Brief an meinen Vater

Cause I’m fucked up
because you are
need attention
attention you couldn’t give

– Staind

Mein Vater,

ich schreibe dies in der Hoffnung, es dir irgendwann ins Gesicht sagen zu können.

Heute ist Vatertag und ich muss wie jedes Jahr an dich denken, obwohl du für mich nie ein Vater warst.

Wir hatten einen schweren Start, das bestreite ich nicht. Doch wie sah der genau aus? Ich habe über die Jahre hinweg so viele Versionen der ein und selben Geschichte gehört. Du und meine Mutter, ein Meer aus vagen Andeutungen, irreführenden Hinweisen und Schlägen in die Fresse.
War ich ein One Night Stand oder ein Kind der Liebe? Wolltest du wirklich, dass sie abtreibt? Hast du einfach Panik bekommen? Hat sie die Schwangerschaft forciert? Wenn ja, warum hast du dich dagegen nicht geschützt? Wart ihr nun ein Paar oder nicht? Hast du dich von Anfang an nicht für mich interessiert oder war der Druck meiner Familie zu groß, um eine Beziehung aufzubauen? Ich weiß es nicht. Zwanzig Jahre habe ich versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren, aber es inzwischen aufgegeben. Ich kann euch nichts mehr glauben und ich habe es satt, zum x-ten Mal eine Geschichte zu hören, die wahr sein könnte, vielleicht aber auch nicht.

Tatsache ist, dass meine Mutter zu stolz war, um jemals einen Cent von dir anzunehmen. Offiziell kennt der deutsche Staat dich nicht. Sie hat mich damit nicht nur um meinen Unterhalt gebracht – MEIN Geld, nicht ihres – sondern auch um mein Erbe. Du dagegen warst auf diese Weise natürlich aus dem Schneider. Wie angenehm für dich.

Ich wusste immer, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Blicke, das Getuschel in meinem ekelhaft kleinen Dorf, es gibt sie sogar noch heute, 30 Jahre später. Ich wuchs auf in dem Wissen, dass jedes normale Kind einen Vater hat, nur ich nicht.
Meine Familie war blond und blauäugig, nur ich war dunkel. Ich stach raus, das merkte ich schon als Kind. „Die Sturheit hast du von deinem Vater,“ sagte meine Mutter manchmal und das erfüllte mich auf absurde Art mit Stolz.

Und doch musste ich zwölf Jahre alt werden, bis wir uns das erste Mal trafen. Ich sah dich an und sah mich, dieselben Haare, dieselben Augen. Dein Akzent überraschte mich, aber er war nur deutlichster Ausdruck einer Eigenschaft, die mich anzog und die ich unglaublich bewunderte: Du warst anders. Ein Freigeist, unabhängig, hast getan, was du wolltest, bist überall in der Welt herum gekommen.
Du bist aufgewachsen in einem Militärregime, hast dadurch einen kritischen Geist entwickelt, hast zu allem deine eigene Meinung und würdest dich niemals unterordnen. So sah ich dich damals. Und ich wollte auch so sein, denn schon mit zwölf engte mich mein Dorf, meine dämliche Familie und ihr beschränkter Horizont mehr ein, als ich ertragen konnte.

Ich wollte frei sein, ich sein. Ich wollte sein wie du.

Die Jahre vergingen. Mein Stiefvater kam gar nicht damit klar, dass ich dich traf, fühlte sich hintergangen. Aber ich war im Recht. Ich hatte ein Recht darauf, meinen Vater zu sehen. Ich mochte auch deine Familie: deine coole Frau, deine beiden Söhne. Meine Halbbrüder. Wie sehr habe ich mir immer Geschwister gewünscht.
Trotzdem habe ich damals genickt und gelächelt, als du und deine Frau mir erklärten, dass ihr ihnen nicht erzählen wollt, wer ich bin. Sie waren damals noch klein und voll in der „Mädchen sind doof!“-Phase. Ihnen da erzählen, dass sie noch eine Schwester haben? Hach, vielleicht später mal. Mal sehen.
Ich nickte und lächelte. Und ich dachte, wie dumm diese Begründung ist. Aber ich lächelte und war tief verletzt.

Später, als sie älter waren, reagierten sie auf mich sehr verhalten. Wir redeten nicht miteinander. Vielleicht waren sie beleidigt. Wenn sie auch nur ein bisschen sind wie ich, sind sie nicht doof. Ich sehe ihnen ähnlicher als ihre eigene Mutter. Jeder Vollidiot hätte erkannt, dass du, ich und die beiden verwandt sind. Aber das wurde nie thematisiert, jedenfalls nicht offen. Wenn sie nur ein bisschen so sind wie ich, hat sie das unglaublich ankotzt – dass ihre eigene Eltern sie offensichtlich für so blöd halten. Und mir gab es einen Stich, denn diese Art Totschweigen kannte ich von meiner Familie.

Ich dachte, du seist anders. Ich dachte, du seist besser.

Die Besuche wurden seltener, du warst öfter schlecht gelaunt. Das alles hinter der Fassade der Gradlinigkeit. So ein ehrlicher Mensch wie du, der versteckt doch nicht etwa, dass er mies drauf ist! Grummeligkeit als Statussymbol. Du konntest es dir ja leisten.
Und ich? Ich wollte dir einfach nur gefallen.

Aber es bröckelte. Das hätte ich schon damals sehen müssen. Und dass man sich nicht auf dich verlassen kann, wurde mir spätestens dann klar, als ich dir offenbarte, depressiv zu sein und ich dich bat – als neutrale, dritte Person – meinen Eltern klar zu machen, dass ich Hilfe brauche. Ich kam aus dem Kurzurlaub zurück, in den ich geflüchtet war, und was hattest du getan? Nichts. „Bin noch nicht dazu gekommen,“ war deine lapidare Antwort.

Das war das eine Mal, dass ich wirklich Hilfe von dir gebraucht hätte. Du hast kläglich versagt.

Rückblickend betrachtet hast du den Zerfall ganz alleine eingeleitet. Sommer 2006, ich weiß es noch genau. Das Jahr, in dem Deutschland Argentinien aus der WM gekickt hat. Das Spiel war spannend, dein Wohnzimmer voll, hast du doch überall Freunde und Bekannte, und DIE waren nun mal keine fünfjährigen Kinder und sahen sofort, was ich war und wer ich bin.
Freundlich waren sie alle, neugierig. Ob ich denn auch zur großen Feier deines 50. Geburtstages komme? Natürlich wollte ich das. Ein Fest mit Menschen aus aller Welt, dutzende, hunderte deiner alten Wegbegleiter, Reisende, Künstler, Lebemänner und Lebefrauen, ein Highlight war allein der Gedanke für mich.
Und natürlich war da meine Familie. DEINE Familie. Den Teil, den ich nicht kenne. Deinen Bruder, deine Schwester, ein halbes Dutzend Cousins und Cousinen, noch nie hatte ich einen davon gesehen. Vielleicht waren wir uns ähnlich und verstanden uns super. Ich freute mich.

Wenige Wochen später war ich zelten mit Freunden. Mein Handy klingelte, es lag in meinem Zelt. Meine Zeltnachbarin brachte es mir, DU warst dran. Noch bevor ich überhaupt Hallo sagen konnte, hast du losgebrüllt: Warum da eine fremde Person an mein Handy ginge?! Ich war völlig verwirrt wegen dieses Ausbruchs, für mich war das das Normalste der Welt?
Aber deswegen hattest du natürlich nicht angerufen. Ich höre deine Stimme heute noch – Worte, die du offensichtlich geübt hattest. Du sagtest mir, dass deine Mutter sich aus Südamerika zu deinem Geburtstag angekündigt hat. Ich hatte gerade genug Zeit, um mich zu freuen – ich würde zum ersten und vielleicht einzigen Mal meine Oma sehen! – als du meine Aufregung auch schon unterbrachst. Deine Mutter sei eine sehr alte und konservative Frau, wisse nichts von mir und daher möge ich deiner Geburtstagsfeier bitte fern bleiben.

Ich will nicht lügen: Das war ein Schlag. Ein harter. Und dennoch: Obwohl ich jedes Recht gehabt hätte, deswegen völlig auszurasten… verstand ich es. Ich verstand, warum eine Lüge manchmal nicht einfach so aufgedeckt werden kann. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass eine alte Frau einen Herzinfarkt bekommt.

Ich verstand es. Aber es machte mich trotzdem traurig.

Ich versuchte, leise zu weinen, aber du hast mein Schniefen trotzdem durch das Telefon gehört. Und da ging es los. Was ich mir einbilde? Wie ich es wagen könne, nun zu heulen? Was ich mir dabei denke? Das sei so typisch für mich, immer seien alle anderen Schuld, während ich flenne, ich solle doch endlich Verantwortung übernehmen, peinlich wäre das, diese Hilflosigkeit, peinlich überhaupt alles an mir…

Ich hörte deine Worte und es war wie ein Dolch mitten ins Herz. Es waren nicht nur die Worte. Es war ihre Zusammenhangslosigkeit. Diese Ungerechtigkeit. Darf ich etwa NICHT traurig sein, weil du mich verleugnest? Darf ich etwa nicht traurig sein darüber, keinen Vater zu haben wie die normalen Kinder?

Dies war der Anfang vom Ende. Wir redeten ab da kaum noch miteinander. Drei Jahre später rief ich dich zum letzten Mal an an dem Tag, an dem sich meine Eltern trennten, wieder mal so eine Gelegenheit, an der ich vielleicht ein wenig Zuspruch gebraucht hätte, aber du warst desinteressiert und hast das Gespräch abgewürgt mit dem Versprechen, dich bald zu melden.

Seitdem Funkstille. Seit sechs Jahren.

Ich hatte seitdem viel Zeit zum Nachdenken. Und wenn ich den Bruch wirklich datieren müsste, käme ich auf den Tag dieses ersten grässlichen Telefonats. Denn damals hast du selbst das Bild, das ich von dir hatte, in tausend Scherben zerschmettert, auch wenn das mir damals noch nicht bewusst war.

Seit diesem Tag trug ich das Wissen um deine Erbärmlichkeit.

Natürlich machte ich mir zunächst sehr viele Vorwürfe. Zerfleischt habe ich mich. Hattest du mit deinen harten Worten Recht? War ich so schwach, wie du mich dargestellt hast?

Ich wollte doch stark sein. Ich wollte wie du sein. Aber nach langem Nachdenken, vielen Selbstzweifeln und auch Hass gegen mich selbst erkannte ich, dass du an diesem Tag dich selbst angebrüllt hast. Es ist kein Verbrechen, traurig zu sein, weil man behandelt wird wie ein unangenehmes Geheimnis, für das sich jeder schämt. Wohl ist es aber ein absolutes Armutszeugnis, genau diesen Eindruck in seinem Kind zu erwecken, nur weil man über zwanzig Jahre lang zu feige ist, seiner eigenen Mutter etwas zu beichten.

Nicht ich war schwach. Du warst es. Immer gewesen. Und das beste, was man über dich sagen kann ist wohl, dass du dich dafür wenigstens genug geschämt hast, um zu versuchen, deine Schuld auf mich abzuwälzen.

Was ich an dir liebte, war reine Illusion. Du ach so starker Mensch warst niemals stark genug, um für mich da zu sein. Du verschwandest endgültig, als es mit mir zu schwierig wurde. Ich, dein schmutziges kleines Geheimnis, das wohl einfach zu anstrengend ist.

Und so muss ich leben und und zurecht kommen mit dem Wissen, dass ich einer von zwei Personen auf diesem Planeten, die mich immer lieben sollten, egal was ich für eine Scheiße baue und wie tief ich auch sinke – dass ich einer dieser beiden Personen völlig egal bin.

Wenn ich heute zum Telefon greife, rufe ich nicht dich an, sondern meinen Stiefvater. Er war mit meiner Mutter zusammen, seitdem ich zwei Jahre alt bin. Er war gerade zwanzig Jahre alt und hat dennoch die Verantwortung für ein Kind übernommen, das nicht mal sein eigenes war. Und er ist auch heute noch für mich da, obwohl sie inzwischen getrennt sind.

Natürlich hatten wir unsere Probleme. Wir sind zwei völlig verschiedene Charaktere. Wir haben gestritten, gebrüllt und uns eisig angeschwiegen. Er hat tausend Fehler gemacht und mich auf vielerlei Art verletzt, wie du es nie getan hast – aber das ist ja auch nicht schwer, wenn man nicht da ist.

Du hast mir mal gesagt, wie tief beeindruckt du von mir schon bei unserem ersten Treffen warst, noch bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Ich hatte den Stuhl neben dir genommen und ihn ein Stück von dir weggerückt, bevor ich mich setzte. Ich habe das nicht mit Absicht gemacht, möglicherweise war es also eine unbewusste Geste, vielleicht auch nur Zufall – aber du meintest, dir hätten zum ersten Mal in deinem Leben die Worte gefehlt.

Und hier sind wir nun und dieses Mal ist es sehr bewusst: Ich rücke von dir ab. Ich rücke von dir ab, final und endgültig. Ich löse mich von dem Gedanken, dir jemals etwas zu bedeuten, egal was ich in meinem Leben noch erreichen werde. Denn du warst nicht da für mich. Du hast dir einen Stuhl genommen und dich mit dem Rücken zu mir ans andere Ende des Raumes gesetzt, noch bevor ich überhaupt geboren war.

Und das werfe ich dir nicht einmal vor. Was ich dir vorwerfe sind deine Lügen. Dein Aufplustern. Die Täuschung, es sei anders und ich könnte einen Platz in deinem Leben haben. Und vor allem werfe ich dir vor, mir den Eindruck vermittelt zu haben, dies alles sei MEINE Schuld, nur weil du dich nicht deiner Verantwortung stellen konntest.

Weil du ein Kind bist. Ein weitgereistes Kind, das viel gesehen und erlebt hat, aber nichtsdestotrotz ein Kind, das sich seinen eigenen Fehlern nicht stellt, sondern vor ihnen wegläuft. Ein selbstbezogenes, verwöhntes Kind, das seine einzige Tochter mit Füßen trat, als sie eigentlich eine helfende, liebende Hand gebraucht hätte.

Und wozu? Um dein Selbstbild eines unabhängigen, furchtlosen und immer ehrlichen Mannes aufrecht zu erhalten, obwohl du ein unreifes, feiges und lügnerisches Arschloch bist.

Vater, ich brauche dich nicht. Denn, oh mein Gott, ich bin ja so viel besser als du.