Zur Wahl von Donald Trump – eine Analyse

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Inspiriert hiervon. Danke, Warren Ellis.

Meta-Nazi

Langsam könnte man echt neidisch werden! Die Relevanz der guten Erzählmirnix ist inzwischen unbestreitbar, denn wieder hat sie es geschafft, ins Zentrum der Twitter-Aufmerksamkeit zu rücken.

Dieses Mal fanden wohl einige Feministinnen ihr Comic zu einen angedachten Schutzgesetz für Prostituierte ganz toll, während andere das zwar AUCH toll fanden, aber halt nicht, wenn es von dieser untollen Person kommt. Ergo: Egal wie toll man etwas findet, von generell untollen Personen teilt man keine Comics.

Soweit, so alltäglich. Leider. Nun scheinen dieses Mal aber einige nicht eingesehen zu haben, warum Erzählmirnix untoll sein soll, weshalb einige von denen, die das schon immer gewusst haben wollen, sich hinsetzten und eine Liste all ihrer Schrecklichkeiten auf Pastebin (was auch immer das ist) zusammentrugen. Diese wurde dann willfährig auf Twitter verbreitet, um Erzählmirnix‘ Followern und allen, die es wagen, ihre Comics zu teilen, zu zeigen, wie gar furchtbar sie doch ist (leider (chrchr) mit dem gegenteiligen Effekt, der ja auch üüüüberhaupt nicht voraus zu ahnen war). Sie selbst hat diese Liste mit dem wohlklingenden Namen „Diskriminierende Scheisze bei Erzählmirnix“, die manch Nichteingeweihter unbedarft für ein Best-of halten könnte, auch natürlich fix verbloggt und kommentiert.

Man muss diese Leistung, die hinter dieser Liste steckt, fast bewundern, denn Erzählmirnix kategorisiert ihre Comics selbst leider überhaupt nicht. Man stelle sich also eine oder mehrere Personen vor, die in geduldigster Kleinarbeit ihren gesamten Blog runterscrollen und hunderte ihrer Comics nach „diskriminierender Scheisze“ durchforsten.
Dass dabei doch nur so wenig gefunden wurde, spricht dabei jetzt nicht wirklich für die Ausgangsthese. Und betrachtet man die beanstandeten Werke, kommen erst Recht Zweifel am gesamten Projekt. So wird es wohl beispielsweise vermutlich auf ewig das Geheimnis der Erstellerinnen dieser Liste bleiben, was am antirassistischen Comic „Weil dieser Satz immer scheiße endet“ so besonders rassistisch sein soll.

Während also Twitter tobte, fiel mir eine Person in meiner Timeline auf, die zunächst einen unangebrachten Vergleich zwischen Erzählmirnix und Fefe in Zweifel zog, dann aber bei Ansicht der Liste sofort seine Konsequenzen zog: „Erzählmirnix entfolgt und geblockt“.
Es entspann sich eine kurze Diskussion mit einem anderen User, während dieser dann die erste Person als Erklärung einen Comic postete, der in der Liste unter „Rassismus und Bagatellisierung rechter Ideologie“ zu finden war.

Dies möchte ich nun zum Anlass nehmen, um ein wenig Interpretation zu betreiben, des Deutschlehrers täglich Brot. Der ein oder andere mag jetzt genervt aufstöhnen, aber wenn ihr bis zum Ende durchhaltet, werdet ihr mir vielleicht zustimmen, dass dies einer der wenigen Fälle sein dürfte, in denen ein Witz tatsächlich witziger wird, wenn man ihn erklärt!

Also sehen wir uns das beanstandete Werk doch mal an (mit freundlicher Genehmigung von Erzählmirnix):

erzählmirnix

Die Person hatte seine Interpretation schnell gefunden:

Tja… „oder so“, ne.

Es mag wenig überraschen, dass ich dieser Deutung in keinster Weise folge, weil sie unstimmig und unsinnig ist.

Wieso? Dazu sollte man sich die Frage stellen: Wie interpretiert man richtig?

Betrachtet den Comic. Schüler würde man jetzt langwierig beschreiben lassen, WAS hier zu sehen ist, aber da das nicht sonderlich schwer ist, verzichte ich darauf jetzt mal. Von dieser reinen Ist-Beschreibung, die noch keinerlei Deutung enthalten sollte, springen wir also direkt weiter zur eigentlichen Interpretation.

Bei einer solchen – und es ist egal, ob es sich dabei um einen Prosatext, ein Gedicht oder wie in diesem Fall ein Comic handelt – ist es unerlässlich, sich den Sender, in diesem Fall die Autorin, anzusehen. Dazu ist der Kontext wichtig. Das trifft auf die Bewertung jedes möglichen heiklen Sachverhalts zu (und das Thema Nationalsozialismus ist IMMER heikel). So macht es selbstverständlich einen Unterschied, ob ich als Historikerin das N-Wort in einer Zitation in einem geschichtswissenschaftlichen Text verwende oder ob es unreflektiert in einem Kinderbuch auftaucht. Auch ist es was anderes, ob ein CDU-Politiker es während eines peinlichen Interviews von sich gibt oder ein schwarzer Rapper in einem Song über Rassismus.

Der Kontext ist hier schwierig, weil keiner mitgeliefert wird und der Comic dreieinhalb Jahre alt ist (das muss man sich mal reinziehen!!). Man muss sich also am Sender abarbeiten, denn natürlich würde es eine Rolle spielen, ob sowas von einem NPD-Vorsitzenden gezeichnet wird oder halt von einer Erzählmirnix.
Was wissen wir über sie? Oft kontrovers, vertritt sie doch beim Thema Nationalsozialismus und Rassismus eine ganz klare Linie, wovon nicht zuletzt das Comic zeugt, dass sie als Startcomic zu ihrem Blog gewählt hat. Da ich sie als Bloggerin seit Jahren verfolge, komme ich zu einer komplett anderen Deutung, die nicht mit ihrer Intention übereinstimmen MUSS, die aber WESENTLICH sinniger ist.

Ach, machen wir’s doch kleinschrittig: Was sehen wir hier?
Panel 1: Person A mag eine Blume.
Panel 2: Person B teilt ihr mit, diese sei von einem Nazi gepflanzt.
Panel 3: Person B wird verbal aggressiv, Person A kann nur stammeln.
Panel 4: Beide verschwinden, die Blume wurde offensichtlich zertrampelt.

Ließe man den Sender außer acht, würde ich @Walsonde für seine Interpretation tatsächlich noch eine 3 geben („oder so“). Aber auch ohne Sender macht er hier einen eklatanten Fehler: Er hält die Aussage von Person B für wahr. Zusammen mit der dargestellten Aggression und den harten Vorwürfen gegenüber Person A, für die „Diese Blume ist eine Naziblume“ offensichtlich eine neue Information ist, darf dieser Wahrheitsgehalt jedoch durchaus angezweifelt werden. Und nimmt man nun DOCH den Sender hinzu und bedenkt Erzählmirnix‘ Einstellung zu Nationalismus und allgemein, drängt sich mir folgende Interpretation auf:

Hier wird einerseits die Aggressivität kritisiert, mit der Menschen begegnet wird, denen wichtige Informationen fehlen und die daher diese Aggressivität bzw. den unterstellten Verwurf der „Mittäterschaft“ nicht verdient haben. Und andererseits – der für mich wesentlich wichtigere Punkt – die Haltung, das Label „Nazi“ nicht in Zweifel zu ziehen, obwohl es dafür keinerlei Beweise gibt.

Dieses Comic karikiert demnach die in einigen linken Kreisen kursierende reflexhafte Abwehrhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus, die dahingehend übertrieben ist, dass selbst der pure Vorwurf des Nationalsozialismus so große Panik verursacht, dass es schon als Affront und irgendwie rechts gilt, Beweise für diesen Vorwurf zu verlangen.

Dieser Comic nun wird als Beleg für Erzählmirnix‘ Schlechtigkeit herangezogen, denn die betreffende Person liest darin eine Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen, denn „es war ja nicht alles schlecht bei Nazis“ („oder so“). Eine unstimmige und unsinnige Interpretation, die er nur tätigt, weil er den Sender außer Acht lässt und der linken Panik erliegt, alles, was VIELLEICHT „Nazi“ sein könnte, von dem man sich nicht sofort und aufs Heftigste distanziert, könne irgendwie auf magische Weise abfärben.

Ein Comic, das er so negativ und falsch las, weil es in einer Liste auftauchte, die es unreflektiert als „Nazi“ labelte.

Ein Comic, das genau diese Labelung und die hysterischen Reaktionen darauf zum Thema hat.

Moment.

Ähm…

Jaaaa…

Kapiert?

Das ist so meta – und UNFASSBAR WITZIG.

Und als finale Pointe:

erzählmirnix2

Tja..!

Schulsport – ein Hurra auf ein unbeliebtes Fach

Guten Morgen, Robin! Da hab ich doch glatt eine Diskussion auf Twitter verpasst, welche die Gemüter hochkochen lässt, denn zu etwas, was jeder schon mal erlebt hat (bzw. erleben musste), hat natürlich auch jeder eine Meinung. Das Thema sind die Bundesjugendspiele! Ausgelöst wurde das durch folgenden Tweet:

Inzwischen ist die betreffende Petition tatsächlich ins Leben gerufen worden, aber das hat der Diskussion natürlich keinen Abbruch getan. Mittlerweile scheint sich das Thema teils auf Sport in der Schule allgemein ausgeweitet zu haben.

Ich finde es hochinteressant, in welch schöner Regelmäßigkeit dieses Thema hochkocht. Die perfekte Gelegenheit, endlich auch meine Meinung dazu in die Welt zu posaunen!

Ich werde mich hierbei aber hauptsächlich auf den Schulsport an sich konzentrieren, weil ich darüber schon seit längerer Zeit intensiv nachgedacht habe. Meine Meinung zu der Petition kommt am Schluss!

Warum überhaupt Schulsport?

Bei diesem Thema taucht über kurz oder lang immer die Frage auf, was Sport in der Schule überhaupt zu suchen hat, denn immerhin ist das nichts, was einem in irgendeiner Form im späteren Berufsleben nützlich ist.

Abgesehen davon, dass dieses Argument auf so ziemlich alle Fächer zutreffen kann, je nach dem, welchen Berufsweg man einschlägt, sehe ich den Sinn der Schule nicht in einer rein utilitaristischen Ausrichtung, nur dazu da, die Schüler als Humankapital für den Arbeitsmarkt vorzubereiten. In meinen Augen sollte die Schule breitgefächertes Wissen vermitteln, mit dem man im Alltag bestehen kann (mit der Option, manche Teilgebiete vertieft zu behandeln) und den Schülern gleichzeitig die Möglichkeit geben, ihre individuellen Talente zu erkennen.

Darüber hinaus muss das Schulfach Sport gerade in den letzten Jahren immer mehr Auswüchse eindämmen, die in unserer bewegungsarmen Gesellschaft leider auf dem Vormarsch sind. Die Kleinkinder von heute schneiden im Bereich Koordinationsvermögen deutlich schlechter ab als die Eltern- und Großelterngeneration im selben Alter. Gründe hierfür sind beispielsweise die fortschreitende Technisierung (die schon für die Kleinsten viele Alternativen zum „Draußen spielen“ bietet), der Leistungsdruck (der von den Eltern auf ihre Kinder projiziert wird – wenn der Wonneproppen später auf dem harten Arbeitsmarkt bestehen will, muss er schon frühstmöglich mit allen denkbaren Kursen gefördert werden, was dann leider zu Lasten der freien Spielzeit geht) und eine überbehütete Erziehung (durch genau die Eltern, die in ihrer eigenen Kindheit noch ganz andere Erfahrungen machen durften).

Das führt dann leider dazu, dass Kinder heute nicht mehr auf Baumstämmen balancieren können, keinen Purzelbaum mehr hinkriegen und es nicht schaffen, ein paar Meter Rückwärts zu laufen.
Naja… gibt schlimmeres, ne? Dafür haben sie immerhin auch weniger blaue Flecken oder gar Knochenbrüche, die man sich zwangsläufig zuziehen kann, wenn man draußen rumrennt, statt daheim in alle Ruhe PC zu zocken oder Geige zu üben.
Leider hat diese Art der Überprotektion eine ganze Reihe massiv negativer Nachteile, die den meisten Eltern überhaupt nicht bewusst sind. Dazu habe ich vor einiger Zeit einen wirklich ausgezeichneten SPON-Artikel gelesen. Auszug:

Statt nach der Schule dann ein, zwei Stunden im Freien zu toben, wie es Kinder und Jugendliche bräuchten, ziehen sie sich lieber zurück, vor Fernseher, Computer, Spielkonsole. Der daraus resultierende Bewegungsmangel ist Risikofaktor für praktisch alles: Soziale Interaktion mit anderen Kindern und Lernvermögen leiden. Zu wenig Bewegung lässt das Selbstvertrauen sinken, psychische Probleme nehmen zu. „Unsportliche Jugendliche erkranken fünfmal öfter anDepressionen als sportlich aktive“, berichtet der Grazer Kinder- und Jugendmediziner Peter Schober, „und ihr Suchtrisiko ist höher.“ Sogar ein Zusammenhang mit ADHS ist wahrscheinlich. So verbesserte sich der Zustand von aufmerksamkeitsgestörten Kindern, die der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther mit viel Bewegung und Herausforderung therapiert hatte, auch ohne Tabletten dramatisch – zwei Monate mit viel Arbeit auf einer Almhütte und käsen lernen hatten gereicht.

Unter dem Natur- und Bewegungsdefizit leidet die Gesundheit unserer Jugend. Kopf- und Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Übergewicht und Essstörungen sind auf dem Vormarsch. Und Bewegungsmangel schafft Bewegungsprobleme: „Bei drei von vier verunfallten Kindern spielen motorische Defizite eine Rolle“, fasst Schober die Studienlage zusammen. Die Angst vor Beulen und die ständige Sorge um das Kindeswohl erschaffen letztlich also erst, was sie verhindern wollten: mehr Verletzungen, mehr seelisches Leid, mehr körperliche Probleme.

Link zum Artikel (Das Zitat befindet sich auf Seite 3, der Artikel ist aber in Gänze lesenswert!)

Schulsport ist für viele Kinder, kleine wie große, heutzutage oft die einzige Bewegung, die abgesehen von kleineren Fußstrecken oder (natürlich elterlich überwachten) Besuchen auf dem Spielplatz von ihnen gefordert wird. Wie so oft muss hier die Schule also einspringen, um Möglichkeiten zu bieten und Fertigkeiten zu vermitteln, welche die Kinder eigentlich ganz nebenbei im normalen Alltag lernen sollten.

Darum ist das Fach Sport nicht nur nicht unwichtig, sondern im Gegenteil sogar dringend nötig. Was uns dann aber zur nächsten Frage führt.

Warum kein Schulsport ohne Benotung?

Sehr viele sind der Ansicht, dass Sport durchaus weiterhin Schulfach bleiben sollte, aber die Benotung komplett abgeschafft gehört. Immerhin haben nicht alle Schüler das gleiche Talent für Sport. Schwache Schüler sollten also vor der negativen Erfahrung bewahrt werden, eine schlechte Note zu kassieren, selbst wenn sie sich sehr anstrengen! Wenn also eine Bewertung, dann höchstens die Mühe betreffend, die Schüler sich geben, unabhängig vom Endergebnis. Aber am besten doch gar keine Noten!

Soll das so sein? Dazu muss ich ein bisschen ausholen:

Ich studiere ja auf Lehramt, was bedeutet, dass ich neben meinen beiden Hauptfächern noch als drittes Fach Erziehungswissenschaften belegen musste, das ich bereits abgeschlossen habe. Überraschenderweise habe ich mich nicht nicht durch meine Seminare geschlafen, ohne das ein oder andere zu lernen.

Einer der wenigen Inhalte, die ich nicht für komplett nutzlos für die Lehrerausbildung erachte, war die sogenannte „Theorie der multiplen Intelligenzen“, die von dem Erziehungswissenschaftler und Psychologen Howard Gardner formuliert worden ist. Er geht davon aus, dass jeder Mensch nicht eine, sondern neun Intelligenzen in verschieden großer Ausprägung besitzt. Diese sind:

– Sprachlich-linguistische Intelligenz
– Logisch-mathematische Intelligenz
– Musikalisch-rhythmische Intelligenz
– Bildlich-räumliche Intelligenz
– Körperlich-kinästhetische Intelligenz
– Naturalistische Intelligenz
– Interpersonale Intelligenz
– Intrapersonelle Intelligenz
– existentielle-spirituelle Intelligenz

Wir kennen das ja aus Rollenspielen, egal ob Pen&Paper oder Computerspiel: Erstellt man am Anfang seinen Charakter, kriegt man eine Palette an Fähigkeiten, die für das Spiel notwendig sind, und eine gewisse Anzahl Punkte, die man auf diese Fähigkeiten verteilen kann. Die Punkte sind so bemessen, dass es unmöglich ist, einen perfekten Charakter zu erstellen, der in jeder einzelnen Disziplin brilliert. Man muss sich also entscheiden: Wenn der Charakter beispielsweise ein Meister der Magie sein soll, kann er nicht gleichzeitig ein herausragender Krieger sein. Ein Ass im Schwertkampf kann nicht außerdem den Bogen perfekt beherrschen. Und so weiter! (Natürlich kann die Punkte auch gleichmäßig auf alle Fähigkeiten verteilen, aber dann hat man halt einen profillosen, langweiligen Charakter. Also… für’s Spiel.)

Natürlich hat Gardners Theorie auch ihre Kritiker. Ich selbst bin sehr unglücklich über die Bezeichnung „Intelligenzen“, da ich Intelligenz unabhängig von individuellen Fähigkeiten für einen übergeordneten Wert halte und im vorliegenden Fall lieber von „Begabungen“ spreche. Aber ob man seiner Einteilung nun folgt oder nicht, gibt diese Theorie dennoch nicht nur Impulse bei der Entwicklung von Lehr-Lern-Einheiten (vulgo „Unterrichtsstunden“ 😀 ), sondern hat auch meinen Blick für die spezifischen Probleme jedes einzelnen Schülers geschärft.

Jahrelang war ich der gleichen Ansicht, die ich am Anfang dieses Punktes zusammen gefasst habe. Gerade in der Grundschule habe ich in Bezug auf den Sportunterricht nicht eine einzige positive Erinnerung. Ich war langsam und ein bisschen moppelig, traute mich nicht, ein Rad zu schlagen, was während einer denkwürdigen Schulstunde in einem Heulkrampf meinerseits endete, weil mich alle anderen deswegen auslachten, und war überhaupt sehr schlecht im Turnen.
Das änderte sich erst allmählich, bis ich mit der Zeit plötzlich sogar eine der Besten im Sport war. Die Inhalte waren anders (Mannschafts- oder Ballsportarten statt Leichtathletik und dieses dämliche Turnen) und in der Oberstufe durften wir sogar Sportarten auswählen, die zwei Jahre lang im Kurssystem unterrichtet wurden. Auch da war ich ganz vorne dabei und lieferte Glanznoten ab.

Dennoch: Die frühen Erfahrungen saßen tief. Wie ungerecht, dachte ich noch Jahre nach meinem Abschluss, dass hier Schüler schlecht bewertet werden, obwohl sie nichts dafür können, sportlich unbegabt zu sein.

Es dauerte viel zu lange, bis mir klar wurde, dass dies in jedem Fach der Fall ist.

Während ich in Sport versagte, war ich in der Grundschule die Beste in Mathe. Sowieso lerne ich viel leichter als andere. Ich erinnere mich an den Geschichtsunterricht in der 6. Klasse, in denen der Lehrer einen Schüler pro Stunde mündlich prüfte und ich völlig fassungslos zusah, wie einer nach dem anderen immer wieder in die selbe von ihm gestellte Falle tappte („Fanden die Olympischen Spiele in der Antike AUF dem Olymp oder AM FUSS des Olymps statt?“ – „Äh… auf dem Olymp?“ *headdesk*).
Mir war das unverständlich, ebenso wie ich nicht nachvollziehen kann, wie manche Leute einfache Texte lesen können, ohne zu kapieren, worum es dabei geht. Dafür bin ich eine absolute Niete in technischen Fragen. Ich habe in meiner Unikarriere bestimmt an die 20 Hausarbeiten geschrieben, aber ich muss jedes Mal neu googeln, wie man die Breite der Seitenränder ändert. Ich bin für sowas einfach unbegabt und darüber hinaus interessiert es mich auch einfach nicht. Ich weiß, dass man kucken soll, wo die Strombuchse ist, bevor man einen Nagel in die Wand schlägt, weil von dort aus die Leitungen zu den Steckdosen laufen, und viel mehr wird im normalen Leben Gott sei Dank auch nicht von mir verlangt. Solange ich nicht zu technikdoof bin, meine Playstation zu bedienen, bin ich glücklich!

Ein Schüler mit sportlich-kinästhetischer Begabung verdient genauso seine Erfolgserlebnisse wie ein Schüler, der gut in Deutsch ist oder dem in Mathe alles zufliegt. Sport ist das einzige Fach, dass Schüler mit einem solchen Begabungsschwerpunkt fördert. In jedem anderen Fach reicht es auch nicht aus, sich einfach nur besonders anzustrengen – dafür kriegt man keine gute Note, wenn die Hälfte der Antworten falsch ist. Maximal kann sich das positiv in der Mitarbeitsnote niederschlagen, aber dadurch wird aus einer 5 halt trotzdem keine 2. Und da JEDES Fach im Grunde ein Wettbewerb ist (Notenspiegel!), ist es schlicht nicht einzusehen, warum Sport hier die große Ausnahme sein soll.

Warum ist Schulsport so ein Drama?

Dies ist weder die erste Debatte, die ich zu diesem Thema mitkriege, noch wird es die letzte sein. Mein Eindruck ist, dass hier viele alte Verletzungen zutage treten, denn der Schulsport gehört für einige zu den schlimmsten Erfahrungen der Schulzeit.

Nun scheinen solche Debatten hauptsächlich in Akademikerkreisen stattzufinden – und da drängt sich mir dann ein Klischee auf, das möglicherweise einen wahren Kern hat: die Einteilung von Schülern in genau zwei Gruppen, nämlich Streber und Sportler, wie man sie so oft in amerikanischen Highschool-Filmen beobachten kann.

Nun ist das Leben kein Rollenspiel, das jedem Menschen am Tag der Geburt Fähigkeitspunkte zuteilt. Ich will damit selbstverständlich nicht sagen, dass jeder eine Niete in Sport ist, der einen Uniabschluss erreicht hat. Noch ist jeder Sportler in jedem anderen Bereich ein tumber Depp. Und natürlich gibt es auch genug Leute, die in beiden Bereichen gut sind (oder in beiden Bereichen schlecht). Aber zumindest eine Tendenz scheint sich mir hier abzuzeichnen – vielleicht auch aus Gründen der Erziehung oder Sozialisation, denn im deutschen Bildungssystem spielt Klassismus immer noch in eklatanter Weise eine Rolle.

Das macht die alten Verletzungen natürlich nicht besser. Trotzdem: Nur die wenigsten Menschen sind in allem gut. Jeder hat zumindest ein Gebiet, bei dem er völlig versagt. Aber wenn wir alle Fächer in der Schule streichen, die für einige Schüler aufgrund mangelnder Begabung einfach nur frustrierend sind und keinen Mehrwert bieten, können wir das System „Schule“ gleich ganz abschaffen.

Warum der Schulsport trotzdem eine Reform braucht

Eigentlich braucht ja unser ganzes dämliches Bildungssystem eine Reform, aber beschränken wir uns mal wirklich nur auf den Sport. Hier gibt durchaus es einige Baustellen, denn ich kritisiere nicht den Sportunterricht an sich, wohl aber die dabei verwendeten Methoden.

Möglicherweise werde ich hier von meiner eigenen Abneigung gelenkt, aber mir ist beispielsweise total schleierhaft, wofür Turnen gut sein soll. Natürlich, nur indem man die Kinder turnen lässt, findet man die zukünftigen Olympiastars dieser Disziplinen, aber, äh… sonst?
Diese Form der „Leibesertüchtigung“ geht auf die Kaiserzeit zurück, die sich doch nun wirklich niemand zurück wünscht. Und tragischerweise werden vor allem die Kleinsten mit diesem überhaupt nicht lustigen Müll traktiert. Wir jedenfalls haben in der Grundschule neben ein bisschen Leichtathletik NUR geturnt.
Warum nicht lieber etwas, das Spaß macht? Koordinationsvermögen lernt man genauso gut (oder eher sogar noch besser) beim Kicken, Gummitwist oder anderen Spielen. Bewegungslust im Sinne der Erlebnispädagogik sollte zumindest in der Grundschule überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, spielerisch vermittelt werden und sich nicht an starren Regeln aus grauer Vorzeit orientieren. Noten kann man trotzdem vergeben.
Und dazu doch mal direkt ein Filmtipp!

Historisch ist das nicht wirklich korrekt und besonders tiefsinnig auch nicht, aber trotzdem ist das ein ganz unterhaltsamer Film (komplett komfortablerweise komplett bei Youtube zu finden!) 🙂

Desweiteren ist absolut nicht einzusehen, warum man die Schüler selbst ihre Mannschaften wählen lässt. Dies ist IMMER ein reiner Beliebtheitswettbewerb und gehört für viele zu den demütigendsten Erinnerungen ihrer Schullaufbahn. Dabei macht dieses System schlicht keinen Sinn. Der einzige, der in der Lage ist, gut durchmischte, leistungsähnliche Mannschaften zu bilden, ist der anwesende Sportlehrer. Also sollte der auch verdammt noch mal seinen Job machen und die Mannschaften selbst zusammen stellen, allem Gemurre zum Trotz.

Auch scheint mir das alltägliche Mobbing im Sportunterricht unterdurchschnittlich oft sanktioniert zu werden. Als ich kein Rad schlagen konnte und deswegen gehänselt wurde, griff der Lehrer erst ein, als ich anfing zu heulen, aber die ganzen dummen Sprüche und das Gelächter meiner Mitschüler hat er stumm hingenommen.
Das ist absolut inakzeptabel. Jeder Schüler, der einen anderen auslacht, weil er beim Vorlesen herumstottert, wird im Deutschunterricht von der diensthabenden Lehrperson mit allergrößter Wahrscheinlichkeit zurecht gewiesen. Warum nicht dasselbe im Sport? Gerade der Mannschaftssport bietet viele Ansatzpunkte zur Vermittlung sozialer Kompetenzen. Diese Chance sollte genutzt und der Solidaritätsgedanke sowie die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls in den Vordergrund gestellt werden.

Und letztendlich – um nochmal den Bogen zum Aufhänger zu schlagen – ist Sport als Wettbewerb an Schulen und auch schulübergreifend bei Großereignissen wie den Bundesjugendspielen zu überrepräsentiert. Warum gibt es Schulsportfeste, aber keine Schreibwettbewerbe? Warum Fußballturniere zwischen Parallelklassen, aber kein Naturwissenschaftsquiz? Das erzeugt den Eindruck, dass sportliche Begabung wesentlich wichtiger sei als alles andere – was nun mal bei all den Chancen, die der Sportunterricht bietet, auch nicht stimmt.

Misserfolg und (De)Motivation

Schulsport muss beibehalten werden, Schulsport gehört benotet wie jedes andere Fach auch – aber was nun, wenn ein todunglückliches Kind von den Bundesjugendspielen heimschleicht, eine Teilnehmerurkunde in der Hand?

„Multiple Intelligenzen“ hin oder her: Es kann kaum das Ziel sein, dieses Kind damit zu trösten, dass es halt einfach nicht gut im Sport ist, dafür aber andere Sachen ganz toll kann. Wie man an mir sehen kann, stimmt das einfach nicht – ICH hatte auch immer nur Teilnehmerurkunden und war später trotzdem ein Ass im Sportunterricht.

Hier muss man das richtige Maß finden zwischen Trost und Ermunterung. Denn die (Fehl)Vorstellung des Kindes, sowieso nie gute Leistungen erbringen zu können, wird mit hundertprozentiger Sicherheit dazu führen, es gar nicht mehr zu versuchen. Mit einer Selbsterfüllenden Prophezeiung dieser Art fördert man das Kind nicht etwa, indem man es dazu bringt, sich auf seine schon sichtbaren Talente zu konzentrieren, sondern nimmt ihm die Chance, sich zu entwickeln und zu verbessern. Andererseits ist es natürlich genauso belastend für das Kind, wenn es seinen Misserfolg allein auf persönliches Versagen zurück führt statt auf (zu diesem Zeitpunkt noch) fehlendes Talent.

Das ist ein Problem, das allerdings in der Kindererziehung bei jedem erdenklichen Misserfolg des Kindes immer wieder auftritt. Um diesen Balanceakt zu meistern kann man wohl keine konkreten Handlungsanweisungen geben, da jedes Kind anders ist. Sicher ist nur, dass noch mehr Demütigung keinen motiviert und man ein Kind gar nicht oft genug in den Arm nehmen kann. Dann sieht auch eine Teilnehmerurkunde nicht mehr ganz so schlimm aus 🙂

Ein kleiner Disclaimer zum Schluss, damit nicht (schon wieder) unbeabsichtigt der Eindruck entsteht, ich wolle hiermit jemanden angreifen: Die Idee zu diesem Beitrag trug ich schon lange mit mir herum, aber auch, wenn ich dem Großteil der Argumentation von „Mama arbeitet“ in ihrer Petition nicht folge, finde ich es trotzdem zum Kotzen, dass sie für ihren Standpunkt offensichtlich teils massiv attackiert wird.
Ich meine, Hallo!?!? Wir haben hier eine Mutter, der das Herz blutet, weil ihr Sohn traurig ist, und die sich Gedanken um eine Lösung macht – wie völlig durch muss man sein, um darauf mit Beleidigungen zu reagieren?!
Mein Beitrag, vor allem aber der erste Punkt, der sich mit schädlichen Erziehungsfehlern befasst, ist allgemein gehalten. In keinster Weise ist dies als Angriff an sie gedacht, denn auch wenn sie auf mich wie eine liebende, besorgte Mutter wirkt, weiß ich trotzdem nicht, wie sie erzieht und daher maße ich mir da auch kein Urteil an.
Und auch wenn ich nicht ihrer Meinung bin hoffe ich natürlich trotzdem, dass ihr Kleiner die Enttäuschung gut wegsteckt 🙂

Edit: Schoppe, immerhin schon ganz richtiger Lehrer, hat den Artikel in seinem Blog kommentiert: Wozu braucht man in der Schule eigentlich einen Körper?

Abtreibung und Beratung. Teil 2: Ein Zwang, der eigentlich nur eine Pflicht ist und manchmal eine Chance sein kann

Teil 1

Die Beratungspflicht vor einer Abtreibung in Deutschland ist von feministischer Seite eigentlich kaum eine Diskussion wert, weil sich hier mal zur Abwechslung alle einig sind: Es handelt sich um eine bevormundende, sexistische Prozedur, eine reine Schikane gegen Frauen, die im besten Fall als Slutshaminng zu bewerten ist, im schlechtesten Fall aber beweist, dass wir offensichtlich immer noch für zu dumm und unselbstständig gehalten werden, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.
Völlig ausgeblendet werden dabei jedoch Situationen, in denen ein solches Beratungsgespräch für Frauen praktisch lebensrettend sein kann – und die gar nicht zustande kämen, gäbe es keinen „Zwang“ dazu!

Die Frau Rat aus Teil 1 gibt’s eigentlich gar nicht. Ich habe sie erfunden. Genau wie diese Gesprächsprotokolle. Aber es wird wohl hoffentlich niemand abstreiten, dass es da draußen viele MüllerMaierSchmidts gibt, die in ähnlichen Situationen stecken!

Selbstverständlich ist der Beratungspflicht erstmal ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Frau. Allerdings gibt es unzählige Beispiele in unserem Staat, die seltsamerweise trotzdem nicht als „Zwang“ dämonisiert werden. Schulzwang? Gurtzwang? Klingt albern, ne – weil jedem klar ist, dass diese „Zwänge“ als freiheitliche Eingriffe dennoch einen größeren Nutzen als Schaden haben und außerdem die Erfahrung gezeigt hat, dass man hier nicht grundsätzlich auf Freiwilligkeit bauen kann. Das ist demnach absolut nichts ungewöhnliches.

Pflicht gegen den Zwang

Was allerdings zur Frage führt, ob hier überhaupt ein Schaden entsteht? Vor allem der Schwarzer-Feminismus, der noch aktiv gegen ein real existierendes Abtreibungsverbot kämpfen musste, stellte eine Abtreibung als medizinisch zu vernachlässigenden Eingriff dar (gefährlich nur, wenn er von „Engelmacherinnen“ durchgeführt wird). Verschiedene Gruppierungen vor allem aus dem fundamentalistisch-religiösen Bereich dagegen sprechen hier gerne von unsäglichen Traumata, die der Frau bei einer Abtreibung in jedem Fall entstehen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Eine Abtreibung muss keine große Belastung darstellen, kann aber durchaus aufgrund gesellschaftlicher Umstände psychische Probleme verursachen. Zwangsabtreibungen haben da allerdings nochmal ein ganz anderes Niveau – und genau als solche bewerte ich Abbrüche aufgrund Drucks von außen.

Ein Beratungsgespräch als Pflichtveranstaltung bietet keine Sicherheit, aber wenigstens die Chance, solchen Frauen Hilfe zukommen zu lassen. Hilfe, die Betroffene nicht bekämen, gäbe es keinen Zwang – denn wer eine Frau oder ein Mädchen zu einer Abtreibung zwingt, hat sicher auch keine Skrupel, sie von einem freiwilligen Beratungstermin abzuhalten.

Erfordert es wirklich SO viel Phantasie, sich die drei obigen Szenarios vorzustellen? Ich hätte mir auch ein Dutzend ausdenken können. Man kann nicht einerseits immer behaupten, Frauen seien in unserer Gesellschaft vielfachen Sexismen ausgesetzt, dann aber andererseits felsenfest der Meinung sein, negative Einflüsse von Außen wären ausgerechnet nur bei diesem EINEN Thema nicht existent!

Antiklassistische Solidarität

Unwissenheit über finanzielle Ansprüche (wie in Fall 1) oder andere Vorgänge die Schwangerschaft betreffend (Fall 2) halte ich für einen weiteren Faktor, der in einem Beratungsgespräch eliminiert werden kann. Aber als ich mal zu diesem Thema was bei der Mädchenmannschaft postete, wurde mein Kommentar tatsächlich mit der Triggerwarnung „Klassismus“ versehen und weitere Kommentare nicht mehr freigeschaltet.

Das muss man sich mal reinziehen! Und das mir, die ich selbst von Klassismus betroffen bin!

Im Gegenteil ist es absolut klassistisch anzunehmen, alle Frauen hätten die gleichen Informations- und Handlungsmöglichkeiten und wären in keinem Fall Repressionen ausgesetzt, egal wie jung, ungebildet oder verunsichert sie sind. Die gleichgeschaltete MM-Rhetorik unterscheidet sich dahingehend nicht im Geringsten von der Argumentationslinie der Apologeten unseres sozial undurchlässigen Bildungssystems – nur gehen DIE davon aus, dass persönliches Versagen Aufstiege verhindert („hat sich halt nicht genug angestrengt“), während hier einfach unterstellt wird, jede Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung sei total informiert und ohne Repressionen geschehen. Tja, vor dem Hintergrund haben Frauen, die nach diesem erzwungenen Eingriff leiden, halt einfach die Arschkarte gezogen, weil sie ja angeblich gar nicht existieren. Das ist nicht nur klassistisch, sondern diskriminiert auch noch psychische Erkrankungen!

Ein weiterer schöner Vergleich drängt sich mir da in Bezug auf die Diskussionen um das US-Gesundheitsreform auf. „Warum soll ICH gezwungen werden, Geld in eine staatliche Krankenkasse einzuzahlen? ICH mache das ja sowieso schon privat. Etwa nur um den Pöbel zu unterstützen, der zu dumm ist, sich selbst um seine Vorsorge zu kümmern? Vielleicht haben es solche Leute ja VERDIENT, an Krankheiten zu verrecken, deren Behandlung sie nicht bezahlen können?”
Ja, und vielleicht SOLLEN Frauen, die nicht den Bildungsstand haben, sich selbst durch den bürokratischen Dschungel zu wühlen, ja gar keine Kinder in die Welt setzen? Antiklassismus, Mädchenmannschaftsstyle?

Klar nervt das, zu so einem Gespräch gehen zu müssen, obwohl man selbst den totalen Durchblick über sämtliche Eventualitäten hat. Aber kann man dieses Opfer nicht mal aus Solidarität auf sich nehmen?

Eine Abtreibung ist kein Kindergeburtstag

Ich bin für das Recht auf Abtreibung, das es in Deutschland immer noch nicht gibt. Aber Abtreibungen sind dennoch nichts schönes. Ein solches Statement mag vor fünfzig Jahren von einer Feministin unmöglich gewesen sein, aber heute sind wir doch ein bisschen weiter und sollten auch Dinge ansprechen dürfen, die nicht zur politischen Agenda der 60er Jahre gepasst haben.

Unabhängig von der psychischen Verfassung der Frau wird hier nun mal potentielles Leben zerstört. Das ist schlimm, aber anders als Pro-Life-Spinner werte ich die Persönlichkeitsrechte eines erwachsenen Menschen (der Schwangeren) höher als die eines Zellhaufens, der sich erst zum Mensch entwickelt.
Dass er dies allerdings ziemlich sicher tun wird, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist halt auch ein Fakt – und ich der Meinung, dass es keine unzumutbare Last ist, etwa eine halbe Stunde Zeit zu opfern, um die Entscheidung zur Abtreibung in einem Beratungsgespräch zu bestätigen, wenn damit mögliches Leben gerettet werden kann. Zumindest DAS hat der Fötus meiner Meinung nach verdient, egal, was später daraus wird.

Man kann nicht immer nur Rechte fordern, aber jedwede Pflicht, die sich daraus möglicherweise ergibt, konsequent ablehnen. Dazu zähle ich auch den Umstand, Abtreibungen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durchführen lassen zu dürfen und danach mit der Entscheidung leben zu müssen. Anders erhält man nämlich am Schluss keine emanzipierten Frauen, sondern verwöhnte Kackbratzen, die darauf insistieren, ihre gesunden Babys bis kurz vor der Geburt umbringen zu dürfen, weil den wankelmütigen Madames vielleicht halt mal ein halbes Jahr zu spät einfallen könnte, dass ein Kind ja jetzt irgendwie doch nicht so gut passt. Ist DAS etwa Eigenverantwortung und Selbstständigkeit?

Dass letztendlich eine Beratungspflicht nur Frauen trifft und sie deshalb sexistisch ist, kann dagegen halt auch kein starkes Gegenargument sein, wenn nun mal nur Frauen schwanger werden können.

Während ich weg war…

Es gibt eine Sache, die für mich schlimmer ist als alles andere: die Schnauze halten zu müssen. Aber genau das habe ich mir selbst auferlegt während meiner Wanderschaft. Zwar habe ich ab und zu in dieses Internet reingesehen – I couldn’t resist – aber mich nicht zu aktuellen Nachrichten etc. geäußert. Das wäre sonst zu ausgeartet und eigentlich hatte ich ja Urlaub.

Darum hole ich das jetzt nach. Zehn Meldungen, die mir ins Auge sprangen, und meine Meinung dazu in jeweils nicht mehr als drei Sätzen.

Robin Williams‘ Selbstmord:
Ich wusste selbst nicht, wie sehr ich diesen Mensch verehre, bis ich hörte, dass er tot ist. Das ist einfach nur megamäßig scheiße!
Ich frage mich, ob es etwas geändert hätte, wenn er gewusst hätte, wie sehr ihn die Menschen lieben… weiß aber gleichzeitig, dass eine Depression solche Gedanken nicht zulässt 😦

Anti-Rape-Nagellack:
Genial einfach, einfach genial. Ich selbst würde so etwas nicht tragen, weil ich mich in dieser Hinsicht nicht wirklich bedroht fühle und nicht so auf Übervorsichtig stehe (das hat doch so was unfreies, ne?), aber andererseits kann sowas ängstlicheren Frauen als mir ein Stück weit Sicherheit und damit auch Freiheit (zurück) geben.
Einwände sowohl von feministischer als auch maskulistischer Seite dagegen sind für mich nicht nachvollziehbar und mir deswegen egal.

IS terrorisiert die halbe Welt:
Man muss nur ein Batikshirt tragen, um für eine Pazifistin gehalten zu werden, dabei habe ich immer gesagt, dass ich nichts gegen einen gerechten Krieg habe, gleichzeitig aber präzisiert, dass der einzig gerechte Krieg, den ich mir vorstellen kann, der Krieg „Menschheit vs. aggressive Aliens wie aus ‚Independence Day'“ ist.
Ich glaube, ich habe mich geirrt. Klar kann man das alles nicht so monokausal sehen, sprich, diese Terrorgruppe ist ja nicht eines Tages als Ultimate Evil aus dem Boden gewachsen, aber ich bin momentan trotzdem der Meinung, dass die gesamte Weltgemeinschaft dort runter sollte, um, naja… diese Irren mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Neues iPhone auf dem Markt:
Wer auf dieser Welt fühlt sich wirklich geil, weil er ein überteuertes Telefon gekauft hat? Also, jetzt mal abgesehen von Zwölfjährigen?
Es existieren ganze Paralellgesellschaften mit solchen Deppen auf unserem Planeten und ich bin arg froh, dass ich mit solchen Leuten nichts zu tun haben muss.

AfD zieht in drei Landesparlamente ein:
Oh, the Humanity *headdesk*

The Fappening:
Liebe Wichser:
Das Problem ist nicht, dass ihr euch diese Bilder angesehen habt. Das Problem ist, dass ihr euch deswegen nicht mal ein ganz klein bisschen schämt.
(Und jetzt warte ich auf den ersten Idioten, der „Dämonisierung männlicher Sexualität!!1!“ heult…)

Ebola breitet sich weiter aus:
Hm. Natürlich ist jeder Todesfall durch diese Krankheit tragisch. Aber geht es nur mir so oder ist es nicht irgendwie unglaubwürdig, dass jeden Sommer aufs Neue irgendeine Seuche angeblich die Menschheit auslöschen will, während in Wahrheit irgendwie gar nichts passiert?

Nicki Minaj:
Das schien irgendwie im August ein Ding zu sein:

What the fuck. Ich meine, ernsthaft: what the fuck.

Schottische Unabhängigkeit:
Da stimmen diese verdammten Schotten doch tatsächlich mit „Nein“. Tze. Nicht, dass ich mich da auch nur im Entferntesten eingelesen hätte, aber ich vermute, ein Ja hätte ein krasses Chaos gegeben und manchmal finde ich ein krasses Chaos sehr lustig.

Guardians of the Galaxy geht an den Kinokassen voll ab:
Es passiert gar nicht mehr so oft, dass ein Film ins Kino kommt, den ich unbedingt auch dort sehen will – aber wenn das passiert, bin ich natürlich nicht da.
Tja, das konnte ich einen Tag nach meiner Rückkehr nachholen. Den neuen „Planet der Affen“ habe ich dagegen leider verpasst 😦

Endlich enthüllt: Warum Frauen einfach kein Abseits checken!

Frauen verstehen Abseits nicht.

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf dieser Welt, die DEN dummen Spruch nicht schon mal gehört hat.

Heute beginnt mit der Fußball-Weltmeisterschaft das größte Turnier des deutschen Sportfans – und weil Fußball immer noch als die letzte Bastion testosterongeschwängerter Männlichkeit in unseren modernen Zeiten gilt, dreht sich in solchen Zeiten nicht nur der Ball, sondern auch das Bullshit-O-Meter. Es reicht halt nicht, dass unsere nationalen Damen in den letzten Jahren ihren männlichen Konterparts gezeigt haben, wie man ein solches Turnier gewinnt (mehrfach) und gleichzeitig die Menge an weiblichen Fußballfans zugenommen hat (deutlich), um den werten Herren zu beweisen, dass Frauen das Spiel sowohl aktiv wie auch passiv beherrschen können.

Also ein Abseits-Spruch. Das geht natürlich immer, das ist ein Brüller. Und diese Scheiße muss natürlich schon so früh wie möglich eingepflanzt werden. So hat die MÄDCHEN ihre letzte Ausgabe dem Thema Fußball gewidmet.
Ach ja, die MÄDCHEN. Seit wann ist die Zeitschrift so weichgespült? Als ICH noch ein Mädchen war, gab es da Berichte über diverses Sexzeug der explizitesten Art zu lesen. Kann man scheiße finden (mich hat es damals sowohl verstört als auch irgendwie total fasziniert), aber wenigstens hat es an der Vorstellung gerüttelt, Mädchen interessieren sich ja eigentlich nur für Kuscheln und gar nicht für Sex. Inzwischen wirkt das Heft wie „Brigitte Light“.

Fußballrelevante Bullshit-Themen dieser Ausgabe: Wie man sich für’s Public Viewing schminkt (offensichtlich, indem man kopfüber in nen Eimer mit schwarz-rot-goldener Farbe springt). Ein Poster mit Spielplan und den „sechs heißesten Fußballern“ (Ronaldo – würg). Eine Foto-Love-Story über ne Fußballmannschaft (natürlich männlich!) und Tussis, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um an die Jungs ranzukommen (Titel: „11 Kicker für Sophie“. Hat das Internet mich ruiniert oder klingt das für euch auch wie ein billiger Porno?). „Die MÄDCHEN Traum-11“ bestehend aus 0815-Typen, deren Bilder man für’s Voting einschicken konnte und die neben ihrem kleinen Steckbrief (Florian, 18, hält es für ein No-Go, wenn ein Mädchen die Rechnung übernimmt) verträumt in die Kamera starren und irgendwie hat das auch was mit Fußball zu tun.

Und mittendrin: eine offensichtlich brandneue Kolumne, die in dieser Ausgabe ihr Debüt hinlegt: „Was denken Jungs über…?“

„Unser neues Expertenteam! Hier stellen sich die vier Jungs vor, die dir ab sofort ehrliche Antworten auf aktuelle und intime Fragen geben, die du dich vielleicht nicht zu stellen traust.“ – denn Mädchen, so wissen wir, sind ja grundsätzlich kleine verschüchterte Hascherl.

In dieser Ausgabe nun geht es um „Fußballmädchen“. Aaaaber damit sind natürlich keine Mädchen gemeint, die Fußball spielen! Neinneinnein! Es geht nur um Mädchen, die die Dreistigkeit besitzen, mit ihren männlichen Freunden die WM-Spiele kucken zu wollen. Geht das für Jungs klar?
Louis (sic), Lenny (SIC) Norik (SIC!) und Yunus (SIC!!!) beantworten also diese Frage. Nur Yunus, 14, findet Mädchen als Zuschauer okay. Lenny, 15, kuckt lieber ganz alleine. Louis, 13, kuckt nur mit Kumpels, weil Fußball für Mädchen ja nur Party ist und nicht Fußball. Und Norik, mit seinen 18 Jahren praktisch die graue Eminenz des „Expertenteams“, findet „auf keinen Fall!“, denn er hat keinen Bock, den dummen Mädchen zu erklären, was Abseits ist. (Darüber hinaus findet er Mädchen, die Fußball spielen, „irgendwie unsexy“. An sich selbst mag er übrigens seinen Charakter und dass er mit allen Leuten super auskommt. Aja.)

Und da wären wir wieder. Dieser saudumme Spruch. Das ultimative Geschlechterklischee. Frauen und Abseits. Gröh-hö-höl.

Meine Kindheit habe ich sonntags neben den Fußballplätzen diverser Amateur-Dorfmannschaften verbracht, denn mein Stiefvater hat Fußball gespielt, weshalb es für meine Mutter praktisch Pflicht war, sich das anzusehen und mich mitzuschleppen. Meine gesamte Familie ist total fußballgeil. Also, die männliche Hälfte halt. Als ich dagegen mit zehn Jahren einmal zum Jugendtraining ging, zerrte mich mein Stiefvater regelrecht vom Platz und verbot mir, in den Verein einzutreten.
Man könnte also sagen: Ich und der Fußball, wir haben eine Vergangenheit. Und daher habe ich nach jahrelanger Observation und unzähligen Gesprächsanalysen die Lösung entdeckt. Der Grund, weshalb viele Frauen tatsächlich kein Abseits checken.

Es liegt schlicht und ergreifend an den Männern.

Habt ihr mal einen Kerl gefragt, ob er euch Abseits erklären kann? Mit großer Geste wird dann sinnierend gen Himmel gestarrt und ihr hört ein Gemurmel wie „Als Konrad Koch den Fußball in Deutschland etablierte… Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel… der Sammer damals… FC Bayern, Stern des Südens… Tante Käthe… schießenbolzenpassenabgebenstürmerverteidigertormannschiri…“

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

AbseitsregelKompliziert

Und hier habt ihr das ganze Geheimnis. Die Abseitsregel ist nicht kompliziert – sie wird nur einfach völlig beschissen erklärt. Kein Wunder, dass das keiner checkt. Besser gesagt keinE. Denn es muss halt eher Frauen erklärt werden.
Warum? Na – weil die meisten Typen Jahre und Jahre Vorsprung vor der durchschnittlichen deutschen Maid haben. Die meisten Typen haben ihre halbe Kindheit lang als kleine Hosenscheißer auf dem Schoß ihres Papas gesessen und das Aktuelle Sportstudio verfolgt, ob sie wollten oder nicht. Möglicherweise führt dieser frühkindliche Overkill zu einer seltsamen Verknotung der Synapsen, die es unmöglich macht, einfachste Sachverhalte zu diesem Thema halbwegs verständlich zu erklären. Möglicherweise WOLLEN manche dieser Typen Abseits gar nicht simpel erklären, weil man sich so ganz doll schlau vorkommen kann, wenn dem Gegenüber Fragezeichen über dem Kopf aufploppen. Vor allem, wenn’s ne Frau ist, aber Fußball doch halt so ein Männersport und überhaupt, können die Tussis nicht einfach ein paar Schnittchen machen und Bier bringen, statt daneben zu sitzen und mitzugröhlen?!

Frauen verstehen Abseits nicht – nichts weiter als ein taktischer Bluff, um zu verschleiern, wer hier der wahre Schuldige ist, und um Mädchen ins Hirn zu prügeln, dass sie sowieso alle ein bisschen unterbelichtet sind. Dieses Ergebnis meiner jahrelangen Beobachtungen nenne ich die Abseits-Falle (ich weiß: tierisch clever).

Wenn euch also das nächste Mal ein Kerl darüber vollnölt, dass Frauen Abseits nicht kapieren, dann lächelt mitfühlend, schließt ihn warm in eure Arme und flüstert ihm sinnlich ins Ohr: „Etwas einfach erklären zu können kann man lernen. Ich glaube fest an dich.“

Alternativ: Bittet ihn, euch die Regel darzulegen, lehnt euch zurück und genießt es zu sehen, wie er sich abstrampelt und rumstottert. Besonders lustig ist es, wenn er noch ein paar Kumpels dabei hat, die ihm ständig ins Wort fallen, weil sie halt auch ne Meinung dazu haben.

Das ist ein Spaß, besser als jedes Länderspiel.

PS: „Abseits“ liegt vor, wenn ein Spieler den Ball Richtung gegnerisches Tor zu seinem Mitspieler schießt und sich im Moment des Abspielens zwischen diesem Mitspieler und dem gegnerischen Tormann kein anderer Spieler der gegnerischen Mannschaft befindet.
Und weil man Sachen immer besser checkt, wenn man den Sinn dahinter versteht: Gäbe es diese Regel nicht, könnte ein Spieler das gesamte Spiel über praktisch genau vor der Nase des gegnerischen Tormanns stehen bleiben und auf einen guten Pass warten, den er reindonnern kann, was dann ja wohl ziemlich lame wäre.

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

Abseitsregel

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf der Welt, die DAS nicht checken kann, wenn sie will.

Und ja, ich weiß, dass es da noch ungefähr eine Million Sonderregeln gibt. Das ist mir aber scheißegal. Ist ja nicht so, als wäre ich Fußballfan.

PPS:
Ich: „Kannst du mir mal Abseits erklären?“
Mitbewohner David: „Oh Gott, wo soll ich da anfangen…!“

Männer als Opfer, Frauen als Täter und warum das eigentlich gar nichts mit Game of Thrones zu tun hat

Obligatorische Spoilerwarnung für die 4. Staffel von Game of Thrones, allerdings beschränkt auf das Thema Cersei.

Hach ja. Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Beitrag, in dem ich meinen Standpunkt klar gemacht habe, auch wenn einige das nicht verstanden haben, könnte ich das Thema abhaken, aber die Vergewaltigung Cerseis in der 5. Folge der 4. Staffel erregt weiterhin die Gemüter. Am Montag hat Lukas Schoppe den (sarkastisch betitelten) Beitrag „Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)“ nachgeliefert und sich leider entschlossen, ein Zitat von mir als Einstieg zu wählen, das da lautete „Theon wurde nicht vergewaltigt“. Dies, sowie die folgenden paar Absätze, erweckten auf mich den Eindruck, als würde hier meiner Person unterschwellig (allerdings, wie ich hoffe, unabsichtlich) unterstellt, sexuelle Gewalt gegen Männer zu leugnen, was mich aus naheliegenden Gründen mal wieder, tja… „maximal anpisst“.

Der Text ist jedoch davon abgesehen interessant, behandelt er doch teils ein Thema, das mir nach der Diskussion um Cerseis Vergewaltigung schon öfter vor die Füße gestolpert ist: Warum wird die dargestellte Gewalt in Game of Thrones gegen Männer, hier vor allem Theon Greyjoy, so gar nicht angeprangert, die gegen Cersei dagegen schon?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit meinem vorherigen Artikel schon die Lösung geliefert, aber offensichtlich bedarf es doch eines gesonderten Artikels, denn Schoppe macht meiner Meinung nach ein paar gewaltige Fehler. Der Text wird in vier Teile gegliedert sein:

Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?
Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?
Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft
Was ist Verharmlosung?

 

Beginnen wir also am Anfang:

1. Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?

Kurze Antwort: Ja. Sexuelle Gewalt allgemein wird ohnehin auch heute noch gerne verharmlost, aber bei betroffenen Männern hat das nochmal eine ganz andere Dimension. Penetriert werden gilt biologisch als weibliches „Ding“ (eine Vorstellung, die auch oft Grundlage für Homophobie gegen schwule Männer ist), während eine Vergewaltigung durch eine Frau an den Vorstellungen von Männlichkeit kratzt, dass
a) Männer in jedem Fall stärker sind als Frauen,
b) Männer ohnehin dauergeil sind und
c) wenn sie mal doch nicht geil sind, keine Erektion bekommen können, womit eine Vergewaltigung durch eine Frau physiologisch unmöglich ist.

Das alles habe ich bereits im antifeministischen Kontext gehört – von Männern. Es ist natürlich Schwachsinn. Der Punkt „Dauergeilheit“ muss ich hoffentlich nicht extra auseinander nehmen, weil er einfach zu blöd ist. Davon abgesehen gibt es genug Männer (und natürlich Jungs!), die körperlich schwächer sind als manche Frauen; außerdem könnten sie bei einem Übergriff in der Minderheit sein, durch Waffengewalt gezwungen werden, durch Substanzen gefügig gemacht, durch einen Trick gefesselt etc. pp. Mir fielen da tausend mögliche Szenarien ein, in denen sexuelle Gewalt von einer Frau an einem Mann ausgeübt werden kann und frage mich bei Leuten, die das (oft in abfälliger Weise) für absurd halten, wie es sein kann, dass ein Mensch ohne jegliche Phantasie überhaupt überleben kann. Und eine Erektion? Kann durch Drogen verursacht werden oder auch völlig ohne Spaß an der Sache passieren.

Was die Verharmlosung angeht, könnte man da vermutlich ganze Bücher mit füllen. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele. Das erste betrifft Vergewaltigungen männlicher Personen durch andere Männer. 2012 wurde eine Studie durchgeführt, die enthüllte, dass in Jugendgefängnissen (die zu einem Großteil von Jungs belegt sind) die Gefahr, innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, bei 7% liegt (siehe Bericht im Tagesspiegel und dem Kommentar des Lawblogs). Bernd Busemann erklärte daraufhin, er könne diese Zahlen „gut akzeptieren“, denn „ein Knast ist keine Mädchenpension“.

Nun ist dieses dumme Arschloch nicht irgendein Internettroll, sondern war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister (!!!) von Niedersachsen und ist heute Präsident des niedersächischen Landtages. Diese menschenverachtenden, auf den Rechtsstaat scheißenden Äußerungen hätten meiner Ansicht nach dazu führen müssen, dass unser sauberer Herr CDU-Politiker mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wird – tatsächlich hatte es NULL Auswirkungen auf seine Karriere. Natürlich: Es geht ja nur um ein paar Kriminelle, wen interessiert das schon?
Wäre es hierbei rein um weibliche Gefangene gegangen, wäre der Widerstand gegen diesen Herren nicht nur unter Feministinnen gewaltig gewesen. Aber so sind es ja nur Kerle. Das wird „akzeptiert“. Selbst, wenn die zum Teil noch minderjährig sind. Das ist doch völlig ohne Worte.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Bereich Film. In „40 Tage und 40 Nächte“ spielt Josh Hartnett einen Typen, der offensichtlich jedem Rock hinterher steigt und mit seinem Leben gerade nicht klar kommt. Das führt zu einer Wette: 40 Tage und 40 Nächte muss er sowohl auf Sex, als auch auf Masturbation zu verzichten. Es geht schnell um eine ganze Stange Geld, deshalb will er diese Wette unbedingt gewinnen. Jedenfalls kettet sein bester Freund ihn gegen Ende ans Bett, um den völlig Verzweifelten nach so vielen Wochen ohne Sex davon abzuhalten, zu onanieren.

In dieser wehrlosen Situation wird er nun von seiner Ex vergewaltigt.

Der Film kam 2002 ins Kino und schwamm auf der Welle der Teenager-Komödien mit, die zu dieser Zeit heiß im Trend waren. Eine KOMÖDIE. In der eine Frau gegen den Willen des Mannes diesen zum Sex zwingt. Er schläft zwar dabei die meiste Zeit – aber ein schlafender Mensch kann keine Zustimmung geben, zumal er ihr vorher deutlich gemacht hat, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Hier könnte §179 StGB greifen – „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“. Seine Fesselung erfüllt meiner Meinung nach laut §177 Abs. 1 Nr. 3 StGB das Kriterium der „schutzlosen Lage“.
Das ist nicht witzig. Das ist nicht „harmlos“. Im Gegenteil – es wird besonders unappetitlich, wenn er sich am Schluss dann auch noch bei seiner neuen Flamme ENTSCHULDIGT, weil die natürlich just danach ins Zimmer platzt und an verräterischen Flecken erkennen kann, dass er gerade Sex gehabt hatte. Also… „Sex gehabt“. Natürlich müsste hier „ist vergewaltigt worden“ stehen. Und dafür muss er sich entschuldigen? Bitch, please!!

Ich könnte gerade aus dem Bereich Popkultur noch viele weitere Beispiele bringen, aber ich denke, der Punkt ist klar: Was bei weiblichen Opfern (völlig zurecht) weder in der Realität, noch im fiktiven Kontext hingenommen würde, ist bei männlichen Opfern „akzeptiert“ oder gar „lustig“. Wenn das keine Verharmlosung ist, dann weiß ich auch nicht.

 

2. Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?

Die Szene, an der Schoppe Anstoß nimmt, findet in der 3. Staffel statt. Während der gesamten Staffel wird Theon aufs Übelste gefoltert und weiß zu Anfang noch nicht mal von wem. Neben massiver körperlicher Misshandlung ist Ramsay Snow, sein Folterknecht, auch noch ein Meister der psychologischen Folter: So bringt er, ein angeblicher Retter geschickt von Theons Schwester, Theon dazu, ihm zu vertrauen und hilft ihm vermeintlich bei der Flucht. Als kompletter Psychopath (neben Joffrey und Gregor Clegane ist er der einzige wirklich von Grund auf böse Charakter der Reihe) schreckt er sogar nicht davor zurück, Männer zu töten, die Theon wohl auf seine Befehle hin verfolgt haben, um Theon vor ihnen zu „retten“ und so sein Vertrauen in ihn noch weiter zu zementieren. Kurz darauf muss Theon aber feststellen, dass sein Gönner ein sadistisches Spiel getrieben und ihn nicht zu seiner Schwester, sondern zurück in seine Folterkammer geführt hat, wo sich sein Martyrium nun fortsetzt. Ramsay benutzt dazu nun auch genüsslich schmerzvolle persönliche Informationen, die Theon ihm gegenüber im Glauben enthüllt hat, einen Freund vor sich zu haben, womit er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele massiv traktiert. Jap… der Kerl ist definitiv ein kranker Bastard im doppelten Wortsinn!

In der 7. Folge der 3. Staffel nun (betitelt „The Bear and the Maiden Fair“, ein beliebtes Lied in Westeros – in dem es übrigens kaum verhüllt um Vergewaltigung geht) findet nun die beanstandete Szene statt. Theon wird dabei von zwei jungen Frauen losgebunden, die ihm erst Wasser geben und sich um seine Wunden kümmern, bis sie anfangen, ihn unverhohlen anzumachen. Theon kapiert verständlicherweise überhaupt nicht, was abgeht, und reagiert auf einen Griff in seine Hose erst panisch, verstört und ablehnend, glaubt er doch, die Mädchen wären von Ramsay geschickt worden. Bald gibt er seinen Widerstand jedoch auf und verschlingt die nackten Damen mit Blicken, während sich eine rittlings auf ihn setzt und sich an ihn reibt. Es wird geknutscht und gestreichelt, bis Ramsay Snow die Vorstellung mit einem Trompetenstoß beendet, Theon verspottet und ihn als finalen Akt der ultimativen Folter schließlich kastriert.
Die ganze Szene wirkt nicht nur auf Theon, sondern auch auf den Zuschauer surreal. Von der bequemen Couch zuhause aus scheint es seltsam, dass Theon nicht versucht zu fliehen, wo er doch schon mal losgekettet worden ist, aber der ist nach all den Wochen der Folter und der Demütigung schwach, dehydriert und hochgradig verängstigt. Vielleicht glaubt er ja, zu halluzinieren. Aber egal. Die Frage war ja: Ist das eine Vergewaltigung?

Als ich Schoppe schrieb, dass Theon nicht vergewaltigt wird, habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Ich glaubte, er hätte einfach was verwechselt, deshalb war der Satz „Theon wird nicht vergewaltigt“ aus meiner Sicht eine bloße Anmerkung, eine kleine Fehlerkorrektur. Seine Antwort darauf kam spät, deshalb habe ich sie auch erst vorgestern gesehen. Er schließt mit:

Ich verstehe eigentlich nicht, warum das keine Vergewaltigung sein sollte.

In seinem Artikel wirkt das wiederum etwas anders:

Ich verstehe, warum diese Szene nicht als Vergewaltigung wahrgenommen wird, schließlich schläft Violet nicht tatsächlich mit Theon, sondern simuliert einen Beischlaf. Angesichts dieser Szene ist gleichwohl schwer zu verstehen, wie die Vergewaltigung Cerseis durch Jaime ein so großer, bis in die größten amerikanischen Medien hinein beschriener Skandal werden, die Vergewaltigung Theons während seiner Folter aber völlig übersehen werden konnte.

Er sieht also, dass es keine Vergewaltigung ist, nennt es aber trotzdem Vergewaltigung. Well. *kopfkratz*

Eine Vergewaltigung ist nach §177, Absatz 2 StGB eine besonders schwere Form der sexuellen Nötigung, die vorliegt, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Ich sehe das hier nicht gegeben, da nun mal kein „Beischlaf“ stattfindet, sondern Theon seinen Penis die ganze Zeit in der Hose behält. Ob es sexuelle Nötigung ist, ist eine andere Frage (dazu weiter unten), aber es ist keine Vergewaltigung. Bei all der Empörung, die Schoppe bei dieser Szene empfindet, habe ich dennoch nicht die geringste Ahnung, wem mit dieser Begriffsaufweichung gedient sein soll.

 

Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein bisschen mit antifeministischer Propaganda aufzuräumen.
Mir wurde unter Schoppes Artikel noch an den Kopf geknallt, ein Mann könne rein juristisch gesehen von einer Frau sowieso nicht vergewaltigt werden, außer er wird penetriert. Das war jetzt auch nicht das erste Mal, dass mir das vorgeworfen wird (als könnte ICH da was für) und deswegen kotzt mich das tierisch an. Es ist nämlich schlicht Bullshit!

Allerdings hat diese Behauptung, nun… einen historischen Kern. Wenn von der Reform des §177 StGB geredet wird, dann ist meistens die Änderung im Jahr 1997 gemeint, mit der das Wort „außerehelich“ aus dem Paragraphen gestrichen worden ist und somit die Vergewaltigung in der Ehe nicht länger straffrei war.

In Wahrheit war die Reform viel tiefgreifender. Vom Jahre 1871 an, als das Reichsgesetzbuch in Kraft trat, bis 1997, also über 125 Jahre lang, war im §177 immer nur von Frauen als Opfer die Rede. Die letzte Fassung vor der Reform, die von 1973 an Gültigkeit hatte, lautete:

§ 177. Vergewaltigung. (1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Quelle

Damit war es juristisch nicht nur nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt, sondern Männer allgemein waren als Opfer komplett ausgeschlossen.

Mit der Reform 1997 nun ersetzte das geschlechtsneutrale „Person“ das vorherige „Frau“, wenn es um das Opfer ging, während im Rest des Gesetzestextes wie üblich das generische Maskulinum beibehalten wurde. Im Zuge der 6. Strafrechtsreform ein Jahr später wurde dann noch an den Formulierungen rumgefeilt und insbesondere folgende von mir hervorgehobene Passage ergänzt:

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.
[2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

„Beischlaf“ wird übrigens juristisch als „Penis in Scheide“ definiert, während „ähnliche Handlungen“ irgendeine Form der Penetration umfassen. Für mich ist die Formulierung damit klar, aber ich bin ja halt nur ein junges Mädchen und verstehe wenig von solchen Dingen nun mal keine Juristin.

Also kucken wir doch mal, was die Juristen dazu sagen:

Betreff Täter:

Täterschaft und Teilnahme. Für die Abgrenzung der Beteiligungsformen gelten die allgemeinen Regeln. Jeder kann Täter sein, auch eine Frau.

Betreff Opfer:

1. Der Grundtatbestand der sexuellen Nötigung (§177 Abs. 1). §177 Abs. 1 schützt Opfer egal welchen Geschlechts vor erzwungenen Sexualkontakten mit dem Täter oder mit Dritten.

Betreff Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau:

Als Vergewaltigung werden neben dem Beischlaf sexuelle Handlungen definiert, die das Opfer besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind. Diese Handlungen müssen vom Täter am Opfer oder vom Opfer am Täter vorgenommen werden. Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, ob das Eindringen in den Körper des Opfers oder des Täters erfolgt.

Quelle: Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch, Bd. 2,2. §§ 80 – 184f StGB, Beck 2005 (1. Auflage), Zitate S. 1152, 1171 u. 1165.
Geschrieben wurde der betreffende Artikel von >>>diesem Typen <<< hier.

„Da staunen Sie, was? Ich hab das nachgeschlagen.
– Lionel Hutz, The Simpsons

Voilá. Ich hoffe, die Quelle ist genehm *augenklimper*

Ich kann verstehen, wenn Männer sich gerade in Hinblick auf Sexualdelikte benachteiligt fühlen, eben WEIL es diese oben angesprochene Verharmlosung gibt, aber heute noch davon zu labern, dass Männer laut Definition nicht von einer Frau vergewaltigt werden können, ist ungefähr so sinnig wie die Behauptung, Vergewaltigung in der Ehe sei immer noch straffrei. Es ist seit über 15 Jahren anders, also wiederhole ich mein Kommentar zu diesem Bullshit: Kommt von eurem Trip runter. Extrem scheiße, dass es so lange gedauert hat, aber jetzt ist es Gott sei Dank vorbei, also hört auf, das Gegenteil zu behaupten und glaubt verdammt noch mal nicht jedes Horrormärchen über unseren ach so femifaschistischen Staat, das euch in den Kram passt.

Mit geschlechtergerechter Sprache im StGB wäre das übrigens vermutlich nicht passiert.

 

3. Was ist Verharmlosung?

Zurück zu Game of Thrones. Reden wir doch mal kurz über ein anderes Vergewaltigungsopfer: Daenerys.

In der Serie wird sie in der Nacht ihrer Hochzeit, bei der sie kein Mitspracherecht hatte, vergewaltigt. Dieser Missbrauch setzt sich fort, bis sie es schafft, ihren Ehemann/Vergewaltiger so zu umgarnen, dass er mehr in ihr sieht als sein Sexspielzeug und potentielle Gebärmaschine.

Auch in diesem Fall gab es schon Kritik. Kritisiert wurde jedoch nicht die Vergewaltigung an sich, sondern der Voyeurismus, der damit angeblich bedient wird. Ich sah das nie so. Vor allem die Szene ihrer Hochzeitsnacht fand ich ganz, ganz stark. Daenerys ist offensichtlich verängstigt, versucht aber, gefasst zu sein und mit Khal Drogo zu kommunizieren, der allerdings ihre Sprache nicht spricht. Schon bevor er ihr Oberteil abnimmt, bröckelt ihre Fassung dahin und sie beginnt zu weinen. Sie bedeckt ihre nackten Brüste, doch Khal Drogo packt ihre Handgelenke und zieht sie weg. Gerade das fand ich sehr eindrücklich: Sie wehrt sich, aber nur ganz kurz – in ihrem Gesicht und dieser Geste kann man lesen, dass sie weiß, dass sie sowieso keine Chance hat. Sie weiß, sie kann entweder kämpfen und wird, möglicherweise grün und blau geschlagen, am Ende trotzdem vergewaltigt, oder sie kann einfach still halten und es über sich ergehen lassen. Sie entscheidet sich für letzteres, womit die ganze Ausweglosigkeit ihrer Situation klar wird. Ihre gesamte Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht und deshalb ist die Szene aus filmischer Sicht unglaublich gut.

Zu sehen hier ab ca. ab Minute 5:40

Ähnlich die zweite Szene zwischen ihr und Khal Drogo. Er vergeht sich an ihr, was ihr offensichtlich weh tut, und auch dabei ist nichts als Verzweiflung zu sehen. Berührend und ganz, ganz stark.

Der Vorwurf „Voyeurismus“ bezog sich wohl darauf, dass Daenerys in beiden Fällen oberkörperfrei war. Aber ist das schon Verharmlosung?

Eines Sonntags kroch ich nach einer höllischen Samstagabendschicht erst nach Mittag aus meinem Zimmer und fand im Wohnzimmer meinen Mitbewohner vor, der einen seiner Kumpels gerade mit Game of Thrones angefixt hatte. Sie hatten die Serie angefangen und legten gerade die 3. Folge ein, als ich reinkam.
Ich war kaum da und hatte sie begrüßt, als mein Mitbewohner meinte: „Der X hat ne Theorie zur Serie.“ Dabei sah er mich seltsam erwartungsvoll an. Ich war ob dieses Blickes verunsichert: Was kommt denn jetzt?
Ich fragte also X nach seiner Theorie. Dieser grinste breit und meinte ausgelassen: „Ich glaube, die Blonde da wird in jeder einzelnen Folge gefickt!“
Woraufhin ich ihm direkt in die Augen sah und ruhig meinte: „Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird?“

Ich hätte kein besseres Resultat erzielen können, wenn ich ihm eine geknallt hätte. Meine gelassenen Worte trafen ihn voll in die Fresse, die ihm einfach wegflog. „Was?! Nein!! Ich meine, also… so meine ich das doch nicht!!“
Er stammelte noch ein bisschen mehr, aber ich winkte ab. Mein Werk war getan (ganz ohne auszurasten), mehr musste ich schon gar nicht mehr sagen. Aber er konnte gar nicht aufhören, mich anzustarren.
‚Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird‘,“ wiederholte er noch einmal fassungslos.

Dieser Typ ist kein schlechter Mensch. Er denkt nur manchmal nicht nach, wie die meisten Menschen. Und klar, schöne Brüste – wer sieht die nicht gerne?
William Moulton Marston, der Schöpfer von Wonder Woman, sagte mal über sein Produkt, dass es unmöglich sei, eine weibliche Figur zu erschaffen, ohne bei irgendjemanden sexuelle Implikationen auszulösen. Ich denke, das stimmt. Daher glaube ich, dass eine Vergewaltigungsszene im filmischen Kontext nicht realisierbar ist, ohne dass sich irgendjemand davon angemacht fühlt, egal, wie sensibel, eindrücklich oder brachial man mit dem Thema umgeht. Das heißt nicht, dass solche Szenen nicht wirklich absichtlich oder unabsichtlich voyeuristisch sein können – nur sehe ich das bei Daenerys nicht gegeben. Nackte Brüste sind nichts, womit man Leute heutzutage noch schocken kann, zumal sie hier anders als die vielen anderen nackten Titten in der Serie ja auch noch Sinn machen. Deshalb sind ihre Szenen mit Khal Drogo weder voyeuristisch, noch verharmlosend.

Natürlich sind einige der Meinung, die Tatsache, dass sie im weiteren Verlauf ihren früheren Vergewaltiger zu lieben beginnt, wäre Verharmlosung. Ich nenne es lieber Stockholm-Syndrom.

Cerseis Vergewaltigung war nun eigentlich nicht im Geringsten explizit, man sieht kein einziges Fitzelchen Haut. Warum hat mich das also so aufgeregt, während ich Daenerys‘ Situation einfach so hingenommen habe?

Vielleicht lasse ich einfach ein paar Kommentare sprechen:

„Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht. Jaime merkt das Cercei eine echt übles Miststück ist ( verlangt den Bruder zu töten ) und macht den Ragefuck ( Vergewaltigt sie ).“

„Eine Vergewaltigung aus Sicht der Beteiligten gäbe es aber allenfalls (wenn überhaupt, sie sind ja ein Liebespaar), wenn Cercei über den kompletten Akt hinweg unwillig gewesen wäre.“

„Da der komplette Akt, das unmittelbare Danach aber nicht gezeigt wurde, ist die beanspruchte Deutungshoheit “es war DEFINITIV eine Vergewaltigung!!1″ aber sowieso Mumpitz.“

Gerade die letzte Passage ist so unglaublich blöd. Ja, als Buchleser könnte man sich vielleicht vorstellen, dass es nach Abblende vielleicht noch einvernehmlich geworden ist, weil man weiß, dass es ja eigentlich einvernehmlich hätte sein sollen, aber was nützt das bitte den Zuschauern?!
Außerdem dringt er während der Szene und während sie unwillig ist in sie ein, womit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist.

Besonders interessant finde ich die Vorstellung, jemand, der schon mal freiwillig mit jemanden geschlafen hätte, könnte ja von dieser Person nicht vergewaltigt werden. Dazu sage ich nein und der Gesetzgeber sagt auch nein und das ist gut so. Unglaublich, so etwas heute noch lesen zu müssen.

Cerseis Vergewaltigung verharmlost Vergewaltigung. Die Szene wird als einvernehmlich gelabelt, obwohl sie es nicht ist, sie zerstört einen Charakter, der sich inzwischen vom Schurken eher zum Helden entwickelt hat und sie offenbart leider die ganze Palette an saublöden Relativierungen, die mit Vergewaltigung einher gehen.

Nun kommt eine Relativierung von mir. Wir haben ja schon festgestellt, dass Theon nicht vergewaltigt wird, weil keine Penetration stattfindet. Aber für mich wäre es auch keine Vergewaltigung gewesen, hätte eine stattgefunden. Er gibt seinen Widerstand nämlich auf und macht mit. So ähnlich hätte ich mir die Szene zwischen Cersei und Jaime gewünscht. Hätte Cersei sich so verhalten wie Theon, wäre der Sex zwischen ihr und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen.
Das kann man scheiße finden und mich für diese Einstellung verurteilen. Immerhin sind BEIDE am Anfang unwillig. Aber wie ich schon in dem anderen Artikel schrieb: Filmischer Kontext! Und auch juristisch wäre in beiden Fällen keine Vergewaltigung passiert. Das hat nichts damit zu tun, dass Theon ein Mann und die potentiellen Täterinnen Frauen sind. Und deshalb verharmlost die Szene sexuelle Gewalt gegen Männer nicht.

Aber natürlich gibt es noch jede Menge andere Gewalt gegen Männer, die nun, da Cerseis Vergewaltigung so in die Kritik geriet, auch kritisiert wird. Es kann ja nur so sein, dass die Sache mit Cersei schlimm ist, weil sie eine Frau ist, und die ganzen anderen Sachen nicht, weil sie Männern passieren.

Das ist falsch. Ich kritisierte nicht die Vergewaltigung per se. Ich kritisierte das gesamte Drumherum. Und weil das Drumherum bei anderen Gewalttaten „stimmt“, kritisiere ich sie nicht.

„Eine ganze Armee unfreiwillig kastrierter Sklaven, die mittels Folter zu Tötungsmaschinen gemacht werden – warum regt sich DARÜBER keiner auf?!“ – Weil es hier nichts zum Aufregen gibt! Die Art der Ausbildung, unter der die Unbefleckten zu leiden hatten, wird eindeutig als böse angesehen. Die Meister von Astapor SIND BÖSE. Und dafür werden sie bestraft. Astapors Meister werden abgeschlachtet und alle Sklaven frei gelassen. Dasselbe in Yunkai und Meereen. Sklaverei ist etwas schlechtes und das wird eindeutig kommuniziert. Was die Unbefleckten durchmachen mussten, dient dazu, die Schlechtigkeit der gesamten Gesellschaftsordnung der Städte der Sklavenbucht zu demonstrieren!

„Ein Junge wird verkrüppelt im Versuch, ihn zu ermorden und zwei andere verbrannt!“ – Ja! Und das ist schlecht! Es ist böse und es ist falsch! Es wird wohl keinen Zuschauer auf der ganzen Welt geben, der das anders sieht!

„Niemand kritisiert Theons Folter und dann wird er auch noch kastriert – das ist so grausam!“ – Ja! Weil es das sein soll! Die Gewalt dient einem Zweck! Was im Buch „off-screen“ passierte, war so innerhalb der Serie nicht zu realisieren – man kann nicht einfach einen Hauptdarsteller für eine ganze Staffel verschwinden und dann als völlig neuen, gebrochenen Menschen ein Jahr später wieder auftauchen lassen. Man muss es zeigen, sonst kapiert das doch niemand! Und es ist gut gemacht! Es ist grausam, weil es grausam sein soll! Aber das bedeutet doch nicht, dass es irgendjemand gut findet!
Theon hat Unschuldige getötet, auf die Menschen gespuckt, die ihm vertraut haben und ist Schuld daran, dass Winterfell zerstört worden ist. Aber deswegen hat er keine Folter verdient, keine Kastration, keine solche Demütigung! Diese Szenen werden nicht etwa genossen, weil er kein toller Typ ist, im Gegenteil, sie erzeugen Mitleid mit Theon und demonstrieren, was für ein komplett verrückter Irrer Ramsay Snow ist!

Natürlich kann man das trotzdem alles kritisieren. Im Zuge dieser Debatte habe ich jetzt schon häufiger von Männern gelesen, welche die dargestellte Gewalt ekelhaft finden und sie sich kaum ansehen können. Ich empfand das nicht so. Dafür könnt ihr mich gerne häuten, aber so ist es nun mal. Ich entstamme der Generation, die Resident Evil, Counterstrike und Postal 2 zockte, sich mit Saw und Hostel einen schönen Filmabend machte und die Pervertierung des HipHop und den Aufstieg des Nu Metal mitsamt seiner gewalttätigen Lyrics miterlebte. Wir sind die Generation, die laut Vorstellung erzkonservativer alter Säcke eigentlich komplett aus Amokläufern bestehen müsste und sind trotzdem zum überwiegenden Teil friedliche Menschen, die niemals irgendetwas von dem, was wir gesehen oder gehört haben, nachmachen könnten oder wollten.
Es gibt Gewaltdarstellungen, die ich ebenfalls ekelhaft finde und mir nicht ansehen kann. Und ja, einiges in Game of Thrones fand ich übertrieben. Aber nichts davon hat mich in irgendeiner Weise schockiert. Ich musste nie die Augen abwenden und meinen Appetit hat es mir auch nicht verdorben. Jetzt könnt ihr mir gerne Verrohrung, Degeneration oder sonstwas vorwerfen, aber dann vergesst bitte nicht die viele Millionen Fans, die außer mir auch keine Probleme damit haben.

Lieber Schoppe, was wir hier haben, ist eine Diskussion um Gewalt in den Medien, keine Geschlechterdiskussion. Damit habe ich mich im Zuge meiner Examensarbeit beschäftigt und kann daher sagen, dass der Vorwurf, Popkulturelle Medien seien gewalttätig oder sonstwie anrüchig, so alt ist wie die Popkultur selbst. Das ist kein Mann-Frau-Ding. Und eine Vergewaltigung, ob sie nun wirklich passiert oder nicht, ist nichts, was rein aufgrund ihrer Gewalttätigkeit kritisiert worden ist. Jedenfalls nicht von mir.

Deshalb lass mich das nächste Mal bitte aus dieser Diskussion raus, zumal du die ganzen Leute, welche die Vergewaltigung Cerseis relativierten, ja offensichtlich ignorierst, obwohl es unmöglich ist, dass dieselben Leute deiner Argumentation bezüglich der sexuellen Gewalt gegen Theon folgen. Ich habe ein gewaltiges Problem mit der Verharmlosung von Vergewaltigung, egal gegen wen sie geht, aber ich habe kein Problem mit Gewalt in den Medien und damit auch keines mit Vergewaltigung in den Medien, sofern beides in den richtigen Kontext gesetzt wird. Und das ist bei Theon, Bran, den Unbefleckten, Jaime, als er seine Hand verliert, und all den anderen, die innerhalb der Serie Opfer von Gewalttaten sind, in meinen Augen definitiv der Fall.