Und am Ende steht man wieder am Anfang. Warum ich meine Therapie abgebrochen habe

Es heißt ja, dass man nichts so hoch schätzt wie etwas, für das man richtig hart kämpfen musste. Wenn das stimmt, dann hätte mir meine Therapie, auf die ich immerhin neun Jahre gewartet habe, so teuer sein müssen wie ein ein kleines Juwel oder mein Erstgeborenes.

Und dennoch habe ich meine Therapie abgebrochen.

Das passierte auch schon wieder letzten Sommer. Zu diesem Zeitpunkt lief sie schon fast ein Jahr mit Unterbrechungen halbwegs regelmäßig einmal die Woche. Nach all dieser Zeit war der Abbruch ein großer Schritt, der leider auch nicht völlig glatt vonstatten ging. Aber er war nötig und überfällig. Um das zu erklären, muss ich leider ein wenig ausholen.

Was passt zu mir?

Erstmal muss man wissen, dass Therapie nicht gleich Therapie ist. In Deutschland werden insgesamt drei Therapieformen von der Krankenkasse anerkannt, nämlich die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Therapieformen oder spezielle Methoden, die sich nicht so ganz in diese drei Kategorien einordnen lassen, aber von verschiedenen Therapeuten trotzdem zusätzlich erlernt und angeboten werden.
Ich spare mir mal eine genaue Erklärung dieser Therapieformen und ihrer Unterschiede (es ist ja auch nicht so, als blicke ich da selber vollständig durch). Es reicht zu wissen, was ich gerne für mich gehabt hätte. Von Psychoanalyse halte ich beispielsweise GAR NICHTS – das hat meiner Meinung nach was von Gedichtinterpretationen oder freien Assoziieren. Kann stimmen, muss aber nicht, und die Gefahr der Überinterpretation ist groß. Mit Freud und seinen kruden, anachronistischen Sextheorien hat das heutzutage zwar nicht mehr wirklich viel zu tun, aber dennoch ist das für mich einfach nichts. Und Verhaltenstherapie? Der Name sagt es schon: Der Fokus liegt auf einer Änderung des Verhaltens, nicht auf der emotionalen Ebene, obwohl man das natürlich nicht strikt trennen kann. Trotzdem, letztendlich roch diese Behandlung für mich immer eher nach reiner Symptombekämpfung und kam damit auch nicht wirklich in Frage.

Ich wollte also eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Ich bekam eine Verhaltenstherapie.

Zeitweise wusste ja das halbe Internet Bescheid über meine Probleme bei der Therapiesuche. Umso peinlicher ist es dann auch zuzugeben, was den Ausschlag gab dafür, mich für eine Therapie zu bewerben (anders kann man das nicht formulieren) die mir nicht wirklich zusagte: Erstens hieß es, die therapeutische Ambulanz, bei der ich schließlich landete, hätte keine langen Wartezeiten. Und zweitens konnte man sich ohne lächerlich kurze Telefonsprechzeiten per Email melden. Damit waren mehrere Hemmschwellen weg, die mich bisher gebremst haben.

Tja, das mit der Wartezeit stimmte nicht, aber immerhin hatte ich nach sechs Monaten dann schließlich meinen ersten Termin. Auch wenn es nicht die richtige Therapieform war, war ich erstmal froh, überhaupt wieder eine Chance bekommen zu haben und dachte, dass ich es einfach mal ausprobieren sollte. Schaden kann es ja (in den meisten Fällen) nicht.

Diese Ambulanz, in der ich landete, muss man sich wie eine Art Lernkrankenhaus vorstellen, in dem Therapeuten ihre Ausbildung absolvieren. Deshalb lief das von Anfang an etwas anders als bei einem normalen Therapeuten. Und leider lief es von Anfang an irgendwie schief.

Startschwierigkeiten

Es fing bereits bei meinem Erstgespräch an. Mich begrüßte ein quietschiges kleines Persönchen, das ungefähr so viel Autorität und therapeutische Seriosität ausstrahlte wie ein Teletubby. Dieses Mädel stellte mir dann in eineinhalb Stunden ungefähr achtmillionen Fragen zu meinem Lebenslauf und meiner Krankengeschichte, womit ich in dieser geballten Form nicht so wirklich gerechnet hätte. Deshalb war ich nach kürzester Zeit ein einziges heulendes Nervenbündel. Nicht hilfreich dabei waren ihre lieb gemeinten, für mich aber unerträglichen Versuche mich aufzupäppeln. „Sie haben sich also Ihre soziale Phobie selbstständig abtrainiert? Das ist ja toll! Darauf können Sie richtig stolz sein! Sooooo toll!!!“
Nun mag das objektiv stimmen, subjektiv habe ich aber nunmal ein Problem damit, für etwas gefeiert zu werden, was für jeden gesunden Menschen nicht der Rede wert ist, und da sie leider nicht aufhörte mit ihren aggressiven Lobgesängen bekam ich einen Heulkrampf, der die arme Frau absolut hilflos zurück ließ.

Ja, so ähnlich darf man sich das vorstellen – wie gesagt eineinhalb Stunden lang. Am Ende klärte sie mich dann über die weitere Vorgehensweise auf… wobei plötzlich heraus kam, dass ich im falschen Raum war und dies nicht das Erstgespräch gewesen war, für das ich kommen sollte, sondern der obligatorische ZWEITE Termin, der zur Anamnese da ist. Woraufhin sich auf ihren Gesicht ein Ausdruck nackter Panik zeigte – ohne vorherige Vorbereitung hätte man mich nämlich gar nicht einem so hohen emotionalen Stress aussetzen dürfen.
Und ich? Heulte natürlich wieder, denn in diesem Moment war mir vollkommen klar, dass ich jetzt vermutlich wieder monatelang würde darauf warten müssen, bis es weiter geht.

Letztendlich war dieser Fehler dann doch leicht wieder auszubügeln, aber das Ganze hat mich dennoch sehr aufgewühlt, wofür meine Mitbewohner damals leider absolut kein Verständnis hatten. „Joah, dumm, aber is doch jetzt gut, ne? We kann man sich über sowas nur so aufregen“ lautete der Tenor bei beiden. Auch nicht wirklich hilfreich. Und im Rückblick erscheint mir dieser Fehlstart symptomatisch für meine gesamte Therapie.

Der Anfang: Die erste Therapeutin

Mein drittes Gespräch fand dann mit der richtigen Therapeutin statt, die für mich eingeteilt war. Normalerweise hat man fünf Sitzungen mit einem Therapeuten, bis man sich entscheiden muss, ob man mit ihm klar kommt oder nicht. Außerdem muss anderes organisatorisches Zeugs geregelt werden, bis der Antrag auf Bewilligung bei der Krankenkasse eingereicht werden kann.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie groß die Hemmschwelle ist, einen Therapeuten abzulehnen, wenn man so lange Zeit auf einen warten musste. Die Therapeutin, die mir zugeteilt wurde, war ebenfalls recht jung und wirkte damit auf mich auch nicht sonderlich imposant. Kann man scheiße finden, aber ich kann mir nun mal nur beschränkt aussuchen, welche Art Mensch auf mich besonders kompetent wirkt. Personen, die jünger sind als ich, haben es da nun mal schwerer.

Aber gut, ich war mir meiner eigenen Vorurteile bewusst und wollte es mir einfach mal ansehen. Leider gab es ziemlich am Anfang schon einen heftigen Bruch, der mich am gesamten Konzept „Therapie“ zweifeln ließ.

So fragte sie mich nach meinen bisherigen Strategien, um mit schlimmen depressiven Phasen umzugehen. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich dann, sofern noch in der Lage dazu, einen bzw. mehrere Freunde zur Hilfe rufe und mit ihnen zusammen einen trinke und dabei so lange jammere, bis es mir irgendwann besser geht. Ja, Alkohol – dass das nicht ideal ist, weiß ich selber. Aber wenn es nun mal das einzige ist, was funktioniert?

Ich dachte, das hätte ich ihr begreiflich gemacht. In der nächsten Stunde eröffnete sie mir dann, dass die Krankenkasse mir vermutlich für die Bewilligung der Therapie als Auflage stellen würde, die gesamte Zeit über abstinent zu bleiben.

Ich: erstmal sprachlos, weil das für mich aus dem Nichts kam. Die Krankenkasse stellt natürlich nur solche Auflagen, wenn die Therapeutin ihr etwas entsprechendes kommuniziert. Aber wieso?

Es folgten Diskussionen. Und hier offenbarte sich mir ein so dermaßen unfaires Dilemma, dass ich die Therapie am liebsten sofort beendet hätte. Denn macht mal jemanden unter diesen Voraussetzungen begreiflich, dass ihr kein Alkoholproblem habt. Es ist unmöglich. Auch jetzt werden das einige lesen und sagen „Klar, typisch Alkoholikerin, diese Ausflüchte.“ Aber denkt das bitte mal durch. Ich hätte mit der Auflage nicht mal im Sommer im Garten sitzen und dabei ein Radler trinken dürfen. Was ja wohl überhaupt nicht schwer sein sollte, wenn ich kein Alkoholproblem habe. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn ich doch keins habe, warum muss ich mich dann so gängeln lassen? Aber das zu kritisieren – diese Gängelung – ist das nicht schon wieder der Beweis dafür, DASS ich ein Problem habe???

Seht ihr das Dilemma? Ich steckte im Prinzip in einer nicht-falsifizierbaren Aussage fest, denn jede Argumentation gegen diese Auflage konnte als Beweis für ihre Notwendigkeit gedeutet werden. Eine Situation, die mir ganz entschieden gegen den Strich ging. Dazu kommt die andere Ebene: Ich weiß verdammt noch mal selber, dass Alkohol nicht gut ist. Aber wenn die Alternative in diesen schlimmen Phasen nun mal wäre, mich selbst zu verletzen oder gar umzubringen – weil ich sonst nun mal keine wirksamen Skills habe? Es ist keine gesunde Selbsthilfe, aber wenigstens IST es Selbsthilfe, die mir diese Frau nun nehmen wollte, obwohl ich ganz eindeutig NICHT wegen Alkohol eine Therapie angefangen habe.
Was übrigens zusätzlich einfach nur ein Schlag in die Fresse war. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr wegen einiger sehr belastender Handicaps, die euer ganzes Leben dominieren, Hilfe bei einem Experten suchen würdet – und diese Person bohrt dann nach einer ganz anderen Sache, stürzt sich darauf und problematisiert sie, statt sich um das zu kümmern, weswegen ihr gekommen seid?

Versteht ihr, wie ohnmächtig ich mich fühlte? Es gab nichts, was ich tun oder sagen konnte, um aus dieser Nummer rauszukommen. In diesem Moment empfand ich zum ersten Mal, was es in unserem System heißt, psychisch krank zu sein. Ich kam mir nicht ernst genommen vor, bevormundet, unmündig, abhängig. Ist es da ein Wunder, dass mein Glauben an den Nutzen einer Therapie in diesem Moment heftig erschüttert wurde?

Ich grübelte nach der Sitzung einen ganzen Tag lang über diese dämliche Auflage. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, bestand darin, ihr einfach zuzustimmen und so zu tun, als würde ich mich daran halten… also zu lügen. Etwas, was mir tief zuwider ist. Allgemein, aber besonders eben im therapeutischen Kontext, denn was bringt die ganze Scheiße bitte, wenn ich nicht das Maul aufmachen und die Wahrheit sagen darf?

Glücklicherweise hatte meine Therapeutin wohl auch noch ein bisschen nachgedacht, denn sie rief mich einen Tag nach der Sitzung tatsächlich an und verkündete mir, dass die Auflage vom Tisch wäre. Aber der Bruch war passiert und auch damit nicht zu kitten.

Danach ging es… schleppend. Nachdem wir meine Problemfelder eingekreist hatten, konzentrierte meine Therapeutin sich darauf, mich durch den Rest meines Studiums zu schleifen, denn meine völlige Antriebslosigkeit hat genau das immer verhindert.
An sich war ich also froh über die Hilfe. Gleichzeitig wurde ich das Gefühl jedoch nicht los, dass ich nicht dafür eine Therapie angefangen habe. Es stellte, wie schon befürchtet, eine reine Symptombekämpfung dar, denn diese Antriebslosigkeit ist nur Resultat meiner Depression, aber nicht der Grund dafür (wobei das natürlich manchmal ineinander greift und meine Schwierigkeiten dahingehend häufig in einer Episode schwärzesten Selbsthasses münden). So war es denn auch ganz nett, dass wir Arbeitspläne aufstellten und Maßnahmen gegen Prokrastination bzw. für mehr Motivation besprachen, aber die Wurzel des Übels – meine Kindheit und was da alles falsch gelaufen ist – blieb unbehandelt. Weil die Therapie nun mal auf eine Änderung des VERHALTENS ausgerichtet ist, nicht zur Behandlung der URSACHEN desselben.

Leider funktionierte nicht mal das wirklich. Die Maßnahmen, die Pläne, die Skills, nichts schien länger als ein paar Tage zu wirken. Aber jedes Mal, wenn ich dieses Problem ansprach, kam die selbe Aussage: „Es braucht Zeit, bis dem Patienten das geänderte Verhalten verinnerlicht hat, danach wird es einfacher.“ Das war die einzige Form der Anleitung, die ich bekam. Leider habe ich diesen Punkt nie erreicht.

Ich gab der Therapieform die Schuld. Eine befreundete Therapeutin versicherte mir zwar, dass mit wachsender Erfahrung die Grenzen zwischen den Therapieformen verschwimmen. Genau diese Erfahrung war bei meiner Therapeutin allerdings anscheinend noch nicht gegeben. So kam es dann auch mehr als einmal vor, dass ich von belastenden Erinnerungen berichtete und… null Rückmeldung dazu bekam. Stattdessen wurde eilig zurück geschwenkt Richtung Verhaltensmodifikation, oft ohne auch nur mit mehr als einem Satz auf das eben Gehörte zu reagieren.

Diese, ja… „Hilfslosigkeit“, muss man es wohl nennen, meiner Therapeutin zog sich wie ein roter Faden durch die restliche Therapie, in der sich dann auch eine Stunde kaum von der nächsten unterschied. Ich versuche wirklich, nicht unfair zu sein und glaube auch, dass sie mir ernsthaft helfen wollte, aber ich hatte nun mal nicht das Gefühl, dass mir irgendwas davon etwas gebracht hat. Deshalb reagierte ich mit der Zeit auch immer gereizter. So blaffte ich einmal, nachdem sie die Frage „Wie fühlen Sie sich in diesem Moment?“ gestellt hatte, angepisst zurück: „Genauso wie vor zwei Minuten, als Sie mich genau dasselbe schon mal gefragt haben!“ – was mich zugegebenermaßen immer noch aufregt, wenn ich drüber nachdenke.
Mir kam es schlicht so vor, als würde die gute Frau ein vorgegebenes Programm abspulen bzw. versuchen, mir eine Therapie nach Schema F überzustülpen, was bei mir aber einfach nicht funktionierte. Zurück blieb Frust, möglicherweise auf beiden Seiten, und nach mehreren Monaten das Gefühl, dass wir uns so rein gar nichts mehr zu sagen hatten. Nach jeder Sitzung fühlte ich mich wie durch den Fleischwolf gedreht und stöhnte schon Tage vor dem nächsten Termin, weil ich schlicht überhaupt keinen Bock darauf hatte.

Dazu kamen dann Kleinigkeiten, die mich damals unglaublich aufregten. So fragte sie mich am Anfang einer Sitzung, wie ich denn nach der letzten Stunde, die ich heulend und aufgelöst verlassen hatte, zurecht gekommen wäre. Ich antwortete etwas lapidar, dass ich mich danach dann irgendwann wieder eingekriegt hätte, spätestens im Bus hätte ich mich ja zusammen reißen müssen, da mir Heulen vor Fremden logischerweise ziemlich peinlich ist. Daraufhin kam ihr die fixe Idee, dass Busfahren ja der perfekte Skill für mich wäre und davon ließ sie sich auch nicht mehr abbringen. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann schon gar nicht mehr groß diskutiert, da ich gemerkt hatte, dass es sinnlos ist. Aber natürlich ist Busfahren für mich KEIN super Skill, das habe ich zu diversen Gelegenheiten davor und danach erfahren müssen.

Nach mehreren Monaten, ich hatte noch etwas über die Hälfte der Sitzungen frei, eröffnete sie mir, dass sie demnächst den Standort wechseln und ich einen anderen Therapeuten bekommen würde. Keine ideale Situation mitten in der Therapie, aber nach meinen Erfahrungen mit ihr auch kein Weltuntergang. Ich schöpfte neue Hoffnung: Vielleicht war der nächste Therapeut ja besser?

Das Ende: Der zweite Therapeut

Der nächste Therapeut war nicht besser. Er war schlimmer.

Äußerlich entsprach er zunächst eher meinen Kriterien für seriöse Ausstrahlung, denn er war deutlich älter als ich. Aber schon die erste Sitzung, die wir abends abhielten, ließ mich ziemlich sprachlos zurück.

Er hatte zwar meine Akte gelesen, aber natürlich mussten wir alle nochmal durchkauen. Problemfelder, bisherige Strategien, etc.pp. Bereits beim Thema „Antriebslosigkeit“ hatte er aber völlig andere Ansichten als ich.
Ich glaube, es ist inzwischen deutlich geworden, wie sehr ich darunter leide. Er sah das aber nicht so. Er war sehr vom Yin&Yang-Konzept überzeugt (Teil seiner „fernöstlichen Lehren“, die er in die Therapie mit einbringen wollte) und projizierte es hemmungslos darauf. Es gäbe nun mal einerseits Menschen wie mich und andererseits aktive, leistungsstarke Menschen, die mitunter überhaupt nicht abschalten können, also totale Workaholics sind – das wäre ja auch nicht schön. Ich könne also froh sein, dass ich nicht zu diesem Typ gehöre.
Was soll man dazu bitte noch sagen? Meine Antriebslosigkeit hat mir mein Abi versaut, mein Studium auf die doppelte Länge aufgebläht, mir Schulden eingebracht, meinen Träumen im Weg gestanden, mein halbes Leben versaut. Und das soll ich jetzt feiern, weil andere Leute bis zum Burnout ackern? Was soll denn bitte DARAN hilfreich sein?

Seine Antwort war ein enervierend nachsichtiges Lächeln, das ich die folgenden Monate noch wirklich hassen lernen würde. Seine Aussage sei doch positiv gewesen. Ich könne wohl Lob nicht annehmen???
An dieser Stelle zeigte sich schon, dass dieser Mensch ein fundamental anderes Verständnis von Selbstliebe, seelischer Hygiene, eigentlich sogar dem Themenkomplex „psychische Erkrankung“ hatte als ich. Ich glaube nicht daran, dass Probleme weggehen, wenn man sie schönredet und „sich selbst annimmt“. Und es hat nicht zwangsläufig was mit Selbsthass zu tun, wenn ich Dinge an mir kritisiere, die nun mal einen erheblich negativen Einfluss auf mein Leben haben. Ich war zudem ein sehr aktives Kind, bis ich krank wurde. Meine Antriebslosigkeit empfinde ich als etwas feindliches, das meine echte Persönlichkeit überschattet und mich daran hindert, mein wahres Potential zu entfalten. Mich ritzen, weil es mich so dermaßen ankotzt, dass ich schon wieder einen Monat für die Wäsche gebraucht habe? Natürlich ist das scheiße. Aber das komplette Gegenteil soll so viel besser sein? Ist jeder Wunsch, sich zu verbessern, schon Hass?

Ach, ich sei ja zu hart zu mir.
„Ich bin nicht hart zu mir.“
„Aber Sie sind doch gerade wütend.“
„JA, ABER DOCH NICHT AUF MICH!!!“ – muss ich wirklich noch mehr sagen?

Mir schien es, dass sich dieser Typ bereits ein komplettes Bild von mir gebastelt hatte, bevor ich überhaupt zur Tür reingekommen bin. Und wenn ich irgendeinem Aspekt dieses Bildes widerspreche, kann das ja nur an fehlender Reflexion liegen.

Da wären wir wieder: Die Therapie, die nicht-falsifizierbare Aussage und ich. Und Unterstellungen, die erneut Dinge problematisieren und pathologisieren, für die ich nicht gekommen bin. Neu war hier nur, dass andere Probleme dafür kleingeredet wurden und das natürlich mit den schönsten, blumigsten Allgemeinplätzen: Man müsse „sich annehmen“, „sich akzeptieren“, „sich verzeihen“ etc.pp. Und DAFÜR hat dieser Mensch studiert?

Ich hatte also einen Vertreter des Standpunkts „Du bist voll okay so, wie du bist, auch wenn du in dieser Form kaum lebensfähig bist“ vor mir. Dazu kam eine paternalistische Art und Weise, die mir das Gefühl gab, für ein dummes, kleines Mädchen gehalten zu werden.

So hielt er mir in der selben Sitzung noch einen Vortrag – anders kann man das nicht nennen. Er nutzte das Whiteboard, um mir ein psychologisches Konzept zu erklären, das mir bereits bekannt war und brauchte dafür ungelogen mindestens 20 Minuten, in denen er ohne Punkt und Komma redete und mich kein einziges Mal zu Wort kommen ließ. Nach etwa der Hälfte war ich zu gleichen Teilen tödlich gelangweilt und fassungslos von so viel sinnlosen Mitteilungsbedürfnis, zumal die 50-Minuten-Sitzung meinem Empfinden nach schon deutlich überzogen war (im Raum gab es keine Uhr und ich fand es unhöflich, auf mein Handy zu sehen).
Danach schien er sich selbst in Schwung geredet zu haben, denn er bombardierte mich dann noch mit zusammenhangslosen Fragen, die ewigtiefe neue Fässer aufgemacht hätten, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Fragen wie „Glauben Sie an Gott?“ oder, mein Favorit, denn der Gesichtsausdruck und der gewollt provokative Ton dazu waren großartig: „MÖGEN Sie sich eigentlich???“
An dieser Stelle brach ich die Sitzung ab, nur um danach sehen zu müssen, dass er um fast eine Stunde überzogen hatte – etwas, was ich ihm in der nächsten Sitzung vorwarf. Er rechtfertigte sich damit, dass er sich nun mal besonders viel Zeit für mich hatte nehmen wollen und deshalb direkt zwei Sitzungen zusammen gelegt habe – was einfach nicht okay ist, wenn es nicht abgesprochen ist.

Aber das war symptomatisch für ihn: Paternalismus bis hin zur leichten Übergriffigkeit. Das äußerte sich auch in jeder Sitzung bereits zu Anfang, wenn er mich, den Kopf leicht gebeugt, von unten augenzwinkernd ansah und mit vorgeschobenen Schnütchen fragte, wie es mir ginge, eine Haltung also, die man eher einnimmt, wenn ein Grundschulkind am Schniefen ist, weil es nicht noch ein Eis bekommt. Er gab mir schlicht das Gefühl, nicht krank, sondern einfach nur ein bisschen überempfindlich zu sein.

Auch mit ihm hatte ich also wieder das Gefühl, keinen Schritt weiter zu kommen, zumal seine Methoden durchschaubar und unterkomplex waren und er gerne Dinge wiederholte, die ich eine Sekunde vorher bereits gesagt habe (nicht um mich zu spiegeln, sondern weil er anscheinend glaubte, er müsse mir Sachen erläutern, die ich selbst von mir gegeben habe). Dennoch konnte ich mich zu einem Abbruch nicht durchringen, bis ich eines Tages einen schlimmen depressiven Schub bekam.
Grund war mein Stiefvater, der sich ganz außergewöhnlich zierte, als es darum ging, mich bei seinem Geburtstag dabei zu haben, eine Situation, die mich leider frappierend an eine Episode mit meinem Erzeuger erinnerte. Dies ließ mich psychisch völlig zusammen brechen. Es dauerte Stunden, bis ich endlich aufhören konnte zu heulen und kein Skill half (nicht mal Busfahren!).
Dieser Kollaps bestätigte mir meine anfänglichen Befürchtungen: Eine Verhaltenstherapie ist nicht das richtige für mich, denn nicht mein Verhalten ist Auslöser für solche Zusammenbrüche.

Nach dieser Erkenntnis war ich entschlossen, die Therapie abzubrechen. Nur ließ mich mein Therapeut zunächst nicht.

Natürlich hätte ich einfach nicht mehr hingehen können, aber als Mensch in einem Patient-Therapeuten-Verhältnis sind ganz einfache Dinge plötzlich unverhältnismäßig schwer. Wenigstens erklären wollte ich mich ihm, vielleicht sogar seine Einschätzung dazu hören. Also erzählte ich ihm, was passiert war, umriss dazu auch kurz die Geschichte mit meinem Vater und teilte ihm meine Gewissheit mit, dass Verhaltenstherapie bei so etwas nicht hilft. Statt darauf einzugehen, stellte er weitere Fragen zu meiner Familie, nur um am Ende zufrieden festzustellen, dass das ja mal eine richtig gute Sitzung gewesen wäre, weil ich mich endlich geöffnet hätte.
An dieser Stelle bin ich dann ein bisschen ausgerastet. Nichts davon war mir in irgendeiner Weise unangenehm gewesen, vor meinem Therapeuten zu äußern. Nichts davon hatte ich bewusst versteckt, im Gegenteil. Erst später fiel mir zudem ein, dass ich GENAU DIE SELBE GESCHICHTE meiner ersten Therapeutin SCHON MAL erzählt hatte – und sie NICHTS dazu gesagt hatte.
War es also allein meine Schuld, dass die Therapie bei ihm, bei beiden bisher nicht gelaufen war? Meine angebliche Verschlossenheit? Diesen Eindruck erweckte er bei mir.

Der Abschied war frostig, eine Sitzung sollte noch folgen, in der er nicht mit einem Wort auf meinen Wunsch abzubrechen einging. Erst am Ende vertröstete er mich wieder auf die nächste Sitzung, um die abschließenden Formalia zu klären. Und auch diese Sitzung hätte er wieder in eine völlig andere Richtung gelenkt, wenn ich das nicht von Anfang an abgeblockt hätte. Woraufhin die zwei schlimmsten Aussagen folgten, die dieser Mensch sich in all den Stunden mir gegenüber geleistet hatte.

Erstens: Ich nannte ihm weitere Beispiele für Situationen, in denen nicht mein Verhalten Trigger für depressive Schübe war, darunter auch die Tatsache, dass ich die gesamte Taufzeremonie meines Neffen als heulendes Nervenbündel verbracht habe, da mich Kirchgänge wie dieser daran erinnern, dass ich familiär nicht eingebunden bin. Woraufhin er antwortete: „Hm, dann bringt meine Idee wohl nichts… ich wollte Ihnen vorschlagen, dass Sie sich Gott zuwenden.“ – Wozu ich mir jetzt einfach mal jeglichen Kommentar spare!

Und zweitens sprach er von meiner Erkrankung als „Erkrankung“. Kein Scheiß. Er malte beim Sprechen Anführungszeichen in die Luft. Und spätestens das wäre der Punkt gewesen, an dem ich mich zum Abbruch entschlossen hätte, wenn ich diese Entscheidung nicht schon vorher getroffen hätte.

Und jetzt?

Das war letztes Jahr Ende Juli. Seitdem bin ich wieder ohne Therapie. Ich habe gute Phasen, aber auch tiefschwarze. Dazwischen lebe ich vor mich hin und habe kaum je das Gefühl, einen erfüllenden, produktiven, erfolgreichen Tag gehabt zu haben, denn alles in mir bremst mich aus.

Die Therapie hat mir eigentlich nichts gebracht. Zwischendrin sorgte meine Therapeutin dafür, dass ich Antidepressiva bekam, was eine gewisse Zeit lang nötig gewesen war, aber inzwischen habe ich sie wegen den Nebenwirkungen wieder abgesetzt. Ansonsten bleibt nicht viel außer Frust und der grauenvolle Gedanke, dass die ganze Odyssee jetzt wieder von vorne anfängt.

Heißt: WIEDER die Überwindung, überhaupt bei einem Therapeuten anzurufen, WIEDER monatelange Wartezeiten, wenn ich nicht direkt abgewiesen werde, WIEDER die Frage, ob der neue Therapeut überhaupt zu mir passt. Aber eigentlich stehe ich nicht einfach wieder am Anfang, sondern habe noch einen Malus obendrauf bekommen: eine abgebrochene Therapie. Obwohl das zu Beginn meiner Therapie anders klang, hat mein Therapeut mir nicht viel Hoffnung auf eine erneute Bewilligung gemacht.

Dazu kommt das Ende meines Studiums, nach dem ich jetzt in der Luft hänge und nicht weiß, ob ich überhaupt noch hier wohne, wenn endlich ein Therapieplatz für mich frei wäre. Die hochgelobte Flexibilität, die Arbeitgeber heute verlangen, kollidiert extrem mit dem gewaltigen Maß an Planungssicherheit, das man braucht, wenn man sich für eine monatelange Therapie an einem bestimmten Standort entschließt.

Also noch mehr warten. Darauf, dass ich mein Leben soweit geordnet kriege, dass Zeit bleibt für meine seelische Gesundheit. Auch wenn es natürlich genau meine Krankheit ist, die dafür sorgt, dass ich überhaupt nichts auf die Reihe kriege.

Das System der Krankenkassen, die weiterhin viel zu wenige Kassensitze mit viel zu langen Wartezeiten zur Verfügung stellen und damit wissentlich eine Situation in Kauf nehmen, die für viele Menschen eine Therapie unmöglich macht (und manche damit das Leben kostet), fickt mich also noch immer. Wenn dieser Müll wenigstens wirtschaftlich einen Sinn machen würde… Aber nicht mal das ist ja der Fall.

Leider fällt mir an dieser Stelle kein knackiger Schluss ein. Wie auch, denn die Suche nach Hilfe ist ja noch lange nicht beendet. Auch wenn die Hoffnung darauf jeden Tag mehr schwindet.

Edit: Mir ist jetzt erst wieder eingefallen, dass Erzählmirnix vor Jahren mit mir ein Interview geführt hat, in dem es u.a. um dumme Therapieerfahrungen ging.
Weil das so gut passt, hier der Link

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13 Gedanken zu “Und am Ende steht man wieder am Anfang. Warum ich meine Therapie abgebrochen habe

  1. Mein Gott. Ich bin ziemlich sprachlos. Ich kann nicht wirklich beurteilen, was die Therapeuten gemacht haben bzw. wie verantwortungslos es war, aber es wirkt auf mich sehr, sehr fahrlässig. Und respektlos und achtlos sowieso.

    Aktuell mache ich eine Ausbildung zum Coach. Dort lernt man immer wieder: Es geht nicht um dich, es geht um den Klienten. Und um sein Problem. Bewerte es nicht. Bleib bei ihm. Hilf ihm, so wie er es braucht, und nicht, wie man es selbst für richtig halten würde. Und irgendwie gilt das doch auch für Therapien?!

    Ich finde mich übrigens in vielen Teilen deines Textes wieder (zumindest von der emotionalen Beschreibung) und kämpfe auch immer wieder mit depressiven Phasen, mit Schwere und Antriebslosigkeit. Als ich einmal völlig zusammenbrach (und über ein Jahr brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen), tätschelte mir der Arzt nur den Kopf und sagte, ich soll einfach mal ein bisschen öfter rausgehen. Das ist jetzt fast vier Jahre her. Ich kämpfe heute noch. Allein. Weil man allein gelassen wird.

  2. Es fällt mir immer schwer, auf Berichte dieser Art adäquat zu antworten, weil ich immer wieder merke, wie viel Glück ich alles in allem mit meinen bisherigen Therapeuten gehabt habe – und ich habe schon eine Menge gehabt. Nur hilft das ja nichts, weil es nicht darum geht, dich davon zu überzeugen, dass da draußen Menschen herumlaufen, die tatsächlich Ahnung von dem haben, was sie da machen, aber auch Kenntnis haben, was sie da eigentlich tun: Nämlich am offenen Herzen des Patienten operieren.

    Deine beiden Therapeuten haben das offensichtlich nicht gewusst. Die eine vielleicht aus Unerfahrenheit und der andere aus Überheblichkeit. Das tut mir sehr leid für dich. Gut, dass du dennoch nicht die Flinte ins Korn wirfst und sagst, dass Therapie dir überhaupt nichts bringt.

    Bei mir war es ähnlich wie bei dir. Ich hatte zuerst, ausgelöst durch physische Symptome, Kontakt zu einem Psychiater, der mir auch Medikamente gab. Das ging eine Zeit lang gut, bis ich ein Level erreicht hatte, an dem die Medikamente nicht mehr wirken konnten. Also totaler Zusammenbruch des Systems und ab in eine psychotherapeutische Klinik, wo ich das erste Mal Erfahrungen mit Therapie gemacht habe. Ich war kein leichter Patient und meine Therapeutin hat mich das eine oder andere mal verflucht. Aber nach ein paar Wochen wusste ich, dass das mein Ding ist.

    Interessanter Weise fing ich erst danach an mir Gedanken zu machen, welche Therapieform denn jetzt für mich die richtige wäre. Nachdem mein Psychiater, der nebenbei auch Therapeut war, mich mit der Aussage abgebügelt hatte, Psychotherapie könne man machen, das sei ja so eine Wellnessveranstaltung …

    Jedenfalls war ich auf meiner Suche zuerst bei einem Verhaltenstherapeuten. Und der war schon in den beiden Vorgesprächen so, wie du es beschreibst: Mich interessiert nicht, woher Ihre Probleme kommen, aber wir erarbeiten jetzt Lösungen.

    Ich habe dankend abgelehnt und danach eine tiefenpsychologische Therapie begonnen. Und in der habe ich dann alle Stundenkontingente ausgeschöpft, die es so gibt, noch einen Klinikaufenthalt zwischengeschaltet und war erst DANN, das war Mitte letzten Jahres, so weit, dass ich effektiv daran gehen kann, jetzt an meinem Verhalten zu arbeiten. Und jetzt fühlt sich Verhaltenstherapie auch gut und richtig an.

    Ich habe das jetzt alles so auswalzend geschildert, um dir vielleicht Mut zu machen, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, an dem auch für dich das, was ein Verhaltenstherapeut dir anbieten kann, hilfreich sein wird. Ganz ohne Gänsefüßchen und Gottglauben.

    Ich wünsche dir sehr, dass du bald eine therapeutische Anbindung findest, mit der du dich wohl fühlst und wirklich an den wichtigen Baustellen arbeiten kannst.

  3. Ich finde mich und meine damalige Situation in manchen Stellen des Textes wieder.
    Mein Therapeut ist oft nicht auf meine Erzählungen eingegangen und hat sich in so gut wie jeder Sitzung immer wiederholt.
    „Geh unter Menschen.“ oder „Wie wäre es mit einer Stelle als Kellnerin?“ (war zu der Zeit arbeitslos und habe extrem Angst fremde Menschen anzusprechen)
    Er hat einfach meine Probleme null verstanden, klar muss man in einer Therapie weiterkommen, aber ich war noch weit davon entfernt mir das zuzutrauen.

    Weiterhin hat er Feststellungen gemacht, die mir seit 5 Jahren schon bewusst sind und hat anscheinend erwartet, dass ich was Neues lerne. Viele Therapeuten haben anscheinend nicht verstanden, dass Leute mit psychischen Problemen sich damit auch selbst Auseinander setzen.
    Dann haben mich auch so kleine Dinge aufgeregt wie zum Beispiel, dass er nicht auf die Kette gekriegt hat, dass ich keine Cola trinke oder ob ich Geschwister habe.
    Klar kann man sich nicht an alles erinnern, aber da bekommt man das Gefühl, dass der Therapeut sich eigentlich null für dich interessiert.

    Am Ende war ich mir nicht mal sicher, ob ich das Problem bin oder er, aber wenn er seine Strategie null an mich anpasst und meint, dass ich mich doch bitte an SEINE Methode anpassen soll…

    Ausserdem kam nie das Thema Medikamente auf. Muss mab danach immer fragen? Ich habe mich da auch nicht getraut.

    Jetzt habe ich erstmal viel zu viel um die Ohren als dass ich mir den Stress antue und nach einem freien Platz suche.

  4. Ich finde es jedes Mal aufs neue faszinierend, wie unterschiedlich bei verschiedenen Menschen die Therapieformen ankommen bzw. wirken. Aber das zeigt Mal wieder, wie nötig die verschiedenen Ansätze sind, um eine effektive Therapie für Erkrankte zu ermöglichen!

    Aber du hast mein volles Mitgefühl dafür, dass du jetzt wieder am Anfang stehst und eine Großteil der Therapiezeit einfach nicht zielführend nutzen konntest.
    Ich drücke dir die Daumen, dass du schnell an einen neuen Therapeuten in der richtigen Fachrichtung kommst und dir das nicht noch durch irgendwelche Umstände versaut wird.

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    So und nun muss leider noch etwas anderes raus.
    Vorwarnung: Der folgende Rest des Kommentars wird vermutlich wenig für dich relevante Information enthalten, aber deine Beschreibung von dem Typ hat einige empfindliche Stellen getroffen und das muss gerade einfach raus sonst rege ich mich vermutlich bis übermorgen noch über diesen Vollidioten auf.

    Der zweite Therapeut, der wohl den Großteil des in seinem Studium vermittelten Wissens mittlerweile in Chinakräutern verraucht hat, ist echt unglaublich. Der Kerl ist wohl der absolute Alptraum für jeden Patienten. Ich bewundere dich für deine Ruhe, ich hätte wohl schon in der ersten Sitzung den Typen nur noch zusammengebrüllt, bis man mich in hohem Bogen rausgeschmissen hätte. Ich bin ja jetzt schon auf 180. Aber in der Situation ist das vermutlich dann doch alles einfach anders (man möchte schon fast sagen, surrealer).

    Antriebslosigkeit „weniger schlimm“ als Workoholic? Hat er den Arsch offen? Wenn ich Pest habe, soll ich froh sein nicht an Cholera erkrankt zu sein?! Außerdem, hat er es Mal mit echten Workoholics – oder sogar Burn Out Patienten – zu tun gehabt? Da ist Antriebslosigkeit oft genauso ein extrem belastender Teil des Leidens wie der stete Drang zum Perfektionismus. Das ist bei vielen nur noch Grenzgang zwischen absolutem Overload, bei täglich 120 % Arbeitspower, und der Unfähigkeit sich sogar selbst die Zähne zu putzen oder aufs Klo zu gehen. Das gegenüber einem Patienten so abwertend darzustellen ist einfach un-fucking-fassbar und zeugt von der Empathiefähigkeit eines kalten, toten Steins.
    Aber vermutlich ist „Antriebslosigkeit“ für ihn um 9 statt um 6 aufzustehen und das morgendliche Joggen ausfallen zu lassen, weil man ja „heute Mal so faul ist“ und nicht tagelang am Stück die Wand anstarrend im Bett zu liegen, während sich die unerledigten Aufgaben über einem zusammenbauen wie eine Irrgarten aus geladenen Maschinengewehren.

    Außerdem, wenn man keinen Leidensdruck hat, dann geht man nicht in eine Therapie. (Grob gesagt.) Insbesondere nicht in einer psychologischen Ambulanz. Und wenn man dann den Rat bekommt, dass man sich – als Depressiver (!!!) – selbst akzeptieren soll, hätte ich ihm vermutlich ganz symbolisch* in der nächsten Sitzung die Rasierklingen mitgebracht. Weil man sich ja selbst akzeptieren soll und das wohl so ein Teil von einem ist. Der Typ scheint sich der Tragweite und Bedeutung seiner eigenen Worte nicht Mal im Ansatz bewusst zu sein. Es geht hier nicht darum, dass man gerne Mal ein paar Stückchen Schokolade zu viel isst, obwohl man eigentlich auf Zucker achten muss. Es geht da bei einigen Patienten einfach Mal eben um die körperliche Gesundheit bzw. Unversehrtheit ! Das den Typen noch keiner verklagt hat wundert mich.
    Und ich glaube, wenn nicht nach diesem „Ausrutscher“, spätestens nach seiner Empfehlung sich Gott zuzuwenden mit der „Erkrankung“ hätte ich über diesen Kerl bei der zuständigen Behörde Beschwerde eingereicht (oder es auf meine unendlich lange To-Do-Liste geschrieben…). Aber Kassenzulassungen für den Bereich der psychischen Erkrankungen sind einfach zu wertvoll, als dass solche unfähigen Vollidioten sie besetzen sollten, anstelle von fähigen und motivierten Fachleuten!

    *symbolisch deswegen, weil ich für sowas nie scharfe Gegenstände wie Rasierklingen genutzt habe. Aber (m)ein Hausturschlüssel hätte wohl einfach nicht die nötige Aussagekraft, insbesondere bei seiner schlechten Gedächtnisleistung beim Erinnern von Patientengeschichten.

    Danke, dass ich mich auskotzen durfte. Und tut mir Leid fürs spamen.

  5. Oha! Ich kann mich Michael’s Kommentar nur anschliessen und muss feststellen, wieviel Glück ich scheinbar hatte genau und vor allem gleich an die für mich richtige Therapeutin zu kommen Geholfen hat mir bei der Suche damals eine Therapeutin, die sich als Vermittlungsstelle versteht. Auf eigene Kosten (50€) hat man eine Stunde lang eine Art Vorgespräch, dann gibt sie einem eine Empfehlung und vor allem eine Liste mit Therapeuten mit – und sie kreuzt an, wen SIE empfehlen würde.
    Und zu guter Letzt gibt sie einem noch den Hinweise unbedingt immer zu sagen, dass man die Adresse von ihr bekommen hat. So hatte ich 3 Adressen, klingelte mich durch, machte einen Termin und fing an meine (heutige) Therapeutin zu beschnuppern.

    Zugegebenermassen, es dauerte mehr als 1 Jahr bis ich das Gefühl hatte, dass mir die Therapie was bringt. Und noch immer lerne ich, wie ich sie und die Zeit mit ihr nutzen kann… und ich bin in Jahr 3!

    Auch, wenn Dir Deine Antriebslosigkeit im Weg steht, vielleicht solltest Du auch mal über den Wechsel einer KK nachdenken. Eine KK, die Dir wegen einer abgebrochenen Therapie – was Du ja begründen kannst – eine neue anfangen möchtest, ist keine gute KK. 🙂

    Und, vielleicht auch mal bei der KK nach einer Vermittlungs-Stelle erkundigen … ich kann mir nicht vorstellen, dass es das nur in meiner Heimatstadt gibt.

    Ich drücke Dir für die nächsten Schritte die Daumen – weitere Parolen erspare ich Dir 🙂

    Ganz liebe Grüße!

    • Den Hinweis, den du da bringst, Lila, halte ich auch für wichtig: Es kann und darf zwischendurch immer wieder Phasen in einer Therapie geben, in denen man sich die Frage stellt, was das jetzt eigentlich bringt und wie man die Zeit nutzen soll. Das hat auch was mit der Tagesform zu tun. Es gibt Tage, an denen gehe ich (inzwischen sechs Jahre Therapieerfahrung) in eine Sitzung und denke mir vorher, dass das heute gar nichts bringen kann, weil ich „kein Thema“ habe. Das sind dann meistens hinterher die Sitzungen, die am meisten bewegen.

  6. Ich ifnde es wichtig, wahrgenommen zu werden: dass menschen mir zuhören, wenn es um mich geht. Nicht nur bei Depression, aber auch gerade da – selbstwertgefühl usw.. Und auch bei anderen medizinerInnen möchte ich nicht eine vorschnelle diagnose, die dem entspricht, was erwartet wird, aber nicht dem, was ich wirklich habe.

    Es geht darum, dass mir menschen zuhören und mich ernst nehmen, wenn sie mir helfen wollen — sonst wäre es ja umgekehrt. Wenn ich das Gefühl nicht habe, dann ist das ein „Störung“ der Kommunikation, also auf der metaebene, und die muss im Prinzip zuerst beseitigt werden. Bei deinen mitbewohnern ist das ärgerlich, aber die sind ja nicht zur Hilfe verpflichtet; bei TherapeutInnen finde ich das unmöglich.

  7. Wo wohnst Du nochmal? Wenn Dir das hilft kann ich gern ein paar Anrufe für Dich erledigen. Ich hasse telefonieren zwar, aber wenns um andere Leute geht ist das immer sehr viel einfacher. 🙂

  8. Es ist echt krass das du so viele negative Erfahrungen machen musstest. Ich wollte dir nur sagen das nicht alle Therapeuten so sind. Ich habe eine super liebe und nette Verhaltenstherapeutin gefunden mit der ich gut klar komme. Ich wünsche dir viel Glück und Erfolg bei der weiteren Suche, auch wenn diese sehr demotivierend ist.

  9. Hey – bin nur sporadisch am mitlesen, aber weil a) Therapiefrust nicht fremd ist und b) es trotzdem bisher die einzige Sache ist, die ne realistische Chance auf Besserung gibt: https://www.therapie.de/psychotherapie/
    Ist ne nützliche Website, man kann Therapeuten im Umkreis nach Verfahren/Geschlecht/Kasse vs privat und so weiter aussuchen, es gibt email adressen wenn die Überwindung zum Telefon zu viel ist und die Leute schreiben meist auch wie lang es ca. dauert bis was frei ist. Also, wenn du dich wieder motivieren kannst dem ganzen noch einen Versuch zu geben – das fand ich irgendwie ganz nützlich. Niederschwellig und so. Wem die Scheiße bis zum Hals steht kann den Kopf nicht hängen lassen – also beiß dich durch!

  10. Das ist also der Werdegang der zahlreichen hirnlosen Psychologiestudis aus Deutschland, die in Österreich gratis studieren.
    Gut zu wissen.

    Zu dir- au weia. Aber ich finde es sehr mutig und sehr selbstschätzend, dass du die Therapie abgebrochen hast!

    Bezüglich Arbeit: meine Thera hat gemeint, wir können die Stunden auch flexibel legen und wenn ich einen Job außerhalb habe, können wir das trotzdem deichseln. Aber wenn mehr als 100 km dazwischen liegen, dann ist das auch ein Problem.

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