Jakobsweg: 9. Etappe (Zwangspause 1): Bujaraloz – Alagón (109,4 km)

Kilometer: 181,6

Die Nacht verlief recht ruhig, weil ich zum ersten Mal seit dem Anfang meiner Pilgerreise ausschlafen konnte. Das war nett, loeste aber mein Problem nicht.

Ich liess mir extrem viel Zeit und waelzte meinen Pilgerfuehrer. Die naechste Etappe haette mich nach Fuentes de Ebro gefuehrt – was 50 km entfernt war.
Das waere die Etappe gewesen, die ich vorher schon erwaehnt habe… die Etappe, die fuer mich einfach viel zu lang ist. 50 km sind fuer mich absolut unmoeglich. Mein Rekord liegt bei ca. 43 km, aber da war ich auch wirklich den gesamten Tag unterwegs gewesen (ernsthaft: mit Pausen 15 Stunden!). Mehr ist nicht drin. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich diesen Marathon damals geschafft habe (ich habe das recherchiert: Ein Marathon zaehlt auch, wenn man nicht laeuft, sondern geht!), aber ich muss das nicht unbedingt nochmal haben. Und, wie gesagt: NOCH mehr ist voellig utopisch. Vor allem bei diesem Wetter!

Deshalb ist es eigentlich gar nicht schlecht, dass ich ausgerechnet diese Etappe ueberspringe. Ich haette sie sowieso abkuerzen muessen, indem ich trampe oder in einem der Doerfer (in keinem gibt es die Moeglichkeit, zu uebernachten), durch das ich gekommen waere, mir einen Bus geschnappt haette. Jetzt ueberspringe ich sie halt komplett.
Naetuerlich koennte ich auch einfach in Bujaraloz bleiben. Aber der Ort machte mich so gar nicht an mit diesem ueblen Durchgangsverkehr und dem teuren Hostal. Ausserdem moechte ich ja vom Fleck kommen. Also: Mein Ziel heisst Fuentes de Ebro!

Ich verliess mein Zimmer um 11 Uhr und gab den Schluessel ab. Dann fragte ich, wo der Bus abfaehrt.
„Bus, nach Fuentes de Ebro? Gibt’s nicht!“ bekam ich zur Antwort. Na klasse!
Die ziemlich ueberheblichen Kellnerinnen schlugen mir leicht sadistisch grinsend vor, doch ein Taxi zu nehmen. Klar, ich hab ja auch Geld zum Scheissen! Ich will gar nicht wissen, wie viel ein Taxi ueber 50 km kosten wuerde.

Damit musste der Plan umgeschmissen werden. Das naechste Etappenziel NACH Fuentes de Ebro hiess Zaragoza, die Hauptstadt von Aragón mit 600.000 Einwohnern. Dorthin FAEHRT ein Bus, wie ich von einem Kellner aus einer Bar gegenueber der einzigen Bushaltestelle erfuhr. Leider ist die Stadt von Fuentes de Ebro 30,1 km entfernt.

Und damit, Freunde und Nachbarn, ist es leider beschlossen: Ich muss noch den Weg bis zum Kap Finisterre gehen. Das liegt noch ca. 90 km hinter Santiago und stellt die einzige verbliebene Chance dar, mein selbstgestecktes Ziel von 1000 km noch zu erreichen. Lust habe ich nicht drauf, weil meine Motivation erfahrungsgemaess gegen Null abstuerzt, sobald ich Santiago erreicht habe. Aber es sind ja nur 3-4 Tage mehr. Es muss einfach sein!

Damit hatte ich wieder ein paar Kilometer zu verbraten, was besonders gut war, weil ich absolut keinen Bock hatte, in einer so grossen Stadt 2 Tage lang zu bleiben. Also beschloss ich, danach NOCH eine Etappe zu ueberspringen und direkt weiter nach Alagón zu fahren, einem sehr kleinen Staedtchen. Damit kaeme ich auch meinem ersten Ziel, naemlich Logroño, wo ich endlich auf den Camino francés stossen wuerde, mit grossen Schritten naeher! Ich habe naemlich gruendlich die Schnauze voll vom camino catalán!

Leider fuhr der erste Bus um Viertel nach 4, also hatte ich noch unheimlich viel Zeit zu vertroedeln. Das tat ich schliesslich mit Internet und massiver Rumgammelerei in der Bar vor der Bushaltestelle.
Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, die Zeit zu nutzen, um meine Notizen zu aktualisieren und einfach zu chillen, aber ein paar besoffene Festivalbesucher machten mir einen Strich durch die Rechnung. Ja, auch diese Gruppe (etwa 8 junge Typen) wollte in die Monegros, um dort auf Elektro abzugehen, denn heute war es endlich soweit! Vorher soffen sie aber in Bujaraloz vor und machten es mir mit ihrem extremen Krach leider unmoeglich, auch nur eine Sekunde zu entspannen. Naja… Pech gehabt.
Zwei andere Typen, wesentlich aelter, fragten mich ueber den Pilgerweg aus (oder versuchten es zumindest – Sprachbarriere!). Der eine war sehr freundlich, aber der andere musterte mich abschaetzig von oben bis unten und liess seine generelle Angepisstheit deutlich heraus haengen. Als er hoerte, dass ich eine entzuendete Blase habe, machte er herablassend meine Schuhe dafuer verantwortlich und liess keinen Zweifel daran, fuer was fuer eine Dilettantin er mich hielt.

Ich moechte das hier nochmal betonen: Ein Blasenproblem meinerseits liegt NICHT an meinen Chucks! Ich bin den Grossteil des Camino del Norte voellig ohne Probleme und ohne Blasen mit meinen Converse gegangen. Und die Probleme letztes Jahr resultierten aus meiner Unfaehigkeit, genug zu trinken. Ansonsten ist es einfach toll, mit den Chucks zu laufen! Es funktioniert – fuer mich! Also koennte einfach jeder mal die Schnauze halten und mich so machen lassen, wie ich will!
Aber so ist das eben mit dem Jakobsweg… bei dem Thema mutiert fast jeder, egal ob Pilger oder nicht, zum absoluten Klugscheisser. Vermutlich, weil die meisten Menschen in ihrem Leben schon mal zu Fuss irgendwo hin gelatscht sind. Da haelt man sich halt fuer einen Experten -.-

Egal. Der Bus kam tatsaechlich nur eine Viertelstunde zu spaet und war, wie alle Busse in Spanien, voellig unterklimatisiert. Die Fahrt dauerte etwas laenger als eine Stunde. Genug Musse, um mir die Landschaft anzusehen, die ich nun doch nicht durchwandern wuerde.
Und das war irgendwie schade. Die Umgebung, durch die wir fuhren, wirkte auf mich wesentlich mehr wie eine Wueste als die Monegros. Die einzige Vegetation bestand aus kleinen Bueschen, die gerade mal Knoechelhoehe erreichten. Das waere sicher hart geworden – aber auch interessant. Doch es hatte nicht sein sollen. Tja…

In Logroño angekommen musste ich heraus finden, wie ich nach Alagón komme, aber in der Busstation konnte ich keine Information entdecken. Also mal an einem Ticketschalter fragen, ne? Nur gestaltete sich das wesentlich schwieriger als gedacht. Ueber den Schaltern waren die grossen Zielortschaften schon angegeben… aber ich hatte ja keine Ahnung, in Richtung welcher grossen Stadt ich unterwegs sein wuerde, wenn ich nach Alagón fahre. Was tun?
Letztendlich fragte ich am aeusserten Schalter, an dem „tickets immediata“ stand, was ich aber nicht checkte. Soforttickets oder wie? Was soll denn das sein? Kriegt man die anderen Tickets nicht direkt?

Gluecklicherweise war das richtig. Ich fragte nach einem Zug (die Busstation war auch gleichzeitig die Bahnstation und auf der Karte konnte ich sehen, dass durch Alagón Gleise fuehrten), hoerte dann aber ueberrascht, dass es tatsaechlich auch einen Bus gab. Eine Stunde spaeter – das war ja voll okay.
Ich kaufte ein Ticket und fragte, wo ich da nun hinmuesse spaeter. Die Station hatte naemlich ungefaehr 30 Busterminals, aber auf dem Ticket stand die Nummer nicht drauf. „Weiss ich nicht. Ich verkaufe die Tickets nur!“ bekam ich als schnippische Antwort. Die Schalterfrau laberte noch mehr, aber ich verstand kein Wort, was sie aber nicht dazu brachte, zu Englisch zu wechseln, obwohl sie das laut eigener Aussage beherrschte. Nachdem sie mein drittes „No entiendo“ ignoriert hatte, nahm ich mein Ticket und zog genervt ab.

Das hatte mich wieder mal massiv genervt. Ich meine, was soll denn das? Sie hatte auf ihrem Monitor gesehen, dass und wann der Bus fuhr, aber von wo er startete war nicht zu sehen? Meh -.-

Ich machte mich auf die Suche nach der Information. Die musste ja irgendwo sein. Ich kam aber kaum 3 Meter weit, als mich ein Typ ansprach und offensichtlich selbst ein Problem hatte. „No hablo español,“ wehrte ich ab. Das erregte sein Interesse und foerderte ein paar Brocken Englisch hervor. Ich beschwerte mich bei ihm, dass ich nicht wuesste, wo ich hinmusste, dafuer wusste er aber, wo die Information zu finden war und begleitete mich dorthin.
Das war nett. Noch netter waere es allerdings gewesen, wenn er mich danach in Ruhe gelassen haette. Nur tat er das nicht. Und je laenger er mir an der Backe hing, desto mehr wurde offensichtlich, dass der Kerl ordentlich einen an der Klatsche hatte.

So versuchte er krampfhaft, sich mit mir auf Spanisch zu unterhalten, und beendete jeden Satz damit, dass er das letzte Wort fuenfmal wiederholte – als wuerde ich eine mir unbekannte Vokabel checken, wenn er sie nur oft genug sagt! Aber selbst WENN ich das Wort kannte („baño, baño, baño“ – „Bad, Bad, Bad“) kapierte ich natuerlich trotzdem nicht, was er von mir wollte. Es war ebenfalls nicht hilfreich, dass er unheimlich leise sprach und ich ihn deswegen schon rein akustisch nicht verstand.
Nachdem er ungefaehr eine Viertelstunde lang mir auf diese Weise meine wohlverdiente Raucherpause vor der Busstation zerstoerte, war ich irgendwann mit den Nerven am Ende. „No entiendo!!!“ rief ich zum sicher zehnten Mal. Und irgendwann checkte er, dass ich keinen Bock mehr auf ihn hatte und zog ab. DANKE!!!

Die Busfahrt verlief ereignislos, auch wenn ich extrem nervoes war, weil ich Angst hatte, die richtige Station zu verpassen. Das war dann aber kein Problem.
In Alagón angekommen war natuerlich mal wieder eine ausgedehnte Herbergssuche angesagt. Zur Abwechslung gab es auch in diesem Ort keine Pilgerherberge. Allerdings kannte mein Pilgerfuehrer ein Hostal. Ich hoffte auf etwas guenstiges, da die Stadt allerdings keinen touristischen Eindruck machte und nichts besonderes zu bieten hatte, dachte ich, meine Chancen stuenden gut.

Ich machte mich auf den Weg durch die Stadt. Und dabei fiel mir zum wiederholten Male etwas auf, was einfach nur extrem unangenehm ist: Ich wurde mit meinem grossen Rucksack und meinem maechtigen Pilgerstab angestarrt wie ein Alien. Selbst, wenn ich angepisst zurueck starrte, wandten die Leute ihre Blicke nicht ab. Ich fuehlte mich wie unter einem verdammten Mikroskop!
Es half nix… ich biss die Zaehne zusammen, kuckte zu Boden und lief weiter. Es ist nicht schoen, von so vielen Menschen gleichzeitig angeglotzt zu werden. Vor allem nicht auf diese „Was geht den mit DER Alten ab“-Art. Das ist etwas, was mir auf dem camino francés niemals passieren wuerde! Auch da kucken die Leute, aber wesentlich weniger penetrant, da sie an Pilger gewoehnt sind, und vor allem freundlich! Meist wird das dann noch mit einem „Buen Camino!“ begleitet. Wird Zeit, dass ich endlich dort hin komme! Das hier macht mich langsam krank!!

Ich fand das Hostal und erfuhr, dass eine Nacht 30 Euro kostete. Aber nee, fuer Pilger mit Preisnachlass, also nur 27 Euro. Na super. Waere ich in Burajaloz doch billiger weggekommen, wenn auch nicht viel -.-

Vor dem Hostal sassen ein Haufen schick angezogener Leute mit Trommeln und anderen Instrumenten. Bevor der Hospitalero mich in mein Zimmer fuehrte, fragte seine Frau, ob ich nicht Lust haette, mir die Prozession zu „Maria Magdalena vírgen“ anzusehen. Die waere nur einmal im Jahr! Voll krasser Scheiss, darf man nicht verpassen!
Ich musste ablehnen. Ich war heute nicht gegangen, allerdings war ich trotzdem ziemlich zerstoert. Es war ja inzwischen schon 8 Uhr. Ausserdem habe ich in meinem Dorf schon viele Prozessionen gesehen und verspuerte nur wenig Interesse, mir die spanische Version davon anzutun. Obwohl es das erste Mal war, dass jemand in meiner Gegenwart Maria Magdalena als Jungfrau bezeichnete. Laut meinen Informationen war sie ja doch eindeutig keine gewesen. Naja, das machte mich schon neugierig, aber nicht genug, um der Festivitaet beizuwohnen.

Das Zimmer war kuehl und okay, ein Raucherzimmer wie alle Hostalzimmer, die ich bisher gehabt hatte. Das muss man sich mal vorstellen! Ist sowas in Deutschland ueberhaupt noch erlaubt?

Den Rest des Abends (von einem kurzen Ausflug in einen nahen Supermarkt abgesehen) lag ich auf dem Bett auf den Ruecken, starrte zur Decke und rauchte. Ich fuehlte mich wie in einem dieser 20er-Jahre-Krimis, in denen alles schwarzweiss ist und die Frauen mitten an einem normalen Tag in Cocktailkleidern im Buero eines Privatdedektivs auftauchen, um ihn wegen ihres untreuen Ehemannes oder sowas zu engagieren. Fehlte nur noch der sich langsam drehende Ventilator an der Decke. Allerdings hatte ich auch hier wieder eine Klimaanlage und das war immerhin nahe dran (auch wenn diese Papierfetzen fehlten, die daran flattern konnten).

Mein Fuss fuehlte sich im Uebrigen okay an. Mich hatte sogar inzwischen der Verdacht beschlichen, dass ich mit der entzuendeten Blase doch haette weitergehen koennen. Der Arzt war einfach nur besonders uebervorsichtig gewesen. Aber jetzt war ich schon mal hier und wuerde auch noch einen weiteren Tag zum Auskurieren bleiben, beschloss ich. Auch wenn das Hostal so teuer war. Aber wenigstens durfte ich auf dem Zimmer rauchen.

Zwangspause mit Kettenrauchen – man muss schon ueber Kleinigkeiten dankbar sein…

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6 Gedanken zu “Jakobsweg: 9. Etappe (Zwangspause 1): Bujaraloz – Alagón (109,4 km)

  1. Bin auf Dein Blog über den Jakobsweg gekommen und da ich wissen wollte warum Du ihn gehst bzw. wieder gehst habe ich am Anfang angefangen. Da Du so ausführlich schreibst bin ich erst im Februar 2013 und bzgl Jakobsweg noch kein bisschen schlauer, die Augen tun wir weh, aber ich bin um viele Erfahrungen reicher. Du schreibst sehr gut und es ist eine Freude es zu lesen. Werde mich weiter „durchkämpfen“.

    Dir gute Besserung. Ich bin einmal die letzten 250km vom Jakobsweg gegangen und hatte nach 3 Tagen einen Ausschlag auf der Fußoberfläche bekommen. So was von nutzlos, aber in der Apotheke waren sie ganz entspannt und wenn ich es richtig verstanden habe, war es in den Wanderstiefeln einfach zu warm. Ich habe durch „Deinen“ Jakobsweg wieder die Erinnerung an „meinen“ reaktiviert und es ist ein schönes Gefühl.

    Alles Gute und der Weg ist das Ziel

  2. Hmm… fast eine Woche keine Neuigkeiten… 😦

    Ich hoffe, die Blase ist längst Geschichte und Du denkst nicht weiter über die km-Zahl nach!!
    Meinen Respekt hast Du auch mit 900 und 800 km Wanderung!!! 🙂

  3. Huhu Robin!
    Geht es denn bald weiter mit deinen Erlebnissen? Ich lese sie sehr gerne. Aber solange dich nur erfreuliche Dinge vom schreiben abhalten, soll es mir recht sein.
    Liebe Grüße
    Bloona

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