Eure Awareness kotzt mich an!

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

Dieser Tag beginnt, wie der letzte endete: mit Tränen.

Viel weinen oder gar nicht, viel fressen oder wenig, viel schlafen oder sich rumwälzen.

Manchmal schlafe ich 10 Stunden am Tag. Eine kleine Flucht, die mir bleibt. Ich träume meist intensiv, oft totalen Schwachsinn, aber wenigstens ist es nicht langweilig. Ich schlafe so viel, dass mir der Rücken weh tut. Oft lege ich mich ins Bett, weil ich nicht mehr sitzen kann. Und stehe ich morgens, das heißt mittags, aus dem Bett auf, geht’s nach einem Abstecher ins Bad erst mal auf die Couch – zum Ausruhen. Ausruhen vom Aufstehen. Das ist kein Witz.

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Und jetzt?

Sagt mir nicht “Bitte such dir Hilfe!” Es gibt keine Hilfe. Ich möchte, dass ihr das kapiert: Es gibt keine Hilfe. Eine Depression ist nicht wie ein fauler Zahn, der einem sofort einen Notfalltermin beim Zahnarzt verschafft. Nee, hier fault nur die Seele, das ist was anderes.

Anrufen, Therapeutentermine vereinbaren. Irgendwo kommt ein Stückchen Elan her und ich greife zum Hörer. Die Therapeuten habe ich mir vorher aus einer Liste ausgesucht.
Dabei die Frage: Kann ich da überhaupt Ansprüche stellen? Wenn man so lange warten muss, nimmt man dann nicht das, was man kriegen kann? Auch wenn man persönlich von einem rein psychoanalytischen Ansatz überhaupt nicht überzeugt ist? Brauche ich einen abgehobenen Freudianer, der mir erzählt, dass all meine Probleme im Endeffekt darauf zurück zu führen sind, dass meine Mutter mich nicht stillen konnte? Ach ja, und irgendwas mit Penis?

Es gibt Therapieplätze und davon viel zu wenige. Wenn ich morgen irgendwo da anrufe, habe ich mit Glück einen Termin in einem halben Jahr.
Nicht, dass ich morgen einfach irgendwo anrufen könnte. “Einfach irgendwo anrufen” ist nämlich nicht. Depressionen gehen mit Antriebsschwäche einher. Das Internet sagt dazu “Prokrastinieren”. Dieses Scheiß-Internet. Antriebsschwäche fühlt sich eher so an wie in einem Eisblock eingeschlossen zu sein. Ein Eisblock auf meiner Couch, den starren Blick auf einen Stapel Dreckwäsche gerichtet, die dringend gewaschen werden muss, weil ich nichts mehr zum Anziehen habe und es anfängt zu müffeln und mit jedem Tag wächst der Berg trotzdem weiter, aber ich sitze einfach nur da und starre. Manchmal werde ich nachts wach, denke an überfällige Bücher oder was auch immer gerade ansteht und bekomme Herzrasen. DANN könnte ich es sofort machen, aber dann ist ja Nacht, da ist die Bibliothek zu. Und am nächsten Morgen hat sich das Eis wieder um mich geschlossen.

Ich habe die Liste vor mir, die mir mein Hausarzt gab mit den besten Wünschen. Ich habe die Therapeuten markiert, die meine favorisierte Methode anbieten. Zehn Therapeuten. Zwölf verschiedene Sprechstundenzeiten.
Mir laufen wieder die Tränen. Ich lausche den Ansagen vom Band, notiere mir die Sprechstundenzeiten, darunter so Perlen wie “Montags zwischen viertel vor 9 und 9″. Ich habe einen Schritt gemacht und er war umsonst ohne den nächsten.
Der nächste Schritt. Der nächste Schritt. Zwei bis achtzig Wochen später, Montagmorgen. So lange habe ich gebraucht, bis ich rechtzeitig aufstehen konnte. 8 Uhr fünfundvierzig. Es klingelt. Niemand geht ran. Ich probiere es noch drei Mal. Nichts.

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem. Krankenhäuser, die Psychiatrien angeschlossen haben, schicken dort am Wochenende gerne Komasäufer hin. Die sind nämlich laut und kotzen, das nervt, also raus aus dem Krankenbett, ab zu den Psychos, und diese zwar zu hart feiernden, aber ansonsten völlig gesunden Menschen müssen am nächsten Tag Fragen zu ihrer nicht vorhandenen Suchtproblematik beantworten, weil die in der Ambulanz behauptet haben, die hätten eine Suchtproblematik, weil sie die ja sonst nicht in die Psychiatrie hätten abschieben können.

Nein, da will ich nicht hin.

Ich komme durch, bekomme einen Termin. Endlich. Therapeutin: Ein Megafail. Ich soll erzählen, also erzähle ich und mittendrin unterbricht sie mich und verbietet mir, weitere Taschentücher zu nehmen, weil sie später noch Gruppentherapie hat und das ihre letzte Packung Kleenex ist. Wir verabreden einen zweiten Termin. Sie sagt ihn ab, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse schreibt, den meine Mutter erreicht.

#NotJustSad. Depressive sind nicht einfach nur traurig. Wow. Haltet die Druckerpressen an, wir haben hier die banalste Schlagzeile der Welt.
Ihr habt studiert? Könnt Wikipedia bedienen? Warum wisst ihr das dann nicht? Und der Rest, die ganzen Arschlöcher, die einen für unzurechnungsfähig erklären oder für kleine Mimosen… denkt ihr, die lassen sich von einem Hashtag beeindrucken oder ein paar Artikeln?
Aber man liest es ja doch und fühlt sich voll aware, haut ein paar Internetadressen raus (“Hilfsangebote”) und weiter zum nächsten Skandälchen. Vielleicht hat ja jemand offizielles irgendwo “Schwule” gesagt und “Homosexuelle” gemeint, sowas geht doch nicht, Shitstorm on.

Zweiter Therapeut. Schlaffer Händedruck, ausdrucksloses Gesicht. Er sieht mich während der gesamten Sitzung nicht an und gibt mir am Ende eine Liste mit Therapeuten. Ich frage, warum er mir nur Frauen empfiehlt, mir ist das egal, ich habe keine Missbrauchserfahrung oder sonstiges, was es mir unmöglich macht, zu einem männlichen Therapeeuten zu gehen. Er nennt die Frage sinnlos. Ich deute an, dass ich aufgetaucht bin, weil ich ja bei IHM Therapie machen wollte. Er schnarrt: “Abgelehnt!” Ich bin fassungslos, springe auf, stammle irgendwas. “Unglaublich… in diesem Land…!”
Ich bin schon an der Tür. Er antwortet stoisch: “Dann wandern Sie doch aus.”

Ich weine auf dem Weg nach Hause, denke, dass diese Ignoranz mich hätte umbringen können, wäre ich gerade suizidal. Ein Teil von mir wünscht, ich wäre es.

Nur sehr wenige Behandlungsmethoden werden von der Krankenkasse anerkannt und übernommen. Eine neue Behandlungsmethode zur kassenärztlichen Legitimation zu verhelfen – ein jahrelanger Prozess, selbst wenn der Erfolg nicht wegzudiskutieren ist. Als würde man jemanden mit Schmerzen Aspirin verabreichen, weil irgendwie noch nicht abschließend geklärt ist, ob dieses ominöse Morphium auch tatsächlich wirkt.
Die Lösung besteht darin, sich einen Therapeut zu suchen, der beides kann: Die Behandlung, die von der Kasse bezahlt wird und die Behandlung, die tatsächlich am besten für einen ist. Der Therapeut therapiert dann nach der einen Methode, schreibt aber für die Kasse die andere auf die Abrechnung. So fickt man das System. Das System wollte es doch so.

Termin 3. Therapeutin, sympathisch, perfekt. Leider für mich nix frei. Aber sie empfiehlt mir Therapeuten und streicht sie für mich an.
Anruf. “Wir KÖNNEN Sie auf die Warteliste setzen, aber das dauert ein halbes Jahr!”
“Ist okay. Bitte setzen Sie mich drauf.”
“Wir haben SEHR viele Anfragen und viele kriegen zwischenzeitlich anderswo einen Therapieplatz, ohne sich bei uns abzumelden. Das ist sehr aufwendig und ärgerlich für uns. Bitte rufen Sie deshalb in drei Monaten wieder an, um zu bestätigen, dass Sie immer noch warten.”

Haha. In drei Monaten nochmal anrufen. Klar. Easy. Was spricht dagegen. “Einfach so”.

Ich bedanke mich, lege auf und notiere diese Frist in dem Wissen, dass ich sie niemals einhalten werde.

Nein, eigentlich will das System nur eines: mich tot sehen. Mich und andere wie mich. Wir kosten zuviel. Natürlich koste ich momentan überhaupt nichts, so ohne Therapieplatz, und so soll das auch bleiben. Die Nachfrage bestimmt das Angebot – nicht bei unseren Krankenkassen. Künstliche Verknappung.
Wer als Therapeut Patienten auf Rechnung der Krankenkassen behandeln will, braucht einen Kassensitz. Ein Kassensitz muss er sich aber erst kaufen gegen viele, viele tausend Euro. Und selbst wenn er so viel Geld mal einfach so aus dem Ärmel schütteln kann, kriegt er wahrscheinlich keinen, weil es ja nicht zu viele Therapeuten mit Kassensitz geben soll, denn so viel Bedarf besteht ja nicht. Also wird die Anzahl der Kassensitze klein gehalten, obwohl ein Bedarf nach Therapeuten mit Kassensitz eindeutig da ist. Angebot und Nachfrage – sonst gäbe es ja keine Wartezeiten von einem halben Jahr. Es sei denn, man ist reich und bezahlt die Behandlung selber.

Wusstet ihr nicht, ne?

Anderer Therapeut. “Die Wartezeiten für Einzeltherapie sind gerade sehr lang. In der Gruppentherapie sind aber noch Plätze frei!”
Ich mag keine Gruppentherapie. Ich hasse es, vor Fremden zu weinen. Und es interessiert mich nicht, ob Peter seit dem Tod seiner Frau keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht oder Paula in der Schule immer gemobbt worden ist. Ich fühle mich herzlos, wenn ich das denke, aber es ist so. Ich habe keine Kraft für andere. Ich habe keine Kraft für eine kaputte Gruppe.

Ich komme auf die Warteliste. Ich soll das in einem halben Jahr nochmal bestätigen. Haha.

Wenn ein Therapeut mit Kassensitz nichts mehr frei hat, kann der einen genau das bescheinigen. Sammelt man genug dieser Absagen, kann man damit zur Krankenkasse gehen. Dort knallt man denen das als Beweis auf den Tisch, dass sie mit der Berechnung des Bedarfs an Kassensitzen Scheiße gebaut haben. Die Krankenkasse bezahlt dem Patienten dann einen Therapeuten ohne Kassensitz. So bluten sie dann doch für ihre selbst erzeugte Knappheit.

Vor ein paar Jahren ging von den Krankenkassen eine Anweisung an ihre Therapeuten, solche Bescheinigungen nicht mehr auszustellen. Man wollte den Leuten keinen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, auch wenn alle anderen Therapeuten schon ausgelastet waren. Dagegen haben sich die Therapeuten dann aber gewehrt. Unethisch sei das. Recht hatten sie.

Wusstet ihr nicht, ne?

Therapieambulanz. Wurde mir bereits ein Dutzend mal empfohlen. Geht schneller, ist für harte Fälle besser. Ich bin skeptisch: eine Ambulanz? Was für Ansätze verfolgen die? Können die überhaupt was?
Jahre später. Therapieambulanz, jetzt endlich. Tägliche Sprechstundenzeiten. Keiner geht ran. Aber wenigstens gibt es eine Emailadresse. Protokoll, Ausschnitt:
“Wir senden Ihnen die Unterlagen zu. Die Wartezeit beträgt sechs Monate.”
“Mir wurde gesagt, bei euch geht es schneller. War das eine Fehlinformation?”
“Ja, das war leider eine Fehlinformation.”

#NotJustSad, ja, lest das und denkt, wie schlimm das doch alles ist. “Du bist ein toller Mensch! Such dir bitte Hilfe!”
Alles klar, Leute. Wie wär’s mit einem Hashtag #NotSoEasy. Not so easy at all.

Und jetzt stellt euch vor, man würde einem Querschnittsgelähmten die Reha verweigern und was für ein Skandal das wäre. Aber ihr sagt, das wäre dasselbe. „Ableismus“. Von „to be able“ – „fähig sein“. Die Diskriminierung von behinderten Menschen, die gewisse Dinge nicht so können wie gesunde Menschen. So wie ein blinder Mensch nicht sehen kann. So wie ein gelähmter Mensch nicht gehen kann.

So wie ein depressiver Mensch nicht… was? Was, zur Hölle?

Es war selbstverständlich absolut ableistisch von mir, als selbst Betroffene anzumerken, dass ich mich gegen diesen Begriff verwehre. Nicht als behindert gelten zu wollen kann ja nur bedeuten, dass ich was gegen Behinderte habe, ableistisch bin – unaware. Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politsche Programm passt.

Ich habe selbstverständlich absolut nichts gegen Behinderte. Die meisten Behinderten möchten ihre Behinderung nicht als tatsächlichen Makel verstehen. Recht haben sie. Und jede offene, freie Gesellschaft MUSS in der Lage sein, Behinderten und ihren Besonderheiten einen Platz bereit zu halten, eine Möglichkeit, ein zufriedenes Leben zu führen, auch ohne Sehvermögen oder funktionierenden Beinen.

Dagegen meine Depression. Oh, dafür sollte man dich nicht verurteilen und dieser Typ in diesem Flugzeug, also, dass die einfach behaupten, der sei depressiv gewesen, das KANN ja gar nicht sein! Shitstorm! Sieh nur, ich akzeptiere deine Besonderheit! Ich bin aware!

Oh mein Gott, ihr Arschlöcher, hier für euch eine Durchsage: Ich hasse meine Depression. Ich hasse sie, weil sie mein Leben zerstört, mein Leben bedroht und das letzte was ich will ist, dass ihr sie „akzeptiert“. Ich will, dass ihr sie genauso hasst wie ich und wie hoffentlich kein Behinderter seine Behinderung hasst!!!

„Aber nein, das verstehst du falsch. Ableismus, okay, damit wird meist auf Behinderungen rekurriert, aber, naja, „able“ heißt „fähig“ und umfasst alles, was damit irgendwie zu tun hat.“

Okay, ich bin also nicht fähig, morgens auf dem Bett aufzustehen, mich an Dingen zu erfreuen, glücklich zu sein. Ich bin außerdem nicht fähig, japanisch zu sprechen oder mit Computern umzugehen und einmal habe ich in einem Anfall selbstzerstörerischer Leichtsinnigkeit eine Glasscheibe eingeschlagen, musste ein paar Tage einen Verband tragen und war nicht fähig, meine Hand zu benutzen. Ableismus, Diskriminierung aufgrund fehlender Befähigung? Meine Güte, Wikipedia hat angerufen: Sie hätten gerne eine Definition, die nicht auf alles passt.

Einmal hat mir jemand, sicher in bester Absicht, mitfühlend geschrieben, wie schwer das sicher alles ist, so als Depressive. Allein, wie man auf der Arbeit diskriminiert wird. Und ich musste stumm kichern. Depression, das ist keine Behinderung, denn Depressionen kann man verstecken, jedenfalls bis es zu spät ist. Und kein depressiver Mensch geht damit in seinem echten Leben bei fremden Menschen hausieren.

Millionen Menschen leiden an Depressionen, hundert- und tausendmal mehr Betroffene als bei anderen „Besonderheiten“, für die ihr schicke neue Namen für Diskriminierungsformen erfindet, aber psychische Erkrankungen sortiert ihr bei Ableismus unter „ferner liefen“. Danke für diese Bestätigung meiner heimlichen Überzeugung, unwert zu sein. Danke für nichts.

Mich über Unwichtigkeiten ereifern, jetzt tue ich es schon selber. Nennt das, was man uns antut, halt „Ableismus“, ignoriert Stimmen von Betroffenen.
Natürlich ist es DAS, was mich eigentlich stört – nicht ein dämliches Wort. Betroffene werden nur gehört, wenn das, was sie zu sagen haben, zur Agenda passt. Und die Agenda heißt: Shitstorm. Moralische Empörung. Political correctness.

„Hab den Mathetest verhauen. Bin voll depri.“ Oh, das hat die Tussi jetzt NICHT gesagt, so ne Ignoranz, einfach medizinische Fachbegriffe zweckentfremden, wissen die Leute denn nicht, wie sich Betroffene bei sowas fühlen, Shitstorm, auf sie! Wir sind AWARE!!!

Ich lese „depri“ und fühle nichts. Weil es so unbedeutend ist. Umgangssprache. „ABER WORTE SCHAFFEN REALITÄT UND SPRACHE KANN BELIEBIG GEWANDELT WERDEN!“ – Ja, und deswegen heißt „depri“ hier „down“ und „Ich leide an Depressionen“ heißt „Ich leide an Depressionen“. So wie „Wenn ihr wirklich helfen wolltet, hättet ihr besseres zu tun als euch über so eine unwichtige Scheiße aufzuregen, ihr Idioten!!“ meint… nun, genau das. (Nur darf man „Idiot“ ja auch nicht mehr sagen. Das beleidigt Idioten. Aber möglicherweise ist es ja doch beleidigender, bei „Idiotie“ an geistige Behinderungen zu denken statt an Idioten.)

Währenddessen setzt irgendeine von euch eine Triggerwarnung über eine sexistische Werbung oder nennt eine prekäre Lebensituation „traumatisch“ und nein, das deckt sich ja so überhaupt nicht mit der medizinisch-psychiatrischen Definition, aber keine Sau interessiert’s, wer genug Fans hat, hat die Definitionsmacht, Scheiß auf Betroffene, außer die trinken mit dir einen Club Mate nach der Vorlesung und teilen deine Artikel auf Twitter. Nein, ich kritisiere keine Begrifflichkeiten, ich kritisiere diese unerträgliche Bigotterie und öde Irrelevanz eurer Awareness in Angesicht einer Krankheit, die unbehandelt zum Tod führt.

Man hat mir einen Anamnesebogen geschickt. Ich habe ihn vor mir, sechzig Seiten mit vielen intimen, distanzlosen, triggernden, ja wirklich triggernden Fragen und ich heule wieder. Fragen, steril formuliert, schwarze Tinte auf weißem Papier, ohne persönlichen Kontakt, niemand, der meine unmittelbare Reaktion sieht und mich auffangen könnte. Ich bin überfordert, denn ich weiß nicht, wie der Scheiß genau ausgewertet wird. Wenn meine Verfassung aber zu schlecht scheint, nehmen sie mich nicht. Gehen Sie in die Psychiatrie, da haben die all die tollen Drogen und ein schönes Zimmer, das Sie mit einem Komasäufer teilen können, der die ganze Nacht kotzt und sich einscheißt und morgen wieder weg ist.

Und wenn Sie nicht gehen und auch den Fragebogen nicht zurück schicken können, weil das schon wieder ein zu großer Schritt ist, weil wir Ihnen nicht helfen, weil Ihnen in diesem großen reichen Land niemand hilft, am allerwenigsten die, die es am lautesten behaupten, denn diese hysterischen Heuchler ohne auch nur das geringste Verständnis dafür, was es heißt, wirklich NICHT NUR TRAURIG und damit ALLEIN GELASSEN zu sein kreisen nur um sich selbst in ihrer billigen Imitation eines Menschen, dem andere nicht scheißegal sind – wenn Sie also letztendlich zusammenbrechen, dann tun Sie uns wenigstens den Gefallen und sterben leise.

Ich bin Robin, ich suche seit neun Jahren einen Therapieplatz und eure selbstgefällige Awareness kotzt mich so dermaßen an.


Wegen der großen Resonanz habe ich noch einige Ergänzungen nieder geschrieben. Darüber, was falsch ist, darüber, was sich ändern muss. Eure Ideen? Bitte lest hier: Awareness. Und jetzt?

Edit: Und noch zwei Nachträge:
1. Für die, die den Artikel mochten
2. Für die, die sich darüber aufregen

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102 Gedanken zu “Eure Awareness kotzt mich an!

  1. In solchen schweren Fällen wird dir eine ambulante Therapie nichts, aber auch gar nichts nützen, außer vielleicht um genau diese Erkenntnis reicher zu sein!
    Warst du überhaupt schon mal in deinem Leben in einer Psychiatrie, geschweige denn bei einem Psychiater, oder zumindest mal bei deinem Hausarzt und hast mit ihm über deine Erkrankung gesprochen? Woher stammen überhaupt deine verqueren Ansichten über psychiatrische Kliniken, etwa aus dem „Scheiß-Internet“? Eine reine Gesprächstherapie wird dir einen verfickten Scheißdreck bringen! Glaubst du etwa ein Therapeut, der dir ein paar Anweisungen gibt, dein Verhalten zu ändern, und ein bisschen in deiner Vergangenheit rumwühlt, wird dich wie durch ein Wunder von deiner Krankheit heilen? Du brauchst viel mehr Hilfe, als dich einmal die Woche für 45min bei einem Therapeuten auszuheulen! Deine Naivität kotzt mich an! Du stehst immer noch ganz am Anfang deines Leidensweges, und er wird verdammt lang werden! Hör verdammt nochmal damit auf, dein leiden über alles zu stellen, und bring endlich den Mut auf, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die auch für Leute wie dich gedacht ist, oder geh gefälligst an deinen Depressionen zu Grunde!

    • Auch wenn ich deinen Tonfall etwas unangebracht finde, möchte ich dir zumindest inhaltlich aus eigener Erfahrung recht geben. In gewissen Stadien bringt eine ambulante Therapie gar nichts. Ich hatte das Glück, dass ich einen fähigen Hausarzt hatte, der mir einen Therapieplatz in der Psychosomatik besorgt hat – und was soll ich sagen: Jedem, der krass leidet, empfehle ich möglichst zügig stationär zu gehen. Nirgendwo sonst wird man so schnell und nachhaltig stabilisiert.
      Wohlbemerkt, Psychosomatik, nicht Psychiatrie.

    • Wow, na da kennt sich aber jemand mit dem aktuellen Stand der Forschung zur Wirksamkeit ambulanter Therapie bei Depression (und anderen schweren, komplexen psychischen Problemen) aus…. Nicht!

      Psychiatrie, insbesondere in der Variante psychopharmakologische Behandlung, ist verglichen mit ambulanter Therapie (in diesem Fall kognitiv-behavioral, die nicht für Jede*n etwas ist), deutlich überlegen. Dazu gibt es nicht nur Studien, sondern mittlerweile sogar Metaanalysen.

      Was Robin hier beschreibt, erfordert Mut, denn wie sagte es kurt Tucholsky so schön: „Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

      Ja okay, der Post ist frustriert und emotional geschrieben, aber so what, das geschilderte ist dadurch nicht weniger richtig und bei der aktuellen Versorgungslage in Deutschland und der Borniertheit etablierter Therapieansätze gegenüber anderen Ansätzen ist Frustration so ziemlich die einzige angemessene Reaktion.

      … und welche Probleme haben wir mit uns selbst, dass wir andere im Internet grundlos von oben herab anpöbelnj müssen, obwohl wir sehr sehr offensichtich von der Materie nicht den leisesten Schimmer haben? Oder selbst schonmal mit einer schweren Depression in der Psychiatrie gewesen?

      Man muss schon selbst verflucht naiv (und arrogant) sein, um zu denken, dass jemand sich deshalb Hilfe sucht, weil man ihm*ihr im Internet geschrieben hat er*sie möge doch bitte an seinen Problemen zugrunde gehen.

      Ich zumindes wünsche Dir, Robin, den Support, den Du brauchst und hoffentlich zeitnah eine*n freie*n und fähige*n Therapeut*in!

    • Hi Klara, vielen Dank für deinen Kommentar, er ist einer der wenigen aufrichtigen. Ich selber hätte nichts anderes geschrieben, aber das hast du ja nun schon getan. Wer immer die sogenannte Robin auch ist, sie ist ein Troll zweiten Grades, also eine Person, die psychisch vom Provozieren von Trollen zehrt und sich in dieser Situation auf irre Weise eingerichtet hat. Außerdem ist sie dann natürlich auch noch super gerne Opfer. Liebe Robin, bitte gehe nicht an deiner Depression zugrunde, sondern sorge für deine stationäre Behandlung. Nicht in neun Jahren, sondern JETZT. Gute Besserung.

    • Richtig! Habe in vielen Jahren keinen kennen gelernt dem ein Therapeut helfen konnte. Im Endeffekt muss jeder lernen sich selbst zu helfen. Allein, oder mit einem geliebten Menschen sein Leben zu meistern…

    • Abgesehen davon ob man jetzt der Meinung ist, dass in diesem Fall Psychotherapie oder Psychatrie besser ist oder nicht (ich kann auch nicht allem zustimmen, was die Autorin schreibt):

      Ist das nicht eine seltsame Verhaltensweise von dir, wenn du zuerst behauptest dass diese Persone ernsthaft krank ist und umfassendere Behandlung in Anspruch nehmen sollst, und ann beendest du den Beitrag damit, dass sie auch an ihren Depressionen zugrunde gehen könnte?

      Entweder du glaubst nicht ganz daran, dass sie tatsächlich krank ist (und willst sie quasi „schocktherapieren“ mit deiner Aussage), oder du bist ziemlich unsensibel und hast doch keinen Plan, was bei psychischen Krankheiten dahintersteckt (obwohl es bis dahin so wirkte, als hättest du Erfahrung in dem Bereich). Oder du hast selbst Probleme, die es dir nicht ermöglichen eine einfühlsame Antwort zu schreiben – dann wünsche ich dir alles Gute auf deinem Weg der Besserung.

    • Clara, komm mal klar!
      ich finde deinen Kommentar wirklich gemein. Bist du dir überhaupt darüber bewusst, was die Aussage „geh doch an deinen Depressionen zugrunde“ bei depressiven Menschen bewirken kann?
      Was mast du dir eigentlich an, die Erfahrungen von Robin, und die durchaus berechtigte Kritik, so unfreundlich zu kritisieren – und noch dazu den Text nicht richtig zu lesen. Denn Robin war scheinbar schon mehrfach bei entsprechende n Ärzten…
      Und weiter: woher willst du ohne anamnese wissen können, wie schwer robins Fall ist?
      Ich kann nur sagen: psychatrie ist wirklich nur etwas für akute Zustände, wenn es nicht mehr anders geht und keineswegs ein Ersatz für eine, mitunter auch ambulante, Therapie.
      aus eigener Erfahrung kann ich die aussagen des Artikels nur bekräftigen: es ist die Hölle in Deutschland als depressiver Mensch einen therapieplatz zu finden… alle Menschen, die ich kenne haben diesen nur über Beziehungen bekommen….
      ich hatte sehr lange das Gefühl, krank zu sein und nicht behandelt zu werden,… Klingt so simpel, ist aber wirklich so als ob man einem verblutenden sagen würde“binden sind gerade aus, das hört schon wieder so auf, gedulden Die sich’….

      Robin: danke für diesen Artikel, er bringt es auf den Punkt. es wäre interessant in welcher Stadt du wohnst, Womöglich kann man ja was organisieren oder Tipps teilen.

    • Hallo Robin,
      deine Suche in 9 Jahren kann ich nicht nachvollziehen.
      Ich bin sebst in die Klinik gefahren, in die Psychiatrische Notfallambulanz….Glücklicherweise hatte man einen Platz frei, denn ich wollte dort bleiben , weil ich wollte das man mir hilft.
      Ich wurde nicht abgestellt . ich bekam eine Psycholgin, einige Aufgaben für die Woche und Einzel -und Gruppentherapie, nach 2 Wochen wurd ich medikamentös eingestellt und ich blieb 6 Wochen auf Station.
      Währenddessen suchte ich mir nach Rücksprache mit meiner Psycholgin, einen Platz in einer Tagesklinik und mußte auch hier nur 10 Tage warten.
      Nach 10 Wochen Tagesklinik (09:00- 15:30h ) , in der Zwischenzeit habe ich mir eine ambulante Psychologin gesucht , bekam ich weiterhin Verhaltenstherapie um , um weiterhin zu lernen mit der Krankheit umzugehen.
      Ich habe immer viele Fragen gestellt und gefordert, denn ich bin und war, obwohl ich mittelschwere Depressionen hatte, kein Opfer. ich wollte wieder am Leben teilnehmen. ich war sehr froh über genau diesen Weg… ich habe viel über mich gelernt 🙂

  2. Wow, sorry dass ich das sage, aber das hat mir ziemlich die hoffnung genommen, ich habe erst vor etwa 2 Monaten angefangen einen Therapieplatz zu suchen. Nach einem eingängigen gespräch mit meinem neuen Hausarzt hat er mir versprochen einen Platz bis Ende des Monats zu besorgen.
    Ich hoffe das stimmt.
    Die meisten deiner Symptome kann ich unterzeichnen, in letzter Zeit schlafe ich des öfteren bis zu 12h und ich träume von einem anderen leben, dort habe ich eine Frau und familie die mich liebt, jeden morgen wenn ich aufwache fühlt sich alles falsch an, ich möchte nicht mehr aufwachen.
    Aber ich kann mich noch an sachen erfreuen, immer wenn ich irgendwo versinken kann, eine Staffel Dawsons Creek am stück, Bücher, Videospiele, aber immer wenn ich der realität wieder ins Auge sehen muss…

  3. Hallo Robin,

    zuerst einmal, danke für deinen Text. Ich sitze hier, seit zwei Monaten langsam auf dem Weg der Besserung (zumindest mache ich mir das mal erfolgreich vor) mir stehen die Tränen in den Augen. Diese Scheiß-Tränen.
    Danke, dass du aufgeschrieben hast, wofür viele Menschen denen es so geht wie dir, keine Worte finden. Sicherlich, jeder fühlt anders, aber was du da niedergeschrieben hast bringt das Grundproblem doch ziemlich auf den Punkt. Und dieser absurde Gedanke, der dann doch in einigen Kommentaren auftaucht, das Depression heilbar wäre. Naja, ich vermute es ist halt nicht so einfach zu verstehen.
    Da ich auch nicht mehr weiß als du, und nur mit mehr Glück als Verstand einen Therapieplatz bei einem fähigen Therapeuten bekommen habe, bleibt mir nicht mehr als dir die Daumen zu drücken.

    Cheers

  4. Also ich habe keine Ahnung von Depressionen und Krankenkassen und jaa dein Situation ist voll traurig und so….
    Helfen kann ich dir nicht.
    Aber du kannst gut schreiben. Mhm.
    Schreib n Buch. Kommt bestimmt gut an und schreiben scheint dir ja Spaß zu machen.

  5. Man kann deprimiert sein, ohne depressiv zu sein. Die Slang-Frau hat überhaupt nichts falsch gemacht. „Mal“ deprimiert zu sein, gehört zum Leben. Was du hast, wünsch ich meinem schlimmsten Feind nicht, aber ich kann auch nichts dran machen, also mach ich nichts.

  6. Es ist gar nicht so dass man jahrelang auf eine Therapie warten muss. Wenn Du nachweisen kannst, dass Dich 5 oder 7, so genau weiß ich das nicht mehr gesetzliche Therapeuten abgelehnt haben, kannst du sofort zu einem privaten Therapeuten gehen. Übernimmt auch die gesetzliche Krankenkasse und man bekommt schneller einen Termin. War Bei Mir so. innerhalb von 3 Monaten und auch but, weil ich mir Zeit gelassen hab. Das kann also nicht sein, dass man 9 Jahre warten muss.

  7. Und zur Psychiatrie: ja es gibt Einrichtungen, die nur Verwahranstalten sind, wo du gegen deinen Willen fixiert wirst und mit drei anderen ein enges Zimmer teilen musst. Aber es ist nicht überall so. Man kann sich informieren, z.B. stiftung Warentest und notfalls dafür in eine anders Stadt gehen.

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  9. Hallo Robin, ich kann viel von dem, was du schreibst nachvollziehen, denn ich leide auch an einer psychischen Erkrankung. Mein Tipp: geh mal zum Psychiater, mit Medikamenten kombiniert mit Gesprächen kann man viel erreichen. Auch wichtig: Selbsthilfegruppen und deine Angehörigen. Das sind auch wichtige Quellen für Verständnis und gute Gespräche, sowie Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen. Heilen lassen sich Depressionen nicht, aber man kann Lebensqualität gewinnen. Pass auf dich auf, alles Gute.

  10. Der Text löst (bei mir) gemischte, ja, sogar ziemlich gegensätzliche Gefühle aus: Dr. Jekyll in mir sitzt niedergeschlagen neben Robin auf dem Sofa und beobachtet, wie der Wäscheberg langsam wächst. Mr. Hyde hingegen wundert sich darüber, wie der so antriebslose Robin es schafft, einen über 2.500 Worte starken Text aufs virtuelle Papier zu bringen. Einen Text wohlgemerkt, der gefällig provokant geschrieben und weitgehend fehlerfrei ist und sich gut lesen lässt. Einen Text also, der wohl durch mehrere Iterationen lief, bis er fertig war. Mr. Hyde will aufschreien … protestieren, etwas Brachiales sagen wie: „Mensch, Robin, hör auf, rumzuheulen und beschäftige dich mit anderen Dingen als mit dir selbst!“ Doch ich habe ihn ganz gut unter Kontrolle und weise ihn in seine Schranken …

  11. Hallo Robin,
    ich stand auch mal vor der riesengroßen Aufgabe, einen Therapeulten zu finden. 10 Tage nicht sprechen, nix essen, oder einfach nicht mehr atmen schien da was zu sein, was sich leichter bewerkstelligen ließe.
    Trotzdem ein praktischer Vorschlag, wie es leichter fallen könnte:
    Nimm Dir in einer guten Stunde die Therapeultenliste vor und ruf außerhalb der „Sprechzeiten“ an. Sprich auf dem AB. Mein Name ist Ribin, ich habe Probvleme mit …., bin depressiv und suche einen Therapieplatz in den nächtsn zwei Monaten. Ich habe so viel Ablehnung von überlasteten Therapeulten erfahren, dass ich es vorgezogen habe, mich via AB bei Ihnen zu melden. Wenn Sie mir keinen Platz anbieten können, tun sie einfach nix, könnten sie mir evt doch einen Platz anbieten, freue ich mich sehr über einen Rückruf und eine Terminvereinbarung unter 0…./…..

    Diese Nachricht könnte übrigens auch ein befreundeter Mensch für dich auf 10 Therapeulten-ABs sprechen.

    In wie weit Therapeulten dann wirklich eine Hilfe sein lönnen, das Problem stellt sich allerdings immer noch, wenn man einen Termin hat.

    Gruß

    Marvin

    • Das ist Blödsinn. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei mir zum Beispiel war es so dass ich erstmal soweit therapiert werden musste, damit ich Medikamente nehmen konnte. Jetzt fange ich mit kleinen Dosen an und hoffe, dass ich die auch nicht steigern muss, damit ich wieder meinen normalen (Arbeits-) Alltag aufnehmen kann.

  12. Als ehemals Depressiver kann ich nur sagen scheiß auf Gesprächstherapie, was dich aus der Trägheit raushaut sind Medikamente. Und die kann dir auch jeder Hausarzt verschreiben!

  13. Hallo Robin,
    danke für deinen Blog hier. Ich habe nach drei Versuchen (also Versuche, ne Therapie zu kriegen, nicht mich umzubringen oder so) entschieden, dass ich kein Problem habe und lebe seitdem vor mich hin. Funktioniert eigentlich ganz gut, denn kaum einer in meinem Umfeld bekommt mit, dass da etwas nicht mit mir stimmt. Ich bin ganz gut darin, andere zu belügen. Für „Freunde“ bin ich das Honigkuchenpferd, das immer lacht. Die wundern sich sogar manchmal, weshalb ich immer lächle. „Scheiße, wenn ich dich sehe, dann kann ich nicht anders, als glücklich zu sein! Du strahlst so viel positive Energie aus! Wie machst du das nur? “
    Ich bin aber auch wirklich so ein zuckersüßes Honigkuchenpferd. Optisch bin ich eine glatte Eins, charakterlich allerdings ne fette Null. Und mit der Zeit wird auch „Freunden“ bewusst, dass da nur so ne schöne Oberfläche ist und so gar nichts dahinter. Weil mich eigentlich niemand so wirklich richtig und langfristig interessiert. Und weil ich keine Kraft habe, irgendwie mal mehr als nur ein Lächeln und schöne Worte zu investieren. Wirkliche Teilhabe? Fehlanzeige! Echte Motivation, mal was zu reißen? Nö! Keinen Bock auf absolut nix? Oh yes!
    Mein Leben gleicht einem großen Kackhaufen, ich mache Schulden noch und nöcher. Weil ich nicht anders kann. Ich weiß nicht warum ich mich so scheiße dumm verhalte. Und ja, es gab mal ne Zeit, da wollte ich darauf ne Antwort. Dringendst. Deshalb gab es dann diese jämmerlichen Versuche, nen netten Arzt/ ne nette Ärztin zu finden. Nummer eins sagte mir:“Sie brauchen ne Psychotherapie, gehen Sie woanders hin! “
    Nummer zwei:“Sie brauchen ne Verhaltenstherapie, gehen Sie woanders hin. „. Die hatte dann wenigstens ne Liste in der Schublade mit potenziellen Ärzten. Ich also glatt mal einen dieser Ärzte abtelefoniert und nen Termin ausgemacht. Der hat sich dann ebenfalls brav meine Probleme reingezogen, sich sogar voll wichtige Notizen gemacht und so. Dann am Ende:“Sie scheinen eine Narzisstin zu sein, dafür bin ich nicht zuständig.“ Sprach er und verabschiedete mich zwar mit einer Schnellschussdiagnose, aber ohne weitere Liste zum Abtelefonieren.
    Ich hatte nie Selbstmordgedanken, an dem Tag fragte ich mich zum ersten Mal, wie sich ein Strick um den Hals anfühlen würde.

    Voll gut, ne?

    Und jetzt? Keine Ahnung. Ich lebe und habe kein Problem. Basta. Ist jetzt einfach mal so. Genug geheult, es gibt doch echt Schlimmeres im Leben, als mein jetziger Status Quo. Ich meine, in Afrika verhungern Kids und so und heulen die den ganzen Tag rum?
    Nur weil ich rein gar nichts auf die Kette kriege und mein einziger Lebensmut darin besteht, mir auszumalen, dass ich ja wenigstens noch nicht tot bin, brauche ich doch sicher keine Hilfe von irgendwem. Ich bin halt eine Lebensversagerin, die zumindest das Glück hatte, hübsch zu sein und nett lächeln zu können, so dass keine Sau wirklich mitkriegt, dass ich nix kann.
    Ach doch, eine Sache kann ich hervorragend: Richtig dumme Scheiße bauen. Vielleicht lande ich dafür irgendwann einmal hinter Gittern. Ich verwette meinen Arsch darauf, dass es da dann auch irgendwelche Ärzte gibt, die sich nicht zuständig fühlen.

    So, das ist jetzt lang geworden. Hab ich so noch nirgends irgendwo niedergeschrieben. Dein Text hier hat mich eindeutig getriggert, das steht mal fest.
    Ich melde mich wieder, wenn mir die ganze Scheiße so richtig um die Ohren fliegt. Dann hat nämlich jeder was zu lachen. Am lautesten vermutlich der obercoole Arzt, der mich so mir nichts, dir nichts nach einer Stunde „Erstgespräch“ zur Narzisstin gemacht und mich dann abgelehnt hat.
    Der Witzbold!

    Liebe Grüße und so…

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  15. Versuch 5g getrocknete Psilocybinpilze in sicherer unbelasteter Umgebung mit jemandem der dich sehr gut kennt, dem du vertraust, und der dich aufpasst.

    Hör nicht auf mich, sondern informier dich selbst und lies alles ganz genau nach. Nicht in irgendwelchen Foren in denen lauter Drogenarschlöcher ekliges Zeug schreiben, auch nicht in ideologisch belasteten Ich-bin-die-Wahrheit-Märchenbüchern, sondern in wissenschaftlichen Quellen.

    Google z.B.: „psilocybin depression“ oder „Terence McKenna“

    Viel Glück

  16. Ist das nicht alles kacke? Ey Robin, ich kenne auch mehrere Menschen, die entweder nur beschissene Erfahrungen mit Therapeuten, Kliniken etc. hatten oder mit ihrer verlogenen, lästernden Umgebung klarkommen mussten. Ätzend wie viel hier falsch läuft. Da schäme ich mich fast schon für mein surreales Glück damals. Erste Therapeutin mit 15, die ich bis heute immer mal wieder sehe und sehr schätze und eine Klinik, die ich alle Jahre wieder mal mit Kuchen besuche, um den Mitarbeitern ein bisschen was zurückzugeben.

    Kann man dir irgendwas gutes tun? Vielleicht irgendwas anzünden oder so? Revolution starten?

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  19. „außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt.“ – oh man, wie genau das einfach stimmt… bei den akut-Krankenhaus-Psychiatrien ist das einfach leider so. Auch der Rest deines Artikels und die Folgeartikel! Hut ab! In die Richtung möchte ich auch unbedingt gehen!! Echt toll. Ich fühl ich angesprochen! DANKE!
    Würde mich freuen, wenn du bei mir mal vorbeischaust: https://grenzenlichten.wordpress.com/

    Ich werde auf jeden Fall öfter vorbeischauen! Und keine Angst, du enttäuschst nicht (zumindest mich nicht) wenn du nicht nur solche Berichte schreibst.

  20. Hallo Robin,
    mein Freund hat eine sehr ähnliche Geschichte hinter sich. Kurz vor Weihnachten letztes Jahr habe ich ihn unter einem Vorwand aus der Wohnung gelockt (harte Arbeit) und ihn dann zur psychologischen Notaufnahme geschleppt. Die Wohnung zu verlassen hatte ihn schon so gestresst, dass er quasi wehrlos war. Nicht schön, aber es war leider absolut notwendig.

    Der diensthabende Psychiater hat dann erst Mal passendere Medikamente für die nächsten Monate verordnet und zwar das Zeug, was der Hausarzt mangels Qualifikation nicht verschreiben darf. Beim Hausarzt kriegst du nur die Sachen für leichte depressive Verstimmungen, die „harten“ wirkungsvollen Medikamente darf er dir nicht geben, das darf nur ein Psychiater!
    Dummerweise wissen das viele Depressive selbst nicht und leben Jahre hinweg mit dem nahezu wirkungslosen Zeug in dem Glauben, dass ihnen sowieso nichts mehr hilft.

    Der Arzt hat auch gleich die Daten aufgenommen und mein Freund landete auf der Warteliste für die Psychiatrie. Als Depressiver kommst du nicht zu den Suchtis. Die Stationen für Depression, Süchtige oder einfach die, die nur noch Banane im Kopf sind, sind alle streng voneinander abgeschottet!
    Die Station für Depressionen war sehr ruhig.
    Die Wartezeit ist lang wenn man anruft – das hat mir die Frau am Empfang sogar bestätigt, denn mein Freund hatte dort natürlich auch schon irgendwann mal angerufen und die übliche Wartezeit an den Kopf geknallt bekommen. Wer persönlich da war, ist schneller drin. Eineinhalb Monate hat es gedauert.

    Die erste Woche wollte er nur nach Hause, danach hatte er Angst heim zu kommen, weil es ihm dort zum ersten Mal seit 16 Jahren besser ging. Ja, man hat Gruppengespräche, Einzelgespräche, bekommt ein leichtes Sport- und Entspannungprogramm und vielleicht auch mal Essen vorgesetzt, auf das man so gar keinen Bock hat.
    Aber keiner zwingt dich, in der Gruppentherapie zu reden. Du wirst nicht mal gezwungen hinzugehen, wenn du keine Gruppentherapie willst, willst du sie halt nicht. Keiner zwingt dich irgendwas zu tun, aber man kümmert sich darum, dass deine Medikamente passen und Angelegenheiten, die sich aufgestaut haben, mit Hilfe von Therapeuten, Ärzten usw erledigt werden. Bei meinem Freund war es ein dringend benötigtes Urlaubssemester.
    Weggesperrt wirst du auch nicht. Du kannst während der therapiefreien Zeit gehen wohin du willst, raus spazieren, einkaufen oder du sitzt auf deinem Zimmer. Ganz wie du magst. Mein Freund durfte auf Wunsch die Wochenenden zu Hause verbringen, wenn er sich dafür fit genug gefühlt hat.

    Was noch viel wichtiger ist: man vermittelt dich zu einem passenden Therapeuten, wenn du in der Klinik die Vermittlung ansprichst! (Muss man wissen, wer nichts sagt, wird nicht vermittelt…)
    Seit Ende seines Aufenthalts hat er jetzt einmal in der Woche Therapie bei einer netten Dame, deren Programm zu ihm passt. Nach Anfrage der Klinik hatte er sofort einen Platz. Aktuell geht es ihm auch wieder schlechter, so dass die Medikamente angepasst werden müssen – Wartezeit beim Psychiater ebenfalls 6 Monate, nach Anruf der Therapeutin beim Psychiater 1 Woche.

    Es ist möglich Hilfe zu bekommen. Wenn du selbst nicht die Kraft hast, dann such dir eine Person deines Vertrauens, die dich ein einziges Mal gewaltsam aus dem Schneckenhaus holt und dich zur psychiatrischen Notaufnahme schleppt.
    Auch wenn du offensichtlich viele Vorurteile gegenüber stationärer Behandlung hast: Die Realität ist ganz anders als du sie dir vorstellst und solange du es nicht wenigstens ausprobierst, wird alles immer genau so weitergehen.
    Wenns scheiße ist kannst du ja auch einfach deine Sachen packen und gehen, du bist depressiv und nicht gaga im Hirn, so dass man dich wegsperrt und nicht wieder rauslässt. Du bleibst ein freier Mensch.

    • Hi Chrissy, so ganz stimmt das nicht, was du sagst. Man muss, um in die Psychiatrie zu kommen, überhaupt nicht warten, wenn man dort als akuter Fall hingeht. Keine Psychiatrie weist dich ab, wenn du hingehst und sagst, dass du kurz vorm Selbstmord stehst, das dürfen die gar nicht. Und dann kommst du halt dort hin, wo gerade Platz ist. Gleichzeitig kann es sein, dass du dann eben NICHT wieder gehen darfst, wenn Selbstgefährdung besteht.

      Aber auf die Art ist es dann halt auch nicht besonders komfortabel. Eine Freundin (Borderlinerin) saß dort in der Tagesklinik tatsächlich zusammen mit schweren Störungen und Suchtpatienten. Ich erzähle das nicht aus Scheiß 😉

      Bist du sicher, dass das eine Psychiatrie war und keine psychosomatische Klinik? Das klingt sehr nach letzterem.

      Als ich in der psychosomatischen Klinik war, war dort auch eine Patientin, die mitten in der Nacht in die Psychiatrie überwiesen worden ist, weil sie selbstmordgefährdet war. Das sind wirklich zwei völlig unterschiedliche Dinge.

  21. Hallo Robin,
    deine Probleme kommen mir sehr bekannt vor.
    Letztes Jahr ging es mir so schlecht, dass ich wusste, dass ich entweder sofort Hilfe brauche oder mich einfach umbringe. Damit bin ich zu meinem Hausarzt gegangen, er hat mir Adressen von Psychotherapeuten aufgeschrieben. Da habe ich nicht einmal das Durchklingeln geschafft. Danach, zwei Monate später, bin ich zur Psychologin an meiner Uni gegangen. Sie meinte nach Schilderung meiner Probleme, dass ein Psychotherapeut mir allein nicht helfen können wird, und gab mir eine Liste mit Psychiatern. Ich habe irgendwie die Kraft gefunden, dort anzurufen, und sofort einen Termin bekommen. Da bekam ich eine Packung Fluoxetin. Ich war immer noch ziemlich am Ende, aber irgendwie geht es ja trotzdem weiter.
    Eine Woche später hat Fluoxetin angeschlagen. Angeschlagen ist hier das richtige Wort – es war wie ein Schlag. Das Leben änderte sich plötzlich, ohne Vorwarnung. Noch ein paar Wochen später habe ich angefangen, bei der Therapeuten-Liste durchzuklingeln. Okay, ich hatte unglaubliches Glück, und die dritte Therapeutin hat mir gesagt, ich kann zu ihr kommen – am nächsten Tag. Mein Zustand war ihrer Meinung nach wohl so schlimm, dass andere auf der Warteliste nun ja, warten mussten.
    Ein halbes Jahr später habe ich Fluoxetin abgesetzt, einfach so. Weil ich es nicht mehr brauchte. Weil die Therapie half. Ich habe zehn Kilo zugenommen, aber es war mir egal, denn ich fühlte mich gut, zum ersten mal seit zehn Jahren.
    Jetzt, noch ein halbes Jahr später, bin ich immer noch in Therapie, und es ist ein echt langer Weg, und meine Krankheit will nicht so einfach aufgeben. Aber es ist okay, denn ich weiß, dass ich nie ein fröhliches Kind sein werde, ich bin nunmal kaputt, das kann man zum Teil reparieren, aber die Narben werden bleiben. Und irgendwie ist es auch okay.
    Ich weiß natürlich nicht, was genau in dir vorgeht, aber ich kann dir nur raten, einen Psychiater zu suchen. Die Tabletten werden dich nicht heilen, nie im Leben, aber sie werden dich so weit zusammenkleben, dass du die Kraft haben wirst, gegen deine Krankheit anzukämpfen. Und ich wünsche dir alles gute. Depressionen kann man behandeln, ich kann das nur bestätigen.

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