#nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich)

Erst muss ich mal ein Geständnis machen. Aufgepasst. Wird hart. Fertig? Also los:

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Nudeln mit Ketchup gegessen.

Also, Nudeln mit Ei und Ketchup, okay, öfter. Oder Nudeln mit zu wenig Käsesoße, aufgepeppt mit Ketchup. Aber einfach nur Nudeln mit NUR Ketchup, daran kann ich mich nicht erinnern.

Trotzdem steht dieses Gericht auch bei mir metaphorisch für Elend, Armut, am-Existenzminimum-herum-krebsen. Deshalb habe ich diesen Hashtag vorgeschlagen.

Aber warum eigentlich? Mal ein bisschen Chronologie:

Gestern also dieser doofe Spiegelartikel, dessen Titel ich schon Stunden vorher gelesen hatte, ohne ihn anzuklicken, weil ich mir schon dachte, dass sich da nichts grandioses hinter versteckt, den ich dann aber doch lesen musste, nachdem sich einige Leute in meiner Timeline über ihn aufregten.
Tatsächlich fand ich ihn relativ harmlos. Das Schlimmste daran war eigentlich, dass er einfach nicht sonderlich witzig ist (um eine Bloggerkollegin zu zitieren: „Das ist doch nicht lustig :/“). Aber manchmal verursachen auch Nichtigkeiten eine Lawine, vor allem, wenn das Geröll schon unterspült ist und ständig noch ein paar Brocken hinzu kommen, die das gesamte Gebilde zum Beben bringen.

Aber ich greife vor. Jedenfalls hat mich diese locker-elitäre Scheißegalhaltung des Autors ein bisschen genervt. Zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr. Das ist einfach eine Art Klassismus, die einem viel zu oft begegnet, als dass es mich noch groß stören könnte, und eigentlich kann er persönlich ja auch nichts dafür, aus einer Akademikerfamilie zu stammen (falls es denn stimmt) und gar nicht zu wissen, was für ein Scheißglück er hatte, gleich dreimal studieren zu können.
Aber ja, es nervt halt. Also gab ich ein Statement ab, das noch gar nicht so sehr gegen irgendjemand im Speziellen ging:

Damit hätte es eigentlich schon erledigt sein können (abgesehen von meiner leichten Verwunderung, dafür für meine Verhältnisse so viele Retweets zu kassieren – ich bin normalerweise schon wegen einem überglücklich). Aber dann fing @harryliebs an, ein paar Erlebnisse zu twittern, z.B. das hier:

Und da wurde mir klar: Das braucht doch nen Hashtag!

Zusammen mit @harryliebs und @Marenleinchen66 gab es dann ein bisschen Brainstorming, bis der Hashtag das Licht der Welt erblickte. Ich posaunte es raus, schrieb ein paar Tweets und ging schlafen.

Und jetzt? Dieser gottverdammte Hashtag ist momentan Platz 1 in den Trends und ich hab plötzlich 50 Follower mehr (wenn man bedenkt, dass ich vorher nur 83 hatte…!).
Das muss man sich mal reinziehen!!! Vorgestern, als sich ein neuer Follower zu mir verirrte, dachte ich noch: „Yay, wenn es so weiter geht, bin ich in ein paar Monaten dreistellig! Meinen 100. Follower begrüße ich dann aber persönlich!“ – Und jetzt ging das über Nacht so schnell, dass ich gar nicht sehen konnte, wer jetzt Nummer 100 gewesen war o.O

Das macht mich ein bisschen stolz (irrationalerweise – ich hab ja eigentlich nix gemacht). Aber während ich wirklich versuche, alle #nudelnmitketchup-Tweets zu lesen, gibt es natürlich darunter (neben dem üblichen Getrolle) auch reflexartig Kritik. Zumindest einen Kritikpunkt – nämlich, dass es uncool ist, nur über Klassismus im Unialltag zu tweeten – kann ich sogar nachvollziehen.
Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich eh nicht glaubte, irgendjemand außer zwei oder drei der Follower, mit denen ich mich öfter unterhalte, würde den Hashtag benutzen. Ich bin gleichzeitig aber heilfroh, dass ein anderer Vorschlag (#art26, nach Artikel 26, dem „Recht auf Bildung“ in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) verworfen worden ist, denn DER wäre dann wirklich nur auf Schul- und Unialltag beschränkt gewesen. #nudelnmitketchup hingegen darf gerne für alle Klassismuserfahrungen benutzt werden, die es so gibt – es würde mich sogar freuen.

Dennoch nervt es mich extrem, wenn einige, die sich quasi berufsmäßig mit Privilegien welcher Art auch immer beschäftigen, direkt eine solche Aktion kritisieren, weil es Leute „ausschließt“ oder „unsichtbar macht“, und anregen, doch direkt mal eine Diskussion über die Strukturen und Mehrfachdiskriminierungen etc. anzufangen.
Sorry, aber das ist mir zu akademisch und in meinen Augen auch ein Klassismus. Und genau daran krankte auch diese sogenannte „Klassismus-Debatte“ (die in meinen Augen keine war – zwei oder drei saudumme „Beschwert euch nicht!“-Artikel neben vielen, vielen krassen Erfahrungsberichten von Betroffenen machen noch keine Debatte!), von der im März die Rede war und von der ICH beispielsweise an prominenter Stelle ausgeschlossen wurde, weil ich mit der Meinung mancher Leute nicht konform gehe, was ich einfach nur unglaublich verletzend fand (mich allerdings nicht sonderlich überraschte).
Ich finde es okay, erst einmal Erfahrungsberichte zu sammeln, ein Bewusstsein zu schaffen. Muss man das innerhalb kürzester Zeit akademisieren?
Sollte das Hashtag noch ein paar Stunden überleben, wird sich diese Frage leider nur allzu schnell beantworten -.-

Für mich persönlich stellt sich jetzt allerdings ein anderes Problem, wenn ich die ganzen Tweets lese. Ich fange an, mich schlecht zu fühlen, wenn ich von Leuten lese, die tatsächlich oft nichts anderes zu essen hatten. Das ist einfach nur so megascheiße und tut mir unheimlich leid.
Ich wäre wahrscheinlich öfter auch nicht drumrum gekommen, wenn ich nicht vom Land käme und wir nach der Maxime leben würden: Hauptsache Essen auf dem Tisch, der Rest ist Luxus. Zwar esse ich auch heute noch meistens nur Nudeln, aber wenigstens habe ich eine ordentliche Soße dazu (= passierte Tomaten mit Gewürz und vielleicht Käse und so). Denn auch in der Zeit, als es mir finanziell am schlechtesten ging und ich nach Abzug aller Fixkosten noch 200 Euro zum Leben hatte, habe ich davon erst Essen gekauft und wenn dann nichts mehr übrig war, musste ich halt kucken, wie ich mich den Rest des Monats selbst unterhalte (zum Beispiel, indem ich mich hinsetzte, um meine einzige Jeans zu flicken).

Inzwischen geht es mir etwas besser. Ich befinde mich momentan in einer seltsamen Grauzone. Ich habe tatsächlich 30.000 Euro Schulden wegen meines Studienkredits – aber ich habe auch 3000 Euro auf meinem Girokonto. (Richtigerweise müsste ich also von 27.000 Euro Schulden reden. Man möge mir es verzeihen.)
Das Geld habe ich in den letzten zwei Jahren gespart, als ich endlich einen Job fand. Der Lohn besserte meinen monatlichen Studienkredit in einer Weise auf, die mir endlich ein wenig Luft verschaffte. Heute kann ich sagen, dass ich mich nicht mehr in einer Kneipe an einem Cola festhalten muss, weil es für mehr nicht reicht, sondern auch mal auf den Putz hauen kann, wenn ich will.

Aber oft genug, wenn ich gerade irgendwo stehe und was sehe, was ich haben will und ich einfach glücklich bin, weil ich es mir LEISTEN KANN – oft genug fallen dann urplötzlich meine Schulden auf mich herab wie das Beil einer Guillotine. Und das war’s dann mit der Freude.

Ich denke, ich bin weit davon entfernt, wirklich arm zu sein. Das ist mir klar, das habe ich auch schon in meinem ersten Beitrag über Klassismus heraus gestellt, hoffe ich. Dennoch habe ich einige unschöne Dinge erlebt, bin genervt von Kommilitonen, die einfach nicht checken, dass nicht jeder so viel Geld hat wie sie, kenne das Gefühl, wenn plötzlich 5 Euro fehlen und man nicht weiß, wen man anpumpen soll, weil man sich so schämt.

Natürlich sind das alles irgendwie first world problems. Ich hätte ja auch einfach eine Lehre machen können, wie mir meine Oma nicht müde wird vorzuhalten. Auch will ich auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, alle meine Probleme resultierten aus klassistischen Benachteiligungen. Da spielt noch sehr viel mehr mit rein, unter anderem ein paar persönliche Befindlichkeiten und dann auch noch schlicht die Tatsache, dass ich ebenfalls ein Uni-Loser bin. Ich hätte schon vor Jahren fertig sein können – dass ich es nicht bin, daran hat z.B. der aus finanziellen Gründen nicht zu vermeidende Umstand, oft bis spät nachts oder früh morgens arbeiten zu müssen und dann am nächsten Tag einfach zu kaputt zu sein, um ein Unibuch in die Hand zu nehmen, nur marginal Anteil.

An vielen, vielen Dingen bin ich selbst Schuld. An anderen aber halt auch nicht. Und das ist scheiße – unabhängig davon, dass ich die größte Scheißzeit hinter mir habe und endlich Hochdeutsch kann und der ganze andere Schrott.

Gleichzeitig heißt das jedoch nicht, dass ich andere nicht sehe, denen es viel dreckiger geht, ob sie jetzt studieren oder nicht. Ich hoffe einfach sehr (gegen besseres Wissen…), dass diese unbedarfte Aktion, die plötzlich zu einer Lawine wurde, die für mich viel zu groß ist (was aber doch auch nur deutlich zeigt, wie unzufrieden viele mit dem bestehenden System sind), weiter geht, ohne dass es plötzlich in einer Schlägerei nach allen Seiten ausartet und jeder dem anderen die Butter auf der Stulle nicht gönnt. Man kann sich über bestehende Ungerechtigkeiten beschweren, ohne die Leute zu vergessen, denen es noch viel schlechter geht.
Ich frage mich immer, ob Leute, die so etwas anprangern, null multitaskingfähig sind, denn ich kann in der Tat an beides gleichzeitig denken (und noch einiges mehr).

Vergessen wir doch bitte nicht die wahren Feinde. Nämlich die Bonzen da oben :mrgreen:

Einer davon schreibt jetzt also für Spiegel Online. Wie gesagt – ich gönne es Leuten wie ihm ja, nicht bedürftig zu sein. Wenn ich studierte Eltern hätte und die Möglichkeit, gleich dreimal ein Studium anzufangen, hätte ich es vielleicht auch gemacht. Nur ist das eben halt auch keine Leistung. Das scheinen er und die anderen Wohlstandsbubis leider oft zu vergessen, wenn ich mir jetzt ansehe, wie er sich über #nudelnmitketchup lustig macht. Dabei fing er gerade an, mir Leid zu tun, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass er den jammerigen sexistischen Unterton und den subtilen klassistischen Hauch, der sich durch seinen Text zieht, wirklich bewusst beabsichtigt hat, und er dieses ganze Gebashe vielleicht nicht verdient hat.
Aber naja, das war halt einmal -.-

Er wird jetzt also bald „Literarisches Schreiben“ studieren. DAS wäre ja was. Ein absoluter Traum für mich. Stattdessen studiere ich Lehramt, also was langweilig-bodenständiges, weil ich mir allein den Gedanken, später vielleicht aufgrund eines unnützen Abschlusses, der auf einem reinen Interessenstudium basiert, keinen Job zu haben, nicht leisten kann (ich werde trotzdem mit aller Kraft versuchen, eine gute Lehrerin zu sein, wenn es mal soweit ist – aber mein Lebenstraum ist es halt nicht gerade).

Ich würde mir wünschen, dass er und alle anderen, die sich jetzt so smart darüber lustig machen, vielleicht irgendwann verstehen, wie es ist, nicht alle Möglichkeiten offen stehen zu haben.

Aber auch das ist wohl nur so ein blödsinniger Traum.

EDIT: Auch wenn es wirklich nicht in meiner Absicht lag, da irgendjemanden die Idee zu klauen, und ich auch schwöre, während unseres kleinen Brainstormings nicht daran gedacht zu haben, möchte ich @dressedasahumans kürzlich erschienenen Artikel erwähnen, der zufälligerweise ebenfalls den griffigen Titel „Nudeln mit Ketchup“ trägt und sich unter anderem mit Klassismus beschäftigt. Ich wollte @dressedasahuman sicher nicht verletzen (ich käme mir allerdings auch verarscht vor und verstehe die Befremdung). Und noch weniger möchte ich den selben Fehler wiederholen, den andere, wie erwähnt, an mir begangen haben.

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16 Gedanken zu “#nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich)

  1. *Er wird jetzt also bald “Literarisches Schreiben” studieren. DAS wäre ja was. Ein absoluter Traum für mich. Stattdessen studiere ich Lehramt, also was langweilig-bodenständiges, weil ich mir allein den Gedanken, später vielleicht aufgrund eines unnützen Abschlusses, der auf einem reinen Interessenstudium basiert, keinen Job zu haben, nicht leisten kann*

    Sie singen unser Lied, Schwester.
    Das ist auch so´n Arbeiterklasseding. So stolz, wohlwollend und unterstützungsbereit mein Mütterlein ist, das sähe ganz anders aus, würde ich romanische Philologie des 17. Jhdts. (oder so ^^) studieren.
    Es muss was „anständiges“ sein.

      • hRhR
        Und ich kann sagen, dass ich dich(deine(n) Blog(s)) schon kannte, bevor du fame warst 😀
        😉

        Schoenes Wochenende wuensch ich.

      • Coole Sache. Du solltest Deinen frühen Follower „Follower_Ausweise“ geben, damit wir „beweisen“ können, dass wir Dich bereits vor Deinem Durchbruch kannten.;) Ich finde den Eintrag sehr gut. Insbesondere weil Du feststellst, dass es andere gibt, denen es schlechter geht. Man wird immer jemanden finden, dem es schlechter geht. Meistens schaut man immer nur nach oben, den es gibt auch immer einen, dem es besser geht

  2. Da kann man sich auch gut reinsteigern in den Artikel. Mich aergert das schon, wenn ich an so manche fruehere Komilitonen denke oder an Studenten die ich betreut habe und dann kommt so einer daher und jammert rum wegen solcher Nichtigkeiten. Weshalb Ihr beide euch auch als Uni-Loser bezeichnet wundert mich doch ein wenig. Ich glaube kaum, aber das ist zumindest mein Eindruck, dass Ihr euch gar so deppert anstellt. Also ich wuerd euch sicher nicht auf die gleiche Stufe wie diesen Kasperl da stellen.

  3. Du sprichst mir aus der Seele. Hast deswegen jetzt auch einen Follower mehr bei Twitter 😀 Nee, aber mal im Ernst, ich fand den Artikel auch ziemlich daneben, schon allein wegen den bösen bösen Volvic-Mädchen und der noch böseren Prüfungsamttante. Mal ganz ehrlich, ich hab im Studium ganz andere Sachen erlebt und wenn ich einfach so abgebrochen hätte … tja … dann würde ich jetzt irgendwo eine Ausbildung machen, weil ein zweites Studium finanziell niemals nie drin gewesen wäre. Ich war bei weitem auch nicht die fleißigste und habe mich mit vielen Kommilitonen nicht verstanden, aber deswegen muss ich noch lange nicht meine Faulheit zelebrieren, nur um dann letztendlich in ein traumhaftes Studium zu schlittern. Hmpf.

  4. Schade, dass ich Twitter nicht mehr benutze! Herzlichen Glückwunsch zu deiner Hashtag-Revolte! 😀

    Du bringst genau das auf den Punkt, was mich die ganze Zeit bei diesem Uni-Loser genervt hatte- die Selbstgefälligkeit eines Akademikerkindes -.-
    Ich bin auch „Arbeiterkind“, auch wenn mein Vater mich noch finanziell unterstützen kann. Auch wenn ich nich weiß, wie es ist, am Existenzminimum zu leben und jetzt selbst wohl klassistisch klinge, kenne ich auch diese Frustration, wenn man sich teure Lehrbücher einscannen muss, wenn Kommilitonen von ihren Auslandsaufenthalten in Island und Norwegen (beides arschteure Länder) erzählen und einen mitleidsvoll angucken, wenn man vom Urlaub bei Verwandten in Polen erzählt.
    First World Problems im Gegensatz zu deinen Tweets, ich weiß.

    Und zum Uni-Loser zurückzukommen: meine Eltern würden mir den Vogel zeigen, wenn ich dreimal den Studiengang wechseln wollen würde, und mir dann sämtliche finanzielle Unterstützung streichen. Sie unterstützen mich bei meiner Entscheidung zu studieren, meinten aber, „wenn du bloß rumprobieren willst, bezahl das selbst!“

  5. Vorweg, guter Beitrag, mir geht es ähnlich, ich war nie mit Reichtümern gesegnet und habe mein Studium weitgehend selbst finanziert und konnte mir auch vieles nicht leisten und hab mir immer (bis heute) ein Loch in den Bauch gefreut, wenn ich mal was leisten konnte. Ich kann deine Überlegungen gut nachvollziehen 🙂 Über den Autor mit den multiplen Lebensläufen und dass er für diese nicht sonderlich interessanten und weinerlichen Artikel auch noch Geld erhält…verliere ich kein Wort. Der ist nicht nur Akademikerkind sondern auch noch höchst priviligiert und weint rum….. ach ja, passt ja zum Thema.

    Nun gut etwas off-Topic aber mit Einverständnis der Blogbetreiberin 😉

    Also, zum Thema Schuldgefühle und Privilegien.
    Ich glaube, es herrscht möglicherweise ein Mißverständnis im Kontex mit Privilegien vor. Das Beispiel mit den von dir im Tweet erwähnten Schuldgefühlen Priviligierter, weil es ihnen besser ging. Für Privilegien kann erst mal niemand was. Ich glaube auch nicht, dass priviligierte Menschen bewußt eine Diskussion an sich reißen.

    Dennoch sehe ich es so, dass die Schuldgefühle (damit meine ich nicht was du oben geschrieben hast) Priviligierter ein Weg sind, sich die Aufmerksamkeit wieder zu sichern. Das ist Teil des Privilegs, dass bestimmte Menschengruppen gewohnt sind, als Teil des „Norm-alen“ automatisch Aufmerksamkeit zu haben. Dann tauchen plötzlich Menschen auf, die als „Rand“ betrachtet werden (selbst wenn es noch so viele sind, die Norm soll anders sein) und sich Gehör verschaffen und Aufmerksamkeit bekommen. Und „plötzlich“ tauchen Äußerungen auf, die dahin ziehlen (mal weinerlicher mal aggressiver) dass diese Artikulation der Menschen, die nicht die „Norm“ vertreten Schuldgefühle mache. Und plötzlich kümmern sich die mitfühlenden und verständnisvollen wieder um die Priviligierten als die bekommen wieder mehr Aufmerksamkeit. (Das ist ja genau das, was in der „theorie“ mit „Derailing_Ablenken“ bezeichnet wird. Die Theorie zu Privilegien und Klassismus versucht letztlich ja nur diese Phänomene zu erfassen.)

    So wird das Privileg gesichert. Für mich ist das eine Dynamik und muss überhaupt nicht bewusst ablaufen.

    Wie ich schon twitterte, ich verstehe nicht, wieso es so schwer ist, einfach mal zurück zu treten und zu sagen: oh, da ist ja eine Welt, die ich nicht kenne, hier gehts nicht um mich, ich höre erst mal zu und lasse diesen Menschen den Raum. Auch wenn ich nichts dafür kann, dass ich priviligiert bin, ist es für mich das mindeste, dass ich mich nicht ständig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen muss.

    Was die manchmal aufkommende Heftigkeit solcher Diskussionen angeht, denke ich, wenn Leute auf einmal mit einem Thema konfrontiert sind, dass nicht der „Norm“ entspricht, wird das Thema viel heftiger wahrgenommen, weil es eben aus der Norm fällt und das erzeugt scheinbar bei Leuten, die sich damit (noch) nicht beschäftigt haben, das Gefühl, die anderen seien so heftig. Daraus resultieren dann so Äußerungen, wie: Ja, euer Anliegen ist vielleicht nachvollziehbar, wenn ihr nur nicht so heftig wärt.“ Dabei übersehen die Priviligierten, weil sie es ja auch nicht anders kennen, wie heftig es für Menschen ist, ständig unsichtbar, marginalisiert und mundtot gemacht zu sein, sie übersehen, dass es ihnen nur so heftig vorkommt, weil es neu erscheint. Das wird dann halt mit dem „sachlichkeits-unsachlichkeits-Argument abgeschmettert. Denn „Sachlich“ sind ja die Emotionen, die von der „Norm“ bzw. den Priviligierten akzeptabel gefunden werden.

    Und natürlich kann es auch sein, dass ich an der einen Stelle priviligiert bin und an einer anderen nicht. Aber das Artikulieren von Situationen durch andere, mit denen ich im Leben nicht so konfrontiert war, macht doch meine Erfahrungen weder kleiner noch größer.

    Persönlich halte ich Schuldgefühle im Privaten, wie auch größeren Kontext für sehr schwierig, weil sie einen gewissen Egoismus enthalten. In meinem Schuldgefühl geht es mir ja wieder um mich und nicht um die andere Person. Also, ich bau Scheiße und verletze beispielsweise jemanden. (Das passiert zumeist unabsichtlich, wenn ich davon ausgehen müsste, dass jemand absichtlich verletzte, hielte ich die Person für eine*n Sadist*in und würde sie umgehend meiden.) Diese Person spricht mich darauf an und anstatt angemessen auf ihre Verletztheit einzugehen, Z.B. oh, das tut mir echt leid, dass ich dich da verletzt habe, das war mir nicht klar, welche Gefühle mein Verhalten bei dir ausgelöst haben (Anerkennung des Gefühl der anderen, Verantwortung für das eigenen Verhalten übernehmen, das ist im übrigen, was ich meine, wenn ich sage, eins sei auch für ihre unbewußten Handlungen verantwortlich) bekomme ich Schuldgefühle und fühle mich mies und oft genug geht es dann um mein mies Fühlen und nicht mehr um die verletzen Gefühle der anderen Person.

    So, ich hoffe, einigermaßen klar geschrieben zu haben, worum es mir bei dem Thema Schuldgefühle und dadurch Ablenken von Themen bzw. wieder auf sich selbst die Aufmerksamkeit umlenken.

    • Hi,

      also, ich glaube, an sich sind wir gar nicht so weit voneinander entfernt… ich versuche mal, meine Ansicht auseinander zu dividieren:

      Also, ich finde, es gibt mehrere Arten, mit als Nicht-Betroffener mit „Schuldgefühlen“ auf so etwas zu reagieren. Einmal sind es die, denen durch gehäufte Berichte über Benachteiligungen wirklich erstmals bewusst wird, dass es hier einen Missstand gibt, und das macht sie betroffen. Manche artikulieren das dann („Ich fühle mich schuldig/schäme mich“ etc.). Dass es dafür keinen Grund gibt, siehst du ja genauso (ist leider auch nicht mehr selbstverständlich).

      Nun kann das schon ein bisschen nerven. Aber ich glaube dennoch weiterhin nicht, dass sowas in bösartiger Absicht passiert. Ob das jetzt dazu dient, un(ter)bewusst wieder den Normzustand herzustellen, in dem der Sprecher zu den privilegierten Menschen gehört, die es gewöhnt sind, im Mittelpunkt zu stehen – das weiß ich nicht. Ich glaube, es ist einfach menschlich. Wir haben keine andere Wahrnehmung als unsere eigene, daher können wir auch alles, was um uns herum passiert, nur an uns selber messen. Auf dieser Basis kann ich verstehen, wenn Menschen, die tatsächlich bisher nicht dachten, dass es überhaupt ein Problem gibt, erstmal schockiert sind und das auch verbalisieren (müssen), indem sie ihr eigenes Empfinden zu dieser Sache kundtun.

      Ich sehe das als eine etwas unbeholfene Art der Solidaritätsbekundung. Wenn jemand anderes so getroffen ist von Erfahrungsberichten, dann heißt das ja im Grunde nichts anderes als „Ich erkenne an, dass du Probleme hast und diese schlimm sind (denn wäre es nicht so, würde es mich ja nicht schockieren)“.

      Wenn es dabei bleibt und nicht in Jammerei ausartet, weil diese Person jetzt so gar nicht damit klar kommt, zu einer angeblich bösen, da privilegierten Mehrheit zu gehören (und ich dann denke: „Oh, MIMIMI!!!“), ist für mich eine Grenze eindeutig überschritten. Allerdings habe ich das auch noch nicht erlebt. Es blieb meist bei Einzeläußerungen.
      Und das finde ich okay. Es ist nicht ideal, aber, wie schon gesagt: Deswegen jetzt eine Diskussion anzufangen, um den Menschen klar zu machen, dass sie jetzt nur versuchen, ihren Normzustand wiederherzustellen (was sicher den wenigsten bewusst ist) lohnt schlicht den Aufwand nicht. Außerdem (das ist etwas, was ich gar nicht ab kann): Diese Menschen sind ja auf der Seite der Betroffenen. Gerade nach #aufschrei habe ich einige Statements gelesen, in denen Männer, die sich betroffen zum #aufschrei geäußert haben, in der Luft zerfetzt worden sind – aus den Gründen, die du ansprichst. Ich finde das kolossal kontraproduktiv. Warum Leute so vor den Kopf stoßen, die durch ihre Reaktion deutlich zeigen, dass sie z.B. in Zukunft darauf achten und entsprechendes Verhalten vermeiden wollen etc.pp.? Dadurch erzeugt man nur eine Abwehrhaltung, denn niemand lässt sich gerne anfahren, erst recht nicht, wenn er (auf vielleicht nicht gänzlich ideale Art) nur nett sein wollte.

      Eine solche Haltung lässt außerdem außer Acht, dass manche Beiträge etc. tatsächlich bewusst darauf ausgelegt sind, Schuldgefühle zu erzeugen. Da werden dann wortreiche Entschuldigungen und Selbstkasteiungen huldvoll entgegen genommen.

      So, was mich dagegen extrem stört, ist sowas wie das hier: klick
      Ich habe nicht die geringste Ahnung, was die Autorin für ein Problem hat, aber offensichtlich hat sie sich jetzt in ihrer Abwehrhaltung verbarrikadiert und lässt keine Änderung mehr zu, selbst wenn man ihr nur sagt, dass keine schlechten Gefühle erzeugt werden sollten. Finde ich ehrlich zum Kotzen.

  6. Sorry, ich hab’s nicht so mit twitter und muß deshalb mal ganz dumm nachfragen:

    Haben da jetzt ernsthaft – so habe ich das nämlich verstanden -irgendwelche Leute gesagt, Deine Aktion sei unangebracht, weil es Menschen gibt, denen es schlechter geht als deutschen Studis mit wenig Geld?

    Wenn ich das richtig verstanden habe: Waren dieselben Leute auch gegen #aufschrei, weil es deutschen Frauen nach einer sexuellen Belästigung immernoch besser geht als fast allen Kindern in Afrika?

    Würd mich echt mal interessieren.

    PS.: Wenn ich den Text von diesem Jüngelchen so lese fände ich fast den Hashtag #leeres_stroh noch angemessener; (darfst Du übrigens gerne benutzen, falls er Dir mal passen sollte *g*) unfaßbar, daß SpOn für sowas nichtiges Geld bezahlt haben soll.

    • Ja, das habe ich tatsächlich öfter gelesen. Auch nachdem ich klar gestellt habe, dass andere klassistische Erfahrungen gerne auch gepostet werden dürfen :/

      Bei der Diskussion, von der ich oben drüber sprach, ging es allerdings um angeblich erzeugte „Schuldgefühle“, obwohl das nie im Leben meine Intention war. Aber so einfach kann man es sich machen, ein kleiner Versuch, etwas zu ändern oder zumindest ein Bewusstsein zu schaffen, schlecht zu reden :/

  7. Pingback: Awareness: Ein Nachtrag an meine Kritiker | robins urban life stories

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