Halloween Horror Happening

Die schlimmsten Horrorstories werden nicht an Halloween erzählt. Nein, man erlebt sie an Halloween. Deswegen muss man solche grauenhaften Schrecklichkeiten dann nachreichen, auch wenn jeder andere diesen Feiertag in dem Moment abhakt, in dem der Kater an Allerheiligen endlich vergeht.

Aber manche Dinge sind zu entsetzlich, als dass der Mensch sie alleine ertragen könnte. Ich werde diese Geschichte EINMAL erzählen – um dann hoffentlich wieder richtig schlafen zu können.

Wie fängt eine Horrorstory an? Natürlich harmlos. Natürlich so:

Es war Halloween, für mich einer der schönsten Tage des Jahres. Den ganzen Mittag war ich in der Stadt rumgerannt, um die letzten Details für mein Kostüm zu kaufen. Später schminkte ich mich, während die besten Mitbewohner der Welt „Tanz der Teufel“ über den Beamer laufen ließen – der perfekte Streifen, um sich schon mal so richtig in Stimmung zu bringen.
Natürlich floss auch da bereits eine Menge Alkohol.

Mein Kostüm stellte mich zufrieden. Spätestens Mitbewohner Daves Reaktion, der normalerweise niemals an Spott und Herablassung spart, zeigte mir den Erfolg meiner Verwandlung. Er sagte nämlich nichts, grinste nur schief. In seiner Sprache heißt das: „Sieht ja ECHT gut aus… hätte ich nicht gedacht.“

Leider war die Abendplanung nicht ganz so ideal. Wieder mal hatten mich alle Freunde enttäuscht – niemand veranstaltete eine Halloweenparty. Ich bin nämlich komischerweise die einzige in meinem Bekanntenkreis, die diesen Feiertag wirklich ERNST NIMMT. Und wenn ihr euch jetzt fragt, warum ICH dann keine Party veranstalte: Ooooh, das werde ich. Sobald ich es mir leisten kann. Und das werden dann keine halben Sachen. An diesem Abend, so er denn kommen wird, werde ich niemanden ohne mindestens zwei Schreikrämpfe und einem mittelschweren Trauma entlassen.

Jedenfalls hatte ich mich ohne konkretes Ziel entschlossen, mich von dem Abend treiben zu lassen. Mein erster Weg führte zur Arbeit, weil ich meinen Kollegen versprochen hatte, mich ihnen im Kostüm zu zeigen. Sie waren angemessen schockiert.

Später befahl mir mein alkoholgeschwängerter Verstand, mich in die örtliche Disco zu begeben, die an diesem Abend Metal spielte. Und dort sollte das Unheil schließlich seinen Lauf nehmen.

Ich machte grade eine Rauchpause und stand triefäugig rum, als sich plötzlich ein Mann vor mir aufbaute. „Oh, Hallo Frau Urban!“

Ich sah hoch. Und glotzte. Und zuckte zusammen.

Vor mir stand einer meiner Dozenten.

homerscream
Meine Sicht verschwamm kurzzeitig. „Oh… Hallo,“ presste ich hervor.

Er musterte meine Erscheinung freundlich interessiert. „Na, Sie haben sich aber Mühe gegeben.“
„Hm,“ nuschelte ich und starrte an mir herab. Plötzlich schämte ich mich. Wann hatte ich heute das letzte Mal in den Spiegel gesehen? Mein Make-Up war mit Sicherheit inzwischen völlig zerstört. Und meine Haare! Früher am Abend schien die ganze Tube grünes Haargel noch eine gute Idee gewesen zu sein. Ich hatte mir nämlich einen Fehlkauf geleistet und statt grünem Haarspray grünes GLITZERspray erwischt. Also hatte ich mit Lebensmittelfarbe und Gel selbst etwas fabriziert, was leider nur so mittelgut funktioniert hatte. Letztendlich habe ich das Glitzerzeug doch noch benutzt. Ja, ich GLITZERTE! Und ich konnte nur mutmaßen, was mein vorheriges Headbangen meinen gelnassen, komplett zerstrubbelten Haaren angetan hatte.

Überhaupt, meine Tanzerei!! Ohmeingott, er hatte mich doch hoffentlich nicht dabei GESEHEN, oder?! Ich war so eskalativ!!! Ohmeingottohmeingottohmeingott!!!

Aber in der Tat schien er gerade erst gekommen zu sein – um halb fünf. Und er sagte Dinge. Irgendetwas antwortete ich wohl auch, aber ich war eigentlich mehr damit beschäftigt, nicht zu schwanken. Außerdem machte mein Ohr schon wieder dieses, keine Ahnung ob ihr das kennt, also, dieses komische An- und Abschwellen, so wie so eine Wah-Wah, falls ihr wisst, das das ist, das kriege ich immer nach zu viel lauter Musik, und, also, viel zu viel Alkohol, falls ihr wisst, was ich meine, und, naja, jedenfalls fällt Zuhören dann echt schwer und Einschätzen der eigenen Lautstärke auch.
Jedenfalls sah ich irgendwann, dass der gute Mann mit leeren Händen dastand und mein überfordertes Hirn tat dann sein unheiliges Werk.

„Oh NEIN!!!“ jaulte Mitbewohner Dave am nächsten Tag. „Man gibt doch einem Dozenten keinen aus!!“

Aber genau das tat ich. Ich drehte mich in Zeitlupe zur Theke, während meine Gedanken ratterten, so gut es eben noch ging.
Aber erst schob sich ein anderer Typ in mein Blickfeld. Oh Gott, ich dachte, ich hätte den endlich abgehängt!? Der Kerl hatte mir was ausgegeben (ich hätte ja IM LEBEN NICHT GEDACHT, dass ich in dem Outfit überhaupt angemacht werde!), sich dann aber durch akute Idiotie bei mir ins Abseits geschossen. Ich meine, sorry, aber welche Frau steht drauf, von einem Typen, den sie eigentlich gar nicht kennt, penetrant in die Rippen gepikt zu werden?! So richtig fest, dass es sogar weh tut und man zusammen zuckt?! Und das mehrmals, obwohl ich ihm schon beim ersten Mal gesagt hatte, dass ich das zum Kotzen finde?!

„Ich hab dir noch einen Jacky Cola bestellt,“ rief er mir zu und präsentierte mir das Getränk sogleich.
„Ich will keinen Jacky Cola mehr!“ fauchte ich angepisst.
Der Kerl sah mich eingeschnappt an. „Gut, dann trink ich ihn halt…“ Dann schenkte er meinem Dozenten über meine Schulter hinweg einen bitterbösen Blick.

Oh Gott, bitte keine Szene… komm, das siehst du doch, dass wir nicht flirten… selbst wenn, ginge es dich nichts an, aber Herrgott, allein der Altersunterschied, oh Gott, das musst du doch sehen, bitte keine Szene…!

Mein Wunsch wurde erhört, der Kerl dampfte ab. Weiter mit meiner Mission! Sofort stürzte ich mich wieder in das Problem, das mich schon vorher umtrieb.
Okay, der Mann kriegt ein Bier, das ist sicher in Ordnung, aber allein trinken geht gar nicht klar, ergo brauch ich auch was, aber was um alles in der Welt?! Ein Bier, nein, das vertrage ich sowieso schlecht, weil ich eher so der Longdrink-Typ bin, ich kann fünf Jacky Cola trinken ohne große Auswirkungen, aber fünf Bier, nein, das knallt mich weg, was übrigens der Beweis ist, dass Alkohol nicht gleich Alkohol ist, aber stattdessen ein Jacky Cola!? Um Gottes Willen, die Dinger sind hier total groß, das würde ich nicht überleben, ich kann doch nicht auf meinen Dozent kotzen, aber IRGENDWAS muss ich trinken, also…
„Ein Bier und ein, äh, Saurer Apfel, bitte!“ Ja, das ist gut, ein kleines harmloses Likörschen und die Sache ist…
„Wir haben keinen Sauren Apfel,“ antwortete der Theker mitleidslos.
Ohmeingott, Error, was jetzt, äh, ein Schild, ein Angebot, äh, „Äh, dann so Kirschlikör, bitte!“

Gott, ich hasse pappsüßen Kirschlikör.

Mein Dozent nahm das Bier milde überrascht, aber erfreut entgegen. „Oh, Sie selbst nur einen Kurzen?“
„Hähähä,“ kicherte ich fassungslos und nippte an diesem blutroten Scheiß. Von wegen blutroter Scheiß: Zum ersten Mal an diesem Abend war ich heilfroh, mein Kunstblut zuhause vergessen zu haben. Das ist eigentlich nur flüssige Lebensmittelfarbe, die ich an solchen Tagen gerne in Minischlückchen in den Mund nehme und dann breit grinsend präsentiere. Idealerweise sehen die Zähne davon total blutverschmiert aus und ein bisschen was läuft an den Mundwinkeln runter. Am Ende des Abends habe ich normalerweise dann ein völlig verschmiertes Kinn. Aber nun? Lag das Zeug zuhause. GOTT SEI DANK.

Währenddessen sah sich diese Erscheinung versonnen um. „Hach, das ist ja schon schön hier. Die Musik ist ja auch gut. Und so viele nette Menschen!“

Mein Gesicht glich mittlerweile einer erstarrten Maske. Schockierte Überforderung. Und was sollte ich nur sagen?
Ich kuckte betroffen auf meine eingesauten Fingernägel herab (erst schwarz lackieren –> mit in Nagellackentferner getränkte Ohrstäbchen Ränder und Spitze verreiben –> auch das Nagelbett nicht aussparen –> trocknen lassen –> creepy Zombienägel!). „Äh, übrigens… wegen heute… also, dass ich im Seminar gefehlt hab…“
Er lächelte mich an. „Ach, stimmt ja! Na na, warum denn das?“
Meine Lippen zittern. „Naja… weil Halloween ist und so…“

Darüber musste er lachen. Und um ihm zu zeigen, dass ich die Zeit nicht verschwendet habe, lenkte ich seine Aufmerksamkeit auf drei rote Helium-Ballons, die ich an der Garderobe abgegeben hatte (man stelle sich dieses Bild vor). Ich glaube, ich fragte ihn, ob er die Anspielung versteht und laberte ihn daraufhin explosionsartig zu.

Irgendwann stand plötzlich noch eine Kommilitonin aus dem Seminar vor uns, die aber total nüchtern wirkte und die ich irgendwie noch nie gesehen habe, zusammen lobten sie mich für mein ach so tolles Referat in der Woche davor (ernsthaft? Oh bitte…), mein Dozent teilte mir augenzwinkernd mit, dass er unter diesen Umständen meine Blaumacherei mal durchgehen lassen wird, irgendwie hab ich dann doch noch ein Getränk in der Hand, keine Ahnung woher, ist es Bier, ist es Jacky Cola, ich kann es nicht sagen, ich kann eigentlich gar nichts mehr sagen, ich kann auch nichts mehr aus den Augen sehen, obwohl jetzt das Licht schon an ist, duze ich den Mann etwa, selbst das weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass ich hier raus muss, sammle meine Selbstachtung ein und raffe die letzten kümmerlichen Reste meiner Konzentration zusammen und verabschiede mich standhaft, hole noch meine Jacke und meine Luftballons aus der Umkleide ab und verlasse fluchtartig die Disco.

Draußen lief mir dann plötzlich wieder dieser andere Typ hinterher, mich – natürlich! – in die Seite pikend. „Versprichst du mir, morgen anzurufen?!“ fragte er mich mit Dackelblick.
Wie war das nochmal mit „Ich gebe dir einfach meine Nummer und der Rest liegt bei dir!“?
„Nö,“ antwortete ich und verschwand im grauenden Morgen.

Eine Woche trug ich diese grässliche Geschichte mit mir rum – dann war wieder Seminartime.
Das Schlimmste: Ich konnte nicht einfach unsichtbar auf meinem Platz in der letzten Reihe sitzen bleiben und hoffen, dass einfach gar nichts passiert… ich hatte nämlich noch einen Termin bei einem anderen Dozenten, der dazu führen würde, früher aus dem Seminar zu verschwinden, eine Tatsache, die mich leider dazu zwang, meinem Dozenten über mein vorzeitiges Gehen zu informieren, im Klartext: Ich musste vorne ans Pult und ihm gegenüber treten.

Ich stelzte mit tauben Beinen nach vorne. Mein Dozent sah mich. Und ich schwöre euch, er hatte Tränen in den Augen vor unterdrückten Lachen.

„Na, da kommt ja meine Zechkumpanin,“ sagte er.

An dieser Stelle bin ich dann gestorben.

Ende.

9 Gedanken zu “Halloween Horror Happening

  1. *kicher*
    Ein Grund, als Unimitarbeiterin, die ja auch genug Lehre hält, beim Ausgehen brav zu sein… Nichts spricht sich schneller herum wie eine WissMA, die besoffen auf dem Tisch tanzt… :p

  2. 😀
    Also ich hab auch schon mit meinen Vorgesetzten gebechert, aber das war alles harmlos.
    Ich stelle mir nur eine Situation noch schrecklicher vor. Seinem Chef in der Sauna zu begegnen. Ich glaube, das will wirklich niemand erleben müssen.

  3. Ich kichere😀 Das ist echt gruselig aber auch irgendwie witzig. Witziger wärs leider, hättest du ihn im Kostüm gesehen. Aber ich hoffe einfach, dass er dich noch ernst nimmt, immerhin war er ja auch da😉

  4. *lol*

    Aber so ein Erlebnis hatte ich letztens auch. Ich sitze gegen 22Uhr im ICE auf den Heimweg. Der Zug war leer und ich surfte so völlig unbedarft auf den einschlägigen Psycho-Seiten, als mir plötzlich jemand sanft über die Schulter streichelte.

    Als ich mich umdrehte, dachte ich mein Herz bleibt stehen: Es war meine Dozentin, für die ich jahrelang als wissenschaftliche Hilfskraft gearbeitet habe, die mich seit Jahren trietzt irgendwie noch meinen Abschluss zu machen und die natürlich Psychotherapeutin ist. OMG

    Komm mal wieder in „unseren“ Chat, wir müssen unbedingt mal wieder quatschen *knuddel*

    Dark

  5. Manche Begegnungen…sind wirklich einmalig.🙂
    Wirklich creepy wurde es dereinst bei mir, als ich beim zechen mit Freunden in der übelsten, letzten Abschleppbude einen unserer Profs und Leiter eines sehr angesehenen Instituts traf – ohne seine Frau aber mit…ähm lassen wir das besser. Zum Glück hat er uns nicht erkannt.

    • Was mich jetzt wieder dran erinnert, mal eine Kollegin von meiner Mutter händchenhaltend mit einem Herren im nicht nächsten Kino getroffen zu haben – war aber auch nicht ihr Mann… allerdings hat sie mich gesehen😀

  6. Hihi – wobei ich das jetzt ehrlich gesagt gar nicht so schlimm finde. Offensichtlich hat er Dich ja trotz Gruseloutfit erkannt und ist auf einen Plausch bei Dir stehen geblieben. Er hätte ja auch einfach freundlich nicken und weitergehen können. Ist er wenigstens nicht zu alt und sieht gut aus?😉

  7. Pingback: Kurzer Halloweengruß | robins urban life stories

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