Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 7: Prospekte. SCHON WIEDER.

Nachdem ich mein Engagement mit der Bäckerei irgendwie so hab auslaufen lassen, ohne je richtig gekündigt zu haben, folgte eine lange Zeit der finanziellen Unsicherheit und erfolglosen Suche nach neuen Jobs.

Inzwischen war ich komplett in meine Unistadt gezogen, was meine Möglichkeiten eigentlich hätte vergrößern sollen, aber dem war nicht so. Monatelang suchte ich und fand einfach NICHTS. Sehr gerne hätte ich gekellnert, aber ich wohnte damals noch in einem Außenbezirk, den ich nachts ohne Busse nicht mehr hätte erreichen können, wenn ich Feierabend gehabt hätte. Ich suchte also weiter, aber gute Jobs sind in einer Studentenstadt doch ziemlich rar gesät.

Schließlich wurde ich aber doch fündig – ich entdeckte ein Jobangebot in einem Online-Kleinanzeigenmarkt, das nur wenige Minuten zuvor eingestellt worden war. Sofort rief ich an und hatte ihn damit ergattert!

Wieder sollte ich etwas austragen, dieses Mal für sowas wie die Handelskammer. Eigentlich waren es keine Prospekte, sondern hauptsächlich Flyer, aber auch Poster und Sticker für verschiedene Aktionen wie einem verkaufsoffenen Sonntag oder ähnliches. Aber der eigentliche Unterschied betraf den Lohn: Ich wurde nach Stunden bezahlt, nicht nach Stückzahl! Und damit war der Austrägerjob offiziell plötzlich gar nicht mal so schlecht!!

Es waren zwar nur 7 Euro/Stunde, aber trotzdem. Immerhin mehr, als ich im Job davor bekommen habe. Und stand ich davor praktisch unter ständiger Beobachtung – in der Bäckerei musste ich immer damit rechnen, unangemeldet von der Bezirksleiterin kontrolliert zu werden, so dass ich ununterbrochen beschäftigt tun musste, ob ich Arbeit hatte oder nicht – war ich nun FREI.

Ich erledigte meine Arbeit natürlich, aber überwacht hat mich keiner. Ich nehme an, hätte ich die Flyer einfach in den Müll geschmissen, wäre das ziemlich schnell rausgekommen, doch solange sie nur irgendwie ihr Ziel erreichten, interessierte niemanden, wie ich mir die Route und die Zeit einteilte. Manchmal bekam ich eine Liste und musste Werbemittel in Geschäfte bringen, die sie bestellt hatten, aber meistens war es nicht mal das. Oft packte ich mir einfach den Trolley voll und zog los in ein bestimmtes Viertel, wo ich Flyer in öffentlichen Gebäuden auslegte oder in Geschäften fragte, ob ich ein paar dalassen könne. Nur einmal musste ich Flyer auf der Straße verteilen, was wirklich megaätzend war, aber das war nur eine Stunde.

Im Winter wäre die Arbeit sicher die Hölle gewesen; aber ich fing im Frühsommer an und das war ziemlich chillig. Es war meistens warm und die Sonne schien. Perfekte Bedingungen, um einfach mal ein bisschen durch die Stadt zu flanieren, auch wenn ich dabei einen Trolley hinter mir herzog. Wirklich, lockerer hätte der Job kaum sein können.
An einigen Tagen sollte ich Flyer in eine Gegend bringen, die mit dem Bus eine halbe Stunde entfernt lag. Das war schon fast unverschämt lässig. Ich stieg mit einem Pack Flyern in den Bus ein, fuhr eine halbe Stunde rum und las dabei ganz gemütlich, stieg am Ziel aus, verteilte etwa eine halbe Stunde mein Zeug und setzte mich danach in den Bus zurück, um wieder eine halbe Stunde zu lesen. Effektiv gearbeitet habe ich an diesen Tagen somit kaum, wurde aber trotzdem voll bezahlt. Ein Traum! ^^

Dennoch habe ich diese ungewohnte Freiheit, so hoffe ich, nicht, äh, übermäßig ausgenutzt. Ich erledigte meine Touren und stoppte nur nach der Hälfte der Zeit für ca. zehn Minuten, um eine zu rauchen und in mein Wurstbrot zu beißen. Danach ging es weiter. Es war schlicht und ergreifend supereasy.

Ich war entweder allein oder wurde von einer zweiten Aushilfe begleitet. Schnell hatte ich in der Belegschaft ein Mädel gefunden, mit dem ich mich super verstand. Also wurden wir immer zusammen losgeschickt. Damit verging die Zeit im Supertempo, weil wir uns auf den ganzen Touren unterhalten konnten, ohne dass es jemanden gestört hätte.
Dieses Mädel nahm es allerdings manchmal doch ein bisschen zu lax, hatte ich den Eindruck. Manchmal stoppten wir vor einem Supermarkt, um uns einen Snack zu kaufen, was sich dann allerdings immer zu einer halben Einkaufstour dehnte. Und einmal fragte sie mich, als wir an einem Restaurant vorbeigingen, doch tatsächlich, ob wir uns da nicht hinsetzen und eine Pizza essen sollten, was ja mal mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde gedauert hätte. Das habe ich dann abgelehnt, weil es maximal unverschämt gewesen wäre.

Natürlich war auch das kein Job, der mich großartig intellektuell forderte, aber an sich war er ganz cool. Er hatte nur einen Haken: Ich bekam nicht genug Stunden zusammen. Manchmal konnte ich dreimal die Woche arbeiten gehen, dann wieder eine Woche gar nicht. Zusätzlich waren die Schichten von maximal fünf Stunden einfach zu kurz, um wirklich Geld zu scheffeln. Mir wurde also klar, dass ich noch einen zweiten Job brauchte.

Und endlich, endlich kam ich in die Branche, in die ich strebte: Die Kellnerei! Mein Chef war der einzige Wirt, der mich zur Probearbeit einlud, weil alle anderen Erfahrung verlangten, die ich (abgesehen von den wenigen Wochen in der Shisha-Bar) einfach nicht hatte. Es war das übliche Dilemma – wie soll man Erfahrung sammeln, wenn niemand jemanden ohne Erfahrung einstellt? Aber mein Chef hat mir ne Chance gegeben, woran ich mich immer wieder erinnern muss, wenn ich ihm mal wieder den Kopf abreißen will.
Außerdem war ich inzwischen näher in die Innenstadt gezogen, so dass der Heimweg kein Problem mehr war. Ich hatte also ZWEI Jobs, mit denen ich endlich auf meine 400 Euro im Monat kam!

Wenn auch nicht lange. Ich glaube, ich habe dabei einfach viel zu krass übertrieben, völlig high davon, endlich Geld zu verdienen. Niemand zwang mich schließlich, gewisse Schichten zu übernehmen, aber ich nahm trotzdem so viel, wie ich kriegen konnte. So kam es, dass ich ungefähr zwei Monate lang an einigen Tagen pro Woche um 11 Uhr aufstand, um von 12 bis 17 Uhr Flyer zu verteilen. Um 17:30 Uhr war ich zuhause, wo ich schnell was aß und mich eine Stunde hinlegte, um für meine Schicht in der Kneipe um 20 Uhr fit zu sein. Ich war dann meistens erst gegen 3 oder 4 Uhr zuhause und brauchte dann noch mindestens eine Stunde, bis ich Einschlafen konnte. Am nächsten Tag dann wieder um 11 Uhr aufstehen etc. pp.

Das machte ich wie gesagt nur wenige Wochen, dann kroch ich total auf dem Zahnfleisch. Ich dachte, ich müsste mich für einen Job entscheiden und wählte die Kneipe. Dort bekam ich zwar 50 Cent weniger die Stunde, aber mit Trinkgeld konnte sich mein Stundenlohn manchmal verdoppeln, weshalb es sich schlicht mehr lohnte.
Eigentlich hatte ich geplant, bei meiner Austragerei nur mal eine Woche Pause einzulegen, was ohne Probleme ging, aber die Zeit, nach der ich mich melden wollte, wurde länger und länger und so war ich schließlich nur noch Kellnerin.

Heute ärgere ich mich ein wenig darüber. Ich hätte einfach die Stunden reduzieren bzw. die Schichten besser planen sollen, dann hätte das weiterhin gut geklappt. So hätte ich dann Überstunden aufbauen können, die mir in der Prüfungsphase etc. trotzdem einen vollen Lohn garantiert hätten. Zumal der Job einfach wirklich chillig gewesen war. Aber naja. Spätestens im Herbst wäre das bei schlechtem Wetter vermutlich auch sehr unangenehm geworden, deshalb ist es wohl okay.

Seitdem gehe ich nun kellnern, was mir meistens noch ziemlichen Spaß macht, auch wenn das Arbeitsklima manchmal ein Desaster ist. Aber nach fast 3 Jahren in diesem Job ist es definitiv die Branche, in der ich mich am wohlsten fühle!

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Ein Gedanke zu “Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 7: Prospekte. SCHON WIEDER.

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