Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 3: Bilder kucken

Sooo… hier haben wir mal keinen Standardjob, sondern eine Tätigkeit, über die ich teilweise heute noch gerne erzähle.

Auch das war ein mehr-oder-weniger Ferienjob… mehr oder weniger deswegen, weil ich ihn ein paar Monate nach dem Abi antrat und damals natürlich keine Ferien mehr hatte.

Nach meiner letzten Erfahrung war ich von der Vorstellung, in einem Fotolabor zu arbeiten, eigentlich sehr angetan, auch wenn ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie meine Aufgaben wohl aussehen würden. Ich hatte ziemlich Schiss, dass dafür irgendwelche technischen Fotographie-Skills von mir verlangt werden, die ich nun mal einfach nicht habe. Aber es half nix, ich musste Geld verdienen und wenn der Job übelst kompliziert wäre, würden sie ja keine Aushilfe ranlassen!

An meinem ersten Tag durfte ich sehen, dass ich längst nicht die einzige Abiturientin war, die hier einen Job ergattert hatte. Ihr müsst wissen: Fotos werden (zumindest in so großen Fotolabors) eins nach dem anderen auf aufgerollte Bänder gedruckt, die dann wiederum automatisch auf das bekannte Format zugeschnitten werden. An eben diesen Schneide-Maschinen saßen andere Aushilfskräfte und packten das Ergebnis in die ebenfalls bekannten Fototaschen ein.

Ich weiß nicht, warum ich immer so viel Glück (oder Pech, kann man sehen wie man will) habe, aber mein Arbeitsplatz war ein anderer. Ich war in den folgenden Wochen ganz allein für die Qualitätskontrolle zuständig!

Einige Kunden des Fotolabors (vor allem natürlich Fotoshops oder Supermärkte, die diesen Service anbieten) haben dafür extra bezahlt, dass die Fotos stichprobenartig überprüft wurden, andere Kunden veranlassten das nach mehreren Beschwerden der Endverbraucher. Letzteres war dann temporär. Aber wie auch immer: Ich bekam täglich eine Liste mit Kunden, die eine Überprüfung wollten, schnappte mir einen dicken Pack Fototaschen und arbeitete die durch. Das wiederholte sich Fünf bis sechs Stunden lang, dann musste ich aufhören, weil gegen Mittag das Zeug verschickt wurde.

So richtig eingearbeitet wurde ich nicht. Ich bekam Stoffhandschuhe, um die Bilder nicht zu beschmieren und wurde an einem Tisch in der Produktionshalle gesetzt. Dort war ich mir selbst überlassen. Das war erstmal ein kleiner Schock, aber ich bekam schnell Routine. Am Ende präsentierte ich alles, was ich gefunden hatte, dem Vorarbeiter, der die Hälfte davon ohne große Umstände wieder zurück warf, weil die Fehler nicht vom Betrieb verursacht worden sind, sondern auf fehlende Fotographieskills zurück zu führen waren (Verwacklungen, seltsame Farbstiche, „Lichtblitze“ etc.pp.). Sowas erkannte ich dann irgendwann von selber.

Jeden Morgen meldete ich mich zum Dienst, nahm meine Liste und legte los. Großartig kontrolliert wurde ich nicht und Gespräche gab es außerhalb den Pausen (in denen meine Kollegen normal wirkten – nicht so zombifiziert wie bei McDonald’s) auch nicht. So saß ich dann stundenlang da und sah mir Bilder an.

Hat jemand von euch „One Hour Photo“ gesehen, diesen krassen Film? In den (wenigen) lustigen Szenen erkenne ich diesen Job jedes Mal wieder. Die Leute machen sich einfach keine Gedanken darüber, wer ihre Bilder alles sehen wird. Da wird dann der Film im DM-Markt abgegeben und alle gehen davon aus, dass er sich auf magische Weise selbst entwickelt und in eine Tüte packt. Tja… dem ist nicht so. Ich habe in diesen wenigen Wochen mehr Nacktfotos von völlig Fremden gesehen als mich selbst in meinem Leben nackt im Spiegel. Besonders beliebt schienen Nacktfotos von Schwangeren zu sein… aber nicht so Demi-Moore-mäßig niveauvoll-ästhetisch, sondern teilweise echt schon fast Hardcore. Und natürlich noch viele andere nackten Tussis, die nicht schwanger waren. Titten, Titten everywhere. Dafür keinen einzigen nackten Kerl *grmpf*
Dann selbstverständlich Massen von Urlaubsfotos, Hochzeiten, Geburtstage, uuuunglaublich viele Babys, Welpen und Kätzchen (da hab ich mir immer Zeit genommen und die mir ganz genau angesehen ^^) und einmal leider auch ne Beerdigung mit offenen Sarg plus Leiche. Das war der erste echte tote Mensch, den ich in meinem Leben je gesehen habe, und es war eine komplett fremde Frau. Ich hätte darauf verzichten können.

Normalerweise blätterte ich die Fotos nur so daumenkinoartig durch, für mehr reichte die Zeit nicht, außer ich hatte Anweisung, bei diesem und jenem Kunden ganz genau zu kontrollieren. Waren es interessante Fotos, hab ich sie auch mal eins nach dem anderen durchgesehen. Klingt insgesamt eigentlich ganz cool, ne? War es aber nicht wirklich. Ich meine, es war längst nicht so geisteszerstörend langweilig wie im McD’s, aber die Zeit zog dich doch schon ziemlich, weil die meisten Menschen nicht besonders spannende Sachen fotographieren, jedenfalls nichts, was für einen Fremden spannend wäre.

Ein Kunde des Fotolabors war eine Army Base ziemlich weit weg von uns, der von den im Nahen Osten stationierten GIs Filme geschickt wurden, die sie wiederum an das Fotolabor zum Entwickeln schickten. Als ich mal eine solche Ladung müßig durchblätterte, sah ich plötzlich eine Gefangenenmisshandlung.

Ich schwöre euch, mein Herz setzte kurz aus. Minutenlang saß ich wie erstarrt da, unfähig zu entscheiden, was ich damit anstellen sollte. Dann fing ich an, der Sache genauer auf den Grund zu gehen.
Schnell stellte ich fest, dass mein erster Eindruck ein bisschen zu krass gewesen war: Auf dem Bild war eigentlich nichts zu sehen, das wirklich an Folter erinnerte. Man konnte einige Araber erkennen, die ganz offensichtlich verängstigt waren (wer wäre das nicht) und eben ein paar GIs, die vor ihnen standen. Mehr war da eigentlich nicht. Aber trotzdem, dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht…
Nur wenige Wochen zuvor war der Folterskandal um Abu Ghuraib durch die Medien gegangen, was damals alles, was ich bereits zu wissen glaubte, einfach nur sowas von bestätigt hat. Mit 19 war mein Antiamerikanismus so ziemlich auf dem Höhepunkt. Aber ich versuchte, rational an die Sache heran zu gehen.

Ich begann, sämtliche Bilder in dieser Fototasche eins nach dem anderen ganz genau zu untersuchen. Dabei dachte ich drüber nach, was ich machen sollte, sollte ich WIRKLICH auf Folterfotos stoßen. Niemand hatte mir gesagt, wie in solchen Fällen verfahren wird… wenn ich Bilder finden würde, die in irgendeiner Weise illegal sind. An sich, dachte ich, wäre es am besten, das meinem Vorarbeiter zu melden, aber was wäre, wenn der das weiterleitet und die Bilder irgendwie auf dem Weg Richtung Spiegel-Redaktion verschwinden würden? Weil der Chef keinen Ärger mit einem Großkunden will? Weil – so dachte ich damals – die ganze Welt ja sowieso völlig korrupt ist?
Während ich darüber grübelte, ob ich das riskieren oder vielleicht doch versuchen sollte, die Bilder einfach rauszuschmuggeln und auf eigene Faust die Presse zu informieren, checkte ich die Fotos weiter. Hätte ich eine Lupe gehabt, hätte ich wohl auch die benutzt. Ich saß sicher eine halbe Stunde einfach da und war mit dieser einen Fototasche beschäftigt, obwohl ich sonst in der selben Zeit zehn bis zwanzig durchgesehen hatte. Aber wie gesagt, niemand kontrollierte mich wirklich.

Und letztendlich entschied ich nach genauester Durchsicht, dass mir meine Kriegshysterie da einen Streich gespielt hatte. Es war wirklich nichts zu sehen, was auf illegale Umtriebe hindeutete – auch wenn ich die angstverzerrten Gesichter dieser armen Männer niemals vergessen werde. So sehen keine Terroristen aus, Leute. So sehen Menschen aus, denen mit Gewalt ihr Land und ihre Häuser genommen werden, nur weil ihre Regierung eine andere Regierung einmal zu oft angepisst hat.

Naja. Wenn die Bilder so gegen 13 Uhr ausgeliefert wurden, war meine Arbeit im Grunde beendet. Bis 15 oder 16 Uhr half ich dann noch bei irgendwelchen anderen Sachen. Nebenan war die Foto-von-Foto-Kopie-Abteilung, in der Abzüge von Fotos gemacht wurden, für die keine Negative (mehr) existierten. Das waren vor allem ganz alte Schwarzweißfotos, die ich ziemlich interessant fand, aber ich lernte dort auch, dass es viele Menschen gibt, die von ihren professionell gemachten Bewerbungsfotos auf diese Weise Abzüge bestellten. Das ist nämlich wesentlich billiger, als einfach zwanzig Abzüge beim Fotographen zu bezahlen – Geld, was Leute, die X Bewerbungen schreiben müssen, einfach nicht haben. Leider ist die Bildqualität einer solchen Kopie aber auch längst nicht so gut.

Dort kontrollierte ich auch ein bisschen die Bilder, dann hatte ich nach sieben bis acht Stunden Feierabend. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie viel Stundenlohn ich damals bekam – es müssen so zwischen 6,50 und 7 Euro gewesen sein. Nach heutigen Maßstäben ist das natürlich weit unter Mindestlohn, aber damals fand ich es okay.

Wenn ich heute zuhause bin, muss ich manchmal an dem Fotolabor vorbei fahren. Es ist nun eine leerstehendes Lagerhaus, denn die Digitalfotographie hat solchen Firmen den Todesstoß versetzt. Und ohne genau zu wissen warum macht mich das immer traurig.

3 Gedanken zu “Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 3: Bilder kucken

  1. Habe mich schon als Kind gefragt wie viele Menschen wohl die Fotos sehen bevor man sie abholt und was passieren würde falls da ein Mord oder so drauf wäre. ^^

    Gab es da eigentlich irgendwelche Regel im Bezug auf Anonymität, also falls du z.B. jemanden wiedererkannt hättest?

    • Ich kann mich nicht erinnern, dass sowas in meinem Vertrag stand. Eher hatte ich das Gefühl, dass die Leute da eher technisch rangegangen sind… dass für die auf den Bildern gar keine Menschen abgebildet waren, sondern nur Farben ^^

  2. Pingback: Themenwoche: Ich war jung und brauchte das Geld! | robins urban life stories

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s