Der Endgegner im Badezimmer 1: Der ewige Kampf

Dies ist eine überarbeitete Version eines Blogposts, den ich schon vor Jahren auf meinen 1. Blog veröffentlichte und später dann auf diesen Blog rüber zog. Für mich ist er aber sehr wichtig. Aber nicht nur deswegen könnte nichts besser sein, um diese Themenwoche einzuleiten…

Gerne übertreiben Leute und sagen etwas wie „Diese Themen begleiten mich schon fast mein ganzes Leben“. Wenn es um Diät, Übergewicht und Abnehmen geht, stimmt das bei mir aber tatsächlich.

Alles begann bereits in der Grundschule, wahrscheinlich so um die dritte Klasse rum: Ich war speckig und wurde deshalb gehänselt. Es ist schlimm, sowas zu schreiben, vor allem da ich es selbst ganz furchtbar finde, wenn sich schon so kleine Mädchen Gedanken um ihre Figur machen, aber bei mir war es nun mal so. Ich schämte mich unglaublich für mein Aussehen, aber in dem Alter kann man da natürlich nichts dafür, noch kann man dagegen großartig was unternehmen, wenn einem die Familie (vor allem die, die für die lebensmitteltechnische Versorgung zuständig sind) nicht hilft. Im Gegenteil, schon damals bekam ich von meiner Familie blöde Sprüche ab, was auch nicht besonders dazu geeignet war, mein Selbstvertrauen zu steigern.

Ich erinnere mich noch, wie ich in der 4. zu einem Geburstag eingeladen war, der im Schwimmbad stattfinden sollte. Für alle anderen Kinder meiner Klasse war das ein wahnsinniges Highlight, aber mir graute es davor, mich in Badeanzug zu zeigen. Alles Heulen brachte aber nichts – meine Mutter zwang mich trotzdem, hinzugehen -.-

In der weiterführenden Schule ging es dann so weiter. Hier stand Schwimmen sogar zwei Jahre lang auf dem Lehrplan, was ich grauenhaft fand, obwohl ich eigentlich unheimlich gerne schwimme.

In den ersten Sommerferien war ich dann in Kinderkur. Eigentlich war das lediglich als „Urlaub“ deklariert, weil meine Mutter was bei der Krankenkasse drehen konnte, aber nach der dortigen Untersuchung, bei der ich mich ganz nackig machen durfte, wurde ich an den Abnehmertisch gesetzt.
Dort saß ich nun mit lauter erbärmlich fetten Stadtkindern und bekam einen kalorienreduzierten Fraß nach dem anderen vorgesetzt, wovon ich vielleicht 50% essen mochte, der Rest war ekelhaft. Das vom Arzt gesteckte Ziel – 3 Kilo in vier Wochen – erreichte ich zwar, aber wahrscheinlich auch nur deswegen.

Immerhin hatte ich in der Kinderkur erstmals Erfahrung mit Kalorienzählen gemacht und aß von da an bis heute fast kein helles Brot mehr (immerhin). Was meine Eltern aber eher nervig fanden, denn plötzlich mussten sie Körnerbrötchen kaufen…

Je älter ich wurde, desto vehementer wurde ich von meiner Familie auf mein Gewicht reduziert. Die Männer machten sich lustig und die Frauen überschütteten mich mit immer neuen Diätratschlägen, wenn sie sich nicht auch gerade lustig machten. Problem war weiterhin, dass ich mittags immer bei meiner Oma aß und die einen Scheißdreck auf Kalorien gab. Erst mit 14 Jahren konnte ich schließlich durchsetzen, dass ich nach der Schule direkt nach Hause gehen und mir selbst etwas zu essen machen durfte. Wobei ich dann DORT das Problem hatte, dass wir in meinem Dorf keine Einkaufsmöglichkeit haben und meine Mutter sich schlichtweg weigerte, das ganze Zeug zu kaufen, das ich haben wollte.

Bis ich 16 wurde, verwuchs sich einiges an Speck, was ich anhand vieler Bilder nachvollziehen kann, doch damals merkte ich das gar nicht, sondern fühlte mich immer noch zu fett. Ich probierte bis dahin vieles aus, was mir von außen nahegelegt wurde. Nur, und da zeigten sich erste krankhafte Tendenzen: Ich übertrieb maßlos.

Beispielsweise soll ja Apfelessig sehr gut zum Entschlacken sein. Täglich ein Glas Wasser mit einem Schluck Apfelessig soll helfen, die Verdauung anzuregen.
Was tat ich? Ich kniff die Nase zu und trank das Zeug fast pur.
Damals (aber auch schon früher) habe ich auch erste heimliche Erfahrungen mit Abführmitteln gesammelt. Meine Mutter hätte mich umgebracht, wenn sie davon gewusst hätte, und hätte damit vollkommen Recht gehabt. Andererseits bekam ich aber auch immer noch nicht die geringste Unterstützung.

Als ich zur Oberstufe die Schule wechselte, erfand ich meine Persönlichkeit radikal neu. Am ersten Schultag tauchte ich mit Kurt-Cobain-Shirt, Chucks und zerrissenen Levis 501 auf. Meine Mitschüler waren beeindruckt und so fühlte ich mich zum ersten Mal halbwegs wohl.
Zu dieser Zeit wog ich ungefähr 58 Kilo auf 1,58 m. Nicht schlank, aber eben auch nicht fett. Dennoch wollte ich gerne für die erste Klassenfahrt zum Meer in Bikini gut aussehen und hatte damit wieder mal Abnehmpläne.

Nur war dieses Mal irgendein Schalter umgesprungen: Statt Radikalkuren oder idiotischen Diäten wählte ich den gemäßigten Weg und aß einfach nicht mehr so viel. Statt drei Portionen Spaghetti Bolognese nahm ich nur noch eine und aß mich zusätzlich am Salat satt. Aus irgendeinem Grund fiel mir das auch gar nicht so schwer.
Es vergingen, glaube ich, nicht mal drei Tage, bis meine Mutter abends in mein Zimmer kam und eines dieser unangenehmen ernsten Gespräche führen wollte. Warum ich denn so wenig esse, das wäre ja nicht gut, ich würde ja noch wachsen (lol…), blablabla.
Ich saß auf meinem Bett und war fuchsteufelswild. Esse ich zuviel, werde ich ausgelacht, esse ich weniger, muss ich mir direkt so eine Scheiße anhören. Dabei war mein Essverhalten zu dem Zeitpunkt wirklich genau richtig, aber dennoch bekam ich es von allen Seiten drauf.
Immerhin schaffte ich auf diese Weise tatsächlich, 5 Kilo abzunehmen und sah in meinem Bikini nicht schlecht aus. Eigentlich hätte es damit beendet sein können und ich könnte noch heute eine normalgewichtige, zufriedene Frau Anfang 30 sein, aber wieder spielte meine Familie da nicht mit. Denen war mein neuer, grungiger Kleidungsstil ohnehin ein Dorn in Auge. Erst meinten sie gehässig, diese Art Klamotten würden mich fett machen, doch ziemlich schnell schwenkten sie um und sagten, ich SEI fett. Und das mit einem BMI von 21!

Mein noch sehr fragiles neues Selbstbewusstsein kam damit nicht klar und nahm diese Häme ernst, darum bemühte ich mich immer verzweifelter, noch mehr abzunehmen. Ich dachte, wenn ich es mal unter 50 Kilo schaffe, wäre alles gut, aber das ist nun einmal nicht so einfach. Hätte ich weiter gemäßigt gegessen, hätte ich mein ideales Gewicht mühelos halten können, aber da ich ja unbedingt noch weiter Gewicht verlieren wollte, machte ich damit alles kaputt. Fastentagen folgten Tage mit üblen Fressflashs, Tage, an denen ich nichts als Äpfel essen wollte endeten mit einer Pizzaorgie. Mein Körper reagierte mit Gewichtszunahme.

Als ich nach dem Abi weder Studien-, noch Lehrplatz bekam und ich voll in einer Adoleszentenkrise steckte, war mir auch zeitweise mein Gewicht egal. Folgerichtig war ich bald über 60 Kilo.

Die letzten Jahre waren dann geprägt von einigen diätischen Misserfolgen – besonders möchte ich hier die Kohlsuppendiät hervorheben – und weiterer Gewichtszunahme. Allmählich begann sich dann aber dann doch in mir der Gedanke zu manifestieren, dass diese ganzen elenden Crashdiäten einfach nichts bringen und es schlichtweg viel effektiver ist, seine Ernährung umzustellen. Einige Male habe ich das sogar zeitweise geschafft und hatte damit keinen schlechten Erfolg. Also warum nicht wieder?
Doch als ich dies vor ca. 5 Jahren probierte, tat sich überhaupt nichts. Sowieso fielen mir immer mehr Dinge auf, die mir langsam bewusst machten, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Beispielsweise während Rock am Ring: Ich aß und trank so ziemlich dasselbe wie alle meine Freunde während diesen paar Tagen, aber ich war die einzige, die danach 3 oder 4 Kilo schwerer war. Einige nahmen während diesen Festivaltagen sogar ab, nur ich nahm so viel zu!

Ich begann, der Ursache auf den Grund zu gehen und wurde schnell fündig: Schilddrüsenunterfunktion. Das erklärte gleich auch eine ganze Palette anderer Symptome, an denen ich litt. Dennoch wollte mein ursprünglicher Hausarzt nichts festgestellt haben. Ein Jahr lang beobachtete ich mein Gewicht sowie den Rest weiter, bis ich wieder zum Arzt ging, diesmal aber zu einem Spezialisten. Und dieser stellte fest: Jap, Sie haben eine Unterfunktion.

Seit dieser Zeit muss ich deshalb also täglich Tabletten nehmen, aber ich möchte mich nicht beschweren. Zwar habe ich seitdem eigentlich nicht abgenommen, aber das lag nicht an den Tabletten. Ich habe schlicht und ergreifend zu viel gefressen! Vor der Diagnose hätte ich mit den Mengen, die ich in mich reingestopft habe, bestimmt mindestens 10 Kilo zugenommen, aber so ist mein Gewicht sogar konstant geblieben.

Dennoch bin ich wie schon beschrieben nicht gerade glücklich über mein jetziges Gewicht und möchte es nun endlich wieder mit einer Ernährungsumstellung versuchen. Nachdem ich jahrelang gelernt habe, wie viele Kalorien einzelne Lebensmittel haben und wie viele ich zu mir nehmen darf, ist das auch gar kein Problem. Lediglich kostet es Überwindung, täglich einige kleine Mahlzeiten einzubauen, die meinen Stoffwechsel auf Trab halten.

Das Schöne an einer Ernährungsumstellung ist, dass man im Prinzip auf nichts verzichten muss. Bei jeder Form von Diät, sei es nun Atkins, Trennkost oder sonst was, gibt es immer etwas, dem man auf ewig Adieu sagen muss. Ich MÖCHTE aber nicht auf alles verzichten. Nach all den Jahren, in denen ich mich so sehr gehasst habe für alles, was ich gegessen habe, habe ich dennoch nicht den Spaß am Essen verloren, im Gegenteil. Ich koche wahnsinnig gerne. Ein gutes Öl, ein edler Fisch oder ein perfektes Stück Fleisch bringen mich regelrecht zum Träumen. Es ist nichts falsches dran, einen exquisiten Käse zu mögen oder raffiniert eingelegte Oliven – sofern man keine Diät macht.
Diäten verbieten einem alles, was lecker ist. Ich könnte regelmäßig ausrasten, wenn ich höre oder lese: „NATÜRLICH können Sie mit dieser Diät auch mal eine Pizza genießen! Wie wäre denn als Belag hauchdünner Prosciutto, Rucola und gehobelter Parmesan?“
Sorry, aber ICH mag meine Pizza mit Salami und ordentlich Gauda, der auch schmilzt, wenn man ihn heiß macht, also nein Danke!
Was ich sagen will: Eine Ernährungsumstellung erlaubt einem das, was man mag, auch weiter zu essen – halt nur nicht täglich oder gar ausschließlich. Aber damit wird’s natürlich auch wieder zu was Besonderem. Und den Rest der Zeit tut man halt etwas für seinen Vitamin- und Nährstoffhaushalt – was Diäten auch nicht tun.

Auf diesem Stand war ich zumindest vor drei Jahren – aber geändert hat sich in dieser Zeit nichts. Ich war weiterhin unglücklich mit meinem Gewicht und fiel von einer diätischen Enttäuschung in die nächste.

So zumindest bis vor kurzem…!

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8 Gedanken zu “Der Endgegner im Badezimmer 1: Der ewige Kampf

  1. Pingback: Themenwoche: Der Endgegner im Badezimmer! | robins urban life stories

  2. Ich finde es interessant dass Leute, die immer groß rumtönen, sie wären so tolerant, andere Meinungen nicht zulassen bzw. in einem Blogartikel immer irgendwelche Anfeindungen suchen. Robin stellt ganz deutlich IHRE Auffassung zu IHREM Körper dar. Wer daraus ableitet, dass sie Fatshaming betreibt, sollte sich vielleicht nochmal in sinnentnehmenden Lesen üben. Mit keinem Wort wird hier gesagt, dass ALLE zu dick,übergewichtig, fett oder wie man es jetzt nennen will, sind, wenn man kein bestimmtes Körper -Gewicht Verhältnis aufweist. Robin sagt nur, dass SIE sich nicht wohlfühlt. Das ist ihr gutes Recht. In obigem Kommentar schreibt jmd. sie/er habe ein Gewicht von 88kg bei 1.70m Körpergröße und fühlt sich wohl damit. Auch das ist das gute Recht des besagten Kommentators. Für mich mit meinen 1.73m wäre angeblich mein Idealgewicht bei 65,3kg. Sorry, so wenig will ich nicht wiegen. Auch das ist mein gutes Recht.Nachdem wir jetzt geklärt haben, dass hier jeder sich so wohlfühlen darf wie er oder sie will, wo zur Hölle ist das Pronlem,wenn Robin schreibt, dass sie sich nicht wohlfühlt. Es ist IHR Körper und sie fordert niemanden auf ab- oder zuzunehmen. Sie schreibt ihre Meinung über ihren Körper. Man kann immer ein Haar in der Suppe finden, wenn man danach sucht, man kann die Karos aber auch mal nicht so ganz kleinmaschig aufhängen. Es ist Robins Anliegen. Ein Thema, das ihr wichtig ist. Wem das nicht passt, muss ihren Blog nicht lesen und schon gar nicht auf donotlink setzen. Das ist nämlich schlichtweg lächerlich.

  3. Pingback: Rezensionen, Shitstörmchen und noch mehr Rezensionen. | Fettlogik überwinden.

  4. Für mich bedeutet Diät = Ernährung. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass es von so vielen mit irgendwelchen seltsamen Gewichtsreduzierungsdiäten gleichgesetzt wird.

    Ich möchte gerne klarstellen, dass man bei Atkins auf nichts ewig verzichten MUSS. Außerdem kümmert er sich wohl um Vitamine und Mineralstoffe! Deswegen sollte man da auch sehr viel Gemüse essen und genug Eiweißträger dazu. Das ist aber nur die Einleitungsphase, die normalerweise nur 2 bis 4 Wochen dauert. In der Phase 2 (Abnehmen) hat man schon viel mehr Auswahl. Phase 3 (Stabilisierung) erlaubt noch viel mehr, soweit ich mich erinnern kann auch Kartoffeln. Und in Phase 4 (Erhaltung) kann man eigentlich alles essen, bis auf industriellen Abfall, wo außer Zucker, Farbe und Konservierungsstoffe nichts drin ist. Man landet am Ende bei seinen 60 bis 160 g Eiweiß, 100 g Kohlenhydrate und 120 g Fett. Da es aber nicht für jeden so passt. kann man ruhig das Fett reduzierung und bis zu 250 g KH essen. 250 g sind recht moderat im Vergleich zu richtigen Ernährungskatastrophen, wo auch mal locker 450 g zustande kommen. Da ist es ja kein Wunder, wenn man zunimmt oder Mangel an anderen Stoffen bekommt.

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