Silvesterparty: Die echten Katertipps!

Die Silvesterparty ist geplant, der Sekt ist kalt gestellt. Zeit für eine alljährliche Tradition in sämtlichen deutschen Medien: die „Tipps gegen den Kater“!

Und damit auch Zeit für meine alljährliche stumme Frage, ob Journalisten für solche Retoren-Artikel, die sie vermutlich irgendwann vor 10 Jahren geschrieben haben, um sie jedes Jahr zu Silvester und Karneval wieder verwursten zu können, tatsächlich Geld kriegen… aber darum soll es heute nicht gehen!

Ich pflege ja, was Alkohol angeht, ein Selbstbild als Koryphäe, stehe ich doch nun immerhin schon jobmäßig jahrelang hinter einem Zapfhahn und privat, tja, privat sage ich auch selten nein, wenn es zu einem lustigen kleinen Umtrunk kommt! Daher finde ich solche Artikel durchaus interessant.

Aber ich werde jedes Mal enttäuscht. Machen wir uns nichts vor: Solche Artikel (z.B. dieser) helfen nicht, sondern behandeln erwachsene Menschen wie Kleinkinder. So ist der einzig „nützliche“ Tipp, der sich aus solchen Ergüssen am Ende extrahieren lässt, der Ratschlag, einfach nicht so viel zu trinken.

Nicht so viel trinken. „Einfach“.

Aha.

dr-cox laughing

Tja, in welche große Tradition reiht sich dieser bahnbrechende Tipp nun ein? Das ist doch so, als würde man in einem Beitrag über Empfängnisverhütung tatsächlich Enthaltsamkeit als die wirksamste Methode anpreisen. Und was kriegt man durch solche Tipps? Na? Na??? Schwangere Teenager natürlich. Weil der Mensch sich genauso wenig vom Sex abbringen lässt wie der Deutsche vom Saufen.

Und damit zurück zu diesem unglaublich dämlichen „Tipp gegen den Kater“, bei dem der zuständige Autor einfach nur ganz klar das Thema verfehlt hat. Auch Tipps, den Kater durch die Auswahl richtiger Alkoholika zu reduzieren, sind kaum besser, denn das geht ebenfalls an der Realität vorbei. Nicht jeder mag sich trockenen Weißwein in den Schlund schütten, nicht jeder kann sich superreinen teuren Wodka leisten. Überhaupt, was ist das eigentlich für ne Einstellung? „Liebe Leser, wir wissen, Sie MÜSSEN Alkohol trinken, deshalb wählen Sie doch um Gottes Willen das kleinere Übel, Sie Schnapsnase, Sie.“  Als würde man jungen Frauen zur Verhütung raten, sich an alte übergewichtige Männer zu halten, weil die vielleicht schon mit Platzpatronen schießen!

Das ist so bevormundend! Erst ein ganzes Volk auf Biersauferei sozialisieren (Bierwerbung vor JE-DEM Fußballspiel!), Alkohol bis zum Ultimo verharmlosen (Fußballfunktionäre, die sich ihr Weizenbierglas an die Brust drücken, als wäre es ihr Erstgeborenes, hinter dem bei jedem Schluck ein „Keine Macht den Drogen“-Shirt zum Vorschein kommt!) und dann plötzlich gegen Jahresende ach so erwachsen daher kommen von wegen „Alkohol ist ja doch irgendwie ganz schön ungesund“! Oh, you don’t say?!

Pfui, ihr Medien! Pfui!

Jedenfalls habe ich mich dieses Jahr entschlossen, dieser abwertenden Berichterstattung entschlossen entgegen zu treten. ICH verstehe vollkommen, dass ihr Alkohol an Silvester, der bekanntermaßen enttäuschendsten Party des Jahres, natürlich BRAUCHT, und selbstverständlich in genau der Form, die euch am liebsten behagt, egal wie zerstörerisch, billig oder ekelerregend sie ist! (Oh, dazu hätte ich ja was…!)

Denn „Tipps gegen den Kater“ sollten auch solche sein, nicht „Tipps gegen den Alkohol“! Also:

Was gegen einen echten Kater wirklich hilft

von Robin Urban, Koryphäe

Präventiv:
Ein allseits bekanntes Hausmittel bei Kater ist Hering. Unkorrekterweise geht die Allgemeinheit allerdings davon aus, der Hering müsse am nächsten Tag aufs Frühstückstablett. Falsch: Um einen Kater zu vermeiden, sollte der Hering VOR dem Saufgelage gegessen werden. Das Fett in diesem sehr fetten Fisch nämlich bindet den Alkohol und verhindert dadurch einen zu großen Trunkenheitsgrad.
Und wer aufgepasst hat, wird nun gemerkt haben, dass der Hering sich durch diese Erklärung als Katermittel völlig disqualifiziert. Denn wenn das Ziel „Vollsuff“ ist, kann etwas, das genau dem im Wege steht, ja schwerlich ein empfehlenswertes Mittel sein. Nein, das führt nur dazu, dass man NOCH MEHR säuft, um das Ziel zu erreichen. Ist ja nicht so, als hätte jeder ein bestimmtes Kontingent (z.B. fünf Bier, zwei Longsdrinks), das er niemals überschreitet, egal wie er sich danach fühlt.
Also: Vergesst Prävention. Damit könnt ihr leidlich kontrollieren, wie schnell ihr wie voll werdet, aber auf den Kater hat das keinerlei Einfluss.

Währenddessen:
Ein Tipp, den tatsächlich auch doofe Zeitungsartikel meistens auf die Reihe kriegen: Trinken, trinken, trinken! Natürlich nicht noch mehr Alkohol, sondern Wasser!
Denn viele Katersymptome, allen voran der berüchtige „Nachbrand“, also der unstillbare Durst am nächsten Morgen, entstehen durch Dehydrierung. Gerade auf privaten Silvesterpartys stellt es kein Problem dar, zu jedem Drink ein Glas Wasser zu ordern. In Discos oder Clubs empfehle ich dagegen aus Kostengründen den Gang zum Bad, wo man in unserem fortschrittlichen Land völlig umsonst Leitungswasser erhalten kann. Einfach eine leere Bierflasche schnappen, ausspülen, neu befüllen, trinken! „Zuviel“ gibt es hier nicht: Haut rein, so viel wie geht.

Danach:
Die Party ist um, ihr macht euch bettfertig (sofern ihr dazu noch in der Lage seid). Vielen Leuten wird jetzt erstmal kotzübel, wenn sie sich flachlegen. Und aus irgendeinem Grund denken viele Leute jetzt „Ach Gottchen, ich kann doch nicht kotzen gehen!“ – und verharren in dieser schrecklichen Lage stundenlang, bis sie doch irgendwie einschlafen können.
Liebe Leute: Brechreiz ist ein Zeichen eures Körpers, dass er auf das Gift Alkohol genau so reagiert, wie er reagieren sollte. Wenn ihr übertrieben habt (und niemals würde ich euch dafür verurteilen!) und er euch das auf diese Weise kommuniziert, dann tut ihm den Gefallen und geht kotzen. Lasst es raus. Niemand verleiht euch einen Orden, wenn ihr es mit Gewalt drin behaltet. Ihr werdet euch danach besser fühlen – und auch der Kater am nächsten Tag ist wesentlich angenehmer!
Falls es soweit nicht gekommen ist, dann beherzigt auch hier wieder den Universaltipp: Wasser! Denn ihr habt im Laufe des Abends trotz aller Vorkehrung niemals so viel zu euch genommen, wie der Alkohol euch entzogen hat. Setzt also vor dem Schlafengehen eine Flasche Wasser an den Hals und kippt sie weg. 1,5 Liter auf Ex ist machbar! Macht euch keine Sorgen, dass ihr deswegen nachts achtmal pinkeln gehen müsst – eure Zellen saugen das schon weg und sind euch sehr dankbar!
Und jetzt noch ein Tipp, den mit Sicherheit jemand ganz schrecklich finden wird:
Alkohol führt zu einem unruhigen Schlaf und kann bei einem gewissen Pegel sogar aufputschend wirken. Folge: Ihr wacht völlig gerädert nach vier Stunden Schlaf auf, weil euer Promillewert in dieser Zeit nach unten gerattert ist und genau diesen Pegel erreicht hat. Darum ist der nächste Tag geprägt von einer lustigen Mischung aus völliger Erschöpfung und der Unfähigkeit, weiter schlafen zu können. Hier könnt ihr euren Körper ein bisschen austricksen, indem ihr vor dem Schlafengehen beruhigende Mittel einnehmt wie beispielsweise Baldrian. AUF KEINEN FALL RICHTIGE SCHLAFTABLETTEN. Rezeptfreie Mittel können hier helfen, den Suffschlaf erholsamer zu machen und zu verlängern. Von rezeptpflichtigen Medikamenten ist in Verbindung mit Alkohol dagegen selbstverständlich die Finger zu lassen!

Der Tag danach:
Hier ist es nun, the real Hangover. Wenn ihr euch genug gewässert habt, werdet ihr bereits eine Verbesserung zu sonst feststellen – aber vermutlich seid ihr dennoch weit entfernt von „gut“.
Will man dem Kater den totalen Overkill verabreichen, braucht ihr drei Dinge:
– Elektrolyte
– Vitamine
– Mineralien

Also trinkt:
– eine Tasse Brühe (gerne kalt)
– ein Glas Orangensaft (gerne frisch gepresst)
– ein Glas Magnesium (als Brausetablette)

Danach sollte es euch schon wesentlich besser gehen. Dennoch verrate ich euch noch meinen Specialtipp: Meine exklusive Teemischung, die ich eigentlich täglich trinke, die sich allerdings für Kater ganz besonders gut eignet.

Ihr braucht:
– 2 Teebeutel Grüntee
– 3 Teebeutel Pfefferminz
– 1 Zitrone
– 1,5 Liter kochendes Wasser

Tee nach Anleitung kochen, Zitrone reinquetschen, fertig. Gerne auch schon einen Tag vorher zubereiten, damit er schön kalt und erfrischend ist. Es gibt nichts besseres. Grüner Tee ist ohnehin so ziemlich das gesündeste, was man trinken kann. Das darin enthaltene Koffein macht munter und die Gerbstoffe putzen den Magen. Der Pfefferminz sorgt für die nötige Frische und die Zitrone für die Entgiftung und noch mehr Vitamine. Und voll lecker ist er auch! (Finde ich zumindest)

Der weitere Tag danach:
Richtig gut wäre jetzt noch ein Spaziergang an der frischen Luft. Aber wir wollen mal nicht unrealistisch sein. Bestellt euch also eine richtig fette Pizza, gammelt euch mit Freunden auf die Couch und kuckt ein paar echt doofe Filme – und schon ist der Kater plötzlich gar nicht mehr so schlimm!

Sauft Silvester, dankt mir Neujahr! Prost!

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Eine beschissene Weihnachtsgeschichte

Wenn man feststellt, dass die größte Tradition, derer man im eigenen Blog frönt, ein jährlicher angepisster Beitrag zu und über Weihnachten ist. Enjoy!

Weihnachten bei Familie Urban
2013. Auch im Hause Urban gibt es Traditionen. Nach einem einmaligen, unglaublich grauenhaften Ausflug in Würstchen-mit-Kartoffelsalat-Gefilde gibt es dieses Jahr wieder das volle Festtagsprogramm: Reh, Klöße, Rotkohl. Das Reh bekommt mein Onkel von einem befreundeten Jäger und legt es schon Tage vorher ein. Es ist so zart, wie das Fleisch von langsam ausgebluteten Engeln sein muss.

Ich hasse den Ausdruck „gefräßiges Schweigen“, aber der passt auf meine Familie sowieso nicht. Irgendjemand hat immer gerade lange genug gekaut, um nach der Soße zu brüllen, mehr Wein zu fordern oder meiner Oma zu sagen, dass sie sich endlich hinsetzen soll, weil die keine fünf Minuten aushält, ohne etwas zu putzen. Und nachdem die Frauen den Tisch abgeräumt haben (-.-), hat auch der letzte den Mund endlich frei.

Leider.

Denn als wir da gerade so sitzen, alle vollgefressen wie die Schweine im Glanze des künstlichen Weihnachtsbaumes, den meine Oma sich vor Jahren gegen den Protest der gesamten Familie zugelegt hat, fängt mein Onkel aus heiterem Himmel an, über Asylanten zu reden.

Ich seufze innerlich. Damals war grade Lampedusa. 10 Wochen nach dem Unglück war der Unfall immer noch in allen Medien.

Onkel: „Ja, ne, is klar, hier her kommen und dann Sozialhilfe kriegen.“
Anderer Onkel: „Genau.“
Onkel: „Unsereins reißt sich den Arsch auf.“

Missbilligendes Schnalzen meiner Oma wegen „Arsch“. Ich starre in mein Weinglas. Halt einfach die Fresse, Robin, denke ich.

Onkel: „Was die alles kriegen! Zum Beispiel *random Geschichte die wahr sein könnte oder aber auch nicht über einen Immigrant, der angeblich ungerechtfertigterweise zu viel Hartz IV oder sonstwas bekommen hat*“

Fresse, Robin, denke ich.

Onkel: „Sollen die doch daheim bleiben, diese Molukken, diese…“
Tante: „Ach, Frank…“
Onkel: „Molukken, immer nur die Hand aufhalten…“

Ach, scheiß drauf, denke ich resigniert.

„Weißte, die kommen nicht hier her, weil sie Sozialhilfe wollen, sondern weil sie Angst um ihr Leben haben,“ sage ich. Ungläubiges Gelächter von den billigen Rängen. „Oh klar, klar!“ zischt es zynisch.

„Ja, voll klar. Meinst du, die gehen gerne von zuhause weg?“
„Ja sicher, nix leisten und…“
„Hallooo, das sind FLÜCHTLINGE!“
„Dann sollen se halt woanders hin! Immer müssen wir alles bezahlen! Sollen se halt kucken, wo se bleiben!“
„Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben mehr als genug Geld, um ein paar Asylanten aufzunehmen!“

An dieser Stelle läuft mein anderer Onkel knallrot an. „Ja – das ist aber Geld, das von UNS Arbeitern kommt und nicht von SCHMAROTZERN!!“

Man sieht regelrecht den Geifer spritzen. Und dabei fällt sein hasserfüllter Blick auf MICH.

Ich hebe die Augenbrauen. Dieser Seitenhieb ist ja fast schon zu billig, dabei auch ohne Substanz. Zugegeben, ich bin Langzeitstudentin – aber ich habe noch nie in meinem Leben Befög bezogen, Wohngeld bekommen oder sonst in irgendeiner Weise staatliche Unterstützung. Nein, ich habe einen Kredit, den ich irgendwann ganz alleine zurück zahlen darf und gehe arbeiten. Ich Schmarotzer, ich. Während dieser empörte Arbeiterstolz meinem Onkel, der sich alle drei Jahre einen neuen BMW kauft, nicht so wirklich gut zu Gesicht steht. Aber wer möchte da schon den ersten Stein werfen…

Jedenfalls beschließe ich, auf diese gezielte Provokation nicht einzugehen, denn mein Onkel pöbelt schon wieder. Er muss so viel schuften, die tun gar nichts, Sozialschmarotzer, Assis, Kanaken, Molukken, bla-bla-BLA.

Und an der Stelle gesellt sich dann heiliger Zorn zu meinem ohnehin nicht sonderlich friedvollen Gemüt. Waren es doch immerhin genau DIESE Menschen, die mich unbedingt katholisch erziehen mussten.

„Leute, geht’s noch?! Es geht hier um Menschen, die aus dem Krieg flüchten und die man STERBEN LÄSST, statt ihnen zu helfen! Und ihr hetzt auch noch über die! Ihr solltet euch was schämen! Mein Gott, ey, und das an Weihnachten!!“

Ja, Weihnachten, dieses Fest, an dem alle in der Messe ganz arg nasse Augen kriegen, wenn es darum geht, dass unser Erlöser doch tatsächlich in einem elendigen Stall zur Welt kommen musste (tatsächlich war’s eine Höhle) und das auch noch im Winter (eigentlich war’s Sommer), dieses arme Bübele!

Drei ganze Sekunden lang herrscht absolute, verblüffte Stille. Wenn auch meine gesamte Familie keinen sachlichen Argumenten zugänglich ist – von der einzigen Nicht-Christin am Tisch so zurecht gewiesen zu werden, macht alle sprachlos. Dann schnaubt mein Onkel sarkastisch, verzichtet jedoch auf weitere Diskussionen. Das Gespräch wendet sich anderen Themen zu.

Aber, wisst ihr… das Essen war gut…

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Jedenfalls: Dies ist neben der Versicherung meiner Oma bei unserer letzten Begegnung, ich sei für alle eine einzige Enttäuschung, mit ein Grund, weshalb ich mich dieses Jahr entschlossen habe, nicht heim zu fahren, sondern allein in meiner WG zu bleiben und mich vollzufressen. Ich werde mich also demnächst in die Küche begeben und kochen. Es gibt:

– Champignoncremesuppe
– Rouladen, Klöße und Rotkraut
– Häagen-Daz-Eis, Geschmacksrichtung Karamell-Brownie

Und für später dann noch Backcamembert und Datteln in Speckmantel – nur um sicher zu gehen, dass ich nicht vom Fleisch falle. (Das Ganze garniert mit einer Feiertagsportion schlechten Gewissens, weil ich wenigstens den Anstand habe, mich in Angesicht eines voll gedeckten Tisches beim Gedanken an all den Hunger in der Welt ein bisschen zu schämen statt über die zu hetzen, die sowieso nichts haben. Essen tu ich’s aber natürlich trotzdem :/ )

Dazu allerlei festtagstauglicher Medienkonsum, auf den ich mich noch einigen muss. Ich liebäugle ein bisschen mit einem „Herr der Ringe“-Marathon, aber irgendwie hätte ich auch mal wieder Bock auf „Matrix“.
Oder lieber doch weihnachtlich mit „Stirb langsam“ oder „Gremlins“? Hach, diese Entscheidungen!

Jedenfalls steht auch ne Flasche Jack Daniel’s im Kühlschrank. Ihr wisst schon – aus Gründen.

All meinen Lesern frohe Weihnachten und was geiles zu essen, behaltet eure geistige Gesundheit und lasst euch beschenken! ICH jedenfalls hab ja schon eine Batman-Tasse bekommen! Tja – da kuckt ihr!!

Zum Schluss ein bisschen Besinnlichkeit:

Darüber habe ich ohne Scheiß wirklich tagelang gelacht.

Das Elend der vergangenen Weihnacht:
Weihnachten ist scheiße
„Trotzdem frohe Weihnachten…“
Alle Jahre wieder: Fröhliche Scheiß-Weihnacht!

Abtreibung und Beratung. Teil 2: Ein Zwang, der eigentlich nur eine Pflicht ist und manchmal eine Chance sein kann

Teil 1

Die Beratungspflicht vor einer Abtreibung in Deutschland ist von feministischer Seite eigentlich kaum eine Diskussion wert, weil sich hier mal zur Abwechslung alle einig sind: Es handelt sich um eine bevormundende, sexistische Prozedur, eine reine Schikane gegen Frauen, die im besten Fall als Slutshaminng zu bewerten ist, im schlechtesten Fall aber beweist, dass wir offensichtlich immer noch für zu dumm und unselbstständig gehalten werden, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.
Völlig ausgeblendet werden dabei jedoch Situationen, in denen ein solches Beratungsgespräch für Frauen praktisch lebensrettend sein kann – und die gar nicht zustande kämen, gäbe es keinen „Zwang“ dazu!

Die Frau Rat aus Teil 1 gibt’s eigentlich gar nicht. Ich habe sie erfunden. Genau wie diese Gesprächsprotokolle. Aber es wird wohl hoffentlich niemand abstreiten, dass es da draußen viele MüllerMaierSchmidts gibt, die in ähnlichen Situationen stecken!

Selbstverständlich ist der Beratungspflicht erstmal ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Frau. Allerdings gibt es unzählige Beispiele in unserem Staat, die seltsamerweise trotzdem nicht als „Zwang“ dämonisiert werden. Schulzwang? Gurtzwang? Klingt albern, ne – weil jedem klar ist, dass diese „Zwänge“ als freiheitliche Eingriffe dennoch einen größeren Nutzen als Schaden haben und außerdem die Erfahrung gezeigt hat, dass man hier nicht grundsätzlich auf Freiwilligkeit bauen kann. Das ist demnach absolut nichts ungewöhnliches.

Pflicht gegen den Zwang

Was allerdings zur Frage führt, ob hier überhaupt ein Schaden entsteht? Vor allem der Schwarzer-Feminismus, der noch aktiv gegen ein real existierendes Abtreibungsverbot kämpfen musste, stellte eine Abtreibung als medizinisch zu vernachlässigenden Eingriff dar (gefährlich nur, wenn er von „Engelmacherinnen“ durchgeführt wird). Verschiedene Gruppierungen vor allem aus dem fundamentalistisch-religiösen Bereich dagegen sprechen hier gerne von unsäglichen Traumata, die der Frau bei einer Abtreibung in jedem Fall entstehen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Eine Abtreibung muss keine große Belastung darstellen, kann aber durchaus aufgrund gesellschaftlicher Umstände psychische Probleme verursachen. Zwangsabtreibungen haben da allerdings nochmal ein ganz anderes Niveau – und genau als solche bewerte ich Abbrüche aufgrund Drucks von außen.

Ein Beratungsgespräch als Pflichtveranstaltung bietet keine Sicherheit, aber wenigstens die Chance, solchen Frauen Hilfe zukommen zu lassen. Hilfe, die Betroffene nicht bekämen, gäbe es keinen Zwang – denn wer eine Frau oder ein Mädchen zu einer Abtreibung zwingt, hat sicher auch keine Skrupel, sie von einem freiwilligen Beratungstermin abzuhalten.

Erfordert es wirklich SO viel Phantasie, sich die drei obigen Szenarios vorzustellen? Ich hätte mir auch ein Dutzend ausdenken können. Man kann nicht einerseits immer behaupten, Frauen seien in unserer Gesellschaft vielfachen Sexismen ausgesetzt, dann aber andererseits felsenfest der Meinung sein, negative Einflüsse von Außen wären ausgerechnet nur bei diesem EINEN Thema nicht existent!

Antiklassistische Solidarität

Unwissenheit über finanzielle Ansprüche (wie in Fall 1) oder andere Vorgänge die Schwangerschaft betreffend (Fall 2) halte ich für einen weiteren Faktor, der in einem Beratungsgespräch eliminiert werden kann. Aber als ich mal zu diesem Thema was bei der Mädchenmannschaft postete, wurde mein Kommentar tatsächlich mit der Triggerwarnung „Klassismus“ versehen und weitere Kommentare nicht mehr freigeschaltet.

Das muss man sich mal reinziehen! Und das mir, die ich selbst von Klassismus betroffen bin!

Im Gegenteil ist es absolut klassistisch anzunehmen, alle Frauen hätten die gleichen Informations- und Handlungsmöglichkeiten und wären in keinem Fall Repressionen ausgesetzt, egal wie jung, ungebildet oder verunsichert sie sind. Die gleichgeschaltete MM-Rhetorik unterscheidet sich dahingehend nicht im Geringsten von der Argumentationslinie der Apologeten unseres sozial undurchlässigen Bildungssystems – nur gehen DIE davon aus, dass persönliches Versagen Aufstiege verhindert („hat sich halt nicht genug angestrengt“), während hier einfach unterstellt wird, jede Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung sei total informiert und ohne Repressionen geschehen. Tja, vor dem Hintergrund haben Frauen, die nach diesem erzwungenen Eingriff leiden, halt einfach die Arschkarte gezogen, weil sie ja angeblich gar nicht existieren. Das ist nicht nur klassistisch, sondern diskriminiert auch noch psychische Erkrankungen!

Ein weiterer schöner Vergleich drängt sich mir da in Bezug auf die Diskussionen um das US-Gesundheitsreform auf. „Warum soll ICH gezwungen werden, Geld in eine staatliche Krankenkasse einzuzahlen? ICH mache das ja sowieso schon privat. Etwa nur um den Pöbel zu unterstützen, der zu dumm ist, sich selbst um seine Vorsorge zu kümmern? Vielleicht haben es solche Leute ja VERDIENT, an Krankheiten zu verrecken, deren Behandlung sie nicht bezahlen können?”
Ja, und vielleicht SOLLEN Frauen, die nicht den Bildungsstand haben, sich selbst durch den bürokratischen Dschungel zu wühlen, ja gar keine Kinder in die Welt setzen? Antiklassismus, Mädchenmannschaftsstyle?

Klar nervt das, zu so einem Gespräch gehen zu müssen, obwohl man selbst den totalen Durchblick über sämtliche Eventualitäten hat. Aber kann man dieses Opfer nicht mal aus Solidarität auf sich nehmen?

Eine Abtreibung ist kein Kindergeburtstag

Ich bin für das Recht auf Abtreibung, das es in Deutschland immer noch nicht gibt. Aber Abtreibungen sind dennoch nichts schönes. Ein solches Statement mag vor fünfzig Jahren von einer Feministin unmöglich gewesen sein, aber heute sind wir doch ein bisschen weiter und sollten auch Dinge ansprechen dürfen, die nicht zur politischen Agenda der 60er Jahre gepasst haben.

Unabhängig von der psychischen Verfassung der Frau wird hier nun mal potentielles Leben zerstört. Das ist schlimm, aber anders als Pro-Life-Spinner werte ich die Persönlichkeitsrechte eines erwachsenen Menschen (der Schwangeren) höher als die eines Zellhaufens, der sich erst zum Mensch entwickelt.
Dass er dies allerdings ziemlich sicher tun wird, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist halt auch ein Fakt – und ich der Meinung, dass es keine unzumutbare Last ist, etwa eine halbe Stunde Zeit zu opfern, um die Entscheidung zur Abtreibung in einem Beratungsgespräch zu bestätigen, wenn damit mögliches Leben gerettet werden kann. Zumindest DAS hat der Fötus meiner Meinung nach verdient, egal, was später daraus wird.

Man kann nicht immer nur Rechte fordern, aber jedwede Pflicht, die sich daraus möglicherweise ergibt, konsequent ablehnen. Dazu zähle ich auch den Umstand, Abtreibungen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durchführen lassen zu dürfen und danach mit der Entscheidung leben zu müssen. Anders erhält man nämlich am Schluss keine emanzipierten Frauen, sondern verwöhnte Kackbratzen, die darauf insistieren, ihre gesunden Babys bis kurz vor der Geburt umbringen zu dürfen, weil den wankelmütigen Madames vielleicht halt mal ein halbes Jahr zu spät einfallen könnte, dass ein Kind ja jetzt irgendwie doch nicht so gut passt. Ist DAS etwa Eigenverantwortung und Selbstständigkeit?

Dass letztendlich eine Beratungspflicht nur Frauen trifft und sie deshalb sexistisch ist, kann dagegen halt auch kein starkes Gegenargument sein, wenn nun mal nur Frauen schwanger werden können.

Abtreibung und Beratung. Teil 1: Frau Rat und ihre Fälle

Ich erzähle euch heute mal etwas von Frau Rat. Frau Rat arbeitet bei Pro Familia und führt Beratungsgespräche mit schwangeren Frauen und Mädchen, die eine Abtreibung wollen. In Deutschland ist ein solches Beratungsgespräch Pflicht, was die meisten Feministinnen als sexistische Bevormundung empfinden, die abgeschafft gehört.

Frau Rat sieht das nicht so.


1. Fall: Julia Müller, 17 Jahre, ist mit ihrer Mutter zum Beratungsgespräch gekommen.

Frau Rat: Julia, ich kann mir vorstellen, wie beängstigend das gerade alles für dich sein muss…
Frau Müller: Ja, eine Schande ist das. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie enttäuscht ich bin.
Julia schweigt.
Frau Rat: Nun ja, das ist schon tausenden anderen Frauen vor dir passiert, Julia. In diesem Gespräch möchte ich dir gerne erläutern, welche Möglichkeiten dir offen stehen…
Frau Müller: Da gibt es nichts zu erläutern. Füllen Sie einfach den Beratungsschein aus. Wir haben das bereits mit ihr besprochen.
Frau Rat: Sie und Julias Vater?
Frau Müller: Mein Mann und ich, ja. Für den ist eine Welt zusammen gebrochen. Die eigene Tochter… das Zeugnis voller Einsen und dann lässt sie sich schwängern… aber wir werden nicht zulassen, dass sie sich damit ihr ganzes Leben verpfuscht.
Frau Rat: Was sagst du denn dazu, Julia?
Frau Müller: Sie sagt gar nichts dazu. Unsere Entscheidung steht. Geben Sie uns einfach den Schein.
Frau Rat: Frau Müller, ich kann keinen Beratungsschein ausstellen, wenn Sie Ihre Tochter nicht zu Wort kommen lassen. Ich muss Sie leider bitten, kurz ins Wartezimmer zu gehen, damit ich mit Ihrer Tochter reden kann.
Frau Müller protestiert, fügt sich aber schließlich.
Frau Rat: Tja… ist sie immer so?
Julia: Ja… tut mir leid…
Frau Rat: Wie ist das eigentlich passiert? Pille vergessen?
Julia: Ich nehme die Pille gar nicht. Ich hab meine Mutter mal deswegen gefragt, aber sie ist total ausgerastet und, naja… mein Freund und ich haben dann Kondome benutzt…
Frau Rat: Hm, Kondome sind leider nicht so sicher wie die Pille. Wie haben deine Eltern reagiert?
Julia: Ich wollte es ihnen gar nicht direkt sagen, aber meine Mutter hat den Schwangerschaftstest gefunden… es gab einen Megakrach, so hab ich sie noch nie brüllen gehört… und am Ende meinten meine Eltern halt, ich muss es loswerden.
Frau Rat: Und was sagst du selbst dazu?
Julia: …ich weiß nicht. Ich will eigentlich nicht abtreiben. Aber wenn ich ein Kind habe, kann ich nicht studieren. Ich mache nächstes Jahr Abi, aber meine Eltern haben gesagt, mit einem Baby kann ich die Uni vergessen. Ich will so gerne Graphikdesignerin werden…
Frau Rat: Naja, das kann man so aber nicht sagen. Mit einen Baby zu studieren ist auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, aber es gibt bei den meisten Unis Hilfsangebote für junge Mütter. Es gibt zum Beispiel WGs, in denen nur Studentinnen mit Kind wohnen und sich gegenseitig unterstützen – beim Babysitten zum Beispiel.
Julia: Echt? Das hab ich noch nie gehört. Wow… aber wie soll ich das bezahlen? Meine Eltern haben gesagt, sie geben mir keinen Cent, wenn ich das Baby behalte.
Frau Rat: Das dürfen deine Eltern gar nicht. Solange du noch keine Ausbildung hast, müssen sie dir Unterhalt leisten, es sei denn, sie sind dazu finanziell nicht in der Lage.
Julia: Nee, das geht schon. Mein Vater hat ne eigene Firma…
Frau Rat: Dann müssen sie für dich aufkommen, egal ob mit oder ohne Baby. Und dir selbst steht dann ja auch staatliche Hilfe zu, Kindergeld zum Beispiel…
Julia: Dann könnte ich ja… aber… nein, das geht nicht. Ich kann nicht! Meine Eltern würden nie wieder mit mir reden!
Frau Rat: Hast du denn keinen, der dich unterstützt?
Julia: Naja, meine Tante, die hab ich nach diesem Riesenstreit sofort angerufen. Die war total sauer auf Mama deswegen und meinte, ich könnte notfalls bei ihr einziehen…
Frau Rat: Was ist denn mit deinem Freund?
Julia: Der war ziemlich geschockt, aber er meinte, wir kriegen das hin. Meine Eltern können ihn nicht leiden, weil seine Eltern aus der Türkei kommen. Dabei sind die voll nett und haben auch schon gesagt, dass sie helfen werden, wenn ich was brauche…
Frau Rat: Das klingt doch gar nicht sooo hoffnungslos.
Julia: Ja, eigentlich… aber meine Mutter…
Frau Rat: Julia, wichtig ist, dass du tust, was DU für richtig hältst. Du hast noch ein paar Wochen Zeit, um dich zu entscheiden. Schau, ich habe hier eine Liste mit allen Nummern und Adressen, an die du dich wenden kannst. Da sind auch ein paar Websites und ein Forum, durch die du dich mal klicken kannst mit allem, was man als junge Mutter wissen muss. Auch zum Thema Adoption…
Julia: Wow, das werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Danke!!
Frau Rat: Hier hast du deinen Beratungsschein. Viel Glück!


2. Fall: Renate Maier, 47, ist bereits zweifache Mutter und kommt mir ihrem Mann zur Beratung.

Frau Rat: Frau Maier, es ist eher ungewöhnlich, dass eine Frau Ihres Alters zu mir kommt. Und für die meisten ist es die erste Schwangerschaft…
Frau Maier: Ja, dann geben Sie uns doch bitte einfach diesen Schein. Mein Mann und ich sind seit 26 Jahren verheiratet, da werden wir doch wohl selbst wissen, was gut für uns ist.
Herr Maier: Ganz genau.
Frau Rat: Bitte lassen Sie uns trotzdem über Ihre Situation reden. Es dauert auch nicht lange. Ich nehme an, die Schwangerschaft war nicht so ganz geplant?
Frau Maier: Nein, das war im Urlaub… ich hatte meine Pille zuhause vergessen und ich wollte nicht zum Arzt im Ausland… ich hätte ja nicht gedacht, dass… als mir vorletzte Woche so schlecht war, dachte ich ja sogar, das wären jetzt die Wechseljahre…
Herr Maier wird rot.
Frau Rat: Aber Ihre Söhne waren Wunschkinder?
Frau Maier: Ja, natürlich!
Herr Maier: Also bei unserem Ältesten, da wollten wir damals eigentlich ja noch ein, zwei Jahre warten, bis wir mehr gespart hatten, aber Herrje, dann ist es halt passiert und wir haben es auch so hingekriegt, Gott sei Dank…
Frau Maier: Der hat gerade seinen Abschluss gemacht als Ingenieur. Der ist ja der erste in unserer Familie, der studiert hat. Unser Jüngster, der ist 20, der hat aber auch letztes Jahr angefangen. Der will Gymnasiums-Lehrer werden.
Frau Rat: Dann müssen Sie ja wahnsinnig stolz sein.
Frau Maier: Ja freilich! Und wenn ich ein paar Jahre jünger wäre… aber nein, das geht nicht…
Frau Rat: Warum glauben Sie das?
Frau Maier: Ach, so eine alte Mutter, das geht doch nicht… lieber so als… also, eine Bekannte von mir hatte eine Frühgeburt, da musste das Würmchen in so einen Brutkasten und hat da ganz hilflos gelegen mit all den Schläuchen… nach einer Woche ist es dann gestorben…
Herr Maier: Das könnte ich nicht. Da ginge ich kaputt von.
Frau Rat: Sie glauben also, das Baby hat sowieso keine Überlebenschance?
Frau Maier: Ja, ist doch so. Meine ältere Schwester hat ihr letztes Kind mit 27 bekommen, das war ’85. Damals hat der Doktor gesagt, sie wär eine „Spätgebärende“. Und ich bin zwanzig Jahre älter…
Frau Rat: Naja, das ist aber auch schon wieder 30 Jahre her. Heute ist man mit 27 eher früh dran. Und letztes Jahr sind in Deutschland fast 30.000 Kinder von Müttern über 40 geboren worden.
Herr Maier: 30.000? Das wusste ich nicht. Wusstest du das?
Frau Maier: Nein. Das ist ja ein Ding!
Frau Rat: Wie waren denn Ihre bisherigen Schwangerschaften?
Frau Maier: Die waren problemlos. Ein bisschen Übelkeit am Anfang, das war’s. Die Geburten dauerten auch nicht lange.
Herr Maier: Und unsere Buben sind kerngesund. Ich weiß nicht mehr, wann die das letzte Mal krank waren.
Frau Maier: Aber trotzdem… ich hab ja auch noch keine Krankheiten… aber der Gedanke, dass das Kleine stirbt oder irgendwie geschädigt ist… andererseits, so stirbt’s ja auf jeden Fall…
Herr Maier: Ach je…
Frau Rat: Frau Maier, ganz ehrlich: In Ihrem Alter gehören Sie tatsächlich zur Risikogruppe, aber Ihre letzte Schwangerschaft ist 20 Jahre her. Seitdem hat es sehr viele Fortschritte in der Medizin gegeben. Hier habe ich eine Liste mit Frauenärzten, die Erfahrung mit Risikoschwangerschaften haben. Vielleicht wollen Sie sich ja mal einen Termin geben lassen, bevor sie sich endgültig entscheiden.
Frau Maier: Danke… Also Heinz, ich glaube da ruf ich morgen mal an…
Herr Maier: Ja, mach das. Ach, so was Kleines wieder im Haus, das wär ja schon was…
Frau Rat: Und hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!


3. Fall: Lisa Schmidt, 28, ist allein gekommen.

Frau Rat: Also, Frau Schmidt, ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Situation reden…
Frau Schmidt: Geben Sie mir einfach diesen blöden Schein. Dass ich hier überhaupt antanzen muss… eine Unverschämtheit!
Frau Rat: Ich verstehe Ihre Verärgerung, aber ich bin wirklich nur hier, um Ihnen zu helfen…
Frau Schmidt: Ja, helfen, helfen – klar! Ich habe studiert, einen guten Job und kann mich problemlos selbst versorgen, aber hier muss ich trotzdem angekrochen kommen, als wäre ich zu blöd, das selber zu entscheiden!
Frau Rat: Sie sind gerade sehr aufgebracht.
Frau Schmidt: Natürlich bin ich aufgebracht!
Frau Rat: Ich möchte Ihnen wirklich nur Ihre Optionen aufzeigen und…
Frau Schmidt: Ich habe keine Optionen!! Ich muss abtreiben!! Ich muss!!
Frau Schmidt bricht in Tränen aus.
Frau Rat: Frau Schmidt, warum weinen Sie denn? Hier sind Taschentücher…
Frau Schmidt: Schnüff… Danke…
Frau Rat: Sie scheinen ja doch mit der Entscheidung zu hadern. Warum „müssen“ Sie abtreiben?
Frau Schmidt: Es ist mein Freund, er… Sie verstehen das nicht, er war am Anfang nicht so… und er hat sich entschuldigt… aber die Schwangerschaft…
Frau Rat: Frau Schmidt… werden Sie misshandelt?
Frau Schmidt: Nein, er… das ist doch nicht „misshandelt“… es hat nur ein paar Mal, wenn wir Streit hatten, also… er hat sich jedes Mal entschuldigt!
Frau Rat: Das macht es nicht besser. Haben Sie sich denn schon mal jemanden anvertraut? Was ist mit ihren Eltern?
Frau Schmidt: Oh Gott, das könnte ich ihnen nicht erzählen. Mein Vater würde ihn umbringen! Nur meine beste Freundin, die habe ich angerufen nach dem ersten Mal… aber die ist direkt ausgeflippt, meinte, sie würde mich sofort holen kommen und mit mir zur Polizei gehen… seitdem treffe ich sie fast nicht mehr, obwohl sie ständig anruft…
Frau Rat: Will ihr Freund etwa nicht, dass sie sich mit ihr treffen?
Frau Schmidt: Sie… sie haben sich sowieso nie gut verstanden. Er ist ja eigentlich nicht so, aber jetzt mit dem Baby… ich hatte vor ein paar Wochen einen Virusinfekt und war mir nicht sicher, ob die Pille noch wirkt und ich habe ihm GESAGT, wir sollten besser zusätzlich Kondome nehmen, aber er wollte nicht…
Frau Rat: Und deshalb sollen Sie jetzt abtreiben – weil er keine Kinder will?
Frau Schmidt: Ich liebe ihn, aber… ich kann doch nicht mein Baby umbringen!! Aber… er war so wütend… ich weiß nicht, was er tut, wenn ich ihm sage, dass ich es behalten will… aber ich kann auch nicht zu meinem Eltern… wir sind seit über drei Jahren zusammen, da kann ich doch nicht plötzlich ankommen und sagen, dass er mich schlägt!
Frau Rat: Frau Schmidt, es gibt absolut keinen Grund, sich zu schämen. Ich hatte schon einige Frauen in Ihrer Situation bei mir. Ich habe hier zahlreiche Broschüren mit Hilfsangeboten für misshandelte Frauen. Sie können sofort einen Termin machen, wenn Sie möchten. Bitte überlegen Sie sich das! Und egal, wie Sie sich wegen des Babys entscheiden – tun Sie, was SIE für richtig halten!
Frau Schmidt: Ja… ich muss etwas tun… ich halte das nicht mehr aus…
Frau Rat: Hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!

Und jetzt? Weiter mit Teil 2