Media Monday #152

Es ist mal wieder Media Monday!

1. Ein toller Film, der unter der Regie eines/einer Anderen gnadenlos gescheitert wäre:
Ich hab’s echt nicht so mit Regisseuren, außer mit den üblichen Verdächtigen. Hach, keine Ahnung. Ich glaube, die meisten Kultfilme leben von den Ideen ihrer Regisseure, weshalb so ziemlich jeder gute Film mit einem anderen Regisseur gescheitert wäre. Hach, so ne langweilige Antwort direkt am Anfang…

2. Der mitunter verstörendste Film, den ich je gesehen habe ist Martyrs, weil… tja, weil DAS die Art Brutalität ist, mit der ich überhaupt nicht klar komme. Ich kann nicht mal so genau sagen, an was das gelegen hat. Ich weiß nur noch, dass ich den Film damals im Kino gesehen habe und ich danach so zitterte, dass ich kaum meine Zigarette halten konnte. Vielleicht, weil es so „real“ schien. Am schlimmsten fand ich wohl eine Szene, in der die Hauptperson reglos auf dem Boden liegt, während einer ihrer Folterer über ihr kniet und ihr einfach immer wieder mit voller Kraft mitten ins Gesicht boxt. Das sieht man nicht mal richtig, aber allein dieses Geräusch :/
Mich hat noch nie ein Film so fertig gemacht, deshalb muss ich sagen, dass er wirklich, wirklich gut ist (ein schlechter Film könnte so etwas nicht auslösen), aber ich würde ihn mir weder in dieser Version noch geschnitten jemals wieder ansehen, noch kann ich ihn guten Gewissens weiter empfehlen.

3. Godzilla ist wieder da und die Meinungen gehen weit auseinander. Welches (Film-)Monster sollte man eurer Meinung nach mal wieder aus der Versenkung holen?
Ach – wird’s mal nicht wieder Zeit für einen Dracula-Film? Dieses Mal in gut?
Ich stelle mir Millionen Fangirls vor, die nur wegen Twilight ins Kino rennen und dann kreischend aus dem Saal flüchten, weil sie plötzlich sehen müssen, wie echte Vampire so drauf sind und dass sie auch gar nicht glitzern.
Und natürlich Pennywise. Angeblich wird ja mit Hochdruck an einer Neuverfilmung von Es gearbeitet. Das wird mal höchste Zeit, würde ich sagen! Auch wenn ich lieber eine Serie statt eines Filmes sehen würde.

4. Zu Manta, Manta hätte ich ja gerne eine Fortsetzung gesehen. Ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt: THE FUCK!? Mir ist durch den Media Monday selbst erst so wirklich klar geworden, dass ich eine nicht zu leugnende Vorliebe für so richtig krassen Trash habe. Manta, Manta gehört da wohl eindeutig dazu. Aber was soll ich machen? Er ist dämlich, niveaulos und hemmungslos klischeehaft, aber ich finde ihn wirklich witzig.
Warum also keine Fortsetzung? Immerhin ist Til Schweigers Freundin am Ende schwanger. Besser geht’s doch nicht. Ich stelle mir vor, dass sie ne Tochter kriegen, die ca. zwanzig Jahre später zufällig in einer versteckten Garage den alten Manta ihres Vaters findet und ihn wieder richtig flott macht. Dazu dann ein Haufen blöder Sprüche von dem und über das Ruhrpott’sche Proletariat, ein paar Akademikerschnösel, die sich für was besseres halten, tiefschürfende Vater-Tochter-Probleme, weil er nicht damit klar kommt, dass sich ein Mädchen für Autos interessiert, bisschen Liebesschnulze muss auch sein, irgendein Rennen am Schluss und fertig ist der deutsche Blockbuster. ICH würde es mir definitiv ansehen! Allein schon, um einen Til Schweiger zu sehen, der im dreckigen Feinrippunterhemd am Esstisch in der Küche mit Blümchentapete sitzt und ne Leberwurststulle frisst, während seine Uschi ihn vollnölt.
Außerdem sind Mantas trotz ihres beschissenen Rufes wirklich echt geile Autos. Die verdienen ein Revival!

5. Ich glaube ja, von Jennifer Lawrence wird man in den nächsten Jahren noch viel hören, denn offensichtlich ist sie nun wirklich Everybodys Darling, was ich nicht so richtig verstehen kann.

6. Wäre ich eine Comic-Figur, dann wohl am ehesten Yelena Rossini, weil ich Transmetropolitan vergöttere und mindestens genauso gut fluchen und saufen kann. Hab das dreiäugige Smiley ja nicht wegen Evolution als Icon für meinen Blog gewählt!

7. Meine zuletzt gesehene Serienstaffel war Staffel 2 von Arrow und die war supernervig, weil ich ein riesiger Green Arrow Fan bin, aber die Umsetzung in der Serie einfach nur ziemlich schlecht finde. Als Fan musste ich sie mir trotzdem reinquälen und bin dann darauf hängen geblieben, obwohl ich während jeder Folge mehrmals die Augen verdrehen muss. Vor allem die gesamte Storyline um Deathstroke hat mich so genervt – dieses dämliche „Mirakuru“ ist doch einfach nur die Lösung für alles. Was bei Marvel die Mutanten sind, ist bei Arrow Mirakuru. Sich richtige Origins einfallen zu lassen wär ja auch viel zu originell. Und sehe ich das richtig – auf einmal kann Roy schießen? Und Laurel, diese Schnepfe, wird wohl den Platz ihrer Schwester einnehmen oder was?
Me-ga-nervig.

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Männer als Opfer, Frauen als Täter und warum das eigentlich gar nichts mit Game of Thrones zu tun hat

Obligatorische Spoilerwarnung für die 4. Staffel von Game of Thrones, allerdings beschränkt auf das Thema Cersei.

Hach ja. Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Beitrag, in dem ich meinen Standpunkt klar gemacht habe, auch wenn einige das nicht verstanden haben, könnte ich das Thema abhaken, aber die Vergewaltigung Cerseis in der 5. Folge der 4. Staffel erregt weiterhin die Gemüter. Am Montag hat Lukas Schoppe den (sarkastisch betitelten) Beitrag „Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)“ nachgeliefert und sich leider entschlossen, ein Zitat von mir als Einstieg zu wählen, das da lautete „Theon wurde nicht vergewaltigt“. Dies, sowie die folgenden paar Absätze, erweckten auf mich den Eindruck, als würde hier meiner Person unterschwellig (allerdings, wie ich hoffe, unabsichtlich) unterstellt, sexuelle Gewalt gegen Männer zu leugnen, was mich aus naheliegenden Gründen mal wieder, tja… „maximal anpisst“.

Der Text ist jedoch davon abgesehen interessant, behandelt er doch teils ein Thema, das mir nach der Diskussion um Cerseis Vergewaltigung schon öfter vor die Füße gestolpert ist: Warum wird die dargestellte Gewalt in Game of Thrones gegen Männer, hier vor allem Theon Greyjoy, so gar nicht angeprangert, die gegen Cersei dagegen schon?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit meinem vorherigen Artikel schon die Lösung geliefert, aber offensichtlich bedarf es doch eines gesonderten Artikels, denn Schoppe macht meiner Meinung nach ein paar gewaltige Fehler. Der Text wird in vier Teile gegliedert sein:

Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?
Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?
Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft
Was ist Verharmlosung?

 

Beginnen wir also am Anfang:

1. Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?

Kurze Antwort: Ja. Sexuelle Gewalt allgemein wird ohnehin auch heute noch gerne verharmlost, aber bei betroffenen Männern hat das nochmal eine ganz andere Dimension. Penetriert werden gilt biologisch als weibliches „Ding“ (eine Vorstellung, die auch oft Grundlage für Homophobie gegen schwule Männer ist), während eine Vergewaltigung durch eine Frau an den Vorstellungen von Männlichkeit kratzt, dass
a) Männer in jedem Fall stärker sind als Frauen,
b) Männer ohnehin dauergeil sind und
c) wenn sie mal doch nicht geil sind, keine Erektion bekommen können, womit eine Vergewaltigung durch eine Frau physiologisch unmöglich ist.

Das alles habe ich bereits im antifeministischen Kontext gehört – von Männern. Es ist natürlich Schwachsinn. Der Punkt „Dauergeilheit“ muss ich hoffentlich nicht extra auseinander nehmen, weil er einfach zu blöd ist. Davon abgesehen gibt es genug Männer (und natürlich Jungs!), die körperlich schwächer sind als manche Frauen; außerdem könnten sie bei einem Übergriff in der Minderheit sein, durch Waffengewalt gezwungen werden, durch Substanzen gefügig gemacht, durch einen Trick gefesselt etc. pp. Mir fielen da tausend mögliche Szenarien ein, in denen sexuelle Gewalt von einer Frau an einem Mann ausgeübt werden kann und frage mich bei Leuten, die das (oft in abfälliger Weise) für absurd halten, wie es sein kann, dass ein Mensch ohne jegliche Phantasie überhaupt überleben kann. Und eine Erektion? Kann durch Drogen verursacht werden oder auch völlig ohne Spaß an der Sache passieren.

Was die Verharmlosung angeht, könnte man da vermutlich ganze Bücher mit füllen. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele. Das erste betrifft Vergewaltigungen männlicher Personen durch andere Männer. 2012 wurde eine Studie durchgeführt, die enthüllte, dass in Jugendgefängnissen (die zu einem Großteil von Jungs belegt sind) die Gefahr, innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, bei 7% liegt (siehe Bericht im Tagesspiegel und dem Kommentar des Lawblogs). Bernd Busemann erklärte daraufhin, er könne diese Zahlen „gut akzeptieren“, denn „ein Knast ist keine Mädchenpension“.

Nun ist dieses dumme Arschloch nicht irgendein Internettroll, sondern war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister (!!!) von Niedersachsen und ist heute Präsident des niedersächischen Landtages. Diese menschenverachtenden, auf den Rechtsstaat scheißenden Äußerungen hätten meiner Ansicht nach dazu führen müssen, dass unser sauberer Herr CDU-Politiker mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wird – tatsächlich hatte es NULL Auswirkungen auf seine Karriere. Natürlich: Es geht ja nur um ein paar Kriminelle, wen interessiert das schon?
Wäre es hierbei rein um weibliche Gefangene gegangen, wäre der Widerstand gegen diesen Herren nicht nur unter Feministinnen gewaltig gewesen. Aber so sind es ja nur Kerle. Das wird „akzeptiert“. Selbst, wenn die zum Teil noch minderjährig sind. Das ist doch völlig ohne Worte.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Bereich Film. In „40 Tage und 40 Nächte“ spielt Josh Hartnett einen Typen, der offensichtlich jedem Rock hinterher steigt und mit seinem Leben gerade nicht klar kommt. Das führt zu einer Wette: 40 Tage und 40 Nächte muss er sowohl auf Sex, als auch auf Masturbation zu verzichten. Es geht schnell um eine ganze Stange Geld, deshalb will er diese Wette unbedingt gewinnen. Jedenfalls kettet sein bester Freund ihn gegen Ende ans Bett, um den völlig Verzweifelten nach so vielen Wochen ohne Sex davon abzuhalten, zu onanieren.

In dieser wehrlosen Situation wird er nun von seiner Ex vergewaltigt.

Der Film kam 2002 ins Kino und schwamm auf der Welle der Teenager-Komödien mit, die zu dieser Zeit heiß im Trend waren. Eine KOMÖDIE. In der eine Frau gegen den Willen des Mannes diesen zum Sex zwingt. Er schläft zwar dabei die meiste Zeit – aber ein schlafender Mensch kann keine Zustimmung geben, zumal er ihr vorher deutlich gemacht hat, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Hier könnte §179 StGB greifen – „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“. Seine Fesselung erfüllt meiner Meinung nach laut §177 Abs. 1 Nr. 3 StGB das Kriterium der „schutzlosen Lage“.
Das ist nicht witzig. Das ist nicht „harmlos“. Im Gegenteil – es wird besonders unappetitlich, wenn er sich am Schluss dann auch noch bei seiner neuen Flamme ENTSCHULDIGT, weil die natürlich just danach ins Zimmer platzt und an verräterischen Flecken erkennen kann, dass er gerade Sex gehabt hatte. Also… „Sex gehabt“. Natürlich müsste hier „ist vergewaltigt worden“ stehen. Und dafür muss er sich entschuldigen? Bitch, please!!

Ich könnte gerade aus dem Bereich Popkultur noch viele weitere Beispiele bringen, aber ich denke, der Punkt ist klar: Was bei weiblichen Opfern (völlig zurecht) weder in der Realität, noch im fiktiven Kontext hingenommen würde, ist bei männlichen Opfern „akzeptiert“ oder gar „lustig“. Wenn das keine Verharmlosung ist, dann weiß ich auch nicht.

 

2. Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?

Die Szene, an der Schoppe Anstoß nimmt, findet in der 3. Staffel statt. Während der gesamten Staffel wird Theon aufs Übelste gefoltert und weiß zu Anfang noch nicht mal von wem. Neben massiver körperlicher Misshandlung ist Ramsay Snow, sein Folterknecht, auch noch ein Meister der psychologischen Folter: So bringt er, ein angeblicher Retter geschickt von Theons Schwester, Theon dazu, ihm zu vertrauen und hilft ihm vermeintlich bei der Flucht. Als kompletter Psychopath (neben Joffrey und Gregor Clegane ist er der einzige wirklich von Grund auf böse Charakter der Reihe) schreckt er sogar nicht davor zurück, Männer zu töten, die Theon wohl auf seine Befehle hin verfolgt haben, um Theon vor ihnen zu „retten“ und so sein Vertrauen in ihn noch weiter zu zementieren. Kurz darauf muss Theon aber feststellen, dass sein Gönner ein sadistisches Spiel getrieben und ihn nicht zu seiner Schwester, sondern zurück in seine Folterkammer geführt hat, wo sich sein Martyrium nun fortsetzt. Ramsay benutzt dazu nun auch genüsslich schmerzvolle persönliche Informationen, die Theon ihm gegenüber im Glauben enthüllt hat, einen Freund vor sich zu haben, womit er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele massiv traktiert. Jap… der Kerl ist definitiv ein kranker Bastard im doppelten Wortsinn!

In der 7. Folge der 3. Staffel nun (betitelt „The Bear and the Maiden Fair“, ein beliebtes Lied in Westeros – in dem es übrigens kaum verhüllt um Vergewaltigung geht) findet nun die beanstandete Szene statt. Theon wird dabei von zwei jungen Frauen losgebunden, die ihm erst Wasser geben und sich um seine Wunden kümmern, bis sie anfangen, ihn unverhohlen anzumachen. Theon kapiert verständlicherweise überhaupt nicht, was abgeht, und reagiert auf einen Griff in seine Hose erst panisch, verstört und ablehnend, glaubt er doch, die Mädchen wären von Ramsay geschickt worden. Bald gibt er seinen Widerstand jedoch auf und verschlingt die nackten Damen mit Blicken, während sich eine rittlings auf ihn setzt und sich an ihn reibt. Es wird geknutscht und gestreichelt, bis Ramsay Snow die Vorstellung mit einem Trompetenstoß beendet, Theon verspottet und ihn als finalen Akt der ultimativen Folter schließlich kastriert.
Die ganze Szene wirkt nicht nur auf Theon, sondern auch auf den Zuschauer surreal. Von der bequemen Couch zuhause aus scheint es seltsam, dass Theon nicht versucht zu fliehen, wo er doch schon mal losgekettet worden ist, aber der ist nach all den Wochen der Folter und der Demütigung schwach, dehydriert und hochgradig verängstigt. Vielleicht glaubt er ja, zu halluzinieren. Aber egal. Die Frage war ja: Ist das eine Vergewaltigung?

Als ich Schoppe schrieb, dass Theon nicht vergewaltigt wird, habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Ich glaubte, er hätte einfach was verwechselt, deshalb war der Satz „Theon wird nicht vergewaltigt“ aus meiner Sicht eine bloße Anmerkung, eine kleine Fehlerkorrektur. Seine Antwort darauf kam spät, deshalb habe ich sie auch erst vorgestern gesehen. Er schließt mit:

Ich verstehe eigentlich nicht, warum das keine Vergewaltigung sein sollte.

In seinem Artikel wirkt das wiederum etwas anders:

Ich verstehe, warum diese Szene nicht als Vergewaltigung wahrgenommen wird, schließlich schläft Violet nicht tatsächlich mit Theon, sondern simuliert einen Beischlaf. Angesichts dieser Szene ist gleichwohl schwer zu verstehen, wie die Vergewaltigung Cerseis durch Jaime ein so großer, bis in die größten amerikanischen Medien hinein beschriener Skandal werden, die Vergewaltigung Theons während seiner Folter aber völlig übersehen werden konnte.

Er sieht also, dass es keine Vergewaltigung ist, nennt es aber trotzdem Vergewaltigung. Well. *kopfkratz*

Eine Vergewaltigung ist nach §177, Absatz 2 StGB eine besonders schwere Form der sexuellen Nötigung, die vorliegt, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Ich sehe das hier nicht gegeben, da nun mal kein „Beischlaf“ stattfindet, sondern Theon seinen Penis die ganze Zeit in der Hose behält. Ob es sexuelle Nötigung ist, ist eine andere Frage (dazu weiter unten), aber es ist keine Vergewaltigung. Bei all der Empörung, die Schoppe bei dieser Szene empfindet, habe ich dennoch nicht die geringste Ahnung, wem mit dieser Begriffsaufweichung gedient sein soll.

 

Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein bisschen mit antifeministischer Propaganda aufzuräumen.
Mir wurde unter Schoppes Artikel noch an den Kopf geknallt, ein Mann könne rein juristisch gesehen von einer Frau sowieso nicht vergewaltigt werden, außer er wird penetriert. Das war jetzt auch nicht das erste Mal, dass mir das vorgeworfen wird (als könnte ICH da was für) und deswegen kotzt mich das tierisch an. Es ist nämlich schlicht Bullshit!

Allerdings hat diese Behauptung, nun… einen historischen Kern. Wenn von der Reform des §177 StGB geredet wird, dann ist meistens die Änderung im Jahr 1997 gemeint, mit der das Wort „außerehelich“ aus dem Paragraphen gestrichen worden ist und somit die Vergewaltigung in der Ehe nicht länger straffrei war.

In Wahrheit war die Reform viel tiefgreifender. Vom Jahre 1871 an, als das Reichsgesetzbuch in Kraft trat, bis 1997, also über 125 Jahre lang, war im §177 immer nur von Frauen als Opfer die Rede. Die letzte Fassung vor der Reform, die von 1973 an Gültigkeit hatte, lautete:

§ 177. Vergewaltigung. (1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Quelle

Damit war es juristisch nicht nur nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt, sondern Männer allgemein waren als Opfer komplett ausgeschlossen.

Mit der Reform 1997 nun ersetzte das geschlechtsneutrale „Person“ das vorherige „Frau“, wenn es um das Opfer ging, während im Rest des Gesetzestextes wie üblich das generische Maskulinum beibehalten wurde. Im Zuge der 6. Strafrechtsreform ein Jahr später wurde dann noch an den Formulierungen rumgefeilt und insbesondere folgende von mir hervorgehobene Passage ergänzt:

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.
[2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

„Beischlaf“ wird übrigens juristisch als „Penis in Scheide“ definiert, während „ähnliche Handlungen“ irgendeine Form der Penetration umfassen. Für mich ist die Formulierung damit klar, aber ich bin ja halt nur ein junges Mädchen und verstehe wenig von solchen Dingen nun mal keine Juristin.

Also kucken wir doch mal, was die Juristen dazu sagen:

Betreff Täter:

Täterschaft und Teilnahme. Für die Abgrenzung der Beteiligungsformen gelten die allgemeinen Regeln. Jeder kann Täter sein, auch eine Frau.

Betreff Opfer:

1. Der Grundtatbestand der sexuellen Nötigung (§177 Abs. 1). §177 Abs. 1 schützt Opfer egal welchen Geschlechts vor erzwungenen Sexualkontakten mit dem Täter oder mit Dritten.

Betreff Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau:

Als Vergewaltigung werden neben dem Beischlaf sexuelle Handlungen definiert, die das Opfer besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind. Diese Handlungen müssen vom Täter am Opfer oder vom Opfer am Täter vorgenommen werden. Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, ob das Eindringen in den Körper des Opfers oder des Täters erfolgt.

Quelle: Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch, Bd. 2,2. §§ 80 – 184f StGB, Beck 2005 (1. Auflage), Zitate S. 1152, 1171 u. 1165.
Geschrieben wurde der betreffende Artikel von >>>diesem Typen <<< hier.

„Da staunen Sie, was? Ich hab das nachgeschlagen.
– Lionel Hutz, The Simpsons

Voilá. Ich hoffe, die Quelle ist genehm *augenklimper*

Ich kann verstehen, wenn Männer sich gerade in Hinblick auf Sexualdelikte benachteiligt fühlen, eben WEIL es diese oben angesprochene Verharmlosung gibt, aber heute noch davon zu labern, dass Männer laut Definition nicht von einer Frau vergewaltigt werden können, ist ungefähr so sinnig wie die Behauptung, Vergewaltigung in der Ehe sei immer noch straffrei. Es ist seit über 15 Jahren anders, also wiederhole ich mein Kommentar zu diesem Bullshit: Kommt von eurem Trip runter. Extrem scheiße, dass es so lange gedauert hat, aber jetzt ist es Gott sei Dank vorbei, also hört auf, das Gegenteil zu behaupten und glaubt verdammt noch mal nicht jedes Horrormärchen über unseren ach so femifaschistischen Staat, das euch in den Kram passt.

Mit geschlechtergerechter Sprache im StGB wäre das übrigens vermutlich nicht passiert.

 

3. Was ist Verharmlosung?

Zurück zu Game of Thrones. Reden wir doch mal kurz über ein anderes Vergewaltigungsopfer: Daenerys.

In der Serie wird sie in der Nacht ihrer Hochzeit, bei der sie kein Mitspracherecht hatte, vergewaltigt. Dieser Missbrauch setzt sich fort, bis sie es schafft, ihren Ehemann/Vergewaltiger so zu umgarnen, dass er mehr in ihr sieht als sein Sexspielzeug und potentielle Gebärmaschine.

Auch in diesem Fall gab es schon Kritik. Kritisiert wurde jedoch nicht die Vergewaltigung an sich, sondern der Voyeurismus, der damit angeblich bedient wird. Ich sah das nie so. Vor allem die Szene ihrer Hochzeitsnacht fand ich ganz, ganz stark. Daenerys ist offensichtlich verängstigt, versucht aber, gefasst zu sein und mit Khal Drogo zu kommunizieren, der allerdings ihre Sprache nicht spricht. Schon bevor er ihr Oberteil abnimmt, bröckelt ihre Fassung dahin und sie beginnt zu weinen. Sie bedeckt ihre nackten Brüste, doch Khal Drogo packt ihre Handgelenke und zieht sie weg. Gerade das fand ich sehr eindrücklich: Sie wehrt sich, aber nur ganz kurz – in ihrem Gesicht und dieser Geste kann man lesen, dass sie weiß, dass sie sowieso keine Chance hat. Sie weiß, sie kann entweder kämpfen und wird, möglicherweise grün und blau geschlagen, am Ende trotzdem vergewaltigt, oder sie kann einfach still halten und es über sich ergehen lassen. Sie entscheidet sich für letzteres, womit die ganze Ausweglosigkeit ihrer Situation klar wird. Ihre gesamte Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht und deshalb ist die Szene aus filmischer Sicht unglaublich gut.

Zu sehen hier ab ca. ab Minute 5:40

Ähnlich die zweite Szene zwischen ihr und Khal Drogo. Er vergeht sich an ihr, was ihr offensichtlich weh tut, und auch dabei ist nichts als Verzweiflung zu sehen. Berührend und ganz, ganz stark.

Der Vorwurf „Voyeurismus“ bezog sich wohl darauf, dass Daenerys in beiden Fällen oberkörperfrei war. Aber ist das schon Verharmlosung?

Eines Sonntags kroch ich nach einer höllischen Samstagabendschicht erst nach Mittag aus meinem Zimmer und fand im Wohnzimmer meinen Mitbewohner vor, der einen seiner Kumpels gerade mit Game of Thrones angefixt hatte. Sie hatten die Serie angefangen und legten gerade die 3. Folge ein, als ich reinkam.
Ich war kaum da und hatte sie begrüßt, als mein Mitbewohner meinte: „Der X hat ne Theorie zur Serie.“ Dabei sah er mich seltsam erwartungsvoll an. Ich war ob dieses Blickes verunsichert: Was kommt denn jetzt?
Ich fragte also X nach seiner Theorie. Dieser grinste breit und meinte ausgelassen: „Ich glaube, die Blonde da wird in jeder einzelnen Folge gefickt!“
Woraufhin ich ihm direkt in die Augen sah und ruhig meinte: „Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird?“

Ich hätte kein besseres Resultat erzielen können, wenn ich ihm eine geknallt hätte. Meine gelassenen Worte trafen ihn voll in die Fresse, die ihm einfach wegflog. „Was?! Nein!! Ich meine, also… so meine ich das doch nicht!!“
Er stammelte noch ein bisschen mehr, aber ich winkte ab. Mein Werk war getan (ganz ohne auszurasten), mehr musste ich schon gar nicht mehr sagen. Aber er konnte gar nicht aufhören, mich anzustarren.
‚Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird‘,“ wiederholte er noch einmal fassungslos.

Dieser Typ ist kein schlechter Mensch. Er denkt nur manchmal nicht nach, wie die meisten Menschen. Und klar, schöne Brüste – wer sieht die nicht gerne?
William Moulton Marston, der Schöpfer von Wonder Woman, sagte mal über sein Produkt, dass es unmöglich sei, eine weibliche Figur zu erschaffen, ohne bei irgendjemanden sexuelle Implikationen auszulösen. Ich denke, das stimmt. Daher glaube ich, dass eine Vergewaltigungsszene im filmischen Kontext nicht realisierbar ist, ohne dass sich irgendjemand davon angemacht fühlt, egal, wie sensibel, eindrücklich oder brachial man mit dem Thema umgeht. Das heißt nicht, dass solche Szenen nicht wirklich absichtlich oder unabsichtlich voyeuristisch sein können – nur sehe ich das bei Daenerys nicht gegeben. Nackte Brüste sind nichts, womit man Leute heutzutage noch schocken kann, zumal sie hier anders als die vielen anderen nackten Titten in der Serie ja auch noch Sinn machen. Deshalb sind ihre Szenen mit Khal Drogo weder voyeuristisch, noch verharmlosend.

Natürlich sind einige der Meinung, die Tatsache, dass sie im weiteren Verlauf ihren früheren Vergewaltiger zu lieben beginnt, wäre Verharmlosung. Ich nenne es lieber Stockholm-Syndrom.

Cerseis Vergewaltigung war nun eigentlich nicht im Geringsten explizit, man sieht kein einziges Fitzelchen Haut. Warum hat mich das also so aufgeregt, während ich Daenerys‘ Situation einfach so hingenommen habe?

Vielleicht lasse ich einfach ein paar Kommentare sprechen:

„Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht. Jaime merkt das Cercei eine echt übles Miststück ist ( verlangt den Bruder zu töten ) und macht den Ragefuck ( Vergewaltigt sie ).“

„Eine Vergewaltigung aus Sicht der Beteiligten gäbe es aber allenfalls (wenn überhaupt, sie sind ja ein Liebespaar), wenn Cercei über den kompletten Akt hinweg unwillig gewesen wäre.“

„Da der komplette Akt, das unmittelbare Danach aber nicht gezeigt wurde, ist die beanspruchte Deutungshoheit “es war DEFINITIV eine Vergewaltigung!!1″ aber sowieso Mumpitz.“

Gerade die letzte Passage ist so unglaublich blöd. Ja, als Buchleser könnte man sich vielleicht vorstellen, dass es nach Abblende vielleicht noch einvernehmlich geworden ist, weil man weiß, dass es ja eigentlich einvernehmlich hätte sein sollen, aber was nützt das bitte den Zuschauern?!
Außerdem dringt er während der Szene und während sie unwillig ist in sie ein, womit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist.

Besonders interessant finde ich die Vorstellung, jemand, der schon mal freiwillig mit jemanden geschlafen hätte, könnte ja von dieser Person nicht vergewaltigt werden. Dazu sage ich nein und der Gesetzgeber sagt auch nein und das ist gut so. Unglaublich, so etwas heute noch lesen zu müssen.

Cerseis Vergewaltigung verharmlost Vergewaltigung. Die Szene wird als einvernehmlich gelabelt, obwohl sie es nicht ist, sie zerstört einen Charakter, der sich inzwischen vom Schurken eher zum Helden entwickelt hat und sie offenbart leider die ganze Palette an saublöden Relativierungen, die mit Vergewaltigung einher gehen.

Nun kommt eine Relativierung von mir. Wir haben ja schon festgestellt, dass Theon nicht vergewaltigt wird, weil keine Penetration stattfindet. Aber für mich wäre es auch keine Vergewaltigung gewesen, hätte eine stattgefunden. Er gibt seinen Widerstand nämlich auf und macht mit. So ähnlich hätte ich mir die Szene zwischen Cersei und Jaime gewünscht. Hätte Cersei sich so verhalten wie Theon, wäre der Sex zwischen ihr und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen.
Das kann man scheiße finden und mich für diese Einstellung verurteilen. Immerhin sind BEIDE am Anfang unwillig. Aber wie ich schon in dem anderen Artikel schrieb: Filmischer Kontext! Und auch juristisch wäre in beiden Fällen keine Vergewaltigung passiert. Das hat nichts damit zu tun, dass Theon ein Mann und die potentiellen Täterinnen Frauen sind. Und deshalb verharmlost die Szene sexuelle Gewalt gegen Männer nicht.

Aber natürlich gibt es noch jede Menge andere Gewalt gegen Männer, die nun, da Cerseis Vergewaltigung so in die Kritik geriet, auch kritisiert wird. Es kann ja nur so sein, dass die Sache mit Cersei schlimm ist, weil sie eine Frau ist, und die ganzen anderen Sachen nicht, weil sie Männern passieren.

Das ist falsch. Ich kritisierte nicht die Vergewaltigung per se. Ich kritisierte das gesamte Drumherum. Und weil das Drumherum bei anderen Gewalttaten „stimmt“, kritisiere ich sie nicht.

„Eine ganze Armee unfreiwillig kastrierter Sklaven, die mittels Folter zu Tötungsmaschinen gemacht werden – warum regt sich DARÜBER keiner auf?!“ – Weil es hier nichts zum Aufregen gibt! Die Art der Ausbildung, unter der die Unbefleckten zu leiden hatten, wird eindeutig als böse angesehen. Die Meister von Astapor SIND BÖSE. Und dafür werden sie bestraft. Astapors Meister werden abgeschlachtet und alle Sklaven frei gelassen. Dasselbe in Yunkai und Meereen. Sklaverei ist etwas schlechtes und das wird eindeutig kommuniziert. Was die Unbefleckten durchmachen mussten, dient dazu, die Schlechtigkeit der gesamten Gesellschaftsordnung der Städte der Sklavenbucht zu demonstrieren!

„Ein Junge wird verkrüppelt im Versuch, ihn zu ermorden und zwei andere verbrannt!“ – Ja! Und das ist schlecht! Es ist böse und es ist falsch! Es wird wohl keinen Zuschauer auf der ganzen Welt geben, der das anders sieht!

„Niemand kritisiert Theons Folter und dann wird er auch noch kastriert – das ist so grausam!“ – Ja! Weil es das sein soll! Die Gewalt dient einem Zweck! Was im Buch „off-screen“ passierte, war so innerhalb der Serie nicht zu realisieren – man kann nicht einfach einen Hauptdarsteller für eine ganze Staffel verschwinden und dann als völlig neuen, gebrochenen Menschen ein Jahr später wieder auftauchen lassen. Man muss es zeigen, sonst kapiert das doch niemand! Und es ist gut gemacht! Es ist grausam, weil es grausam sein soll! Aber das bedeutet doch nicht, dass es irgendjemand gut findet!
Theon hat Unschuldige getötet, auf die Menschen gespuckt, die ihm vertraut haben und ist Schuld daran, dass Winterfell zerstört worden ist. Aber deswegen hat er keine Folter verdient, keine Kastration, keine solche Demütigung! Diese Szenen werden nicht etwa genossen, weil er kein toller Typ ist, im Gegenteil, sie erzeugen Mitleid mit Theon und demonstrieren, was für ein komplett verrückter Irrer Ramsay Snow ist!

Natürlich kann man das trotzdem alles kritisieren. Im Zuge dieser Debatte habe ich jetzt schon häufiger von Männern gelesen, welche die dargestellte Gewalt ekelhaft finden und sie sich kaum ansehen können. Ich empfand das nicht so. Dafür könnt ihr mich gerne häuten, aber so ist es nun mal. Ich entstamme der Generation, die Resident Evil, Counterstrike und Postal 2 zockte, sich mit Saw und Hostel einen schönen Filmabend machte und die Pervertierung des HipHop und den Aufstieg des Nu Metal mitsamt seiner gewalttätigen Lyrics miterlebte. Wir sind die Generation, die laut Vorstellung erzkonservativer alter Säcke eigentlich komplett aus Amokläufern bestehen müsste und sind trotzdem zum überwiegenden Teil friedliche Menschen, die niemals irgendetwas von dem, was wir gesehen oder gehört haben, nachmachen könnten oder wollten.
Es gibt Gewaltdarstellungen, die ich ebenfalls ekelhaft finde und mir nicht ansehen kann. Und ja, einiges in Game of Thrones fand ich übertrieben. Aber nichts davon hat mich in irgendeiner Weise schockiert. Ich musste nie die Augen abwenden und meinen Appetit hat es mir auch nicht verdorben. Jetzt könnt ihr mir gerne Verrohrung, Degeneration oder sonstwas vorwerfen, aber dann vergesst bitte nicht die viele Millionen Fans, die außer mir auch keine Probleme damit haben.

Lieber Schoppe, was wir hier haben, ist eine Diskussion um Gewalt in den Medien, keine Geschlechterdiskussion. Damit habe ich mich im Zuge meiner Examensarbeit beschäftigt und kann daher sagen, dass der Vorwurf, Popkulturelle Medien seien gewalttätig oder sonstwie anrüchig, so alt ist wie die Popkultur selbst. Das ist kein Mann-Frau-Ding. Und eine Vergewaltigung, ob sie nun wirklich passiert oder nicht, ist nichts, was rein aufgrund ihrer Gewalttätigkeit kritisiert worden ist. Jedenfalls nicht von mir.

Deshalb lass mich das nächste Mal bitte aus dieser Diskussion raus, zumal du die ganzen Leute, welche die Vergewaltigung Cerseis relativierten, ja offensichtlich ignorierst, obwohl es unmöglich ist, dass dieselben Leute deiner Argumentation bezüglich der sexuellen Gewalt gegen Theon folgen. Ich habe ein gewaltiges Problem mit der Verharmlosung von Vergewaltigung, egal gegen wen sie geht, aber ich habe kein Problem mit Gewalt in den Medien und damit auch keines mit Vergewaltigung in den Medien, sofern beides in den richtigen Kontext gesetzt wird. Und das ist bei Theon, Bran, den Unbefleckten, Jaime, als er seine Hand verliert, und all den anderen, die innerhalb der Serie Opfer von Gewalttaten sind, in meinen Augen definitiv der Fall.

Media Monday #151

Es ist mal wieder Media Monday!

1. Was ist euer liebster Urlaubsfilm (und ich meine damit Filme, die Urlaube wie auch immer thematisieren oder an Urlaubsorten spielen oder oder oder)?
Meine Mutter kuckt Filme oft wegen der Landschaftsaufnahmen. Mir sind die ziemlich egal 😀 Deshalb fällt mir da gerade irgendwie keiner ein, außer Mr. Bean macht Ferien ^^ Und der war, joah… immerhin ganz lustig 🙂

2. Welche Art von Buch ist euch für den Strand die liebste?
Nichts allzu anstrengendes, von dem man jeweils immer nur ein, zwei Kapitel schafft, bevor man eine Pause braucht, sondern irgendwas lustiges und/oder spannendes, das einen wirklich hunderte Seiten lang fesselt. Immerhin will man ja so lange wie möglich am Strand bleiben!
Bei meinem letzten Strandaufenthalt las ich „Der Nobelpreis“ von Andreas Eschbach. Dessen Bücher mag ich sowieso. Ich musste es mir in Santiago de Compostela kaufen, wo es keine riesige Auswahl an deutschen Büchern gab, aber das hat mir echt gefallen und deshalb war dieser nicht zu düstere Thriller die perfekte Strandlektüre!

3. Von welcher Stadt würdet ihr euch wünschen, dass sie einmal Handlungsort eines Films (oder einer Serie, eines Romans) wäre und warum?
Ach, wo wir gerade schon bei Spanien sind: Ich würde mir einen guten Film über den Jakobsweg wünschen (der natürlich keine Stadt ist, aber egal). The Way war echt nicht gut. Platt, ziemlich lückenhaft und SEHR amerikanisch. Das Pilgerleben bietet doch so viel mehr, das nicht einmal angesprochen worden ist… Vermutlich ist Pilgern auf Französisch besser, aber den hab ich noch nicht gesehen (aber hey, der wär doch was, wenn ich jetzt in die Badewanne gehe…!).
Und natürlich wäre es cool, mein Heimatdorf mal in irgendeiner Form persifliert zu sehen, dieses schrecklich katholische erzkonservative Kaff.

4. Ähnliches Szenario wie Frage 3: Welche Stadt würdet ihr im Rahmen eines Katastrophenfilms liebend gerne zerstört werden sehen und warum?
Also, ich bin ja echt nicht so der Stadtmensch, weder beim Reisen noch so. Ich habe keine wirklichen Lieblingsstädte und wüsste jetzt auch nicht, warum eine bestimmte Stadt von der totalen Zerstörung in einem Film heimgesucht werden sollte, außer weil ich sie hasse. Ich bin an sich schon ganz zufrieden damit, wenn in solchen Filmen meistens New York City dran glauben muss, auch wenn viele das so nervig amizentriert finden. Nicht, dass ich die Stadt besonders hasse (warum auch), ich finde es nur ganz passend.
Aber halt, da fällt mir doch Coast City ein. Die ist zwar nicht echt, aber würde sie in einem Film zerstört werden, würde das bedeuten, dass die berühmte Storyline um Supermans Tod und Wiederauferstehung verfilmt werden würde. DAS würde ich aber sowas von gerne sehen!!!

5. Es gilt spontan zu verreisen und ihr wisst nicht, was und ob man vor Ort unternehmen kann. Was – in punkto medialer Erzeugnisse jeder Art – muss folglich auf jeden Fall mit, um möglicher Langeweile entgegenzuwirken?
Also… in Spanien (*hust* ich wiederhole mich) war ich beim Pilgern ja zeitweise völlig von Medien aller Art abgeschnitten. Dabei habe ich festgestellt, dass ich es wirklich kaum ohne Musik oder Lesen aushalte. Nun kann man auf dem Jakobsweg leider keine Bücher mitnehmen (einen E-Book-Reader hab ich nicht), weil das schlicht zu schwer ist. Aber mein mp3-Player musste beim zweiten und dritten Mal mit, auch wenn viele meinen, man solle sich beim Gehen ganz seiner inneren Meditation hingeben und da würde Musik nicht passen. Das ist mir aber egal.
Bei jeder anderen Reise, wo es nicht unbedingt auf das Gewicht eines Buches ankommt, müsste aber auf jeden Fall eines mit. Ich war in Spanien irgendwann so verzweifelt, dass ich sogar die BILD begierig las, als ich sie an einem Kiosk entdeckte. SO SEHR brauche ich lesen.

6. Niederländische Filme gibt’s nicht viele? Mir sind gerade nur die Flodder-Filme eingefallen, die ich in meiner Jugend ziemlich lustig fand (okay, ich würde vermutlich auch heute noch lachen. So schöner 90er-Jahre-Trash!). Jetzt habe ich mir eine Liste angesehen und muss sagen, dass die Filmbranche in den Niederlanden offensichtlich nicht viel reißt. Ich kenne fast keinen der genannten Filme.

7. Mein zuletzt gesehener Film war Spider-Man und der war praktisch Pflichtprogramm, weil ich The Amazing Spider-Man 2 ja so schlecht gefunden habe und deswegen glaubte, mir nochmal den Beginn der alten (also… „alten“) Trilogie ansehen zu müssen. Ich glaubte, heute würde ich den auch eher mäßig finden. Ich war erst 17, als der ins Kino kam, auch wenn ich ihn seitdem schon öfter gesehen habe… trotzdem habe ich festgestellt, dass der Streifen immer noch Spaß macht. Er hat einige eindeutige Schwächen, aber er ist wesentlich unterhaltsamer als die neue Reihe. Würde man das Beste der alten Trilogie und das Beste der neuen Reihe nehmen und kombinieren, hätte man einen perfekten Superheldenfilm, aber wie wir Sony nun kennen, müssen wir auf sowas mindestens – MINDESTENS!!! – fünf bis zehn Jahre warten. Praktisch eine Ewigkeit!!!einself

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 7: Prospekte. SCHON WIEDER.

Nachdem ich mein Engagement mit der Bäckerei irgendwie so hab auslaufen lassen, ohne je richtig gekündigt zu haben, folgte eine lange Zeit der finanziellen Unsicherheit und erfolglosen Suche nach neuen Jobs.

Inzwischen war ich komplett in meine Unistadt gezogen, was meine Möglichkeiten eigentlich hätte vergrößern sollen, aber dem war nicht so. Monatelang suchte ich und fand einfach NICHTS. Sehr gerne hätte ich gekellnert, aber ich wohnte damals noch in einem Außenbezirk, den ich nachts ohne Busse nicht mehr hätte erreichen können, wenn ich Feierabend gehabt hätte. Ich suchte also weiter, aber gute Jobs sind in einer Studentenstadt doch ziemlich rar gesät.

Schließlich wurde ich aber doch fündig – ich entdeckte ein Jobangebot in einem Online-Kleinanzeigenmarkt, das nur wenige Minuten zuvor eingestellt worden war. Sofort rief ich an und hatte ihn damit ergattert!

Wieder sollte ich etwas austragen, dieses Mal für sowas wie die Handelskammer. Eigentlich waren es keine Prospekte, sondern hauptsächlich Flyer, aber auch Poster und Sticker für verschiedene Aktionen wie einem verkaufsoffenen Sonntag oder ähnliches. Aber der eigentliche Unterschied betraf den Lohn: Ich wurde nach Stunden bezahlt, nicht nach Stückzahl! Und damit war der Austrägerjob offiziell plötzlich gar nicht mal so schlecht!!

Es waren zwar nur 7 Euro/Stunde, aber trotzdem. Immerhin mehr, als ich im Job davor bekommen habe. Und stand ich davor praktisch unter ständiger Beobachtung – in der Bäckerei musste ich immer damit rechnen, unangemeldet von der Bezirksleiterin kontrolliert zu werden, so dass ich ununterbrochen beschäftigt tun musste, ob ich Arbeit hatte oder nicht – war ich nun FREI.

Ich erledigte meine Arbeit natürlich, aber überwacht hat mich keiner. Ich nehme an, hätte ich die Flyer einfach in den Müll geschmissen, wäre das ziemlich schnell rausgekommen, doch solange sie nur irgendwie ihr Ziel erreichten, interessierte niemanden, wie ich mir die Route und die Zeit einteilte. Manchmal bekam ich eine Liste und musste Werbemittel in Geschäfte bringen, die sie bestellt hatten, aber meistens war es nicht mal das. Oft packte ich mir einfach den Trolley voll und zog los in ein bestimmtes Viertel, wo ich Flyer in öffentlichen Gebäuden auslegte oder in Geschäften fragte, ob ich ein paar dalassen könne. Nur einmal musste ich Flyer auf der Straße verteilen, was wirklich megaätzend war, aber das war nur eine Stunde.

Im Winter wäre die Arbeit sicher die Hölle gewesen; aber ich fing im Frühsommer an und das war ziemlich chillig. Es war meistens warm und die Sonne schien. Perfekte Bedingungen, um einfach mal ein bisschen durch die Stadt zu flanieren, auch wenn ich dabei einen Trolley hinter mir herzog. Wirklich, lockerer hätte der Job kaum sein können.
An einigen Tagen sollte ich Flyer in eine Gegend bringen, die mit dem Bus eine halbe Stunde entfernt lag. Das war schon fast unverschämt lässig. Ich stieg mit einem Pack Flyern in den Bus ein, fuhr eine halbe Stunde rum und las dabei ganz gemütlich, stieg am Ziel aus, verteilte etwa eine halbe Stunde mein Zeug und setzte mich danach in den Bus zurück, um wieder eine halbe Stunde zu lesen. Effektiv gearbeitet habe ich an diesen Tagen somit kaum, wurde aber trotzdem voll bezahlt. Ein Traum! ^^

Dennoch habe ich diese ungewohnte Freiheit, so hoffe ich, nicht, äh, übermäßig ausgenutzt. Ich erledigte meine Touren und stoppte nur nach der Hälfte der Zeit für ca. zehn Minuten, um eine zu rauchen und in mein Wurstbrot zu beißen. Danach ging es weiter. Es war schlicht und ergreifend supereasy.

Ich war entweder allein oder wurde von einer zweiten Aushilfe begleitet. Schnell hatte ich in der Belegschaft ein Mädel gefunden, mit dem ich mich super verstand. Also wurden wir immer zusammen losgeschickt. Damit verging die Zeit im Supertempo, weil wir uns auf den ganzen Touren unterhalten konnten, ohne dass es jemanden gestört hätte.
Dieses Mädel nahm es allerdings manchmal doch ein bisschen zu lax, hatte ich den Eindruck. Manchmal stoppten wir vor einem Supermarkt, um uns einen Snack zu kaufen, was sich dann allerdings immer zu einer halben Einkaufstour dehnte. Und einmal fragte sie mich, als wir an einem Restaurant vorbeigingen, doch tatsächlich, ob wir uns da nicht hinsetzen und eine Pizza essen sollten, was ja mal mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde gedauert hätte. Das habe ich dann abgelehnt, weil es maximal unverschämt gewesen wäre.

Natürlich war auch das kein Job, der mich großartig intellektuell forderte, aber an sich war er ganz cool. Er hatte nur einen Haken: Ich bekam nicht genug Stunden zusammen. Manchmal konnte ich dreimal die Woche arbeiten gehen, dann wieder eine Woche gar nicht. Zusätzlich waren die Schichten von maximal fünf Stunden einfach zu kurz, um wirklich Geld zu scheffeln. Mir wurde also klar, dass ich noch einen zweiten Job brauchte.

Und endlich, endlich kam ich in die Branche, in die ich strebte: Die Kellnerei! Mein Chef war der einzige Wirt, der mich zur Probearbeit einlud, weil alle anderen Erfahrung verlangten, die ich (abgesehen von den wenigen Wochen in der Shisha-Bar) einfach nicht hatte. Es war das übliche Dilemma – wie soll man Erfahrung sammeln, wenn niemand jemanden ohne Erfahrung einstellt? Aber mein Chef hat mir ne Chance gegeben, woran ich mich immer wieder erinnern muss, wenn ich ihm mal wieder den Kopf abreißen will.
Außerdem war ich inzwischen näher in die Innenstadt gezogen, so dass der Heimweg kein Problem mehr war. Ich hatte also ZWEI Jobs, mit denen ich endlich auf meine 400 Euro im Monat kam!

Wenn auch nicht lange. Ich glaube, ich habe dabei einfach viel zu krass übertrieben, völlig high davon, endlich Geld zu verdienen. Niemand zwang mich schließlich, gewisse Schichten zu übernehmen, aber ich nahm trotzdem so viel, wie ich kriegen konnte. So kam es, dass ich ungefähr zwei Monate lang an einigen Tagen pro Woche um 11 Uhr aufstand, um von 12 bis 17 Uhr Flyer zu verteilen. Um 17:30 Uhr war ich zuhause, wo ich schnell was aß und mich eine Stunde hinlegte, um für meine Schicht in der Kneipe um 20 Uhr fit zu sein. Ich war dann meistens erst gegen 3 oder 4 Uhr zuhause und brauchte dann noch mindestens eine Stunde, bis ich Einschlafen konnte. Am nächsten Tag dann wieder um 11 Uhr aufstehen etc. pp.

Das machte ich wie gesagt nur wenige Wochen, dann kroch ich total auf dem Zahnfleisch. Ich dachte, ich müsste mich für einen Job entscheiden und wählte die Kneipe. Dort bekam ich zwar 50 Cent weniger die Stunde, aber mit Trinkgeld konnte sich mein Stundenlohn manchmal verdoppeln, weshalb es sich schlicht mehr lohnte.
Eigentlich hatte ich geplant, bei meiner Austragerei nur mal eine Woche Pause einzulegen, was ohne Probleme ging, aber die Zeit, nach der ich mich melden wollte, wurde länger und länger und so war ich schließlich nur noch Kellnerin.

Heute ärgere ich mich ein wenig darüber. Ich hätte einfach die Stunden reduzieren bzw. die Schichten besser planen sollen, dann hätte das weiterhin gut geklappt. So hätte ich dann Überstunden aufbauen können, die mir in der Prüfungsphase etc. trotzdem einen vollen Lohn garantiert hätten. Zumal der Job einfach wirklich chillig gewesen war. Aber naja. Spätestens im Herbst wäre das bei schlechtem Wetter vermutlich auch sehr unangenehm geworden, deshalb ist es wohl okay.

Seitdem gehe ich nun kellnern, was mir meistens noch ziemlichen Spaß macht, auch wenn das Arbeitsklima manchmal ein Desaster ist. Aber nach fast 3 Jahren in diesem Job ist es definitiv die Branche, in der ich mich am wohlsten fühle!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 6: Bäckerei

Nachdem das mit der Kellnerei nicht geklappt hatte, ging ich weiter auf die Suche und landete schließlich in einem Job, den ich abgesehen von meiner aktuellen Stelle am längsten hatte, obwohl ich ihn von all meinen bezahlten Tätigkeiten mit am meisten hasste.

Bäckereien. Es klingt besinnlich und so gemütlich bodenständig, war aber die Hölle auf Erden.

Dies war der erste Job, bei dem ich tatsächlich ein Bewerbungsgespräch führen musste, während dem ich schon einen guten Einblick in das Betriebsklima erhaschte, das dort Usus war. Es war eine große Bäckereikette, weshalb alles komplett durchorganisiert und standardisiert war. Die Hierarchien waren klar, mein Status als kleine Aushilfe ebenfalls. Dies spürte ich deutlich während jeder Schicht. Meine festangestellten Kolleginnen waren allesamt Frauen mittleren Alters, die, so muss ich leider mutmaßen, es genossen, wenigstens in diesem Bereich ihres Lebens mal jemanden zu haben, den sie rumkommandieren konnten.
So wurde ich eine Zeit lang in einer Filiale eingesetzt, in der ein schreckliches Weib arbeitete, das ich nach kurzer Zeit für Satans Großmutter hielt. Während sie für jeden Kunden ein strahlendes Lächeln übrig hatte, konnte sie mir gegenüber innerhalb von Sekunden zum Racheengel mutieren – wegen absoluten Lappalien.
Einmal während der vorlesungsfreien Zeit, in der ich immer so oft wie möglich arbeitete, musste ich vier Tage hintereinander bei dieser Frau antanzen. Danach war ich ein absolutes Nervenbündel. Die hatte Ansprüche, dass es einem die Schuhe auszog. Nur ein winziger Fehler und das Inferno brach los. So kam ich an einem Tag zur Schicht und begrüßte sie, bekam aber keine Antwort. Kaum hatte ich mich umgezogen und mich verunsichert zu ihr geschlichen, brüllte sie mich an, was ich mir eigentlich einbilde – erwarte ich etwa, dass sie MEINE Arbeit macht?!
Stein des Anstoßes war der nicht ausgeleerte Papierkorb gewesen. Ich hatte es am Abend davor einfach vergessen. Meine Güte, ey. Aber so lief es IMMER.

In anderen Filialen war es kaum besser. Ich habe in dieser Zeit wirklich ganz ausgesprochen interessante Furien kennen gelernt, von der eine bescheuerter war als die andere. Weder davor, noch danach habe ich so etwas jemals erlebt, falls jetzt jemand mit dem Spruch „Höhö, na klar, typische weibliche Stutenbissigkeit…“ ankommen will. Warum das ausgerechnet in diesem Job so war, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht war es dieses durchstandardisierte Klima des Erfolgszwangs. Wurde zu wenig verkauft, gab es direkt eine Analyse des Standorts, infolgedessen die Festangestellten immer zittern mussten, ob sie nicht wenige Tage später plötzlich in einer anderen Filiale landen würden, die teils sehr viel weiter weg lag und in der sie sich nicht auskannten. Es herrschte ständiger Druck. So viel zum Thema „bodenständiges Handwerk“.

Was mich schon in meiner ersten Schicht völlig schockierte – und das war etwas, an das ich mich nach fast zwei Jahren in diesem Job NIE gewöhnen konnte – war der abendliche Umgang mit den Backwaren. Denn was nicht verkauft wurde, kam in den Müll.
Als ich zum ersten Mal die großen Rückgabebehälter sah, die überquollen vor Brot, Brötchen, Kuchen und Teilchen, ist mir richtig übel geworden. Das war westliche Dekadenz in Reinform. Nichts davon war schlecht, es war halt nur nicht verkauft worden. Davon hätten sich in anderen Ländern ganze Familien eine Woche ernähren können.

Ich sah es ja immer als besonderen Erfolg an, wenn ich abends wenig Retouren hatte – aber das wurde mir schnell ausgetrieben. Denn das musste ja heißen, dass ich nicht genug nachgebacken hatte. Ein Teil der Ware wurde nämlich geliefert, während der andere Teil frisch in der Filiale gebacken wurde. Das waren vor allem Teilchen und Brezeln, aber auch bestimmte Sorten Brötchen. Nun lag es, wenn ich wie meistens allein war, eigentlich im Laufe der Schicht in meinem Ermessen, die Menge zu schätzen, die ich noch brauchen werde, und nach dieser Schätzung zu backen. Ich lernte schnell, in welchen Filialen und an welchen Tagen ich noch damit rechnen konnte, dass kurz vor Schluss noch einiges über die Theke gehen würde, und wo und wann einfach nicht. Mein Fazit: Dann backe ich halt nach einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr.
Aber das war falsch. Die Theke musste bis zum Schluss voll sein. Weil es schöner aussieht. Weil man ja vielleicht noch was verkaufen könnte. Und wenn dann das meiste weggeschmissen werden muss… hach Gott, sind ja halt nur Lebensmittel, ne?

Wie gesagt, alles davon war noch völlig okay und wäre es auch am nächsten Tag noch gewesen. Ich meine, jeder isst lieber frische Brötchen als welche, die schon einen Tag alt sind, aber was ist mit denen, die so gar nichts haben und froh drum wären?
Aber meine vorsichtige Frage, warum das Zeug nicht der nächsten Tafel überlassen wird, wurde abgewatscht. Lebensmittel, die nicht eingeschweißt oder sonstwas sind, dürfen nämlich nicht zur Tafel gebracht werden. Ich nehme an, das stimmt tatsächlich, aber das kam der Firma wohl auch sehr gelegen. Zudem ist es ein wunderbares Beispiel für ein wirklich beschissenes, lebensfremdes Gesetz.

Und nicht mal die Angestellten durften davon was nehmen. Mir war es erlaubt, ein bis zwei Teile auf der Arbeit zu essen, was ich minutiös in einem extra dafür vorgesehenen Formular festhalten musste, aber noch ein Brot mitnehmen, das eh auf dem Müll landen wird, ging nicht. Das hätten wir dann bezahlen müssen. Ein paar Mal hab ich es trotzdem gemacht und einfach darauf vertraut, dass die Retourscheine (noch eines der vielen, vielen Formulare) eh nicht so genau unter die Lupe genommen werden. Wer wühlt sich schon durch einen Berg Backwaren um zu kucken, ob das, was ich eingetragen habe, auch tatsächlich mit der retournierten Ware übereinstimmt?

Das war besonders ärgerlich, weil ich darüber hinaus auch noch richtig beschissen bezahlt worden bin. Der normale Stundenlohn betrug irgendwas zwischen 6 und 6,50 Euro, genau weiß ich es nicht mehr. Sonntags oder an Feiertagen bekam ich 7,20. Yay.
Das wäre noch irgendwie in Ordnung gewesen, wenn ich nicht JEDEN – VERDAMMTEN – TAG noch unbezahlt gearbeitet hätte. Es war Pflicht, eine Viertelstunde vor Schichtantritt zu kommen, damit die Frühschicht eine ordentliche Übergabe machen konnte. Das wurde NICHT bezahlt. Das Ende der Schicht war erreicht, sobald die Filiale geschlossen wurde, doch alles, was danach kam – Aufräumen, Formulare schreiben, Kasse machen – wurde ebenfalls nicht bezahlt. „Dann fängt man damit halt ne halbe Stunde früher an und ist Punkt 18 Uhr aus dem Laden raus, ne?“ könnte man jetzt denken. Aber nee, das durfte ich nicht. Die Theke musste bis Ladenschluss voll sein.
Egal, wie sehr ich mich beeilte und wie viel ich schon vorher vorbereitete, ich brauchte IMMER mindestens eine Viertelstunde für den ganzen Scheiß. Damit kam ich mindestens auf eine halbe Stunde pro Arbeitstag, die mir einfach nicht bezahlt worden ist. Wenn man jetzt noch die kurzen Schichten bedenkt – wochentags fünf bis sechs Stunden, sonn- und feiertags nur dreieinhalb – war das einfach nur zum Kotzen. Sonntags arbeitete ich also 12,5% der Zeit umsonst. Das darf doch einfach nicht sein!!

Aber das Schlimmste an diesem Job waren – tada! – die Kunden.

Ich hatte gedacht, nach McDonald’s könnte es nicht schlimmer werden. Wenn ich mir heute so ansehe, mit welchen Gestalten ich mich während meiner Kellnerei rumschlagen muss weiß ich, dass der Gedanke naiv war. Aber die Bäckereikunden waren tatsächlich NOCH schlimmer – wenn auch auf eine andere Art.

Nach einigen Monaten in diesem Job hatte ich mal wutschnaubend eine kleine Liste der doofsten Kundentypen in meinem Tagebuch zusammen gestellt, deshalb kann ich euch das heute präsentieren. Viel Spaß:

1. Die Unhöflichen
Diese Kunden haben mir das Gefühl gegeben, ein beschissener Verkaufsautomat zu sein. Kein Hallo, kein Danke, kein Tschüss. KEIN EINZIGES WORT. Nicht mal eine Bestellung. Man kann ja auch mit dem Finger drauf zeigen. So was abweisendes ist doch einfach unmöglich!

2. Die Verschwörungstheoretiker
Ähnlich wie bei McDonald’s war ich dazu angehalten, Leute auf Angebote etc. hinzuweisen, nur hat das in diesem Fall wirklich Sinn gemacht. 1. hatte ich die Ware anders als im McD’s ja schon vor mir und ich war froh, wenn ich alles verkaufte und 2. waren die Angebote tatsächlich ziemlich gut. Wenn also drei Teilchen im Angebot waren, jemand aber nur zwei bestellte, dann wies ich ihn auf das Angebot hin, weil ein drittes Teilchen wirklich nur 10-20 Cent mehr gekostet hätte.
Aber wird es einem gedankt? Natürlich nicht! Stattdessen wurde mir wütend unterstellt, ich wolle dem Kunden was „andrehen“. Weil ich ja Teil der internationalen Bäckereiverschwörung bin!
Manche machte das offensichtlich so wütend, dass sie daraufhin in stures Schweigen verfielen. Was blöd war, denn dann stand ich da abwartend mit der Tüte und wusste nicht, ob sie nun noch ein Teilchen mehr wollten oder nicht.

3. Die anderen Verschwörungstheoretiker
Diese wurden dagegen sauer, wenn ich mal VERGASS, auf ein Angebot hinzuweisen und sie es dann trotzdem noch selbst entdeckten. Das konnte ja nur bedeuten, dass ich aus irgendeiner perfiden Motivation heraus gar nicht WILL, dass sie von diesem supergeilen Angebot profitieren. Logisch, ne?!

4. Die Salzphobiker
Leute, die Brezeln bestellten, aber das Salz darauf nicht wollten. Okay, versteh ich. Aber warum zur Hölle muss ICH das machen?!
Tatsächlich gab es außergewöhnlich viele Kunden, die von mir verlangten, dass ICH das Salz abknibbeln sollte. Macht das mal, wenn ihr das Teil nur mit einer Zange anfassen dürft, was natürlich für jeden deutlich sichtbar war. Wo ist das verdammte Problem dabei, es einfach selbst zu machen?!

5. Die Kleinkinder
Keine echten Kleinkinder, sondern erwachsene Leute, die sich so benahmen. In den meisten Filialen gab es auch die Möglichkeit, sich hinzusetzen und Kaffee zu trinken. Die Kleinkinder nun haben dann regelmäßig eine Schweinerei verursacht, die ich eher im Kindergarten erwartet hätte. Und wer durfte das am Schluss dann wieder aufräumen? Ganz genau!

6. Die Schnäppchenjäger
Natürlich wollten diese Leute was kaufen, aber warum den vollen Preis bezahlen, wenn man auch ganz frech einen Nachlass verlangen konnte?

7. Die Hektiker
Die Hektiker hatten Zeit. Viel Zeit. Hauptsächlich zum Kaffee trinken. Stundenlang. Außer, wenn plötzlich fünf neue Kunden an der Theke standen. DANN mussten sie natürlich augenblicklich bezahlen. Und weil sie ja schon vorher da gewesen waren, wollten sie logischerweise zuerst abkassiert werden. Was die anderen Kunden wütend machte. Aber wenn ich sie NICHT vorließ, waren es natürlich die Hektiker, die wütend waren. Opfer war immer die Verkäuferin.

8. Die geizigen Legastheniker
Wenn die Legastheniker mit ihrem Einkauf fertig waren, waren sie ganz arg überrascht, wenn sie den Preis hörten, weil der Preis ja natürlich niemals nicht an der Ware dransteht und sie auch nicht auf die Idee kamen, mich einfach danach zu fragen. Stattdessen wurde sich dann wutschnaubend verpisst, während ich mit der bereits eingepackten Ware da stand und mir was einfallen lassen musste, um das Kassenminus wieder auszugleichen.

9. Die Beleidigten
Nachdem man nun schon so viele Jahre Kunde war, ist es natürlich ganz schröcklich beleidigend, dass man IHR Produkt, das sie IMMER kaufen, nicht mehr vorrätig hatte. Das musste schließlich immer da sein. Selbst, wenn sie erst fünf Minuten vor Schluss aufkreuzten. Selbst, wenn sie wussten, dass man auch Vorbestellungen machen kann. Ist ja logisch, ne.

10. Der Bescheißer
Das war eigentlich nur ein einziger Kunde. Der hatte behauptet, ich hätte ihm gesagt, dass sein Einkauf im Angebot sei. Was eine Lüge war. Aber natürlich bekam er seinen Scheiß trotzdem billiger und ICH einen Anschiss von meiner Kollegin, der sich gewaschen hatte.

11. Die Nuschler
Die Nuschler bekamen das Maul nicht auf beim Sprechen. Was okay ist. Nicht okay ist es, auszurasten, wenn ich nachfragte, was sie da gerade bestellt haben. Ich kann nämlich nicht Gedanken lesen.

12. Die Individualisten
Ein Berg Brötchen. Ein Fingerzeig: „Das da, bitte!“ Und das heißt: Dieses und kein anderes. Wehe, ich NÄHERTE mich auch nur einem anderen. Dann ist Pole offen.

13. Die „Was wäre wenn“s
Diese Kunden kamen genau wie die Beleidigten ganz am Schluss noch in den Laden gestürmt und regten sich ganz furchtbar darüber auf, dass die Auswahl nicht mehr so riesig war wie zu Schichtbeginn, kauften dann aber genau EIN Brötchen. Die Motivation dahinter ist sonnenklar: JETZT wollten sie ja eigentlich gar nichts, aber was wäre, wenn sie tatsächlich mal noch eine größere Menge kurz vor Feierabend bräuchten!? Also lieber schon mal vorsorglich beschweren, damit diese Katastrophe niemals eintreten möge!

14. Die beschissenen Eltern
Leute, die mild lächelnd zusahen, wie ihre kleinen Kinder, die natürlich nichts dafür können, den Laden in ein Schlachtfeld verwandelten, während die süßen Kleinen vermutlich für eine ähnliche Verhaltensweise zuhause eine gescheuert bekämen. Aber wen interessiert schon eine komplett vollgeschmierte Theke. Die dumme Verkäuferin kann es ja sauber machen.

5. Die „Schmeckt das?“
Tja, Leute. Was soll ich als Verkäuferin auf eine solche Frage antworten? Etwa „Nein“?

Ich hielt den Job wie gesagt knapp zwei Jahre aus, dann konnte ich einfach nicht mehr. Auch das ist eine Erfahrung, die ich nie wieder wiederholen will.

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 5: Kellnern, der erste Versuch.

Kellnern fand ich schon immer cool, aber meine ersten Schritte in dieser Branche führten mich in ein absolutes Desaster.

Als ich zu studieren anfing, finanzierte mich meine Mutter, allerdings hielt sie mich ziemlich knapp. Große Sprünge waren nicht möglich, also ging ich auf die Suche nach einem Job und wurde in einer meiner Stammkneipen fündig.

Eigentlich war es keine Kneipe, sondern eine Shisha-Bar, in der meine beste Freundin und ich manchmal rumhingen. Dort bekam ich dann zufällig mit, dass der Wirt eine Aushilfe suchte und meldete mich sofort. Weil er mich kannte, wurde ich vom Fleck weg eingestellt, obwohl ich keine Erfahrung hatte.

Darüber machte ich mir aber keine Sorgen. Ich wusste, ich kann das. Und tatsächlich war es dann auch so. Ich musste nicht zapfen, womit mit das Schwierigste an der Kellnerei schon mal wegfiel. Dafür hatten wir ca. 15 verschiedene Kaffeesorten und nochmal so viel Tee, aber auch das hatte ich schnell drauf. In diesem Job lernte ich, den perfekten Latte Macchiato zu machen – was ein bisschen doof ist, denn ich trinke überhaupt keinen Kaffee. Aber irgendwann werde ich damit mal jemanden mit der passenden Kaffeemaschine richtig glücklich machen, also ist das okay.

Aber obwohl die Arbeit an sich gut lief und mir das Kellnern Spaß machte, blieb ich nur wenige Wochen in dem Laden, weil der Chef mich massiv sexuell belästigte.

Es fing mit ein paar blöden Sprüchen an, wurde aber schnell richtig schlimm. Wenn Gäste da waren oder die zweite Kellnerin – oder, natürlich, seine Frau (!!) – hielt er sich zurück. Aber jeden Sonntag fing ich eine Stunde vor der anderen Kellnerin an und meistens waren zu dem Zeitpunkt auch keine Gäste da.
Leider wusste ich damals nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte. Ich war Anfang Zwanzig und hatte keine Ahnung, was ich dem entgegen setzen konnte. Das kann man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen, wenn man mich kennt, aber damals war ich absolut hilflos.

Meine Freunde halfen nicht so wirklich. Klar, sie fanden das total scheiße von ihm, aber so richtige Entrüstung, die mir gezeigt hätte, wie FALSCH das ist, konnten sie nicht aufbringen. ICH würde keine Freundin so hängen lassen – aber das zeigt mir im Rückblick nur, wie läppisch sexuelle Belästigung eingeschätzt wird.

So stand ich dann da und machte einen Tee, während er mich von hinten umarmte, seinen Schwanz an meinen Arsch rieb und meinen Nacken küsste, und konnte gar nichts tun, außer mich ihm entwinden. Heute würde ich ihm mein Knie zwischen die Beine rammen. Und nein, das halte ich NICHT für übertrieben. Wer jetzt rumweinen will, dass Gewalt gegen Männer ja ach so akzeptiert sei, darf seine Beschwerde gerne schriftlich an den Papierkorb seiner Wahl richten.
Er war ein hässlicher, ekelhafter Wicht, dem ich auf jede erdenkliche Art zu verstehen gegeben habe, dass ich das nicht will. Aber es war ihm egal. Ihm war auch egal, dass er verheiratet war. Er bedrängte mich und interessierte sich einen Scheißdreck dafür, dass ich weder seine dumme Sprüche hören, noch seine dreckigen Pfoten oder seine Schwulstlippen an mir spüren wollte.

Ich trug das lange mit mir herum. Wie gesagt, meinen Freunden hab ich davon erzählt, aber nicht meinen Eltern. Die waren froh, dass ich einen Job hatte, durch den ich wenigstens ein paar Stunden am Wochenende beschäftigt war und ein bisschen Geld verdiente. Damals lief es familiär nicht so gut, deshalb wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen, mich meinen Eltern mitzuteilen – obwohl mein Stiefvater von einem auf den anderen Moment aufdrehen kann und DAS nicht einfach so hingenommen hätte. Und meine Mutter… ach, keine Ahnung, wie die reagiert hätte.

Jedenfalls grübelte ich viel zu lange darüber nach, statt tätig zu werden. Es war klar, dass ich damit allein zurecht kommen musste. Niemand würde mir helfen. Selbst die andere Kellnerin, eine Frau in den Vierzigern, schien das doch teilweise mitzukriegen – und deswegen sauer auf MICH zu sein. Vermutlich war ich für sie die kleine Schlampe, die vom Chef einen Bonus bekommt, weil sie sich betatschen lässt (dabei hab ich nie irgendwas in der Art bekommen).

Mit der Zeit steigerte ich mich innerlich in eine riesige Wut rein – vor allem auf mich selbst. Mein Lebensziel war es doch, mutig zu sein, wieso konnte ich das in diesem Fall nicht? Ich hasste mich selbst dafür. So wollte ich nicht sein – ängstlich, duckmäuserisch, ein leichtes Opfer. Wer war dieser Typ schon? Warum hatte ich solche Angst, ihm einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen? Nur wegen DEN paar Kröten?

Es gärte in mir, aber irgendwann trat ich mir innerlich selbst in den Arsch. Bei der nächsten Aktion, so schwor ich mir, würde ich etwas sagen und mit den Konsequenzen leben. Ich musste nur meine Wut anzapfen, die schon immer mein bester Antrieb gewesen war.

Kurz darauf war es soweit: Bei der nächsten Schicht ging ich in die Küche und er gab mir im Vorbeigehen einen Arschklaps. Bescheuerterweise dachte ich sogar sekundenlang darüber nach, ob das jetzt überhaupt, naja… „zählt“, so verglichen mit einem Schwanz, der sich ungebeten an mir reibt… aber ich kam schnell zur Besinnung.
Ich drehte mich also zu ihm um, lächelte ihn strahlend an und sagte ihm, dass er eine fängt, wenn er das nochmal macht.

Seine Reaktion war Gelächter. Vielleicht hielt er das Ganze nur für ein Spiel, das gerade die nächste Stufe von „Ach, die kleine Bitch ziert sich nur“ erreicht hatte. Aber irgendwas an meiner extrem coolen Reaktion schien ihm zu zeigen, dass ich das vollkommen ernst meinte.
Während er lachte, drehte ich mich um und machte eine neue Kohle fertig. Vielleicht war es ja DAS gewesen – dass ich die Frechheit besessen hatte, ihm den Rücken zuzudrehen. Jedenfalls erstarb sein Lachen irgendwann. Ich konnte ihn nicht sehen, aber regelrecht fühlen, wie es in ihm zu arbeiten begann. Und schließlich meinte er angepisst: „Ich hab schon gegen zehn Russen gleichzeitig gekämpft – was willst DU kleine Frau da denn machen?“

Eine mehr als offensichtliche Drohung. Aber ich hatte tatsächlich die nächste Stufe erreicht. Es half irgendwie, an meinen Bogen zu denken und daran, ihm einen Pfeil mitten in seine dumme Fresse zu schießen. All die Angst von vorher war wie weggefegt. Wäre ich noch cooler gewesen, wäre ich erfroren. „Werden wir dann ja sehen,“ war mein einziges Kommentar. Ich meinte das vollkommen ernst. Egal, wie viele Kämpfe er schon bestritten hatte, in diesem Moment war ich sicher, dass ich ihn in der Mitte durchbrechen konnte, wenn ich wollte.

Das hat ihn völlig zerstört. Und es war einfach nur so toll.

Er sagte nichts mehr, aber den Rest des Abends, der noch richtig stressig wurde, war er komplett angepisst und meckerte mich wegen jedem Scheiß an. Tisch 5 hat keine Getränke mehr, es stehen zu viele dreckige Gläser rum, die Arbeitsplatte in der Küche ist krümelig… Kleinigkeiten. Aber ich ließ mir sein Gemecker am Arsch vorbei gehen. Ich wusste ja, dass er nur einen Vorwand suchte, um mich anzuscheißen. Und das gipfelte schließlich gegen Ende meiner Schicht in einer Tirade über meine schlechte Arbeit, bei der er mit den Worten schloss: „So hat das doch keinen Sinn!“
Ich stand da mit verschränkten Armen und unverschämten Lächeln und antwortete einfach maximal gelangweilt: „Joah.“ Worauf ihm wiederum keine passende Antwort einfiel. Er gab mir meinen Lohn für den Abend und ich haute ab. Auf dem Weg zu meiner Stammdisco, wo ich mich mit meiner besten Freundin treffen wollte (die mir ein Highfive für die ganze Sache gab), dachte ich müßig drüber nach, ob ich denn nun gefeuert worden bin. Oder hatte ich gekündigt? Keine Ahnung. Irgendwie war es mir aber auch egal.

Eine Woche später rief seine Frau an. Er hatte nicht mal die Eier, es selbst zu tun. Die fragte mich, ob ich denn abends kommen würde. Offensichtlich war es also doch keine Kündigung gewesen. Ich verneinte, sie war irritiert und legte schließlich ohne große Diskussion auf. Leider glaube ich, dass sie ganz genau wusste, welches Arschloch sie sich da angelacht hatte. Heute würde ich sie vielleicht nochmal freundlich darauf hinweisen. Damals beließ ich es aber bei knappen Worten.

Ich bin danach nie wieder zu diesem Wichser gegangen, außer einmal. Er hatte inzwischen einen anderen Laden gefunden, der wesentlich größer war und offensichtlich sehr gut lief. Ein paar alte Freunde schleppten mich mit.
Ich sah ihn an diesem Abend nur einmal ganz kurz. Als sein Blick auf mich fiel, lächelte ich ihn kalt an. Worauf ihm die nackte Panik ins Gesicht geschrieben stand und er sich schnellstens verpisste.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen, aber ich glaube kaum, dass ein gezielter Faustschlag mir mehr Genugtuung hätte verschaffen können als dieses Lächeln und diese Reaktion.

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 4: Fabrik

Um die (leider recht lange) Zeit zwischen Abi und Unianfang zu überbrücken, bewarb ich mich in der Fabrik meines Stiefvaters. Damit sollte ich den ersten und bisher einzigen Job ergattern, in dem ich nicht unter Mindestlohn bezahlt wurde.

Mein Stiefvater meinte, ich solle mich auf Akkordarbeit einstellen, worüber ich nur müde die Schultern zuckte. Dann hätte ich das halt auch mal durch, wo man doch immer so viel schreckliches von Akkordarbeit hört, aber ich dachte mir, schlimmer als McDonald’s kann’s ja nicht werden. Und bei DER Bezahlung – ich konnte kaum meckern!
Ich bekam 8 Euro pro Stunde, wobei man bedenken muss, dass das auch schon wieder fast zehn Jahre her ist. In der Fabrik wurden allerdings auch Nachtschichten gefahren sowie Wochenendschichten, wofür es immer Aufschlag gab. Ich weiß nicht mehr wie viel genau – außer an Feiertagen: Da gab es satte 150% Aufschlag, womit ich in einer Stunde 20 Euro (!!!) verdiente. Als ich das hörte, war meine spontane Reaktion: „Äääh, kann ich auch Doppelschicht…?“ (leider durfte ich das nicht ^^)

Es war eine Chemiefirma, die auch im Bereich Pharmazie tätig war und u.a. Kochsalzbeutel herstellte. Damit durfte ich mich mehrere Wochen lang beschäftigen. Wieder wurde ich im Bereich Qualitätskontrolle eingesetzt – aber bei etwas so wichtigen wie medizinischen Bedarf natürlich nicht in „leitender Position“. Nee, dafür waren Festangestellte verantwortlich. Meine Aufgabe war es zusammen mit anderen studentischen Aushilfen, den Damen die eingepackten Kochsalzbeutel aus den Kartons zu packen, sie auf ein Band zu legen, zuzukucken, wie die Kontrolleurinnen die Beutel durchleuchteten und die Beutel dann am Schluss wieder zurück in die Kartons zu packen.
Me-ga-spannend! Aber eigentlich war es gar nicht sooo ätzend. Die Angestellten waren gut drauf und plapperten die ganze Zeit fröhlich (ihre Arbeit erledigten sie trotzdem). Zu uns Aushilfen waren sie immer nett. Was will man mehr?

Manchmal wechselten wir den Arbeitsplatz und gingen an ein anderes Band. Dieses wog die Kochsalzbeutel automatisch und blieb stehen, wenn ein Beutel drüber lief, der zu viel Abweichung nach oben oder unten hatte. Damit musste man auch hier nicht besonders viel nachdenken, aber das war schon okay. Eine ganze Woche lang hatte ich Nachtschicht und tat nichts anderes als das.

Es gab nur zwei richtig üble Sachen. Die eine betraf die schwangeren Angestellten der Firma. Eine Chemiefirma, wie gesagt. Heißt, sobald eine Frau, die in einem Bereich arbeitete, in dem sie mit Chemikalien in Berührung kam, eine Schwangerschaft feststellte, wurde sie sofort von ihrem Arbeitsplatz abgezogen. Allerdings gab es offensichtlich irgendwie keine geeignete Alternative, so dass diese Frauen in völlig sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gesteckt wurden. Und nicht nur das – sie brauchten sogar noch zusätzlich Hilfe dabei!
Ich wurde eines Tages dazu auserwählt. Es folgten einige schlimme, schlimme Stunden. Keine Ahnung, ob die Frau mich nicht leiden konnte oder einfach wegen der Gesamtsituation total angepisst war, jedenfalls redeten wir während der gesamten Prozedur kein Wort miteinander. Was wir taten? Ich packte ihr Kochsalzbeutel aus und legte sie für sie auf eine Waage, wartete, bis sie das Gewicht notiert hatte und packte die Scheißbeutel wieder ein. Die Beutel wogen 2,5 Kilo, was angeblich für eine Schwangere zu schwer ist – allein deshalb brauchte sie Hilfe. Diese Arbeit war haargenau dasselbe, was an diesem einen Band komplett automatisch ablief, nur eben viel, viel langsamer. Sowas unglaublich unnötiges muss man sich erst mal ausdenken!!
Zweimal musste ich diese Qual durchmachen, aber als ich ein drittes Mal zu ihr geschickt werden sollte, weigerte ich mich. Es gab schließlich noch genug andere Aushilfen, warum zur Hölle sollte ich das immer machen? Es musste dann jemand anderes gehen.

Der allgemeine Konsens bei den anderen Angestellten war dann allergrößte Abneigung gegenüber den Schwangeren. Das hat mich dann wiederum ein wenig sauer gemacht. Was können denn diese Frauen dafür, dass die Firma es mit ihren Schutzbestimmungen möglicherweise ein bisschen übertrieb (ich meine, 2,5 Kilo heben, sowas schadet doch keinem Baby?)? Die hätten vermutlich auch lieber was sinnvolles gemacht, als allen zur Last zu fallen. Das muss man sich mal reinziehen… im Grunde wäre es die Firma billiger gekommen, die Schwangeren einfach bis zur Geburt bei voller Bezahlung heim zu schicken!

Nach ein paar Wochen war diese erste Station durch. Ich sollte nun in die Abteilung meines Stiefvaters kommen – ein wesentlich sensiblerer Bereich. Und das war ätzende Sache Nr. 2. Nicht nur mussten wir von Kopf bis Fuß Schutzkleidung tragen inklusive Handschuhen, Mundschutz und Kapuzen, in der Produktionshalle war es auch noch so laut, dass an Gespräche nicht zu denken war und es stank so dermaßen, dass ich schon nach kürzester Zeit hämmernde Kopfschmerzen bekam. Wir mussten irgendwelche Plastikteile kontrollieren, was wir ebenso gut auch sonstwo hätten machen können, dafür muss man nicht direkt zwischen Maschinen sitzen.
Wie gut, dass ich das nur einen einzigen Tag machen musste. Als wir uns morgens zum Dienst gemeldet hatten, war ein Kerl aus einer anderen Abteilung gekommen und hatte gefragt, ob einer von uns ab dem nächsten Tag bei ihm arbeiten könne. In dieser anderen Abteilung gab es keinen Schichtdienst, dafür wurde jeden Tag eine halbe Stunde länger gearbeitet (was super war, ich wollte ja viele Stunden machen). Weil die anderen beiden Aushilfen keine Anstalten machten, sich zu melden – sie waren Freundinnen und wollten nicht getrennt werden – erklärte ich mich bereit dazu.

Und das war eine Sache, wegen der mein Stiefvater jah-re-lang beleidigt gewesen war. Wie konnte ich es auch wagen, seine Abteilung zu verschmähen, obwohl das Odeur doch so entzückend ist und die Geräuschkulisse so lieblich? Ich schwöre euch, er hat sich aufgeführt wie ein Kleinkind und ähnlich rumgebrüllt. Wenn ich drüber nachdenke, kann ich heute noch nur den Kopf schütteln und verstehe immer noch nicht, wie man das so aufbauschen kann.

Jedenfalls hatte ich die Abteilung eine Schicht lang kennen gelernt und hatte schon mehr als genug davon. Ich war extrem dankbar über die Chance, woanders zu arbeiten. Und wieder landete ich in – tada! – der Qualitätskontrolle!

Dieses Mal durfte ich wieder selber ran. Wochenlang durfte ich mich mit Verschlusskappen beschäftigen, keine Ahnung wofür, die etwa so groß waren wie das letzte Glied meines kleinen Fingers. Die Dinger sollten eigentlich gelb sein, doch irgendwie war Farbe in die Maschine gekommen, so dass einige dieser Kappen blau gesprenkelt waren. Ich nehme an, das hat ihre Funktionstüchtigkeit in keinster Weise beeinflusst, aber trotzdem schien das ein No-Go zu sein.
Meine Aufgabe war es also, die Tüten dieser Kappen á fünfhundert Stück nacheinander zu schnappen, an meinem Arbeitsplatz (ein Tisch in einem ruhigen Labor, in dem noch zwei Festangestellte saßen) auszukippen und durchzusehen. Acht Stunden täglich. Well, warum nicht, ne?

Natürlich nicht eine Kappe nach der anderen, sondern nur oberflächlich. Sprich, ich hab ca. zwanzig Kappen vor mich geschoben, drauf gestarrt, ein bisschen darin rumgewühlt, nochmal gestarrt und dann wieder zurück in den Beutel getan. So wurde es mir gezeigt und so machte ich es dann auch.

Damals hatte ich noch richtige Adleraugen. Man stelle es sich vor – das führte doch tatsächlich zu Problemen. Mehrmals meinte mein Vorarbeiter, wenn er sich die aussortierten Kappen ansah (es waren meistens nur fünf oder sechs pro Beutel) und eine fand, die nur ein ganz klein bisschen versaut war, sowas sollte ich drin lassen. Nicht, weil das nichts wäre, was aussortiert gehört, sondern weil eine Kappe mit SO kleinen Fehlern den Eindruck erwecken könnte, ich würde zu langsam arbeiten, denn ansonsten würde ich sowas ja gar nicht entdecken. Obwohl er jederzeit sehen konnte, dass ich haargenau das Tempo anschlug, das er mir vorgemacht hatte.
Da fällt einem nichts mehr zu ein, oder? Man wird heutzutage schon kritisiert, wenn man zu gut in seinem Job ist (auch wenn es nur sowas idiotisches ist). Was soll ich denn machen, wenn mein Blick halt auf so eine minimal-verfärbte Kappe fällt?
Ich sortierte also trotzdem alles aus, was ich fand. Prompt kam dann eines Tages der Big Boss der ganzen Chose durch die Abteilung flaniert, im Schlepptau irgendwelche Investoren. Als er ihnen demonstrieren wollte, was ich da mache, grabschte er nach einer Kappe, konnte aber partout keinen Fehler daran feststellen. Das brachte ihn richtig zum Stammeln, bis ich so gnädig war und ihm den Fehler zeigte (ein einziger blauer Spritzer, nicht größer als ein Nähnadelstich). Darüber musste ich sehr lachen, als er weg war, auch wenn ich ein bisschen Angst hatte, tatsächlich einen Anschiss zu bekommen, weil ich zu gründlich war (es kam aber keiner).

Ich arbeitete das Maximum an möglichen Tagen, die man arbeiten darf, ohne Steuern zu bezahlen, dann verabschiedete ich mich auch aus diesem Job, um ein Haufen Geld reicher – und die Erfahrung, dass gründliche Arbeit verdächtig ist 😀