Awareness. Und jetzt?

Dies ist ein Nachtrag zu Eure Awareness kotzt mich an! Als solcher ist er aber eigentlich viel, viel wichtiger als der Ursprungsartikel. Ich freue mich über Feedback.

Leute: WOW. Noch nie ist ein Artikel von mir in nur zwei Tagen so oft geteilt und damit auch (hoffentlich, trotz der Länge) so oft gelesen worden wie „Eure Awareness kotzt mich an!“ Und noch nie habe ich so viel ausschließlich positives Feedback bekommen (auch, weil die, an die er gerichtet war, ihn beharrlich ignorieren – aber das ist ne andere Geschichte).

Ich freue mich total über das Interesse. Es zeigt mir aber auch, dass ich einen Nerv getroffen habe. Ich frage mich, wie viele von uns es da draußen gibt, die von blinden Aktivismus genervt sind und sich nicht vertreten fühlen. Die viel wichtigere Probleme haben – wie dieses, trotz fehlender Hilfe von Seiten unseres Gesundheitssystems einfach den nächsten Tag zu überleben.

Es hat gut getan, mich auszukotzen, aber das reicht mir nicht. Was wirklich nötig ist, fernab von Awareness, die nicht über ein banales #notjustsad hinaus geht, wäre eine wirkliche Diskussion: darüber, wie man es ändern kann. Und dann auch tatsächlich einen Weg einzuschlagen, DER es ändert. Das habe ich bisher leider nicht wahrgenommen, aber DAS lässt sich ja ebenfalls ändern.

Mir ist es völlig egal, ob eine solche Diskussion über mich oder meinen Blog geschieht, solange sie nur bitte, bitte geschieht. Ich fasse im folgenden trotzdem meine spärlichen Ideen zusammen. Und dann hoffe ich, dass sich ein paar Leute darüber Gedanken machen, die klüger sind als ich – damit sich was bewegt.


Fehlende Kassensitze

Jemand meinte gestern auf Twitter als Kommentar zu meinem Artikel, dass Therapeuten fehlen. Das stimmt so allerdings nicht (und habe ich auch nicht behauptet). Was fehlt, sind Therapeuten, die einen Kassensitz haben und ihre Behandlung daher über die Krankenkassen abrechnen. Diese Kassensitze sind nun aber, wie erschöpfend dargelegt, viel zu knapp bemessen – UND DAS WISSEN DIE KRANKENKASSEN. Sonst würden die ja nicht an ihre Therapeuten appellieren, keine Bescheinigungen auszustellen, die genau das bestätigen. Sie wissen es und sie tun NICHTS. DAS ist der eigentliche Skandal, DAS ist eines Shitstorms gewaltigen Ausmaßes würdig, DAS gehört auf eine politische Agenda!

Wo sind also die Politiker, die sich dafür einsetzen, die wirklich Druck machen können? Jeder Mensch in Deutschland ist gesetzlich gezwungen, krankenversichert zu sein – aber dann sollte man die Kassen auch zwingen, Leistungen in dem Maße zu erbringen, wie sie nachgefragt werden!

Natürlich gibt es auch noch die privaten Therapeuten, die ohne Kassensitz praktizieren, aber selbst solche, die bereit sind, für weniger Begütete günstiger zu arbeiten, verlangen Minimum 50 Euro pro Sitzung, was demnach bei einer Therapie, die idealerweise einmal die Woche stattfindet, schon mal locker 200 Euro im Monat ausmacht. Kein Mensch in der Ausbildung kann das bezahlen, kein Student, kein Arbeiter mit Familie. 200 Euro sind verdammt viel Geld. So ausgelutscht es ist: Gesundheit sollte keine Frage des Geldbeutels sein.

Wirtschaftlichkeit

Ich hasse es, bei einem solchen Thema utilitaristisch zu argumentieren. Aber natürlich ist unser Gesundheitssystem trotz aller Menschenfreundlichkeit wirtschaftlichen Überlegungen unterworfen. Doch das ist kein Argument GEGEN mehr Kassensitze. Es ist eines DAFÜR.

Ein depressiver Mensch, der keine Therapie beginnt, kostet natürlich kurzfristig erstmal gar nix, aber langfristig ist jede unbehandelte psychische Erkrankung eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem und den Staat an sich. Irgendwann häufen sich unweigerlich die Krankentage. Notfallhilfe, die gar nicht nötig gewesen wäre, hätte man sofort interveniert, ist auch nicht billig. Ein einziger Tag in einem Krankenhaus oder einer Psychiatrie, der vielleicht wegen eines Unfalls durch SVV (Selbstverletzendes Verhalten) oder gar eines Selbstmordversuchs nötig ist, ist so teuer, dass man davon locker mehrere Sitzungen bei einem Therapeuten bezahlen kann.

Ach ja – Selbstmord? Todesursache Nummer Eins bei jungen Menschen, die den Staat bis dahin Kindergeld, Geld für Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, vielleicht sogar Studium und Ausbildung gekostet haben, ohne dass sie davon mittels ihrer Arbeitskraft auch nur einen Cent zurück geben können – weil sie nämlich TOT SIND.
Ja, das klingt ekelhaft, wenn man es so sagt, aber es muss gesagt werden, um diesen idiotischen Tunnelblick sogenannter „wirtschaftlicher Überlegungen“ als das zu demaskieren, was er ist: Bullshit, den selbst ein Kleinkind durchschauen könnte.

Und dann ist da ja noch diese kleine Sicherheitsfrage. Ja, ich rede hier von Andreas Lubitz, der fast 150 Menschen mit in den Tod riss. Auch wenn ich stark bezweifle, dass der NUR an Depressionen gelitten hat – Depressive wollen sich in der Regel, wenn überhaupt, nur selbst schaden – sind wir uns doch hoffentlich alle eilig, dass dieser Mensch psychische Probleme hatte, die mit der richtigen Behandlung vielleicht hätten geheilt werden können, bevor es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Natürlich haben wir hier ein Extrembeispiel, aber ich will nicht wissen, wie viele Menschen (vor allem Kinder) indirekt unter unbehandelten Erkrankungen Dritter leiden, ebenfalls krank werden, wieder Geld kosten. Psychische Erkrankungen sollten KEIN Stigma sein – aber das heißt noch lange nicht, dass wir alle harmlose Engelchen sind, die niemanden absichtlich oder unabsichtlich verletzen können. Das schreibe ich als Kind einer Mutter, die ebenfalls depressiv ist.

Betroffenen zeitnah Therapien zur Verfügung zu stellen ist demnach billiger, als es nicht zu tun – auch DAS wissen die Krankenkassen. Und auch hier tun sie NICHTS. Vielleicht stecken dahinter ja irgendwelche Schreibtischtäter, die nur bis zur nächsten Quartalsabrechnung denken. Vielleicht ist es auch einfach bequemer, ein beschissenes System beizubehalten als die Mühe auf sich zu nehmen und ein besseres zu entwerfen. Ich weiß es nicht. Aber ändern muss es sich.

Mangelnde Qualität

Der Punkt ist vielleicht ein bisschen gemein. Ich glaube nämlich, dass die meisten Therapeuten diesen Weg (der bedeutet, nach einem abgeschlossenen Studium noch eine zeit- und kostenintensive Ausbildung zu absolvieren) gewählt haben, weil sie wirklich den Drang haben, Menschen zu helfen. Trotzdem haben die zwei Totalausfälle, von denen ich berichtet habe, mich mehr zurück geworfen als alles andere (über Therapeut Nr. 2 hätte ich mich sogar gerne beschwert… wenn ich denn gewusst hätte wo).
Eine liebe Bloggerkollegin, selbst Therapeutin, schilderte vor kurzem treffend, dass die Qualität der Behandelnden und damit auch die Behandlung an sich steigen müsste, wäre sie den Gesetzen des freien Marktes unterworfen. Momentan scheinen sich dagegen einige Therapeuten auf ihrem Kassensitz auszuruhen, der ihnen Dank der schon angesprochenen Unterversorgung fortwährend und ohne die geringste Mühe Nachschub an neuen Patienten verschafft.
Wie wäre es, wenn Therapeuten wirklich um Patienten kämpfen müssten, Erfolge vorweisen müssten? Das findet momentan schlicht nicht statt. Dazu diese unsägliche Praxis, Kassensitze zu VERKAUFEN – womit ein solcher nicht von Qualität, sondern nur von einem dicken Geldbeutel zeugt.
So wirklich habe ich auch keine Ahnung, wie man es besser machen könnte. Kassensitze nur für die Therapeuten mit Spitzenabschlussnoten? Ein zusätzlicher Test? Kassensitze zeitlich begrenzt auf Probe mit anschließender Evaluation? Ich weiß nicht, was hier die beste Methode wäre, um die wirklich fachlich und menschlich besten Kandidaten auszuwählen. Ich weiß nur: Geld ist es mit Sicherheit nicht.

Betreuung

Das ist ein für mich schwieriger Punkt. Es ist mir peinlich, mir selbst und anderen eingestehen zu müssen, dass ich nicht mal in der Lage bin, ein paar Telefonate zu führen. Und doch ist das der Punkt, der nicht nur bei mir am meisten hakt.

Viele waren sehr schockiert über diese Zahl: neun Jahre. Neun gottverdammte Jahre, fast mein gesamtes Erwachsenenleben. So lange suche ich schon nach einem ambulanten Therapieplatz. Aber selbst mit unserem trägen Gesundheitssystem ohne genügend Kassensitze könnte ich schon längst austherapiert sein – wäre ich am Anfang nur am Ball geblieben.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die mich hier hindert. Es ist schlicht und ergreifend die psychische Belastung, die mit dieser Suche einher geht. Vielleicht habt ihr ja schon mal wegen einer Grippe bei eurem Arzt angerufen und euch während genau diesen zwei Minuten Gespräch mit der Sprechstundenhilfe elender gefühlt als sonst im gesamten Krankheitsverlauf. Tja, so geht es mir auch. Vergessen wir die leichte (fast überwundene) Soziale Phobie, die ich ebenfalls mein Eigen nennen darf und die Telefonate allgemein recht unangenehm macht, vergessen wir auch den Stress und die Übermüdung, die mit dem Jonglieren Dutzender verschiedener Sprechzeiten einher geht: Muss ich bei einem Therapeuten anrufen, ist der Tag gelaufen. Oft kamen mir schon die Tränen, bevor überhaupt jemand abhob, und wenn man mich dann auch noch aufforderte, „kurz zu erzählen“, was mein verdammtes Problem ist, ging die Sirene erst richtig los.

Es schlaucht. Es triggert. Es macht mich fertig. Und für was? Wie man sieht: für nichts.

Damit stehe ich nun wirklich nicht alleine. Ja, es ist peinlich, sich eingestehen zu müssen, dass man in diesem einen speziellen Fall tatsächlich jemanden braucht, der einen ans Händchen nimmt, weil man sonst immer wieder aufgibt. Aber genau so jemanden sollte es geben. Was mir vorschwebt, ist eine Art Betreuer, der vielleicht sogar selbst Therapeut sein könnte, aber ein Sacharbeiter (mit entsprechender Fortbildung) würde ja auch schon reichen. Dieser Person schildert man im persönlichen Gespräch EINMAL seine Situation, statt sie zehnmal wiederholen zu müssen und SIE erledigt dann die Therapeutensuche. Ist genügend Vorwissen vorhanden, kann dabei ja auch schon mal eine kleine Vorauswahl getroffen werden (es bringt wohl wenig, einen fünfzigjährigen Alkoholiker zu einem Therapeuten zu schicken, der sonst vor allem Essstörungen bei Jugendlichen behandelt. Aber woher soll man sowas als Betroffener wissen? Die wenigsten Therapeuten haben Internetauftritte.). Auch eine vorläufige Diagnose wäre hierbei schon möglich, wenn auch nur im sehr, sehr beschränkten Rahmen.
(Auch wäre ein System denkbar, das ähnlich wie die Programme funktioniert, die an Unis zur Anmeldung für Veranstaltungen verwendet werden. Damit wäre für den verantwortlichen Betreuer beispielsweise ersichtlich, welcher Therapeut noch freie Kapazitäten hat, am besten zum Profil des Patienten passt o.ä. Hier würde sich allerdings die Frage nach einem adäquaten Datenschutz stellen.)

Wie schwer kann es sein, solche Betreuer zur Verfügung zu stellen? Und falls es sowas schon gibt: Warum weiß ich nichts davon?

Veränderung – aber wie?

Hier kommen wir zum Hauptpunkt und hier bin ich leider ratlos. Ich besitze keinen Einfluss, habe kein politisches Amt und kenne keinen Weg, irgendetwas zum Besseren zu wenden außer, mich fortwährend lautstark zu beschweren.

Genau das scheint allerdings bei dieser Thematik momentan ein riesiges Problem zu sein. Die so hochgejubelte Awareness, die ich kritisiert habe, ist beiläufig, oberflächlich und geht an den wirklichen Problemen vorbei. Sie fokussiert sich einzig auf den Abbau der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen mit dem ach so hehren Ziel, die dann irgendwann gesellschaftlich völlig akzeptierten, nun viel selbstbewussteren Betroffenen auf diese Weise zu motivieren, sich Hilfe zu suchen – und übersieht dabei völlig, dass es keine Hilfe gibt. Das ist entweder, wie schon gesagt, einfach nur heuchlerische Selbstprofilierung – oder pure Unwissenheit.

Gegen Heuchelei kann man als Außenstehender nun leider nicht viel tun. Gegen Unwissenheit aber schon. Ja, nennt mich bekloppt, aber ich plädiere hiermit für Awareness! Keine Awareness hinsichtlich der traurigen Tatsache, dass selbst im 21. Jahrhundert viele erwachsene, gebildete Menschen „psychisch krank“ immer noch mit „unzurechnungsfähig“ gleichsetzen oder glauben, Depressive wären einfach nur weinerliche Jammerlappen. Klar tut das weh. Trotzdem: Vergesst diese Idioten. Ich rede von Awareness dahingehend, wie schwer es uns selbst völlig ohne Stigmatisierung gemacht wird, gesund zu werden. Darüber wurde noch viel zu wenig geredet, darüber ist viel zu wenig bekannt. Aber genau das muss sich ändern.

Ich kenne keinen Weg, etwas zu ändern, außer mich zu beschweren. Das habe ich hiermit getan. Aber wir Betroffenen sind viel zu leise… weil wir alle krank sind. Weil wir häufig schon froh sind, morgens aus dem Bett zu kommen. Deshalb müssen sich viel, viel mehr Leute beschweren und nach gangbaren Lösungen suchen – Leute mit Energie, Grips und Macht.

Gründe dafür habe ich nun wirklich genug genannt. Konkrete Hindernisse, die es aus dem Weg zu räumen gilt, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie das gehen soll. Aber ich hoffe auf eine echte Debatte über das Thema „Versorgung psychisch Kranker“ – hinausgehend über die mitleidige Feststellung, was wir doch alles für arme, kleine Hascherl sind.

Es ist ein unmenschliches, ineffektives und darüber hinaus auch noch wahnwitzig kostenintensives System, das eine grundlegende Reform benötigt. Wenn das geschafft ist, kommt das Ende des Stigmas übrigens ganz allein. Nichts würde mich glücklicher machen, als in zehn Jahren auf irgendeinen saublöden Spruch über Depressionen zu antworten: „Weißt du was? Ich war auch mal depressiv und kuck, wie gut es mir heute Dank der richtigen Therapie geht!“

Bis dahin gibt es noch zu viel zu tun, um uns an Kleinigkeiten aufzuhängen. Ich hoffe, ihr seid dabei.

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47 Gedanken zu “Awareness. Und jetzt?

  1. Pingback: Eure Awareness kotzt mich an! | robins urban life stories

  2. Ein lieber Freund von mir ist auch lange schon an Depression erkrankt. Er hat eine „Einzelfallhelferin“, die bei der Alltagsbewältigung hilft. Ich glaube, man kann das beim Sozialamt beantragen, bzw. es ist vom Bundesland zu Bundesland verschieden.

  3. 200,-/Monat sind 2400,- im Jahr. Vielleicht könntest du ein Crowdfounding dafür starten – ist ja kein Mega-Betrag… und ich würde durchaus etwas beitragen.
    Klar ändert das nichts am allgemeinen Missstand, aber wenn du z.B. als „Gegenleistung“ ein Blog zum Thema führen würdest, dass sich dem Missstand und seiner Veränderung widmet, wäre das doch vertretbar!

    • Verstehe ich das richtig, dass Du eine Therapie sponsorn möchtest, allerdings unter der Voraussetzung, dann Therapiegeschichten vorgesetzt zu bekommen?
      Therapie ist nichts Witziges, worüber man hinterher Anekdoten erzählt und Therapie ist schon gar nichts, das man aus Dankbarkeit mit der Welt teilt.

      Ich bin in der erfreulichen Situation inzwischen über zwei Jahre Therapie hinter mir zu haben. Im Grunde ist es wie der Fight Club. Es tut höllisch weh und man redet nicht drüber. Mit niemandem. Was da passiert ist anstrengend. Extrem anstrengend. Nicht ohne Grund geht es vielen in der Therapie erst einmal sogar schlechter als ohne Therapie. Das liegt daran, dass man sich dort all dem stellen muss, was man ansonsten tief in die hinterste Schublade der eigenen Seele geschoben hat und es nie anrührt, da es einen sonst zerreisst. Therapie ist ein ständiges Spiel mit dem Feuer, denn am Ende Deiner 50 Minuten musst Du wieder so stabil sein, dass man Dich wieder allein nach hause lassen kann.

      Es dürfte einleuchten, dass es absolut ungesund ist, jemandem den Vorschlag zu machen, dessen Therapie zu zahlen, wenn man sich dafür dann an deren Inhalte ergötzen darf. Eine solche Verabredung macht eine wirksame Therapie unmöglich.

      • Nein! Wundert mich echt, wie man auf sowas kommt!

        Ich würde die Therapie auch so sponsern, ohne Blog. Aber ich denke, die Allgemeinheit sieht das nicht so, deshalb schlug ich vor, ein Blog zum Thema „Depression in unserer Gesellschaft“ zu machen. Kein Gedanke an die persönliche Therapiegeschichte!

  4. Glaube das Problem mit der mangelnden Qualität könnte sich von ganz allein lösen, wenn man genug Therapeuten akkreditiert und dies auch wieder in bestimmen Fällen zurücknehmen kann. Patienten suchen sich aus bei wem sie behandelt werden und wenn sie unzufrieden sind können sie wechseln. Das könnte schon reichen, ansonsten könnten Krankenkassen vielleicht noch unterstützend eingreifen, sollten auffällig viele Patienten eine bestimmten Therapeuten ablehnen wird diesem die Akkreditierung entzogen. Natürlich mit der Möglichkeit sie später wieder neu zu erwerben.

  5. In meinem Fall gab es eine Therapeutin, die als Vermittlungsstelle fungiert. Hingehen, erzählen, Fragen beantworten.
    Bekommen habe ich eine Liste mit 5 Therapeuten (angekreuzt, da waren mehr auf der Liste), durchnumeriert und einen Zettel, was ich sagen soll, wenn ich anrufe. Zudem noch Tipps und den Hinweis, jederzeit bei ihr wieder aufschlagen zu können. Das war im Dezember. Im Januar ging meine Therapie los – bei der Therapeutin, die der Favorit der Vermittlerin war – und die zu mir passt. Zweimal die Woche, volle Kostenübernahme.
    Die Vermittlungsstelle ist keine „offizielle“ Institution aber eine geniale Idee. Was wusste ich denn, welche Therapieform passt? Oder welcher Therapeut? Ich muss durch die ganze Stadt fahren, hätte mir das nie so ausgesucht, hätte bei mir in der Gegend gesucht, hätte zu allem „Ja“ und „Amen“ gesagt, nur damit mir geholfen wird.
    Gerade wenn ich dann Beiträge wie Deinen lese, liebe Robin, erkenne ich wieder wie Klasse diese Vermittlungsstelle ist. Wie hilfreich!
    Sowas sollte es öfter geben!
    Die Dame, die diesen Service anbietet hat übrigens einen Kassensitz, könnte sich also ausruhen…. 🙂
    Ich würde mir wünschen, dass es mehr so Therapeuten gibt, die den ersten Schritt erleichtern und begleiten.

  6. Ganz ehrlich! Vielen Dank für diesen Artikel und den davor genauso! Du triffst den Nagel so auf den Punkt. Es gibt noch so viele andere Dinge, die ich gern dazu schreiben würde, aber das geht grade nicht, weil, Ihr wisst schon…

    Ich finde Deine Überlegungen so so so gut. Ich greife mal Dein Szenario auf und versuche es weiter zu spinnen:

    Eine depressive Person meldet sich über einen von ihr favorisierten Kanal (Telefon, persönlich vor Ort, per Mail, Chat, Brief, Fax) und meldet ihren Bedarf an in einer für solche Fälle eingerichteten Hilfestelle für depressive Menschen. Da es sehr viele depressive Menschen gibt, werden solche Stellen auch schon bei kleinen Kommunen möglich sein. Ich finde die Idee der Einzelfallhelferin, wie Anneliese schreibt, sehr gut, aber ich denke es wäre sinnvoll, wenn diese Hilfsstellen nicht am Sozialamt hängen. Dann besser ein Teil der Gesundheitsämter. Diese Einzelfallhilfe kann dann von einer/em Sozialarbeiter/in geleistet werden (wobei ich sehr kritisch bin, bezüglich der Qualität des Studiums von Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik, ich denke eine besondere Schulung auf die erwartbaren Bedürfnisse von depressiven Menschen ist so oder so unumgänglich). Dann, ich folge in der Argumentation der resoluten Nuss da völlig: gebe man doch Kassensitze aus, dass die Schwarte kracht. Ich weiß ja nicht wie teuer das ist so eine Akkreditierung zu verwalten, da müsste man an den konkreten Prozessen ggf. reformieren, aber mehr Wettbewerb würde sich bestimmt günstig auf die Qualität auswirken. Und: es geht nicht, dass man sich den Kassensitz kaufen muss. Krass ey!
    Kürzlich habe ich noch einen Artikel über Online-Therapien gelesen und ich finde die Idee nicht schlecht. Wenn Therapeuten auch Online und per Telefon arbeiten dürften und das mit der Kasse abrechnen könnten, dann haben Menschen, die in abgelegenen Gebieten wohnen oder nicht so mobil sind (warum auch immer), dennoch mehr Auswahl an TherapeutInnen und Zugang zu seltenen Therapieformen.
    Spezielle Hilfestellen für depressive Menschen zu haben, hätte auch den Vorteil, dass die Kommunen Möglichkeiten hätten den lokalen Bedarf abzufragen und so auch weitere sinnvolle Maßnahmen zusätzlich anzubieten, die die Therapien begleiten können oder die depressive Menschen nutzen können, die keine Therapie machen möchten.
    Dann könnte man eine zentrale Stelle einrichten mit einer Hotline, die einen direkt an die lokal nächste Hilfestelle für depressive vermitteln und die Evaluationen organisiert, damit sowohl Bund, als auch die Länder Feedback bekommen können. Natürlich wäre keine depressive Person gezwungen an den Evaluierungen teilzunehmen, aber so hat man die Möglichkeit den Erfolg von bestimmten Therapeut/innen und Therapieverfahren zu bemessen. An der zentralen Stelle könnte man auch eine Website einrichten, mit der man ebenfalls eine vernünftige Therapievermittlung generieren könnte, für Menschen, die Berührungsängste bei den Einzelfallhelfer/innen haben (warum auch immer).

    Ganz ehrlich: Ich glaube gar nicht, dass es in dem Bereich an Ideen mangelt. Ich kenne eine Landtagsabgeordnete, die im Bereich Gesundheit tätig ist und die in ihrem Referat schon vor Jahren Vorschläge ausgearbeitet hat, wie man die psychologische Betreuung verbessern könnte. Aber das was am Ende der politischen Kette im Landtag rauskam, hat mit den sinnvollen Ideen vom Start nur noch wenig zu tun. Die Erkenntnis, dass Kommunen, Städte, Länder und der Bund JETZT investieren müssen, um damit auf längere Sicht deutlich mehr zu sparen, als investiert wird, ist scheinbar für viele an der konkreten Politik beteiligten Personen zu schwer zu verstehen. Die sehen immer nur die nächste Legislaturperiode und dann ist eben keine Ersparnis in Sicht.

    Es tut mir gut mal darüber nachzudenken, wie Depression in unsere Gesellschaft und Kultur eingebettet ist, wie alles miteinander zusammenhängt und mir bewusst zu machen, dass es nicht mein persönliches, individuellen Versagen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellt. Und dann zu diesen gesellschaftlichen Problemen Lösungen zu suchen, tut mir viel besser, als meine eigene Vergangenheit endlos von links auf rechts und wieder zurück zu wälzen, um mich zu fragen, was genau falsch lief, so dass ich jetzt falsch laufe.

    Danke, danke, danke nochmal für Deine Artikel. Die haben mir heute den Tag echt gerettet, weil ich wirklich völlig am Boden war heute früh.

    Liebe Grüße
    Esther

  7. Ich glaube, dass hier, wie in der physiologischen Krankenbetreuung ein Systemfehler vorliegt.

    Du sagst ja so richtig, ein nicht-therapierter Mensch kostet den Staat Geld. Aber er kostet dann den Staat Geld und nicht die Krankenkasse. Für die Krankenkassen ist es also wirtschaftlich gesehen richtig, Menschen nicht zu therapieren, weil sie dann nicht die Kosten zu tragen haben. Das Risiko, dass da später eine teurere Notfallbehandlung fällig wird, ist einkalkuliert und offenbar geringer als der Nutzen durch Abwarten, auch aufgrund der zu erwartenden Rückfallquoten.

    Medizynicus hat das schon vor Jahren in seinem Blog gefordert und ich denke, er hat Recht: Solange Ärzte, Kliniken und Versicherer getrennte Entitäten sind, die eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen, wird die Gesamtsituation nicht besser werden. Helfen würde ein Staatsunternehmen, welches die Krankenhäuser betreibt, wo Ärzte und Therapeuten angestellt sind und das eine Versicherung ist, in die alle einzahlen. Das Gesundheit wieder zur Staatsaufgabe macht.

    Ich befürchte bloß, dass sich unter unserer neoliberalen Eigenverantwortlichkeitsvertretung kaum jemand dafür finden wird, diese radikale Reform auch nur anzugehen.

    Disclaimer: Ich habe wegen depressiver Phasen – die ich auch immernoch immermal wieder habe – mehr als drei Monate hinter einem Therapieplatz hinterhertelefonieren müssen, was mir auch nicht immer leicht gefallen ist.

  8. Ja, das Problem mit den sozialen Ängsten (die bei mir lange Zeit nicht nur das größte Problem waren, sondern mir auch noch richtig, richtig peinlich sind) kenne ich. Als ich mich nach langer Zeit durchgerungen hatte, bei der psychotherapeutischen Beratungsstelle meiner Uni ein Gespräch aufzusuchen wurde mir dort lediglich mitgeteilt, dass ich in meinem Zustand besser einen Therapeuten in meiner Wohnstadt finde oder am Besten gleich stationär gehe. Danach stand ich auch erst mal mit Heulkrampf am Bahngleis. Nichtsdestotrotz habe ich den Eindruck, dass die psychotherapeutische Beratung an Universitäten enorm ausgebaut wurde.

    Für die Vermittlung von freien Kassenplätzen gibt es von der KVB eine Hotline, bei der ansässige Therapeuten mit Plätzen und deren Behandlungsmethode (VT/Psychoanalyse) genannt werden. Toller Dienst, meiner Erfahrung nach hat das aber leider manchmal Gründe, warum ein Therapeut keine ellenlange Warteliste hat. Trotzdem ein gutes Angebot und ich konnte zumindest vor einigen Jahren die meisten Therapeuten und deren Spezialisierung auch online vorher recherchieren.

    Beim Betreuer bin ich mir nicht sicher, ob das funktionieren würde. Weil Therapie eben keine exakte Wissenschaft ist, ist das Therapeuten-Patienten-Verhältnis enorm wichtig (u. U. wichtiger als die Behandlungsmethode). Das kann einem niemand abnehmen. Genauso wenig wie es für die Diagnostik nicht nur wichtig ist was der Patient erzählt, ist auch zu berücksichtigen was nicht erzählt wird (wo nachgehakt werden kann/muss) und wie erzählt wird. Ebenso Körpersprache u. Aussehen (gibt in vielen Fällen schon Rückschlüsse über die allg. Verfassung) etc. Persönlich hatte ich aber auch Hilfe, als ich das erste Mal *richtig* krank war und bin über Dritte vermittelt worden (dafür bin ich auch dankbar). Scheint es aber mit den „Einzelfallhelfern“ schon zu geben?

    „Kassensitze nur für die Therapeuten mit Spitzenabschlussnoten?“
    Ich lese nur hobbymässig gerne psycholog. Fachliteratur/Lehrbücher und habe auch nur einige PsychologInnen im Bekanntenkreis, wage aber zu behaupten, dass das reine Psychologiestudium wenig mit der Praxisrealität zu tun hat. Die lernen Psych-Paper u. höchstens Gutachten schreiben, für’s Therapieren gibt’s anschließend die Therapeutenausbildung (keine Ahnung, wie da die Bewertung abläuft). Letztere ist übrigens schweineteuer und selektiert entsprechend noch mehr sozial aus.
    PsychologInnen mit Erfolgskriterien Druck machen halte ich für kontraproduktiv – das hat im Schulsystem in den USA nicht funktioniert (machen wir halt die Schultests einfacher!) und im Sozialsystem hier auch nicht (z.B. Vermittlungsquoten im Arbeitsamt). Ich hatte beruflich mal die Gelegenheit mit vielen TherapeutInnen über deren Sorgen und Nöte zu sprechen und vieles scheint das Resultat von Frust zu sein (z.B. Patient taucht wegen Krise nicht auf und Kasse zahlt die verlorene Arbeitsstunde nicht). Die brauchen mehr Lobby, nicht mehr Druck. Die meisten Leute in dem Bereich wollen schon helfen, mir scheint aber, dass viele nicht unbedingt wissenschaftliche Vorstellungen davon haben, wer Hilfe verdient und wer nicht (mir hat z.B. einer mal erzählt, dass er niemanden mit Mobbingerfahrung behandelt, weil die sich zu wohl in der Opferrolle fühlen).

    Ich glaube zuerst muss man mal die über Anekdoten hinausgehende Faktenlage klären (wie groß ist der Bedarf? Wo fehlen die meisten TherapeutInnen? Wie viele Therapiestunden werden angeboten und wie viele benötigt? Wie viele Therapeuten muss ein Patient durchschnittlich abtelefonieren/anfragen, bis er einen Platz hat?), danach Fachleute hinzuziehen und dann erst Forderungen formulieren.

    Persönlich aber… ich will das nicht mehr. Ich kann auch nicht mehr. Allein in meiner Familie gibt es mehrere Suizidversuche, einen erfolgreichen Suizid (mit jahrelanger vorheriger Behandlung), mehrere Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und jede Menge Psychosomatik. Weil gleich und gleich sich gern gesellt im Bekanntenkreis dutzende Depressionen, noch mehr Persönlichkeitsstörungen, Panikstörungen und was weiß ich noch alles. In der Psychiatrie selbst dann wieder vor allem Leute mit endlos langen Therapiekarrieren.
    Glückliche Menschen habe ich dort nie getroffen (temporär arbeitsfähig ja, vielleicht geht’s auch nur darum). Meiner Erfahrung nach werden Leute größtenteils verwaltet, aber nicht geheilt. Gerade bei Depressionen denke ich mittlerweile, dass es eher die Umstände sind, die krank machen.

  9. Zur Betreuung: Das gibt es. Wenn du bestimmte Aspekte deines Lebens nicht mehr packst, z.b. Gesundheitsvorsorge, Finanzen, Post…. such dir was aus, dann kann das Amtsgericht für genau diese Bereiche einen Betreuer bestellen.

    Das passiert auf Antrag durch den künftigen Betreuten.

    Krankenkassen zahlen Haushaltshilfen, wenn du eine brauchst. Es gibt auch sowas wie psychiatrische Pflege – die Pflegekraft kommt zu dir nach Hause und hilft.

    Die Angebote sind da – aber finden muss man sie.

    Grüße von jemandem, dessen Finanzen extern geregelt werden.

  10. Wenn ich das Gefühl habe, ein Freund wäre depressiv, wollte aber nicht zum Psychologen, was kann ich tun? Besser gesagt: Gibt es etwas, das dir geholfen hat oder geholfen hätte?

    Darf ich jemanden zum Psychologen schleifen oder mache ich damit alles noch schlimmer? Bringt es etwas, Termine bei einem Psychologen ohne Kassenzulassung finanzieren? Auch wenn das dann nicht regelmäßig ist?

    Das einzige, was ich dafür in den letzten Jahren wirklich gefunden habe ist das hier: http://www.robot-hugs.com/nest/

    Und als es vor einer Weile wichtig gewesen wäre, hatte ich es vergessen. Erst dein Beitrag hat mich daran erinnert. Ich wusste damals nicht, was die richtige Handlung wäre. „Ein Freund braucht Hilfe, was kann ich tun?“ Ernstgemeint und fundiert wäre das ein toller Leitfaden. „Was hilft?“ Ich wünschte, ich könnte das beantworten.

  11. Danke für den Post! Meine Vorschläge wären kurz und lehnen sich an Deine an:

    „Awareness“ schaffen, im Sinne davon, das Thema weiter in die öffentliche Diskussion zu bringen und dauerhaft dort zu halten, so lange es nötig ist. Dies kann nur ein allererster Schritt sein, aber er ist notwendig, da ohne das Bewusstsein keine Veränderungen in die Wege geleitet werden können.

    Politischen Druck erzeugen: Sei es durch Bildung vopn Aktionsgruppen oder Petitionen (beides sind kaum Allheilmittel, aber man kann sie als Elemente des steten Tropfens begreifen, der ja angeblich den Stein aushöhlt) oder anderen Formen. Themen hierfür:
    Depression als Volkskrankheit (Einzelfall-Argument entkräften),
    volkswirtschaftliche Auswirkungen (Dein Utilitarismus – was für eine beschissene Zeit, in der man mit Kosten argumentieren muss, um Menschenleben zu retten!),
    Präventionsstrategien (in meinen Augen ganz wichtig; ich begreife Depression heutzutage als nicht unerheblich durch die sozialen Bedingungen mitverursacht – Perspektivlosigkeit, Angst, Verlust aller Sicherheiten und erkenne hier Einfluss bei mir selbst und Freunden und Bekannten)
    Qualitätssicherungsstrategien entwerfen (Evaluation durch Patienten scheint mir ein vielversprechender Ansatz zu sein, auch wenn hier natürlich auch manipuliert werden kann).

    Zahl der verfügbaren Therapeut_innen erhöhen… tja… da sehe ich schwarz. Dazu ist dieses Land seit Jahren bei weitem zu kostenfixiert. Sofern die obengenannte ökonomische Argumentation keine Wirkung zeigt, wüsste ich auch nicht, was noch helfen könnte. Der öffentliche Diskurs geht ja in die völlig entgegengesetzte Richtung und lamentiert nur über steigende Gesundheitskosten.
    Mit Floskeln wie christlicher Nächstenliebe, Pflicht zur Hilfe oder der humanistischen Tradition und was sonst so in die Sonntagsreden eingebaut wird, wird man auf jeden Fall nicht weiterkommen. Selbsthilfegruppen als Interimsmaßnahme sind meines Wissens auch nur bei maximal mittelschweren Depressionen eine Option. Die Krankenkassen und evtl. die Vergütung wären hier vielleicht Ansatzpunkte, aber es dürfte schwer sein, hier etwas durchzusetzen, da ohnehin schon zu viel auf Kante genäht ist. Mit einer Bürgerversicherung wäre zwar weitaus mehr Geld im System, aber bis so ein Wandel mal geschieht, sind wir vermutlich alle im Rentenalter – wenn überhaupt. Eventuell könnten im Gesundheitswesen Bewandertere etwas dazu sagen, inwieweit es außerhalb Deutschlands/Europas mittlerweile vielleicht Alternativen zu den etablierten Verfahren gibt, die sich auch hier ausprobieren ließen.

    Mir hat übrigens mal ein approbierter Jemand aus der Heilbranche (Wort ist bewusst gewählt) eiskalt gesagt, ich solle doch froh sein, dass ich heute lebe, weil es mir früher noch viel schlechter gegangen wäre. Hat toll geholfen… (das zum Thema „Therapeut“ als Berufung aus Liebe zum Menschen).

  12. Pingback: Awareness. Und jetzt? | the bla in your head

  13. Es gibt gerade in den größeren Städten viele Anlaufstellen wenn man Probleme hat. Neben ersten Hilfestellungen werden dir ggf die besseren/geeigneteren Anlaufstellen empfohlen.

    http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/erste-hilfe.php

    Auf dieser Seite sind unten etliche nach Postleitzahl sortierte Stellen aufgelistet.

    Generell kann man auch bei der Krankenkasse anfragen, wenn man keinen zeitnahen Termin für seine benötigte Behandlung bekommt. Je nach Krankenkasse bekommt man teilweise super geholfen, gerade die gesetzlichen wie die AOK sind da gut aufgestellt.

    Für die ersten Schritte/Anrufe kann einem sicher auch ein Freund/Freundin oder Verwandte helfen.

    • Sorry Max, aber deinen Kommentar finde ich, als selbst Betroffene, sehr drängelnd und aktionistisch.

      Bei der Krankenkasse anrufen? So einfach ist das nicht. Erstmal muss man dann, mal wieder, einer völlig fremden Person, die noch nicht einmal eine therapeutische Ausbildung hat, seine Probleme schildern. Dann geben die einem einige Nummern von TherapeutInnen, die aber oftmals nicht die Therapieform anbieten, die man bevorzugt. Und dass diese Therapeuten dann unbedingt einen freien Termin oder gar Therapieplatz haben ist auch nicht gesagt.

      Und FreundInnen oder Verwandte um Hilfe zu bitten ist auch nicht so einfach. Bei Verwandten sowieso schonmal nicht, erstens, weil man gerade vor denen oft verbirgt, wie es einem tatsächlich geht, und zweitens, weil sie oft Teil des Problems sind.
      Und FreundInnen? In meinem Freundeskreis herrscht auch ganz viel „awareness“, und wenn man erstmals von Depressionen spricht, sind alle ganz fürsorglich (nicht, dass man das so möchte). Aber spätestens nach ein paar Monaten kommt dann statt Verständnis genau der Aktionismus, den ich auch aus deinem Beitrag herauslese: „Hast du mal versucht, dir einfach mal morgens ’nen Wecker zu stellen und dann einen vorbereiteten Tagesplan abzuarbeiten?“ „Warum suchst du dir dann nicht endlich einen Therapieplatz, so schwer kann das doch nicht sein?“ „Du hast einfach zu wenig zu tun, sonst hättest du gar keine Zeit für Depressionen.“ „Geh doch abends mal früher schlafen, dann kannst morgens auch aufstehen.“ usw. usw.

      So, nun fehlt mir der Antrieb weiter zu meckern.

  14. Es muss nicht, wie Tante Jay schreibt, ein gesetzlicher Betreuer sein.
    Es gibt von den Bundesländern, genauer gesagt den Landeswohlfahrtsverbänden sozialpädagogische Betreuungsvereine die genau bei sowas helfen und du wirst dabei nicht entmündigt via Gericht. Auch da gibt es Wartelisten, aber das lohnt sich echt zu warten. Die schätzen mit dir deinen Bedarf ein, und gehen dann mit dir einkaufen, helfen dir bei Behördengängen, rufen für dich wo an und bleiben bei dir, wenn du anrufen sollst/willst.
    Ich bin seit über drei Jahren bei so einem Verein und möchte die Hilfe nicht mehr missen. Wenn du weitere Fragen hast, schick mir eine Email.

  15. Hallo Robin,

    erst einmal danke für Deine guten Texte, also gut nicht im Sinne der Thematik aber gut im Sinne der Offenheit und natürlich Schilderung der traurigen Tatsachen.

    Ich weiß nicht in welcher Stadt oder Umgebung Du wohnst. Mir ist natürlich klar, dass das Problem je nach regionaler Lage sich auch zuspitzt. Das Problem sich in einer depressiven Phase „kümmern” zu müssen, ist ein sehr großes – das viele Nichtdepressive unterschätzen – denn natürlich hat man in einer akuten Phase die Kraft und Energie gar nicht.

    In Berlin gibt es hier aber ein sehr gutes Hilfsmittel – und vielleicht bietet sich so eine Möglichkeit in Deiner Stadt auch. Wir haben hier ein Institut, das sich Berliner Institut für Psychotherapie und –anlayse http://www.bipp-berlin.de. Dort laufen zentral die Aus- und Weiterbildungen von Therapeuten zusammen. Die haben eine Vermittlungsstelle, wo sich die Therapeuten melden, wenn sie Vakanzen frei haben. Als Patient geht man zum BIPP, es gibt ein Vorgespräch und man kann anmerken, wie man sich seinen Therapeuten „wünscht” und dann wird einem (bei Nichtkompatibilität gibt es natürlich auch Adressen nach) eine Adresse eine freien Therapeuten genannt.

    Vielleicht bietet die zentrale Aus- und Weiterbildungstelle für Therapeuten in Deiner Stadt diese Hilfsmöglichkeit auch an? Ich wünsche es Dir und drücke Dir alle Daumen!

  16. Liebe Robin, in einer Krise gibt es den Krisendienst oder die Telefonseelsorge. Telefonnummern kannst du dir für den Bedarfsfall raussuchen und bereitlegen. Da kannst du anrufen, je nachdem wo du wohnst kommt dann im Notfall auch ein/e Arzt/Ärztin bei dir vorbei. Vielleicht hast du auch in deinem privaten Umfeld jemanden, den/die du anrufen kannst. Du kannst dich auch beim Sozialpsychiatrischen Dienst melden, da mahlen die Mühlen nur meist langsam. Oder du gehst gleich in die Klinik. Die können dich in der Krise nicht abweisen. Wenn es gar nicht anders geht, dann mit der Feuerwehr. Und ja, auf Akutstationen kann es laut werden – Menschen in Krisen… Das kann erstmal ein Schock sein, zumal wenn bei einem selbst die Krise eher leise ist. Man kann das bei Aufnahme auch gleich so sagen, dass man sich das auf einer Akutstation schwer vorstellen kann und auf eine andere Station oder in die Tagesklinik will.

    Ansonsten möchte ich dir sagen: bleib am Ball mit dem Therapieplatz in den Zeiten wo es dir besser geht. Manchmal hat man auch Glück und es wird kurzfristig ein Platz frei. Ist anstrengend, klar. Und all deine Kritik ist berechtigt. Aber neun Jahre Warten müssen und sollten nicht sein.

    Es gibt auch das Kostenerstattungsverfahren, d.h. wenn du keinen Kassenzugelassenen Psychotherapeuten findest, kannst du zum privat niedergelassenen Psychotherapeuten gehen und die Kasse übernimmt die Kosten für die Therapie. Dafür brauchst du mindestens 3, besser 5 Absagen von Kassenzugelassenen Therapeuten. Du rufst die Therapeuten an und protokollierst die Absagen.Wartezeiten über drei Monate gelten grundsätzlich nicht als zumutbar. Das genaue Vorgehen wird im Ratgeber zur Kostenerstattung der Bundespsychotherapeutenkammer beschrieben:
    http://www.bptk.de/uploads/media/BPtK_Ratgeber_Kostenerstattung.pdf (PDF)

  17. Und zum Punkt Betreuung: Es gibt ambulante Betreuungsmöglichkeiten. Dafür kannst du dich z.B. an den Sozialpsychiatrischen Dienst wenden. Es gibt auch eine Reihe von Vereinen/Trägern, die ambulante Hilfen anbieten. Eine weitere Möglichkeit ist, für (psychologische) Beratungsgespräche in eine Kontakt- und Beratungsstelle (KBS) zu gehen. Dort kannst du einfach hingehen und kannst auch anonym bleiben. Dies ist für dich kostenlos. Dort kann ebenfalls nach passenden Hilfen gesucht und in diese vermittelt werden.

  18. Es bringt Dir sicherlich nichts und dennoch will ich es Dir sagen: Ich weiß recht gut, wie es Dir geht, denn ich habe die gleiche Kacke vor Jahren über viele Jahre selber durchgemacht. Bis ich mich dann eines Tages dazu entschlossen habe, mich nicht mehr behindert, nicht mehr als Kranker zu fühlen. Ich erinnerte mich an den Film von Praunheim, eigentlich nur an den Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt“. Ich machte mir klar, dass ich dem Irrsinn der Normalos aufgesessen war, ihre kranke Lebensweise für erstrebenswert eingestuft zu haben. Folglich stufte ich mich in dem System der Unterscheidung in psychisch Kranke und Gesunde nicht mehr als zu der ersten Gruppe zugehörig ein, womit ich das Stempelkissen fürs labeln immer noch fein selber mit frischer Farbe gefüllt hatte, ich erklärte mich für natürlich empfindend und somit hochgradig unnormal. In dieser unserer Welt der lebenden Leichen, die es sich versagen, Gefühle zu zeigen, sie gewöhnten sich so etwas völlig ab, kann ich doch nur glücklich sein, Leid und Schmerz und Jubel und Freude auch sehr stark und zuweilen so übermächtig zu empfinden, dass ich heulen muss und unfähig bin, meine häuslichen Pflichten zu erfüllen. Ja und? Irgendwann stopfe ich dann auch die stark müffelnde Wäsche wieder in die Waschmaschine, muss den Waschgang eventuell wiederholen, weil sich der Geruch zu stark festgesetzt hat.
    Aber ich fühle mich gesund. Denn in mir haust nicht die allgemeine Gefühlskälte, die aus einstigen Menschen dumpfe Pendler zwischen Gelderwerb und Konsum werden ließ, die auch für die kleinste Freude noch Anleitung per Video brauchen, die Weinen, gar noch in der Öffentlichkeit und noch schlimmer, wenn so etwas Abartiges ein Mann begeht, als Symptom einer Krankheit ansehen.
    Ich hörte auf, mich hilflos zu fühlen, als ich aufhörte, um Hilfe zu flehen. Ich will von denen keine Hilfe. Denn sie können mir bei meinem Leben keine Hilfe zuteil werden lassen. Ihr Interesse ist es, mich in dem von ihnen gelebten und vertretenen System zu einem nützlichen und vor allem kostengünstigen Teilchen ihrer Konsumwelt werden zu lassen. Das erscheint aber mir für mein Leben als nicht angemessen.
    Ich will Dir mit meinen Zeilen weder einen Rat geben, noch meinen Weg als allein selig machenden hinstellen. Es ist mein Weg, für den es bis zum Erreichen des oben Skizzierten etwa dreißig Jahre brauchte. Ich wünsche Dir Glück und Kraft, Deinen Weg zu finden und zu gehen.

  19. Danke für die Artikel. Über einzelne psychotherapeutInnen beschweren kannst du dich bei der Landespsychotherapeutenkammer, in der alle niedergelassenen PT Zwangsmitglied sind. Die Kammern haben meist auch Tipps zur PT-Suche, kennen das Problem der Unterversorgung, dringen aber selten durch.

  20. Eine Ausbildung zum Therapeuten kostet je nach Bundesland 14.000 – 30.000 Euro. Man kann in dieser Ausbildung irgendwann auch Patienten betreuen und kommt mit „0“ im besten Fall wieder raus, allerdings muss man ja auch leben und essen, also ist man im besten Fall nicht mit der vollen Summe plus Lebenshaltungskosten verschuldet. Die Kassensitze, die ja limitiert zu beantragen sind, kosten im Übrigen ebenfalls um die 30.000 Euro.

    Ich habe mich dagegen entschieden, mich so sehr zu verschulden, so dass ich nun nicht Therapeutin geworden bin. Vielleicht geht das ja auch anderen so, die wie ich Psychologie studiert haben. Und das trägt zu dem von dir geschilderten Problem bei.

    Eine Möglichkeit ist die Kostenrückerstattung. Die ist leider mit genauso vielen bürokratischen Schritten verbunden, die einen hemmen, sie durchzuführen. Aber es ist eine Möglichkeit, wie man trotz langer Wartezeit „schnell“ bei einem privaten Therapeuten Behandlung bekommen kann. Diese Kosten vorzulegen ist natürlich ebenfalls wieder teuer.
    http://www.deutschepsychotherapeutenvereinigung.de/fileadmin/main/g-datei-download/Patienteninformation/Flyer_Psychotherapie_in_Kostenerstattung.pdf

    Nochwas zum Abschluss: Leute anzuprangern, die die Krankheit in den öffentlichen Fokus rücken, vermindert zwar deinen Frust, aber hilft dir nicht, hilft keinem der depressiv ist. Mehr mediale Aufmerksamkeit kann aber politischen Druck schüren, der vielleicht die Missstände verändert, die man in deinen beiden Artikel zwischen den Zeilen lesen konnte. Und es ist vom Prinzip her unethisch dass einige lebensbedrohliche Krankheiten bevorzugt behandelt und andere vernachlässigt werden. Und dass das das Leiden der Patienten vergrößert. Schön, dass du mit deinen Artikeln die von dir verhasste Awareness der Leute vergrößerst. Der Artikel hier erschien mir auf Facebook, dem Medienmonster schlechthin, vielleicht landet er mal in den ProSieben Nachrichten wer weiß. Gut, dass du es öffentlich gemacht hast, mehr Handlungsspielraum bleibt dir nämlich nicht. Ich würde also nicht die einzige Waffe ins Korn werfen, die uns Normalobürgern geblieben ist.

  21. Ich möchte gerne zum Punkt Betreuung aus meiner Erfahrung berichten, die in dem Fall gut ist:
    Es gibt das „betreute Wohnen“ in verschiedenen Instensitätsstufen. In meinem Fall hat das Bezirkssozialamt die Kosten übernommen. In meiner Intensitätsstufe habe ich mich regelmäßig einmal die Woche für etwa eine Stunde mit „meiner“ Sozialpädagogin getroffen, und zwar nach Abspache bei Ihr im Büro, bei mir zu Hause oder z.B. für einen Spaziergang im Park oder eine Erledigung in einem Amt. Die Betreuerin ist keine Psychologin und ersetzt nicht eine Therapie, aber menschliche Worte hat sie auch, und Ihr Job ist es, den Alltag bewältigen zu helfen. Da kann es um Hilfe bei Telefonaten, Ausfüllen von Formularen, einfach über ein Problem reden oder banal zusammen den Abwasch machen gehen. Das Spektrum ist breit und nichts ist zu niederschwellig. Und das Verständnis war riesig, wenn ich einen Termin ganz kurzfristig abgesagt habe, weil ich’s nicht geschafft habe, oder wenn sonst irgendwas nicht geklappt hat. Und durch die lange Laufzeit (das wird Jahresweise genehmigt) kennt Dich Deine Betreuerin mit allen Macken und mit allem Potential recht gut, und sie ist ein Profi, ich habe das als ungemein unterstützend empfunden. Und ich habe die niedrigste Intensität gehabt mit 1 Stunde pro Woche in der eigenen Wohnung. Es gibt auch 2 Stunden pro Woche oder verschiedene Formen von Wohngruppen. Anbieten tun sowas verschiedene Sozialverbände, meine Betreuerin ist von der Caritas, aber auch andere Träger wie z.B. das Frauentherapieznetrum o.ä. bieten das an. Auch hier sind Plätze begrenzt und begehrt, aber ich hatte das Glück, nach 2 Wochen schon einen Platz zu haben, es ist weniger düster als auf eine Therapie zu warten. Ich hab keine Vorstellung davon, wie hier das Angebot zum Beispiel auf dem Land ist, hier in München geht es uns in dieser Hinsicht noch Verhältnismäßig gut.
    Mir war aber wichtig, darauf hinzuweisen, daß es so etwas gibt, es ist ein tolles Angebot, auch wenn sich „Betreutes Wohnen“ wohl erstmal so abschrenkend anhört, daß man das vielleicht unter „sowas brauch ich nicht“ unbesehen ablegt.

  22. Hallo Robin,

    mir fällt noch ein Punkt ein. Ich dachte sogar, dieser wäre bereits umgesetzt und bin erst durch deine Beiträge darauf gekommen, dass das wohl nicht deutschlandweit der Fall zu sein scheint. Offenbar ist es ja bisher so wie mit der Kindergartensuche bis vor kurzem: Man muss ich selbst bei X Therapeuten „bewerben“ und der Bedarf ist so gar nicht klar, weil alle ellenlange Wartelisten führen. Als ich aber während und nach der ersten Schwangerschaft schwere Depressionen hatte, hatte ich es sogar recht einfach. In meiner Gegend gab es damals (gibt es noch?) eine Anlaufstelle der kassenärztlichen Vereinigung, bei der alle Kassentherapeuten freie Plätze meldeten und man konnte dort anrufen und die gewünschte Richtung nennen und bekam dann Therapeuten mit freien Plätzen genannt. Auf diese Art und Wise fand ich damals recht schnell eine Therapeutin. Genauer gesagt rief ich 4 an, zwei freie Stellen waren dann gerade vergeben worden, aber zwei konnte ich haben und so hatte ich innerhalb von 3 Wochen einen Therapieplatz. Wae jetzt auch nicht meiner Supertraumtherapeutin, aber doch sehr okay. Ich finde es eine ziemliche Sauerei, dass so eine doch recht einfache Maßnahme nicht überall umgesetzt wird.

  23. Robin, im englischsprachigen Raum gibt es so viele Online-Coaching-Angebote, dass einem schwindelig wird. Zum Teil auch therapeutischer Natur für kleines Geld. Das sind oft keine zertifizierten Therapeuten. Sie verstehen aber so viel von Depressionen, dass sie dich zum Beispiel ständig anmailen und erinnern können deine Anrufe zu tätigen oder wofür auch immer du keinen Antrieb hast. Ich nutze selber für kleines Geld so einen Service. Mit meinem Coach habe ich vereinbart, dass ich ihr wöchentlich Rechenschaft ablege über die Dinge, die ich aus angst- und depressionsgetriebener Antriebslosigkeit vor mir herschiebe. Und falls ich ihr nicht antworte, nervt sie mich so lange mit Mails und Push-Notifications auf meinem Smartphone, bis ich es doch tue.
    Google nach „accountability coach“ oder „online coaching“.
    Für den Fall, dass du das momentan antriebsbedingt nicht schaffst:
    Melde dich jetzt und sofort bei golantern.com an. Du bekommst dann direkt einen (englischsprachigen) Coach zugewiesen.
    (Wenn du magst, nenne ich dir noch mehr Alternativen. Schreib mir eine leere E-Mail nur mit deiner Telefonnummer als Betreff. Ich rufe dich dann an. Meine E-Mail-Adresse hast du ja.)
    Alles Liebe!
    Claudi

  24. Der Nachteil am bestehenden sogenannten Gesundheitssystem mit seiner Rundumversorgung durch dafür nicht ausgebildetes Fachpersonal besteht ja darin, dass ich die eigene Verantwortung für mich und mein Leben und meine Lebensumstände in fremde Hände geben muss. Niemand kennt mich so genau, kann mich so genau kennen und beobachten wie ich mich selbst.
    Jeder Arzt hat sein Standardmodell im Kopf, anhand dessen er mich und meinen körperlichen und geistigen und seelischen Ist-Zustand einstuft. Er weiß über meine Vergangenheit nicht mehr als ich ihm auf seine Fragen zur Kenntnis geben konnte. Zusammenhänge muss er außer Acht lassen, kann solche allenfalls ungefähr einschätzen. Den Gesamtzusammenhang kann nur ich kennen, denn nur ich war und bin mein Leben lang mit mir zusammen und weiß daher alles über mich.
    Der Arzt / die Ärztin weiß wiederum alles über abnormale, also krankhafte Zustände im Verhältnis zum normalen, also anhand der bislang gemessenen, festgestellten Durchschnittswerte. Das weiß er/ sie sicherlich wesentlich besser und genauer als ich.
    Leider wird in der medizinischen und begleitenden (therapeutischen) Wirklichkeit aus den beiden Ungleichgewichten des Wissensstandes ein als „natürlich“, jedenfalls normal angesehenes Gefälle von oben, dort stehen oder auch sitzen die Ärzte, nach unten, dort stehen oder sitzen wir.
    Sobald wir in das Sprechzimmer des Arztes / der Ärztin, des Begleiters / der Begleiterin durch unseren Gesundungsvorgang (Therapeut / Therapeutin) eintreten, wird aus uns im sonstigen Leben Volljährigen, die wir es gewohnt sind, als selbstständig über unser Leben entscheidende Subjekte alle Belange unseres Lebens in die eigene Hand zu nehmen, Patienten.
    Als solche haben wir vor allen, wie schon die Bezeichnung vorgibt, Geduld zu haben. Geduld mit Arzt oder Ärztin, ihren oft peinlichen Fragen, Geduld mit den oft ungeduldigen und selten von übergroßem Einfühlungsvermögen geleiteten Pflegekräften, Arthelfern und -helferinnen, Geduld mit dem bürokratischen Eifer des Personals der Krankenkasse und Amtsstube.
    Und sicherlich Geduld mit uns beim langsamen Voranschreiten der Gesundung.

    Mich hatte vor gut 35 Jahren der erste offizielle Begleiter (Therapeut) meines damaligen als Besorgnis erregend angesehenen Krankheitszustandes und zuständig für dessen Besserung mit zwei Sätzen äußerst beeindruckt: „Krankheit kommt von Kränkung“ und „Ich (also er, der Therapeut) will Sie (also mich, den für krank Angesehenen) zum Experten Ihrer Krankheit machen“.
    Mit einer weiteren Bemerkung, die mir sehr im Kopf blieb, rettete er mir vermutlich mein Leben. Als ich auf dem Flachdach des zehnstöckigen Hochhauses stand, einen Fuß bereits über die niedrige Umrandung auf den Sims gestellt, ich konnte beinahe senkrecht hinunter auf die in den Rasen ein-gelassenen steinernen Wegplatten blicken, durchfuhr mich diese seine Frage: „ Und wem nützt es?“
    Ich wusste schon damals nicht mehr, in welchem Zusammenhang er diese Frage überhaupt gestellt hatte. Jetzt verband ich sie jedoch mit meiner Absicht, meinem Leben ein sofortiges Ende zu setzen.
    Als ich dann die vielen Treppenstufen dieses Hochhauses wieder hinab stieg, war mir klar, dass ich nicht gesprungen war, weil ich keine befriedigende Antwort auf diese Frage wusste. Und vor allem, weil ich auch nicht einem gegönnt hätte, irgend einen Nutzen daraus zu ziehen, dass ich tot bin.
    (Torsten Biczkowski – Berlin, im April 2015)

  25. Hi Robin,

    in deinen Worten spürt man den Frust, der sich bei dir verständlicherweise über die Jahre aufgebaut hat. Ich kenne dieses Gefühl nur allzu gut. Aber hier geht jetzt nicht um mich. Ich möchte nur sagen, dass ich diese Gefühlswelt sehr gut nachvollziehen kann. Wenn man viele Jahre seines Lebens einfach nur umher schwimmt und Tage, Wochen und Monate teilnahmslos vergehen. Vieles leidet in dieser Zeit ganz besonders das Selbstwertgefühl und die Objektivität.

    Versuche das Ganze objektiv und pragmatisch zu sehen! Niemanden in dieser Gesellschaft interessiert tatsächlich deine Einzelfallgeschichte. Die Therapeuten sind wie in den anderen Kommentaren erwähnt auch nur Menschen mit eigenem Hintergrund, die ihr Geld verdienen wollen. Es wird innerhalb der Ausbildung gelehrt, dass eine zu enge Beziehung zum Patienten für beide kontraproduktiv sei. Man kann Glück haben aber im Regelfall, wenn du dann mal einen Platz ergatterst, musst du nehmen was du bekommst. Der Mainstream lässt sich bspw. von Medien und dummen Vorurteilen verführen, psychisch kranke Menschen auf etwa gleicher Ebene mit religösen Fanatikern und Sozialschmarotzern zu heben. Wir sind nun mal zur Unterschicht avanciert. Außer!!! Du hast Burn-Out, dann musst du ja gearbeitet haben. Und so viel gearbeitet, dass es dich zerbrochen hat.Das Robin, …ist dann wieder gesellschaftlich anerkannt. Aber Depressionen das ist etwas worüber wir hier sehr sehr ungern sprechen.

    All diese Erkenntnisse aber bringen niemanden weiter im Leben. Ganz im Gegenteil man regt sich darüber auf und das zu Recht. An was ich ganz persönlich glaube: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Man kann eine tolle Familie haben oder sehr gute Freunde, die einen unterstützen. Man kann wie in meinem Fall eine wundervolle Partnerin haben, die einem Kraft und das nötige Maß an Reflektion bietet. Ich lege dich echt nur ans Herz, frage dich was du im Leben möchtest und dann überlege wie du diesem Ziel nach und nach näher kommen kannst. Wenn es realistisch keine freien Plätze gibt, dann melde dich an, versuche das zu machen was geht und kümmer dich nicht um dieses widerliche System. Ich würde jetzt auch nicht unbedingt in die Psychiatrie gehen aber was spricht gegen Gruppentherapie. Du musst dich da nicht öffnen mmn, ist alles besser ist als zu Hause auf dem Sessel dahinzuvegetieren. Der KOntakt zu anderen Menschen! Zu realisieren. dass man selbst etwas Wert ist und auch liebenswürdig sein kann. Ich kann dir auch Sport sehr empfehlen oder irgendetwas was du gerne machst. Offensichtlich schreiben!? Selbsthilfegruppen sind ebenfalls eine Option. Natürlich kosten diese Aktionen sehr viel Kraft und Überwindung. Nur hier kommt wieder der Pragmatismus durch. Am Ende interessiert es niemanden was aus dir wird. Option 1: Du sitzt du in mehreren Jahren immer noch in deiner Wohnung oder schlimmer noch in einer Kneipe deiner Wahl mit diversen Sucht- oder Angststörungen. Genauso wie all die anderen Menschen die ich tagtäglich auf den Straßen sehe. Irgendwann bemerken deine Nachbarn, dass es sehr strengt aus deiner Wohnung riecht, die entsprechenden Behörden tauchen auf. Wenn du Pech hast noch ein Kamerateam der privaten TV-Sender und dann ist der ganze Spaß auch schon vorbei. Option 2: Risikobereitschaft der Depressionen das entgegenzusetzen was du kannst und dann Schritt für Schritt nach vorne zu blicken. Ich weiß das sind harte Worte und ich habe keine Ahnung was in deinem Leben konkret vor sich geht. Ich möchte auch überhaupt nichts werten oder deuten! Es ist dein Leben. Du, und wirklich nur du bist dafür verantwortlich egal welche Einzelfallgeschichte oder Gründe für die Depressionen verantwortlich waren.

    Viel viel Glück wünsche ich dir für die Zukunft!

    bg

  26. Hi,

    ich habe für meinen Ehemann versucht einen Therapeutenkontakt herzustellen. Er ist allein bei dem Gedanken an diese Telefonate schlicht aus den Latschen gekippt, und da hab ich angeboten alle abzutelefonieren und zu fragen ob und wann überhaupt Kapazitäten frei sind, und dann wollte ich das Szepter praktisch meinem Mann in die Hand geben, er sass manchmal sogar neben mir, es wäre nur ein Hörerrüberreichen gewesen.
    Ich habe ca 20 Telefonate geführt zu den unterschiedlichsten Uhrzeiten. Frage ob Therapieplatz und dass ich das erstmal vorab abfragen möchte, da mein Mann die Kraft dazu nicht habe. Eigentlich haben alle (glaub 2 oder 3 waren neutral) ablehnend reagiert, einige waren sogar sehr patzig. Er solle sich gefälligst von vornherein selber drum kümmern, er wolle doch die Therapie machen und überhaupt. Dass ich lediglich Kontakt herstellen wollte bezüglich der „Verfügbarkeit“ wurde ignoriert oder ich wurde dabei schon unterbrochen bevor ich den ersten Satz zuende sprechen konnte. Wenn er nicht telefonieren kann kann er auch keine Therapie machen. Dass es nicht ums Telefonieren geht, sondern das demotivierende Anrufbeantwortergerseier, das wieder keinen erreichen, das zu hören bekommen dass eh die nächsten 2 Jahre nichts frei ist war denen schlicht egal, selbst nach einer Erklärung. Wo kämen wir denn da hin wenn andere da die Verantwortung übernehmen…

    Und da soll ein offizieller Betreuer erfolgreicher sein? Schön wäre es…
    Die Idee jedenfalls ist gut, so jemanden würde ich auch für mich gern „beanspruchen“..

    K.

  27. „Ihr Europäer habt eine seltsame Art mit depressiven Menschen umzugehen. Ihr lasst sie keinen Sport machen, bringt sie nicht an die Sonne und bezieht ihre Familie nicht mit ein. Stattdessen nehmt ihr sie in einen dunklen Raum und lasst sie stundenlang über ihre Probleme reden“

    Wenn man ein bisschen der Allgemeinheit Hausmittelchen beibringt könnte man sicher mehr erreichen, als wenn man das Problem Politikern überlässt. Das ist aber ein Kulturproblem, ich würde erst gar nicht versuchen die ach-so-mächtigen Herren einzubeziehen und stattdessen mal hier und da in einen Tatort einbauen.

    Es würde sicher auch helfen, dasselbe mit den Depressiven zu machen. Es wurde hier schon ein paar Mal angesprochen, dass viele Therapeuten einfach keine Lust mehr haben, Wasser in bodenlose Fässer zu schöpfen, weil ihre Patienten sich etwas (lebensnotwendigen) Narzissmus angeeignet haben. Achtsamkeitstraining soll angeblich ganz gut helfen.

  28. Hallo,
    ich kenn auch Depressionen.
    Ich kann gerade nicht alle Kommentare durchlesen, deswegen schreibe ich mal los, auch auf die Gefahr hin, dass ich irgendwas schreibe, was andere schon geschrieben haben.

    Ich versteh nicht so recht, wieso du gegen Krankenhäuser bist? Ich war in einer stationären Psychotherapie (das gibt es auch als Tagesklinik, an beides sollte schon irgendwie eine ambulante Einzeltherapie anschließen). Mir hat das schon geholfen. Es gibt ja auch richtig ausführliche stationäre Psychotherapien, wo man ein halbes Jahr an sich arbeitet. Und bei mir war das so, dass ich an den stationären Platz extrem viel schneller gekommen bin als an die ambulante Therapie.

    Du hast gar nichts über Psychiater geschrieben. Da bekommt man viel besser einen Termin und mit denen kann man auch reden. Die kennn sich auch sehr gut aus. Vor allem, wenn du schon neun Jahre Hilfe suchst, wär das doch wert erstmal den Antrieb mit Medikamneten zu steigern und dann diesen Antrieb zur Therapeutensuche und für die Therapie zu nutzen. (So sehe ich das jetzt. Bevor ich Medikamente nahm, wusste ich nicht, dass sie gut helfen für den Antrieb und damit ich mir den Alltag ein bisschen strukturieren kann.)

    Über einen Psychiater kann man auch eine psychologische Betreuung/Pflege bekommen. Ich weiß nicht, wie man richtig heißt, aber ich glaub das sind meistens Sozialarbeiter. Das gibt es dann in unterschiedlichen Varianten. Jeden Tag kurz treffen oder einmal pro Woche für eien Stunde usw.

    Du solltest auf jeden Fall (irgendwann irgendwie) zum Gesundheitsamt gehen, also dort zu dem sozial psychiatrischen Dienst. Die wissen, was in deiner Gegend an Angeboten gibt, welche Tageskliniken es gibt, welche Betreuer. Als ich da war, wurde ich sogar extra gefragt, ob ich es allein schaffe Anrufe bei den anderen empfohlenen Einrichtungen zu machen. Die Sozialarbeiterin beim Gesundheitsamt hat angeboten für mich anzurufen und sie meinte, wenn was ist, soll ich wieder zu ihr kommen.

    Wo hast du deine Diagnosen her, wenn du keine ambulante Therapie hast? Ein Hausarzt ist zu sowas doch nicht geeignet.

    zu körperlichen Behinderungen im Vergleich zu Depressionen:
    Man kann das wirklich schlecht vergleichen. Wenn jemanden ein Arm fehlt, dann fehlt er normalerweise das ganze Leben und jeden Tag. Wenn man Depressionen hat, dann hat man die nicht jeden Tag exakt gleich, die wandeln sich und außerdem kann man irgendwann auch frei von Depressionen leben, hoffe ich. Vielleicht kann man Depressionen ein bisschen mit Entzündungen oder Krebs vergleichen? Keine Ahnung. Hat ja alles keinen Sinn.

    Ich wünsch dir einen baldigen Abschied von den Depressionen!

    • Hallo Mona!

      Ich vermute mal, der große Unterschied zwischen zum Beispiel Robin, so wie sie sich hier darstellt, und Dir könnte sein, dass sie nicht bereit ist, die Entscheidung über ihr Leben anderen Leuten zu überlassen.
      Du fragst, wieso Krankenhäuser für einige keine Alternative darstellen.
      Für mich ist Krankenhaus die völlige Aufgabe meiner Selbstbestimmung über mich. Nicht ich entscheide, wann ich aufstehe, etwas esse, wie ich wann ich lebe, ich lasse es zu, muss es zulassen, dass über all das eine Hausordnung und ein Pflegepersonal bestimmt. Undenkbar für mich.
      Depression mag eine Krankheit sein, anders als ein abgerissener Arm liegt es jedenfalls in meiner Verantwortung, sie als gegeben hin zu nehmen.
      Ich wünsche Dir einen erfolgreichen Kampf mit und gegen Deine Depressionen, Mona.

      Torsten

      • Für dich ist um eine bestimmt Uhrzeit aufstehen, essen und an Therapienteilnehmen gleichgesetzt mit der Entscheidung sein Leben anderen zu überlassen?
        Zur Schule gehen oder arbeiten gehen, ist für dich also auch jemand anderem die Entscheidungen zu überlassen? Da passiert doch das gleiche. Man muss zu bestimmten Uhrzeiten am Unterricht teilnehmen oder man hat eine bestimmte Zeit pro Woche, in der man seine Arbeit erledigt.

        Ich wollte es können, zu bestimmten Zeiten aufzustehen, geregelte Essenszeiten zu haben und an den Therapieangeboten teilnehmen. Ich habe diese Entscheidungen niemandem überlassen, ich hab doch gewusst, dass ich es hinbekommen will. Das Gute an einer Klinik ist, wenn es nicht klappt, ist da immer jemand da, der mit einem bespricht, wie man es doch noch hinbekommt, wenn nicht jetzt, dann vielleicht das nächste Mal.

        Im Gegenteil, ich fühle mich durch meine Depression gefangen und sie nimmt mir manchmal die Entscheidungsfreiheit. Wenn ich Angst vor etwas habe und es deswegen vermeide, ist es nicht meine eigene Entscheidung, sondern es geht einfach nicht anders. Wenn ich Hilfe habe und mich jemand unterstützt, dann bekomme ich auch Sachen hin, die ich gern machen will, obwohl ich Angst habe.

        Oder auch, wenn ich alles schwarz sehe (was bei Depressionen ja ständig passiert), kam ich durch das Personal in der Klinik viel schneller in die „Realität“ und konnte dann weiter an meinen Zielen arbeiten. Zuhause hätte ich in solchen Momenten nur jede Menge Zeit verloren, Tage oder sogar Monate, ohne weiter zu machen. Ohne wirklich zu leben, sondern mich nur von Tag zu Tag durchquälen.

      • Nein, Mona, so schrieb und so meine ich es nicht.
        Für MICH wäre es die Aufgabe meines selbstbestimmten Lebens, in dem ich entscheide, wann ich aufstehe, esse, arbeite, wenn ich in ein Krankenhaus gehen würde.
        Ein Krankenhaus wäre für mich stets die allerletzte Anlaufstelle, nachdem ich alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft hätte, mich jedoch weiterhin zu krank fühle, um mein Leben selbständig weiter führen zu können.
        Meine Depression ist MEINE Depression. Und nur ich kann mich ihr stellen, sie so gut es geht kennen lernen, sie annehmen als ein Teil von mir, dem ich jedoch nicht gestatten will, die Herrschaft über mein Leben zu übernehmen. Will sie es dennoch, dann gibt es Kampf. Lässt sie mich in Ruhe mein Leben so führen, wie ich es für richtig halte, kann ich mich mit ihr arrangieren.
        Gehe ich in eine Klinik, muss ich es hinnehmen, dass andere bestimmen, zumindest mit bestimmen, wie ich mit meiner Depression umgehe.
        Ich wünsche Dir noch ein schönes Wochenende, Mona
        Torsten

      • Ok. Das ist doch schön, dass du ein selbstbestimmtes Leben hast und auch hinbekommst zu deiner selbstgewählen Urzeit aufzustehen usw. Für mich ist ein Krankenhaus nicht die allerlezte Anlaufstelle. Also ich stimme den anderen auch zu, dass eine Notfallambulanz nichts für mich wäre (ich war noch nie da). Ich bin kein Notfall, ich brauchte einfach mehr Psychotherapie als eine Stunde pro Woche bei der ambulanten Psychotherapie. Was soll man sonst machen, wenn man jeden Tag Therapie braucht? Tagesklinik wäre auf jeden Fall noch eine Option. Bei vielen ist es aber sehr gut, wenn sie für eine Therapie aus dem eigenen Umfeld rausgenommen werden.

        Meine Depression hat auf jeden Fall den Kampf gewonnen und ich konnte nichts selbst bestimmen. Ich empfinde das so, dass im Krankenhaus mir geholfen wurde zu lernen, wie ich selbst mehr über mein Leben bestimmen kann.

        Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende!

      • Hallo Mona!

        Wieso BRAUCHST Du Therapie? Und das jeden Tag, wie Du schreibst?
        Therapie ist, wie das Wort schon sagt, Begleitung Deiner eigenen Gedanken und Empfindungen zu Dir und Deinem Selbstgefühl. Jede Anregung, jede Frage, die Dir durch die Therapiestunde in Deinen Sinn kommt, will ja erstmal durchdacht, durchfühlt sein.
        Sicherlich möglich, dass Du eine sehr schnelle und umfassende Denkerin und Fühlerin bist. Mir reichte oft die Zeit zwischen zwei wöchentlichen Therapiestunden nicht aus, alles an aufgeworfenen Fragen gründlich und in Ruhe zu durchdenken und meine Gefühle dazu zu sortieren. Nebenher läuft ja auch noch das ganz normale Leben.
        Wie schaffst du das?

        Einen schönen Sonntag

        Torsten

      • Jetzt brauch ich Therapie nicht jeden Tag. Aber damals brauchte ich sie, weil ich mit mir allein nicht zurecht gekommen bin. Alleine rannte ich quasi in die falsche Richtung und konnte nicht erkennen, was genau ich fühle oder denke. Ich habe mir geschadet und mein Umfeld belastet.

        In einer Klinik ist es ganz normal, dass man an allen Werktagen Therapie hat. Also keine Einzelgespräche (die gibt es für 30 min pro Woche), sondern Gruppentherapien, ganz unterschiedliche.
        Ich hatte zu der Zeit kein „ganz normales Leben“, also hat es mich auch keine Zeit gekostet. Ich war stationär in der Klinik, das heißt ich musste nicht kochen und nicht putzen. Ich musste nur die Therapie durchziehen, meine Wäsche waschen, Körperpflege betreiben und irgendwann mal für die Stationsküche Dienst machen (Also den Mitpatienten sagen, dass sie ihre Tee- und Kaffeetassen jeweils spülen sollen).

        Ich komme im Normalfall auch allein zurecht, wenn meine Therapeutin für 3 Wochen in Urlaub ist. Wenn irgendwas passiert, wo ich allein nicht zurecht komme (zu extreme Anspannung über längere Zeit, Panikattacken), dann haben halt mein Umfeld und ich Pech, weil ich meitens ein Notfall-Therapiegespräch brauche, um nicht wieder in die falsche Richtung zu rennen. Das ist total situationsabhängig, womit ich selbst zurecht komme und wobei ich Hilfe brauche.

        Ich sehe das Brauchen so wie, wenn ich eine Entzündung habe, die nicht weggehen will, dann brauche ich einen Arzt, der mir eventuell Medikamente verschreibt. So brauche ich mal mehr oder weniger die Therapie. Ich komme mit einmal die Woche meistens gut zurecht, aber damals nicht. Außerdem hat es mir auch geholfen mit anderen Patienten zu leben, weil ich sehen konnte, wie sie mit ihrem Leiden umgehen. Ich komme manchmal auch mit Terminen alle zwei Wochen gut zurecht. Ich kann mir vorstellen, dass ich zur Zeit auch mal schaffe drei oder mehr Wochen ohne „Begleitung“ zu leben, wenn meine Therapeutin wieder Urlaub macht.

      • Du störst dich anscheinend an dem Wort „brauchen“.
        Wieso sollte man überhaupt eine Therapie machen, wenn man sie nicht braucht?

  29. Hallo, danke für deine beiden Artikel!
    Hier nur was mir dazu eingefallen ist, betrifft die ersten vier Punkte: Ich habe über einen langen Zeitraum ca. 5 Therapien gemacht, ich war immer so froh eine zu bekommen, daß ich sie gemacht habe, obwohl ich immer von Anfang an das Gefühl hatte es passt nicht, das bringt hier nichts, aber weil es so schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen, kommt 1 gar nicht drauf „auch noch Ansprüche“ zu haben. Diese Therapien haben Geld gekostet und haben nichts gebracht, bzw. meine Situation verschlimmert. Eine Art Betreuung oder Lotsin/ Lotse die mir bei der Suche nach einem Therapieplatz geholfen hätte wäre super gewesen. Oder auch eine kundige Person, die mich während der Therapie stärkt und sagt „Wenn diese Therapie Ihnen nicht hilft, dann hören Sie auf damit und wir suchen zusammen etwas Anderes.“ Ich bin immer zu lange dabei geblieben.
    Zum letzten Punkt: Ich bin da leider pessimistisch. Es wäre so ein umfassender Wandel nötig. Das Gesundheitssystem ist ja schon bei untabuisierten, allgemein verstandenen Krankheiten suboptimal.
    Und es sind oft äußerliche Umstände die eine Depression auslösen oder verschlimmern oder Heilung erschweren, sei es die Situation am Arbeitsplatz oder daß viele Menschen auf Menschen ohne Arbeitsplatz herabsehen etc. etc. Und daß sich solche Einstellungen ändern, danach sieht es einfach nicht aus, finde ich.

  30. Liebe Robin,
    als Betroffener sehe ich in deine letzten beiden Artikel die ersten, die der nötigen Debatte wirklich nützen. Nicht die Erkrankung selbst ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie die Gesellschaft und das Gesundheitssystem damit umgehen.

    Richtig absurd wird es, wenn wir ein etabliertes, gesellschaftlich anerkanntes Gesundheitsproblem einmal genau so behandeln, wie derzeit Depressionen und psychische Erkrankungen angegangen werden.

    Brechen wir uns doch mal das Schienbein. Ein glatter Bruch auf dem Weg durch die Stadt – wir sitzen heulend am Rand und finden sicherlich schnell Hilfe und Menschen, die den Weg in die Notaufnahme möglich machen.

    Doch weil der Beinbruch in diesem Beitrag mal die Depressionen sind, kommt einfach mal keine Hilfe. Die Menschen um uns herum fordern uns stattdessen auf, doch einfach weiter zu gehen. Zu funktionieren. Humpelnd und unter Schmerzen werden wir abgewiesen, rumgeschickt und erreichen irgendwann den Punkt, an dem die Menschen um uns herum mit der Lage überfordert sind und sagen: „Also echt, ich glaube, du simulierst nur. Beinbruch ist doch so ein Modeding. Irgendwann ist es auch mal gut – du willst doch nur Aufmerksamkeit.“

    Gesellschaft und Mob

    Auch im beruflichen Umfeld gibt es keine Rücksichtnahme. Mobbing und Psychoterror sind die Eisenstangen unter den Beinbruch-Gründen. Ein Mensch dritscht mit der Eisenstange auf die Schienbeine von anderen Menschen in seinem Umfeld ? Über Tage und Wochen ? „Unvorstellbar – der gehört eingesperrt!“ schreit der Mob. Ein tyrannischer Chef ? „Ja, aber dem gehört doch das Unternehmen. Dann such dir halt einen anderen Job…“

    Zu hohe oder unmenschliche Arbeitsanforderungen führen irgendwann zum Ermüdungsbruch.

    Um im Bild zu bleiben schickt uns das Krankensystem heute mal nicht zum schienen, eingipsen und anschließend in die Schonung. Die Monate des Wartens während der Therapeutensuche sind so absurd, wie mit dem Beinbruch aufs Trampolin geschickt zu werden. Das Trampolin ist aber nicht nur die Krankenkasse, sondern auch die Sorgen um die Existenz, denn wir sehen, dass wir nicht funktionieren und sich das Bein mit jedem Sprung unter großen Schmerzen weiter verbiegt, krümmt und laut kracht.

    Zeit heilt alle Wunden

    Glatter Bruch? Das Schienbein heilt und es wird gut sechs Wochen dauern. Es dauert acht? „Naja gut, war ja ein Beinbruch, das schmerzt. Aber schone dich bitte – fang nicht zu früh wieder mit dem Sport an.“

    Rücksichtnahme auf psychisch Erkrankte oder eine Vorstellung, welche Belastung eine Therapie mit sich bringt fehlt. Mehrwöchige stationäre psychosomatische Behandlung? Kommentare und Unterstellungen, wie „Na, da konntest du dich ja mal erholen“ oder der Anspruch „Dann ist ja nun alles wieder gut.“ begegnen den Betroffenen eher, als helfende Worte, wie “ Das war bestimmt anstrengend – brauchst du Urlaub oder willst du erst einmal nur halbtags arbeiten.“

    Verständnis

    Das ein unbehandelter Beinbruch mit dem so absurd umgegangen wird nicht heilen kann verwundert nicht. Wann begreifen wir endlich, dass unsere Inkompetenz im Umgang mit Depressionen und deren Auslösern (Stress, Arbeitsdruck, Überforderung, Mobbing, Existenzangst) mehr Leben kosten, als in ein Flugzeug passen?

    • Das mit der stationären Therapie ist mir so auch passiert. Nach zwei Wochen, wo ich mich da gerade so in der Klinik zurechtgefunden hab und rausgefunden hab, welche Gruppentherapien ich mitmachen soll usw., fragte die Familie schon: Und hast du schon Fortschritte gemacht?

      Was soll man darauf antworten? Ja, ich war bei der Bewegungstherapie und wurde ärztlich untersucht. Hmm?

      Das gleiche als ich nach den Monaten nach Hause kam und da mit der veränderten Umgebung und anderen Anforderungen kämpfte, nebenbei auch noch diese vielen Erfahrungen aus der Klinik versucht hab zu verarbeiten. Man sagte: Oh, jetzt siehst du ja viel besser aus, Gut, dass es dir wieder besser geht.

      Mir ging es aber nicht besser! Ich war mit der Situation Zuhause, mir war Kochen und Putzen schon viel zu viel, das musste ich im Krankenhaus nicht machen. Ich war eher am verzweifeln. Ich war aufgewühlt durch so viele Erfahrungen und Sachen, die ich über mich selbst gelernt hab und über die ganzen Möglichkeiten und Optionen, die ich irgendwie versuchen musste auszuführen, damit ich mit mir zurecht komme. Leute sagen manchmal seltsame Dinge.

      Vielleicht fehlte mir die richtige Nachsorge nach der Klinik. Ich hab versucht etwas zu finden, aber alle sagten meine ambulante Therapie muss reichen. Ich hätte im ersten Monat Zuhause mehr als das gebraucht, schätze ich.

  31. Pingback: Liebe Robin - Daniel Lücking

  32. Der erste Beitrag hat mich berührt. Weil ihn zu schreiben, ein Ausbruch lange aufgestauter Gefühle bedeutet haben muss, was immer erleichternd ist.
    Der zweite Beitrag hat mich gefreut, weil er mir gezeigt hat, dass die bangen Gefühle über die Resonanz, welche die Erleichterung nach dem publizierenden Klick womöglich begleitet haben, unbegründet waren. Wenn es jetzt mit der Debatte so klappen würde, wie Du und vielleicht auch andere es sich wünschen, dann könnte das zumindest zeitweise eine kleinere oder grössere Verbesserung bringen. Im Grunde wärst Du eine gute Therapeutin. Du und jeder der in der Lage ist nachzuvollziehen, um was es geht. Denn aller Bemühungen und Schulungen zum Trotz, ohne die Bereitschaft UND vor allem die Fähigkeit, die individuelle Lage des Gegenübers zu verstehen, kann man meines Erachtens niemanden wirklich begleiten.
    Ich habe Begleiten geschrieben, weil ich glaube, der Begriff „Hilfe“ kann schnell zu Bevormundung werden, eine Gefahr die der Begriff „Betreuung“ ebenso birgt. Hilfe zur Selbsthilfe ist keine Frage des Heranführens sondern eher des Abholens und – eben – der Begleitung. Man kann auch Management dazu sagen, wobei nicht der Mensch in Richtung des gesellschaftlichen „Funktionierens“ gemanagt werden sollte, sondern seine Angelegenheiten im Sinne dieses Menschen. Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass Depressive keine Führung brauchen. Viel wichtiger ist, denke ich, die Erkenntnis, dass der Ausbruch aus ein bis zum Ersticken festgezurrtes System aus Regeln, Normen, Konventionen, Erwartungen und Heuchelei kein Ausdruck des Versagens ist. Und das erscheint mir wiederum eine kulturelle Frage zu sein. Mehr, schneller, schöner, effektiver, wirtschaftlicher sind Kriterien nach denen Roboter optimiert werden können. Menschen eben nicht.

    Sorry, wenn ich nicht viel konkretes zur angestrebten Debatte beitragen konnte. Ich bin nicht depressiv, aber das Thema des Umgangs mit Kranken und Krankheiten oder Besonderheiten oder Störungen betrifft mich als Mensch.
    Ich wünschte ich könnte helfen…

  33. Pingback: Awareness: Ein Nachtrag an meine Leser | robins urban life stories

  34. Pingback: Und am Ende steht man wieder am Anfang. Warum ich meine Therapie abgebrochen habe | robins urban life stories

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