Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 4: Fabrik

Um die (leider recht lange) Zeit zwischen Abi und Unianfang zu überbrücken, bewarb ich mich in der Fabrik meines Stiefvaters. Damit sollte ich den ersten und bisher einzigen Job ergattern, in dem ich nicht unter Mindestlohn bezahlt wurde.

Mein Stiefvater meinte, ich solle mich auf Akkordarbeit einstellen, worüber ich nur müde die Schultern zuckte. Dann hätte ich das halt auch mal durch, wo man doch immer so viel schreckliches von Akkordarbeit hört, aber ich dachte mir, schlimmer als McDonald’s kann’s ja nicht werden. Und bei DER Bezahlung – ich konnte kaum meckern!
Ich bekam 8 Euro pro Stunde, wobei man bedenken muss, dass das auch schon wieder fast zehn Jahre her ist. In der Fabrik wurden allerdings auch Nachtschichten gefahren sowie Wochenendschichten, wofür es immer Aufschlag gab. Ich weiß nicht mehr wie viel genau – außer an Feiertagen: Da gab es satte 150% Aufschlag, womit ich in einer Stunde 20 Euro (!!!) verdiente. Als ich das hörte, war meine spontane Reaktion: „Äääh, kann ich auch Doppelschicht…?“ (leider durfte ich das nicht ^^)

Es war eine Chemiefirma, die auch im Bereich Pharmazie tätig war und u.a. Kochsalzbeutel herstellte. Damit durfte ich mich mehrere Wochen lang beschäftigen. Wieder wurde ich im Bereich Qualitätskontrolle eingesetzt – aber bei etwas so wichtigen wie medizinischen Bedarf natürlich nicht in „leitender Position“. Nee, dafür waren Festangestellte verantwortlich. Meine Aufgabe war es zusammen mit anderen studentischen Aushilfen, den Damen die eingepackten Kochsalzbeutel aus den Kartons zu packen, sie auf ein Band zu legen, zuzukucken, wie die Kontrolleurinnen die Beutel durchleuchteten und die Beutel dann am Schluss wieder zurück in die Kartons zu packen.
Me-ga-spannend! Aber eigentlich war es gar nicht sooo ätzend. Die Angestellten waren gut drauf und plapperten die ganze Zeit fröhlich (ihre Arbeit erledigten sie trotzdem). Zu uns Aushilfen waren sie immer nett. Was will man mehr?

Manchmal wechselten wir den Arbeitsplatz und gingen an ein anderes Band. Dieses wog die Kochsalzbeutel automatisch und blieb stehen, wenn ein Beutel drüber lief, der zu viel Abweichung nach oben oder unten hatte. Damit musste man auch hier nicht besonders viel nachdenken, aber das war schon okay. Eine ganze Woche lang hatte ich Nachtschicht und tat nichts anderes als das.

Es gab nur zwei richtig üble Sachen. Die eine betraf die schwangeren Angestellten der Firma. Eine Chemiefirma, wie gesagt. Heißt, sobald eine Frau, die in einem Bereich arbeitete, in dem sie mit Chemikalien in Berührung kam, eine Schwangerschaft feststellte, wurde sie sofort von ihrem Arbeitsplatz abgezogen. Allerdings gab es offensichtlich irgendwie keine geeignete Alternative, so dass diese Frauen in völlig sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gesteckt wurden. Und nicht nur das – sie brauchten sogar noch zusätzlich Hilfe dabei!
Ich wurde eines Tages dazu auserwählt. Es folgten einige schlimme, schlimme Stunden. Keine Ahnung, ob die Frau mich nicht leiden konnte oder einfach wegen der Gesamtsituation total angepisst war, jedenfalls redeten wir während der gesamten Prozedur kein Wort miteinander. Was wir taten? Ich packte ihr Kochsalzbeutel aus und legte sie für sie auf eine Waage, wartete, bis sie das Gewicht notiert hatte und packte die Scheißbeutel wieder ein. Die Beutel wogen 2,5 Kilo, was angeblich für eine Schwangere zu schwer ist – allein deshalb brauchte sie Hilfe. Diese Arbeit war haargenau dasselbe, was an diesem einen Band komplett automatisch ablief, nur eben viel, viel langsamer. Sowas unglaublich unnötiges muss man sich erst mal ausdenken!!
Zweimal musste ich diese Qual durchmachen, aber als ich ein drittes Mal zu ihr geschickt werden sollte, weigerte ich mich. Es gab schließlich noch genug andere Aushilfen, warum zur Hölle sollte ich das immer machen? Es musste dann jemand anderes gehen.

Der allgemeine Konsens bei den anderen Angestellten war dann allergrößte Abneigung gegenüber den Schwangeren. Das hat mich dann wiederum ein wenig sauer gemacht. Was können denn diese Frauen dafür, dass die Firma es mit ihren Schutzbestimmungen möglicherweise ein bisschen übertrieb (ich meine, 2,5 Kilo heben, sowas schadet doch keinem Baby?)? Die hätten vermutlich auch lieber was sinnvolles gemacht, als allen zur Last zu fallen. Das muss man sich mal reinziehen… im Grunde wäre es die Firma billiger gekommen, die Schwangeren einfach bis zur Geburt bei voller Bezahlung heim zu schicken!

Nach ein paar Wochen war diese erste Station durch. Ich sollte nun in die Abteilung meines Stiefvaters kommen – ein wesentlich sensiblerer Bereich. Und das war ätzende Sache Nr. 2. Nicht nur mussten wir von Kopf bis Fuß Schutzkleidung tragen inklusive Handschuhen, Mundschutz und Kapuzen, in der Produktionshalle war es auch noch so laut, dass an Gespräche nicht zu denken war und es stank so dermaßen, dass ich schon nach kürzester Zeit hämmernde Kopfschmerzen bekam. Wir mussten irgendwelche Plastikteile kontrollieren, was wir ebenso gut auch sonstwo hätten machen können, dafür muss man nicht direkt zwischen Maschinen sitzen.
Wie gut, dass ich das nur einen einzigen Tag machen musste. Als wir uns morgens zum Dienst gemeldet hatten, war ein Kerl aus einer anderen Abteilung gekommen und hatte gefragt, ob einer von uns ab dem nächsten Tag bei ihm arbeiten könne. In dieser anderen Abteilung gab es keinen Schichtdienst, dafür wurde jeden Tag eine halbe Stunde länger gearbeitet (was super war, ich wollte ja viele Stunden machen). Weil die anderen beiden Aushilfen keine Anstalten machten, sich zu melden – sie waren Freundinnen und wollten nicht getrennt werden – erklärte ich mich bereit dazu.

Und das war eine Sache, wegen der mein Stiefvater jah-re-lang beleidigt gewesen war. Wie konnte ich es auch wagen, seine Abteilung zu verschmähen, obwohl das Odeur doch so entzückend ist und die Geräuschkulisse so lieblich? Ich schwöre euch, er hat sich aufgeführt wie ein Kleinkind und ähnlich rumgebrüllt. Wenn ich drüber nachdenke, kann ich heute noch nur den Kopf schütteln und verstehe immer noch nicht, wie man das so aufbauschen kann.

Jedenfalls hatte ich die Abteilung eine Schicht lang kennen gelernt und hatte schon mehr als genug davon. Ich war extrem dankbar über die Chance, woanders zu arbeiten. Und wieder landete ich in – tada! – der Qualitätskontrolle!

Dieses Mal durfte ich wieder selber ran. Wochenlang durfte ich mich mit Verschlusskappen beschäftigen, keine Ahnung wofür, die etwa so groß waren wie das letzte Glied meines kleinen Fingers. Die Dinger sollten eigentlich gelb sein, doch irgendwie war Farbe in die Maschine gekommen, so dass einige dieser Kappen blau gesprenkelt waren. Ich nehme an, das hat ihre Funktionstüchtigkeit in keinster Weise beeinflusst, aber trotzdem schien das ein No-Go zu sein.
Meine Aufgabe war es also, die Tüten dieser Kappen á fünfhundert Stück nacheinander zu schnappen, an meinem Arbeitsplatz (ein Tisch in einem ruhigen Labor, in dem noch zwei Festangestellte saßen) auszukippen und durchzusehen. Acht Stunden täglich. Well, warum nicht, ne?

Natürlich nicht eine Kappe nach der anderen, sondern nur oberflächlich. Sprich, ich hab ca. zwanzig Kappen vor mich geschoben, drauf gestarrt, ein bisschen darin rumgewühlt, nochmal gestarrt und dann wieder zurück in den Beutel getan. So wurde es mir gezeigt und so machte ich es dann auch.

Damals hatte ich noch richtige Adleraugen. Man stelle es sich vor – das führte doch tatsächlich zu Problemen. Mehrmals meinte mein Vorarbeiter, wenn er sich die aussortierten Kappen ansah (es waren meistens nur fünf oder sechs pro Beutel) und eine fand, die nur ein ganz klein bisschen versaut war, sowas sollte ich drin lassen. Nicht, weil das nichts wäre, was aussortiert gehört, sondern weil eine Kappe mit SO kleinen Fehlern den Eindruck erwecken könnte, ich würde zu langsam arbeiten, denn ansonsten würde ich sowas ja gar nicht entdecken. Obwohl er jederzeit sehen konnte, dass ich haargenau das Tempo anschlug, das er mir vorgemacht hatte.
Da fällt einem nichts mehr zu ein, oder? Man wird heutzutage schon kritisiert, wenn man zu gut in seinem Job ist (auch wenn es nur sowas idiotisches ist). Was soll ich denn machen, wenn mein Blick halt auf so eine minimal-verfärbte Kappe fällt?
Ich sortierte also trotzdem alles aus, was ich fand. Prompt kam dann eines Tages der Big Boss der ganzen Chose durch die Abteilung flaniert, im Schlepptau irgendwelche Investoren. Als er ihnen demonstrieren wollte, was ich da mache, grabschte er nach einer Kappe, konnte aber partout keinen Fehler daran feststellen. Das brachte ihn richtig zum Stammeln, bis ich so gnädig war und ihm den Fehler zeigte (ein einziger blauer Spritzer, nicht größer als ein Nähnadelstich). Darüber musste ich sehr lachen, als er weg war, auch wenn ich ein bisschen Angst hatte, tatsächlich einen Anschiss zu bekommen, weil ich zu gründlich war (es kam aber keiner).

Ich arbeitete das Maximum an möglichen Tagen, die man arbeiten darf, ohne Steuern zu bezahlen, dann verabschiedete ich mich auch aus diesem Job, um ein Haufen Geld reicher – und die Erfahrung, dass gründliche Arbeit verdächtig ist 😀

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Ein Gedanke zu “Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 4: Fabrik

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