Jakobsweg: 8. Etappe: Candasnos – Bujaraloz (22,9 km)

Kilometer: 181,6

Zur Abwechslung bin ich heute dann mal wieder extrem schlecht aus dem Bett gekommen. Der Wecker stand auf 5, aber ich habe alle 10 Minuten weiter gedrueckt, bis es ploetzlich 6 Uhr war.
Ich habe mich dann auch extrem langsam fertig gemacht und war eigentlich fast abmarschbereit, als es anfing, wie aus Kuebeln zu giessen. Da hatte ich wohl wieder Glueck gehabt.

Eine Viertelstunde spaeter hatte es aufgehoert und ich konnte los!

Der Weg verlief wieder recht gradlinig durch eine Monegros-aehnliche Landschaft (gehoerte aber laut Fuehrer nicht mehr dazu. Keine Ahnung.), spaeter dann wieder Felder.

Hübscher als Monegros

Hübscher als Monegros

Es war noch relativ kuehl und ich kam gut voran, als der Weg abrupt aufhoerte.

Ich denke, auch die, die hier mitlesen, aber noch nie auf dem Jakobsweg gewandert sind, duerften inzwischen mitgekriegt haben, dass der Weg durch gelbe Pfeile markiert ist. Oder jedenfalls sein sollte. Wenn die Verantwortlichen ganz besonders motiviert sind, liefern sie noch einen Extraservice an Kreuzungen: Die falschen Richtungen sind mit einem gelben X markiert. Was das bedeutet, duerfte wohl jeder verstehen!
Nun kam ich an eine Kreuzung dreier Wege. Links: ein X. Mitte: sogar ZWEI XXe! Und rechts: nix.
Ich schwankte. Rein nach dem Ausschlussprinzip blieb ja nur noch der rechte Weg uebrig, aber das kam mir trotzdem komisch vor. Warum schaffen die es, Xe zu malen, aber keine Pfeile?
Ich zog meinen Fuehrer zu Rate und fand auch die Stelle, an der ich mich mutmasslich befand. Er schrieb von einem ziemlich schlechten Weg, der fuer Radfahrer schwierig sei. Na, DAS passte!

Ich bog also rechts ein und musste mich ueber steinigen Untergrund kaempfen. Und dann, nach drei Minuten, hoerte auch dieser Weg auf… dieses Mal aber wirklich. Alles ueberschwemmt.

Aehm. Und jetzt?

Rein vom Gefuehl her haette ich ja angenommen, dass der mittlere Weg auch richtig sein musste und wohl nur mit zwei XX markiert war, weil er ueber Privatgelaende fuehrte, aber ich wollte es trotzdem nicht riskieren.
Ich trottete zurueck zur Kreuzung, dann wanderte mein Blick zur Nationalstrasse, die wieder mal parallel verlief. So nah und doch so fern… 20 Meter und dichtes Gestruepp trennten mich von ihr.
Letztendlich habe ich mich irgendwie durchgekaempft. Normalerweise waere das wohl kein Problem gewesen, aber durch den schlechten Sommer war das Gestruepp leider gut gewachsen und stand voll im Saft. Ich benutzte meinen Pilgerstab, um mir eine Schneise zu schlagen, und kletterte auf die Nationalstrasse.
An diesem Morgen fuhren leider wieder mal extrem viele LKWs in absoluter Hoechstgeschwindigkeit an mir vorbei. Nachdem ich mir gut 10 Minuten waehrend des Gehens mein Basecap festgehalten hatte, damit es nicht wegflog, hatte ich die Schnauze voll und packte es ein. Zum ersten Mal, seitdem ich auf dem Camino bin! Aber es war noch nicht sehr heiss und die Sonne stach noch nicht.

Nach einer halben Stunde fand ich den Camino wieder, der kurz die Nationalstrasse beruehrte, und wechselte wieder. Daraufhin ging es eine Weile auf und ab, bis ich ueber einen Huegel kam und einen Osborne-Stier zu sehen bekam. Na sowas aber auch! Davon gibts leider keine Fotos.
Kurz danach erreichte ich schon das erste Dorf, Peñalba, wo ich voellig unspektakulaer mein obligatorisches Cola trank und dann weiter zog.
IMG_0264Auch hier musste ich erst wieder ueber einen Huegel, aber ab dann ging es nur noch gerade aus durch Maisfelder. Glueck fuer mich, dass in komfortablen Abstand (etwa jeden Kilometer, schaetze ich) kleine Haeuschen standen, die Schatten boten, denn inzwischen war es megamaessig heiss geworden. Gleichzeitig wurden die Felder gerade bewaessert, was ich natuerlich nutzte. Immer, wenn ich an einer Sprinkleranlage vorbei kam, stellte ich mich mit ausgebreiteten Armen darunter und genoss den kuehlen Regen (wobei ich von ganzen Herzen hoffte, dass das Wasser nicht voller Pestizide war…).

Schuhe sind wieder sauber. Also... sauberer.

Schuhe sind wieder sauber. Also… sauberer.


So ging es recht ereignislos fast 12 km weit, bis ich meinen Zielort erreichte: Bujaraloz, ein Ort, dessen Name ich einfach nicht ueber die Lippen kriege.
Wie koennte es anders sein: Auch hier gab es wieder keine Herberge. Ich musste mir also wieder ein Hostal suchen.
Zuerst ueberraschte mich das Dorf allerdings mit einem wahrhaft hoellischen Durchgangsverkehr. Alle 5 Sekunden bretterten LKWs durch. Die Nationalstrasse fuehrte mitten durch den Ort! Wie aetzend!

Weil ich inzwischen tierisch ueberhitzt war, trank ich in der ersten Bar vor Ort noch ein Kas. Ueberhaupt, Kas!! Kas ist die geilste Limo!! Davon habe ich ja noch gar nichts erzaehlt!!

Göttlich!

Göttlich!

Kas schmeckt wie eine Mischung aus Fanta und Orangina. Sie ist fruchtiger als Fanta, hat aber nicht dieses eklige Fruchtfleisch von Orangina. Die meisten Spanier machen ueberhaupt keinen Unterschied zwischen Fanta und Kas – und ehrlich gesagt ist mir auch inzwischen der Gedanke gekommen, dass der Inhalt voellig identisch ist. Fanta wird nur eben in Spanien unter „Kas“ vertrieben (wobei, normales Fanta gibt es auch).
Ist mir aber egal. Kas ist DAS Getraenk fuer mich auf dem Camino. Ich habe es auf meinem ersten Jakobsweg lieben gelernt und waere unendlich gluecklich, wenn ich es auch in Deutschland faende. Ich weiss, ich habe es bei uns auch mal gesehen, aber keine Ahnung wo.

Jedenfalls… diese Bar war auch ein Hostal, also fragte ich nach dem Preis fuer ein Bett. Antwort: 25 Euro. Meh. Da suche ich doch weiter.
Mein Fuehrer bot noch eine weitere Adresse am Ortsausgang, also latschte ich da hin. Das Hostal, welches ich dort fand, praesentierte sich optisch als eine Art amerikanisches Diner, was ehrlich gesagt ziemlich billig aussah. Da habe ich sicher mehr Glueck?
Ich fragte bei einem Kellner nach, erhielt aber wieder die selbe Antwort. 25 Euro, das ist mir echt zuviel! Ob es was ausmacht, dass ich Pilgerin bin?
„Sorry,“ teilte mir der Kellner bedauernd mit. „Das ist schon der Sonderpreis fuer Pilger. Normalerweise kostet ein Zimmer 40 Euro.“
Ich seufzte und wollte grade „okay, dann her mit dem Schluessel“ sagen, als er das Telefon in die Hand nahm. Er wuerde noch woanders anrufen, ob es dort billiger sei.

Na, das ja mal Service! – dachte ich, aber leider erreichte er in dem anderen Hostal niemanden. Was sollte ich machen? Irgendwo musste ich ja schlafen.
In diesem Moment laberte ihn ein aelterer Typ neben mir auf Spanisch an und lachte. Ich nahm an, der wollte noch einen Kaffee. Stattdessen sah der Kellner erst ihn komisch an, dann mich und sagte: „He pays for you.“

What the fuuuuuck?!

„Why?“ fragte ich unglaeubig. Der Kellner zuckte die Schultern. „Porqué?“ fragte ich also den Typen, aber der lachte einfach nochmal und winkte ab.

Also das ist… ich weiss gar nicht, wie ich das finde! In dem Moment vor allem: yay?

Er zueckte dann auch die goldene Visa (bei diesem Anblick schrumpfte mein schlechtes Gewissen zu einem Nichts zusammen) und tat es tatsaechlich. Dann sah er mich an. „Mi hijo… my son…“
Aha, dachte ich, jetzt erzaehlt er mir, dass sein Sohn auch mal den Jakobsweg gegangen ist. Deswegen ist er so hilfsbereit.
Aber weit gefehlt. Er laberte nur etwas drueber, dass sein Sohn Englischlehrer sei und er deswegen das Gespraech zwischen mir und dem Kellner halbwegs verstanden haette.
Das erklaerte ueberhaupt nicht, warum er mir einfach so das Zimmer bezahlte… aber ich beschwerte mich ganz sicher nicht!

Das Zimmer war okay, aber nicht gerade 40 Euro wert. Dafuer hatte es eine Klimaanlage. Sowas hab ich ja tatsaechlich noch nie fuer mich gehabt. Deshalb spielte ich eine Weile damit rum, bis ich in meinem auf ungefaehr minus 12 Grad abgekuehlten Zimmer in einen Mittagsschlaf fiel, aus dem ich mit leichten Halskratzen wieder erwachte. Ach ja… da war doch was mit Klimaanlagen und meinem zarten Immunsystem -.-

Den Rest des Tages habe ich dann eigentlich auch nur vertroedelt. Ist ja auch nicht so, als haette ich nach Ankunft in meinem Zielort noch was zu tun. Hab ich schon geschrieben, dass ich die anderen Pilger langsam ziemlich vermisse?

Mehr Beweise!

Mehr Beweise!

Ich kaufte mir Gazpacho in drei Mini-Tetrapaks und wurde dann voll kreativ, indem ich einen austrank und ihn dann in der Haelfte durchschnitt, um ein Gefaess zu erhalten, in dem ich mein Brot dippen konnte. Weil ein Glas hatte ich ja nicht. Selbst ist die Frau!

Dann fand ich ein Hostal, in dem ich den Computer benutzen durfte, was ich auch ausgiebig tat. Als ich jedoch wieder gehen wollte und aufstand, zuckte ich zusammen. Warum tat mir diese Blase am linken Fuss ploetzlich so weh?
Die habe ich seit ca. 2 Tagen. Sie ist sehr klein, ungefaehr wie ein Centstueck, und deshalb habe ich sie lediglich aufgestochen und dann nicht weiter beachtet. Mir ist aber von Anfang an aufgefallen, dass sie zwar flaechenmaessig winzig, aber irgendwie sehr dick ist. Statt unter der 1. oder 2. Hautschicht hatte sie sich… tja, unter allen Hautschichten gebildet. So sah es zumindest aus.

Ich folgerte, dass mein Plaster wohl locker sitzen musste. Also ging ich mir neues kaufen. Denn ja, ich habe schon eine komplette Packung Plaster verbraucht!

Dann war es schon fast so weit fuers Bett, also ging ich zurueck zur Herberge. Dort sah ich mir die Misere mal genauer an und was ich sah, gefiel mir nicht. Die Blase war rot umrandet, ziemlich heiss und damit offensichtlich entzuendet.
Ich liess mich aufs Bett fallen. Und jetzt? Desinfektionsmittel hatte ich keines dabei. Die Apotheke hatte sicher jetzt auch schon zu. Was tun? Es tat mit jeder Minute hoellischer weh.

Das ist auch ne Bar, da muessen die doch ein Medizinschraenkchen haben, dachte ich, und humpelte nach unten, denn inzwischen ging sonst nichts mehr. Einem Kellner (ein anderer als der davor) stammelte ich etwas von „desinfectión“ vor und hoffte einfach, dass er das verstehen wuerde. Das tat er! Er verschwand und kam kurz darauf mit Desinfektionsspray und Jod wieder.
„Gracias,“ sagte ich und streckte die Haende danach aus. Aber der Typ gab es mir nicht. Irgendwann zwischen dem Suchen des Zeugs und der Rueckkehr zu mir war ihm eingefallen, dass ihm das wohl zu viel Verantwortung ist!
Es tauchte auch der andere Kellner wieder auf, der Englisch konnte. „It’s not allowed,“ teilte der mir mit, „go to the centro de salud.“ Das waere nur ein paar Meter weiter ueber die Strasse.
„Ich brauche doch nur ein bisschen Desinfektionszeug!“ meinte ich heftig, aber er blieb hart. Sie duerften mir davon nichts geben!

Angepisst humpelte ich zurueck in mein Zimmer, um mir meine Schuhe anzuziehen und meinen Stab zu holen. Kurz ueberlegte ich, ob ich es nicht einfach lassen und hoffen sollte, dass es morgen wieder gut ist, aber meine Vernunft siegte, also humpelte ich ueber die inzwischen stockdunkle Strasse zum Centro de Salud.

Dort wurde gerade die Tuer geoeffnet, um andere Patienten rauszulassen, also schluepfte ich rein. Notdienst hatten ein Arzt und eine Schwester, die selbstverstaendlich kein Wort englisch sprachen.
„Tengo una ampolla… imflamata?“ riet ich bang. Was offensichtlich richtig war. Oder jedenfalls verstaendlich. Ich musste meinen Schuh ausziehen und mich auf die Liege setzen, bevor sie sich die Sache ansahen.
„Esta mal?“ fragte ich noch banger, aber der Arzt beachtete mich gar nicht. Er legte die Handkante auf mein Schienbein und fluesterte der Schwester zu, dass man hier wohl amputieren muesse. Ein totaler Witzbold.

Nachdem die Schwester ungefaehr 80 Liter Desinfektionsmittel auf die Blase gekippt hatte, lachte er nicht mehr. Stirnrunzelnd betrachteten sie die nunmehr gut sichtbare Blase, die offensichtlich doch schlimmer war als auf den ersten Blick erkennbar. Sie redeten miteinander und ich verstand nur „carne“. Wuerg!

Die Blase wurde gut verbunden. „Eres una peregrina? Dos dias – no caminar!“ Er hielt zwei Finger hoch. Och nee, oder?!

Damit war ich eigentlich schon fertig. Er erklaerte mir, ich solle das Ding mit Wasser und Seife waschen (das hab ich ja noch nie gehoert… aber wenn der Doktor es sagt…) und dann eine Salbe gegen Entzuendungen drauftun. Diese Salbe ueberreichte er mir, zusammen mit Zellstoff und Mull.
Angesaeuert nahm ich alles entgegen. Bald kann ich eine gottverdammte Apotheke aufmachen!

Dann war ich entlassen. Das alles uebrigens, ohne auch ueberhaupt nur meinen Namen aufzuschreiben, geschweige denn, sich meine Krankenkassenkarte anzusehen. Centro de Salud – ultrasozial! So etwas sollte es mal bei uns geben!

Ich humpelte zurueck. Und damit stellt sich jetzt leider die unangenehme Frage: Was tun, wenn ich zwei Tage nicht gehen darf und ausgeknockt bin…?

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6 Gedanken zu “Jakobsweg: 8. Etappe: Candasnos – Bujaraloz (22,9 km)

  1. Liebste Robin, da wir ja alles mitbekommen haben, was für ein heftiges Bahnunglück in Santiageo de Compostela passiert ist…. ich hoffe dir geht es gut und du warst weit weg von dieser Tragödie.

  2. Thema Kas
    Das Internet Kaufhaus das so ähnlich klingt wie Amazonen hat sowohl flaschen als auch dosen im Sortiment ich würde ob des Preis zu Porto ausnahmsweise die Dosen nehmen.
    bis bald und gute Reise

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