Pommes für Julius Caesar

Zu jedem Lehramtsstudium gehören neben einem ganzen Haufen nutzloser Erziehungswissenschaftsseminare auch mehrere Schulpraktika. Nachdem ich mein erstes Praktikum in einer Grundschule abgeleistet hatte, führte mich mein zweites in eine Gesamtschule in der Provinz. Gemäß meinen Fächern interessierte ich mich dabei vor allen für den Deutsch- und Geschichtsunterricht.

In einer Klasse war ich besonders häufig, weshalb ich sie im Stillen bald nur noch „meine Sechser“ nannte. In den Wochen meines Praktikums saß ich bei den meisten Geschichtsstunden in der Klasse und hielt auch meinen erste eigene Unterrichtsstunde. Das Römische Reich kam gerade dran – ich durfte mit einem Abriss über den Gründungsmythos und die römische Götterwelt einsteigen.

Es ging nicht ganz so spannend weiter. In der Woche darauf sollten sich die Kinder selbstständig mit Arbeitsblättern beschäftigen rund um das Thema „Legionäre“. Eines der Blätter enthielt einen Text über den Alltag eines Legionärs. Darin wurde auch erwähnt, dass sich die Legionäre auf ihren Heereszügen weitgehend selbst versorgt haben.

Während ich gerade gegen meinen Tisch gelehnt dastand und die Arbeitsblätter überflog, schoss schräg vor mir eine Hand hoch. „Frau Schmi-hitt, womit haben die sich denn selbst versorgt? Was haben die denn gegessen?“

Sinnvolle Frage, fand ich. Aber Geschichtslehrerin Schmitt, eine schon etwas ältere Dame, schien ungehalten. Den Gesichtsausdruck kannte ich bereits zur Genüge, obwohl ich erst wenige Tage da war. „Was werden die schon gegessen haben?“ schnauzte sie. „Gemüse, Getreide, Kartoffeln…“

Der Schüler, der die Frage gestellt hatte, nickte und beugte sich wieder über sein Blatt.

Ich dagegen musste wild an mich halten, um nicht laut aufkreischend die Hände über den Kopf zusammen zu schlagen.

Mit knirschenden Zähnen stand ich da und sah mich plötzlich in einer Zwickmühle. Ich war ja nur die dumme Praktikantin, eigentlich grade gut genug, um durch die Klasse zu schlendern und zu kontrollieren, ob die Kinder auch wirklich arbeiteten, statt Galgenmännchen zu spielen. Nicht wirklich in der Position, die Lehrerin zu korrigieren – ihre Autorität zu untergraben.

Ich betrachtete den Hinterkopf des Schülers. Er war mir davor schon mehrmals aufgefallen. In der 6. Klasse, sprich, bevor die Pubertät voll einschlägt, sind die Kinder noch wahnsinnig wissbegierig, sie fragen nach, machen sich Gedanken, teilen laut ihre Überlegungen mit, sie wollen wirklich lernen. Bei diesem Bub war das ganz besonders der Fall. Er beteiligte sich immer rege am Unterricht bis zu einem Punkt, an dem es manchmal fast ein bisschen nervig wurde, so eifrig, dass er zwischen seinen Mitschülern deutlich hervor stach. Ich war mir sicher, dass er sich die Worte der Lehrerin ganz genau einprägen würde. Das gab schließlich den Ausschlag.

„Ääähm, Kartoffeln ja wohl eher nicht, ne?“ sagte ich zu Frau Schmitt – so respektvoll wie möglich, in einem leutseligen „Ach, das kann ja jedem mal passieren“-Tonfall, obwohl ich eigentlich entschieden anderer Meinung war: Ich fand es hochgradig peinlich.

Der Schüler blickte interessiert auf, während Frau Schmidt mich verständnislos anstarrte. „Hä, wieso?“
„Najaaa… es gab ja keine Kartoffeln im alten Rom. Die kamen doch erst mit der Entdeckung Amerikas nach Europa. Also, äh, über fünfzehnhundert Jahre später.“

Diese Erklärung muss eine Erinnerung beim Schüler getriggert haben, denn bevor Frau Schmitt irgendwas sagen konnte, platze es aus ihm heraus: Davon hatte er schon mal gehört! Da gab es doch mal einen „alten König“, der die Kartoffel in Deutschland eingeführt hatte. Aufgeregt erzählte er die Geschichte nach, er hatte sie wohl – wie ich – in der Grundschule gelernt. Bis auf den Namen des Königs (Friedrich II.) wusste er noch alles darüber.

Noch während er redete, breitete sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus. Ich freute mich über seinen Enthusiasmus und natürlich auch darüber, dass er sich diese Anekdote gemerkt hatte. Als er endete, blickte ich zu Frau Schmitt, die inzwischen neben mir und dem Jungen stand. Was ich erwartete, war ein Lob von höchster Stelle an den Schüler.

Stattdessen ignorierte Frau Schmitt ihn vollkommen und sah mich an. „Jetzt mal ohne Spaß,“ sagte sie, und aus jedem Wort triefte Verachtung, „das ist doch SO unwichtig!“

Dekadent? Nicht mal Pommes hatten die Armen! (Und Ketchup auch nicht)

Der Satz traf mich wie ein Vorschlaghammer. Es wäre eine Sache gewesen, mir das später unter zwei Augen zu sagen. Aber vor dem Schüler, der gerade sein Wissen demonstriert hatte? Kann man Kindern und ihren Lernerfolgen NOCH abschätziger begegnen?

Wenn es um meine Praktikumerfahrungen geht, ist das immer die erste Geschichte, die mir einfällt. Wie ich ausgerechnet jetzt darauf komme? Nun, gestern wurde ein Artikel auf Twitter herum gereicht, aus dem hervor geht, dass über 40 Prozent aller Schüler zwischen 14 und 17 Jahren nicht wissen, was „Auschwitz“ ist.

Was hat aber diese verheerende Zustand mit einem eigentlich doch verzeihlichen kleinen Anachronismus zu tun? Es ist die Aussage des Leiters der Stiftung, welche die Umfrage in Auftrag gab – und die ich für den Kernsatz halte: „Mit Sorge beobachten wir, dass es in der Mittelstufe in immer weniger Bundesländern Geschichte als eigenständiges Schulfach gibt.“

Denn es war kein Geschichtsunterricht, den ich besuchen durfte. Frau Schmitt hat auch nicht Geschichte, sondern Erdkunde studiert. Diese beiden Fächer werden in vielen Gesamtschulen in der Mittelstufe zum Fach „Gesellschaftswissenschaften“ zusammen gefasst – und in diesem Fall von einer Frau unterrichtet, die, wie sie mir bereits am ersten Tag anvertraute, von Geschichte leidenschaftlich gelangweilt war.

Dementsprechend war dann auch ihre Laune in jeder einzelnen Stunde. Sie ist allerdings kein Einzelfall. Mir ginge es umgekehrt nämlich ganz genauso. Ich würde zwar niemals einen so hirnlosen Spruch vor einem Schüler ablassen, aber allein der Gedanke, irgendwann vielleicht einmal Erdkunde unterrichten zu müssen, hat mich in regelrechte Panik versetzt. Wenn es ein Wissensgebiet gibt, von dem ich keine Ahnung habe, dann ist es definitiv Erdkunde. Ich kann kaum die deutschen Bundesländer richtig geographisch verorten. Die 16 Hauptstädte? Vergesst es. Ich kann mir sowas nicht merken, es interessiert mich auch überhaupt nicht. Erdkunde ist mein Kryptonit.

Und so jemand wie ich soll Kindern Erdkunde beibringen? Mir ist klar, dass zum Fach „Erdkunde“ sehr viel mehr gehört, als nur Orte auf einer Landkarte zu finden – aber das macht es ja nur noch schlimmer. Selbst mit einem durchquälten Geographie-Studium könnte ich nie den Vorsprung an Wissen aufholen, die eine Person mir voraus hat, die sich schon ihr ganzes Leben lang aufrichtig für das Fachgebiet interessiert.

Dazu gehören nun mal auch Funfacts und Anekdoten wie die vermutlich legendarische Geschichte vom Alten Fritz, der mit einer List die dummen Bauern dazu brachte, endlich Kartoffeln anzubauen. Mein Geschichtslehrer aus der sechsten Klasse, an den ich in letzter Zeit viel denken musste, weil er leider kürzlich gestorben ist, hatte so etwas tonnenweise auf Lager.

Er war nicht sonderlich beliebt, da sehr streng, aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschichtenerzähler. Bei ihm hätte es nie dröge Arbeitsblätter gegeben – er hätte vom Leben der römischen Legionäre erzählt, als wäre er selber mit ihnen nach Gallien marschiert. Natürlich ist so ein Frontalunterricht heute gnadenlos verpönt, aber wenn er loslegte, hing ich an seinen Lippen. Er hat auch viele andere „Fehler“ gemacht, beispielsweise bei jeder einzelnen mündlichen Abfrage, zu der im Laufe des Schuljahres jeder Schüler mal verdonnert wurde, die Fangfrage gestellt, ob die Olympischen Spiele in der Antike auf oder am Fuße des Berges Olymp stattgefunden haben.

Jeder meiner Erziehungswissenschaftsdozenten wäre entsetzt gewesen, solche Fragen darf man vor allem so jungen Kindern nicht stellen – und trotzdem war er einer der besten Lehrer, die ich jemals hatte. Ein Mann, der für sein Fach brannte, der mir zeigte, wie unfassbar spannend Geschichte sein kann. Ein Mann auch, der offen zugab, wenn er etwas nicht wusste, aber sich niemals zu der Aussage versteigen würde, dass es zu wissen unwichtig sei.

Eine Bildungspolitik, die offensichtlich glaubt, dass es im Prinzip egal ist, wen man vor eine Klasse stellt, um Fach X zu unterrichten, ist eine Katastrophe. Eine solche Politik zeugt nicht nur von einer abschätzigen Haltung den eigenen Uni-Absolventen gegenüber, sondern verkennt auch die Faktoren „Leidenschaft“ und „ehrliches Interesse“, die für Lehrer so viel wichtiger sind als die Methodenlehre, die uns im Studium eingeprügelt wird, obwohl diese ganzen übertrieben komplizierten Methoden niemand, auch die Schüler nicht, wirklich mag. Die schönste Methodik nützt nichts, wenn der Lehrer von dem Stoff, den er dadurch vermitteln will, keine Ahnung hat.

Eine solche Bildungspolitik ist dann auch mitverantwortlich dafür, dass eine rechtsradikale Partei in den Bundestag einziehen kann. Denn aus Schülern, die nicht mal wissen, was „Auschwitz“ ist, können keine reflektierten Wähler werden.

Damit schafft sich eine solche Bildungspolitik langfristig selbst ab – aber ich bezweifle, dass sie dann durch etwas besseres ersetzt wird. Selbst wenn ein Herr Höcke im Gegensatz zu vielen anderen Politikern selber Lehrer ist.

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11 Gedanken zu “Pommes für Julius Caesar

  1. Er beteiligte sich immer rege am Unterricht bis zu einem Punkt, an dem es manchmal fast ein bisschen nervig wurde

    Ah, ein kleiner Mansplainer.

    Es wäre eine Sache gewesen, mir das später unter zwei Augen zu sagen. Aber vor dem Schüler, der gerade sein Wissen demonstriert hatte? Kann man Kindern und ihren Lernerfolgen NOCH abschätziger begegnen?

    Da hast du was falsch verstanden. Sie will natürlich nicht ihre Schülerinnen demotivieren, es geht vielmehr darum, den Privilegien des Bubs entgegenzuwirken. Darum ja auch schlechtere Noten bei gleichen Leistungen.

    Musst du noch lernen.

  2. Tja. Willkommen im Land der Lehrer. Ich konnte sie noch nie leiden. Genau wegen solcher Geschichten. Das ist zutiefst subjektiv und unfair, weiß ich selbst. Ist mir aber egal. Werde bitte nicht auch so. Wär schade. LG Kari

  3. Pingback: Pommes für Julius Cäser oder Warum römische Legionäre keine Kartoffeln aßen – STAR COMMAND Communiqué

  4. Hallo Robin, ja, auch ich hatte früher einen Geschichts- und Deutschlehrer, der seinen Unterricht aus Geschichten und Anekdoten speiste. Auch er ist mittlerweile gestorben. Warum bleiben diese Lehrer (und was und wie sie gelehrt haben) im Gedächtnis? Und nicht die Arschlehrer (du weißt sicherlich welcher Typus hier von mir gemeint ist)? Ein Geschichtsbild besteht eben nicht nur aus einem Skelett, d.h. aus Fakten und Power-Point-Info-Schnipseln, sondern auch aus einem Leib, und je fassbarer dieser ist um so besser. Meiner Meinung nach am wichtigsten (in Hinblick auf eine immer komplexer werdende Welt): Die Interpretation. Und: Hinterfragen. Von allem was uns umgibt. Dies sollte und kann eine Lehrerin auch leisten bzw. es sollte ihr doch auch Spaß machen wenn Sie es so machen kann. Ab und zu Frontalunterricht (wie sich das Wort anhört: Wie Blitzkrieg) wäre doch nicht schlecht … aber vielleicht ist Frau Schmitt auch schon im Dienst-nach-Vorschrift-Modus. Der soll die meisten verbeamteten Lehrer nach spätestens 10-12 Dienstjahren ereilen. Aber man darf sich nicht bange machen lassen.

  5. Aber hier kann immerhin fürs Leben gelernt werden, nämlich, dass die Lehrerin eben nicht immer recht hat.
    Was haben wir nicht alles für Schwachsinn in der Schule hören müssen, von unfähigen, unmotivierten oder einfach dummen Lehrern…
    Nächste Lektion: wachsen Pommes an Bäumen?

  6. Also erstens super Artikel- hier in Österreich ist es ein wenig anders, aber gleich beschissen. Wir haben die Zentralmatura (Matura = Abitur) und das heißt vorgefertigter Lernplan, keine Zeit für irgendwas intensiver durchnehmen, meistens Frontalunterricht (oder Frontalreferate) und vorgefertigte Fragen bei jeglichen Tests. Ja, auch bei so „Randfächern“ wie Geschichte.

    Eines stößt mir aber sehr sauer auf, ich bin bald mit meinem Erziehungswissenschaftsstudium fertig und ich hasse dein Bashing gegen jene. Klar, wie überall gibts die Dummen, aber deine generalisierten Aussagen und Unterstellungen sind echt zum Kotzen. Dass du die Seminare blöd fandest, tja, vielleicht lags ja nicht an der Studienrichtung, sondern an den Angeboten, Profs, vielleicht weißt du einfach noch nicht, wie du das dort Gelehrte für dich nützen kannst? Und ob Frontalunterricht nun pädagogisch wertvoll ist oder nicht, damit beschäftigen sich ehrlich gesagt mehr die Abgänger_innen der Pädagogischen Hochschule…
    also bitte- wenn du das nächste Mal gegen Nicht-Lehramtsmenschen rotzst, informier dich mal genau.

    Was die Legionäre auf ihren Lagern aßen, ist nämlich genauso interessant für die Anthropologie- der Vorläufer der heutigen Erziehungs- und Bildungswissenschaften (!!) und auch ich hatte sehr viel Geschichtliches in meinem Curriculum.
    Ich verstehe deinen Ärger, auch speziell in der Unterrichtssituation, vielleicht kannst du die Professorin ja „anbetteln“, dass du mal eine Stunde selber vorbereiten kannst eben so zu diesem Thema?

    • „also bitte- wenn du das nächste Mal gegen Nicht-Lehramtsmenschen rotzst, informier dich mal genau.“

      lol? Verstehe ich das gerade richtig, dass ich mich mit einem 1. Staatsexamen nicht erdreisten darf, etwas zum Frontalunterricht zu sagen – oder gegen Seminare, die ich selber besucht habe? Wow, okay 😀

      Die Erziehungswissenschaftsseminare in meinem Lehramtsstudium wurden übrigens in den seltensten Fällen von Erziehungswissenschaftlern gehalten (die Seminare von Psychologen waren dabei immer die besten), aber woher sollst du das auch wissen. Informier dich mal genau 😛

  7. „neben einem ganzen Haufen nutzloser Erziehungswissenschaftsseminare“

    Auch wenn das nicht deine Absicht war, ich halte meinen gerade erworbenen Abschluss jetzt schon wieder für nutzlos…

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