Und jetzt?

Nach vier Monaten ist es wohl mal wieder Zeit für ein Update.

Momentan habe ich die Aufmerksamkeitsspanne eines demenzkranken Goldfischs, deshalb ist Twitter gerade das einzige Medium, über das ich mich überhaupt regelmäßig zu Wort melde. Dabei gibt es zumindest eine Neuigkeit, die dann aber auch der Grund für meinen derzeitigen Zustand ist: Ich habe, mit Biegen und Brechen zwar, aber dennoch, tatsächlich mein Studium erfolgreich abgeschlossen beendet. Und dafür habe ich auch nur doppelt so lange gebraucht wie angesetzt! YAY!

Schön war das zum Ende hin nicht. Ich bin ja eine entschiedene Gegnerin der Bologna-Reform, aber wenigstens haben die Bachlor- und Masterstudenten nicht sämtliche notenrelevanten Prüfungen erst am Schluss. Nicht, dass ich nicht genug Zeit zum Lernen hatte, auch wenn einer meiner Dozenten entsetzt war über mein spätes Auftauchen zur Themenbesprechung (ich war ca. sechs Wochen vorher da, für ihn viel zu kurz, effektiv gelernt habe ich aber höchstens sechs Tage. Meine Note? Ne solide Zwei.), trotzdem wird mir das letzte Jahr als das grauenhafteste aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Nach meinem Marathon im Frühling, währenddessen ich fünf Hausarbeiten in ebenso vielen Wochen fertig stellte (natürlich keine davon notenrelevant), ging es meinem Empfinden nach nahtlos weiter mit dem Unischeiß, obwohl das in Wahrheit so gar nicht stimmt. Mein Stresslevel war dennoch konstant hoch, sank nicht während meiner Vorbereitung auf die Klausuren und entlud sich schließlich, als ich kurz vor der eigentlich leichtesten mündlichen Prüfung vor der Sekretärin des Landesprüfungsamts einen kleine Heulattacke hatte und die Prüfung daraufhin verschieben durfte – was nett von ihr war, im Prinzip das Leiden aber nur verlängerte.

Bei all dem könnte man meinen, dass ich nach der letzten Prüfung auf Wolken hätte schweben müssen. Das Gegenteil war der Fall.

Es ist die vielleicht größte Ekelhaftigkeit dieser elenden Krankheit Depression, dass sie es schafft, eigentlich tolle Sachen in einen riesigen Haufen Scheiße zu verwandeln. So verkroch ich mich nach meiner letzten Prüfung dann auch im Bett und heulte sechs Stunden am Stück.

Und jetzt, über zwei Monate danach, hat sich im Prinzip seitdem nicht viel geändert.

Ich fühle mich zu Tode erschöpft und leergepumpt, obwohl ich eigentlich kaum etwas anderes tue als sinnlos rumzuhängen, zu viel zu trinken und arbeiten zu gehen, wo ich dann auch oft nur rumhänge und zu viel trinke. Die Motivation für die ganzen tollen Projekte, nach denen ich mich während meiner Lernphase so gesehnt habe, ist in dem Moment verpufft, als ich endlich Zeit im Überfluss dafür hatte. Übrig bleibt: Lethargie, Selbsthass.

Im Grunde falle ich momentan in die selben unguten Muster, die sich bei mir auch nach dem Abi abzeichneten. Damals nannte man es Adoleszentenkrise, aber ob dieser Begriff für mich inzwischen 32jährige Schabracke noch passt?

Manchmal glaube ich, dass jeder noch so geistlose 9-to-5-Job mit der damit zwangsläufig verbundenen Struktur besser für mich wäre als dieser dauerhafte Zustand des so-gern-Wollens-aber-einfach-nicht-Könnens, wo doch all die Zeit, die ich ausfüllen könnte mit übersprudelnder Kreativität, sowieso sinnlos verstreicht. Gefolgt von dem verzweifelten Gedanken: morgen. Morgen wird es bestimmt besser.

Bisher war es es das aber nicht. Morgen ist es nie besser. Morgen bin ich nur einen Tag älter.

Ziellosigkeit. Ich weiß schlicht und ergreifend nicht, was ich will. Oft genug weiß ich nicht mal genau, was ich NICHT will, das sind dann die Momente, in denen der geistlose 9-to-5-Job plötzlich doch wahnsinnig attraktiv erscheint, aber selbst für sowas bin ich, die frischgebackene Historikerin und Germanistin, vermutlich nicht qualifiziert. Und so zieht sich die Ungewissheit ohne Ergebnis durch die Wochen und Monate.

Seit Wochen versuche ich ich, mich zum Schreiben von Bewerbungen zu motivieren, aber da ich ja nun doch kein Lehramt ausfüllen will, steht mir plötzlich alles und nichts offen. Ein paar Ideen hätte ich ja doch, aber weil ich nun so viele Jahre mit der Vorbereitung auf einen Beruf verschwendet habe, den ich nicht will, fehlt mir bei dem Meisten davon die nötige Erfahrung. Trotzdem könnte man es ja mal probieren – wenn man nur könnte. Wenn man irgendwas einfach mal so einfach könnte.

Die letzten Tage waren gefühlsmäßig mal wieder eher schlechter und das Schreiben bis hierher hat mich auch nicht gerade aufgebaut. Trotzdem gibt es kleinere Lichtblicke. Das Geld, was ich im Dezember gesammelt habe, hat gereicht, meine zu hohen KfW-Rückzahlungen bis diesen Monat zu bezahlen – ab 1. Mai zahle ich viel weniger und kann das hoffentlich in Zukunft allein stemmen. Gleichzeitig habe ich es geschafft und es auch bei Twitter stolz verkündet, dass ich Dank (halblegaler) Überstunden nun auch beim Freund schuldenfrei bin – was er genauso melodramatisch mürrisch zur Kenntnis nahm wie angekündigt.

Er ist ein weiterer Lichtblick. Ich liebe ihn sehr. Aber ich wünschte, ich könnte für ihn immer die Frau sein, die ich bin, wenn ich nicht in diesem tiefen Loch sitze.

Trotzdem habe ich weiterhin das Gefühl, in jeder Lebenslage gerade mit beiden Füßen auf der Bremse zu stehen. Leider habe ich bisher nur auf eine Art gelernt, mit so etwas umzugehen: Indem ich ihnen etwas anderes zu tun gebe und Wandern gehe.
Nun weiß ich selber, wie asozial es rüber kommt, wenn ich im Winter um Geld bettle und im Frühling in Urlaub fahre. Aber ich weiß nicht, was ich sonst noch machen soll. Ich kann einfach nicht mehr. Und da ich wie gesagt so viel arbeiten war wie möglich, Geld zum Geburtstag bekommen habe und auch meine Mutter mir unbedingt was zum Abschluss schenken wollte, wird es nun mal das. Nicht so lange wie ich gerne möchte (dann wäre ich wohl bis September unterwegs) und so sparsam wie möglich, aber immerhin 15 Tage – die mir hoffentlich genug Kraft geben, um den Restart-Button zu finden. Der Jakobsweg ist nicht die lebenserschütternde Wunderreise, als die er immer verkauft wird, aber immerhin dafür ist er für mich gut.

Nächste Woche gehts los. Und danach kann es hoffentlich weiter gehen und ich finde Antwort auf die eingangs gestellte Frage. So oder so.

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15 Gedanken zu “Und jetzt?

  1. Trotz allem meinen Glückwunsch zum Abschluss des Studiums!

    Und ein paar Gedanken zum hirnlosen 9to5-Job. Ich bin ja nun selber von dieser blöden Krankheit betroffen und hatte zweimal das „Vergnügen“, jeweils sehr lange deswegen nicht meinem Job nachgehen zu können. Anfänglich fühlte sich das ähnlich an wie das, was du auch beschreibst: so viel Zeit, aber machen tue ich erst morgen was.

    Ich bin dann irgendwann dahinter gekommen, dass so ein Job auch das Gerüst darstellen kann, das man/ich braucht(e), um diese „Morgen“-Problematik in den Griff zu bekommen. Das perfide ist, wenn man dann erst mal in der Mühle steckt, wird aus morgen ganz oft nächste Woche …

    Deswegen, und weil ich mir nicht vorstellen kann, dass du nicht qualifiziert sein kannst, drücke ich dir die Daumen, dass es nach deinem verdienten Urlaub für dich möglich sein wird, erfolgreiche Bewerbungen zu schreiben! Historikerin und Germanistin ist doch keine schlechte Kombination 🙂 .

    Alles Gute für dich!

  2. Du triffst mit deiner Beschreibung sehr genau wie meine aktuelle Selbstwahrnehmung aussieht. Es ist ein Scheißgefühl und ich wünsche dir, dass deine Reise dir hilft. Viel Spaß 🙂

  3. Ist Dir das 9to5 aus „image“-Gründen (so etwas will ich nie machen!) zuwider oder weil Du aus Erfahrung weißt, dass Du damit nicht glücklich wirst?
    Ich kann mich MichaelBehr nur anschließen und aus meiner Sicht bestätigen, dass dieses 9to5-Ding mir eine Grundstruktur für den Tag und auch für die Woche gibt. Ist sicher auch ein bischen Typsache, aber wenn Du z.B. in eine stationäre Reha gehen würdest (hattest Du sowas evtl schonmal?), dann hättest Du dort immer vorrangig eine Struktur. Struktur ermöglicht es Depressiven und anderen psychisch Kranken oft erst, überhaupt eine Veränderung bei sich herbeiführen zu können.
    Ohne Struktur würde ich vor allem Rumgammeln und mich selbst blöd finden. Mit Struktur habe ich auch wieder Freue an freier Zeit wie Urlaub. Und man kann es hinbekommen trotz 9to5 nicht einfach nur im Strom der Masse mitzuschwimmen. Je nach Branche gelingt das auch im Job. Ich darf in meinem kaufmännischen Job z.B. in meinen Metal-Shirts rumlaufen und muss mich nicht verkleiden (ich hasse Hemd und Krawatte!).
    Der Weg dorthin kann mühsam sein – ich wünsche Dir alle Selbstdisziplin und Antrieb dieser Welt, dass Du Bewerbungen angehst und durchziehst! (finde das selbst ganz furchtbar anstrengend).
    Und genieß den Jakobsweg zuvor; wer weiß was er dieses Mal in Dir anspornt 🙂

    • Das Image ist mir ziemlich egal. Mit einem „geistlosen 9to5 Job“ meine ich wirklich etwas, was absolut keinen Spaß macht und null Kreativität verlangt (unabhängig von der Arbeitszeit) – Büroarbeit zum Beispiel. Meine Mutter war Sachbearbeiterin… das wäre für mich nichts. Aber ja, es würde mir Struktur geben und finanzielle Sicherheit, was letztendlich das ist, was es für mich doch attraktiv macht. Aber ohne kaufmännische Ausbildung kann ich das halt auch vergessen.

      • Es muss ja nichts kaufmännisches sein. Wäre es vielleicht eine Idee, irgendwie in die Textarbeit einzusteigen? Als Lektorin/Korrektorin/Beraterin/whatever? Das könntest du auch erst einmal freiberuflich machen und schauen, ob es was für dich ist. Klar, da muss man sich in der Akquise auch erst einmal schlau machen und strecken. Aber, wie gesagt, mit deiner Studi-Kombination könnte das doch was sein. Stichwort: Historische Romane!?

  4. Vielleicht suchen sie bei Marvel oder DC Deutschland noch eine Lektorin 😉
    Auch wenn es Deinem Anspruch als fertig Studierte vielleicht nicht gerade entspricht – aber vielleicht wäre ein Comicshop o.ä. (also Einzelhandel) was für Dich? Zumindest vorübergehend – vielleicht bekommst Du so wertvolle Verlagskontakte.

  5. Herzlichen Glückwunsch!
    Nach zig Jahren, horrenden finanziellen Zuwendungen und ach so schweren „psychischen Problemen“ hast du es geschafft, dein Studium – nicht einmal mit einigermaßen passablen Noten – zu beenden.
    Hey: du kannst ECHT stolz auf dich sein….

  6. Herzlichen Glückwunsch!

    Kenne deine Gedanken sooo gut… mal sehen, ob dann ein Vollzeitberuf bei mir wirklich was ändert oder nicht.
    Bewegung soll ja helfen – wünsch dir eine gute Reise.

  7. Liebe Robin,

    zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Abschluss deines Studiums. Lass dir den Erfolg nicht klein reden wie von dieser widerwärtigen Trollin namens Christina. Denn: Aus so einem Loch zu klettern und es dann zu packen, ist weitaus schwerer, als sich die meisten Menschen vorstellen können. Und auch deine Reaktion danach ist doch völlig normal! Man sitzt in der Ecke und kann nicht einmal mehr „Piep“ sagen. Auch ohne Depression.

    Und es ist gut und richtig so, dass du jetzt wandern gehst. Das wird dir gut tun.

    Viel Spaß!
    R.

  8. Glückwunsch zum Abschluss deines Studiums.
    Ich für meinen Teil… nachdem ich meine Bachelorarbeit abgegeben habe, bin ich selber in ne Depression reingerutscht, von der ich mich gerade berappele. Und fertig bin ich immer noch nicht, weil mir ein paar LP fehlen.

  9. Selbst nicht Depressionskranke neigen dazu, nach abgeschlossenen Kraftakten in ein Loch zu fallen. Das ging mir nach der Promotion so, nach dem Studium hatte ich keine Zeit dazu, weil ich lückenlos in die Promotion überging und nicht über eine Richtung nachdenken musste. Nach der Promotion habe ich – ein wenig panisch gesucht. Pendeln hingenommen. Und genau das bereue ich nun, denn das Pendeln macht mich weit kränker, als ich das zugeben mag.

    Ich verstehe Dein Problem sehr gut – auch wenn ich es vielleicht nicht ganz so tief von der Depression in schwarzen Farben gemalt vor mir habe. Für mich hilft Laufen, und ich verschwende Zeit mit Läufen oder dem Aufraffen zum Laufen oder der Ankündigung des Aufraffens zum Laufen, während ich eigentlich andere Dinge tun sollte (z.B. Bewerbungen für einen pendelfreien Job schreiben). In dieser Hinsicht ist ein Wanderurlaub ein Weg, das Muster zu brechen – und richtig.

    Zu einem erschöpfungskranken Kollegen von mir sagte sein Arzt: „Reisen Sie, fahren Sie in die USA, wenn Sie möchten – Sie müssen, Sie DÜRFEN nicht zuhause hocken und im Saft Ihrer Probleme schmoren, das bringt nichts, ist kontraproduktiv.“

    Hmm … ich wollte was Positives schreiben, aber irgendwie hat das nicht richtig geklappt. 😦

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