Auf der falschen Seite der Theke – ein WM-Finale als Kellnerin

„Du hast noch ne Reservierung für zehn Leute auf Tisch 4 für 8 Uhr,“ teilt mir mein Chef gut gelaunt mit. Ich bestätige die Reservierung, lege auf und starre aus dem Fenster in den Regen.

Klar muss es heute regnen! Damit das Public Viewing auch schön ins Wasser fällt. Für mich als Kellnerin bedeutet das leider, dass viel mehr Menschen in die Kneipen strömen werden, um sich das WM-Finale anzusehen. Einfach zuhause bleiben ist bei einem solchen Spiel für die meisten keine Option.

Mein Chef hat einen Bierstand beim Public Viewing ergattert und sämtliche Kolleginnen dort eingeteilt. Einzige verfügbare Kellnerin für die Kneipe: ich. Alleine.

Diesem Schicksal konnte ich nicht entgehen – so sehr es mich auch ankotzt. Viel lieber wäre ich heute auf der anderen Seite der Theke, um unser Team zu feiern. Je näher die Öffnung der Kneipe jedoch rückt, desto mehr freunde ich mich mit dem Gedanken an. Wenn meine Kinder mich in 20 Jahren fragen, wo ich beim Finale 2014 gewesen sei, kann ich sagen, dass ich hinter der Theke gestanden und den Laden geschmissen habe. Eigentlich ist das doch irgendwie cool.

So halbwegs versöhnt mache ich mich ein paar Stunden später auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle. Schon von weitem sehe ich eine Traube Menschen, die aufgeregt vor der Kneipe warten.
Und sämtliche positiven Gefühle fallen in mir zusammen.

„7 Uhr macht ihr auf, oder?!“ werde ich sofort aufgeregt bestürmt. „Wir haben reserviert!“
Ich kenne den Typen: ein Stammgast, der oft bei Fußballspielen anwesend ist. Ich starre ihn perplex an. „Ja – für um halb 9!“
„Dein Chef hat uns gesagt, ihr macht um 7 auf und da dachten wir…!“

Ich antworte nicht. Noch nicht mal den Laden aufgesperrt und schon bin ich richtig sauer! Wie kann der mir das antun?! Wenn er den Gästen sagt, dass wir um 7 aufmachen, dann soll er doch bitte MIR sagen, dass ich um halb 7 kommen soll!

Ich öffne und betrete den Laden, hinter mir eine kleine Karawane. Es ist dunkel, nur das Notlicht brennt, aber das stört die Leute nicht. Eilig mache ich das Licht an.
„Wir stören jetzt irgendwie, ne?“ fragt einer. Ungeachtet dessen sitzt die Hälfte schon.
„Nee, aber ich brauch grad fünf Minuten, sorry!“

In fliegender Hast erledige ich alle nötigen Handgriffe, Kaffeemaschine an, den Stickstoff für die Zapfanlage aufdrehen, Stereoanlage an, Spülmaschine auch. Deren Anblick macht mich noch saurer – die braucht nämlich eine halbe Stunde, bis sie auf Temperatur ist. Was scheiße ist, denn ich werde sie dringend brauchen! Und die Gläser von gestern Abend hat der Chef auch stehen lassen. Meine Fresse!

Im Abstellraum liegen ein paar Original-WM-Trikots. Die bekamen wir von einer Brauerei zum Verlosen. Eins davon packe ich aus und ziehe es an. Männergröße XL, viel zu groß für mich, außerdem wird es darin sicher megaheiß werden, aber es nicht zu tragen geht gar nicht klar, ein bisschen WM-Feeling will ich selbst auch noch haben. Ich kremple die Ärmel hoch und stopfe eine Ecke hinter meinen Gürtel. So wird’s gehen.

Jetzt das Wichtigste: die blöden Fernseher. Zwei Stück haben wir, dazu noch einen Beamer, insgesamt fünf Fernbedienungen. Ich fummel so lange rum, bis ich das richtige Sky-Programm gefunden habe. Der Chef hat mir nie erklärt, wie das geht.

Endlich fertig, die Leute werden schon ungeduldig. Ich renne zum ersten Tisch, verscheuche dabei gleichzeitig noch ein paar Typen von Tisch 4, weil der ja reserviert ist, aber ich hatte ja keine Zeit ein Schild hinzustellen.
Am Tisch nehme ich die Bestellung auf. „Malzbier“ „Erstmal Cola“ „Weißbier“ „KiBa“ „Alt“ „Flaschenbier“ „Ich auch“ – mein Gott, können die nicht einfach alle Pils trinken?
Wenigstens enttäuschen mich die anderen Typen nicht, die einen neuen Platz gefunden haben. „Ein Pils“ – vier Männer, ein Wort! So kann ich unseren 5-Liter-Biertower anpreisen, dann wären die schon mal versorgt. Sie wollen drüber nachdenken.

Während ich die Getränke fertig mache, tauchen noch fünf Leute für den reservierten Tisch auf. Von wegen halb 9. Die wollen natürlich auch was trinken. Auch das bringe ich sofort. Ich nutze die Gelegenheit, mich für meinen etwas ruppigen Ton vor der Tür zu entschuldigen. „Aber ich bin heute alleine und mein Chef hätte…“ „Du bist heute ALLEINE?!“

Ich ernte erstes Mitleid.

Es kommen mehr Leute. Trotz „Reserviert“-Schildchen muss ich den letzten reservierten Tisch ständig verteidigen. Viele Leute gehen auch wieder, weil sie keinen Platz finden. An der Theke sitzen jetzt auch schon zwei, ein wortkarger Stammgast und ein Typ mittleren Alters, der sich sofort beschwert, es würde kleben. Ich renne mit Reinigungszeug und einem Tuch hin, kann aber absolut nichts klebriges entdecken. Der Typ bläst die Backen.

Anruf, mein Mitbewohner. Er will wissen, ob für ihn, Mitbewohner zwei und einen weiteren Typen noch Platz ist. Ich biete ihnen die Theke an, sie sind einverstanden. Schnell stelle ich auch dort ein „Reserviert“-Schildchen hin. Mein Chef würde ausflippen, wenn er das sieht – an SEINER Theke dürfen immerhin nur SEINE Stammgäste sitzen. Aber die sind nicht da, kucken heute woanders und solange ich arbeite (alleine!!) bestimme ich, wer wo sitzen darf.

Auch diese Reservierung muss ich öfter verteidigen. Es ist inzwischen 8 Uhr, die ersten 100 Euro hab ich bereits verdient. Der zweite reservierte Tisch im Schankraum taucht pünktlich auf, alle anderen Tische sind nun ebenfalls proppenvoll, jeder einzelne Sitzplatz ist inzwischen belegt. Ich schwitze bereits heftig unter meinem Trikot, renne aber weiter tapfer gegen den Ansturm an.

Die Pilstrinker haben ihre erste Runde leer. „Wie ist das denn mit dem Biertower – kriegen wir den zur Feier des Tages ein bisschen billiger?“
Ich öffne den Mund und will anfangen zu diskutieren, aber dann seufze ich einfach nur „Ach, warum nicht…“ Je mehr Leute kommen, umso angepisster bin ich wegen der Situation. Wenn mein Chef nicht will, dass ich Nachlass gebe, soll er mich nicht allein da stehen lassen!

Anruf, wieder mein Mitbewohner. Es werden jetzt doch ein paar mehr Leute. Ich sage ihm, dass dann vermutlich einige stehen müssen, aber das ist ihm egal. Außerdem bitte ich ihn dringend, sich zu beeilen, denn ewig werde ich die Theke nicht mehr verteidigen können.

Sie tauchen gerade noch rechtzeitig auf. Zwölf Leute. „Mann, tust du mir leid!“ ist so ziemlich das erste, was mein Mitbewohner sagt. Der andere, den ich genau hier hinter dieser Theke kennen gelernt habe – ein ehemaliger Kollege – murmelt mit Blick in den Schankraum einfach nur „Oh Mann…“

Höchste Zeit, unsere beschissene Verlosung vorzubereiten. Nach dem Anpfiff gilt es ja nicht mehr. In fliegender Hast beschrifte ich ca. 50 Lose und verteile sie. Die Leute müssen das Ergebnis tippen und wer richtig liegt, bekommt einen Preis. Eigentlich sind noch genug da, weil bisher kaum jemand richtig getippt hat, aber mein Chef will trotzdem nur ein Trikot rausrücken. Er meinte, wenn ich mehrere Gewinner habe, sollte ich losen. Klar, ER hat ja auch nicht den Stress am Hals, wenn einer richtig getippt hat und erfährt, dass er nun doch nichts kriegt…! Ich versuche trotzdem, allen Anwesenden die Spielregeln so gut es geht zu erklären.

Unser Putzmann taucht mit einem Kumpel auf. Sie bestellen jeder ein Bier und wirken beleidigt, weil die Theke belegt ist. Ich jedoch bin unglaublich froh. Dieser Kumpel ist mir schon mehrmals bei anderen Fußballspielen mit Naziparolen aufgefallen, aber weil er ein riesiger Kerl ist und im besoffenen Zustand unglaublich aggressiv, hat mein Chef sich nie getraut, ihn deswegen rauszuschmeißen. ICH könnte das allerdings nicht einfach so hinnehmen, weshalb ich erleichtert bin, dass beide ihr Bier runterstürzen und wieder gehen.

Das tun auch viele andere Leute, die sehen, dass der Laden voll ist. Heute könnte die Kneipe locker dreimal so groß sein.

Ein paar Leute wollen Pizza bestellen vom Italiener nebenan. Ich sage, dass der heute zu hat. Ich habe keine Ahnung, ob der heute zu hat. Ich kann aber nicht auch noch Pizza servieren.

Ich habe ungefähr fünf Sekunden Luft, Zeit, endlich mal was zu trinken. Ich bin am Verdursten. Im Laden sind locker 28 Grad. „Was ist denn da-has?“ fragt eine Bekannte meiner Mitbewohner mit feixenden Blick auf mein Glas. „Tee!“ blaffe ich. Es ist wirklich kalter Tee mit Eiswürfeln. Grün, weil ich das Koffein dringend brauche.

Der Anpfiff nähert sich. Die Leute vom reservierten Tisch grölen irgendwelche Fußballlieder. Schon seit einer Stunde werde ich ständig von denen angehauen, ich solle lauter drehen. Mehrmals habe ich dieser Bitte schon entsprochen, es reicht immer noch nicht. Als die Mannschaften einlaufen, brüllt der halbe Tisch gleichzeitig „LAUTER!!!“

„Es wäre laut genug, wenn ihr einfach eure Schnauze halten würdet“, zische ich bei meiner Rückkehr hinter die Theke. Ich habe genug. Ich reiße den Lautstärke-Knopf nach oben, der Krach ist nun infernalisch. Dafür kriege ich stehenden Applaus.

Ich muss feststellen, dass ich nun, da es so laut ist, die Bestellungen nicht mehr hören kann. In mir drin stirbt etwas. Heimlich drehe ich wieder ein bisschen leiser, keiner merkt es.

Nationalhymne. Die eine Hälfte der Gäste singt mit, die andere Hälfte schürzt angewidert die Lippen. Ladies and Gentlemen: Deutschland.

Ich bitte meinen Mitbewohner, einen Kasten Weißbier holen zu gehen. Er weiß ja, wo alles ist. Er erledigt das schnell. Dann räumt er noch die Spülmaschine aus, weil sich die dreckigen Gläser inzwischen stapeln, und räumt sie wieder ein. Bevor er vor die Theke zurück kehrt, umarme ich ihn stürmisch. Der Stammgast an der Theke lacht.

„Sag mal, bist du alleine?!“ fragt mich eine Frau im Schankraum. Ich nicke, sie schüttelt fassungslos den Kopf.

Das Spiel läuft schon seit einer Viertelstunde, noch habe ich kein Fitzelchen davon gesehen. Hinter der Theke sehe ich den Fernseher nicht. Die Leute bestellen nun etwas weniger, wie immer, wenn ein Fußballspiel läuft. „Noch eine komplette Runde drehen, dann kuck ich selber mal 10 Minuten,“ nehme ich mir vor. Die Runde dauert ebenfalls eine Viertelstunde. Eigentlich könnte ich danach direkt wieder von vorne anfangen, aber ich beschließe, mir jetzt mal eine Pause zu gönnen. Mit einer Zigarette stelle ich mich zu meinen Mitbewohnern an die Theke. 10 Minuten hatte ich mir vorgenommen. Nach knapp vier Minuten ist meine Zigarette aufgeraucht und mein schlechtes Gewissen immens. Also wieder zurück.

Trotz der Hilfe meines Mitbewohners werden die Biergläser knapp. Wenn ein Tisch so voll ist, wie heute alle Tische voll sind, komme ich nicht an die benutzten Gläser ran. Die meisten Gäste denken auch nie daran, sie vielleicht mal dort hinzustellen, wo ich sie auch erreichen kann.

Ich überlege noch, wie ich das Problem lösen kann, als die Kopfschüttel-Frau zu mir kommt. „Sag mal, würde es dir helfen, wenn wir dir ein paar Gläser einsammeln?“
Die Rettung! Sie und ihre Freunde bringen alle ihre gebunkerten und unerreichbaren Gläser, ein paar andere tun es ihnen gleich.

Halbzeit. Ein allgemeiner Strom Richtung Klo setzt ein. Endlich Lücken, durch die ich passe und Gläser einsammeln kann. Die vier Pilstrinker bestellen ihren zweiten 5-Liter-Biertower.

Ich arbeite nun schon drei Stunden unter Volldampf und fange an, Fehler zu machen. Drei Weißbier und ein Weißbier mit Cola sind bestellt, ich mache ein Weißbier und drei Weißbier mit Cola. „Scheißeee,“ murmle ich, was jetzt? Ein Liter Bier einfach wegkippen?
Ich bringe den Leuten das Ergebnis trotzdem, zwei kriegen ihr Bier halt mit Cola, keiner beschwert sich.

Wir sind bereits in der 60. Minute. Ich habe immer noch nichts mitgekriegt, glaube aber ständig, was zu verpassen. Bei jedem noch so kleinen Run Richtung Tor schreit die Menge auf. Und sobald der Neuer den Ball auch nur berührt, egal wie lasch der Schuss war, gibt es „Manuuu!!“-Rufe und Applaus.

Überhaupt applaudieren alle pausenlos. Oft direkt neben meinem Ohr. Das pfeift inzwischen kräftig. Wie wird das erst, wenn wir wirklich ein Tor schießen?
Zeit für meinen alten Disco-Trick: Ohrstöpsel aus Taschentüchern basteln. Dafür reißt man eine Ecke ab, kaut sie und steckt sie sich ins Ohr. Isoliert gut und hält besser als normale Ohrstöpsel!

Ich komme mit neuen Bestellungen zur Theke. „Beliebigen Knopf drücken,“ empfängt mich jemand.
„Hä?“
„Das steht da! Robin, der Fernseher schaltet sich gleich ab!“
Nicht der Fernseher, sondern der Receiver!!! OMG, die automatische Abschaltung nach drei Stunden!!! Das wollte der Chef doch deaktivieren!!!

Ich springe zur Stereoanlage, oh mein Gott, welche Fernbedienung ist die richtige, was kann ich drücken, ohne alles kaputt zu machen, einfach mal ein Programm hoch und…

„EEEEY!!!!!“ brüllt der ganze Laden kollektiv auf. Ich ziehe den Kopf ein und drücke wieder zurück. Kollektives Aufatmen. „Hat geklappt,“ wird mir vergnügt mitgeteilt. Ich lächle hilflos.

Die 80. Minute nähert sich, mein Gott, wenigstens die letzten Minuten würde ich doch gerne sehen… ich nehme letzte Bestellungen auf. „Ähm, danach bin ich mal 10 Minuten am Kucken…“ „Mach nur, wir werden schon ne Viertelstunde auskommen, ohne zu Verdursten.“

Verständnisvolle Gäste.

Das Spiel geht in die Verlängerung, das gleiche gilt für mich. Ich finde eine halbe Minute Zeit, um mal die Lose durchzukucken. Eigentlich zählt das Ergebnis nach 90 Minuten, aber ob jemand wirklich 0:0 getippt hat…?
Ich finde einen Zettel, bei dem ich nicht beschwören könnte, ob die Zahl bei Deutschland eine 0 oder eine 3 ist. Auch das noch! Eine kurze Umfrage an der Theke ergibt aber, dass es eine 3 sein muss. Also kein Gewinner, dann zählt das Endergebnis, beschließe ich.

Zwei Fässer geht mein Mitbewohner mir wechseln, worüber ich sehr dankbar bin.

Halbzeit der Verlängerung, so, die zweite Hälfte kucke ich mir jetzt aber WIRKLICH an! Ein Kumpel meiner Mitbewohner bestellt noch ein Alt. „Das mach ich noch, dann kuck ich selber,“ teile ich ihm überzeugt mit. Er lächelt, redet kurz mit seiner Freundin, dreht sich wieder um, als ich ihm ein Alt hinstelle und sagt: „Machst du noch ein Radler?“

Nach dem Radler dann vor die Theke. Ich darf sogar sitzen. Es ist die 110. Minute. Ich rauche und trinke kalten Tee.

Dann macht Götze sein Tor und der Laden explodiert. Alle feiern, ich feiere mit. Was für ein schönes Tor!!

„Yay, wir sind Weltmeister!“ singt eine Bekannte neben mir, obwohl das Spiel noch läuft. Ich sage ihr, dass sowas Unglück bringt, obwohl ich es selber glaube.

10 Minuten und einen lächerlich schlechten Freistoß von Messi später ist es dann soweit. Keinen hält es mehr auf seinem Stuhl. Wir schreien und umarmen uns, ich höre Glas klirren, es ist mir egal. Im Schankraum falle ich mehreren Leuten um den Hals, dann stürme ich hinter die Theke und mache Freischnaps für alle klar. Das ist mit dem Chef nicht abgesprochen, es ist mir egal.

Der ruft kurz darauf an. In diesem Moment bin ich zu happy, um sauer auf ihn zu sein. Er spricht mir seine Hochachtung aus, weil ich schon vor dem ersten Spiel gesagt habe, dass wir Weltmeister werden, und er sich zusammen mit sämtlichen fußballbegeisterten Stammgästen deswegen über mich lustig gemacht hat. Er billigt außerdem meine Freirunde.

Ich bin mega gut drauf, aber das hält nicht lange an. Die Leute feiern, keiner sitzt mehr. Kein Durchkommen. Unmöglich, da überhaupt zu bedienen oder einzelne Leute noch ihren Tischen zuzuordnen. Einige könnten sogar schon gegangen sein. Wie lange das wohl noch geht? Ich habe so viel Geld in der Kasse, aber noch nichts abkassiert. Das macht mir Angst.

Glücklicherweise zieht es die Leute zwar nach draußen, aber nicht alle auf einmal. Ich kassiere das erste Dutzend ab. Wie erwartet bei so glücklichen Menschen klingelt die Trinkgeldkasse. Es sind aber tatsächlich ein, zwei dabei, die megageizig sind. Zum Beispiel hat der Typ, der sich über die klebrige Theke beschwert hat, die gar nicht klebrig war, zusammen mit seinem Kumpel 43,80 Euro zu bezahlen. Erst motzen sie, das könne ja nicht sein (kann es), dann geben sie 45 Euro. Und eine Tussi gibt doch tatsächlich gar nichts. Das macht mich ein bisschen fassungslos. Dafür gibt eine andere 7 Euro, „Weil du das heute so toll gemacht hast!“ Das höre ich noch mehrmals. Ich freue mich.

Es wird Zeit für die Siegerehrung. Drei Leute hatten 1:0 getippt. Hm, und jetzt? Anruf bei Chef. Der ist so gut drauf, dass er ALLEN einen Preis gönnt. Zwei Trikots haben wir noch (plus das, was ich trage – aber das ist inzwischen sehr versaut), dazu ne DFB-Stranddecke. Ich gehe alles holen, lasse die Gewinner Streichhölzer ziehen und übergebe alle Preise.

Immer mehr Leute bezahlen und gehen. Ich bin sicher, dass genügend bereit stehen, um nachzurücken – aber ich hatte schon vor Stunden beschlossen, nach dem Spiel dicht zu machen. Ich kann nicht mehr. Der Chef hätte heute das Geschäft seines Lebens machen können, hätte er mir noch eine Kollegin zur Seite gestellt – so ist jetzt Feierabend.

Einer der Typen, der gewonnen hat, bedankt sich am Ende überschwänglich für das Trikot. 80 Euro kosten die Dinger. Oder kosteten sie zumindest bis gestern – jetzt fehlt ja ein Stern. Ich lächle ihn an. Trinkgeld hat er nicht gegeben.

Die Leute, die schon vorher so nett waren, bestehen darauf, mir zu helfen, indem sie sämtliche Gläser zusammen räumen. Die Kopfschüttel-Frau lässt sich von mir die Mailadresse der Kneipe geben. Sie will sich bei meinem Chef beschweren, weil er mich allein hat stehen lassen. Viele andere Gäste teilen mir mit, wie geil ich den Laden geschmissen habe. Ich fühle mich wie die Weltmeisterin im Kellnern.

Ein Stammgast macht noch Stress, weil er betrunken immer aggressiv wird und findet, ich hätte mich einfach weigern sollen, so zu arbeiten. Einerseits findet er, ich hätte mich gar nicht so reinhängen sollen, andererseits ist er sauer, dass er nun bald gehen muss, weil ich schließe. Wir streiten uns ein bisschen, am Ende wankt er angepisst heim.

Ich schließe hinter ihm ab. Nur noch ein einziger Stammgast ist da, ein richtiges Schätzchen. Zu dem setze ich mich. Erstmal Pause vorm großen Aufwisch! Endlich in Ruhe rauchen, endlich auch mal ein Bier trinken!

Wir sitzen friedlich da und sehen uns ein bisschen Nachberichterstattung an, als mein Chef reingewankt kommt. Die Stände beim Public Viewing mussten schon um 1 Uhr schließen. Deutschland.

Seit unserem letzten Telefonat hat er es geschafft, sich komplett volllaufen zu lassen. Als er hoch zur Theke kommt, stolpert er gegen nen Barhocker und schiebt ihn beiseite. „Jetzt komm ich vom Stand und muss hier auch noch selbst die Stühle zusammen stellen,“ grummelt er. Für einen Moment würde ich ihn gerne umbringen.

Der Stammgast verabschiedet sich, Chef setzt sich an einen Tisch, den ich schon gewischt habe. Vermutlich will er noch bedient werden, aber nee. Ich ignoriere ihn und beginne, die Zapfanlage sauber zu machen. Wenig später schwankt er heim.

Ich räume weiter auf, während die Nachberichterstattung weiter läuft. Um 3 Uhr endet sie und eine Wiederholung des Spiels fängt an. Na sowas!

Ich muss nur noch das Leergut wegbringen und alle Getränke auffüllen, dann setze ich mich an die Theke. Während das Spiel läuft, zähle ich die Kasse. 750 Euro zähle ich, das wären 250 Bier, wenn denn alle nur Bier getrunken hätten, fast alles davon in nur fünf Stunden.

97 Euro Trinkgeld, das bricht meinen persönlichen Rekord.

Eigentlich wollte ich schnell raus, damit ich noch ein bisschen mitfeiern kann, aber das Spiel fesselt mich. Ich mache mir noch was zu trinken und hole mir eine Packung Kneipenchips, weil ich jetzt erst merke, wie hungrig ich bin, dann sitze ich allein an der Theke in der leeren Kneipe und sehe mir das WM-Finale an.

Als das Spiel abgepfiffen und der Pokal überreicht wird, weine ich ein bisschen.

Trikot4

24 Gedanken zu “Auf der falschen Seite der Theke – ein WM-Finale als Kellnerin

  1. Die Story ist genial und noch dazu gut geschrieben.
    Was dich am Ende hat weinen lassen, kann ich nicht sagen. Ich hoffe aber, dass dir der Anblick dieses Finales eher Freude bereitet hat, darüber dass es ein tolles Erlebnis war, als Trauer darüber dass du es nicht live und in Ruhe verfolgen konntest.
    Deine Leistung ist in jedem Fall super beeindruckend! All the Internet Love für eine hingabungsvolle Barkeeperin!

    • Danke🙂

      Ich kann nicht sagen, warum ich heulen musste. Vielleicht hätte ich schon direkt beim Abpfiff geheult, weil ich halt einfach nah ans Wasser gebaut bin und sowas ergreifend finde, aber da konnte ich das gar nicht richtig realisieren. War am Ende wohl ne Mischung aus Freude und Trauer (weil ich wirklich lieber selbst gefeiert hätte – bin danach übrigens noch los um halb 6, aber alle Freunde waren schon daheim😦 ) und dem Umstand, dass endlich die Anspannung an diesem Abend von mir abfiel…

  2. Ich freue mich immer über deine Kneipengeschichten. So, wie du darüber schreibst, liest es sich, als sähe man eine gute Sitcom. Interessante Charakterbeschreibungen, emotionale Hochs und Tiefs, spannende Storylines. Einfach gute Unterhaltung.🙂
    Danke dafür!

  3. Pingback: Media Monday #159 (heute mal am Mittwoch) | robins urban life stories

  4. Respekt für deine Leistung und auch für deinen Artikel! Ist sehr kurzweilig geschrieben und fängt die Kneipenathmosphäre bzw. deinen Stress enorm gut ein.

    Nur an einer Stelle musste ich stutzen: du bist ernsthaft „fassungslos“, wenn du mal von jemandem kein Trinkgeld bekommst, stempelst unbekannte Menschen dafür sofort als „geizig“ ab, wenn sie zusätzlich zum überteuerten Kneipenbier nicht auch noch das üppige Studentengehalt aufbessern?
    Was war denn dein Netto-Stundenlohn an diesem Abend (wahrscheinlich über 25€?)?
    Nicht, dass du den für speziell diesen Abend nicht verdient hättest…aber wie viel hältst du eigentlich selbst für angemessen, für einen ungelernten Nebenerwerb?

    • „Üppiges Studentengehalt“?

      Ich habe achteinhalb Stunden gearbeitet und bekomme pro Stunde 6,50 Euro. Zusammen mit meinem Trinkgeld komme ich da auf einen „Netto“stundenlohn von knapp 18 Euro. Was natürlich eine unsinnige Rechnung ist, denn das Trinkgeld gehört nicht zum Lohn.

      Bedenkt man, dass mein Job größtenteils Nachtarbeit und oft Arbeit am Wochenende beinhaltet, oft mit Schichten von mindestens 8 Stunden (manchmal aber auch 10 oder 12), ohne dass ich eine richtige Pause hätte, halte ich 6,50 Euro Stundenlohn für einen Witz, egal ob ungelernt oder nicht. Übrigens rechnet man in der Gastronomie bei der Ausarbeitung eines Konzeptes und Finanzierungsprogrammes mit 20% Lohnkosten (vom Gesamtumsatz), was bei uns so gut wie nie der Fall ist (an diesem Abend waren es nichtmal 7,5%). Daher halte ich den Mindestlohn auch in dieser Branche für absolut gerechtfertigt. Alternativ wäre eine Regelung wie bei meiner Exkollegin denkbar, die jetzt in ihrem neuen Laden einen Stundenlohn bekommt, der an dem Umsatz gekoppelt ist. Minimum sind 7 Euro, je mehr los ist, desto höher steigt er. Während den WM-Spielen hatte sie regelmäßig einen Stundenlohn von mehr als 10 Euro. Die Regelung finde ich fair.

      Und ja, es ist geizig, bei einer Rechnung von 43,80 Euro nur 1,20 Euro Trinkgeld zu geben. Das waren ja keine Studenten (dann wäre das okay gewesen), sondern Männer um die 40 mit Beruf und festen Gehalt. Und wer an so einem Abend nicht mal 10 Cent geben kann – ja, das macht mich ein wenig fassungslos.

      Unser Bier ist übrigens auch nicht überteuert.

      • Erstmal danke für deine interessanten Ausführungen.

        Ich habe achteinhalb Stunden gearbeitet und bekomme pro Stunde 6,50 Euro. Zusammen mit meinem Trinkgeld komme ich da auf einen “Netto”stundenlohn von knapp 18 Euro.

        Okay, ich dachte du hättest nur von 7 bis 1 gearbeitet. Angesichts Wochenende und dieses besonderen Anlasses ist das aber sicherlich angemessen.

        18 Euro Netto sind aber dennoch für einen Studentenlohn ja wohl immer noch sehr üppig. Fast alle Studenten (z.B. auch Hiwis an der Uni) und Ungelernten verdienen deutlich weniger.

        Du ja anscheinend auch, wieviel wären das denn an einem normalen Abend, wenn ich nochmal fragen darf?

        Was natürlich eine unsinnige Rechnung ist, denn das Trinkgeld gehört nicht zum Lohn.

        Ach, das war mir neu! Habe es gerade nachgelesen, wurde ja anscheinend erst frisch entschieden und scheint wohl sehr umstritten zu sein.
        Die Begründung (persönliche Beziehung die zum Kunden entstehen KANN) empfinde ich als wenig plausibel.
        Gefühlt gehört das sicherlich zum Lohn, sonst würde den Job ja wohl kaum einer machen, wenn er nicht mit Trinkgeld kalkulieren könnte. Du auch nicht, oder?
        Kellner bekommen ja nur deswegen so wenig regulären Stundenlohn, weil es halt eine soziale Konvention ist, dass der Kunde einen Teil davon übernimmt, und zwar einen nicht zu knappen.
        Aber gerade wenn man das Trinkgeld als „Schenkung“ sieht, ist es doch ein wenig anmaßend, diese so selbstverständlich zu erwarten.
        Zu sagen, es sei kein Lohn, aber sich gleichzeitig so zu äußern, als stünde einem dies für seinse Arbeit zu, ist paradox.

        Mich ärgert das, wenn Servicepersonal sich des Privilegs dieser gesellschaftlichen Konvention gar nicht bewusst ist, und durch die stille Erwartung den sozialen Druck zu ihrer Erfüllung aufrecht erhält.
        Es gibt schließlich zahlreiche Berufsgruppen, die ebenso hart arbeiten und nicht von steuerfreien Zulagen profitieren können (fängt schon bei Küchenpersonal und Reinigungskräften an).

        Die Leute tun das ja in erster Linie, weil es halt eine Norm ist, und nicht weil sie wirklich der Meinung sind, ein freundlicher Tonfall (oft braucht es nicht mal den) wäre gleich nen Euro wert. Die meisten denken nicht mal soweit nach und „tippen“ den Chef, der ohnehin schon Umsatz kassiert.

        Ich bin bei Friseuren keineswegs geizig, weil die gelernt sind und wirklich in ihrem Hauptberuf scheiße verdienen. Bei studentischen Kellnern (die teilweise wirklich noch sehr viel mehr verdienen als du) runde ich den Euro auf bzw. gebe 5%, das ist meiner Meinung nach allemal genug. Wenn ich wüsste, dass jemand es als selbstverständlich erwartet, würde ich wohl gar nichts geben.

        ohne dass ich eine richtige Pause hätte,

        Das ist wiederum ein anderer Punkt, klarer arbeitsrechtlicher Verstoß, leider wohl Usus in eurem Gewerbe..

        Daher halte ich den Mindestlohn auch in dieser Branche für absolut gerechtfertigt.

        Gerne, wenn Trinkgeld gesammelt, versteuert und an gesamtes Personal verteilt wird.

        Alternativ wäre eine Regelung wie bei meiner Exkollegin denkbar, die jetzt in ihrem neuen Laden einen Stundenlohn bekommt, der an dem Umsatz gekoppelt ist. Minimum sind 7 Euro, je mehr los ist, desto höher steigt er. Während den WM-Spielen hatte sie regelmäßig einen Stundenlohn von mehr als 10 Euro. Die Regelung finde ich fair.

        Finde ich auch, keine Frage.

      • „18 Euro Netto sind aber dennoch für einen Studentenlohn ja wohl immer noch sehr üppig.“

        Nur ist es kein regulärer Stundenlohn.

        „Du ja anscheinend auch, wieviel wären das denn an einem normalen Abend, wenn ich nochmal fragen darf?“

        Das variiert. ca. 5 Euro in 7 Stunden an einem Sonntag ist normal) und extrem wenig, an einem normalen Wochentag ohne Fußball etc. 20-30, am Wochenende 30-40, wenn wir zu zweit arbeiten. Grade im Sommer ist es viel weniger, weil da weniger los ist. Ausreißer nach oben und unten kommen immer vor.

        „Ach, das war mir neu! Habe es gerade nachgelesen, wurde ja anscheinend erst frisch entschieden und scheint wohl sehr umstritten zu sein.“

        Frisch entschieden? Das ist schon seit über 10 Jahren so.

        „Gefühlt gehört das sicherlich zum Lohn, sonst würde den Job ja wohl kaum einer machen, wenn er nicht mit Trinkgeld kalkulieren könnte. Du auch nicht, oder?“

        Wie kommst du da drauf? Ich habe schon einige Jobs gemacht, in denen ich weniger verdient habe: klick

        „Kellner bekommen ja nur deswegen so wenig regulären Stundenlohn, weil es halt eine soziale Konvention ist, dass der Kunde einen Teil davon übernimmt, und zwar einen nicht zu knappen.“

        So denken die Wirte. Das ist aber falsch.

        „Zu sagen, es sei kein Lohn, aber sich gleichzeitig so zu äußern, als stünde einem dies für seinse Arbeit zu, ist paradox.“

        Die Tradition, in der Gastronomie Trinkgeld zu geben, ist hunderte von Jahren alt. Es ist, wie du selbst sagst, eine gesellschaftliche Konvention. Wer nichts gibt, obwohl er es könnte, verstößt dagegen.

        „Es gibt schließlich zahlreiche Berufsgruppen, die ebenso hart arbeiten und nicht von steuerfreien Zulagen profitieren können (fängt schon bei Küchenpersonal und Reinigungskräften an).“

        Küchenpersonal erhält üblicherweise einen Anteil am Trinkgeld.

        „Bei studentischen Kellnern (die teilweise wirklich noch sehr viel mehr verdienen als du) runde ich den Euro auf bzw. gebe 5%, das ist meiner Meinung nach allemal genug.“

        Dann gibst du, bedenkt man deine „Klasse“ (Akademiker) und dein Alter (das ich nicht weiß, aber über 30 wirst du wohl sein), je nach Höhe deiner Rechnung unterdurchschnittlich wenig, falls es dich interessiert.

        „Wenn ich wüsste, dass jemand es als selbstverständlich erwartet, würde ich wohl gar nichts geben.“

        Tja, dann musst du das wohl in Zukunft lassen. Das erwarten alle.

        „Das ist wiederum ein anderer Punkt, klarer arbeitsrechtlicher Verstoß, leider wohl Usus in eurem Gewerbe..“

        Leider nicht anders zu handhaben.

        „Gerne, wenn Trinkgeld gesammelt, versteuert und an gesamtes Personal verteilt wird.“

        ICH war an diesem Abend das gesamte Personal. Und die Trinkgeldsteuer ist idiotisch und kostet fast mehr als sie einbringt, deswegen wurde sie ja auch abgeschafft.
        Zumal ein 450 Euro Job eh steuerfrei ist.

        „Finde ich auch, keine Frage.“

        Ja. Und da ist das Trinkgeld selbstverständlich noch nicht drin.

      • @Robin: Ich habe nicht wirklich eine Antwort bekommen, die das Paradox auflöst.

        Du klammerst dich an eine wackelige juristische Definition, nach der Trinkgeld kein Lohn ist (was wohl so sein muss, um den Regulärlohn nach unten einigermaßen zu deckeln).
        Er ist aber ja ein reales Einkommen, gekoppelt an deine Tätigkeit.
        Natürlich ist er auch ökonomisch wirksam – selbst wenn du behauptest, du würdest auch allein für Regulärlohn arbeiten, die meisten Kellner würden das nicht und die Wirte müssten mehr zahlen, wenn es kein Trinkgeld gäbe.

        Wenn du dich auf die juristische Definition beziehst, musst du Trinkgeld dann auch folgerichtig als „Schenkung“ bezeichnen, die Folge der Knüpfung einer sozialen Beziehung ist.

        Erwarten, dass einem von einer Person, die deine Dienstleistung in Anspruch nimmt und dich via Umsatz/Regulärlohn schon bezahlt, etwas geschenkt wird, ist unmoralisch, um nicht zu sagen kackendreist.

        Das (meiner Meinung nach zulässige) Argument, dass du das Trinkgeld als Kundenanteil für die ‚erbrachte Leistung‘ bekommst, hast du dir ja entzogen.

        Einen moralischen Anspruch auf Trinkgeld hast du meiner Meinung nach durchaus. Aber eben nur, weil diese Konvention die geringen Regulärlöhne abfedert und deine Arbeitsleistung beLOHNT, das sieht wohl jeder Kunde so.

        Einen moralischen Anspruch auf eine Schenkung schlicht mit einer Tradition begründen, finde ich schäbig. In vielen (z.B. spanischsprachigen) Ländern ist Trinkgeld nicht üblich.
        Vielleicht solltest du mal deine Privilegien checken, bevor du dich zu einer Schenkung, ja, „entitled“ fühlst.
        Ist ja lustig, dass du hier plötzlich die Wahrerin einer unhinterfragbaren Konvention bist.

        Nochmal: ich finde dein normales Kombinationsgehalt von 10,50 vollkommen gerecht (auch wenn etliche Gelernte und Hauptberufliche weniger kriegen).


        Dann gibst du (…) unterdurchschnittlich wenig, falls es dich interessiert.

        Definitiv und mit Absicht, gilt allerdings nicht für Servicepersonal allgemein, sondern nur für gutverdienende Kellner/-innen (ich vermute auch einen Gender Pay Gap an beiden Enden zugunsten von Frauen, die Forschung dazu ist aber uneindeutig und wohl kulturabhängig. Definitiv korreliert Trinkgeld stark mit Attraktivität, was ein absolutes Unding ist, das ich gerne mal ausgleiche.)
        Trinkgeld entsteht halt vor allem auch durch sozialpsychologische Effekte, gespeist durch eine historische Norm. Nicht, weil die Leute groß drüber nachdenken würden.
        Ich denke sehr wohl drüber Nach und hoffe, dass mit Einführung des Mindestlohns auch andere das tun.
        Die Realeinkommen von Kellnern sind relativ zu hoch, zahlen tun das die Kneipengänger. Richtig absurd sind die Trinkgelder für die Gastwirte selbst.

        Küchenpersonal erhält üblicherweise einen Anteil am Trinkgeld.

        Aber offenbar nur, wenn es gesammelt wird. Dann wird es steuerpflichtig.

        ICH war an diesem Abend das gesamte Personal. Und die Trinkgeldsteuer ist idiotisch und kostet fast mehr als sie einbringt, deswegen wurde sie ja auch abgeschafft.

        Ich sprach nicht von dem Abend. Generell ist es fair, wenn Trinkgeld verteilt wird.
        Ja, steuern zahlen ist idiotisch, ne. Sie würde sicherlich einiges einbringen, wenn sie denn von Kellnern ehrlich und in voller Höhe angegeben würde.

      • Ich finde es immer wieder faszinierend, wie schnell du dir eine Meinung zu Dingen bildest, von denen du bis eben noch keine Ahnung hattest. Gestern dachtest du noch, die Trinkgeldsteuer wäre noch in Kraft, obwohl sie es seit über 10 Jahren nicht mehr ist, heute sind deine Ansichten dazu bereits unerschütterlich. Ansichten übrigens, die selbst die meisten CDU-Politiker aufgegeben haben. Was dir guttun würde, wäre mal eine ordentliche Portion gesunder Selbstzweifel.

        Überleg mal, was du hier eigentlich machst: Du gönnst Studenten die Wurst auf der Butterstulle nicht. Kannst du mir mal verraten, wie wir von 450 Euro monatlich leben sollten, wenn wir nicht noch Trinkgeld hätten?

        Das ist so typisch deutsch: getreten wird nur nach unten. Du verteidigst eine Steuer, die in fünf Jahren so viele Einnahmen bringt wie ein Uli Hoeneß allein hinterzogen hat. Wir schlagen uns die Nächte mit Besoffenen um die Ohren und müssen uns dazu noch Frechheiten von gönnerhaften Bonzen anhören.

        Ich hoffe, du willst nur trollen, weil ihr ja immer was suchen müsst, was man mir vorwerfen kann. Die Hälfte von deinem Kommentar liest sich, als hättest du gesoffen. Andernfalls tut mir jede Kellnerin leid, die dich bedienen muss. Aber ausgerechnet auf DEIN Trinkgeld kann sie mit Sicherheit dankend verzichten.

        „Definitiv und mit Absicht, gilt allerdings nicht für Servicepersonal allgemein, sondern nur für gutverdienende Kellner/-innen (ich vermute auch einen Gender Pay Gap an beiden Enden zugunsten von Frauen, die Forschung dazu ist aber uneindeutig und wohl kulturabhängig. Definitiv korreliert Trinkgeld stark mit Attraktivität, was ein absolutes Unding ist, das ich gerne mal ausgleiche.)“

        Da hätten wir dann ja dein eigentliches Problem. Kann man eigentlich nur drüber lachen.

      • Ach, Robin.

        Ursprünglich wollte ich tatsächlich nur deinen guten Artikel loben, aber das ist ein Thema, das mich einfach interessiert. Es gibt da ziemliche Schieflagen, die du halt nicht sehen willst, und über die du dir anscheinend auch noch nicht so viele Gedanken gemacht hast.

        Nimm doch einfach mal nicht immer alles gleich so furchtbar persönlich.

        Leider hat dein beleidigtes Posting kaum noch etwas mit den Dingen zu tun, auf die ich hinaus will, und zu einer Reflektion bist du auch nicht bereit.
        Schade.
        Vielleicht ja nächstes Mal…

      • Und hier wieder genau dasselbe, was ich dir auch schon das letzte Mal sagte: deine doppelten Standards, deine Angriffe, deine unfassbare Arroganz. Ich habe mir über das Thema durchaus Gedanken gemacht und muss mir von jemanden, der bis vorgestern eine zwölf Jahre alte Gesetzesänderung noch nicht mitgekriegt hatte, nicht das Gegenteil vorwerfen lassen. Das ist nämlich, wie sagtest du so schön, „kackendreist“.

        Ich bin durchaus auf deine Argumente eingegangen (im Gegensatz zu dir: seltsamerweise kein Wort zu meinem Hinweis auf Nacht- oder Wochenendarbeit…). Das Problem ist nicht, dass ich mir keine Gedanken gemacht habe, sondern dass ich zu einem anderen Urteil komme als du. Das darf natürlich nicht sein, ne?

        Reflektier erstmal dich selbst, dann können wir weiter reden.

      • (falls du dich wunderst: nein, ich gehe auf dein interaktionelles Thema nicht ein)

        Robin, mir geht es hier nicht um Definitionen und den juristischen/steuerlichen Aspekt des Themas. Damit habe ich mich zu wenig befasst. Es ist ganz offenbar sehr umstritten, außerdem ist gesammeltes Trinkgeld (von dem ich dachte, dass es der Regelfall ist?) doch nach wie vor Teil des offiziellen Lohns?
        Und ein nicht ganz unwichtiges Urteil dazu stammt offenbar von 2013, ich bezog mich auf diesen Link:
        http://www.t-online.de/wirtschaft/jobs/loehne-gehaelter/id_63204642/trinkgeld-urteil-kellner-siegen-vor-gericht.html

        Da steht gleich zu Beginn: Dass Kellner ihr Trinkgeld mit anderen Kollegen teilen, ist in der Gastronomie fast schon selbstverständlich

        Ansonsten hatte ich noch das gelesen:
        http://www.haufe.de/finance/buchfuehrung-kontierung/das-trinkgeld-gehoert-bei-arbeitnehmern-zum-arbeitslohn_186_133158.html

        Inwieweit es pragmatisch ist, die Steuern durchzusetzen oder besser die Wirte zu ordentlichen Regulärlöhnen zu zwingen, weiß ich auch nicht. Ist wohl ein Dilemma, bei dem sich der Gesetzgeber so oder so schwer tut, Gerechtigkeit herzustellen.

        Die Definition von „Arbeitslohn“ ist hier Erbsenzählerei. Das sind juristische Konstruktionen („persönliche Beziehung“), dir mir hier wenig weiterhelfen.

        Mir geht es um den ideellen und moralischen Aspekt beim Trinkgeld.

        Ob man dieses nun als Schenkung, oder wie im Artikel „zusätzliche Vergütung“, Zuwendung, Honorierung, Zusatzlohn oder wie auch immer nennt, war nicht mein Thema.
        Ich kam darauf nur, weil du dich auf die juristische Definition zurückgezogen hattest. Wenn du die zur Bewertungsgrundlade machst, kannst du aber keinen Anspruch auf eine daraus folgende „Schenkung“ ableiten.
        Seine Arbeit zu einigermaßen höflich zu machen, bringt in den meisten anderen Berufen schließlich auch keine Geldgeschenke ein.

        Der Anspruch ergibt sich doch nur aus unserem konventionellen Modell eines kombinierten Einkommens.

        Es ist einfach unzweifelhaft, dass du das Trinkgeld für deine Arbeit bekommst (teilw. leistungs- bzw. freundlichkeitsabhängig).
        Dass dies neben deinem regulären Lohn Anreizbedingung für deine Arbeit ist und somit auch ökonomisch wirksam, ebenso (die Wirte begrüßen das natürlich und können es sich leisten, geringere Anreize/mickrige Löhne zu bieten)

        Es gibt in der Welt verschiedene, historisch gewachsene Modelle zur Honorierung von Servicepersonal, auch darüber sind wir uns wohl einig.

        In den USA, die traditionell auf leistungsabhängige Löhne setzen, ist ein geringerer Teil der Personalausgaben eingepreist, die dann halt zum Großteil vom Kunden übernommen werden. Das Modell wird aber in den letzten Jahren sehr kontrovers diskutiert und hinterfragt.
        (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/kein-trinkgeld-fuer-kellner-restaurants-in-den-usa-schaffen-tip-ab-a-971067.html)

        In anderen Ländern wie Spanien übernimmt der Arbeitgeber komplett.

        In Deutschland gibt es ideell gesehen halt diesen kombinierten „Lohn“. Durch das Gesetz von 2002 wollte man ja anscheinend sittenwidrigen Löhnen einen Riegel vorschieben und den Arbeitgeber stärker in die Verantwortung nehmen. Dennoch gibt es natürlich diese soziale Konvention, sonst (bzw halt auch gerade dadurch) sind die Regulärlöhne ja doch zu gering.
        Ein Teil des Einkommens besteht aus dem freiwilligen Kundenanteil.

        Als Feministin wirst du sicherlich zustimmen, dass Normen generell wenig dynamisch sind und ihre Hinterfragung zur Schaffung von Gerechtigkeit beiträgt.

        An für sich finde ich unser Modell nicht so schlecht, da es Anreize setzt, zu einem gewissen sozialen Ausgleich beitragen kann (sofern Wohlhabende denn mehr zahlen) aber Kellner auch nicht völlig abhängig vom Trinkgeld und den Launen der Kunden sind.
        Andererseits gibt es leider (nach meinem Eindruck) dadurch auch riesige Einkommensunterschiede, die mit Leistung nichts zu tun haben.

        Ich wollte wirklich nicht den Eindruck erwecken, dass ein Kellner meiner Meinung nach nur ein Einkommen knapp über Mindestlohn-Niveau erzielen dürfe. Es scheint ja sogar eher so, dass du auch mit Trinkgeld noch zu wenig verdienst (Wochenende und Nacht hatte ich doch selbst erwähnt).
        Dass so ein Job extrem anspruchsvoll und stressig sein kann, ist mir bewusst.

        Ich habe aber gleichzeitig auch schon von einigen gehört, die sich, weil sie halt im richtigen Laden in der richtigen Stadt arbeiten, eine goldene Nase verdienen. Beispielsweise verdienen bei der Wies’n einige wohl bis zu 10.000 Euro in ein paar Tagen.
        Bei einer früheren Mitbewohnerin meiner Freundin waren 200€ in 6 Stunden Arbeit die Regel.

        Natürlich schwingt da eine gewisse Missgunst mit. Ich habe es in meiner Studentenzeit mitbekommen, dass Leute (meist Mädels) mit Kellnerjobs sich einfach die wesentlich besseren Wohnungen leisten konnten auf dem umkämpften Wohnungsmarkt. Andere kamen da nicht mit.

        Das Aussehen auch das Klientel spielt wohl eine riesen Rolle, wer häufig Amis bedient lacht sich auch ins Fäustchen.
        Solche Einkommensunterschiede gibt es in den meisten Berufsspparten nicht, umso unfairer ist es auch, wenn der Rest des Kneipenpersonals (Reinigung) leer ausgeht,

        Das liegt auch daran, dass bei uns vor allem sozialpsychologische Effekte über die Trinkgeldzahlung entscheiden, weil sich ja auch kaum jemand (anders vielleicht in den USA) darüber Gedanken macht, inwieweit die Höhe seines Trinkgelds aus einkommenstechnischer Sicht angemessen ist.
        Auch hier taugen die Friseure als Beispiel. Beim Friseurberuf sind die Leute halt alleine und nüchtern. Vom Realeinkommen der meisten Kellnerinnen können (gelernte) Friseurinnen nur träumen.
        Sozialpsychologische Effekte sorgen auch dafür, dass man an bestimmten Plätzen mit Betteln ein vielfaches Einkommen erzielen kann. Gerecht ist das nicht.

        Auch ein zur Rechnung proportionaler Anteil ist meiner Meinung nach nicht gerecht.
        Wenn ich ein Bier trinke, ist 5% sehr wenig. Wenn die Kellnerein nur einmal für ne (teure) Flasche Wein laufen muss, sind 5% schnell sehr viel.

        Gerade für dich ist es doch ungerecht, du verdienst wohl mit Trinkgeld vergleichsweise ja ziemlich wenig.
        Würde man bspw. das durchnschnittliche Einkommen von Kellnern als deutschlandweiten Standard festsetzen, kämst du wesentlich besser weg.

        Es bräuchte mal eine öffentliche Debatte wie momentan in den USA, die mal die Schieflagen in Augenschein nimmt.

        Mir ist das vor Jahren zum ersten Mal bei einer Mitfahrgelenheit aufgefallen, seitdem habe ich schon mehrfach Kellnerinnen über „geizige“ Gäste klagen hören, die sich ihrer privilegierten Situation nicht im Ansatz bewusst waren.

        Der vollkommen unreflektierte Vergleich mit dem „Besuch einer Geburtstagsparty ohne Geschenk“ unten, spricht Bände.
        Zwischen Geburtstagsgast und Gastgeber herrscht nämlich nicht nur eine formale, sondern tatsächliche Beziehung. Das Geschenk beruht auf Gegenseitigkeit für die Einladung bzw, ein Gegengeschenk, wenn man dann selbst Geburtstag hat.

        Und selbst wenn, ich bin ganz bestimmt nicht „fassungslos“, wenn jemand bei meinen Geburtstagspartys ohne Geschenk erscheint.

        Eine solche Einstellung finde ich sehr (!) viel peinlicher, als mal kein Trinkgeld zu zahlen (aus welchen Gründen auch immer, da kann es viele geben).

      • Du schmeißt unglaublich viele Sachen durcheinander, die nichts miteinander zu tun haben.

        Was das „Teilen“ des Trinkgeldes in Restaurants angeht, empfinde ich die bestehende Regelung bzw. das Urteil, das du verlinkst, als lebensfremd. Egal, wie zuvorkommend die Kellnerin ist und wie geil sie aussieht: Kein Mensch gibt ein großzügiges Trinkgeld, wenn das Essen scheiße schmeckt. Umgekehrt gibt es für ein geiles Essen logischerweise mehr Trinkgeld. Es ist schlicht ein Zeichen eines schlechten Arbeitsklimas, wenn ein Kellner darauf besteht, nicht mit dem Küchenpersonal teilen zu müssen (gerechtfertigt wäre das nur, wenn das Essen WIRKLICH schlecht ist, der Kellner allerdings durch seine gute Arbeit trotzdem Trinkgeld erhält, aber das lässt sich nur von Fall zu Fall entscheiden). Es wird auch weiterhin in den meisten Läden anders gehandhabt werden, egal wie die Urteile hier ausfallen. Und ich bin weiterhin der Meinung, dass dies NICHT versteuert gehört. Das lässt sich im Übrigen ganz leicht umgehen, indem die Kellner einen Teil ihres Trinkgeldes als Schenkung (!) an die Köche deklarieren.

        Wenn wir zu zweit arbeiten, teilen wir auch, weil es einfach fair ist (allerdings erhält der Chef davon nichts – DER müsste es als Arbeitgeber nämlich versteuern).
        Wir arbeiten so: Eine macht die Theke, sprich, die Getränke, eine „läuft“, sprich, macht den Service. Zwischendurch tauschen wir immer wieder mal (weil der Service anstrengender ist). Da meistens am Tisch abkassiert wird, hätte hier die Serviererin einen unzulässigen Vorteil vor der Barkeeperin, ein Widerspruch, der nur aufzulösen wäre, wenn wir die Tische halb/halb teilen würden, was dann aber wiederum dem Prinzip der Arbeitsteilung widerspricht und schlicht unökonomisch ist (dies macht nur Sinn in großen Restaurants/Cafés/Bars, in denen eine strikte Trennung zwischen Kellner und Barkeeper gemacht wird, die Kellner also niemals die Getränke zubereiten, sondern ihre Bestellungen weiterleiten). Außerdem kann es auch hier vorkommen, dass die eine Hälfte sehr geizig ist, die andere Hälfte aber sehr großzügig. Eine solche Regelung würde zu Neid und damit unnötigen Spannungen in der Belegschaft führen. In einem großen Laden wäre das nicht so wild, in einer kleinen Kneipe wie unseren dagegen fatal.

        Anderes Beispiel: Wir arbeiten in einem Zweischichtsystem. Es kann vorkommen, dass die Frühschicht sich den ganzen Abend die Hacken abgelaufen hat, aber noch fast kein Trinkgeld bekommen hat, weil die Leute schlicht noch nicht bezahlt haben, weil sie noch nicht gegangen sind. Das tun sie erst, wenn die Frühschicht weg ist. Steht dann der Spätschicht das gesamte Trinkgeld zu, obwohl sich das im Verhältnis zu dem Umsatz steht, den die Frühschicht durch harte Arbeit erwirtschaftet hat? Sicherlich nicht.
        Deswegen kippen wir unser gesamtes Trinkgeld zusammen und am Ende teilt die Spätschicht es nach Stunden. Sprich, wenn eine 6 Stunden gearbeitet hat, die andere aber 8, erhält letztere 6/14 des Trinkgeldes und die andere 8/14. Das ist die einzige gerechte Lösung.

        Nächster Punkt: Ich arbeite in einer Kneipe – nicht in einem Restaurant und auch nicht in einem Mega-In-Club, in dem man sich von seinem Trinkgeld ne halbe Eigentumswohnung leisten kann. Auch nicht auf der Wiesn. Letztgenannte Jobs sind absolute Ausnahmen, die du zur Norm hochstilisierst. Wiesn-Kellnerinnen müssen in der Lage sein, viele Maßkrüge auf einmal zu schleppen, was ICH mit Sicherheit nicht könnte, weil mir dazu schlicht die Kraft fehlt.
        Und die Freundin, die 200 Euro in 6 Stunden verdient hat: Schickimicki-Laden. Ich kannte auch mal eine, die in einem Café auf einem Golfplatz gearbeitet hat, wo die Bonzen gerne mal 20 Euro Trinkgeld für ein Glas Wein auf den Tisch geknallt haben, ohne irgendein Gewese darum zu machen. Einerseits ist das natürlich beneidenswert, andererseits ist das ein Job, den vielleicht 5% aller Frauen machen können, weil man dazu ein tadelloses Aussehen und perfekte Schminkskills braucht und in der Lage sein muss, auch absolute Kotzgäste noch überfreundlich zu behandeln.

        Der Job, den ICH mache, steht dagegen auch Männern offen, nur wollen die den Job halt auch oft nicht machen. Sechs Männer haben sich in den drei Jahren, in denen ich jetzt in dieser Kneipe arbeite beworben. Zwei waren von vorneherein völlig ungeeignet, einer hat die Probeschichten nicht überstanden, weil er ebenfalls ungeeignet war, drei arbeiten längere Zeit, aktuell ist noch einer da.

        Ich bin sehr für den Mindestlohn, doch entlohnt dieser dennoch in keinster Weise meinen Leistungen. Ich betone es gerne nochmal: Im Gegensatz zu anderen ungelernten Jobs, die viele Studenten ausüben, schlage ich mir die Nächte um die Ohren und ruiniere mir meinen Tagesrhythmus, was in Hinblick auf das Studium oft fatal ist. Aktuell müsste ich dringend einen bestimmten Wisch beantragen, schaffe es aber nicht, weil das blöde Amt nur bis 12 Uhr auf hat und ich es einfach nicht schaffe, rechtzeitig aus dem Bett zu kommen.

        Es ist aber zusätzlich eine Tatsache, dass die Betreiber solcher Kneipen wie meiner eine Steuerbelastung haben, die es ihnen unmöglich macht, Nacht/Wochenend/Feiertagsarbeit in einer Art und Weise höher zu entlohnen, die in der freien Wirtschaft normal wäre, wovon du aber natürlich nichts weißt.

        Daher finde ich, dass mir jeder Cent Trinkgeld zusteht und empfinde es weiterhin als grob unhöflich, gerade an so außergewöhnlichen Tagen wie einem WM-Endspiel nicht mal 10 Cent für die Kellnerin übrig zu haben, die sich den Arsch aufgerissen hat, um allen einen schönen Abend zu bieten, obwohl ich auch einfach hätte die Waffen strecken können.

    • Auf den niederen Rängen (Azubi, Commis, Demi, ungelernte Servierkraft) ist – zumindest in der Klasse der Gastronomie in der ich arbeite – das Trinkgeld häufig der Teil der privaten Kalkulation der für den Lebensmitteleinkauf eingeplant ist – das wo man noch am ehesten einsparen kann. Im Land der Billigheimser wir die Trinkgeldabhängigkeit aber noch lange weiterleben, denn ansonsten muss das Personal mehr verdienen – und das schlägt sich dann deutlich im Preis nieder (beispiel hierfür wäre die „teure“ Schweiz).

      Übrigens gehört zu dem Punkt teure Flasche Wein v.s. Bier auch noch etwas anderes beachtet: Zu Wein geht häufig eine Beratung einher. Besonders bei hochwertigen Weinkarten mit vielen Posten müssen sich erweiterte Fachkenntnisse angeeignet werden (häufig etwas, dass das personal in seiner Freizeit macht), aber selbst standardmäßig umfasst der normale Weinverkauf/-service mehr Punkte als nur „Flasche holen“, beispielsweise Empfehlung, fachgerechtes öffnen und servieren (im Stress eine Flasche zu öffnen ohne, dass der Gast am Schluss Korkstückchen oder den angenehm metallischen Beigeschmack der Kapsel im Glas hat ist ein nicht zu verachtender Aufwand), das dekantieren/karaffieren des Weines, etc.

  5. Wow, oje, das hört sich so richtig anstrengend an. Allerdings muss ich dem vorletzten Stammgast recht geben: Warum hast Du denn deinem Chef nicht im Vorfeld deutlich gemacht, dass Du noch jemanden brauchst? Ist der so ein Fiesling, dass er dich dann gleich rauswerfen würde? Hast Du ihm dann wenigstens hinterher gesagt, was das für ein Kraftakt war?

    Auf jeden Fall müsste der Mindestlohn ab Januar doch auch für dich gelten, oder?

    • Ich kenne meinen Chef jetzt schon drei Jahre. Ich weiß, das wirkt auf Außenstehende komisch, aber ich habe es aufgegeben, mit ihm über sowas zu diskutieren. Ich habe im Vorfeld gefragt, ob er wirklich meint, dass beim Public Viewing so viel los sein wird (er war nämlich nicht mal beim „richtigen“ Public Viewing mit Leinwand, sondern an einer anderen Stelle, wo zwar auch Fernseher bereit standen, aber es war von vorne herein klar, dass dort nicht viele Leute hinkommen werden…) und er war fest davon überzeugt. Da war mir klar, dass alle Einwände sinnlos sind. Wenn dieser Kerl sich erst mal ne Meinung gebildet hat, dann lässt er sich nicht belehren.

      Du weißt das nicht. Der Stammgast dagegen schon ^^ Deshalb fand ich seinen Einwand so blöd. Zumal ich mich nicht einfach „weigern“ kann… darunter leiden dann ja auch meine Kollegen. Denen fühle ich mich ja auch verpflichtet.

  6. Ach ja, und das Trinkgeld als Lohn zu definieren ist absoluter Nonsens, David. Das ist keine Größe, auf die sich das Servicepersonal verlassen kann. Da steht keinerlei vertragliche Vereinbarung dahinter, es ist de facto ein Geschenk des Gastes. Es ist aber, wie Robin richtig sagt, gesellschaftlich üblich, wenigstens ein bisschen was zu geben, meist zwischen 5 und 10 % (in Österreich mindestens 10%). Keins zu geben, ist ähnlich unfreundlich wie auf einer Geburtstagsparty ohne Geschenk zu erscheinen. Kann man machen. Ist aber scheiße. Ich tu das nur, wenn der Kellner / die Kellnerin wirklich unfreundlich war.

    Von Lohn aber kann man nur dann sprechen, wenn dem ein vorher ausgehandelter Betrag zugrunde liegt. Ist hier nicht der Fall, weil der „Kunde“ erst nach bereits erbrachter Leistung „zahlt“ (was er will) oder eben auch nicht. Nichts zu geben oder sehr wenig ist unfreundlich, also kann Robin sich auch drüber ärgern, aber es gibt keine Pflicht zum Trinkgeld . Insofern ist es natürlich kein Lohn. Dass Arbeitgeber sich mit dem Hinweis aufs Trinkgeld rausreden und deshalb wenig zahlen, steht auf einem anderen Blatt.

    Ob Frauen wirklich mehr bekommen als Männer – keine Ahnung. Alle Menschen, die ich kenne, geben nach Serviceleistung und Freundlichkeit und nicht nach Aussehen oder gar Geschlecht. Da es sich aber, wie gesagt, um eine Form von Geschenk handelt, kann der Schenkende natürlich entscheiden, nach welchen Kriterien er gibt. Anti-Diskriminierungsgesetze greifen hier nicht.

  7. „Sollten wir ins Finale kommen und dieser Typ kommt auch nur auf die IDEE, dass ICH an diesem Tag arbeiten sollte (was leider nicht sehr unwahrscheinlich ist – fast alle anderen sind an diesem Tag im Außeneinsatz bei einer Feier), werde ich ihm ins Gesicht lachen!! “

    Er war offensichtlich sehr beeindruckt😀

    • Es ist leider nicht immer alles so einfach, wie man sich das vorstellt:/ Ich verspüre ihm gegenüber keinerlei Verpflichtung mehr, wohl aber gegenüber meinen Kolleginnen. Die einzige Alternative zu mir wäre Leni gewesen, die dienstags eine Prüfung gehabt hätte und deshalb gar nicht arbeitete. Das wollte ich ihr nicht antun:/

      • Nun wollte ich gerade schreiben, wie nett das gegenüber deinen Kollegen ist und ob die das überhaupt wert sind, bzw. zu schätzen wissen und dann muss ich lesen, dass du gekündigt hast. Das wiederum finde ich konsequent. Alles Gute auf dem Jakobsweg. 900 km? Dann bist du ja in gut 2 Wochen wieder hier😀

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