Ein feministisches Desaster: Wonder Woman

Seit Wonder Woman vor zwei Wochen in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, bricht dieser Film Rekorde. Nicht nur das Einspielergebnis, sondern auch die Ratings auf imdb, Rotten Tomatoes etc.pp. beeindrucken.
Spätestens der inzwischen oft gelesene Spruch „Wonder Woman – der beste DC-Film seit langem!“ sollte allerdings stutzig machen, denn in Anbetracht von Verbrechen an die Filmkunst wie Man of Steel, Batman v Superman und Suicide Squad muss man sich fragen, ob das tatsächlich eine großartige Leistung darstellt.

DC hat mich in der Vergangenheit einfach zu oft enttäuscht, um den euphorischen Berichten glauben zu können. Deshalb habe ich etwas getan, was ich noch nie getan habe und bin am ersten Tag der deutschen Veröffentlichung ins Kino gegangen, um endlich mitreden zu können.

Leider wurde ich erneut enttäuscht, wenn auch ganz anders, als ich vermutet habe. Ich habe einen mittelmäßigen Actionfilm mit feministischen Anklängen erwartet – tatsächlich ist es mir aber nach dem Kinobesuch völlig unbegreiflich, was an diesem Film feministisch oder überhaupt in irgendeiner Weise herausragend sein soll.

Spoilerwarnung – Details zur Handlung, inklusive Plottwists

Wonder Womans erster Coverauftritt, 1942

Einige scheinen zu glauben, Wonder Woman müsse feministisch sein, weil es ein Film mit einem weiblichen Superhelden ist. Das ist aber falsch. Ein Wonder-Woman-Film muss feministisch sein, weil Wonder Woman feministisch ist. Ihr Schöpfer William Moulton Marston erfand sie, weil es ihn ärgerte, dass alle Superhelden männlich waren. Er war selber Feminist und hat mit Wonder Womans Background als Amazone den Inbegriff weiblicher Macht und Unabhängigkeit gewählt. Wonder Woman begleitet Steve Trevor in die Welt der Männer, um den Krieg zu beenden, aber auch, um für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen (in der Neuinterpretation ihrer Figur Mitte der Achtziger war das sogar der Hauptgrund).

Und schon sind wir mittendrin in der feministischen Kritik. Das ist nämlich etwas, was im gesamten Film nicht mit einem Wort Erwähnung wird.

Dabei betritt Wonder Woman im Film eine Zeit, die inzwischen 100 Jahre in der Vergangenheit liegt. Doch nicht ein einziges Mal stutzt sie oder wird überhaupt wirklich konfrontiert mit dieser Welt, in der Frauen nicht wählen oder Kriegsdienst leisten dürfen oder überhaupt etwas zu sagen haben. Kein Stirnrunzeln, als die versammelten Generäle sich ereifern, weil sie, eine FRAU, es gewagt hat, in ihre Sitzung zu platzen. Nicht ein Wortwechsel zwischen Steve und seinen Compagnons, die ihn fragen, was um alles in der Welt er sich dabei gedacht hat, eine Frau auf ihre Mission mitzunehmen. Und damit auch keine Gelegenheit für Diana, sich gegen diese Behandlung zu wehren – und den Jungs demonstrativ zu beweisen, dass sie trotz ihres Geschlechts alles kann, was sie können, nur besser.

Eine Frau als Präsident? In 1000 Jahren vielleicht.

Es scheint inzwischen als feministisch zu gelten, eine Frau in eine klassische Männerrolle zu stecken und dann so zu tun, als würde das keinen Unterschied machen. Leider werden damit Tatsachen ignoriert, die aber nun mal existieren – heute und noch viel mehr vor 100 Jahren. Wonder Woman kommentiert den Sexismus dieser Welt nicht, sie registriert ihn ja nicht mal. Sie nimmt ihn vielmehr sogar an. Sie akzeptiert ohne Widerrede, dass sie sich nicht öffentlich in ihrer Uniform zeigen darf, auch wenn sie nicht weiß wieso, und lässt sich fügsam aus der Versammlung der Generälen führen, so, wie sie sich eigentlich den ganzen Film über von Steve Trevor führen lässt. Da bleiben auch die wenigen Male, als sie (endlich!) doch tut, was sie für richtig hält, nicht im Gedächtnis und ein Spruch wie „Ich lasse mir von dir nichts befehlen!“ wirkt eher hysterisch in seiner Hilflosigkeit. So typisch Weib eben.

Ich habe mir kein flammendes feministisches Plädoyer von einem Film gewünscht, im Gegenteil. Das wirkt schnell belehrend und nervt. Aber dieses völlige Ausblenden historischer Diskriminierungserfahrungen, sogar die bloße Nicht-Erwähnung des Umstands, dass Frauen im Jahr 1918 normalerweise nicht an die Front reisen und kämpfen – das ist geschichtsvergessen und schlicht ignorant.

Sexismus kennen übrigens auch die Amazonen – denn Männer, das sind für sie ausnahmslos Kriegstreiber, Gewalttäter, Tiere. Diana nun betritt in ihrer Achtziger-Version die Welt der Männer nicht nur als ihre Botschafterin mit dem Auftrag der Befreiung der Frau – sondern lernt, dass es auch gute Männer gibt. Steve ist einer davon, ihre späteren Kollegen Superman und Batman ebenfalls. Diese versöhnliche Botschaft geht über den vulgärfeministischen Ansatz eines William Moulton Marston, der von der Überlegenheit der Frau überzeugt war und sich ein Matriarchat herbei sehnte, weit hinaus und hätte Chancen geboten, die hier gnadenlos verspielt worden sind, weil das Geschlechterthema schlicht und ergreifend völlig eliminiert wurde.

Ein Superheldenfilm ohne Geschlechterthematik? Klar kann man das machen. Aber eben nicht bei Wonder Woman. Und wenn alle, die den Film bisher euphorisch gelobt haben, mal einen Schritt zurück treten würden, dann müssten sie erkennen, dass dieser Film nicht direkt ein feministisches Meisterwerk ist, nur weil im ersten Drittel ein paar durchaus coole Amazonen vorkommen.

Wonder Woman auf dem Cover des feministischen Ms.-Magazins

Allein dadurch wird Wonder Woman zu einem Film, der von dem Geschlecht der Superheldin abgesehen keine feministische Botschaft hat, sogar im Gegenteil unfeministischer ist als so ziemlich alles, was ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Selbst Deadpool, der eine Frau abknallt, weil er es irgendwie sexistisch findet, wenn er während seiner Tötungsorgie nur bei Frauen eine Ausnahme machen würde, ist da emanzipatorischer. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich nur eine einzige Szene zu wünschen, in der Wonder Woman einem Macho, der sie beleidigt, voll auf die Fresse haut?

Aber eine Frau hat Regie geführt! Kaum ein Artikel, der Patty Jenkins‘ Regiearbeit nicht besonders hervorhebt, als handle es sich hierbei um die Entdeckung des achten Weltwunders. Erwähnenswert dabei immer Monster, „Jenkins‘ Oscarfilm“ – tatsächlich hat einzig Charlize Theron, die die Hauptrolle spielte, für den Film einen Oscar erhalten, auch wenn die Formulierung etwas anderes nahelegt. Und da Jenkins seit Monster (von 2003!) keinen Kinofilm mehr gedreht hat, gibt es kaum eine Gelegenheit, ihre bisherige Arbeit zu bewerten und damit auch keine Möglichkeit, ihren persönlichen Stil zu erkennen. Vielmehr ist eine andere Handschrift unverkennbar – Zack Snyders, der bei Man of Steel und Batman v Superman Regie geführt hat und hier sowohl Produzent ist, als auch die Story beigesteuert hat. Slowmotion ist sein filmisches Markenzeichen. Die Zeitlupeneinstellungen während der Kämpfe, mit denen die ohnehin schon überrissene Akrobatik der Amazonen mehr als einmal haarscharf am Rande der Lächerlichkeit taumelt, nehmen den Kämpfen allerdings viel Dynamik und werden schlicht überstrapaziert. Das allerdings ist typisch für Snyder und Grund für so ziemlich allen Spott, den er für seine Arbeit erhält. Neben dem viel zu auffälligen CGI-Effekten natürlich. Diese, sowie sein Hang zu düsteren Farben, sind bei Wonder Woman und vor allem der Darstellung von Themyscira nicht ganz so ausgeprägt wie sonst, aber immer noch störend genug in ihrer Künstlichkeit. Bei Filmen wie 300 (Synders Durchbruch), den ich sehr mochte, war das ja noch neu und passend, aber ich kenne wirklich niemanden, der diesem Stil langfristig etwas abgewinnen kann. Umso unbegreiflicher, dass er immer noch solche Megadeals erhält!

Was allerdings wohl sicher auf Jenkins zurück zu führen ist – und das hat mich tatsächlich positiv überrascht, weil ich das in dieser Deutlichkeit noch nie bemerkt habe – ist das völlige Fehlen des „männlichen Blicks“. Aber selbst dieses wohltuend ungewohnte Stilmerkmal verkehrt sich ins Negative, wenn Steve Dianas zeitgemäße Verkleidung brüsk kommentiert: „Sie sollte doch WENIGER auffällig aussehen!“ – und die Kamera die ganze Zeit auf ihrem Gesicht bleibt. Die Aussage ist nicht nur lächerlich (das graue Kostüm kann man maximal adrett nennen), sondern auch unpassend umgesetzt, da ja aus seiner Sicht gefilmt wird, ohne einen Schwenk über ihren Körper aber der Eindruck entsteht, es sei wirklich nur ihr Gesicht und nicht etwa ihr knappes Superheldenoutfit, was ihn bisher gestört hat. Was hat er sich als Verkleidung vorgestellt, eine Burka?

Hätte ich einen Regisseur nennen müssen, der es versteht, Frauenrollen zu drehen, wäre mir auf Anhieb ein Name eingefallen: Joss Whedon. Das Mastermind hinter Buffy, der vielleicht besten Serie mit einer starken Frau in der Hauptrolle aller Zeiten, war auch verantwortlich für Avengers und hat dort mit Black Widow einen weiblichen Charakter interpretiert, der interessant, cool, stark und wahnsinnig tough ist. Eben das hätte ich mir für Wonder Woman gewünscht und sollte sie im kommenden Justice-League-Film so dargestellt werden, dann ist das ganz allein Whedons Verdienst, der kürzlich für den ausgefallenen Synder als Regisseur eingesprungen ist. Hätte ich gewusst, dass es tatsächlich möglich ist, gleichzeitig für Marvel und für DC zu arbeiten, wäre er als Regisseur für Wonder Woman meine allererste Wahl gewesen.

Tatsächlich war er vor Jahren schon mal im Gespräch gewesen als Regisseur, aber die Verhandlungen darüber scheiterten. So wurde es also Jenkins und wäre sie es nicht geworden, dann eine andere Frau, denn genau das war das alleinige Kriterium, nach dem Warner Bros. den Posten der Regie besetzte. Kompetenz egal, Hauptsache weiblich – das kann ich beim besten Willen nicht als Fortschritt ansehen, vor allem nicht eingedenk des vorliegenden Ergebnisses.

Nach eigener Aussage wollte Jenkins Wonder Woman schon seit Jahren drehen. Umso unverständlicher, warum dann ausgerechnet mit Wonder Womans Abstammung als Tochter des Zeus (der laut Überlieferung die Menschen übrigens NICHT erschaffen hat, aber wen interessieren schon solche Details) ein Storyelement in den Film Einzug hielt, das in den Comics erst seit 2011 etabliert wurde. Davor war ihre Schöpfung aus geformten Lehm Kanon gewesen – SIEBZIG JAHRE LANG.
Änderungen wie diese passieren in Comics häufig und regelmäßig und so gut wie immer sind die alteingesessenen Fans damit unzufrieden. Aber obwohl mir schon oft Pingeligkeit vorgeworfen wurde bei meiner Kritik an Neuheiten oder nicht-werkgetreuen Adaptionen, weigere ich mich, das dieses Mal gelten zu lassen. Was DC damals angerichtet hat, geht weit über die üblichen Umgestaltungen hinaus und hat der Wonder Woman als Figur massiven Schaden zugefügt.

Und das wird nun auch auf die Leinwand getragen: Nicht Hippolyte, die als Herrscherin über ein ganzes Volk voll starker, wunderschöner Frauen glücklich sein müsste, es aber nicht ist, weil sie sich nichts mehr wünscht als ein Kind, erschafft Diana. Zeus ist es. Doch zeugt er kein Kind der Liebe (oder auch nur der Lust), sondern eine Waffe gegen seinen entfesselten Sohn. Diana ist damit Mittel zum Zweck, kein vaterloses Wunder aus Lehm, dem Aphrodite aus Gnade gegenüber der flehenden Hippolyte Leben einhaucht, einer Tochter, die sie schuf um ihrer selbst willen, von den Göttern des Olymps ausgestattet mit Kräften weit über das menschliche Maß hinaus. Nein, stattdessen ist sie lediglich ein weiblicher Halbgott, wie es sie zu Dutzenden gibt. Und so stellt sie sich dann auch ihrer Bestimmung, nicht weil sie getrieben ist von ihrem unbedingten Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit, sondern weil Zeus, ihr Vater, ein Mann, das eben so geplant hat.

Das ist mehr als nur ärgerlich. Es ist traurig. Und es macht die Figur schon auf der untersten konzeptionellen Ebene unfeministisch. Tatsächlich ist es so, als hätte man ihr damit die Seele ihres Schöpfers ausgetrieben. Der Film nun, der nicht verpflichtet gewesen wäre, dieser Neuinterpretation zu folgen, tut das nicht nur, sondern verhöhnt auch noch die ursprüngliche Idee. „Ach ja, du wurdest ja aus LEHM geformt,“ spottet Steve – und das ist zusätzlich auch noch unfassbar arrogant. Mit welchem Recht spuckt die Filmadaption auf eine Originstory, die im ersten Moment für Nicht-Comicleser vielleicht lächerlich klingt, sich aber wunderbar in das mythologische Setting einfügt, wesentlich origineller ist als die meisten anderen Superheldenentstehungsgeschichten und darüber hinaus noch die tiefgründige Bedeutungsebene der vaterlosen Geburt trägt?

Mein erster DC-Comic war Wonder Woman – und ich war als Kind absolut fasziniert von ihrer Geschichte, auch wenn ich diesen Subtext noch nicht verstand. Mein Fanherz blutete bei Steves Spott und mir ging das Messer im Sack auf. Ist es da ein Wunder, dass DC seit Jahren im Kino keinen Fuß auf den Boden bekommt, wenn sie so mit ihren Schöpfungen umgehen?

Abgesehen von dieser dezidiert feministischen Kritik möchte ich allgemein von der eigentlichen Handlung noch zwei weitere Dinge heraus stellen, die mir besonders negativ aufgefallen sind.

Zum einen wäre da die reichlich seltsame Entscheidung, das Setting von Wonder Woman, deren Historie über 75 Jahre eng mit dem 2. Weltkrieg verbunden war, in den 1. Weltkrieg zu verlagern. „Intelligent“, findet die FAZ, Nazis seien ja so ausgelutscht. Kann man so sehen, allerdings wusste selbst die grenzdebile Sarah-Palin-Doppelgängerin in Iron Sky, dass es keine besseren Schurken gibt als Nazis. Deshalb funktioniert die Änderung des Settings auch aus dem gleichen Grund nicht, aus dem Kriegscomics nach dem 2. Weltkrieg aus der Mode kamen, obwohl mit dem Koreakrieg der nächste große Konflikt gar nicht lange auf sich warten ließ: Das Feindbild ist einfach nicht besonders gut. Den 1. Weltkrieg allein Deutschland anzulasten, selbst wenn es unter dem Einfluss von Kriegsgott Ares stand, ist historisch bestenfalls fragwürdig und nötigt den Zuschauern einiges ab. Nazis dagegen, als alleinige Aggressoren, Hassprediger und Massenmörder schon schlimm genug, aber mit ihrem Mutterkult und einem Rollenbild, in dem die Frau nur als Gebärmaschine und gehorsame Dienerin ihres arischen Mannes Platz hat auch der Inbegriff eines Patriachats – das wäre was gewesen. Es ist nicht ausgelutscht, wenn es funktioniert.

Tatsächlich wollte DC wohl einfach keinen Superheldenfilm mit Nazis drehen, wenn Marvel das doch schon mit Captain America vorgemacht hat. Aber die haben halt trotzdem kein Patent auf Nazis, und wenn man schon solche Angst vor Plagiaten hat, sollte man nicht General Ludendorffs Chefchemikerin eine Substanz erfinden lassen, die frappierend an Captain Americas Superserum erinnert, darüber hinaus aber nahezu keine Storyrelevanz besitzt.

Gleichzeitig mit dem Settingwechsel wird damit auch jegliche Verbindung zu Amerika gekappt. Nun ist der Standort USA neben Feminismus und griechischer Mythologie aber ein integraler Bestandteil der Figur. Wonder Woman ist schlicht eine amerikanische Heldin, nicht gerade in dem Maße wie Captain America, aber nah genug dran. Vor einigen Tagen schien sich das ganze Internet darüber zu amüsieren, dass FOX den fehlenden Patriotismus der Figur bemängelte, aber leider hat diese Kritik, so lächerlich sie auch wirken mag (und so antisemitisch motiviert sie in Wahrheit möglicherweise ist), einen wahren Kern, wenn man bedenkt, dass tatsächlich nicht ein einziger Amerikaner – von einem amerikanischen Ureinwohner an der belgischen Front einmal abgesehen – in diesem Film vorkommt. Der Frage, warum Wonder Woman dann ein Star-Spangled-Banner als Kostüm trägt, wurde zwar aus dem Weg gegangen, indem man die Sterne einfach wegließ – die Assoziation bleibt aber, denn Wonder Woman ist nun mal eine Ikone der Popkultur, deren Darstellung auch der bisher desinteressierteste Kinobesucher irgendwann schon einmal irgendwo gesehen hat. Das lässt sich nicht einfach so wegwischen, selbst wenn es die Verantwortlichen wirklich versucht hätten, wovon man aber wiederum nichts merkt. Gleichzeitig beweisen Dianas im Laufe des Films zunehmend übermenschliche Fähigkeiten bzw. der Umstand, dass diese bis zur Enthüllung ihrer Herkunft nicht erklärt werden, dass beim Publikum minimales Wissen um die Figur vorausgesetzt wird, was damit ja auch wieder inkonsequent ist.

Der zweite Punkt betrifft die Weglassung des Contests. In bisher fast jeder Adaption musste Diana zuvor eine Reihe von Wettkämpfen bestreiten, bis feststand, dass sie die beste Kämpferin unter den Amazonen und damit würdig ist, den Titel „Wonder Woman“ (sowie das dazu gehörige Kostüm und das Lasso der Wahrheit) zu tragen. Im Film dagegen entschließt sie sich einfach, die Insel zu verlassen, und handelt damit gegen den erklärten Befehl ihrer Mutter und Königin (deren hervorstechendes Merkmal ist aber ohnehin, dass sie sich erst über missachtete Befehle ereifert und dann doch nachgibt, worüber ich mir jetzt jeglichen Kommentar spare).
Der Unterschied ist offensichtlich: In der Ursprungsversion hat sie sich die Ehre VERDIENT, während sie in der Filmversion durch die Untätigkeit der Amazonen regelrecht dazu getrieben wird. Die Betonung ihrer edlen Gesinnung geht also zu Lasten derer ihres Volkes, dem die Kriegsopfer in der Außenwelt damit anscheinend ziemlich egal sind.

Natürlich MUSS ein Film, der nun mal eine begrenzte Laufzeit hat, an manchen Stellen gekürzt werden. Aber der Contest ist meiner Meinung nach zu essentiell, um gestrichen zu werden – anders als der Kampf der Amazonen gegen die eindringenden Deutschen. Natürlich: Man wollte sie kämpfend, eben in Aktion zeigen – aber gerade das wäre doch auch beim Contest der Fall gewesen. Und damit wäre auch die peinliche Frage vermieden worden, wieso die mächtige magische Barriere um Themyscira offensichtlich von jeder kleinen Nussschale von einem Boot durchbrochen werden kann.

Antiope, Dianas Tante und Ausbilderin (die in den Comics übrigens schon seit Jahrzehnten von der schwarzen Amazone Philippus verkörpert wird, was die große Masse der radikalfeministischen Wonder-Woman-Neufans glücklicherweise nicht weiß und wir damit einer weiteren ermüdenden Whitewashing-Debatte entronnen sind), hätte außerdem nicht sterben müssen. Das inzwischen nur noch nervige und dämliche Klischee eines toten Familienmitglieds als Motivation des Helden, das in Barry Allens (The Flash) ermordeter Mutter einen traurigen Höhepunkt gefunden hat, wäre vermieden worden. Vielmehr hätte sich hier die Möglichkeit geboten, Diana WIRKLICH als würdigste Kandidatin zu zeigen – indem sie Antiope im Kampf Frau gegen Frau erstmals besiegt. Die Schülerin übertrifft die Meisterin, Antiope senkt respektvoll ihr Haupt – wie großartig wäre das bitte gewesen.

Ich glaube, das hätte man durchaus unterbringen können. Natürlich hätte man dann an anderer Stelle kürzen müssen, aber bedenkt man die pure Dämlichkeit des eigentlichen Plots, wäre hier weniger eine Kürzung denn eine komplett andere Story nötig gewesen. Bis hierhin war der Verriss größtenteils eine Kritik an der ADAPTION einer Figur, die ich bereits vorher kannte. Aber auch als normaler Superheldenfilm ist Wonder Woman EINFACH NICHT GUT. Ludendorffs Plan, das neu entwickelte Supersenfgas gegen die englische Zivilbevölkerung einzusetzen, ist am Ende ein Twist aus dem Nichts und als Storyelement so löchrig wie die Gasmasken nach einer Behandlung mit eben diesem. Denn für einen solchen Angriff wäre keine jahrelange Forschung nötig gewesen – oder trägt etwa jeder Londoner eine Gasmaske im Bett, die man erst aufwendig zersetzen muss, bevor das Gas seine tödliche Wirkung entfalten kann? Überhaupt, was macht London als Ziel attraktiver als Paris, Moskau, Washington? Der gesamte Plan wirkt wie eine Rachaktion, wenn man auch nicht weiß für was – einen kriegsstrategischen Sinn vermag ich dahinter jedenfalls nicht erkennen, sofern Ludendorff nicht vorhat, die gesamte Weltgemeinschaft noch mehr gegen Deutschland aufzubringen und den Krieg auf diese Weise zu beenden, weil ihm die schon laufenden Waffenstillstandsverhandlungen irgendwie zu konventionell sind. Mein Gott, ist das so blöd! Ähnlich schwammig und verwirrend wirkt dann auch Ares‘ Plan, den ich nicht mal wiedergeben könnte, weil er total an den Haaren herbei gezogen ist.

Und selbst wenn man über so etwas in einem Actionfilm, der nicht zwangsläufig intelligent oder auch nur schlüssig sein muss, hinweg sehen kann, hat der Film noch weitere Probleme. Die Spezialeffekte machen stellenweise einfach fassungslos. Schon in der Szene, in der Diana als Kind von der Klippe springt (warum auch immer), also gerade mal gut 5 Minuten im Film, sind die Hintergründe so grauenhaft schlecht animiert, dass ich im Kino wirklich die Hände über den Kopf zusammen schlug. Ein Film mit diesem Budget, und DAS kommt dabei heraus?! Es gibt Filme, die zwanzig Jahre und mehr auf dem Buckel haben und trotzdem bessere Effekte aufweisen können. Und die wurden noch mit Bluescreen gedreht! Leider kein einmaliger Ausrutscher, sondern fast in jeder Szene mit Special Effects, vor allem bei Wonder Womans Kampfszenen, zu bestaunen. Allein dafür könnte man schon fast sein Geld zurück verlangen. Das Studio weiß offensichtlich sowieso nichts damit anzufangen!

Und ja, ich weiß, dass das niemand hören will – aber Gal Gadot ist eine BESCHISSENE Schauspielerin. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeugt ihr Gesichtsausdruck von ihrer Karriere als Model, denn der Blick ist alles, nur nicht natürlich. Sie ist wunderschön, klar, aber gibt es in Hollywood solche Frauen nicht zu Hunderten, die deutlich besser schauspielern können? Da sie zuvor praktisch unbekannt war, kann dieser Faktor da auch keine Rolle gespielt haben. Das ist in der Tat eine Besetzung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und versaut mir auch noch den Spaß an den Szenen, die nicht pointless, unfreiwillig komisch oder auf andere Weise schlecht sind!

Fazit: Trotz der ikonischen Hauptfigur und einer reichen Veröffentlichungshistorie, aus der man sich bei Story und Konzeption hätte bedienen können, wurden bei Wonder Woman eigentlich nur falsche Entscheidungen getroffen – personell, narrativ, dramaturgisch. Das Ergebnis ist dann vom feministischen Standpunkt aus ein absolutes Desaster und auch ansonsten einfach kein guter Film, weder für normale Kinogänger, als auch im noch größeren Maße für Fans. Hätte man dieselbe Mühe, die man anscheinend darauf verwendet hat, Wonder Woman alles Feministische auszutreiben, in die Entwicklung einer guten Story gesteckt, wäre der Film ein Meisterwerk geworden. So ist er nur ein schreckliches Vorzeichen auf das, was mit Justice League noch kommen mag. Aus den Lobeshymnen kann man indes nur schließen, dass die Latte für DC-Produktionen inzwischen wirklich gewaltig niedrig hängt – und eine Frau als Hauptperson, die nicht eindeutig sexistische Klischees bedient, offensichtlich schon reicht, um das Label „feministisch“ zu verdienen.

Damit ist nicht Wonder Woman der beste DC-Film seit Langem, sondern weiterhin The LEGO Batman Movie und mein Gott, wie traurig ist das bitte.

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Wir lassen uns nicht instrumentalisieren!

Fuck you I won’t do what you tell me.“
– Rage against the Machine

Wir leben in einer Welt, in der Terror fast schon normal geworden ist. Was in anderen Teilen der Erde seit Ewigkeiten zwangsläufig zum Alltag gehört, ist in den letzten Jahren auch in Europa angekommen – sei es in Paris, Berlin oder erst gestern wieder London.
Das sorgt einerseits verständlicherweise für Unsicherheit, aber auch für gewisse Abnutzungserscheinungen. Es ist schlicht nicht möglich, über Monate und Jahre den Grad an Entsetzen aufrecht zu erhalten, der bei jeder einzelnen dieser Attacken eigentlich angebracht wäre. Das ist menschlich. Genauso menschlich ist es aber, plötzlich doch nochmal besonders fassungslos zu sein, wenn es jemanden oder etwas trifft, mit dem man sich in irgendeiner Weise verbunden fühlt.

baendchenAus diesem Grund war ich vorgestern dann im ersten Moment auch wirklich schockiert, als ich erfuhr, dass Rock am Ring wegen Terrorgefahr unterbrochen worden ist. Dabei hatte ich noch vor wenigen Tagen erst das neue Sicherheitskonzept kritisiert, das Taschen und „Behältnisse“ aller Art auf dem Gelände verbietet. (An dieser Kritik halte ich auch fest. Der Umstand, dass die verdächtigen Personen keine Gäste waren, sondern zur RaR-Truppe gehört haben, widerspricht mir da ja auch nicht wirklich.) Ich bin schon seit Jahren davon überzeugt: Rock am Ring ist als Großveranstaltung ein attraktives Ziel für Anschlagspläne und wer diese wirklich durchziehen will, der findet einen Weg.

Trotzdem traf mich die Meldung wie ein Amboss aus dem Nichts. Mehrere Bekannte sind gerade auf dem Festival, schickten mir Informationen oder baten selber um welche, da sie auf dem Campingplatz schlechtes Internet hatten. Unzählige Nachrichten flogen umher in diversen Whatsapp-Gruppen, daheim gebliebene Freunde machten sich Sorgen um die, die zum Ring gefahren sind, diese wiederum bemühten sich einerseits, die Leute zuhause zu beruhigen und anderseits, ihre überall auf dem Gelände verstreuten Kumpels auf den schnellsten Weg zurück zum richtigen Campingplatz zu lotsen – ein kleines Chaos, man kann es sich vorstellen.

Letztendlich war die Situation ja doch ungefährlich und die Unterbrechung nur eine vorsorgliche Sicherheitsmaßnahme. Und so ließ mein Schock am späteren Abend dann auch fast genauso schnell nach, wie er gekommen war. Mehr noch, ich grinste sogar bei dem Gedanken an die ungeplante, aber bestimmt hammergeile Party, die jetzt mit Sicherheit auf den Campingplätzen stieg (und wünschte mir ein bisschen, dabei zu sein – vielleicht pietätlos, aber die Wahrheit).
Tatsächlich lief es dann anscheinend genauso ab, wie ich mir das vorgestellt habe: Die Polizei lobte die Besucher für ihren geordneten Rückzug, es kam zu keinen Krawallen, alles lief friedlich ab. Nicht mal per Whatsapp hat irgendjemand gemeckert. Kann man ja eh nix dran ändern, gehen wir halt saufen. Das ist der Ring, wie ich ihn kennen gelernt habe.

Und vor allem ist das die Art Community, die für zwei Dinge keinen Platz hat: Hass und rechte Hetze. Genau das sind aber die einzigen Programminhalte der AfD, die sich natürlich innerhalb kürzester Zeit (als auch eigentlich noch kaum etwas zu den Hintergründen bekannt war) zu Wort meldete, fast, als hätte sie auf genau so eine Gelegenheit gewartet, um sich mal wieder als Retter der freien Welt aufspielen zu können. Vermutlich hatten diese Elendstouristen das Statement für den Fall des Falles schon vorbereitet in der Schublade.

Aus AfD-Sicht macht das natürlich Sinn: Terroranschläge, ob vereitelt oder ausgeführt, sind für sie Wasser auf die Mühlen ihrer Agenda und damit eigentlich das Beste, was ihnen passieren kann. Vermutlich hat ihnen bisher jeder Anschlag einen Zustrom an neuen Wählern beschert. Warum sich also jetzt nicht an Festivalbesucher anbiedern? Die müssen doch alle richtig Kochen vor Wut oder schlottern vor Angst. Da kann man ansetzen, da geht doch was!

Rock und Metal haben ja in manchen linken Kreisen einen Macker-Ruf. Für die ein oder andere alteingesessene Band mag das ja sogar stimmen. Tatsächlich ist die Nu-Metal-Szene (und alles, was da musiktechnisch noch so dranhängt), die jahrelang den Ring dominiert hat, aber die toleranteste, freundlichste, lustigste Szene, in die ich je Einblick haben durfte.

Ich will nicht sagen, dass die Szene unpolitisch ist. Bands wie System of A Down, Rage against the Machine oder Bad Religion sind definitiv nicht unpolitisch. Auch fiel die Hochzeit dieser Musik in die frühen 2000er, erlebte also den 11. September, den Afghanistan-Feldzug, den Irakkrieg etc.pp. Es wurde viel gegen den Krieg gesagt und gesungen. Als George W. Bush von der „Achse des Bösen“ sprach, schlossen sich mehrere Stars zusammen und konterten mit der Gründung der „Axis of Justice“. Da ging so einiges, und das meiste war cool.

Nein, die Szene ist nicht unpolitisch – doch vom Standpunkt politisierter Kreise aus wirkt das vielleicht so, weil vieles eher diffus klingt. Aber nur weil man keine Demos organisiert oder in einem wöchentlichen Sitzkreis darüber reflektiert, welche Begriffe jetzt am wenigsten offensive sind, ist man noch lange nicht gleichgültig gegen Hass. Und vor allem ist keine einzige Person, die ich auf dem Ring kennen gelernt habe, wirklich so blöd, auf diese plumpen Anbiederungsversuche der AfD rein zu fallen!

Ich meine… ernsthaft!? Die besorgten Bürger, aus welcher die AfD-Wählerschaft besteht, sind dieselben, die nach den Schulamokläufen der 2000er gegen unsere Musik gejault haben. DIE haben das vielleicht vergessen, aber WIR nicht. Ihr könnt über „Fake News“ heulen, so viel ihr wollt, aber Tatsache ist, dass ihr, wenn ihr keine Argumente habt, aber dringend einen Schuldigen braucht, beängstigend gewalttätige Songtexte auch gerne mal einfach so erfindet!

Was, das war ja gar nicht die AfD, die gibt es ja noch gar nicht so lange? Natürlich nicht! Aber es ist derselbe Menschenschlag: erzkonservative Griesgräme, die alles ablehnen, was ihnen fremd ist und sie nicht kapieren. Leute, die Männer mit langen Haaren, verzerrte Verstärker und Flunkyballturniere bis vorgestern am liebsten verboten hätten! Aber jetzt ist plötzlich alles anders, weil sie glauben, die Menschen, die sie gerade noch wie Abschaum behandelt haben, könnten sich als Verbündete eignen, weil Mitglieder einer anderen Gruppe, die sie immer noch am allermeisten hassen, ein Festival gestört haben.

Aber das funktioniert nicht. Ich war siebenmal auf Rock am Ring und erlaube mir jetzt einfach mal im Namen aller Ringrocker zu sprechen: Wir lassen uns von euch nicht instrumentalisieren. Wir wollen euch nicht und wir brauchen euch nicht, nicht in unseren Parlamenten und auch nicht als Retter unserer „Lebensweise“, die ihr, ihr ach so braven Kleingartenbesitzer, bisher doch so krank und brutal und pervers fandet. Und das könnt ihr gerne weiterhin tun, denn WIR finden euch auch scheiße!

Ich bin froh, dass am Ring alles wieder in Ordnung ist und anscheinend alle Spaß haben. Denn darum geht es bei einem unserer größten Festivals, egal wie brutal und gewalttätig viele unserer Bands für Helene-Fischer-Fans auch klingen: um Spaß, der auch durch eine kleine Unterbrechung nicht ernsthaft gestört wird. Und das zusammen mit 80.000 anderen Leuten, egal woher die kommen oder welche Hautfarbe oder Religion die haben. Das ist nämlich alles unwichtig, denn jeder Mensch ist cool, solange er einen guten Musikgeschmack hat!

Ihr seid die, die immer nur nach unten treten und alles hassen und fürchten, was nicht Mainstream ist. Aber das, ihr Arschlöcher, war noch nie unsere Art, denn zu oft haben wir auch schon den ein oder anderen Tritt abbekommen. Wir boxen lieber nach oben. Und vor allem haben wir keine Angst, was das einzige ist, von dem eure miese kleine Partei zehrt. Also bitte tut uns den Gefallen und nervt eine andere Community, denn bei uns habt ihr keine Chance!

Denn auch wenn viele Ringrocker auf den ersten Blick unpolitisch sein mögen, hat es doch einen Grund, weshalb die Toten Hosen oder die Ärzte gefühlt jedes Jahr am Nürnburgring spielen, die Onkelz aber noch nie.