Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 1: Prospekte

Meine Arbeitskarriere begann genau wie die von tausenden anderen Jugendlichen auch: mit Zeitungen austragen.

Okay, eigentlich waren es keine Zeitungen, sondern Prospekte für einen Supermarkt. Aber die Arbeit war im Grunde dieselbe. Die Idee dazu hatte meine beste Freundin, die mich fragte, ob wir uns die Arbeit nicht teilen und gemeinsam ein bisschen Geld verdienen sollen. Mit 15 war Geld natürlich knapp, es gab hundert Sachen, die ich gerne gehabt hätte, also war ich sofort Feuer und Flamme. Jedes Wochenende stundenlang durch unser 2000-Einwohner-Dorf ziehen, egal bei welchen Wetter, schien zu einer Zeit, in der Alkohol und Party machen noch nicht zum standardmäßigen Wochenendprogramm gehörten, kein allzu großes Opfer zu sein.

Die erste Überraschung kam sofort am Anfang, und das war dann auch eine Sache, in der sich unser neuer Job doch grundsätzlich von schnöder Zeitungsaustragerei unterschied: Die Prospekte wurden geliefert und wir mussten sie erst zusammen falten.
Klingt easy, dauerte aber schon mal locker ne Stunde. Ihre Mutter half uns. Danach waren unsere Finger schwarz vor Druckerfarbe. Eine enervierende Zusatzarbeit, mit der wir wirklich nicht gerechnet hätten.

Aber gut, richtig los ging es am nächstem Tag, einem Samstag. Voll motiviert bepackten wir unseren Trolley, der mitgeliefert worden war, und machten uns an die Arbeit.

Schnell merkten wir, dass unser elend kleines Dörflein, das uns während dieser ersten Phase der Pubertät so ekelhaft einengend erschienen war, doch irgendwie größer ist, als wir gedacht hatten. All diese Häuser! Wir brauchten für eine Straße ewig. An jedem Haus veranstalteten wir erst mal eine lustige Briefkastensuchaktion, denn seltsamerweise verweigern sich offensichtlich viele Haushalte dem Diktat eines Briefschlitzes oder sichtbar aufgestellten Briefkastens nahe der Eingangstür. So kamen auf zehn Häuser, die wir in Windeseile belieferten, mindestens eines, für das wir mehrere Minuten brauchten, weil wir einfach keine Möglichkeit fanden, die zur Auslieferung bestimmten Prospekte auch tatsächlich ordnungsgemäß auszuliefern. Wir waren leider zu diesem Zeitpunkt zu jung und von der neuen Verantwortung zu eingeschüchtert, um uns so etwas am Arsch vorbei gehen zu lassen. HEUTE würde ich „Scheiß drauf“ denken, das Prospekt vor die Tür oder sonstwohin schmeißen und fröhlich pfeifend weiter ziehen, aber als kleine fünfzehnjährige Mädchen war der Gedanke, diesen unseren ersten Job irgendwie nicht richtig zu machen und dafür gar am Ende einen Anschiss zu bekommen, eine absolute Horrorvorstellung.

Dazu trugen die vielen Menschen bei, denen wir auf unserer Tour begegneten und die uns misstrauisch beäugten, während wir brav grüßten (in unserem Dorf grüßt man jede Person, die einem über den Weg läuft, aber natürlich muss der jüngere Mensch den Anfang machen). In so ziemlich jeder Straße wurden wir von wutschnaubenden Leuten angehalten, die uns vorhielten, in der Woche davor kein Prospekt bekommen zu haben. Der Umstand, dass wir in der Woche davor noch gar nicht die zuständigen Prospektausträgerinnen gewesen waren, galt irgendwie nicht als valider Einwand. Supermarktprospekte sind die Bibeln der katholischen Dorfoma – da kochen die Emotionen hoch!

Wenn wir also keinen Briefkasten fanden und auch auf unser Klingeln niemand antwortete, wurden wir immer kreativer in unseren Problembewältigungsstrategien. Wir klemmten die Prospekte unter Türmatten, warfen sie durch gekippte Fenster, steckten sie in Blumentöpfe, suchten Steine, mit denen wir sie beschweren konnten, um sie vor der Eingangstür, die auch oft genug ziemlich versteckt war, ablegen zu können. Wie gesagt, heute bin ich der Meinung, dass Leute, die keine Briefkästen aufstellen, selbst Schuld sind, wenn sie dann kein Prospekt bekommen! Aber damals waren wir hochmotiviert.

Leider zeigte sich im Laufe dieses Tages, dass Motivation allein nicht reicht, um seinen Lebensunterhalt oder zumindest ein üppiges Taschengeld zu verdienen. Zu Anfang ließen wir uns noch euphorisch darüber aus, was wir mit dem ganzen Geld alles anstellen würden (ich plante brav Comics zu kaufen, während meine BF einfach nur feiern wollte), aber je länger wir unterwegs waren, desto mehr ratterten unsere Gedanken. Wir wurden nach Stückzahl bezahlt, nicht nach Zeit – womit jede verstrichene Minute unseren Stundenlohn weiter schmälerte.
Eigentlich hatten wir geglaubt, ein Samstagmittag würde reichen, doch letztendlich waren wir bis nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs und mussten irgendwann, als wir nicht einmal mehr die Klingelschildchen lesen konnten, aufhören, obwohl wir noch nicht fertig waren. Eigentlich war uns eingeschärft worden, alle Prospekte samstags unter die Leute zu bringen, damit jeder Haushalt den ganzen Sonntag lang Zeit hatte, dieses hochwichtige Dokument ausgiebig zu studieren, aber im Dunkeln konnten wir nicht anders, als zu kapitulieren.

Keine Ahnung, wie viele Stunden wir an diesem Tag letztendlich unterwegs gewesen waren. Am nächsten Tag half der Vater meiner BF uns mit den restlichen Vierteln, indem er uns mit dem Auto rumkutschierte, kopfschüttelnd über diese Misere.

Es ist klar, dass wir bei den nächsten Touren nicht ganz so lange gebraucht hätten, weil wir ja nun schon wussten, wo wir all diese beschissenen Briefkästen finden würden, aber dieses eine Wochenende hatte uns trotzdem mehr als deutlich gezeigt, wie völlig unterbezahlt dieser Job ist. Auch unsere Eltern waren der Meinung, dass so etwas die pure Zeitverschwendung war. Damit war unsere Karriere als Prospektausträgerinnen beendet (und die Suche des betreffenden Supermarktes nach Angestellten, die diesen Scheißjob länger als ein paar Wochen aushielten, ging weiter). Letztendlich bekam jede von uns 36 Mark (das sind inflationsbereinigt, hach, ca. 30 Euro?), was einem Stundenlohn entspricht, den ich mich gar nicht traue auszurechnen.

Fazit: Für zwölfjährige Schülerlein, die gut zu Fuß sind und sich reich fühlen wollen, obwohl sie eigentlich von hinten bis vorne verarscht werden, eignet sich ein solcher Job sehr gut, zumal Zeitungen oder ähnliches austragen meines Wissens einer der wenigen Jobs ist, die man unter 14 überhaupt machen darf. Für alle anderen, die wissen, wie viel Arbeitskraft wert ist und schon Dreisatz können, ist das nur eine Option, wenn sie lediglich einen guten Grund haben wollen, ausgedehnt spazieren zu gehen und das Geld eigentlich nicht brauchen, oder in finanzieller Hinsicht ausreichend verzweifelt sind.

Advertisements

10 Gedanken zu “Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 1: Prospekte

  1. Den Mist habe ich auch hinter mir. Jeden Samstag 4 Stunden allein bei Wind und Wetter mit nem Fahrrad (3 Touren nach Hause um Nachschub zu holen). Freitag zusammenlegen dauerte 2 Stunden, denn ich trug für 2 Firmen aus, wa den Stundenlohn erheblich steigerte. Mit bis zu 100 Euro im Monat hab ich es letztendlich ganze 3 oder 4 Jahre ausgehalten. Ich würde ees wieder tun, aber nur weil ich das Geld brauchte, so ist das nun mal, wenn man jung ist.

  2. Pingback: Andere Jobs, andere Jobs! | Robins urban bar stories

  3. Irgendwoher kenne ich das. Wir waren für das größte Gebiet der Stadt auch immer zu zweit nicht gar zu dritt.

    Meistens reichte der Freitag nicht aus und wir mussten Samstags auch nochmal ran. Vorher musste wir die Teile auch falten und zusätzlich mehrere Prospekte zu einem Paket zum einwerfen zusammenfassen. Ohne die Hilfe der Eltern meines Freundes wäre das auch nicht möglich gewesen.

    Zum Schluß wurde uns gekündigt, weil wir angeblich immer ein Haus vergessen hatten und sich der Anwohner beschwert hatte. Das Haus habe ich trotz guter Ortskenntniss und Google-Maps bis heute nicht gefunden.

    Im Nachhinein hat man dann erfahren, dass die Kinder der neuen Chefin des Zustellvereins den Job bekommen haben. Nett nicht?!

    Gruß Ralph

      • Ja das stimmt.

        Ich muss ehrlich zugeben, dass es mir und meinen Freunden damals aber auch egal war. Als Jugendlicher hat man ja auch noch andere „wichtige“ Dinge zu tun 😉

  4. Ich habe lange ehrenamtlich das Pfarrblättchen im Dorf ausgetragen. Zunächst hatte die Dorfbibliothekarin (die das nicht mehr machen wollte) meiner Mutter für mich nur eine Straße aufgequatscht, weshalb ich ziemlich sauer war. Aber nach und nach habe ich mir dann noch mehr Straßen dazu geholt, am Ende war ich einmal die Woche ca. 1,5 bis 2 Stunden unterwegs, davor auch noch ca. 1 Stunde falten. Der Spaziergang hat mir aber gut getan und mir auch ein wenig Freiheit vermittelt, das war der eigentliche Grund, warum ich daran hängen geblieben bin.

    Ich habe damit mit 10 angefangen und war immer höchst erfreut, wenn mir eine ältere Dame 2 Euro zusteckte, das passierte schon fast jede Woche. Am Ende des Jahres ging ich kassieren, dabei fielen für mich ca. 200 Euro an, wovon ich einen Teil meinen Schwestern abgab, weil sie mich ab und an begleiteten oder vertraten. Außerdem gab es von der Gemeinde pro Jahr einen 50 Euro-Gutschein für ein Kaufhaus. Macht also zusammengerechnet ca. 300 Euro im Jahr, das ist also bei einem Ehrenamt wohlgemerkt fast genauso viel wie ihr verdient habt.

    Meine eine Schwester hat dann später auch angefangen kostenlose Zeitungen mit Werbezeug herumzutragen und bekommt dafür im Monat ca. 180 Euro. Sie geht aber auch zweimal die Woche für ca. 3 Stunden.

    • PS: Briefkästen!! Furchtbar! Was die Leute sich teilweise einbilden ist unglaublich. Und dann beschweren sie sich auch noch, wenn irgendwas zu spät kommt.

      Das übelste,was meine Schwester je erlebt hat war, dass ein Typ auch im Namen seiner zwei Schwestern, die davon gar nichts wussten (!) sich bei den Verlegern beschwert hat, meine Schwester würde ab und an vergessen bei ihnen auszutragen. Dem war aber gar nicht so, der Typ hatte zwei dieser Kostenlos-Zeitungen verwechselt, nur meine Schwester bekam den Ärger. Also hat sie allen dreien einen bösen Brief geschrieben, die beiden Schwestern haben sich entschuldigt und darauf hingewiesen, dass sie nichts damit zu tun haben – der Typ hatte noch nicht mal den Mut dazu, sondern hat seine Frau vorgeschickt um eine Tafel Schokolade zu überreichen.

  5. Pingback: Themenwoche: Ich war jung und brauchte das Geld! | robins urban life stories

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s