Rezension: Die Fettlöserin – eine Anatomie des Scheiterns

Nichole Jäger hatte schon immer Gewichtsprobleme und  vor einigen Jahren mit Mitte 20 schließlich das stolze Gewicht von 340kg erreicht. Inzwischen wiegt sie nur noch die Hälfte, ist Abnehmcoach und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben:

fettlöserin

Als ich zum ersten Mal über den Blog der Autorin stolperte, war ich begeistert von ihrer lockeren Art und konnte vieles mit vollem Herzen unterschreiben. Deshalb möchte ich vorab sagen, dass ich Frau Jäger für einen sympathischen und humorvollen Menschen halte und es sicher Spaß machen würde, mit ihr ein Bier trinken zu gehen.
Dabei sollte das Gesprächsthema jedoch besser nicht “Abnehmen” sein, denn inzwischen bin ich etwas klüger und weiß, dass die geschilderten Fakten und Gedanken zum Thema bestenfalls auf Halbwissen beruhen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch potentiell gefährlich für Leser, weshalb ich mich zu dieser Rezension entschlossen habe.

Zunächst zum autobiographischen Teil. Viele Rezensenten auf Amazon oder anderswo haben schon bemängelt, dass einige Details ihrer Geschichte einfach nicht ganz stimmig sind. Die ersten Diskrepanzen fallen ziemlich schnell auf, wenn man nur mit ein bisschen Aufmerksamkeit liest.

Wie kann sie beispielsweise im Abitur eine 2 in Sport erreichen, wenn sie mit 14 eine Hüft-OP über sich ergehen lassen muss und erst zwei Jahre darauf wieder selbstständig stehen kann? Was ist in den Jahren zwischen diesem Ereignis und dem Abitur passiert, zumal sie berichtet, nach ihrem Unfall nie wieder richtig mit Sport angefangen zu haben?

Direkt im Anschluss dann die Zeit, in der sie auf 340kg zugenommen hat. Sie hat sich Essen von Supermärkten und Pizzaservices liefern lassen, ok. Aber wer hat das bezahlt? Wer hat überhaupt ihren Auszug von zuhause, das viele Essen, ihr Leben finanziert? Was hat sie in der Zwischenzeit gemacht, wie hat sie es vor sich selbst gerechtfertigt, keine Ausbildung anzufangen, was ging in dieser Zeit in ihr vor, wie konnte sie auf diese Weise volle acht Jahre zubringen? Das sind Fragen, auf die keine Antworten gegeben werden.

Und dann ist da noch die generelle Frage bezüglich der Glaubwürdigkeit. Es gibt keine Fotos, keine Dokumente der Abnehmklinik, einfach nichts, was ihr Startgewicht oder die Schritte bis zum jetzigen Gewicht belegt. Es hat nichts mit Voyeurismus zu tun, bei einem so unvorstellbar hohem Gewicht irgendeine Art von Beweis zu verlangen. Frau Jäger vermarktet ihre große Gewichtsreduktion und das sehr aggressiv, TV-Auftritte und natürlich das Buch inklusive – da wird die Frage nach einem Nachweis ja wohl noch erlaubt sein.
Aus diesem Grund zweifeln nicht wenige ihr hohes Ausgangsgewicht an. Ich gehe allerdings noch einen Schritt weiter und bezweifle, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt wirklich “nur” 170kg wiegt. Vergleicht man sie mit anderen Frauen ihrer Größe und ähnlichen Gewicht, fällt auch hier auf, dass sie wesentlich massiger wirkt. Und das alles trotz des vielen Sports, der ja zum Muskelaufbau beitragen und damit optisch schlanker machen sollte?

Irgendwie passt da vieles nicht zusammen. Da ihr hohes Ausgangsgewicht und ihre Abnahme jedoch Kern ihrer medialen Präsenz ist, drängt sich die Frage auf, was passieren würde, käme heraus, dass hier Dinge falsch dargestellt worden sind. Wäre das nicht sogar ein Fall irreführender Werbung?

Möglicherweise tue ich und andere Rezensenten ihr hier Unrecht, aber ohne Fotos oder auch nur Gewichtskurven fällt es nun mal schwer, ihren Weg nachzuvollziehen und das alles auch zu glauben.

Das sind einige Dinge, die im Blog wenig aufgefallen sind, aber in dieser geballten Form als Buch leider zwangsläufig Fragen aufwerfen. Doch nehmen wir einmal an, die Darstellung stimmt, dann bleibt da immer noch der darauf folgende “wissenschaftliche” Teil.

Ich muss das leider in Anführungszeichen setzen, denn bis auf ein paar chemische Formeln und Fachvokabular erinnert hier leider nichts an Wissenschaftlichkeit. Zumal Frau Jäger der erstaunliche Spagat gelingt, eigentlich ziemlich einfache Informationen mit vielen Fremdwörtern unnötig kompliziert wiederzugeben und sich gleichzeitig an die Leser zu wenden, als hätte sie eine Schulklasse minderbegabter Achtjähriger vor sich. Der flapsige Schreibstil wirkt hier besonders unpassend und einfach nur enervierend. Müssen solche seitenlang ausgebreiteten “Sendung mit der Maus”-Vergleiche wirklich sein in einem Buch, das sich an ein erwachsenes Publikum richtet und dieses damit behandelt, als wäre es besonders schwer vom Begriff?

Vom Inhalt dieser physikalischen Exkurse ganz zu schweigen. So erklärt sie mit vielen Worten, wohin Fett eigentlich verschwindet, wenn es abgebaut wird. Es wird nämlich hauptsächlich ausgeatmet.
Aha… und jetzt? Das ist bestenfalls ein halbwegs interessanter Funfact, aber wie genau hilft das jetzt bei der Abnahme? Mir persönlich ist es ehrlich gesagt völlig egal, auf welche Weise das Fett meinen Körper verlässt, zumal dieses Wissen den Prozess weder unterstützt, noch beschleunigt!
Ihr wohl witzig gemeinter Hinweis, sich beim Sport nicht zu schämen, wenn man vor Anstrengung keucht und hechelt, da hier immerhin gerade Fett ausgeatmet wird, kann dann auch leicht missverstanden werden. Eine höhere Atemfrequenz = mehr Fettabbau? Nicht wirklich, ne? Dieser Eindruck könnte aber bei dem ein oder anderen Leser entstehen. Es gibt wesentlich bessere und vor allem wissenschaftlich exaktere Gründe, um die Leser zu mehr Bewegung zu animieren!

Die selben unnötig vielen, unnötig komplizierten Worte verschwendet sie bei ihrer Erklärung über Kohlehydrate (was den meisten ohnehin noch aus dem Bio-Unterricht bekannt sein müsste), bei der sie eine Lanze für diesen Makronährstoff bricht und die Leser gleich noch wissen lässt, dass sie vom Low-Carb-Trend überhaupt nichts hält.
Sie echauffiert sich über die Verteufelung der Kohlenhydrate, argumentiert dabei aber komplett am Thema vorbei. Es ist nämlich mitnichten so, dass Kohlenhydrate bei den meisten Low-Carb-Diäten als etwas böses gelten, das für alle Zeiten gemieden werden muss. Der Grund vieler Menschen, während ihrer Abnahme auf Kohlenhydrate zu verzichten, ist ganz schlicht der: weil Kohlenhydrate in egal welcher Form wahnsinnig viele Kalorien haben. Zumal sie meist Hauptbestandteil der Nahrung sind. Ein Esslöffel Öl macht Sinn, ein Esslöffel Nudeln dagegen nicht so, oder?
Diese Kalorien kann man genauso gut für Gemüse und mageres Fleisch aufwenden, zumal es in der Low-Carb-Küche inzwischen sehr viele leckere und kreative Alternativen für kohlenhydratreiche Produkte gibt – und damit wird man am Ende sogar satter als MIT Kohlenhydraten bei gleicher Kalorienmenge! Auch die von ihr so vielgelobten Ballaststoffe sind bei einer solchen Ernährung überreichlich vorhanden – ganz ohne kalorienreiche Vollkornprodukte.

Frau Jäger beschreibt lang und breit, dass jeder Mensch seinen individuellen Weg zum Abnehmen finden muss. Wie ist vor diesem Hintergrund diese Wut (ja, es ist richtige Wut!) zu rechtfertigen gegen eine Ernährungsform, die man übrigens weder täglich, noch für immer praktizieren muss, obwohl in vielen Versuchen gute Abnehmerfolge mit einer solchen Ernährung dokumentiert worden sind? Möglicherweise haben nicht alle Leser solche Probleme wie Frau Jäger, auf Nudeln zu verzichten (ihre eigene Aussage), aber ihre Abrechnung mit diesem “Trend” empfinde ich schon fast als beleidigend diesen Leuten gegenüber, zu denen ich mich auch zähle. Ist das wirklich das, was sie ihren Klienten mitgeben will – obwohl die doch selbst am besten wissen müssten, worauf sie verzichten können?

Was dann auch noch richtig unangebracht ist, ist ihr Vergleich mit Antidepressiva. Kohlenhydrate würden ähnlich wirken – daher mache Schokolade auch so glücklich. Da fragt man sich ganz böse, warum sie mit der Ananas-Diät so unzufrieden war? Die bestehen doch praktisch aus nichts anderem!
Der Verdacht drängt sich auf, dass sie nur eine Rechtfertigung sucht, weiterhin Nudeln zu essen, so wie sie Vollkorn und die darin enthaltenen Ballaststoffe lobt, denn darüber hinaus scheint ihr die Zusammensetzung der Lebensmittel ziemlich egal zu sein. Sie geht tatsächlich nur auf Ballaststoffe ein zur Ehrenrettung ihrer Kohlenhydrate. Als enthielten andere Nahrungsmittel nicht ebenfalls Ballaststoffe!

Was dagegen als wissenschaftlicher Fakt nur ganz am Rande erwähnt wird und gegenüber den Informationen zum Fettabbau eine wesentlich größere Daseinsberechtigung gehabt hätte, bezieht sich auf das Energiedefizit. Es ist nämlich so, dass jeder Mensch, egal mit welcher Ernährung, ziemlich genau 7000kcal einsparen muss, um 1 Kilo Fett zu verlieren. Das ist universell, das ist Physik und gilt für jeden. Warum widmet sie dieser Information nicht mehr als einen Halbsatz, den mit Sicherheit viele Leser gar nicht verstehen, weil ihnen diese Formel unbekannt ist?
Natürlich: Weil diese Rechnung Kalorienzählen nahe legt und Frau Jäger nichts vom Kalorienzählen hält. Warum, erwähnt sie übrigens nicht. Vermutlich, weil es irgendwie genussfeindlich ist, genau zu wissen, was man zu sich nimmt und seine Abnahme darauf aufbauend berechnen zu können? Oder weil es weh tut, schwarz auf weiß zu sehen, wie viel man da gerade gegessen hat, obwohl das doch so ausgewogen und ballaststoffreich war?

Damit zum definitiv größten Problem innerhalb des “wissenschaftlichen” Teils, nämlich ihrem Kapitel über den Jojo-Effekt und den sogenannten Hungerstoffwechsel.
Frau Jäger ist leider nicht die Einzige, die vollkommen überzeugt davon ist, dass der Körper anfängt, Fett zu “bunkern”, wenn man während einer Diät “zu wenig” isst. Dies führe dann in kürzester Zeit zu einer erst langsameren, dann völlig zum Erliegen kommenden Abnahme und schließlich zur Zunahme, da sich der Körper bei geringer Kalorienmenge in einer Hungersnot wähnt und den Stoffwechsel auf “Sparflamme” schaltet, und zwar auch noch dann, wenn man wieder mehr isst – der Jojo-Effekt.
Frau Jäger gibt sogar zu, dass bei dem Thema selbst unter Experten Uneinigkeit herrscht, propagiert die Angst vor dem Hungerstoffwechsel aber trotzdem munter weiter, wobei sie nicht einen einzigen Beleg liefert. Hat sie zuvor erklärt, der Grundumsatz sei das, was der Körper bei völliger Ruhe braucht, nur um seine lebenserhaltenden Funktionen ausführen zu können, weiß sie nun zu berichten, dass sich der Grundumsatz im Hungerstoffwechsel halbieren kann. Natürlich auch das völlig ohne Beleg!

Es fällt schwer, an dieser Stelle nicht entsetzt das Buch wegzulegen. Die Vorstellung, ein Körper, der mit 340kg das Fünffache (!!!) dessen wiegt, was bei Frau Jägers Größe normal wäre, würde sich im Krieg wähnen und anfangen “für schlechte Zeiten” zu bunkern, weil er länger als fünf Tage am Stück “zu wenig” Kalorien bekommt, ist einfach nur grotesk!

Zusammen mit dem Larifari-Ton, den Frau Jäger hier anschlägt (“vielleicht stimmt das ja doch nicht, aber selbst wenn nicht, habe ich trotzdem schon 170kg abgenommen”) entsteht der Eindruck einer eigentlich ob der schieren Menge an validen Daten, die allesamt die Existenz des Hungerstoffwechsels widerlegen, zutiefst verunsicherten Frau, die Dinge wiederkäut, mit denen sie sich im Grunde kaum befasst hat. Eigentlich bemitleidenswert, aber nicht akzeptabel ist dabei die Panik, die sie bei ihren Lesern verbreitet. Der Körper merkt innerhalb von fünf Tagen, dass er sich praktisch in einer Hungersnot befindet, braucht aber Monate, um den Stoffwechsel bei gesteigerter Nahrungsaufnahme wieder zu normalisieren – während er unweigerlich zunimmt? DAS ist beängstigend. Glücklicherweise stimmt es nicht.

Frau Jäger hat dann auch einen Tipp auf Lager, wie man diesen Zustand umgehen kann, nämlich indem man maximal 500kcal unter seinem Gesamtumsatz isst. Diese Information weiter zu geben scheint ihr allerdings Bauchschmerzen zu bereiten und nicht so recht ins Konzept zu passen, denn um das hinzukriegen, muss man Kalorien zählen und davon hält sie ja wie gesagt nichts. Sie tröstet den Leser jedoch, dass auf diese Weise eine Abnahme von einem halben Kilo in der Woche möglich wäre, ganz ohne in den Hungerstoffwechsel zu fallen.

Ein Richtwert also, an den sie sich selbst nicht hält, denn die ersten 60kg hat sie in 8 Monaten verloren, was in dieser Zeit einem durchschnittlichen täglichen Energiedefizit von ca. 1750kcal entspricht, also ca. 1,8kg die Woche. Diese hohe Abnahme ist natürlich nur möglich, weil ihr Grundumsatz bei ihrem Ausgangsgewicht schon bei über 4000kcal lag. Da sie aber in dieser Zeit nahezu bewegungsunfähig war, kann ihr Gesamtumsatz nur unwesentlich höher gewesen sein, was zusätzlich beweist, dass an der Maxime “höchstens 500kcal unter Gesamtumsatz, sonst Hungerstoffwechsel” nichts dran sein kann. Gleichzeitig berichtet sie, in der ersten Zeit ca. 3kg die Woche verloren zu haben, was damit ja auch wieder nicht zusammen passt!

Man fragt sich: Ist Frau Jäger nie aufgefallen, dass sie sich selbst nicht gemäß ihrer eigenen Regeln ernährt? Oder gibt sie tatsächlich nur die halbgaren, wissenschaftlich unhaltbaren Tipps wider, die sie während ihrer Diätkarriere aufgeschnappt hat, ohne auch nur einmal einen Taschenrechner in die Hand zu nehmen oder eine Studie dazu zu lesen?

Weitere konkrete Tipps sucht man in diesem Buch dann leider auch vergeblich. Ja, es soll kein Diätratgebr im klassischen Sinn sein… aber etwas mehr als “Vollkornprodukte, Gemüse und auch etwas Protein” wäre ja wohl doch zu erwarten?

So bleibt für den Leser nur ihr ständiges Credo: “Diäten sind schlecht und funktionieren nicht!” Wobei man sich dann fragen muss, wie SIE eigentlich abgenommen hat. Ob mit oder ohne Kalorien zählen, eine Nahrungsaufnahme mit einem täglichen Defizit von 1750kcal IST eine Diät, ob sie es so nennt oder nicht. Da sie darüber hinaus offensichtlich die physikalischen Mechanismen des Abnehmens ignoriert, ist es wenig überraschend, dass ihre Diäten nie langfristig funktioniert haben.

170kg abzunehmen ist definitiv eine Marke (Frau Jäger erinnert den Leser vorsorglich fast jede zweite Seite daran). Ein anderer Rezensent schrieb dann auch irgendwo begeistert, Nicole Jäger habe es geschafft.
Dem muss ich entschieden widersprechen. Frau Jäger hat es NICHT geschafft, sondern schleppt immer noch gut 100kg Übergewicht mit sich herum. Ein Wert übrigens, der sich laut ihrem Blog seit Monaten nur unwesentlich verändert hat.
Zusammen mit ihrem ebenfalls im Buch befindlichen Bericht darüber, schon mal bei 140kg angekommen zu sein, dann aber wieder auf 210kg ZUgenommen zu haben (der böse Jojo-Effekt), muss man auch ihrer eigenen Aussage widersprechen. Frau Jäger weiß eben leider NICHT, wie Abnehmen funktioniert.

Sie verteufelt Diäten, obwohl diese weder per se ungesund sind, noch im Jojo-Effekt enden müssen, wenn die Mechanismen des Abnehmens bekannt sind (darunter auch die Tatsache, dass der Grundumsatz bei sinkendem Gewicht ebenfalls sinkt, da weniger Masse versorgt werden muss und man deshalb nicht mehr “so essen kann wie vorher”, ohne zuzunehmen – was nicht das Geringste mit dem vielgefürchteten “Hungerstoffwechsel” zu tun hat). Sie propagiert eine gesunde, ausgewogene Ernährung, obwohl sie in ihrem jetzigen Zustand absurde Mengen vertilgen muss, um ihr Gewicht von 170kg zu halten. Würde sie sich gemäß des Gesamtumsatzes einer normalgewichtigen Frau ihrer Größe ernähren, würde ihre Abnahme wesentlich schneller vonstatten gehen. Sie schreibt leidenschaftlich gegen das Hungern an, obwohl jedem normalen Menschen klar sein muss, dass ein Magen, der an so riesige Mengen gewöhnt ist, wie sie sie zu ihren schwersten Zeiten zu sich genommen hat, völlig überdehnt ist und gar nicht anders kann, als mit Hunger zu reagieren, sobald er normale Portionsgrößen bekommt – womit der Tipp, bloß immer seinem Hunger nachzugeben, einfach nur eine Verlängerung der Leidenszeit bedeutet, zumal der Magen sich auch sehr schnell wieder umgewöhnen kann, wenn man ihn lässt.

Es steht jedem frei, aus diesem Buch, das darüber hinaus leider auch voll von ganzheitlichen Plattitüden ist (Liebe dich selbst! Verzeihe dir! Hinfallen ist nicht schlimm, wenn man danach wieder aufsteht!), irgendetwas gehaltvolles zu ziehen, was über das kurze Amüsement über die durchaus witzigen Kapitel, in denen Frau Jäger pointiert über das Leben als dicke Frau berichtet hinaus geht. Für mich ist dies allerdings eher ein Wellnessbuch statt ein echter Ratgeber, der mit Sicherheit dem ein oder anderen Leser das gute Gefühl gibt, sich mit seinem Übergewicht einrichten zu können, ohne wirklich was ändern zu müssen. Ob das auf die Dauer glücklich macht, wage ich zu bezweifeln.

Ich hatte lange nicht vor, mir das Buch zu kaufen. Leider ist nämlich von meiner anfänglichen Begeisterung für die „Fettlöserin“ nichts mehr übrig. Bei allem Gerede über „Schluss mit dem Selbstbetrug“ schreibt sie doch nur das, was der Leser gerne hören will – dass Diäten nichts bringen, der Stoffwechsel Schuld ist. Das ist sehr bequem, denn so muss man ja auch nichts radikal ändern. Lieber mal ein Brötchen weglassen, dafür ein Apfel mehr, bisschen Bewegung und „sich verzeihen“, dann klappt das schon…
Nein, es klappt eben nicht. Ich fand toll, was Frau Jäger schrieb und blieb trotzdem todunglücklich. Ich wollte abnehmen und hatte keine Ahnung wie. Ich glaubte an den Hungerstoffwechsel und daran, dass Diäten böse sind. Das Resultat war eine jahrzehntelange Leidenszeit voller Misserfolge und Selbsthass.

Und dafür sind nicht zuletzt Ergüsse wie das vorliegende Buch verantwortlich. Ich habe es mir schließlich doch aus Neugier gekauft. Ich ahnte schlimmes, aber es kam noch viel schlimmer, wie ich hoffentlich erschöpfend dargelegt habe. Dieses Buch ist schlicht völlig ungeeignet für Übergewichtige und reproduziert den selben unwissenschaftlichen Mist, der auch in Frauenzeitschriften, Internetforen und anderen Diätratgebern zu finden ist. Ich kann gut verstehen, warum viele Menschen so begeistert davon sind, aber einlullendes Feelgood dieser Art und das Verbreiten von Mythen, wo Fakten angebracht wären wird irgendwann zu einem bösen Erwachen führen.

Das habe ich glücklicherweise schon hinter mir und habe auf diese Weise mein Übergewicht endlich verloren. Allen anderen, die dieses Buch mit der Hoffnung, wirklich konkrete Abnehmtipps zu finden, gekauft haben oder kaufen wollen, sei deshalb stattdessen das hervorragende Buch “Fettlogik überwinden” von Dr. Nadja Herrmann ans Herz gelegt. Darin schildert die Autorin mit echten wissenschaftlichen Background, vielen Belegen und trotzdem allgemein verständlich und unterhaltsam die wahre Anatomie des Abnehmens, die es jedem Leser möglich machen wird, sein Idealgewicht zu erreichen, sofern er denn willig ist. Zumal die Autorin bei einem Startgewicht von 150kg und jetzigen Gewicht von 63kg im Gegensatz zu Frau Jäger WIRKLICH behaupten kann, es “geschafft” zu haben.

Leider scheint es darüber hinaus so, als würde sich Frau Jäger momentan auf ihren immer noch absurd hohem und gesundheitsschädlichen Gewicht einrichten, weil es sich offensichtlich finanziell für sie lohnt, sich als “der lustige Abnehmcoach, der selber fett ist” zu vermarkten – und hat sich damit meiner Meinung nach ziemlich an die Wand manövriert.

Ich hoffe für sie, dass sie dahingehend noch die Kurve kriegt.

21 Gedanken zu “Rezension: Die Fettlöserin – eine Anatomie des Scheiterns

  1. Großartig!!! Eine super Rezension, die hoffentlich vielen die Augen öffnet!

    Nadjas Buch hab ich gleich nochmal bestellt – jetzt endlich gedruckt! Lässt sich besser verschenken, nachdem ich das inhaltliche Update (viele Ergänzungen, gut überarbeitet) gelesen habe…

    • Danke🙂

      Ich hab „Fettlogik“ sogar schon einmal verschenkt – ging als Geschenk verpackt an eine Verwandte ^^ Wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein.

  2. Ich habe die Hälfte meines Kommentares auch irgendwie während des Schreibens vergessen… Natürlich kein Vergleich zu Nadjas lückenloser Dokumentation, das wollte ich noch hinzufügen.
    Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass es einfach keine Fotos gibt aus der 340 kg Zeit. In so einem Zustand hat nicht jeder die Muße, Ganzkörperfotos zu machen, und wenn sie echt nicht aus dem Haus gekommen ist (ich weiß über sie nur das, was in deiner Rezension steht), wird es auch keine Fotos geben, die andere von ihr gemacht haben. Ich kenne das Problem, als jemand mit wenig sozialem Auslauf, allzu viele Kopf bis Fuß Fotos habe ich nicht für meine Timelines und wenn, hab ich die fast alle selbst gemacht.
    Ist natürlich unpraktisch.
    Egal, ob sie 340 hatte und ob sie jetzt wirklich 170 wiegt, es wäre so oder so kein Buch für mich. Dieses *dickster Ernährungscoach* Ding ist mir irgendwie zu gimmicky.

  3. Durch „mir verzeihen“ hab ich es geschafft mich zur Adipositasgrenze zu fressen ^^ Ist also nicht wirklich ne Option für mich.

    Generell frage ich mich, wie die Leute es schaffen eine Diät ohne Kalorienzählen durchzuhalten?? Wenn ich nicht schwarz auf weiß vor mir hätte, dass ich und meine Kalorienaufnahme cool sind, würde ich mich ob jedes Grissinis und jedes Mini Soleros dermaßen grämen…. Das ist mir dann echt zu stressig.😀

    Auch dass ich mich bei Diät täglich wiege, fanden einige total zwanghaft, da MUSS man doch ein schlechtes Körpergefühl bekommen!!
    Ich hab da eher einen gegenteiligen Effekt bemerkt, das erste Mal konnte ich nachvollziehen, wann mein Körper Wasser einlagert und wieviel er tatsächlich so braucht. Mein Körper und ich waren uns noch nie so nahe und es ist großartig😀

    Es ist natürlich eine Überwindung, zu diesem Punkt zu kommen, man muss gnadenlos ehrlich zu sich und seinem Körper sein.
    Aber sind nicht die besten Freundschaften auf brutaler Ehrlichkeit aufgebaut?🙂

  4. Ich kenne nur das Blog, nicht das Buch, aber ich gehe mit Dir in den zentralen Punkten d’accord: Das ist Wohlfühlgelabber einer fetten Frau, von fetten Frauen für fette Frauen.

    Außer dem Bild von maunzemaus oben gibt es auch noch das hier:

    … aber das hilft halt nichts. Obiges ist halbnackt vs. vorteilhaft angezogen & andere Perspektive, und das andere ist schlechtes Bild in dunklem Raum vs. Studiofoto mit anderer Brille, Haarfarbe & einem Kilo Photoshop (zumindest Weichzeichner). Und ein neuer, schlankerer S/M-Halsreif.

    Insofern glaube ich der Frau nicht, dass sie abgenommen hat. Warum – mei, das hast Du ja schön und ausführlich dargelegt.

  5. Pingback: 102,9 und eine erhellende Rezension – abspeckblog

  6. Danke für Deine Rezension!
    Du bringst auf den Punkt, was ich zu dem Thema „irgendwie“ gedacht habe, aber nicht ausdrücken konnte.
    Ich habe letztens einen TV Auftritt von Nicole Jäger gesehen und war erstaunt, mit welchen Fettlogik-Plattitüden die Moderatoren da schon zu begeistern waren…

    Und auch Danke, dass Du mal für die Low Carbler in die Bresche springst.🙂
    Ich gehöre ja selbst dazu und finde es ärgerlich, dass LC immer als „idiotischer, genussfeindlicher Diätfirlefanz“ abgetan wird. Vor allem immer von Menschen, die sich damit noch nie wirklich befasst haben, sondern nur „LC=kein Brot=kein Spaß mehr im Leben“ denken.
    Ich habe schon mal auf meinem Blog lang darüber geschrieben, warum ich LCHF mache und wieso es mir gut tut.
    Denn neben den Punkten, die Du aufführst, gibt es da noch eine ganz schlichte Sache: LCHF ist unglaublich einfach einzuhalten, für Leute wie mich, die eben nicht die „von allem ein bisschen, aber insgsamt mit Defizit“-Schiene fahren >können<.

    Ich schaffe es z. B. nicht, nur ein bisschen Schokolade zu essen. Ich kann mir das nicht einteilen, weil das für mich echtes trigger food ist.
    Also ist es einfacher, es gleich wegzulassen und mich selbst nicht in Verführung zu bringen.
    Natürlich muss ich auch mit LCHF Kalorien zählen und ein Defizit essen, um abzunehmen. Das ist schlichtweg Physik. Aber es fällt mir eben deutlich leichter, wenn mein Blutzucker ruhig ist und der Heißhunger somit ausgeschaltet.

    Doch ich schweife ab.😉

    Danke noch mal für Deine Buchbesprechung.

    • Mir geht es da übrigens ganz genauso. Ich habe festgestellt, dass ich einfach viel mehr Heißhunger habe, wenn ich Carbs esse.

      Ist schon komisch! Da esse ich einen Teller Zucchinispaghetti mit Frischkäsesoße und Schinken und komme damit wunderbar bis zum nächsten Abend klar, obwohl es nur ca. 500kcal hat, aber wenn ich mir ne Pizza bestelle, wache ich am nächsten Morgen schon mit Hunger auf. Deshalb bin ich wieder komplett auf LC umgestiegen, obwohl ich inzwischen Rezepte MIT Kohlenhydraten und trotzdem sehr wenig Kalorien gefunden habe. Aber das bringt nichts, wenn ich mich dafür so quälen muss und Heißhungerattacken kriege!

      Ich mach das ja auch nur bis zur Haltephase. Aber bis dahin ist es für mich die effektivste und beste Methode zum Abnehmen. Und, too much information, meiner Verdauung geht es dabei auch blendend… was haben immer nur alle mit Ballaststoffen?! Darauf achte ich nur, wenn ich dahingehend ein Problem habe, aber das hat dann eher andere Gründe („Reisedarm“ ^^).

      • Hallo,
        ich habe sowohl das Buch der Fettlöserin Nicole als auch das der Nadja Hermann gelesen. Beide habe ein sehr hohes Ausgangsgewicht. Für mich ist es aber wesentlich einleuchtender, das Gewicht durch ein vernünftiges Essverhalten und Sport zu reduzieren, wie es Nicole Jäger vorschlägt, als eine Crash-Diät mit 500 Kalorien zu starten, die sehr gutes Wissen verlangt, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen und außerdem langfristig keine Verhaltensveränderung bewirkt. Für mich hat Nicol Jäger die richtige Methode erkannt.
        Mit freundlichen Grüßen
        Silke

      • Hallo Silke,

        es sei dir unbenommen, dich auf eine an sich unwichtige Einzelheit in Frau Hermanns Buch zu stürzen und gleichzeitig all meine inhaltliche Kritik an Frau Jägers Buch zu ignorieren, aber eine Frau, deren Gewicht seit Jahren auf 170kg stagniert, hat meiner Meinung nach eindeutig nicht die richtige Methode gefunden.
        lg
        Robin

  7. Danke für deinen Post. Ich lese das Buch gerade – Ich glaube mir fehlen noch 2 Kapitel oder so. Aber mir fehlt die Lust es fertig zu lesen. Warum verstehst du sicher😉

    Ich habe shcon eine Rezension begonnen und hab mich echt schwer getan. Ich mochte Nicoles Blog auch sehr gerne. Die lockere Art und auch ihr Humor gefielen mir auf iohrem Blog echt gut.
    Als ich das Buch begann zu lesen nervte es mich. Ich weiß selbst nicht warum, aber es störte plötzlich ungemein. Dieses selbstironische Getue, das auf jeder Seite vorkam nahm einfach kein Ende.
    Die Tipps die sie gibt sind wohl auch nur für stark übergewichte hilfreich – statt 5 Broten und 3 Äpfeln, 5 Äpfel und 3 Brote zu essen klingt für mich schon etwas absurd.

    Auch, dass sie Low Carb so verteuflt stört mich – dabei kann ich auch nicht ganz ohne Kohlenhydrate – aber ich verstehe den Ansatz einfach. Mit Eiweiß und Fett sind die meisten einfach mehr satt. Ich weiß es von mir selbst – allerdings esse ich eben auch gern mal etwas Reis oder Nudeln. (weil mit Zucchininudeln kann man mich jagen :D)

    Ich hätte mir auch Fotos gewünscht, oder einfach mehr Dokumentation über ihren Abnehmweg. Ich finde es auch schade, dass sie wohl vergessen hat, dass sie immer noch übergewichtig ist. Zumindest wirkt es so, denn es klingt ja wirklich so als wäre sie am Ziel.

    Das Kapitel über den Jojo Effekt hab ich im übrigen übersprungen, dazu hatte ich gar keine Nerven😀

    Danke nochmal für deine direkten Worte, ich glaube das wird mir helfen mir das Buch in meiner Rezension nicht schön zu reden.

  8. Ist zwar Abiturientenlyrik, aber trotzdem sei der Nebengedanke gestattet: finde es immer wieder erstaunlich, dass sich auch für solchen Mist tatsächlich ein Verlag findet. Geht es dabei überhaupt noch irgendwo um Inhalte, oder veröffentlichen die bisherigen Überlebenden noch viel mehr Unsinn denn je, solange er Umsatz verspricht (rhetorische Frage)? Irgendwie kann ich das immer noch schwer akzeptieren. Davon ab, sehr nett zu lesende Rezension, thx. Wer Nadjas Blog und Buch verfolgt hat, kann Deinen Text hiersehr gut nachvollziehen, es klingt schon recht grotesk.

    • Danke für den Hinweis. Ich habe inzwischen selbst ein bisschen nachgeforscht und bin mittlerweile überzeugt, dass diese ganze Geschichte von vorne bis hinten gelogen ist. Ihr Startgewicht in einem Abnehmforum lag jahrelang bei ungefähr 260-280kg oder so, das korrigierte sie erst nach oben, als ihr Blog an den Start ging. Sie hatte schon mal vor Jahren ein Gewicht von 170kg und war sogar schon deutlich drunter, was bedeutet, dass sie in den letzten 3, 4, 5 Jahren effektiv überhaupt nichts abgenommen hat (wenn man ihr ihr jetziges Gewicht von 170kg glaubt, was ich nicht tue – man vergleiche nur mal ihr Bild mit Nadjas Startbild. Dazwischen sollen NUR 20kg liegen? Im Leben nicht!).

      Diese Frau mag ihr Marketing voll im Griff haben, aber ihr Gewicht bestimmt nicht. Ich könnte kotzen, wenn ich sehe, wie erfolgreich die damit ist!

  9. Wir hören auf der Arbeit FFH und da ist die derzeit die „Abnehm-Expertin“ bei denen. Die machen dauernd mal Interviews zum Thema abnehmen…. ich könnte kotzen… eine Frau, die mehr als das Doppelte von mir wiegt (und ich bin auch übergewichtig -.-) will mir erzählen, wie ich abnehmen soll. Von den ganzen Fettlogiken will ich gar nicht erst anfangen.

  10. Tatsächlich habe ich zum Thema LowCarb noch nie „Kohlenhydrate haben viele Kalorien“ gelesen, sondern nur „Kohlenhydrate sind schlecht und ungesund!“, weswegen mich das auch nervt und ich einen diesbezüglichen Rant gut verstehen kann. Das macht den Rest aber natürlich nicht besser …
    Ansonsten hat es mich bisher nicht gelockt, das Buch näher anzusehen oder gar zu kaufen – und nach deiner Rezension erst recht nicht😉

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