Die Tränen der Väter

Ich war da mal mit so nem Typen zusammen. Und weil ich eigentlich keine Beziehung anfange, ohne die altmodische Hoffnung zu hegen, mich dieses Mal für immer und ewig zu binden, habe ich mir damals weit vorauseilend, so ganz im Stillen und nur für mich allein schon mal Gedanken um Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen etc. gemacht.

Und nach einer recht kurzen Nachdenkphase schien für mich die logischste Lösung darin zu bestehen, dass ER Elternzeit nimmt und nicht ich.

Natürlich dachte ich hier an die Zukunft, also an die Zeit, in der meine Ausbildung abgeschlossen ist. Die Vorteile lagen für mich auf der Hand: Auf der eine Seite ich als Lehrerin, deren Arbeitszeit außer Haus höchstens bis in den frühen Nachmittag geht, oft aber auch schon früher beendet ist; darüber hinaus gibt es ja noch die vielen Ferien. Natürlich muss dennoch extrem viel vor- und nachbereitet werden, aber das lässt sich ja sehr gut nach Hause verlagern (und wird von den meisten auch so gemacht).
Dagegen er: Schichtdienst, längere Arbeitszeiten, hohe psychische und physische Belastung. Und dafür bekam er nur die Hälfte von meinem späteren, hypothetischen Gehalt.

Sprich: Er würde nach der Arbeit oft zu kaputt sein, um überhaupt was von seinem Kind zu haben, schlafen gehen, wenn es gerade wach geworden ist (was doppelt unschön für das Kind ist: Erstens hat es nichts von seinem Papa und zweitens muss es dann zuhause auch noch still sein, während er schläft), viele der wichtigen Momente verpassen, die in der Baby- und Kleinkindzeit so wichtig sind und eine Bindung schaffen. Und ich? Wäre selbst bei voller Arbeitszeit mittags zuhause – meilenweit idealer, selbst wenn ich dann noch weiter arbeiten muss. Man wäre ja zumindest in Rufweite, ne.

Das war meine kleine Vorstellung als total verliebtes Mädchen.
Aber mein Ex hat davon nie etwas erfahren.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er auf einen solchen Vorschlag reagiert hätte. Und seine Eltern. Und MEINE Eltern. Und seine Freunde. Und MEINE Freunde. Einige wären vielleicht zu höflich gewesen, um was zu sagen, aber da sich vor allem meine Familie gerne mit herablassender Häme schmückt, hätten wir uns das vermutlich für den Rest unseres Lebens anhören müssen.
Ein Mann in Elternzeit! Wie weibisch!

So ist das halt. In einer Welt, in der Frauen Jungs aktiv davon abhalten, beim Spülen zu helfen, weil „ich das irgendwie nicht will, wenn auch Mädchen dabei sind“ (Halt’s Maul, Oma…) ist ein Mann, der daheim bleibt, um sich um das Baby zu kümmern, während die Frau arbeiten geht, ein absolutes Kuriosum, ja, geradezu ein Ärgernis. Leider war und ist das MEINE Welt, eine Welt, die mir nach all den Jahren, in denen meine angeblich so unmädchenhafte Art ein beständiger Streitpunkt war UND IST, immer noch im Nacken sitzt, immer noch an mir nagt, mich immer noch fast wahnsinnig macht. Eine Welt, in der ich mir von der Hälfte meiner Familie todlangweilige Erfahrungsberichte mit dem neuen Wunderputzlappen von QVC anhören muss, während die andere Hälfte genauso unspannende Scheiße über den letzten Bundesligaspieltag von sich gibt. Dreimal dürft ihr raten, wie die Geschlechterverteilung bei diesen hochbrisanten Themen aussieht.

Vielleicht muss man sowas ja hautnah erlebt haben, um sich vorstellen zu können, welcher Widerstand manchen Vätern in Elternzeit begegnet, vor allem, wenn man nicht in der topmodernen Großstadt wohnt. Daher bot mir dieser Artikel über die Diskriminierungserfahrungen eines jungen Vaters eigentlich nicht viel neues, vor allem nichts schockierendes, auch wenn ich sowas noch nie aus erster Hand miterlebt habe – wie auch, wenn ich keinen einzigen Vater kenne, der Elternzeit genommen hat?

Aber authentisch, ja, definitiv, das verlangt mir nicht viel Phantasie ab, bei dem ein oder anderen Spruch könnte ich meinen, der stamme von meiner Tante/meiner Oma/meiner anderen Tante.
Umso schockierter war ich daher von der Reaktion auf diesen Artikel, die mir eben auf Twitter entgegen schlug. „Feindselig“ wäre dafür noch ein Euphemismus!

An solchen Tagen frage ich mich, was gewisse Personen eigentlich unter „Feminismus“ verstehen. Beispiel „Wickeltisch in der Damentoilette“: Das ist, wie ich eben schon twitterte, ein geradezu wunderschönes Beispiel dafür, wie die ein und selbe Sache beide Geschlechter gleichzeitig diskriminieren kann. Es diskriminiert Frauen, weil automatisch davon ausgegangen wird, dass sich nur die Mutter um das Kind kümmert, und es diskriminiert Männer, weil… naja, eigentlich aus dem selben Grund, ne?

Letztere Diskriminierung völlig auszublenden, ist, wenn man mal um mehrere Ecken denken will, im Grunde eine Abwertung der Kindererziehung generell und eine Abwertung der Mutterrolle im Besonderen – denn wenn hier keine Diskriminierung vorläge, hieße das ja, dass es nicht „schlimm“ ist, auf diesen „Service“ verzichten zu müssen. Auch wenn dieser Service notwendig ist, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten. Was aber ja egal ist, weil das macht ja sowieso niemand gerne. Versteht ihr was ich mein?

Aber so kompliziert muss es ja gar nicht sein. Ich frage mich einfach, warum es für viele so unglaublich scheint, auch als Mann genervt zu sein, wenn man wie ein dummes Schulkind behandelt wird?

Ich musste mein Leben lang gegen Rollenerwartungen kämpfen, die an mich gestellt worden sind und die ich nicht ausfüllen wollte. Ich weiß, wie beschissen schwer das ist und wie traurig man dadurch werden kann. Daher feiere ich jede Frau, die ihren Weg gegangen ist und jetzt in einem als typische Männerdomäne bezeichneten Bereich tätig ist, denn das erforderte Mut. Aber bei Männern, die stattdessen andersrum eine angeblich typisch weibliche Tätigkeit übernehmen, geht mir das genauso.
Damit meine ich keine Dinge im Haushalt, das sieht ja eh keiner, sondern eine Rolle, die er außen vertritt, Dinge, die sichtbar sind, zum Beispiel das Ergreifen eines „weiblichen“ Berufs oder eben Elternzeit, etwas, mit dem man sich in gewissen Kreisen angreifbar macht. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, habe ich glasklar das Gesicht meines Onkels vor Augen, wenn er von einem solchen Fall hören würde, seine herabgezogenen Mundwinkel, das Funkeln in seinen Augen, seine halb spöttische, halb wütende Stimme, wenn er leise zischen würde: „Tze… Schwuli.“

Nur würde er das einem solchen Vater nicht ins Gesicht sagen. Offene Feindseligkeit ist in solchen Fällen dann doch etwas schwer, man hat ja doch ein Minimum an Erziehung. Herablassende „Tipps“ dagegen… da ist die Hemmschwelle niedriger, DAS kann man ja mal fliegen lassen, erst Recht, wenn man das Gefühl hat, es besser zu wissen. Vor diesem Hintergrund halte ich es eigentlich für verständlich, dass der Autor mehrheitlich von Frauen blöde Sprüche kassiert hat, auch wenn es bei diesem ganzen Machogehabe, was viele Männercliquen noch durchzieht, extrem einseitig anmutet, nur von Diskriminierungen durch Frauen zu sprechen. Andererseits, vielleicht ist sein Freundeskreis ja auch tatsächlich topmodern – über etwas schreiben, was er tatsächlich noch nie erlebt hat, ginge ja auch schlecht, ne? Dafür spricht, dass er nur von Erfahrungen mit Fremden schreibt.

Solche Erlebnisse anzuerkennen und, keine Ahnung, was Artikel dieser Art eigentlich auslösen soll… vielleicht ein bisschen darauf achten, sich zu solidarisieren? – also, solche Erlebnisse anzuerkennen wertet doch andere Erlebnisse in keinster Weise ab, oder? Ich las nun so viel über den täglichen Kampf, den Mütter ausfechten müssen, aber sind solche Erfahrungen weniger wert, wenn man nun auch noch eine andere Seite beleuchtet? Ich finde ja nein!

Aber ist es nötig, so etwas einen gesonderten Artikel zu widmen? Definitiv ja. Denn auch, wenn sich viele Erfahrungen, gerade in Bezug auf saublöde Kommentare von selbsternannten Besserwissern, überschneiden oder sehr ähnlich sind, ist doch der Grund des Angriffs ein anderer. Da wird vielleicht eine Mutter mit unglaublicher Penetranz über die Auswahl des richtigen Babybreis belehrt, weil sie außerdem arbeitet/besonders jung ist/auf irgendeine andere Weise nicht in das Schema der „perfekten Mutter“ passt, hier geht es nun um einen Mann, dem sein Vatersein schwer gemacht wird, weil er ein Mann ist.

Kennen wir das nicht? Ist das jetzt nicht scheiße, oder was?

Wem das als Grund nicht ausreicht, mag ja mal darüber nachdenken, was das für Frauen bedeutet. Wenn der Mann die Erziehungsarbeit nicht in dem Maße leisten kann oder will, weil er solche Erfahrungen nicht ertragen kann oder will, tja, wer bleibt dann übrig? Die Mama natürlich. Womit das Bild des haushaltenden Muttchens noch für ein paar weitere Jahrzehnte zementiert wird und alle Abweichungen angefeindet werden – ob nun ein Mann, oder, was weitaus öfter der Fall ist, eine Frau sich eine solche leistet.

Das ist einer der klassischen Fälle, in denen Frauen- und Männerinteressen Hand in Hand gehen und daher finde ich es unglaublich beschämend, von manchen Feministinnen hier von „male tears“ zu lesen. Ist Kindererziehung nicht schon verantwortungsvoll und schwer genug, muss man sich nun auch noch zusätzlich anhören, dass man sich nicht so anstellen soll?

Wie um alles in der Welt will man mehr Männer in die Elternzeit bekommen, wenn deren Ängste und Nöte nicht angehört und ernst genommen werden?

Ich glaube nicht, dass der Autor geheult hat, als er den Artikel schrieb. Aber selbst wenn er in einer Verfassung war, die so etwas möglich machen würde, hat er als echter Mann vermutlich in sich hinein geheult.

Nichts anderes wird offensichtlich von ihm erwartet.

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Halloween Horror Happening

Die schlimmsten Horrorstories werden nicht an Halloween erzählt. Nein, man erlebt sie an Halloween. Deswegen muss man solche grauenhaften Schrecklichkeiten dann nachreichen, auch wenn jeder andere diesen Feiertag in dem Moment abhakt, in dem der Kater an Allerheiligen endlich vergeht.

Aber manche Dinge sind zu entsetzlich, als dass der Mensch sie alleine ertragen könnte. Ich werde diese Geschichte EINMAL erzählen – um dann hoffentlich wieder richtig schlafen zu können.

Wie fängt eine Horrorstory an? Natürlich harmlos. Natürlich so:

Es war Halloween, für mich einer der schönsten Tage des Jahres. Den ganzen Mittag war ich in der Stadt rumgerannt, um die letzten Details für mein Kostüm zu kaufen. Später schminkte ich mich, während die besten Mitbewohner der Welt „Tanz der Teufel“ über den Beamer laufen ließen – der perfekte Streifen, um sich schon mal so richtig in Stimmung zu bringen.
Natürlich floss auch da bereits eine Menge Alkohol.

Mein Kostüm stellte mich zufrieden. Spätestens Mitbewohner Daves Reaktion, der normalerweise niemals an Spott und Herablassung spart, zeigte mir den Erfolg meiner Verwandlung. Er sagte nämlich nichts, grinste nur schief. In seiner Sprache heißt das: „Sieht ja ECHT gut aus… hätte ich nicht gedacht.“

Leider war die Abendplanung nicht ganz so ideal. Wieder mal hatten mich alle Freunde enttäuscht – niemand veranstaltete eine Halloweenparty. Ich bin nämlich komischerweise die einzige in meinem Bekanntenkreis, die diesen Feiertag wirklich ERNST NIMMT. Und wenn ihr euch jetzt fragt, warum ICH dann keine Party veranstalte: Ooooh, das werde ich. Sobald ich es mir leisten kann. Und das werden dann keine halben Sachen. An diesem Abend, so er denn kommen wird, werde ich niemanden ohne mindestens zwei Schreikrämpfe und einem mittelschweren Trauma entlassen.

Jedenfalls hatte ich mich ohne konkretes Ziel entschlossen, mich von dem Abend treiben zu lassen. Mein erster Weg führte zur Arbeit, weil ich meinen Kollegen versprochen hatte, mich ihnen im Kostüm zu zeigen. Sie waren angemessen schockiert.

Später befahl mir mein alkoholgeschwängerter Verstand, mich in die örtliche Disco zu begeben, die an diesem Abend Metal spielte. Und dort sollte das Unheil schließlich seinen Lauf nehmen.

Ich machte grade eine Rauchpause und stand triefäugig rum, als sich plötzlich ein Mann vor mir aufbaute. „Oh, Hallo Frau Urban!“

Ich sah hoch. Und glotzte. Und zuckte zusammen.

Vor mir stand einer meiner Dozenten.

homerscream
Meine Sicht verschwamm kurzzeitig. „Oh… Hallo,“ presste ich hervor.

Er musterte meine Erscheinung freundlich interessiert. „Na, Sie haben sich aber Mühe gegeben.“
„Hm,“ nuschelte ich und starrte an mir herab. Plötzlich schämte ich mich. Wann hatte ich heute das letzte Mal in den Spiegel gesehen? Mein Make-Up war mit Sicherheit inzwischen völlig zerstört. Und meine Haare! Früher am Abend schien die ganze Tube grünes Haargel noch eine gute Idee gewesen zu sein. Ich hatte mir nämlich einen Fehlkauf geleistet und statt grünem Haarspray grünes GLITZERspray erwischt. Also hatte ich mit Lebensmittelfarbe und Gel selbst etwas fabriziert, was leider nur so mittelgut funktioniert hatte. Letztendlich habe ich das Glitzerzeug doch noch benutzt. Ja, ich GLITZERTE! Und ich konnte nur mutmaßen, was mein vorheriges Headbangen meinen gelnassen, komplett zerstrubbelten Haaren angetan hatte.

Überhaupt, meine Tanzerei!! Ohmeingott, er hatte mich doch hoffentlich nicht dabei GESEHEN, oder?! Ich war so eskalativ!!! Ohmeingottohmeingottohmeingott!!!

Aber in der Tat schien er gerade erst gekommen zu sein – um halb fünf. Und er sagte Dinge. Irgendetwas antwortete ich wohl auch, aber ich war eigentlich mehr damit beschäftigt, nicht zu schwanken. Außerdem machte mein Ohr schon wieder dieses, keine Ahnung ob ihr das kennt, also, dieses komische An- und Abschwellen, so wie so eine Wah-Wah, falls ihr wisst, das das ist, das kriege ich immer nach zu viel lauter Musik, und, also, viel zu viel Alkohol, falls ihr wisst, was ich meine, und, naja, jedenfalls fällt Zuhören dann echt schwer und Einschätzen der eigenen Lautstärke auch.
Jedenfalls sah ich irgendwann, dass der gute Mann mit leeren Händen dastand und mein überfordertes Hirn tat dann sein unheiliges Werk.

„Oh NEIN!!!“ jaulte Mitbewohner Dave am nächsten Tag. „Man gibt doch einem Dozenten keinen aus!!“

Aber genau das tat ich. Ich drehte mich in Zeitlupe zur Theke, während meine Gedanken ratterten, so gut es eben noch ging.
Aber erst schob sich ein anderer Typ in mein Blickfeld. Oh Gott, ich dachte, ich hätte den endlich abgehängt!? Der Kerl hatte mir was ausgegeben (ich hätte ja IM LEBEN NICHT GEDACHT, dass ich in dem Outfit überhaupt angemacht werde!), sich dann aber durch akute Idiotie bei mir ins Abseits geschossen. Ich meine, sorry, aber welche Frau steht drauf, von einem Typen, den sie eigentlich gar nicht kennt, penetrant in die Rippen gepikt zu werden?! So richtig fest, dass es sogar weh tut und man zusammen zuckt?! Und das mehrmals, obwohl ich ihm schon beim ersten Mal gesagt hatte, dass ich das zum Kotzen finde?!

„Ich hab dir noch einen Jacky Cola bestellt,“ rief er mir zu und präsentierte mir das Getränk sogleich.
„Ich will keinen Jacky Cola mehr!“ fauchte ich angepisst.
Der Kerl sah mich eingeschnappt an. „Gut, dann trink ich ihn halt…“ Dann schenkte er meinem Dozenten über meine Schulter hinweg einen bitterbösen Blick.

Oh Gott, bitte keine Szene… komm, das siehst du doch, dass wir nicht flirten… selbst wenn, ginge es dich nichts an, aber Herrgott, allein der Altersunterschied, oh Gott, das musst du doch sehen, bitte keine Szene…!

Mein Wunsch wurde erhört, der Kerl dampfte ab. Weiter mit meiner Mission! Sofort stürzte ich mich wieder in das Problem, das mich schon vorher umtrieb.
Okay, der Mann kriegt ein Bier, das ist sicher in Ordnung, aber allein trinken geht gar nicht klar, ergo brauch ich auch was, aber was um alles in der Welt?! Ein Bier, nein, das vertrage ich sowieso schlecht, weil ich eher so der Longdrink-Typ bin, ich kann fünf Jacky Cola trinken ohne große Auswirkungen, aber fünf Bier, nein, das knallt mich weg, was übrigens der Beweis ist, dass Alkohol nicht gleich Alkohol ist, aber stattdessen ein Jacky Cola!? Um Gottes Willen, die Dinger sind hier total groß, das würde ich nicht überleben, ich kann doch nicht auf meinen Dozent kotzen, aber IRGENDWAS muss ich trinken, also…
„Ein Bier und ein, äh, Saurer Apfel, bitte!“ Ja, das ist gut, ein kleines harmloses Likörschen und die Sache ist…
„Wir haben keinen Sauren Apfel,“ antwortete der Theker mitleidslos.
Ohmeingott, Error, was jetzt, äh, ein Schild, ein Angebot, äh, „Äh, dann so Kirschlikör, bitte!“

Gott, ich hasse pappsüßen Kirschlikör.

Mein Dozent nahm das Bier milde überrascht, aber erfreut entgegen. „Oh, Sie selbst nur einen Kurzen?“
„Hähähä,“ kicherte ich fassungslos und nippte an diesem blutroten Scheiß. Von wegen blutroter Scheiß: Zum ersten Mal an diesem Abend war ich heilfroh, mein Kunstblut zuhause vergessen zu haben. Das ist eigentlich nur flüssige Lebensmittelfarbe, die ich an solchen Tagen gerne in Minischlückchen in den Mund nehme und dann breit grinsend präsentiere. Idealerweise sehen die Zähne davon total blutverschmiert aus und ein bisschen was läuft an den Mundwinkeln runter. Am Ende des Abends habe ich normalerweise dann ein völlig verschmiertes Kinn. Aber nun? Lag das Zeug zuhause. GOTT SEI DANK.

Währenddessen sah sich diese Erscheinung versonnen um. „Hach, das ist ja schon schön hier. Die Musik ist ja auch gut. Und so viele nette Menschen!“

Mein Gesicht glich mittlerweile einer erstarrten Maske. Schockierte Überforderung. Und was sollte ich nur sagen?
Ich kuckte betroffen auf meine eingesauten Fingernägel herab (erst schwarz lackieren –> mit in Nagellackentferner getränkte Ohrstäbchen Ränder und Spitze verreiben –> auch das Nagelbett nicht aussparen –> trocknen lassen –> creepy Zombienägel!). „Äh, übrigens… wegen heute… also, dass ich im Seminar gefehlt hab…“
Er lächelte mich an. „Ach, stimmt ja! Na na, warum denn das?“
Meine Lippen zittern. „Naja… weil Halloween ist und so…“

Darüber musste er lachen. Und um ihm zu zeigen, dass ich die Zeit nicht verschwendet habe, lenkte ich seine Aufmerksamkeit auf drei rote Helium-Ballons, die ich an der Garderobe abgegeben hatte (man stelle sich dieses Bild vor). Ich glaube, ich fragte ihn, ob er die Anspielung versteht und laberte ihn daraufhin explosionsartig zu.

Irgendwann stand plötzlich noch eine Kommilitonin aus dem Seminar vor uns, die aber total nüchtern wirkte und die ich irgendwie noch nie gesehen habe, zusammen lobten sie mich für mein ach so tolles Referat in der Woche davor (ernsthaft? Oh bitte…), mein Dozent teilte mir augenzwinkernd mit, dass er unter diesen Umständen meine Blaumacherei mal durchgehen lassen wird, irgendwie hab ich dann doch noch ein Getränk in der Hand, keine Ahnung woher, ist es Bier, ist es Jacky Cola, ich kann es nicht sagen, ich kann eigentlich gar nichts mehr sagen, ich kann auch nichts mehr aus den Augen sehen, obwohl jetzt das Licht schon an ist, duze ich den Mann etwa, selbst das weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass ich hier raus muss, sammle meine Selbstachtung ein und raffe die letzten kümmerlichen Reste meiner Konzentration zusammen und verabschiede mich standhaft, hole noch meine Jacke und meine Luftballons aus der Umkleide ab und verlasse fluchtartig die Disco.

Draußen lief mir dann plötzlich wieder dieser andere Typ hinterher, mich – natürlich! – in die Seite pikend. „Versprichst du mir, morgen anzurufen?!“ fragte er mich mit Dackelblick.
Wie war das nochmal mit „Ich gebe dir einfach meine Nummer und der Rest liegt bei dir!“?
„Nö,“ antwortete ich und verschwand im grauenden Morgen.

Eine Woche trug ich diese grässliche Geschichte mit mir rum – dann war wieder Seminartime.
Das Schlimmste: Ich konnte nicht einfach unsichtbar auf meinem Platz in der letzten Reihe sitzen bleiben und hoffen, dass einfach gar nichts passiert… ich hatte nämlich noch einen Termin bei einem anderen Dozenten, der dazu führen würde, früher aus dem Seminar zu verschwinden, eine Tatsache, die mich leider dazu zwang, meinem Dozenten über mein vorzeitiges Gehen zu informieren, im Klartext: Ich musste vorne ans Pult und ihm gegenüber treten.

Ich stelzte mit tauben Beinen nach vorne. Mein Dozent sah mich. Und ich schwöre euch, er hatte Tränen in den Augen vor unterdrückten Lachen.

„Na, da kommt ja meine Zechkumpanin,“ sagte er.

An dieser Stelle bin ich dann gestorben.

Ende.

Von linken Händen und sadistischer Rechtsmacherei

Hände2a

Eine Studie unter amerikanischen Collegestudenten hat ergeben, dass die Hälfte der rechtshändigen Probanden keine Ahnung hat, welche Händigkeit ihre Eltern haben, während die Linkshänder fast alle darüber Bescheid wussten.

Ausgehend von diesem Phänomen ist es ziemlich schwer, zu diesem Thema etwas zu schreiben, weil fast 90% der Leute sich einen Scheißdreck dafür interessiert.

Aber, liebe Rechtshänder: Habe ich trotzdem kurz eure Aufmerksamkeit? Wo ich doch auch ein Bild gebastelt hab und alles?
Ja? Cool. Dann schnell weiter, bevor ihr euch langweilt!

„Nimm doch mal das gute Händchen!“

Ich bin Linkshänderin. Überraschung. Das führte bereits sehr früh zu Problemen – ich bin nämlich in meiner gesamten Familie die einzige.

Deswegen konnte mir niemand Schuhbinden beibringen. Meine Familie war nicht in der Lage, die unendliche Mühe auf sich zu nehmen, einfach mal die andere Hand zu benutzen und „umzudenken“. Da ich, wie jeder Linkshänder, mein gesamtes Leben genau dazu gezwungen bin, muss ich leider eine gewisse Faulheit und Unfähigkeit konstatieren!
Aber ich war natürlich schon eine Zumutung, wie ich da saß und mit links malte, statt mein gutes Händchen zu benutzen. Sprüche darüber durfte ich mir meine halbe Kindheit anhören – aber schlimm wurde es erst, als ich in die Schule kam.

Mein Grundschullehrer war von der alten Garde und eigentlich super, aber bei diesem Thema hatte er einen kleinen Spleen. Ich hatte mich total auf die Schule gefreut, aber schon nach einer Woche war ich mit meinen Nerven völlig am Ende. Grund: Er zwang mich, alle meine Hausaufgaben doppelt zu erledigen – einmal mit links und einmal mit rechts. Das klingt vielleicht harmlos, aber für ein sechsjähriges Kind ist so eine Doppelbelastung nicht gerade easy. Und nachdem sie sehen musste, wie fertig ich war, stiefelte meine Mutter in die Schule, um ein Machtwort zu sprechen.
Mein Lehrer beugte sich ihrem Willen, aber verstanden hat er es wohl nie. Mit den doppelten Hausaufgaben war es dann vorbei, aber auch danach forderte er mich immer mal wieder auf, doch einfach mal die andere Hand zu benutzen.
Ich war sechs Jahre alt, aber ich habe ihn einfach völlig ignoriert. Ein anderes Mädchen in meiner Klasse hat er auf diese Weise jedoch umerzogen.

Und das im Jahr 1991.

Auf der weiterführenden Schule ging das Elend weiter. Wir hatten in der fünften Klasse Handarbeit, was ich wirklich gerne lernen wollte. Aber meine Lehrerin schmiss ziemlich schnell die Häkelnadeln hin und erklärte, dass sie mir mit LINKS nichts beibringen könne. Wie ich nach diesem Statement ihren Unterricht bestehen sollte, interessierte sie nicht.
Wieder gab es Tränen zuhause und meine Oma verwünschte wieder mal meine Entartung, aber letztendlich brachte sie mich zu einer Freundin aus dem Kirchenchor, die zwar auch keine Linkshänderin war, dafür aber eine Handarbeitskönigin, und diese schaffte es schließlich mit viel Geduld, mir Häkeln mit der “falschen” Hand beizubringen. Es zeigte sich sogar, dass ich besonders begabt war und letztendlich konnte ich daher das verlangte Werkstück stolz und auf sorgfältigste Weise ausgeführt pünktlich abgeben.

Die Freude währte aber nur kurz: Meine Lehrerin warf einen Blick auf den vorbildlich gehäkelten Topflappen und erklärte, dass ich den unmöglich selbst gehäkelt haben konnte. Dabei sieht man beim Häkeln an den Maschen ganz deutlich, ob sie von einen Rechtshänder oder von einem Linkshänder gehäkelt worden sind!!
Ich wieder am Heulen, wieder musste meine Mutter einschreiten und schrieb der Lehrerin einen Brief, in dem sie beteuerte, dass der beschissene Topflappen von mir selbst gemacht worden ist, was die blöde Kuh dann zähneknirschend akzeptieren musste.

„Ne Linkshändlerin?! Also, du schreibst mit links?!“

Weitere Zusammenstöße mit Spitzenpädagogen dieser Art blieben mir persönlich glücklicherweise erspart! Von anderen Linkshändern habe ich schon wesentlich schlimmeres gehört. Ich wurde nie geschlagen, weil ich mit links schrieb, auch wurde mir nicht eine Hand auf den Rücken gebunden, und ernsthaft angefeindet von irgendwelchen Idioten, die das 21. Jahrhundert verpasst haben, wurde ich auch nie, weil ich die „Teufelshand“ benutze. Diese Denke gab und gibt es ja tatsächlich. Nicht umsonst leitet sich der Begriff „sinister“ (böse, heimtückisch, schlecht) vom lateinischen Wort für „links“ ab.

Aber wenn man es nicht anders kennt, gewöhnt man sich ja an vieles. Nach all den Jahren nerven die immer gleichen saublöden Sprüche (“benutz die richtige Hand!” – “Oh, ne Linkstratsche!” – begleitet von debilen Gelächter) zwar schon, aber es ist auszuhalten, auch wenn viele Leute wirklich eine bemerkenswert unbedarfte Doofheit an den Tag legen.
„Oh, du bist Linkshändlerin? Woah… das könnte ich ja nicht!“ Was soll ich denn darauf bitteschön antworten, Captain Obvious? Stell dir vor – ich kann dafür nichts mit rechts, wie man an dem Gekrakel oben sehen kann! Und warum ist meine Händigkeit so unglaublich? Es gibt noch so viele Dinge, die ich auch nicht könnte: Mit einer Frau schlafen, weil ich hetero bin, ohne Leiter ne Wand streichen, weil ich klein bin, Isländisch lernen, weil das keiner kann etc.pp. Warum höre ich so was dümmliches aber immer nur in Bezug auf meine dominante Hand?

Was gibt’s noch?

„Ich schaffe das mit links“ oder „Der hat zwei linke Hände“ – zwei Phrasen, die ich nie benutze (würde ja auch keinen Sinn machen, ne). Über sowas kann ich nur müde lächeln. Und die Tatsache, dass sämtliche Utensilien für Linkshänder teurer sind, lässt sich wohl auch nicht ändern.

Aber das ist alles nicht wichtig, eigentlich. Als diese Minderheit, die immer eine solche bleiben wird, lebt es sich ja nicht zwangsläufig schlecht. Das hier soll kein Forderung einer, kA… „Critical Rightness“ sein oder so eine Scheiße, auch wenn ich mir beispielsweise wirklich gewünscht hätte, dass die Leute, die mir nicht die Hand gaben, als ich letztes Jahr rechts einen Verband hatte, einfach mal auf die bahnbrechende Idee gekommen wären, mir stattdessen die linke Hand zu reichen.

Nee, das ist alles völlig okay, ab und zu ein bisschen ärgerlich, aber okay, wir kommen mit sowas klar, wir Lefties, wir sind es gewöhnt, und außerdem sind Kurt Cobain und Stephen King auch Linkshänder und das ist ultracool. Wir sind eben etwas besonderes!

„Linkshändigkeit ist ein Merkmal der Degeneration.“

Aber ich sage euch, was ganz und gar NICHT okay ist: Kindesmisshandlung.
Huch, krasser Themenwechsel? Nein, überhaupt nicht. Denn es wird verdammt noch mal Zeit, diese sadistische Unsitte der Umschulung als genau das zu benennen, was es ist.

Jahrelang dachte ich, ich wäre eine der Letzten gewesen, bei der man eine Umschulung versucht hatte. Immerhin ist das ja auch schon über 20 Jahre her und wie gesagt war mein Grundschullehrer sehr alt. Ich hielt das für ein Einzelfall, aber inzwischen weiß ich, dass bei zwei Freunden von mir, die einige Jahre jünger sind, diese Umschulung tatsächlich durchgezogen worden ist. Mir wird echt schlecht, wenn ich daran denke, dass der eine in der Metallverarbeitung arbeitet, täglich mit gefährlichen Maschinen hantiert und dabei die Hand benutzt, die bei ihm natürlicherweise nicht für Feinarbeiten ausgelegt ist. Und der andere ist mein Kumpel Tim, der Typ, bei dem ich früher immer gewaschen habe, ein Designstudent – nicht auszudenken, wie viel besser er wäre, wenn er mit der richtigen Hand zeichnen würde, die bei ihm nun mal die linke wäre.

Okay, die paar Jahre – aber HEUTE macht man das nicht mehr, ne? Falsch! Eine Bekannte erzählte mir von ihrem Sohn, den sie gerade im Kindergarten angemeldet hat. Sie teilte den Erzieherinnen mit, dass er Linkshänder ist. Was war deren Kommentar, nachdem sie den Jungen ein paar Minuten gesehen hatten? “Nö, der ist kein Linkshänder!”
Tja, nun hat sie den Buben aber testen lassen und er IST Linkshänder. Den Erzieherinnen war es einfach nur zu stressig, sich auf sowas Abnormes einzustellen und hätten ihn umerzogen, wenn man sie gelassen hätte!

Nun klingt „Umschulung“ oder „Umerziehung“ so lasch, deshalb könnte man sich ja, selbst wenn sowas noch Usus ist, einfach abregen, denn es geht ja nur um’s Schreiben und überhaupt, so schlimm kann das ja nicht sein, wenn umerzogene Linkshänder trotzdem Handwerker werden oder Design studieren können. Dafür macht es ihnen das Leben ja auch leichter, weil sämtliche Werkzeuge, Schreibgeräte etc. für Rechtshänder ausgelegt sind, man spart also sogar noch Geld!

FALSCH. Eine Umschulung ist schlicht und ergreifend das Schlimmste, was man dem menschlichen Gehirn antun kann, ohne daran rumzuschnippeln. Man zwingt es etwas zu tun, wofür es verdammt noch mal nicht ausgelegt ist. Das hat Auswirkungen, die man sich als stinknormaler Rechtshänder nicht mal vorstellen kann!

Zieht euch das mal rein: Die SELBSTMORDRATE ist unter umgeschulten Linkshändern höher als bei der Normalbevölkerung! Immer noch harmlos?! Auch psychische Probleme treten gehäuft auf, wobei da natürlich kaum jemand auf die Idee kommt, dass dies etwas mit der Händigkeit zu tun haben könnte, denn die Betroffenen wissen ja selbst oft nicht mehr, dass sie mal Linkshänder waren!

Bevor jemand auf die blöde Idee kommt:
Nein, umerzogene Linkshänder ≠ psychisch krank. Bei vielen äußert sich das lediglich in einer als charmant angesehenen Links-Rechts-Schwäche, bei anderen scheinbar gar nicht. Aber es gibt halt auch so Leute wie mein Kumpel Tim, der niemals den Führerschein machen und Auto fahren darf, weil er Epileptiker ist, eine Krankheit, die mutmaßlich nicht ganz weg wäre, aber viel schwächer ausgeprägt, wenn man ihn nicht umerzogen hätte. Das hat ihm sein Neurologe zweifelsfrei bestätigt.

Weitere mögliche Auswirkungen einer Umschulung: Konzentrationsschwäche, Gedächtnisschwäche, verminderte Leistungsfähigkeit, Legasthenie, Sprachstörungen, gestörte Reaktionsfähigkeit, Probleme mit der Feinmotorik und der räumlichen Orientierung – und dies nur primär. Was für Selbstwertprobleme und Folgeerkrankungen (dazu zähle ich auch Unfälle im handwerklichen Bereich, die mit der in Wahrheit dominanten Hand nicht passiert wären) sich daraus ergeben, kann sich jeder ja selbst vorstellen!

Nun ist das glücklicherweise kein Schicksal ohne Rückfahrkarte. Es gibt inzwischen viele Anlaufstellen, die eine sogenannte Rückschulung anbieten. Was man nun von umgeschulten Linkshändern liest, die sich zu einer Rückschulung entschlossen haben, ist wirklich unglaublich grauenhaft. Viele berichten davon, sich zum ersten Mal in ihrem Leben ganz und richtig zu fühlen, dementsprechend beschissen und zerrissen fühlten sie sich vorher. Wie, das klingt irgendwie so theatralisch und mimimi? Tja, so ist es aber nun mal. Eine Umschulung, egal ob mit oder ohne Gewalt, hat auf das Gehirn Auswirkungen, die man durchaus mit einem Trauma vergleichen kann – und es ist zum Kotzen, dass das keine Sau weiß!

Deshalb entscheiden sich viele auch gegen eine Rückschulung. 1. fehlt ihnen das Wissen darum, wie massiv dieser Eingriff für sie war, 2. kennen sie es ja nicht anders und 3. scheuen viele auch aus ganz pragmatischen Gründen davor zurück, denn eine Rückschulung ist zeitintensiv, anstrengend und stressig. Man muss ja wieder ganz neu Schreiben lernen!

Leider hält mein Kumpel Tim der letzte Punkt von diesem Schritt ab. Er müsste wohl ein Krankheitssemester einlegen, da er ja kreativ tätig ist und die Erstverschlimmerung bei einer Rückschulung auch nicht vernachlässigt werden darf (gerade auch bei seiner Krankheit). Wer gibt ihm diese Zeit zurück, wie soll er das bezahlen?

Zumindest darauf habe ich beim Überlegen über diesen Artikel eine Antwort gefunden, die vermutlich vielen total radikal vorkommt: der Staat. Ja, wirklich. Wer in einer Schule umerzogen worden ist (und, wie ich bereits darlegte, war dieses Phänomen nicht generell mit dem Siebzigern verschwunden, wie vielerorts behauptet wird), sollte eine Entschädigung und Hilfestellung bei der Rückschulung bekommen, denn Schulen sind staatliche Einrichtungen. Es ist eine Sache, wenn ein unbedarfter Privatmensch keine Ahnung von den negativen Folgen einer Rückschulung hat, aber wenn sowas nicht mal in der Ausbildung von Grundschullehrern enthalten ist, liegt der Fehler ganz eindeutig dort.

Wobei sich die Frage stellt: WIRD so etwas tatsächlich mal erwähnt? In meinem Studium der Erziehungswissenschaften jedenfalls nicht. Nun studiere ich aber ja auf Gymnasium, werde also Kinder unterrichten, bei denen der Prozess der Festlegung auf eine Händigkeit bereits abgeschlossen ist, aber andererseits musste ich mir auch sowas wie lerntheoretische Entwicklungsphasen von Babys anhören und dennoch war die Händigkeit NIE ein Thema. Ob das bei Grundschullehramt anders ist, kann ich nur spekulieren. Ich befürchte nein.
Man muss wohl kein ganzes Seminar über dieses Thema halten, das sich ja auch gut in drei Worten zusammenfassen lässt, nämlich „Umschulung? HELL NO.“ Aber naja, wenigstens EINE Sitzung sollte doch bitte Pflicht sein! Und wenn es nur darum geht, bescheuerte Eltern von so etwas abzuhalten!

Schattendasein als Spiegelbild

Das schockierende Phänomen „Linkshändigkeit“ ist zwar etwas, von dem jeder schon mal gehört hat, wird aber von vielen Rechtshändern, die es gewohnt sind, in einer rechtsdominanten Welt zu leben, unter „Irrelevanz“ abgelegt. Leider auch von vielen Eltern, die es oft nicht mal schaffen, ihren linkshändigen Kindern die einfachsten Hilfsmittel an die Hand zu geben!

Während meines Praktikums in einer Grundschule musste ich mal sehen, wie sich der einzige Linkshänder der Klasse mit einer Schere abmühte. Linkshänder können mit Rechtshänderscheren nur gut schneiden, wenn sie wirklich höllenscharf sind, weitaus schärfer als eine Schere, die Kinder diesen Alters in die Hände bekommen sollten.

Ich ging also zu dem Kleinen hin. “Hast du ne Linkshänderschere?”
“Nee,” antwortete der Bub piepsig.

Aaah, zum Kotzen! Dies ist sogar aus mehr als dem offensichtlichen Grund geradezu perfide: Die Fähigkeit, etwas schön ausschneiden zu können, wird nämlich bei Grundschülern und Kindergartenkindern gerne als Test für den Reifegrad herangezogen. Dann ist es doch einfach scheiße, wenn die kleinen Linkshänder mit falschen Scheren schneiden müssen!

Ich latschte zu seiner Lehrerin und sagte ihr, dass sie den Eltern sobald wie möglich klar machen sollte, dass der Junge eine ordentliche Ausrüstung für Linkshänder braucht. Nur hatte ich nicht den Eindruck, dass die Lehrerin kapierte, wie wichtig das ist!

Also bin ich selbst wieder zu dem Bub hingegangen und habe ihm gesagt, er möge seinen Eltern von der Praktikantin ausrichten, sie sollen ihm gefälligst eine richtige Schere kaufen. Viel lieber hätte ich ihm einen Zettel für seine blöden Eltern mitgegeben, aber ich hatte meine Kompetenzen ohnehin schon mehr als überschritten. Heute würde ich es trotzdem tun!

Was bezwecke ich eigentlich hiermit? Die üblichen Verdächtigen werden wohl behaupten, ich wäre halt mal wieder so eine Tussi, die nur jammern will. Aber dazu habe ich ja keinen Grund, denn mit MIR ist ja alles in Ordnung. Ich wurde nicht umgeschult und kann heute mit ein bisschen irrationalen Stolz auf meine Linke hinunter blicken und denken: „Yeah, you are special.“
Aber andere hatten dieses Glück nun mal nicht – und das muss viel stärker thematisiert werden.

Ich nannte eine Umschulung „sadistisch“, dabei verlangt Sadismus wohl Absicht, weshalb das eigentlich nicht zutreffend ist. Aber auch Ignoranz kann höllenartige Auswirkungen haben. Gegen diese schreibe ich an, denn selbst viele Linkshänder haben keine Ahnung davon. Wenn das dann gleichzeitig dazu führt, auch nicht-umgeschulten Linkshändern das Leben ein bisschen zu erleichtern, sei es nun mit der Bereitstellung „linker“ Materialien durch Erziehungsberechtigte oder einfach nur durch das Verkneifen eines doofen, schon tausendmal gehörten Spruchs – damit wäre ich auch sehr zufrieden!

Eigentlich wollte dieser Beitrag schon seit Ewigkeiten geschrieben werden, aber ich glaubte, dafür einen Aufhänger zu brauchen. Nun war ich am 13. August, dem internationalen Linkshändertag, leider nicht da. Doch eine kleine Unterhaltung auf Twitter gestern hat den Stein schließlich ins Rollen gebracht… und mir ist mal wieder klar geworden (auch durch die Beobachtung meiner Reaktion beim Schreiben – unglaublich, wie ich mich reinsteigern und sauer werden kann!), dass dieses Thema viel öfter auf den Tisch gehört, bis auch die letzten Rechtshänder checken, dass sie verdammt noch mal nicht allein auf der Welt sind.

Als letztes eine Empfehlung für solche, die mehr darüber erfahren wollen und vielleicht sogar jetzt überlegen, sich wieder zurückschulen zu lassen: Das Linkshänderforum mit vielen Erfahrungsberichten, Tipps und Links zum Thema!
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