Wir lassen uns nicht instrumentalisieren!

Fuck you I won’t do what you tell me.“
– Rage against the Machine

Wir leben in einer Welt, in der Terror fast schon normal geworden ist. Was in anderen Teilen der Erde seit Ewigkeiten zwangsläufig zum Alltag gehört, ist in den letzten Jahren auch in Europa angekommen – sei es in Paris, Berlin oder erst gestern wieder London.
Das sorgt einerseits verständlicherweise für Unsicherheit, aber auch für gewisse Abnutzungserscheinungen. Es ist schlicht nicht möglich, über Monate und Jahre den Grad an Entsetzen aufrecht zu erhalten, der bei jeder einzelnen dieser Attacken eigentlich angebracht wäre. Das ist menschlich. Genauso menschlich ist es aber, plötzlich doch nochmal besonders fassungslos zu sein, wenn es jemanden oder etwas trifft, mit dem man sich in irgendeiner Weise verbunden fühlt.

baendchenAus diesem Grund war ich vorgestern dann im ersten Moment auch wirklich schockiert, als ich erfuhr, dass Rock am Ring wegen Terrorgefahr unterbrochen worden ist. Dabei hatte ich noch vor wenigen Tagen erst das neue Sicherheitskonzept kritisiert, das Taschen und „Behältnisse“ aller Art auf dem Gelände verbietet. (An dieser Kritik halte ich auch fest. Der Umstand, dass die verdächtigen Personen keine Gäste waren, sondern zur RaR-Truppe gehört haben, widerspricht mir da ja auch nicht wirklich.) Ich bin schon seit Jahren davon überzeugt: Rock am Ring ist als Großveranstaltung ein attraktives Ziel für Anschlagspläne und wer diese wirklich durchziehen will, der findet einen Weg.

Trotzdem traf mich die Meldung wie ein Amboss aus dem Nichts. Mehrere Bekannte sind gerade auf dem Festival, schickten mir Informationen oder baten selber um welche, da sie auf dem Campingplatz schlechtes Internet hatten. Unzählige Nachrichten flogen umher in diversen Whatsapp-Gruppen, daheim gebliebene Freunde machten sich Sorgen um die, die zum Ring gefahren sind, diese wiederum bemühten sich einerseits, die Leute zuhause zu beruhigen und anderseits, ihre überall auf dem Gelände verstreuten Kumpels auf den schnellsten Weg zurück zum richtigen Campingplatz zu lotsen – ein kleines Chaos, man kann es sich vorstellen.

Letztendlich war die Situation ja doch ungefährlich und die Unterbrechung nur eine vorsorgliche Sicherheitsmaßnahme. Und so ließ mein Schock am späteren Abend dann auch fast genauso schnell nach, wie er gekommen war. Mehr noch, ich grinste sogar bei dem Gedanken an die ungeplante, aber bestimmt hammergeile Party, die jetzt mit Sicherheit auf den Campingplätzen stieg (und wünschte mir ein bisschen, dabei zu sein – vielleicht pietätlos, aber die Wahrheit).
Tatsächlich lief es dann anscheinend genauso ab, wie ich mir das vorgestellt habe: Die Polizei lobte die Besucher für ihren geordneten Rückzug, es kam zu keinen Krawallen, alles lief friedlich ab. Nicht mal per Whatsapp hat irgendjemand gemeckert. Kann man ja eh nix dran ändern, gehen wir halt saufen. Das ist der Ring, wie ich ihn kennen gelernt habe.

Und vor allem ist das die Art Community, die für zwei Dinge keinen Platz hat: Hass und rechte Hetze. Genau das sind aber die einzigen Programminhalte der AfD, die sich natürlich innerhalb kürzester Zeit (als auch eigentlich noch kaum etwas zu den Hintergründen bekannt war) zu Wort meldete, fast, als hätte sie auf genau so eine Gelegenheit gewartet, um sich mal wieder als Retter der freien Welt aufspielen zu können. Vermutlich hatten diese Elendstouristen das Statement für den Fall des Falles schon vorbereitet in der Schublade.

Aus AfD-Sicht macht das natürlich Sinn: Terroranschläge, ob vereitelt oder ausgeführt, sind für sie Wasser auf die Mühlen ihrer Agenda und damit eigentlich das Beste, was ihnen passieren kann. Vermutlich hat ihnen bisher jeder Anschlag einen Zustrom an neuen Wählern beschert. Warum sich also jetzt nicht an Festivalbesucher anbiedern? Die müssen doch alle richtig Kochen vor Wut oder schlottern vor Angst. Da kann man ansetzen, da geht doch was!

Rock und Metal haben ja in manchen linken Kreisen einen Macker-Ruf. Für die ein oder andere alteingesessene Band mag das ja sogar stimmen. Tatsächlich ist die Nu-Metal-Szene (und alles, was da musiktechnisch noch so dranhängt), die jahrelang den Ring dominiert hat, aber die toleranteste, freundlichste, lustigste Szene, in die ich je Einblick haben durfte.

Ich will nicht sagen, dass die Szene unpolitisch ist. Bands wie System of A Down, Rage against the Machine oder Bad Religion sind definitiv nicht unpolitisch. Auch fiel die Hochzeit dieser Musik in die frühen 2000er, erlebte also den 11. September, den Afghanistan-Feldzug, den Irakkrieg etc.pp. Es wurde viel gegen den Krieg gesagt und gesungen. Als George W. Bush von der „Achse des Bösen“ sprach, schlossen sich mehrere Stars zusammen und konterten mit der Gründung der „Axis of Justice“. Da ging so einiges, und das meiste war cool.

Nein, die Szene ist nicht unpolitisch – doch vom Standpunkt politisierter Kreise aus wirkt das vielleicht so, weil vieles eher diffus klingt. Aber nur weil man keine Demos organisiert oder in einem wöchentlichen Sitzkreis darüber reflektiert, welche Begriffe jetzt am wenigsten offensive sind, ist man noch lange nicht gleichgültig gegen Hass. Und vor allem ist keine einzige Person, die ich auf dem Ring kennen gelernt habe, wirklich so blöd, auf diese plumpen Anbiederungsversuche der AfD rein zu fallen!

Ich meine… ernsthaft!? Die besorgten Bürger, aus welcher die AfD-Wählerschaft besteht, sind dieselben, die nach den Schulamokläufen der 2000er gegen unsere Musik gejault haben. DIE haben das vielleicht vergessen, aber WIR nicht. Ihr könnt über „Fake News“ heulen, so viel ihr wollt, aber Tatsache ist, dass ihr, wenn ihr keine Argumente habt, aber dringend einen Schuldigen braucht, beängstigend gewalttätige Songtexte auch gerne mal einfach so erfindet!

Was, das war ja gar nicht die AfD, die gibt es ja noch gar nicht so lange? Natürlich nicht! Aber es ist derselbe Menschenschlag: erzkonservative Griesgräme, die alles ablehnen, was ihnen fremd ist und sie nicht kapieren. Leute, die Männer mit langen Haaren, verzerrte Verstärker und Flunkyballturniere bis vorgestern am liebsten verboten hätten! Aber jetzt ist plötzlich alles anders, weil sie glauben, die Menschen, die sie gerade noch wie Abschaum behandelt haben, könnten sich als Verbündete eignen, weil Mitglieder einer anderen Gruppe, die sie immer noch am allermeisten hassen, ein Festival gestört haben.

Aber das funktioniert nicht. Ich war siebenmal auf Rock am Ring und erlaube mir jetzt einfach mal im Namen aller Ringrocker zu sprechen: Wir lassen uns von euch nicht instrumentalisieren. Wir wollen euch nicht und wir brauchen euch nicht, nicht in unseren Parlamenten und auch nicht als Retter unserer „Lebensweise“, die ihr, ihr ach so braven Kleingartenbesitzer, bisher doch so krank und brutal und pervers fandet. Und das könnt ihr gerne weiterhin tun, denn WIR finden euch auch scheiße!

Ich bin froh, dass am Ring alles wieder in Ordnung ist und anscheinend alle Spaß haben. Denn darum geht es bei einem unserer größten Festivals, egal wie brutal und gewalttätig viele unserer Bands für Helene-Fischer-Fans auch klingen: um Spaß, der auch durch eine kleine Unterbrechung nicht ernsthaft gestört wird. Und das zusammen mit 80.000 anderen Leuten, egal woher die kommen oder welche Hautfarbe oder Religion die haben. Das ist nämlich alles unwichtig, denn jeder Mensch ist cool, solange er einen guten Musikgeschmack hat!

Ihr seid die, die immer nur nach unten treten und alles hassen und fürchten, was nicht Mainstream ist. Aber das, ihr Arschlöcher, war noch nie unsere Art, denn zu oft haben wir auch schon den ein oder anderen Tritt abbekommen. Wir boxen lieber nach oben. Und vor allem haben wir keine Angst, was das einzige ist, von dem eure miese kleine Partei zehrt. Also bitte tut uns den Gefallen und nervt eine andere Community, denn bei uns habt ihr keine Chance!

Denn auch wenn viele Ringrocker auf den ersten Blick unpolitisch sein mögen, hat es doch einen Grund, weshalb die Toten Hosen oder die Ärzte gefühlt jedes Jahr am Nürnburgring spielen, die Onkelz aber noch nie.

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3 Gedanken zu “Wir lassen uns nicht instrumentalisieren!

  1. Ich hab dann mal „Gefällt mir“ geklickt, auch wenn ich die Herleitung AfD’ler = Kleingartenbesitzer und Helene-Fischer-Fans jetzt nicht sonderlich gelungen finde.

  2. Mach dir keine Sorgen. Dieser Sch***** hat bei den ring Besuchern auf keinen Fall verfangen. Mein Sohn war (mit 16) jetzt das erste Mal da und war schwer beeindruckt. Am Freitag Abend sind die Leute einfach in aller Ruhe weggegangen und haben Party gemacht und auch ansonsten war es zumindest aus seiner Sicht einfach toll.

    Mir hat nur für ihn leidgetan, dass er Rammstein verpasst hat. Deren Liveshow ist echt sehenswert. Aber es gab wohl auch sonst viele sehr gute Auftritte und keiner hat sich unterkriegen lassen.

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