Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 5: Kellnern, der erste Versuch.

Kellnern fand ich schon immer cool, aber meine ersten Schritte in dieser Branche führten mich in ein absolutes Desaster.

Als ich zu studieren anfing, finanzierte mich meine Mutter, allerdings hielt sie mich ziemlich knapp. Große Sprünge waren nicht möglich, also ging ich auf die Suche nach einem Job und wurde in einer meiner Stammkneipen fündig.

Eigentlich war es keine Kneipe, sondern eine Shisha-Bar, in der meine beste Freundin und ich manchmal rumhingen. Dort bekam ich dann zufällig mit, dass der Wirt eine Aushilfe suchte und meldete mich sofort. Weil er mich kannte, wurde ich vom Fleck weg eingestellt, obwohl ich keine Erfahrung hatte.

Darüber machte ich mir aber keine Sorgen. Ich wusste, ich kann das. Und tatsächlich war es dann auch so. Ich musste nicht zapfen, womit mit das Schwierigste an der Kellnerei schon mal wegfiel. Dafür hatten wir ca. 15 verschiedene Kaffeesorten und nochmal so viel Tee, aber auch das hatte ich schnell drauf. In diesem Job lernte ich, den perfekten Latte Macchiato zu machen – was ein bisschen doof ist, denn ich trinke überhaupt keinen Kaffee. Aber irgendwann werde ich damit mal jemanden mit der passenden Kaffeemaschine richtig glücklich machen, also ist das okay.

Aber obwohl die Arbeit an sich gut lief und mir das Kellnern Spaß machte, blieb ich nur wenige Wochen in dem Laden, weil der Chef mich massiv sexuell belästigte.

Es fing mit ein paar blöden Sprüchen an, wurde aber schnell richtig schlimm. Wenn Gäste da waren oder die zweite Kellnerin – oder, natürlich, seine Frau (!!) – hielt er sich zurück. Aber jeden Sonntag fing ich eine Stunde vor der anderen Kellnerin an und meistens waren zu dem Zeitpunkt auch keine Gäste da.
Leider wusste ich damals nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte. Ich war Anfang Zwanzig und hatte keine Ahnung, was ich dem entgegen setzen konnte. Das kann man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen, wenn man mich kennt, aber damals war ich absolut hilflos.

Meine Freunde halfen nicht so wirklich. Klar, sie fanden das total scheiße von ihm, aber so richtige Entrüstung, die mir gezeigt hätte, wie FALSCH das ist, konnten sie nicht aufbringen. ICH würde keine Freundin so hängen lassen – aber das zeigt mir im Rückblick nur, wie läppisch sexuelle Belästigung eingeschätzt wird.

So stand ich dann da und machte einen Tee, während er mich von hinten umarmte, seinen Schwanz an meinen Arsch rieb und meinen Nacken küsste, und konnte gar nichts tun, außer mich ihm entwinden. Heute würde ich ihm mein Knie zwischen die Beine rammen. Und nein, das halte ich NICHT für übertrieben. Wer jetzt rumweinen will, dass Gewalt gegen Männer ja ach so akzeptiert sei, darf seine Beschwerde gerne schriftlich an den Papierkorb seiner Wahl richten.
Er war ein hässlicher, ekelhafter Wicht, dem ich auf jede erdenkliche Art zu verstehen gegeben habe, dass ich das nicht will. Aber es war ihm egal. Ihm war auch egal, dass er verheiratet war. Er bedrängte mich und interessierte sich einen Scheißdreck dafür, dass ich weder seine dumme Sprüche hören, noch seine dreckigen Pfoten oder seine Schwulstlippen an mir spüren wollte.

Ich trug das lange mit mir herum. Wie gesagt, meinen Freunden hab ich davon erzählt, aber nicht meinen Eltern. Die waren froh, dass ich einen Job hatte, durch den ich wenigstens ein paar Stunden am Wochenende beschäftigt war und ein bisschen Geld verdiente. Damals lief es familiär nicht so gut, deshalb wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen, mich meinen Eltern mitzuteilen – obwohl mein Stiefvater von einem auf den anderen Moment aufdrehen kann und DAS nicht einfach so hingenommen hätte. Und meine Mutter… ach, keine Ahnung, wie die reagiert hätte.

Jedenfalls grübelte ich viel zu lange darüber nach, statt tätig zu werden. Es war klar, dass ich damit allein zurecht kommen musste. Niemand würde mir helfen. Selbst die andere Kellnerin, eine Frau in den Vierzigern, schien das doch teilweise mitzukriegen – und deswegen sauer auf MICH zu sein. Vermutlich war ich für sie die kleine Schlampe, die vom Chef einen Bonus bekommt, weil sie sich betatschen lässt (dabei hab ich nie irgendwas in der Art bekommen).

Mit der Zeit steigerte ich mich innerlich in eine riesige Wut rein – vor allem auf mich selbst. Mein Lebensziel war es doch, mutig zu sein, wieso konnte ich das in diesem Fall nicht? Ich hasste mich selbst dafür. So wollte ich nicht sein – ängstlich, duckmäuserisch, ein leichtes Opfer. Wer war dieser Typ schon? Warum hatte ich solche Angst, ihm einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen? Nur wegen DEN paar Kröten?

Es gärte in mir, aber irgendwann trat ich mir innerlich selbst in den Arsch. Bei der nächsten Aktion, so schwor ich mir, würde ich etwas sagen und mit den Konsequenzen leben. Ich musste nur meine Wut anzapfen, die schon immer mein bester Antrieb gewesen war.

Kurz darauf war es soweit: Bei der nächsten Schicht ging ich in die Küche und er gab mir im Vorbeigehen einen Arschklaps. Bescheuerterweise dachte ich sogar sekundenlang darüber nach, ob das jetzt überhaupt, naja… „zählt“, so verglichen mit einem Schwanz, der sich ungebeten an mir reibt… aber ich kam schnell zur Besinnung.
Ich drehte mich also zu ihm um, lächelte ihn strahlend an und sagte ihm, dass er eine fängt, wenn er das nochmal macht.

Seine Reaktion war Gelächter. Vielleicht hielt er das Ganze nur für ein Spiel, das gerade die nächste Stufe von „Ach, die kleine Bitch ziert sich nur“ erreicht hatte. Aber irgendwas an meiner extrem coolen Reaktion schien ihm zu zeigen, dass ich das vollkommen ernst meinte.
Während er lachte, drehte ich mich um und machte eine neue Kohle fertig. Vielleicht war es ja DAS gewesen – dass ich die Frechheit besessen hatte, ihm den Rücken zuzudrehen. Jedenfalls erstarb sein Lachen irgendwann. Ich konnte ihn nicht sehen, aber regelrecht fühlen, wie es in ihm zu arbeiten begann. Und schließlich meinte er angepisst: „Ich hab schon gegen zehn Russen gleichzeitig gekämpft – was willst DU kleine Frau da denn machen?“

Eine mehr als offensichtliche Drohung. Aber ich hatte tatsächlich die nächste Stufe erreicht. Es half irgendwie, an meinen Bogen zu denken und daran, ihm einen Pfeil mitten in seine dumme Fresse zu schießen. All die Angst von vorher war wie weggefegt. Wäre ich noch cooler gewesen, wäre ich erfroren. „Werden wir dann ja sehen,“ war mein einziges Kommentar. Ich meinte das vollkommen ernst. Egal, wie viele Kämpfe er schon bestritten hatte, in diesem Moment war ich sicher, dass ich ihn in der Mitte durchbrechen konnte, wenn ich wollte.

Das hat ihn völlig zerstört. Und es war einfach nur so toll.

Er sagte nichts mehr, aber den Rest des Abends, der noch richtig stressig wurde, war er komplett angepisst und meckerte mich wegen jedem Scheiß an. Tisch 5 hat keine Getränke mehr, es stehen zu viele dreckige Gläser rum, die Arbeitsplatte in der Küche ist krümelig… Kleinigkeiten. Aber ich ließ mir sein Gemecker am Arsch vorbei gehen. Ich wusste ja, dass er nur einen Vorwand suchte, um mich anzuscheißen. Und das gipfelte schließlich gegen Ende meiner Schicht in einer Tirade über meine schlechte Arbeit, bei der er mit den Worten schloss: „So hat das doch keinen Sinn!“
Ich stand da mit verschränkten Armen und unverschämten Lächeln und antwortete einfach maximal gelangweilt: „Joah.“ Worauf ihm wiederum keine passende Antwort einfiel. Er gab mir meinen Lohn für den Abend und ich haute ab. Auf dem Weg zu meiner Stammdisco, wo ich mich mit meiner besten Freundin treffen wollte (die mir ein Highfive für die ganze Sache gab), dachte ich müßig drüber nach, ob ich denn nun gefeuert worden bin. Oder hatte ich gekündigt? Keine Ahnung. Irgendwie war es mir aber auch egal.

Eine Woche später rief seine Frau an. Er hatte nicht mal die Eier, es selbst zu tun. Die fragte mich, ob ich denn abends kommen würde. Offensichtlich war es also doch keine Kündigung gewesen. Ich verneinte, sie war irritiert und legte schließlich ohne große Diskussion auf. Leider glaube ich, dass sie ganz genau wusste, welches Arschloch sie sich da angelacht hatte. Heute würde ich sie vielleicht nochmal freundlich darauf hinweisen. Damals beließ ich es aber bei knappen Worten.

Ich bin danach nie wieder zu diesem Wichser gegangen, außer einmal. Er hatte inzwischen einen anderen Laden gefunden, der wesentlich größer war und offensichtlich sehr gut lief. Ein paar alte Freunde schleppten mich mit.
Ich sah ihn an diesem Abend nur einmal ganz kurz. Als sein Blick auf mich fiel, lächelte ich ihn kalt an. Worauf ihm die nackte Panik ins Gesicht geschrieben stand und er sich schnellstens verpisste.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen, aber ich glaube kaum, dass ein gezielter Faustschlag mir mehr Genugtuung hätte verschaffen können als dieses Lächeln und diese Reaktion.

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15 Gedanken zu “Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 5: Kellnern, der erste Versuch.

  1. Die Wut im Bauch, immer wenn ich sowas lese, lässt nicht nach. Vor allem, wenn man selbst weiß, wie das ist.

  2. Ich kenn die Story schon, nur mit anderem Wortlaut wenn ich mich nicht irre. Hast du in deinem anderen Blog bereits davon berichtet?
    Coole(!) Reaktion auf jeden Fall und mir gefiel die Themen-Woche 😉

    Oh und deinem Text nach bist du eine Bogenschützin? Wenn du das jemals zuvor erwähnt hast, dann ist es mir entgangen. Und einfach weil ich Parallelen zu meinem/n eigenen Leben und Interessen toll finde, würde es mich freuen, wenn du dazu mal einen Beitrag schreibst 😉 Sofern es für dich inzwischen nicht völlig irrelevant geworden ist (oder ich da einfach irgendwas falsch verstanden habe) 😀

    • Ja, ich habe damals während #Aufschrei darüber berichtet, aber ziemlich verkürzt 🙂

      Jap, ich war und bin Bogenschützin, auch wenn ich momentan leider nicht zum Training gehen kann, obwohl ich aktuell wieder total Bock hätte. Und ich wollte schon ewig mal einen Beitrag drüber schreiben 🙂 Mal sehen, ob ich das demnächst angehen kann.

      • Oh, mach! Und mit ganz vielen Details dazu welche Bögen du benutzt oder hast und bevorzugst und kennst und Details zu allem und überhaupt! 😀
        Wenn du über Comics schreibst finde ich das cool, kann mich aber nicht wirklich reinsteigern. Jetzt kam mir aber der Gedanke, dass du vor einiger Zeit über die Serie „Arrow“ geschrieben hast. Das war so ein Fall. Weil es mir zuviel Text für etwas war, was ich nicht wirklich spannend finde, hab ich da nicht reingeschaut und konnte gerade beim drüberfliegen feststellen, dass du dort zumindest mal erwähnt hast, dass du den Sport ausübst. ^^
        In jedem Fall, du kannst sicher sein, dass eine Person einen Beitrag über Bogenschießen mega spannend finden würde 😉

        Mangelt es dir zum Training an einem Bogen oder einer Zielscheibe, an einem Übungsplatz oder einfach an Zeit?

      • Ach, in meiner Studienstadt müsste ich ewig fahren, um zum Trainingsgelände des hiesigen Vereins zu kommen. Zwar hab ich eine Zielscheibe zuhause, aber die müsste ich erst mal rüber schaffen und dann auch noch einen sicheren Platz finden, wo ich schießen kann. Dafür müsste ich auch nochmal ewig latschen…

        Der Beitrag ist als Art Einstieg für Leute geplant, die sich mit dem Sport noch nie auseinander gesetzt haben, aber es vielleicht gerne mal ausprobieren wollen. Ich werde mit Sicherheit was vergessen, deshalb bin ich dann für Ergänzungen dankbar 🙂

  3. „… dem ich auf jede erdenkliche Art zu verstehen gegeben habe, dass ich das nicht will.“

    „Warum hatte ich solche Angst, ihm einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen?“

    Merkste selber? Jede erdenkliche Art beinhaltete NICHT, ihm klipp und klar die Meinung zu sagen.

    „Bei der nächsten Aktion, so schwor ich mir, würde ich etwas sagen“

    Du hast also bis dahin nie etwas gesagt? Dann würde mich schon interessieren, was genau „jede erdenklich Art“ war.

    • War mir klar, dass das kommt.

      Ich habe „Nein“ gesagt und dass ich das nicht will. Dazu habe ich ihm deutliche nonverbale Signale gegeben. Es hat ihn einen Scheißdreck interessiert. Ich musste erst mit Gewalt drohen, bis er es kapierte. Und das sollte nicht so sein.

      Zudem ist ein Klaps auf den Arsch vom Chef NIE okay. Aber für ihn schien das normal zu sein. Eigentlich sollte ich dazu gar nichts sagen müssen, weil er das gar nicht tun sollte.

      • Dein Chef war definitiv ein Arschloch oder schlimmeres und viel mehr gibt es aus meiner Sicht zu dem selbst nicht zusagen.

        „Eigentlich sollte ich dazu gar nichts sagen müssen, weil er das gar nicht tun sollte.“ Doch diesen Satz habe ich so oft schon gehört und ich finde ihn jedes mal völlig sinnlos. Schließlich hat er es getan also muss man dazu auch etwas sagen. In deinem Fall hast du das auch getan und es damit sicher nicht schlecht bewältigt. Andere benutzen das aber auch oft als Argument um nichts zu tun oder gar noch schlimmer, als Begründung dafür alle Männer müssten „umerzogen“ werden, während die wirklichen Schuldigen wohl nichts davon mitbekommen und weitermachen wie bisher.

      • „Umerziehung“, wenn ich das schon lese!

        Ich kann nichts dafür, dass es Leute gibt, die so etwas fordern, deshalb ist das hier sowas von fehl am Platze. Der Typ hat sich scheiße verhalten auf eine Art, die gegen jede gute Sitten verstoßen hat. Das *IST* einfach etwas, was man nicht extra erwähnen muss. JEDER weiß, dass er seine Angestellten nicht anpacken darf. Wer es trotzdem tut, ist sich bewusst, dass er falsch handelt – es ist ihm nur egal!

      • Es ist ihm egal, weil er denkt dass es „nicht so schlimm“ ist und gleichzeitig nicht an die Konsequenzen denkt. Das sieht man ja recht deutlich daran wie er reagiert hat als du ihn konfrontiert hast. Keine Ahnung ob er dauerhaft daraus etwas gelernt hat, aber bei der nächsten Angestellten wird er sich vielleicht zweimal überlegen bevor er wieder so handelt.

        So oder so sein Verhalten war in jedem Fall daneben, aber wenn ihn niemand damit konfrontiert ist eine Veränderung daran erst recht unwahrscheinlich. Von daher auf jeden Fall Hut vor dem was du gemacht hast.

  4. „So stand ich dann da und machte einen Tee, während er mich von hinten umarmte, seinen Schwanz an meinen Arsch rieb und meinen Nacken küsste, und konnte gar nichts tun, außer mich ihm entwinden. Heute würde ich ihm mein Knie zwischen die Beine rammen. Und nein, das halte ich NICHT für übertrieben. “
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendwer das für übertrieben halten würde. Vielleicht für gefährlich, weil das ein echter Psycho gewesen zu schein schien, der sich dann vielleicht noch hätte was beweisen müssen… Egal, deine Reaktion, war ja die komplett richtige und auch absolut zielführend.

  5. „Wer jetzt rumweinen will, dass Gewalt gegen Männer ja ach so akzeptiert sei, darf seine Beschwerde gerne schriftlich an den Papierkorb seiner Wahl richten.“

    Ich weine, wenn, dann eher, weil meine Geschlechtsgenossen es hingekriegt haben, dass solche Beschwerden überhaupt erwartet werden (müssen) :-(.

    Nein, gar keine Frage, der Kerl hatte dringend eins zwischen die Ohren verdient. Dass du das geschafft hast, ohne handgreiflich werden zu müssen: Respekt und ein virtuelles High Five!

  6. Pingback: Themenwoche: Ich war jung und brauchte das Geld! | robins urban life stories

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