[Halloween-Special] Spielereview: „Betrayal at House on the Hill“

Es gibt nichts besinnlicheres als einen harmlosen Brettspielabend? Wer das glaubt, sollte sein „Mensch ärgere dich nicht“ endlich einmotten, denn Horror-Brettspiele sind ein Ding! Und ein Vertreter dieses Genres hat definitiv einen eigenen Halloween-Artikel verdient: Betrayal at House on the Hill.

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Prämisse:

Ein herrschaftliches, gottverlassenes Haus irgendwo auf einem Hügel. Eine handvoll verwegener Fremder. Eine zuknallende Tür. Kein Entkommen. Und weit und breit kein Touristenführer.
So das Ausgangsszenario. Das Ziel des Spiels lautet indes nur: Irgendwie überleben!

Spielbeginn:

Ihr sucht euch eine von sechs Spielfiguren aus und entscheidet euch, ob ihr Charakter A oder B spielen wollt – denn bei jeder Spielfigur gibt es zwei Auswahlmöglichkeiten! Dann werden alle Spielfiguren in die Eingangshalle gesetzt und schon kann es losgehen!

Ein Character Sheet mit den Fähigkeiten der Figur

Ein Character Sheet mit den Fähigkeiten der Figur

Spielverlauf:

BAHOTH (klingt voll dämonisch!) läuft in zwei Phasen ab. In Phase 1 erforschen die Spieler das Haus. Da sie in dieser Phase Leidensgenossen sind, die zusammen in diesem alten Kasten feststecken, ist das Spiel zu diesem Zeitpunkt noch kooperativ.

Bodenplatte mit Omen-Symbol. Kein verlassenes Herrenhaus ohne Pentagrammkammer!

Bodenplatte mit Omen-Symbol. Kein verlassenes Herrenhaus ohne Pentagrammkammer!

Es wird also Raum für Raum durchstöbert. Aber! Das Spielbrett besteht zu Anfang nur aus dem Eingangsbereich, der Treppe in den 1. Stock und einem Raum im Keller. Der Rest muss nach und nach aufgedeckt werden – und da die nun sichtbar werdenden Räume aus beweglichen Bodenplatten bestehen, die von einem Stapel gezogen werden, sind die Variationsmöglichkeiten hier praktisch grenzenlos. Damit sieht das Spielbrett am Ende immer anders aus, egal wie oft man spielt!

Wird ein neuer Raum betreten und die Bodenplatte angelegt, muss eine Karte gezogen werden. Welche das ist, hängt von dem Symbol ab, das auf der Bodenplatte zu sehen ist. Es gibt drei Typen von Karten:

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Die Eventkarten: Diese lösen – Überraschung! – ein bestimmtes Ereignis aus.

Die Itemkarten: Items, also Gegenstände, sind meistens (mehr oder weniger) nützlich und beeinflussen eure Fähigkeiten entweder temporär oder dauerhaft – solange sich die Itemkarte in eurem Besitz befindet.

Die Omenkarten: Omen sind im Prinzip auch Gegenstände – aber von wesentlich mystischerer Natur. Und nicht alle sind gut für euch…

Was auch immer auf den Karten steht, hat (meistens) Einfluss auf die Fähigkeiten eures Charakters, zu sehen auf eurem Character Sheet. Natürlich heißt das Ziel immer, eure Fähigkeiten hochzuleveln! Doch dazu braucht ihr ein wenig Würfelglück.

Event - Beispiel. Gewürfelt wird mit W3ern.

Event – Beispiel. Gewürfelt wird mit W3ern.

Beispielsweise könnte sich in dem Raum, den ihr betretet, (als Event) ein Geist materialisieren. Sowas kann schon an den Nerven zerren! Eurer Würfelwurf entscheidet nun darüber, ob euch diese Begegnung total schockiert, sie euch eigentlich nicht groß interessiert oder ob ihr euch dem mystischen Wesen stellt und dann vielleicht sogar stärker werdet. Sprich, bestimmte Fähigkeiten werden gemäß Würfelwurf hoch- oder runtergelevelt – wie das konkret funktioniert, sagen euch die Karten!

So läuft das Spiel eine Weile. Ihr deckt das Spielfeld auf, sammelt Items und Omen, stellt euch den gruseligen Ereignissen… bis Phase 2 beginnt!

Wann das ist, entscheidet mehr oder weniger der Zufall. Für jedes Omen, das gezogen wird, muss ein sogenannter Haunt-Roll veranstaltet werden. Ist dieser Würfelwurf niedriger als die Anzahl der sich im Spiel befindlichen Omen, wird der Fluch des Hauses, eben der Haunt ausgelöst. Es ist theoretisch möglich, dass dies schon nach wenigen Spielzügen passiert (was dann besonders bitter ist), aber das erwähnte Prinzip sorgt eben dafür, dass der Fluch von Runde zu Runde immer wahrscheinlicher wird. Und irgendwann ist er unabwendbar!

An dieser Stelle endet die kooperative Spielweise: Einer der Spieler wird zum Verräter und arbeitet fortan gegen den Rest (und umgekehrt). Was aber konkret passiert, also wer zum Verräter wird, warum er zum Verräter wird, welche Absichten er verfolgt und, vor allem, welchen dunklen Mächten er nun dient, hängt vom Fluch ab – und hier wird es nun richtig krass: Denn abhängig davon, durch welches Omen und im welchen Raum letztendlich der Fluch ausgelöst worden ist, gibt es 50 (FÜNFZIG!!!) verschiedene Möglichkeiten, wie das Spiel nun weiter geht!! Es könnte sich zum Beispiel ein Vampirfürst erheben, eine Zombieapokalypse über das Haus hereinbrechen, ein irrer Axtmörder sein Unwesen treiben oder sogar Aliens die Spieler heimsuchen. Wie gesagt, es gibt FÜNFZIG verschiedene Szenarios, die allesamt anders funktionieren, andere Taktiken erfordern oder eigene Überraschungen (z.B. plötzlich einstürzende Räume) bereit halten!

Wie man den Verräter und seine sinistren Kompagnons besiegt (oder gar von ihm besiegt wird), ist dann auch jedes Mal abhängig vom Szenario und damit immer wieder neu und aufregend!

Meine Meinung:

Mit Betrayal at House of the Hill bekommt man richtig was für sein Geld, denn es gibt wohl kaum ein zweites Spiel, das so viele Möglichkeiten bietet. Fünfzig Szenarien – einfach unglaublich!
Leider hat das nicht nur Vorteile. Während Phase 1 des Spiels ziemlich leicht verständlich ist, da man wie bei den meisten Rollenspielen im Grunde nur das tun muss, was auf den Karten steht, wird es in Phase 2 schon mal richtig kompliziert. Der Verräter und die anderen Spieler bekommen jeweils unterschiedliche Spielanleitungen. Da die Vorbereitung auf den Fluch nun aber getrennt stattfinden muss, kann sich gerade der Verräter mit niemanden austauschen, wenn er eine Regel nicht so richtig checkt. Und auch bei den anderen kam es bisher fast jedes Mal zu Verständnisschwierigkeiten bezüglich der ab da geltenden neuen Regeln und Zielsetzungen.
Das führte leider in der Vergangenheit dazu, dass nicht nur bei mir der Spielspaß mit dem Auslösen des Fluchs rapide sank.
Das Erforschen des Hauses macht dennoch jedes Mal wieder Spaß, auch wenn sich hier mit der Zeit (ich habe es nun etwa 15 Mal gespielt) Abnutzungserscheinungen einstellen, da die Karten nun alle schon bekannt sind.
Dennoch: Das Design, die Story und vor allem die Flavortexte, die unbedingt laut vorgelesen werden müssen, machen Betrayal wirklich einzigartig! Diese Details sorgen für eine unheimlich dichte Atmosphäre und bieten stilvollen, psychologischen Horror, bei dem – Dank der vielen Szenarios – wirklich kein archetypisches Mystery-Element ausgelassen wird! Auch wenn ein paar kleinere Logikfehler offensichtlich nicht vermeidbar waren (warum hat der Charakter einer jungen Frau, deren Hobby zudem auch noch mit „Lesen“ angegeben ist, einen geringeren Wert bei der Fähigkeit „Wissen“ als ein Kind?), sieht man, dass in diesem Spiel unendlich viel Mühe steckt. Und, nur falls das noch nicht angekommen ist: fünfzig Szenarios!!

Ich empfehle also, ein paar Gruselfans (die leider des Englischen mächtig sein müssen) zusammen zu trommeln und und sich dieses Spiel im flackernden Schein einiger Grablichter zu Gemüte zu führen – gerne im heimischen Wohnzimmer, falls ihr gerade kein altes, verlassenes Herrenhaus zur Verfügung habt!

PS: Ich hatte einen ewiglangen Text geschrieben, in dem ich die Spielmechanik und Regeln haarklein erklärte. Dann habe ich alles wieder gelöscht, als mir klar wurde, wie uninteressant das eigentlich ist 😀 Falls ihr dennoch spontan Lust bekommen habt, genaueres über das Spiel zu erfahren, stellen die Spielentwickler eine Online-Demo zur Verfügung (englisch). Und auch bei Table Top hat man schon Betrayal gespielt:

—–

Weitere Spielereviews:
Gloom

Weitere Halloween-Specials:
Die große Halloween-Blogparade
Meine fünf schlimmsten Horrorfilme

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4 Gedanken zu “[Halloween-Special] Spielereview: „Betrayal at House on the Hill“

  1. Hallo Robin
    du schreibst oben es wird mit einem W3 gewürfelt, auf der Karte steht aber eine 4+ Auswahl was passieren kann? Schreibfehler oder addieren sich die Würfelwürfe zu irgendwelchen Attributen?

    LG Tobi

    • Hi Tobi,

      es ist so: Du würfelst mit so vielen W3-Würfeln, wie es deiner Wertigkeit bei der entsprechenden Fähigkeit entspricht. Madame Zostra da oben dürfte also bei dem Beispiel „Burning Man“ mit vier Würfeln werfen, weil da ein „Sanity-Roll“ gemacht werden muss und sie mit „Sanity“ auf 4 ist 🙂

  2. Pingback: [Halloween-Special] Der King (und seine fünf besten Kurzgeschichten) | robins urban life stories

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