Abtreibung und Beratung. Teil 1: Frau Rat und ihre Fälle

Ich erzähle euch heute mal etwas von Frau Rat. Frau Rat arbeitet bei Pro Familia und führt Beratungsgespräche mit schwangeren Frauen und Mädchen, die eine Abtreibung wollen. In Deutschland ist ein solches Beratungsgespräch Pflicht, was die meisten Feministinnen als sexistische Bevormundung empfinden, die abgeschafft gehört.

Frau Rat sieht das nicht so.


1. Fall: Julia Müller, 17 Jahre, ist mit ihrer Mutter zum Beratungsgespräch gekommen.

Frau Rat: Julia, ich kann mir vorstellen, wie beängstigend das gerade alles für dich sein muss…
Frau Müller: Ja, eine Schande ist das. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie enttäuscht ich bin.
Julia schweigt.
Frau Rat: Nun ja, das ist schon tausenden anderen Frauen vor dir passiert, Julia. In diesem Gespräch möchte ich dir gerne erläutern, welche Möglichkeiten dir offen stehen…
Frau Müller: Da gibt es nichts zu erläutern. Füllen Sie einfach den Beratungsschein aus. Wir haben das bereits mit ihr besprochen.
Frau Rat: Sie und Julias Vater?
Frau Müller: Mein Mann und ich, ja. Für den ist eine Welt zusammen gebrochen. Die eigene Tochter… das Zeugnis voller Einsen und dann lässt sie sich schwängern… aber wir werden nicht zulassen, dass sie sich damit ihr ganzes Leben verpfuscht.
Frau Rat: Was sagst du denn dazu, Julia?
Frau Müller: Sie sagt gar nichts dazu. Unsere Entscheidung steht. Geben Sie uns einfach den Schein.
Frau Rat: Frau Müller, ich kann keinen Beratungsschein ausstellen, wenn Sie Ihre Tochter nicht zu Wort kommen lassen. Ich muss Sie leider bitten, kurz ins Wartezimmer zu gehen, damit ich mit Ihrer Tochter reden kann.
Frau Müller protestiert, fügt sich aber schließlich.
Frau Rat: Tja… ist sie immer so?
Julia: Ja… tut mir leid…
Frau Rat: Wie ist das eigentlich passiert? Pille vergessen?
Julia: Ich nehme die Pille gar nicht. Ich hab meine Mutter mal deswegen gefragt, aber sie ist total ausgerastet und, naja… mein Freund und ich haben dann Kondome benutzt…
Frau Rat: Hm, Kondome sind leider nicht so sicher wie die Pille. Wie haben deine Eltern reagiert?
Julia: Ich wollte es ihnen gar nicht direkt sagen, aber meine Mutter hat den Schwangerschaftstest gefunden… es gab einen Megakrach, so hab ich sie noch nie brüllen gehört… und am Ende meinten meine Eltern halt, ich muss es loswerden.
Frau Rat: Und was sagst du selbst dazu?
Julia: …ich weiß nicht. Ich will eigentlich nicht abtreiben. Aber wenn ich ein Kind habe, kann ich nicht studieren. Ich mache nächstes Jahr Abi, aber meine Eltern haben gesagt, mit einem Baby kann ich die Uni vergessen. Ich will so gerne Graphikdesignerin werden…
Frau Rat: Naja, das kann man so aber nicht sagen. Mit einen Baby zu studieren ist auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, aber es gibt bei den meisten Unis Hilfsangebote für junge Mütter. Es gibt zum Beispiel WGs, in denen nur Studentinnen mit Kind wohnen und sich gegenseitig unterstützen – beim Babysitten zum Beispiel.
Julia: Echt? Das hab ich noch nie gehört. Wow… aber wie soll ich das bezahlen? Meine Eltern haben gesagt, sie geben mir keinen Cent, wenn ich das Baby behalte.
Frau Rat: Das dürfen deine Eltern gar nicht. Solange du noch keine Ausbildung hast, müssen sie dir Unterhalt leisten, es sei denn, sie sind dazu finanziell nicht in der Lage.
Julia: Nee, das geht schon. Mein Vater hat ne eigene Firma…
Frau Rat: Dann müssen sie für dich aufkommen, egal ob mit oder ohne Baby. Und dir selbst steht dann ja auch staatliche Hilfe zu, Kindergeld zum Beispiel…
Julia: Dann könnte ich ja… aber… nein, das geht nicht. Ich kann nicht! Meine Eltern würden nie wieder mit mir reden!
Frau Rat: Hast du denn keinen, der dich unterstützt?
Julia: Naja, meine Tante, die hab ich nach diesem Riesenstreit sofort angerufen. Die war total sauer auf Mama deswegen und meinte, ich könnte notfalls bei ihr einziehen…
Frau Rat: Was ist denn mit deinem Freund?
Julia: Der war ziemlich geschockt, aber er meinte, wir kriegen das hin. Meine Eltern können ihn nicht leiden, weil seine Eltern aus der Türkei kommen. Dabei sind die voll nett und haben auch schon gesagt, dass sie helfen werden, wenn ich was brauche…
Frau Rat: Das klingt doch gar nicht sooo hoffnungslos.
Julia: Ja, eigentlich… aber meine Mutter…
Frau Rat: Julia, wichtig ist, dass du tust, was DU für richtig hältst. Du hast noch ein paar Wochen Zeit, um dich zu entscheiden. Schau, ich habe hier eine Liste mit allen Nummern und Adressen, an die du dich wenden kannst. Da sind auch ein paar Websites und ein Forum, durch die du dich mal klicken kannst mit allem, was man als junge Mutter wissen muss. Auch zum Thema Adoption…
Julia: Wow, das werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Danke!!
Frau Rat: Hier hast du deinen Beratungsschein. Viel Glück!


2. Fall: Renate Maier, 47, ist bereits zweifache Mutter und kommt mir ihrem Mann zur Beratung.

Frau Rat: Frau Maier, es ist eher ungewöhnlich, dass eine Frau Ihres Alters zu mir kommt. Und für die meisten ist es die erste Schwangerschaft…
Frau Maier: Ja, dann geben Sie uns doch bitte einfach diesen Schein. Mein Mann und ich sind seit 26 Jahren verheiratet, da werden wir doch wohl selbst wissen, was gut für uns ist.
Herr Maier: Ganz genau.
Frau Rat: Bitte lassen Sie uns trotzdem über Ihre Situation reden. Es dauert auch nicht lange. Ich nehme an, die Schwangerschaft war nicht so ganz geplant?
Frau Maier: Nein, das war im Urlaub… ich hatte meine Pille zuhause vergessen und ich wollte nicht zum Arzt im Ausland… ich hätte ja nicht gedacht, dass… als mir vorletzte Woche so schlecht war, dachte ich ja sogar, das wären jetzt die Wechseljahre…
Herr Maier wird rot.
Frau Rat: Aber Ihre Söhne waren Wunschkinder?
Frau Maier: Ja, natürlich!
Herr Maier: Also bei unserem Ältesten, da wollten wir damals eigentlich ja noch ein, zwei Jahre warten, bis wir mehr gespart hatten, aber Herrje, dann ist es halt passiert und wir haben es auch so hingekriegt, Gott sei Dank…
Frau Maier: Der hat gerade seinen Abschluss gemacht als Ingenieur. Der ist ja der erste in unserer Familie, der studiert hat. Unser Jüngster, der ist 20, der hat aber auch letztes Jahr angefangen. Der will Gymnasiums-Lehrer werden.
Frau Rat: Dann müssen Sie ja wahnsinnig stolz sein.
Frau Maier: Ja freilich! Und wenn ich ein paar Jahre jünger wäre… aber nein, das geht nicht…
Frau Rat: Warum glauben Sie das?
Frau Maier: Ach, so eine alte Mutter, das geht doch nicht… lieber so als… also, eine Bekannte von mir hatte eine Frühgeburt, da musste das Würmchen in so einen Brutkasten und hat da ganz hilflos gelegen mit all den Schläuchen… nach einer Woche ist es dann gestorben…
Herr Maier: Das könnte ich nicht. Da ginge ich kaputt von.
Frau Rat: Sie glauben also, das Baby hat sowieso keine Überlebenschance?
Frau Maier: Ja, ist doch so. Meine ältere Schwester hat ihr letztes Kind mit 27 bekommen, das war ’85. Damals hat der Doktor gesagt, sie wär eine „Spätgebärende“. Und ich bin zwanzig Jahre älter…
Frau Rat: Naja, das ist aber auch schon wieder 30 Jahre her. Heute ist man mit 27 eher früh dran. Und letztes Jahr sind in Deutschland fast 30.000 Kinder von Müttern über 40 geboren worden.
Herr Maier: 30.000? Das wusste ich nicht. Wusstest du das?
Frau Maier: Nein. Das ist ja ein Ding!
Frau Rat: Wie waren denn Ihre bisherigen Schwangerschaften?
Frau Maier: Die waren problemlos. Ein bisschen Übelkeit am Anfang, das war’s. Die Geburten dauerten auch nicht lange.
Herr Maier: Und unsere Buben sind kerngesund. Ich weiß nicht mehr, wann die das letzte Mal krank waren.
Frau Maier: Aber trotzdem… ich hab ja auch noch keine Krankheiten… aber der Gedanke, dass das Kleine stirbt oder irgendwie geschädigt ist… andererseits, so stirbt’s ja auf jeden Fall…
Herr Maier: Ach je…
Frau Rat: Frau Maier, ganz ehrlich: In Ihrem Alter gehören Sie tatsächlich zur Risikogruppe, aber Ihre letzte Schwangerschaft ist 20 Jahre her. Seitdem hat es sehr viele Fortschritte in der Medizin gegeben. Hier habe ich eine Liste mit Frauenärzten, die Erfahrung mit Risikoschwangerschaften haben. Vielleicht wollen Sie sich ja mal einen Termin geben lassen, bevor sie sich endgültig entscheiden.
Frau Maier: Danke… Also Heinz, ich glaube da ruf ich morgen mal an…
Herr Maier: Ja, mach das. Ach, so was Kleines wieder im Haus, das wär ja schon was…
Frau Rat: Und hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!


3. Fall: Lisa Schmidt, 28, ist allein gekommen.

Frau Rat: Also, Frau Schmidt, ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Situation reden…
Frau Schmidt: Geben Sie mir einfach diesen blöden Schein. Dass ich hier überhaupt antanzen muss… eine Unverschämtheit!
Frau Rat: Ich verstehe Ihre Verärgerung, aber ich bin wirklich nur hier, um Ihnen zu helfen…
Frau Schmidt: Ja, helfen, helfen – klar! Ich habe studiert, einen guten Job und kann mich problemlos selbst versorgen, aber hier muss ich trotzdem angekrochen kommen, als wäre ich zu blöd, das selber zu entscheiden!
Frau Rat: Sie sind gerade sehr aufgebracht.
Frau Schmidt: Natürlich bin ich aufgebracht!
Frau Rat: Ich möchte Ihnen wirklich nur Ihre Optionen aufzeigen und…
Frau Schmidt: Ich habe keine Optionen!! Ich muss abtreiben!! Ich muss!!
Frau Schmidt bricht in Tränen aus.
Frau Rat: Frau Schmidt, warum weinen Sie denn? Hier sind Taschentücher…
Frau Schmidt: Schnüff… Danke…
Frau Rat: Sie scheinen ja doch mit der Entscheidung zu hadern. Warum „müssen“ Sie abtreiben?
Frau Schmidt: Es ist mein Freund, er… Sie verstehen das nicht, er war am Anfang nicht so… und er hat sich entschuldigt… aber die Schwangerschaft…
Frau Rat: Frau Schmidt… werden Sie misshandelt?
Frau Schmidt: Nein, er… das ist doch nicht „misshandelt“… es hat nur ein paar Mal, wenn wir Streit hatten, also… er hat sich jedes Mal entschuldigt!
Frau Rat: Das macht es nicht besser. Haben Sie sich denn schon mal jemanden anvertraut? Was ist mit ihren Eltern?
Frau Schmidt: Oh Gott, das könnte ich ihnen nicht erzählen. Mein Vater würde ihn umbringen! Nur meine beste Freundin, die habe ich angerufen nach dem ersten Mal… aber die ist direkt ausgeflippt, meinte, sie würde mich sofort holen kommen und mit mir zur Polizei gehen… seitdem treffe ich sie fast nicht mehr, obwohl sie ständig anruft…
Frau Rat: Will ihr Freund etwa nicht, dass sie sich mit ihr treffen?
Frau Schmidt: Sie… sie haben sich sowieso nie gut verstanden. Er ist ja eigentlich nicht so, aber jetzt mit dem Baby… ich hatte vor ein paar Wochen einen Virusinfekt und war mir nicht sicher, ob die Pille noch wirkt und ich habe ihm GESAGT, wir sollten besser zusätzlich Kondome nehmen, aber er wollte nicht…
Frau Rat: Und deshalb sollen Sie jetzt abtreiben – weil er keine Kinder will?
Frau Schmidt: Ich liebe ihn, aber… ich kann doch nicht mein Baby umbringen!! Aber… er war so wütend… ich weiß nicht, was er tut, wenn ich ihm sage, dass ich es behalten will… aber ich kann auch nicht zu meinem Eltern… wir sind seit über drei Jahren zusammen, da kann ich doch nicht plötzlich ankommen und sagen, dass er mich schlägt!
Frau Rat: Frau Schmidt, es gibt absolut keinen Grund, sich zu schämen. Ich hatte schon einige Frauen in Ihrer Situation bei mir. Ich habe hier zahlreiche Broschüren mit Hilfsangeboten für misshandelte Frauen. Sie können sofort einen Termin machen, wenn Sie möchten. Bitte überlegen Sie sich das! Und egal, wie Sie sich wegen des Babys entscheiden – tun Sie, was SIE für richtig halten!
Frau Schmidt: Ja… ich muss etwas tun… ich halte das nicht mehr aus…
Frau Rat: Hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!

Und jetzt? Weiter mit Teil 2

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3 Gedanken zu “Abtreibung und Beratung. Teil 1: Frau Rat und ihre Fälle

  1. Pingback: Abtreibung und Beratung. Teil 2: Ein Zwang, der eigentlich nur eine Pflicht ist und manchmal eine Chance sein kann | robins urban life stories

  2. Ich nehme mal an die Dialoge sind frei erfunden.
    Das was ich erlebt habe, und nicht nur einmal, war irgend wie so ganz anders.

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