmer, ich wieder allein) und bekam den Schluessel fuer das Zimmer im 4. Stock ausgehaendigt. „Aehm… der Fahrstuhl ist leider ausser Betrieb,“ sagte die Rezeptionistin entschuldigend.
Ach, als koennte mich das noch schocken…

Viel mehr war an diesem Tag dann auch nicht mehr von mir zu erwarten. Ich ging mir Empanadas kaufen, ass sie vor der Tuer, wo mich spaeter ein Depp anlaberte, der mit mir „Freundschaft schliessen“ wollte, weil er so gluecklich sei, endlich mal eine Deutsche kennen zu lernen. Ob ich das auch wollte?
„Nein, ich bin morgen weg und habe kein Bedarf,“ erklaerte ich pissig. Ne Abfuhr ist bei einem Typen, der einen anstrengenden spanisch-englisch Mischmasch laberte, noch schwieriger als ohnehin schon!

Den Rest des Abends nutzte ich das kostenlose Internet. Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon beschlossen, morgen zu schummeln. Aber davon mehr an gegebener Stelle!

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