Blogstöckchen-Lückenfüllerchen

Die Karo ist ein guter Mensch. Die hat mitgekriegt, dass ich wegen meiner Examensarbeit momentan nicht viel bloggen kann. Bloggen heißt in dem Fall: Mir ein einmalig interessantes Thema ausdenken, auf das vorher noch nie jemand gekommen ist, daraufhin viele Stunden mit rauchenden Schädel (und Kippe) in die Tasten hauen und das Ganze mit der unwiderstehlichen Eloquenz einer jungen Jane Austen für die lechzenden Fans aufbereiten. Dafür hab ich nun aber nicht die Zeit, muss allerdings ja trotzdem was bieten – und deshalb sind Blogstöckchen supergut und die Karo ein Schatz, weil sie mir so behilflich ist!

(In Wahrheit hat sie es vermutlich nur einfach so geschmissen. Aber trotzdem cooli <3)

Damit ohne weitere Vorrede weiter mit den Fragen!

1. Glaubst du an irgendwas? Gott, Schicksal, Karma?
Hm. Ich glaube an sowas wie Lebensenergie, an die Natur, an eine Seele. An das Gute und das Böse. Dass Beten hilft, weil es wie ein Katalysator wirkt, und Götter und Heilige und Superhelden nur sowas wie Allegorien sind, auf die wir uns berufen können, weil es so dann leichter ist. Ich glaube daran, dass 100 von 100 Menschen sich lieber auf einen natürlich ausgewaschenen Felsen in die Sonne legen als auf Beton und ich glaube, dass dies so ziemlich alles bestätigt, was ich zu glauben glaube. Und ich glaube, dass vieles, was sich heute wie esoterischer Scheiß anhört, einfach nur Dinge sind, die wir noch nicht erklären können.

2. Wenn du einen Tag lang Angela Merkel wärst – was würdest du machen?
Was waren das noch schöne Zeiten, als man solche Fragen ganz keck mit „zum Friseur gehen“ beantworten konnte…!
Ich würde natürlich augenblicklich den Bundestag auflösen und mich zur uneingeschränkten Kaiserin von Deutschland krönen. Dann würde ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, dieses Land und all seine Gesetze von Grund auf zu entidiotifizieren. Aber weil das dank meines rigorosen Einsatzes ziemlich schnell erledigt sein wird, kann ich mich schon bald zurück lehnen und die Früchte meiner Arbeit genießen, während das glücklichste Volk der Welt mir zujubelt und mich hochleben lässt!

3. Bist du eher introvertiert oder extrovertiert?
Schwierige Frage. Ich glaube, von Natur aus bin ich eher extrovertiert, aber dann leider zu Selbsthass und Introvertiertheit erzogen worden. Heute ist es mal so, mal so, kommt ganz auf meine Gesprächspartner an.

4. Fernsehen oder Internet?
Ich lebe in einer Wohnung ohne Fernsehempfang – und nein, darauf bilde ich mir nichts ein wie so ein Hipster, im Gegenteil, ich finde das ausgesprochen scheiße. Aber die Mitbewohner sind da halt sehr anti und einen Fernsehanschluss allein bezahlen…!
Es hat beides seine Vor- und Nachteile. Im Grunde kriegt man im Internet alles zu sehen, was man sehen will. Andererseits muss man halt wissen, was man sehen will und wenn man das nicht weiß, hilft das Fernsehen. Wie oft habe ich mich schon für das vermeintlich geringste Übel an einem ätzenden Sonntagabend entschieden und durfte dann feststellen, dass der Film, den ich ich mir nie online angesehen hätte, eigentlich unglaublich hammergeil ist?
Ich könnte vermutlich nicht so lange ohne Internet leben, wie ich jetzt schon ohne Fernsehen lebe, aber trotzdem ist und bleibt das Fernsehen ziemlich knorke.

5. Zuckerberg kauft Whatsapp. Gehen wir jetzt alle zu Threema oder beschweren wir uns via Facebook-Status darüber?
Ich habe kein Smartphone und deshalb auch kein Whatsapp und benutze meinen Facebook-Account fast gar nicht mehr, deshalb stellt sich die Frage nicht. Allgemein denke ich eher: Meine Fresse, NEUNZEHN MILLARDEN DOLLAR!? Mit was zur Hölle ist das gerechtfertigt?! Wie ist dieser Preis zustande gekommen?! Diese Whatsapp-Typen haben doch wohl auf die Frage „Verkauft ihr?“ nicht etwa geantwortet mit „Mjoah, okay, aber nicht unter 19 Millarden!“, oder?! Aber warum zur Hölle hat man denen dann so viel Geld geboten?! Wie kann etwas, das man weder essen noch trinken kann, so viel wert sein?! Und warum hat sich Zuckerberg dafür nicht verdammt noch mal lieber ne ziemlich große Insel gekauft, um dort seine eigene Nation und ein neues Utopia zu errichten?! Ich meine, darf man das, einfach so Nationen gründen, wenn einem der Grund und Boden gehört oder zumindest, wenn man so ekelhaft reich ist wie Zuckerberg?! DAS sind die wirklich wichtigen Fragen!

6. Was wolltest du als Kind werden?
Irgendwann so mit acht, neun Jahren fand ich mal eine Tussi bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ cool und die war Modedesignerin. Es stand also für mich fest, dass ich Modedesignerin werden will. Es hat dann leider nur für sowas gereicht. Wobei ich wirklich ein paar Ideen für T-Shirtdrucke hätte, aber das Equipment dazu ist unglaublich teuer.

7. Glaubst du an die große Liebe? Und wenn ja, gibt es nur eine davon?
Hach… ich sage mal ganz romantisch ja! Zu, äh, beidem.

8. Wenn du ein Tier sein könntest, welches wäre es?
Natürlich eine Katze. Katzen sind und bleiben die coolsten Tiere der Welt, weil ihnen alles am Arsch vorbei geht. Fliegen können wäre allerdings auch schon geil… so ein Falke hätte also auch was. Aber nein, wenn ich mich entscheiden muss, bleib ich bei Katze.

9. Nehmen wir mal an, du hättest die Möglichkeit, dich frei durch Zeit und Raum zu bewegen, wohin würdest du reisen und warum?
Oh ja, frag sowas eine Geschichtsstudentin…!
Was gibt es da nicht alles für offene Fragen. Hatten die Dinosaurier Federn und hat sie wirklich ein Meteorit ausgelöscht? Wie lebte man so in der Steinzeit? War der Rombrand wirklich nur ein Unfall? Wie klang Farinelli? Wer hat Stonehenge gebaut und wie? Wie sah der Koloss von Rhodos aus? Was ist aus Prinzessin Anastasia von Russland geworden und aus Louis XVII. von Frankreich? Wie war Jesus so und hatte er Familie? Wie sind die Israeliten aus Ägypten entkommen? Wie hörte sich Indogermanisch an? Was ist in Roswell wirklich passiert? Wer hat Kennedy erschossen? Was ist in den verborgenen Räumen der Pyramiden? Wo steckt die Bundeslade und das Bernsteinzimmer? Gab es einen weiblichen Papst? Und wie starb Kurt Cobain wirklich?
Ach, aber momentan würde ich vermutlich einfach in die Fünfziger reisen, um was für meine Examensarbeit zu tun. Gerne würde ich William Gaines interviewen und sehen, ob er das Ende seines Verlages wirklich so angepisst angekündigt hat wie überliefert. Ich kann es einfach kaum glauben, dass ein Geschäftsmann in dieser Zeit wirklich „Fuck you“ gesagt haben soll.
(Und ihr denkt jetzt: Was labert die? Keine Angst, davon erzähle ich euch, wenn ich damit durch bin…)

10. Welchen Film hast du zuletzt gesehen?
Seit Montag hab ich keinen Film gesehen – es ist also immer noch Corpse Bride! Ich bin ja sowieso eher für Serien (kurze Aufmerksamkeitsspanne óle) und kucke mir momentan so nebenbei mal wieder Die Simpsons an. Aber die guten Folgen, die alten. Gerade bin ich bei der 6. Staffel und die ist natürlich fa-bel-haft.

11. Welches ist dein Für-immer-und-ewig-Lieblingslied?
Auf diese Frage muss ich die immer-selbe Antwort geben: DAS!

So, nun ist es wieder an mir, Fragen auszudenken.
1. Batik – yay oder nay?
2. Es ist jetzt ja wieder Fastnacht. Was ist deine Meinung dazu?
3. Egal wie die Antwort ausfällt, als Kind war es doch bestimmt geil. Was war dein liebstes Kostüm, als du klein warst?
4. Hand aufs Herz: Worum geht es in dem unvollendeten Roman in deiner Schreibtischschublade?
5. Welches Buch hast du als letztes gelesen?
6. Nur noch wenige Wochen, dann geht es weiter mit „Game of Thrones“. Bist du auch dem Fieber verfallen?
7. Hast du schon Reisepläne dieses Jahr?
8. Dein Lieblingssong aus deinem Lieblingsmusical?
9. Welches alte Videogame würdest du gerne in topaktueller Graphik nochmal spielen?
10. Bist du abergläubisch?
11. Was ist deine Lieblingseissorte?

So, jetzt die schwierige Frage, an wen ich das weiter schmeiße. Ich finde, 0x0d muss unbedingt beehrt werden, weil ich von dem das letzte bekommen habe. Aus dem gleichen Grund müsste Karo auch dran sein, aber von der hab ich das aktuelle Stöckchen ja bekommen und ich kann wohl schlecht direkt zurück werfen. Oder doch?! Wenn ja, dann fang!
Die liebe Nerdbarbie hat sich letztens ein bisschen Getippsel von mir angesehen. Zum Dank bekommt sie ein Stöckchen, damit sie selbst was zum Tippseln hat :mrgreen:
Der Hemator ist ein Nerd mit Stil und hat mich zum Media Monday gebracht. Dafür gibt’s ein Stöckchen, auch wenn die ihm, glaube ich, gar nicht gefallen :mrgreen:
Und last, but not least glaube ich, dass sich die liebe Sarah und die genauso liebe Juna über sowas auch freuen!

Natürlich darf auch jeder andere das Stöckchen aufnehmen, wer will, aber ihr seid ja alle erwachsen und müsst nicht extra aufgefordert werden :mrgreen:

Media Monday #139

Ich glaube, ich bin da schon öfter drüber gestolpert, aber es musste halt erst der Hemator kommen, damit ich Lust kriege, beim Media Monday mitzumachen. Weil es lustig ist! Und weil ich den nächsten Monat nicht viel zum Bloggen kommen werde. Da sind solche kleinen Vorlagen schon sehr nützlich. Hier also mein erster Beitrag, dem hoffentlich noch viele folgen werden!

1. Hauptgründe für das Bloggen sind für die meisten sicherlich der Austausch, die Kommentare, das Miteinander, die Interaktion mit der Besucherschaft, der Spaß an der Sache. Schön und gut, aber wie war das ganz am Anfang des Bloggens, als man noch niemanden kannte, als noch niemand das eigene Geschreibsel gelesen hat. Was hat euch damals bewogen zu sagen: “Da mach ich jetzt nen Blog auf”?
Mein erster Blog war dieser, in dem ich über die komischen Sachen berichte, die mir bei meiner Arbeit als Kellnerin passieren. Im echten Leben hatten nämlich alle keinen Bock mehr auf meine endlosen Geschichten. Aber es musste raus. Außerdem schreibe ich sowieso gerne und dachte, dass sowas Potential hat. Natürlich war’s am Anfang blöd, aber ich hab mich einfach über jeden einzelnen Hit gefreut und wusste, die Kommentare und Follower würden irgendwann schon von selber kommen. Und so war es dann ja auch.

2. Jeder hat ja so seine favorisierten Genres. Unterscheiden sich diese bei euch je nach Medium – also Film/Buch/Serie etc. – oder könnt ihr da schon Übereinstimmungen feststellen? Habt ihr Beispiele?
Wenn ich mir mein Bücherregal so ansehe, herrschen drei Genres vor: Horror (Stephen King), (Superhelden-)Comics und Fantasy. Gerade Horror mag ich als Film nicht so übertrieben gerne, weil mich das zumindest phasenweise zu sehr stresst. Nein, das lese ich lieber. Superheldenfilme mag ich eigentlich genauso wie Comics, aber sie sind oft enttäuschend, weil Filme nun mal anderen Regeln gehorchen. So sehen z.B. viele ultracoole Kostüme im Film einfach lächerlich aus, das funktioniert schlicht nicht. Fantasy ist mal so, mal so. Dagegen mag ich eigentlich an Filmen gerne Comedy, was wiederum als geschriebenes Wort ganz anders aufgezogen werden muss. Kann man sich „American Pie“ als Buch vorstellen? Eher nicht, ne.

3. Welche Geschichte hätte man eurer Meinung nach besser als beziehungsweise in einer Serie erzählen können als in dem Film…?
Die Lücke ist hier komisch bzw. die Frage seltsam gestellt, deswegen antworte ich einfach so. Ich finde, viele Stephen-King-Filme hätte man besser als Serie adaptieren sollen, so zum Beispiel „The Stand“, „Es“ oder „Needful Things“. Die Bücher gehören zu meinen absoluten King-Lieblingen, aber die Filme sind eher so meh, auch wenn sie teils Mehrteiler sind. Da sind einfach so viele Handlungsstränge und Personen… das passt nicht alles in einem Film rein. Eine Miniserie würde sich bei so umfangreichen Material sehr anbieten, wie man es jetzt ja auch bei „The Dome“ gemacht hat – wobei ich die Serie noch nicht gesehen habe, weil das Buch auch eher mittelmäßig ist. Doch ich hoffe, sie führt vielleicht dazu, noch andere Kingbücher auf diese Weise umzusetzen.

4. Der spannendste Kinostart im März wird sicherlich für mich überhaupt nichts sein, denn ich werde den Monat über keine Zeit haben, ins Kino zu gehen wegen Unistress. Aber was ich da gerade so an Neustarts gesehen habe, als ich es nachschlug, haut mich ohnehin nicht wirklich vom Hocker.

5. Am 23.04.14 ist wieder der Welttag des Buches und anlässlich dieses Datums wird derzeit auch wieder die Aktion Blogger schenken Lesefreude initiiert. Was haltet ihr von solchen blogübergreifenden Initiativen?
Es geht um Lesen und Lesen ist immer gut. Leider komme ich momentan sehr selten dazu. Jedenfalls lese ich nichts, was ich normalerweise freiwillig lesen würde, davon aber so viel, dass für weitere Bücher kein Platz ist. Aber egal. Grundsätzlich: Cool! Vielleicht mach ich irgendwann ebenfalls mal mit, obwohl ich momentan echt wenig zum Rezensieren habe. Aber ich wüsste schon genau, was ich da verlosen würde…

6. Will Ferrell ist ja überwiegend für Komödien bekannt, aber ich kann diesem Humor nichts abgewinnen, weil ich Will Ferrell hasse wie die Pest. Ich muss den nur sehen und schon werde ich aggressiv. Diese saublöde Fresse -.- und der ewiggleiche dämliche Blick. Ich hab mal versucht, „Anchorman“ zu sehen und musste nach 10 Minuten ausmachen. Das ist einfach nicht mein Humor. Blöd und infantil. Ansonsten meide ich seine Filme grundsätzlich. Ich weiß nur noch, dass ich vor Ewigkeiten mal „Party Animals“ gesehen und die ganze Zeit über gedacht habe, dass der tatsächlich noch ein ziemlich lustiger Film wäre, wenn Will Ferrell nicht mitspielen würde.

7. Meine zuletzt gesehener Film war Corpse Bride und der war toll wie immer, weil ich mir aktuell eine kleine Tim-Burton-Stop-Motion-Musical-Manie eingefangen habe und ja nicht NUR „Nightmare before Christmas“ kucken kann. Und ja, ich weiß, der hat da entgegen dem weitverbreiteten Irrtum keine Regie geführt. Aber trotzdem.

Es ist Hass.

Ich werde nie wieder in diesem ganz bestimmten großen deutschen Elektrofachmarkt, der hier ungenannt bleiben soll, irgendetwas kaufen. Nicht mal eine einzige verschissene Glühbirne. Denn ich habe endlich das Problem erkannt. Die hassen mich einfach.

Aber der Reihe nach.

Mittwoch, halb 8 abends. Ein Piepsen und mein Bildschirm wurde schwarz. War ja nur schon das dritte Mal an diesem Tag. Angepisst starrte ich mein Ladekabel an, das seit Wochen irgendein Scheiß-Problem hat und ständig Überspannung oder sowas in der Art erzeugt, wenn ich den Laptop irgendwie falsch bewege. Folge eben: Er geht aus.
Die Aussicht, Geld ausgeben zu müssen, sowie meine absolut galoppierende Faulheit hatten mich bisher davon abgehalten, dagegen etwas zu unternehmen. Aber jetzt reichte es, das ging so nicht weiter. Also schnell angezogen und in den Laden gestiefelt, solange er noch offen war.

Ich fragte einen Verkäufer, welches Kabel für mich das richtige ist, und zeigte mein altes her. Der bot mir ohne zu zögern ein Teil für 30 Euro an. Seufz. Aber gut. Bezahlen und nach Hause.

Wo ich sehen musste, dass das Kabel für meinen Laptop eine völlig falsche Voltzahl hat.

Es folgte ein Wutanfall epischen Ausmaßes. Am Ende saß ich mit starren Blick auf meiner Couch, rauchte eine Zigarette – und wanderte den Pfad der Erinnerung entlang. Rief mir all die Konfrontationen mit diesem ungenannten Elektrofachmarkt zurück ins Gedächtnis, von denen jede einzelne einfach nur ein gigantischer Tritt in den Arsch gewesen war. Es gab nicht ein positives Erlebnis.
Im Gegenteil. Im Gegenteil…

 

Ich bin…

froh, als ich die großformatige Anzeige entdecke, die mit einem vielversprechenden Angebot aufwartet. Der große deutsche, ungenannte Elektrofachmarkt bietet Ratenzahlung für Elektrogeräte, Null Prozent Zinsen, Laufzeit über zweineinhalb Jahre.
Es ist das Jahr 2011, es ist Winter und ich bin verzweifelt. Ich bin nämlich blank. Aber sowas von. Ich kriege Studienkredit, aber das reicht kaum, um über die Runden zu kommen. Ich finde einfach keinen Nebenjob, der diesen Umstand etwas entschärfen könnte. Dafür ist, Halleluja, mein Laptop am Verrecken. Gerade erst hatte mein Cousin ihn wieder soweit flott gemacht, dass er noch ein paar Monate hält… vielleicht. Nun brauche ich aber einen Laptop. Ich studiere ja. Und außerdem kucke ich gerne Youtube und so.
Die Möglichkeit, einen neuen Laptop auf Raten zu kaufen ist DIE Lösung. Ich würde mir natürlich ein billiges Modell aussuchen, mein jetziger hat gerade mal 300 Euro gekostet und der hat mir immerhin gute Dienste geleistet… das wären 10 Euro pro Monat…

Ich sehe mir auf meinem ächzenden Klapp-PC die Konditionen im Internet an, weil ich nicht glauben kann, dass eine solche Finanzierung so einfach sein soll. Aber dort steht nichts anderes als auf der Plakatwand. Scheint ja alles supereasy zu sein. Komisch kommt mir das zwar vor, aber wenn die das Risiko eingehen wollen – warum zur Hölle sollte ich mich da beschweren?

Ich betrete den Laden, lasse mich beraten. Suche mir ein günstiges Modell aus. Rede mit dem netten Verkäufer. Der will den Deal direkt perfekt machen und verlangt nach meinem Ausweis.
Verdammte scheiße, denke ich. Mein Personalausweis ist abgelaufen, vor ein paar Wochen schon. Ob das wichtig ist?
„Jaaa, schon…“ meint er bedauernd. Und damit war es vorbei. Ohne gültigen Personalausweis kein neuer Laptop. Dann müsse ich wohl wieder kommen, wenn ich einen neuen habe.
„Aber… sonst geht das alles ganz einfach? Ich brauch nur einen neuen Perso?“
„Ja.“

Leider dauert sowas ja ewig und das Angebot besteht nicht lange. Was tun? Naja, da gibt es ja diese vorläufigen…!
Ich checke meine Barschaft und sehe, dass ich mir momentan keinen neuen Perso leisten kann, zumindest nicht, wenn ich vor habe, die nächste Woche noch was zu essen. Meh. Aber ein vorläufiger ist gerade noch im Bereich des Möglichen… also auf zum Rathaus.
Ich frage die Beamtin, bei der ich die Formulare ausfülle, darüber aus, ob ein vorläufiger Perso denn genauso gültig ist wie ein richtiger. Sie ist unwirsch, glaubt wohl, ich wolle in irgendeiner Weise den deutschen Bürokratieapparat angreifen. Aber sie bestätigt das. Ein vorläufiger Perso ist genauso gültig wie ein richtiger auch.

Der Elektrofachmarktverkäufer sieht das anders. „Das geht so nicht.“
„Aber der ist gültig!“
„Das ist egal, ich kann das so nicht machen…“

Der Typ ist so nett und bedauernd, da will ich nicht flippen. Aber ich bin schon sauer. Stinksauer. Trotzdem schleiche ich ohne größeren Protest aus dem Laden. Ich hatte 10 Euro für den vorläufigen Personalausweis bezahlen müssen. Und als ich Monate später den richtigen machen lasse und nochmal nachfrage, ist die Beamtin NOCH angepisster. „Natürlich zählt das und die hätten den annehmen müssen, ABER DAS IST DOCH NICHT UNSERE SCHULD!!“
„Äh, hab ich ja auch nicht gesagt, ich wollte nur…“
„Das ist ein amtliches Ausweisdokument der Bundesrepublik Deutschland! AMTLICHES – AUSWEISDOKUMENT!!“

Ich kapituliere. Sauer bin ich aber immer noch.

Dann…

ist es Sommer und ich stehe wieder vor dem großen deutschen, ungenannten Elektrofachmarkt. Eigentlich möchte ich nach Hause in die alte Heimat, denn ein Kumpel hat Geburtstag… aber vorher muss ich noch das hier hinter mich bringen.

Ich möchte nicht. Ich weiß genau, wie diese Art Jobs laufen. Wie furchtbar die sind. Hatte fast zwei Jahre einen ähnlichen. Aber ich bin immer noch blank und habe keinen Job. Ein halbes Jahr Suche war leider nur enttäuschend, scheiterte größtenteils an meiner Immobilität, denn die meisten Arbeitsstellen konnte ich einfach nicht erreichen oder kam von dort nach Feierabend nicht mehr heim. Zwar hab ich da morgen diese Probeschicht in dieser Kneipe, aber naja…

Ich seufze und trete an den Infoschalter. Trage mein Anliegen vor. Die Schaltertussi beäugt mich von oben bis unten und gibt mir dann ein Formular für die Aushilfsstelle als Kassiererin. Wie lange es dauert, bis ich Antwort habe, frage ich. Und ob sich denn schon viele beworben hätten.
„Sie werden angerufen,“ lautet die lapidare Antwort. Sie sieht wohl den verräterischen Schimmer in meinen Augen nicht. Oder sieht ihn doch und ist absichtlich so kurz angebunden, die blöde Kuh.

Mehrere Stunden Zugfahrt liegen vor mir. Ich steige gerade an meinem Heimatbahnhof aus dem Zug, als mein Handy klingelt, unbekannte Nummer. Ich gehe ran. Es ist der ungenannte Elektrofachmarkt!!
„Ich habe gerade Ihre Bewerbung gesehen. Können Sie morgen zum Vorstellungsgespräch kommen?“
Was… morgen? Es ist Freitag. Morgen ist Samstag. Und ich bin ja gerade nach Hause gefahren…
„15 Uhr?! Schaffen Sie das nicht!?“ klingt es schon ziemlich ungeduldig, als ich ihr die Situation schildere. Boah, 15 Uhr, dann muss ich total früh aufstehen, muss dann ja noch heim und duschen und mich irgendwie vorzeigbar herrichten, und das nach einer Geburtstagsparty…!
„Geht es… geht es nicht auch ein bisschen später?“ frage ich eingeschüchtert nach. Mein Gott, ich brauch einen Job, aber die Leute am Wochenende herbeordern, Mann…
Die Frau ist unwirsch, aber wir einigen uns auf 16 Uhr. Immerhin.

Der nächste Tag ist stressig, ich bin nicht ausgeschlafen und verkatert. Eigentlich wollte ich viel später heimfahren, die Probeschicht in dieser Kneipe hab ich nämlich erst um Acht. Aber wenn ich den Job kriege, muss ich da ja vielleicht gar nicht mehr hin…

Die Frau wirkt arrogant, lässt mich ein Formular ausfüllen. Der Inhalt löst bei mir Stirnrunzeln aus. „Entschuldigung, ich soll hier meinen letzten Bruttolohn eintragen… aber ich hab bisher ja immer nur 400-Euro-Jobs gehabt, also keine Steuern bezahlt, also gibt’s da ja kein Brutto…“
„Schreiben Sie halt das hin, was Sie bekommen haben,“ schnarrt sie unwillig.
„Ja, aber… hier steht doch Brutto. Wenn ich jetzt meinen Lohn hinschreibe, der ja eigentlich Netto war… soll ich vielleicht „Brutto“ durchstreichen und…“
„Nein nein, schreiben Sie einfach den Nettolohn hin.“

Ich will eigentlich noch viel mehr sagen, aber schließlich kritzle ich unwillig sechs Euro 17 hin (sechs – Euro – siebzehn, Leute.). Wenn das wirklich jemand für Brutto hält, was denkt der dann, was ich Netto bekommen habe? Vielleicht noch knapp vier Euro? Und überhaupt, was geht die das eigentlich an?! Das ist doch nur ein Nebenjob!!
„Ähm, wie viel… wie viel ist denn der Stundenlohn?“
„Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Aber ich versichere Ihnen, es ist mehr als 6 Euro 17.“
Na, das heißt ja nicht viel, Alte… und wie läuft das überhaupt? Sehen die sich erst an was ich da hingeschrieben hab und entscheiden dann darüber? Denken die sich vielleicht in dem Fall „na, DIE hat sich ja mal schön verarschen lassen, da müssen wir nicht viel drauflegen!“ Und sitze ich dann am Ende an Kasse 2 und krieg sechs-fuffzig und die Tussi an Kasse 4, die schlau genug gewesen war beim Ausfüllen zu lügen kriegt zwei Euro mehr oder was?!

Wir unterhalten uns. Ich bin zwar schüchtern, aber ich glaube, ich mache einen ganz passablen Eindruck. Jedenfalls wirkt sie so, als würden die wirklich ganz dringend Leute suchen. Sie erklärt mir dann auch gleich schon, wie das läuft.
„Wir haben viele Studenten. Jetzt sind bei euch ja Ferien, da verlangen wir gerade in der Einarbeitungszeit Vollzeit. Danach, wenn die Vorlesungen wieder beginnen, dann 20 Stunden die Woche.“
Ich schrumpfe auf meinem Stuhl ein bisschen zusammen. 20 Stunden jede Woche kommt mir arg viel vor. Vor allem bei einer so unglaublich geistlosen Tätigkeit. Irgendwie, irgendwann muss ich ja auch noch studieren.
„Sie werden zuerst mit der Kasse vertraut gemacht. Zuerst werden Sie nur zusehen, dann auch mal selbst abkassieren und eine Kollegin sieht Ihnen dabei über die Schulter. Das dauert insgesamt so drei Wochen. Und dafür werden Sie nicht bezahlt.“
Sie sieht wohl, wie mir alles aus dem Gesicht fällt, denn sie setzt noch hinzu: „Manche schaffen es auch in zwei.“

Der Teil von mir, den ich normalerweise wirklich sehr schlecht unter Kontrolle habe, der aber gerade genauso sprachlos ist wie der Rest von mir, will aufspringen und „Fick dich und deinen Ausbeuterbetrieb, du beschissene Bonzentussi!!!“ brüllen. Aber ich bin wirklich komplett erstarrt.

Sie schlägt die Beine übereinander und bedenkt mich mit einem Blick, der wohl auf eine seriöse Art irgendwie gutmütig wirken soll. „Aber dafür geben wir Ihnen auch etwas mit, was Ihnen keiner mehr nehmen kann. Wenn Sie mit diesem Kassensystem vertraut sind, dann können Sie überall damit arbeiten. Das können Sie dann zum Beispiel auch in Ihren Lebenslauf schreiben.“

Oh, ja, ganz genau. Dafür studiere ich und häufe zehntausende Euro Schulden an, damit ich für den Rest meines Lebens an einer beschissenen Kasse sitze, du dumme Sau!!

Vielleicht erwartet sie, dass ich mich bedanke für diese einmalige Chance, aber ich kriege immer noch keinen Ton heraus. Deshalb erhebt sie sich, um den zweiten Chef zu rufen, mit dem ich auch noch reden soll. Ich warte sicher zehn Minuten, obwohl sie nur nebenan ist, bis sie zurück kommt. „Der ist gerade beschäftigt. Können Sie vielleicht nächste Woche nochmal kommen?“

Uh yeah, dafür bin ich extra vier Stunden früher als geplant zurück gekommen. An einem Samstag. Damit der Chef, der offensichtlich da ist, aber wohl telefoniert oder sowas, keine fünf Minuten Zeit für mich hat.
Ich sage, dass ich gerne wieder komme.
Sie verabschiedet mich mit einem herablassenden Blick auf meine Füße. „Ziehen Sie dann aber besser andere Schuhe an. Der Herr Müller ist da etwas empfindlich. Mit denen werden Sie hier nicht arbeiten können.“ – Denn es gibt ja für eine Kassiererin NICHTS wichtigeres, als hübsche Schuhe zu tragen, die hinter der Kasse keine Sau sieht. Ist klar, Chefin! IST KLAR!!!

Gott, wie habe ich schon jetzt mehr keinen Bock auf diese Scheiße. Aber ich bin arm, ich brauche den Job! Und ich bin fast sicher, dass ich ihn in der Tasche hatte. Aber eben nur fast. Das heißt, mir steht heute Abend noch was bevor.

Die Probeschicht in dieser Kneipe läuft dann überraschend super. Es ist ein langer Tag gewesen und ich bin ja IMMER noch verkatert, aber bis auf ein paar kleinere dumme Fehler, die auf meine momentane Verpeiltheit zurück zu führen sind, weiß ich, dass ich gut arbeite. Spaß macht es auch. Und die Kellnerin, die mir alles zeigt, ist voll nett.
„Probeschicht?“ meint sie ungläubig, als ich sie am Ende bang frage, ob sie meint, dass ich Chancen auf den Job habe, „wir machen keine Probeschichten. Das war deine Einarbeitungsschicht. Der Chef nimmt eigentlich jeden, außer du stellst dich richtig blöd an. Aber war doch okay, du bist dabei!“

Ich bin sprachlos. Dann heule ich fast vor Glück. Und das ist der Beginn einer Legende!!! Aber darum soll es hier nicht gehen…

Ich soll am nächsten Dienstag meinen zweiten Vorstellungstermin in dem ungenannten Elektrofachmarkt haben. Ich kann kaum den Montag abwarten, um anzurufen und abzusagen!
Aber der Laden kommt mir zuvor. Ich liege noch im Bett, als das Telefon sehr früh am Montagmorgen klingelt. „Sie hatten am Samstag ein Vorstellungsgespräch und sollten morgen wieder kommen…“ Ich kann an der Stimme der Telefonfrau hören, dass sie den Termin verschieben will, doch ich unterbreche sie. „Ich wollte heute sowieso anrufen, um abzusagen. Ich habe etwas anderes gefunden und nun keinen Bedarf mehr.“
Die Telefonfrau ist absolut perplex, was ein weiteres Zeichen dafür ist, dass sie mir nur einen neuen Termin geben wollte und nicht etwa eine Absage. Sie stammelt noch was, dann wird aufgelegt.
Ich drehe mich in meinem Bett auf die andere Seite, schließe die Augen wieder und grinse so breit, dass ich fast meine Ohren verschlucke. Dieser Scheißladen hat mich nicht gekriegt mit seinem Scheißkassensystem und seiner beschissenen Chefin und überhaupt alles Scheiße!

Okay, das ist eigentlich doch wenigstens zum Ende hin eine so richtig schön befriedigende Erinnerung.

Aber…

es ist Herbst und ich stehe wieder in diesem großen deutschen, ungenannten Elektrofachmarkt. Es gibt wieder dieses Angebot, diese Null-Prozent-Finanzierung. Ich habe zwar jetzt einen Job, aber noch nicht genug gespart für einen neuen Laptop, deswegen möchte ich das Angebot in Anspruch nehmen. Einen neuen Perso habe ich ja jetzt!

Dieses Mal komme ich bis zum Infoschalter mit dem eingepackten Laptop, bis ein Problem auftaucht. Wieder ist die Bürokratie Ursache. Die Schaltertussi fragt mich viele Dinge und gibt sie in ihren Computer ein, bis sie auf eine Antwort von mir plötzlich die Stirn runzelt. „Sie arbeiten seit Juli in Ihrem Betrieb?“
„Jaaa,“ antworte ich und kann gerade noch verhindern, das Kinn rauszustrecken und den Kopf zurück zu werfen. Mein Leben hat sich zu dreihundert Prozent verbessert, seitdem ich endlich einen Job habe.
Sie lässt die Hände von der Tastatur fallen. „Dann können Sie das Angebot nicht wahrnehmen. Sie müssen dafür mindestens ein halbes Jahr in Ihrem jetzigen Betrieb beschäftigt sein.“
Meine Gesichtszüge erstarren. „Ach?“
„Ja,“ antwortet sie – und verliert augenblicklich das Interesse an mir.

Wieder mal sieht man mich perplex. Als ich wieder sprechen kann, sind meine Augen Schlitze. „Verzeihung, ich werde gerade ein bisschen sauer. Das ist das dritte Mal, dass ich wegen dieses Angebots hier bin, und niemand hat mir je gesagt, dass ich dazu erst ein halbes Jahr angestellt sein muss.“
„Ist aber so,“ meint die Tussi gelangweilt.
„Davon findet sich auch NICHTS auf eurer Internetseite.“
„Natürlich nicht. Das kommt ja nicht von uns, sondern von *hier Name eines großen deutschen Bankinstituts einfügen*“
„Ja, na und? Warum sagt ihr das den Leuten nicht? Warum schreibt ihr die genauen Konditionen nicht wenigstens auf eure Internetseite?!“
„Wie gesagt, kommt nicht von uns. Das sind ja nicht unsere Konditionen.“
„UND?! Wenn ihr *Name des großen deutschen Bankinstituts* als Partner habt und die sowas verlangen, damit man das Angebot nutzen kann, dann sind das genauso EURE Konditionen!“
„Dürfen wir nicht.“
„So ein… und warum konnte mir das BIS JETZT niemand sagen? Ich hab extra gefragt, was ich dafür alles brauche!“
Sie zieht die Schultern hoch. „Gehen Sie doch mal zu Ihrer Bank und versuchen Sie, ohne einen solchen Nachweis einen Kredit zu kriegen.“
„Danke, aber ich HABE bereits einen Studienkredit!“
„Ah, ja,“ meint sie gleichgültig, löscht mit einem Mausklick die angefangene Datei und beginnt, sich anderweitig zu beschäftigen.

Und ich? Gehe dann einfach, bevor ich über die Theke und der Tussi ins Gesicht springe. Sowas tut man ja nicht. Und das ist der Moment, in dem ich diesen großen deutschen, ungenannten Elektrofachmarkt wirklich zu hassen beginne.

Trotzdem…

betrachte ich ein halbes Jahr später die Laptops und lasse mich von einem Verkäufer beraten. Zwar läuft mein jetziger Laptop immer noch, aber nur die Götter wissen wieso. Ich will nicht darauf warten, bis er nun endgültig den Geist aufgibt, hab ich doch nun tatsächlich genügend Geld gespart, um auf dieses beschissene Finanzierungsangebot nebst der damit einhergehenden irreführenden Werbung nicht mehr angewiesen zu sein.
Der Typ hatte mir zwei Modelle gezeigt, die beide meinen Ansprüchen genügen. Es sind die billigsten und kleinsten Modelle im Laden, das eine zwanzig Euro teurer als das andere. Viele Unterschiede haben sie nicht, jedenfalls nichts, was ich als ausgewiesener PC-Blödi erkennen könnte, aber ich tendiere dennoch zum teureren Modell, was ich aber wohlweislich für mich behalte. Schließlich habe ich mich im Geiste entschieden, nur Geld habe ich nicht dabei. Der Verkäufer steht abwartend neben mir. „Ich komme morgen wieder, bis dahin weiß ich, welchen ich nehme. Wollte heute nur mal kucken…“
Der Verkäufer lächelt daraufhin hintergründig. „Jaaa, kommen Sie besser morgen wieder…!“
Ich starre ihn an, verunsichert. Was versucht er mir da zu sagen? „Äh… warum?“
Er lächelt einfach nur weiter. Hm. Mein Hirn rattert und kommt schließlich zur einzigen Erklärung, die mir logisch erscheint. „Sind… sind die morgen im Prospekt? Sind die dann billiger?“
„Hm, sowas darf ich nicht sagen…!“
Ich starre ihn noch ein bisschen an. Lächle dann schließlich auch vorsichtig. Er lächelt zurück. Verschwörung, Baby, sagt dieser Blick.

Ich gehe nicht heim, ich hüpfe. Dabei versuche ich mir vorzustellen, wie viel die Laptops wohl runter gesetzt wären. Dreißig Euro vielleicht? Oder gar fünfzig?

Ich kann den nächsten Tag kaum erwarten. Das ist wirklich ein großes Ding für mich, nach dieser langen Zeit am Hungertuch mir wieder was großes leisten zu können! Aber natürlich hab ich NICHTS dagegen, wenn es dann plötzlich doch billiger kommt als erwartet…!

Ich eile durch die Reihen, dort hin, wo ich gestern vor den Laptops stand. Blicke mich suchend um, vielleicht nach sowas wie einem extra arrangierten Angebotstisch. So was ist nicht da. Was auch nicht da ist: Das billigere der beiden Modelle, das ich mir angesehen habe. Und das andere ist nicht günstiger. Keinen Cent.

Ich spreche einen Verkäufer an, einen anderen als den von gestern. „Entschuldigung, ihr hattet da gestern noch ein Modell hier stehen, wo ist das denn jetzt…?“
Der Verkäufer blickt über die Reihen. „Ach, hm. Was da nicht mehr steht, wurde aus dem Programm genommen. Wir haben heute ein bisschen umgebaut.“

Ich fühle mich, als hätte mir jemand gerade einen Baseballschläger in den Magen gerammt. Den Weg nach Hause über bin ich wie betäubt. Ich kann das einfach nicht glauben.
Warum? Warum hat mich dieser Verkäufer so verarscht? Hatten wir nicht einen unausgesprochenen Deal gehabt? Du und ich gegen das Corporate Business, die Bonzen da oben, die Laptops für ein paar Cent pro Stunde von Kindern in irgendwelchen Dritte-Welt-Ländern zusammen schrauben lassen, um sie uns für das hundertfache des eigentlichen Wertes zu verkaufen? Stattdessen… gibt mir missverständliche Signale, damit ich einen Tag später wieder komme und den teureren Laptop nehmen MUSS? Absichtlich? Ist das nicht unglaublich bösartig?

Ich trotte mit gesenktem Kopf dahin und zweifle an der Menschheit. Vor allem an dem Teil, der in diesem ungenannten Elektrofachmarkt arbeitet.

Schließlich…

habe ich nun endlich einen neuen Laptop. Und ich bin wahnsinnig, wahnsinnig unzufrieden.
Die Mitbewohner lachen über meine Flucherei. Wenn ich einen Laptop gewollt hätte, der genug Arbeitsspeicher hat, um so abwegige, technisch höchstanspruchsvolle Seiten wie Google aufzurufen, ohne dafür drei Stunden zu brauchen, dann hätte ich mir halt einen Mac kaufen sollen. Dass ich, trotz Job, immer noch kein Geld zum Scheißen habe, interessiert sie nicht, diese ekelhaften Bonzenkinder. Und auch nicht, dass mein anderer Laptop, inzwischen mehr als nur ein bisschen derangiert, immer noch läuft, obwohl er auch nicht teurer gewesen war.

Aber ich traue ihm einfach nicht mehr. Manchmal macht er einen Krach, als würde er jeden Moment explodieren. Deswegen fange ich auf dem neuen Laptop an, die Literatur für meine Abschlussprüfung in meinem dritten Fach zusammen zu fassen, wobei er zwar auch Ewigkeiten braucht, aber die Sicherheit, Mann, die Sicherheit.

Ich benutze ihn etwa zwei Wochen, dann stoße ich damit gegen die Kante meiner Kommode. Und der Bildschirm friert ein.

Ja, so ist das halt. Mein alter Laptop ist mir mindestens achtzigmal von meiner Couch gefallen. Dem hier zerknallt es die Festplatte, wenn man nur einmal kurz in seine Richtung hustet!!!

Aber ich habe ja noch Garantie. Und vielleicht kann man wenigstens die Daten noch retten, die ich so dringend brauche zum Lernen. Also erneut ein Gang in den großen deutschen, ungenannten Elektrofachmarkt.

Ich schildere der unfreundlichen Frau beim Reparaturservice das Problem, frage schließlich vorsichtig nach, ob bei der Reparatur die Daten von der Festplatte gerettet werden.
„Tze, nein. Das können wir GERNE in Auftrag geben, aber das kostet dann so 800 bis 900 Euro.“
Das Ganze in einem Ton, in dem sie auch „Leck mich am Arsch, du dumme Bitch“ hätte sagen können. Und diese absolute Unverschämtheit, so unbedeutend sie eigentlich im Vergleich zu all dem vorherigen ist, bringt mich schließlich endlich zum Explodieren. „Aha, können Sie das vielleicht NOCH abfälliger sagen?!“
Ihre Augen hinter ihrer ziemlich hässlichen Brille werden groß, sie sperrt den Mund auf. „Bitte?!“
„Ich habe da wichtige Daten drauf!“
„Tja, warum haben Sie keine Sicherheitskopie gemacht?“
„Das Teil ist zwei Wochen alt! Ich hab damit nicht gerechnet!“
„Tja, man muss trotzdem immer eine Sicherheitskopie machen.“

Am meisten nervt mich, dass sie Recht hat. Irgendwie. Aber trotzdem, verdammte Scheiße!!! Wer nimmt denn an, dass ein neuer Laptop gerade mal zwei Wochen hält!!!

Am Ende reiße ich ihr das Ding aus den Händen und stürme wutschnaubend aus dem Laden. Ich habe die vage Idee, ihn woanders reparieren zu lassen, wo man meine Daten retten kann, aber das erweist sich als zu teuer, wenn auch nicht so teuer wie von der Tussi behauptet und die Garantie würde dann auch noch verfallen und überhaupt. Letztendlich lasse ich ihn beim ungenannten Elektrofachmarkt reparieren, nur um zu Hause dann feststellen zu müssen, dass er nun zwar eine neue Festplatte hat, aber das n und das b nicht mehr funktionieren. Was einfach nur fantastisch ist, wenn man so heißt wie ich.

Am Ende…

sitze ich also hier, schreibe mit dem beschissenen Dreckslaptop meines Mitbewohners, weil ich meinen eigenen ja ohne Ladekabel nicht mehr aufladen kann, denn das alte habe ich beim Kauf des neuen, unnützen im ungenannten Elektrofachmarkt gelassen als Elektroschrott, habe hinter mir meinen zweiten Laptop stehen, der, kaum war die Garantie verfallen und ich entschlossen, ihn wegen der Kabelschwierigkeiten mit meinem alten Laptop, der von dieser Sache abgesehen immer noch irgendwie, irgendwie läuft, obwohl schon fünf Jahre alt, nun doch zu benutzen, nun wieder eine kaputte Festplatte hat, gerade als ich es riskiert hatte, mal wieder eine Datei darauf zu speichern, die dieses Mal zwar nicht für die Uni, mir aber trotzdem wichtig ist, werde nachher das falsche Kabel zurück bringen, und sollte es da irgendwelche Probleme geben, weil ich die Verpackung geöffnet habe, dann werde ich möglicherweise ganz vielleicht einen Mord begehen und ich bin der Meinung, dass mich kein Richter dieser Welt deswegen verurteilen wird.

Du großer deutscher ungenannter Elektrofachmarkt, ich mag nicht die schlauste Frau auf dieser schönen Erde sein, aber sogar ich habe es jetzt endlich kapiert: Du willst mein Geld eigentlich gar nicht. Oder jedenfalls willst du nicht, dass ich zufrieden bin. Im Gegenteil. Im Gegenteil…
Und dafür hasse ich dich, du großer deutscher Elektrofachmarkt, der aus rechtlichen Gründen ungenannt bleiben muss, den aber hoffentlich jetzt trotzdem jeder erkennt. Ich hasse dich so hart.

Aber das ist nicht schlimm, denn es beruht ja auf Gegenseitigkeit.

Wie ich jemanden von seinem Ausländerhass heilte und mich dabei sehr, sehr wenig anstrengen musste

Unweit der Kneipe, in der ich Bier schubse, befindet sich ein ziemlich geiler Dönerladen mit ziemlich netter Belegschaft. Und so kam es, dass diese türkischen Herren mich und meine Kollegin eines frühen Morgens mitsamt dem spärlichen Rest aus der Kneipe in ihr (bereits geschlossenes) Etablissement luden.

Es wurde Alkohol und Essen kredenzt und alle hatten viel Spaß, als plötzlich ein bisschen Bullshit an mein Ohr drang.

„Türken sind total nett,“ hörte ich, „aber Russen! Wäh, ich hasse Russen!!“

Huch, dachte ich, und spitzte die Ohren. Tatsächlich entpuppte sich einer der Menschen, die freundlicherweise mit eingeladen worden waren, gerade als ziemliches Arschloch. Während ich mich mit dem Besitzer des Dönerladens unterhielt, verfolgte ich gleichzeitig die Diskussion, das sich auf sein dämliches Bekenntnis hin entsponnen hatte. Ein Mädel versuchte ihn standhaft, von der Idiotie seiner Äußerungen zu überzeugen. Aber der Kerl blieb hart!
„Ich hab mal ne Weile gesessen und, ganz ohne Scheiß, diese blöden Russen waren im Knast einfach die Schlimmsten! Ich will mit diesem Pack nichts mehr zu tun haben!“

Ich drehte mich um und fixierte sein biergeschwängertes Gesicht. „Hallo? Nur weil du ein paar schlechte Erfahrungen gemacht hast, rechtfertigt das doch wohl nicht so eine beschissene Aussage!“

„Du verstehst das nicht! Ich habe einige kennen gelernt und glaub mir, diese Scheiß-Russen sind die Asozialsten überhaupt!“

„Ja, okay, ich glaub dir ja, dass die, die du getroffen hast, scheiße waren, aber warum schließt du davon direkt auf ALLE Russen?!“

„Weil das so ist!!! Wäh, die sind der totale Abschaum, alle zusammen, geh mir weg mit Russen!“

„Aber nur, weil ein PAAR Russen sich blöd verhalten, kannst du doch nicht die ganzen anderen mit verurteilen, die hier auch nur ganz normal und unbehelligt leben wollen und völlig in Ordnung sind! Das ist doch total unfair und intolerant! Die können doch nichts für Kriminelle, die zufällig auch russisch sind! “

„Das ist mir scheißegal! Die sind alle – ALLE – scheiße! Ich will mit denen nicht reden, ich will mit denen nix zu tun haben, am besten gehen die alle zusammen zurück in ihr Scheißland!!!“

Ich facepalmte kurz innerlich, fragte mich müßig, warum ich mir im angetrunkenen Zustand eine solche idiotische Diskussion gebe und sah ihn schließlich seufzend an. „Du hast grade gesagt, dass du mal im Knast warst! Weißt du, mit der gleichen Logik könnte ich auch sagen, dass ich mit Leuten wie DIR nichts zu tun haben will, weil du mal kriminell geworden bist und ihr blöden Verbrecher ja alle gleich seid und euch NIE ändert!“

An dieser Stelle geschah etwas, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hätte. Die Gesichtszüge des Typen entgleisten auf meine Worte hin. Und plötzlich stand er vor mir, mit gesenkten Kopf und tieftraurigen Augen, und wirkte wie eingeschrumpelt. „Ja… ja, du hast ja Recht,“ flüsterte er deprimiert.

Äh. Hab ich?

Ich stand da und war sprachlos. Absolut, absolut sprachlos. Ich meine, bin ich der erste Mensch auf der Welt, der ihm diese Parallele aufgezeigt hat, obwohl sie offensichtlicher nicht sein könnte? Ist er das erste Mal überhaupt mit so etwas wie Logik in Berührung gekommen?!

Wie er da so stand wie ein begossener Pudel, sah es fast so aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Ich dagegen war in sowas wie eine Schockstarre gefallen. So fühlt es sich also an, wenn jemand ein Argument annimmt? Mir Recht gibt? So fühlt es sich also an, zu… gewinnen?

„Der kann sich da heute sowieso nicht mehr dran erinnern,“ meinte Mitbewohner Dave tags darauf schulterzuckend, als ich diese Geschichte aufgeregt erzählte. Ich glaube leider, das stimmt. Aber nehmen wir einfach mal an, es wäre nicht so. Dass dieser Mensch sich tatsächlich seinen Vorurteilen bewusst geworden ist und von nun an toleranter durchs Leben stiefelt. Und das nur wegen eines nicht besonders leidenschaftlich vorgetragenen Arguments von mir, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es ankommt, fruchtet. Weil ich eigentlich nur diskutiert habe um des Diskutierens Willen. Weil ich so eine Scheiße nicht in der Nähe von mir ertragen kann, ohne sie zumindest zu kommentieren. Weil ich meine große Fresse nie halten kann.

Und offensichtlich ist das gut. Dieses eine Mal war es gut. Wenn auch nur ganz vielleicht. Aber immerhin. Halleluja.

Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für die Menschheit.

Ein Jahr danach: #Aufschrei, Nachhallen

Stellt euch vor, ihr latscht in eine Musikschule rein und bucht Stunden bei Herman Li. Ihr würdet ihn ankucken und fragen: „Was kann Gitarre denn so?“ Und Herman Li würde grinsen und euch ein zwölfminütiges Solo an den Kopf knallen.

So ähnlich fühlte ich mich bei #aufschrei.

Im Dezember 2012 startete ich diesen Blog und kündigte auch gleich an, im Netzfeminismus mitmischen zu wollen. Einen Monat später kam der #aufschrei. Es war tatsächlich so gewesen, als hätte ich arglos lächelnd die Arme ausgebreitet und gerufen: „Na, was ist? Komm doch her und zeig mir, was du kannst!“ Und die lakonische Antwort aus den Tiefen des Internets war: „Das, Robin. Das.“

In den Tagen, in denen #aufschrei am wirkungsmächtigsten war und im Sekundentakt Tweets abgesendet wurden, machte ich ein richtiges Wechselbad der Gefühle durch. Was aber überwog: pure Euphorie. Ja, das mag bescheuert klingen, wenn wir uns das Thema zurück ins Gedächtnis rufen, aber die reine Wahrheit. Natürlich, während ich Beiträge wie diesen hier schrieb und meine Erinnerungen nach sexistischen Erlebnissen durchforstete, die ich twittern konnte, war ich selbstverständlich in anderer Stimmung. Scham über alte Verletzungen, Wut über saublöde Sprüche, kopfschüttelndes Entsetzen über Dinge, die einfach nicht richtig sind und die ich trotzdem hinnehmen musste, weil ich zu jung oder zu ängstlich war, um mich zu wehren.
Doch danach – Befreiung. Das gute Gefühl, Teil eines Kollektivs zu sein, das endlich die Schnauze voll hat und es jedem ins Gesicht brüllt, der immer noch der Meinung ist, das sei doch alles nicht schlimm.

Jahrelang waren meine Erfahrungen immer nur abgewertet worden. „Reg dich nicht so auf“ „Boah, du hast echt keinen Humor“ „Naja, ist ja nichts schlimmes passiert“ – nur einige der Sprüche, die ich mir anhören musste. Einmal löste ich mit meiner Erzählung über diese saublöde Gynäkologin, die es nicht geschafft hatte, mir als Kind auch nur die rudimentärste Intimsphäre zuzugestehen, einen krassen Streit aus, in dem ich mir von einer Freundin maschinengewehrartig immer wieder anhören musste, was für eine hysterische Kuh ich sei, die ich fortan der Meinung gewesen bin, diese Frau sei eine schlechte Ärztin. Ob guter oder schlechter Doktor, das hinge ja nicht vom Einfühlungsvermögen ab (ähä. Doch. Auch.).

Und plötzlich war alles anders. Ich merkte, ich bin nicht allein, nie gewesen. Viele hatten ähnliches erlebt, viele favorisierten meine Erlebnisse, weil sie fanden, dass sie relevant waren. Es war wie eine nachträgliche Legitimation für die ganzen Scheißgefühle, ausgelöst durch Scheißerlebnisse, die in mir gebrodelt hatten und die ich nur sehr selten rausgelassen hatte, weil ich ja doch nicht auf Verständnis hoffen konnte.

#aufschrei war für mich die reinste Kartharsis.

Und DANN kamen die Hater und Trolle.

Ein Jahr nach #aufschrei hat es sich in gewissen Kreisen etabliert, von „#Aufschreihälsen“ etc. zu reden und dafür johlenden Beifall zu kassieren. Denn #aufschrei, wisst ihr, war männerfeindlich, und alles, was unter diesem Hashtag getwittert worden ist, war die pure Jammerei. Natürlich. Weisse Bescheid.

Für einige scheint es wirklich zu reichen, beim #aufschrei mitgemacht zu haben, um als „radikalfeministisch“ eingestuft zu werden. Was haben diese Leute bitte für eine Definition von radikal? Warum darf ich nicht erzählen, was mir passiert ist, warum muss ich die Täter schützen?

Natürlich deswegen: Weil es um Männer geht. Und weil ich von EIN PAAR Männern berichte, die im Laufe meines Lebens meine Grenzen überschritten haben, MUSS das ja heißen, dass ich allgemein Männer hasse. Selbst wenn einige Täter Frauen gewesen waren. Was dann wohl heißt, dass ich komplett alles und jeden hasse, oder so.

Mich ärgert diese Einschätzung so dermaßen – nicht nur, weil ich selbst betroffen bin. Es ist einfach nur krass selektiv und undifferenziert, denn diese Art Hater machen mehrere schwerwiegende Fehler:

1. Sehen sie den Ursprung nicht. Dieser war NICHT „Sammeln wir jetzt mal böse Storys über die bösen Männer“, sondern „Sammeln wir mal unschöne, sexistische Erlebnisse“. Wer sind die, die uns das verbieten wollen? Was haben die, die sich von „Typ X hat mich in der Straßenbahn angegrabscht“ angesprochen und beleidigt fühlen, für ein Scheißproblem? Und warum ist das MEIN Problem?

2. Darauf aufbauend: Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Ja, dann hat halt irgendeine Tussi tatsächlich in einem Tweet Männer kollektiv unter Generalverdacht gestellt oder wirklich mal was peinlich-überempfindliches getwittert, was man auch unter den wohlwollendsten Umständen nicht als irgendeine Form des Sexismus einordnen kann. Das ist kein Beweis für die inhärente Männerfeindlichkeit oder Irrelevanz des #aufschreis, sondern Resultat unserer demokratischen Gesellschaft. Ich vergleiche das gerne mit Sozialleistungen: Diese sind, wie mir wohl jeder zustimmen wird, für Menschen, die sie brauchen, die unverschuldet in Not geraten sind, gut und richtig. Nun würde aber vermutlich nicht mal der am weitesten linke Politiker bestreiten, dass damit auch Schindluder getrieben wird, dass das Phänomen „Sozialschmarotzer“ (so sehr ich das Wort auch hasse) tatsächlich existiert, wenn auch sehr, sehr viel weniger verbreitet als vom rechten Rand gerne angenommen. Aber das finde ich okay. Anders geht es nämlich nicht. Erfinde irgendwas tolles und irgendjemand wird es missbrauchen. So war es, so ist es und so wird es auch immer sein, solange wir nicht auf Totalüberwachung umstellen. Aber so wie eine ungenannte Zahl Sozialschmarotzer nicht Sozialleistungen per se in etwas böses verwandeln, so wurde durch ein paar blöde Tweets auch nicht direkt der gesamte #aufschrei zerstört. Die Intention war nämlich eine andere.

Wer sind die, die alle Teilnehmerinnen des #aufschreis pauschal abwerten müssen, sich dann aber nicht erblöden, immer wieder individuelle Ausnahmen zu machen, statt die Sache einfach umgekehrt anzugehen, so wie es sein sollte? Was erwarten solche Leute von mir für die gönnerhafte Feststellung, MEIN Erlebnis X wäre ja tatsächlich uncool gewesen? Ne Parade oder was? Brauche ich eine solche Legitimation etwa – und dann auch noch von Typen und Tussis, die mit der gleichen lässigen Nonchalance alle anderen „Aufschreihälse“ beleidigen?
Es scheint ein großes Opfer zu sein, in Einzelfällen eingestehen zu müssen, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich existiert. Und sobald dieses Opfer erbracht wurde, wird erwartet, dass man sich total lieb und sachlich mit diesen opferbereiten Personen und all ihren wunderbaren Theorien auseinander setzt. Diese Leute, die Hashtags wie #aufschrei, #schauhin, #isjairre und #nudelnmitketchup missbrauchen und das megamäßig lustig finden. Tja – nee. Dazu fällt mir eigentlich nur eines ein:

you suck

Sogar von feministischen Verschwörungen ist teils die Rede, denn diese Hashtagerfindung kann ja kein Zufall gewesen sein und überhaupt wurden die vielen zehntausend Tweets ja nur von ungefähr sieben Radikalfemis produziert und bla. Manche gehen von einer „realen“ Zahl von „echten“ Tweets aus, die mich immer wieder zum Kichern bringt, denn das hieße, ich hätte mit meinen Tweets je nach Interpretation 10-100% des #aufschreis allein abgedeckt. Hihihi und so – aber nö ^^

Was bleibt ein Jahr nach #aufschrei? Uns wurde ein Label gegeben, dass ich sehr gerne benutze, wenn mir mal wieder was blödes passiert. Wenn ich über so etwas schreibe, tagge ich es mit dem Hashtag, benutze ihn weiterhin bei Twitter, egal wie viele Trolle darunter bereits twittern etc.pp. Ich weiß, ich werde damit eher gefunden, ich weiß, ich werde so besser gehört. Und das gefällt mir. Denn laut sein ist gut. Auch ohne Gitarre.

Am Schluss noch ein paar Links von vor einem Jahr:
Mein Aufschrei (dort am Ende auch eine umfangreiche, aber mit Sicherheit unvollständige Liste mit weiteren #Aufschrei-Beiträgen von anderen Bloggerinnen)
Mein Aufschrei II (Kellnerinnenedition)
Meine Antwort an Meike Lobo und ihren Anti-Aufschrei-Artikel
Der Aufschrei im Generationenkonflikt – ein Gespräch mit meiner Mutter

Und auf Kleinerdrei findet sich ein schöner „Ein Jahr danach“-Artikel, der weitere Links zu diesem Thema sammelt!