[Halloween-Special] Der King (und seine fünf besten Kurzgeschichten)

Wer mich bereits länger liest, dürfte vielleicht schon mitgekriegt haben, dass mich mit Stephen King eine ganz besondere Liebe verbindet. Aber als ungekrönter Meister des Horrors sollte ihm auch ohne diese Liaison ein Platz in einem solchen Special sicher sein.

Ich las meinen ersten Stephen-King-Roman, da war ich gerade erst elf. Davor mochte ich Enid Blyton und hatte alle „Hanni und Nanni“-Bände; den Zwischenschritt davon zu Horror, wie auch immer der aussehen mag, habe ich indes einfach übersprungen.
Es fing mit Friedhof der Kuscheltiere an, dann kam ziemlich bald danach Shining, dann müssten Carrie und Brennen muss Salem dran gewesen sein und ab da verschwimmt alles in einem Wirbel aus Buchtiteln, denn es kann wohl niemand ernsthaft erwarten, dass ich alle gut fünfzig Stephen-King-Bücher, die ich gelesen habe, in der richtigen Reihenfolge aufzählen kann.

Fünfzig Bücher. Ich weiß nicht, was beeindruckender ist: Dass ein Mensch tatsächlich so viel schreiben kann oder dass ich immer noch Lust habe, es zu lesen!

So ziemlich seit Beginn seiner Karriere kämpft er gegen den Stempel „Schundautor“ und wird den, so fürchte ich, auch nicht mehr los werden. Er ist auch sicher nicht der eleganteste Schreiber, zudem hat er auch einfach schon richtig viel Scheiße geschrieben, aber was er über das Schreiben an sich sagt und auch über die ihm verwehrte Anerkennung vom Feuilleton fasziniert mich. Wenn „Angst“ eines der universellsten Gefühle überhaupt ist, warum hat dann Literatur, die sich genau damit befasst, einen so schlechten Stand?

Überhaupt, was ist eigentlich Literatur? Dazu ein Zitat:

„Ich verstehe das überhaupt nicht. Ich verstehe nichts von alledem. Warum muss eine Geschichte politisch oder sozial oder kulturell motiviert sein? Sind das nicht ganz natürliche Bestandteile jeder gut erzählten Geschichte? Ich meine… ich meine… kann eine Geschichte nicht einfach eine Geschichte sein?“
– Stephen King, Es

Und damit hat er vollkommen Recht. Das ist genau das, was ich in meinem Germanistikstudium vermisse. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Stephen King mich dazu gebracht hat, Literatur zu lieben, während mein Studium mich gelehrt hat, sie zu hassen.
Und das ist doch echt scheiße! Allein deshalb mache ich jeden fertig, der es im universitären Umfeld wagt, über Stephen King zu lachen und ja, ein bisschen genieße ich das sogar!

Ich habe im Zuge eines Blogprojekts letztes Jahr angefangen, Stephen-King-Romane in alphabetischer Reihenfolge zu rezensieren. Durchgehalten habe ich das zwar nicht, aber für Rezensionen brauche ich ja eigentlich kein Projekt von außen 🙂 Hiermit sei also angekündigt, dass ich damit weitermache, und zwar da, wo ich aufgehört habe! Ich mache mir da keine konkrete Vorgabe (also nicht „eine Rezension pro Woche“), aber irgendwann wird es weiter gehen 🙂

Soooo… aber dieser Artikel soll ja trotzdem noch ein bisschen mehr beinhalten als bloginterne Ankündigungen! Deshalb, zu Ehren eines großen Wörterschmiedes, des Meisters des Horrors und meines liebsten Autors, zu Halloween Stephen Kings fünf beste Kurzgeschichten in willkürlicher Reihenfolge!


Der Jaunt
Enthalten in „Blut“
Ein Vater erzählt seiner Familie die Geschichte des ersten verkehrstüchtigen Teleporters, der nicht nur die irdische Energiekrise löste, sondern der Menschheit auch den Weg zu den Sternen ebnete, obwohl einige Rätsel dieser Erfindung immer noch nicht gelöst sind…
Stephen King liebt Science Fiction, doch wenn er sich dem Genre widmet, ist seine persönliche Note unverkennbar. Ich mag Star Trek, aber was in solchen Filmen und Serien an technischer Innovation gezeigt wird, ist so unnatürlich sauber, dass es fast steril wirkt. Stephen King dagegen schafft es ohne ein einziges explizites Wort, die pure Bedrohlichkeit der vermeintlich strahlenden Zukunft auf den menschlichen Geist zu vermitteln, der für solche Ausmaße eigentlich gar nicht geschaffen ist. Wenn andere Autoren die Leser für den Gedanken faszinieren, irgendwann einmal den Weltraum erobern zu können, erinnert Stephen King daran, dass der Weltraum sehr, sehr groß ist – wir dagegen aber ganz, ganz klein. Und das ist so beängstigend, wie echter Horror nur sein kann.

Quitters, Inc.
Enthalten in „Katzenauge“
Ein Mann leidet sehr unter seiner Nikotinsucht, hat aber wie Millionen anderer Menschen ein Problem, von selber mit dem Rauchen aufzuhören – also wendet er sich an eine Firma, die bei der Unterstützung von Rauchern eine 98%ige Erfolgsquote vorweisen kann. Allerdings sind ihre Methoden etwas rabiater, als er sich das vorgestellt hat…
Irgendjemand schrieb mal, „Quitters, Inc.“ sei eine Kurzgeschichte, wie sie klassischer nicht sein könnte, und als solche die beste, die Stephen King je geschrieben hat. Ob es tatsächlich DIE beste ist, vermag ich nicht zu beurteilen, aber in meine Top 5 gehört sie auf jeden Fall!
Dabei ist der Horror hier mindestens in zwei Schichten aufgetragen. Einerseits ist da die ganz reale Bedrohung durch Gangster, die, auch wenn sie ein eigentlich hehres Ziel verfolgen, vollkommen skrupellos sind – die andere ist die Bedrohung durch sich selbst. Die eigenen Triebe, Gelüste, Schwächen… in dieser Geschichte könnten sie tatsächlich zur Katastrophe führen. Was einfach nur eine wunderbare Parabel ist.

Die Leiche
Enthalten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“
Ein Sommer in den Fünfzigerjahren und vier Freunde, die sich aufmachen, die Leiche eines vermissten Jungen zu finden…
Diese Kurzgeschichte, die eigentlich eine Novelle ist, dürfte die bekannteste in dieser Liste sein, weil sie unter dem Titel „Stand by me“ sehr erfolgreich verfilmt worden ist. Allerdings konnte mich der Film nie so wirklich begeistern – anders als das geschriebene Wort.
Wobei, vielleicht ist „begeistern“ die falsche Formulierung. Diese Geschichte bereitet mir jedes Mal echte körperliche Schmerzen beim Lesen. Es ist ein sehnsuchtsvoller Text über Vergänglichkeit, die ganz offensichtlich durch die namensgebende Leiche symbolisiert wird, doch darüber hinaus ist das Hauptthema Freundschaft, die dem Hauptprotagonisten zu einem gewissen Zeitpunkt im Leben als das Wichtigste überhaupt erschienen ist – und die dennoch irgendwann endete. Nicht mit einem Knall, sondern indem sie sich langsam aus seinem Leben schlich. So ähnlich ist auch der Tod: Für die meisten kommt er nicht plötzlich, sondern das Sterben beginnt für sie, für uns alle, mit dem Tage unserer Geburt.
Und das macht diese Geschichte gleichzeitig unendlich traurig als auch wunderschön – denn diesem Vanitas-Motiv wird genauso leidenschaftlich die Botschaft entgegen gestellt, das zu schätzen, was man hat, solange man es eben hat.

Die 10-Uhr-Leute
Enthalten in „Abgrund“
Die Protagonisten in dieser Geschichte gehören zu den Leuten, die gerne mit dem Rauchen aufhören wollen, es aber nicht ganz schaffen und sich deshalb täglich in ihrer ersten Pause vor den Bürogebäuden sammeln, um eine der wenigen Zigaretten zu sich zu nehmen, die sie sich noch erlauben. Diese Kleinstversorgung mit Nikotin enthüllt ihnen allerdings ein grauenhaftes Geheimnis…
Zu dieser Geschichte vermag ich nicht den geringsten Gehalt herbei zu interpretieren. Die Prämisse ist völliger Schwachsinn und alles Weitere eher konventionell – aber trotzdem bin ich total verliebt in die Geschichte. Weil sie so richtig schön bescheuert ist. Weil es trotz des fehlenden Tiefgangs einfach eine klasse Geschichte ist. Und wie wir gelernt haben, ist das eigentlich alles, was zählt!

Der rasende Finger
Enthalten in „Alpträume“
Ein Mann geht eines Morgens ins Bad und muss feststellen, dass aus seinem Abfluss ein lebendiger Finger ragt…
Eigentlich könnte man fast alle Geschichten dieser Welt auf eine Frage reduzieren: „Was wäre, wenn?“ Nur weil sich Menschen diese Frage stellen, werden Bücher geschrieben und Filme produziert. Hier haben wir aber eine „What if?“-Geschichte im klassischen Sinn. Wie würdest DU reagieren, wenn plötzlich so etwas alltägliches wie ein menschlicher Finger an einer völlig falschen Stelle auftauchen würde? Wie geht man mit etwas um, das so umfassend surreal ist?
Wenn man diese Geschichte tiefgehend interpretieren wollte, könnte man sagen, dass der Horror hier im Grunde aus dem Wissen erwächst, dass niemand, egal wie sehr man von anderen Menschen geschätzt und geliebt wird, einem so etwas glauben würde. Dass das Vertrauen in den Verstand sehr brüchig ist, egal ob von anderen oder gar von einem selbst.
Aber soweit muss man eigentlich nicht gehen. „Der rasende Finger“ ist die erste Kurzgeschichte von Stephen King, die mir nachdrücklich im Gedächtnis geblieben ist… und sie macht einfach tierisch Spaß zu lesen!


 

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