Von Dschingis Khan lernen heißt Streitkultur lernen

Die Mongolen nutzten bei ihren großflächigen Eroberungszügen die Taktik, ihre militärischen Gegner nie vollständig einzukesseln. Sie ließen immer eine Fluchtmöglichkeit, um zu verhindern, dass diese Menschen, dem sicheren Tod ins Auge blickend, ihre letzten Kräfte zusammen nahmen und mit dem Mut der Verzweiflung kämpften. Stattdessen konnten sie einfach wegrennen. So haben die Mongolen die halbe Welt erobert.

Als ich über diese Taktik las, machte mir das eindrücklich klar, warum „Diskussionen“ in meiner Familie immer völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Denn meine Familie war sehr gut darin, den Kreis so eng um einen zu ziehen, bis man glaubte, ersticken zu müssen. Gerade als Teenager hat man so viele Kämpfe mit den Eltern auszutragen, die eigentlich größtenteils banal sind. Bei uns liefen sie aber immer besonders heftig und unbefriedigend ab.

So wurde zum Beispiel nie akzeptiert, wenn ich mich in mein Zimmer zurück zog. Wie oft kam mein Stiefvater direkt im Anschluss in mein Zimmer gerannt und fragte strunzdoof „Warum hast du die Tür geknallt?“
„Weil ich verdammt sauer bin, du Vollidiot!!!“ habe ich damals leider nicht gesagt. Stattdessen hilflose Verzweiflung. In solchen Situationen hat mich immer am meisten gestört, dass ich, als Teenager in der Pubertät, der verdammt noch mal jedes Recht hat, sich irrational verhalten zu dürfen, weil das in dieser Lebensphase einfach normal ist, gezwungen wurde, die Stimme der Vernunft zu sein. So waren meine Gedanken in dieser Zeit tatsächlich: „Warum lässt du mich nicht sauer sein? Warum akzeptierst du meinen Abgang nicht? Warum lässt du mich nicht emotional sein, wo doch meine Hormone pubertätsbedingt gerade Amok laufen? Und warum muss ICH dir das erklären, obwohl du das doch wissen solltest?“

Das hat wirklich keinen Spaß gemacht. An Logik und Vernunft zu appellieren, obwohl man sich doch einfach nur kreischend auf den Boden werfen und mit den Beinen strampeln will, weil man nicht zu dieser höllencoolen Party darf – das zwingt das Hirn in Bahnen, für die es eigentlich noch nicht gemacht ist. Und Respekt für seine Eltern lernt man auf diese Weise auch nicht – haben sie sich doch im Grunde kindischer benommen als man selbst zu einer Zeit, als kindisches Benehmen für sich selbst noch okay war, für sie allerdings nicht.

Aber das ist eigentlich ein anderes Thema. Es geht um die Möglichkeit des Rückzugs. Selbst in den besten Beziehungen gibt es mal Streit, das ist unvermeidlich. Aber hierbei handelt es sich nicht um politische Diskussionen, bei denen man den Gegner in die Ecke treibt und triezt, bis er entweder aufgibt oder sich so um Kopf und Kragen redet, dass allen Zeugen klar wird, jemand unwählbares vor sich zu haben. Das ist wichtig, denn es kann auf politischer Ebene nicht zielführend sein, jedem Gegner, der sich verrannt hat, den Kopf zu tätscheln und Kaffee trinken zu gehen.

Beziehungen dagegen bauen auf Liebe und Respekt. Hier gelten andere Regeln. Hier muss es möglich sein, dem Partner (oder der Tochter, der besten Freundin, der eigenen Mutter) einen taktischen Rückzug zu eröffnen. Die Alternative ist nämlich auch 700 Jahre nach dem Zerfall des Mongolischen Reichs nicht besonders angenehm: Als Teenager, eingekesselt von den eigenen Eltern, hat man geschrieen, getobt und um sich getreten. Als Erwachsenem dagegen rutschen „mit dem Mut der Verzweiflung“ vielleicht ein paar Dinge raus, die man eigentlich nicht sagen wollte.

Lilly und Marshall von „How I met your mother“ gelten bei vielen Fans als Vorzeigepaar und fahren die gleiche Taktik: Wird ein Streit zu heftig, drücken sie auf Pause. Sie reden dann einfach über was anderes. Zumindest für kurze Zeit – dann wird der Streit wieder aufgenommen.

Ich halte das für eine vorbildliche Politik. Das hat nichts mit „Totschweigen“ zu tun. Auch nicht mit Kapitulation oder „dem anderen Recht geben“. Die Mongolen haben ihre Gegner auch nur scheinbar entkommen lassen, um sie in oft tagelangen Hetzjagden einzeln zu verfolgen und bis auf den letzten Mann brutal abzumetzeln.

So weit sollte es natürlich in einer Beziehung nicht gehen. Aber eine Fluchtmöglichkeit, ein Pauseknopf, die schlichte Akzeptanz der Aussage „Können wir diese Diskussion BITTE auf morgen vertagen?“ zeugt nicht nur von einer guten Streitkultur, sondern auch von Liebe und Respekt.

Und vielleicht merkt man, nachdem man dieser Bitte entsprochen und eine Nacht darüber geschlafen hat, dass man sich selbst ein wenig verrannt hat. Dass man vielleicht ein bisschen verbohrt, Dinge nicht beachtet hat oder schlicht ein wenig zu betrunken war.

Spätestens dann wird es Zeit, sich nicht mehr wie ein barbarischer Mongole aufzuführen. Und den Friedensvertrag einfach mit einem Kuss zu besiegeln.

Alles neu! (Schon WIEDER.)

2016 und immer noch keine fliegenden Autos.

2015 ist vorbei – das vielleicht bisher intensivste Jahr meines Lebens. Zwei Themen haben dieses Jahr für mich dominiert. Davon war eines besonders unerfreulich: meine Depression.

Schon vorher hatte ich immer wieder am Rande erwähnt, dass ich an Depressionen leide. Seit diesem Artikel, der hundertfach geteilt worden ist, wusste es dann schließlich jeder: Eure Awareness kotzt mich an!

Seitdem habe ich Höhepunkte und Tiefpunkte erlebt. Schön war mit Sicherheit, dass ich nur wenige Monate nach diesem Beitrag tatsächlich endlich einen Therapieplatz bekommen habe. Leider war dieser eine Art Kompromiss: Ich wollte eigentlich eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie, bekommen habe ich aber eine Verhaltenstherapie, auch wenn ich das in meinem Fall für reine Symptombekämpfung halte und meine tatsächlichen Probleme viel tiefer gehen.

Trotzdem: Wenigstens hatte ich endlich einen Therapieplatz und eine Therapeutin, die ich nach einem holprigen Start nun doch ziemlich gut leiden kann. Zwar habe ich immer noch öfters das Gefühl, dass sie viel nach Lehrbuch abspult und nicht so richtig checkt, was meine wirklichen Baustellen sind, aber inzwischen habe ich gelernt, bei solchen Gelegenheiten einen klaren Cut zu machen und einfach klipp und klar zu sagen, dass sie mir mit ihrer Rumreiterei auf Themen, die mir scheißegal sind, auf den Sack geht. Schon etwas netter natürlich… aber dennoch.

Nachdem die großen, schwarzen Tiefs zum Winter hin Überhand nahmen und sich die Selbstmordgedanken häuften, entschloss ich mich dann auch für eine medikamentöse Behandlung. Auch hier hat mir meine Therapeutin sehr geholfen, weil sie mir sehr kurzfristig einen Termin besorgen konnte.

Und seitdem habe ich kein einziges richtiges Tief mehr erlebt. Stattdessen: Tage, an denen ich zwar MERKTE, dass ich OHNE Tabletten total abgestürzt wäre, aber sich das alles MIT Tabletten voll im Rahmen des Erträglichen bewegte. Gleichzeitig wurde ich umgänglicher, fröhlicher und fand plötzlich wieder Interesse an diversen Sachen. Überhaupt bin ich viel fitter und die bleierne Müdigkeit, die mich oft so erstarrt hat, ist einfach weg.

Problem ist einzig die richtige Dosierung. Von richtig schlimmen Nebenwirkungen bin ich zwar nicht betroffen, aber trotzdem wird mir von der niedrigsten Dosierung ziemlich schlecht, was dazu führt, dass ich zwar fit bin und was tun KÖNNTE, aber dann doch NICHTS tue, weil ich mich bei Krankheiten wie ein kleines Baby verhalte und pausenlos nur rumplärren könnte, während ich mich auf der Couch einrolle und im Endeffekt doch nichts tun kann.

Diese Übelkeit ist mit der mittleren Dosierung seltsamerweise weg und mit der höchsten Dosierung plötzlich wieder da. Ich habe keine Ahnung wieso!

Gleichzeitig habe ich die letzen Monate gemerkt, dass mich die Tabletten ZU chillig machen. So hätte ich dann zwar immer noch megaviele wichtige Sachen zu erledigen und auch die nötige Energie dafür – aber ich tue es nicht, weil es mir plötzlich irgendwie scheißegal ist. Womit ich schließlich doch nichts tue. Wenn ein Dilemma weh tun würde, würde ich nur noch brüllen!

Ich habe im letzten Jahr mehr Artikel zu diesem Blog nicht geschrieben als tatsächlich geschrieben. Mein Entwurfsordner quillt vollkommen über und das sind nur die Ideen, die ich nicht wieder vergessen habe, weil ich mich nicht sofort damit befasste. Das ist etwas, was mir selber tierisch auf den Sack geht.

Allerdings war Neujahr… ich weiß nicht. Viele Leute machen sich ja nur allzu gern darüber lustig, dass man Vorsätze fasst. Ich dagegen denke: Wer Vorsätze macht, schafft sie vielleicht nicht, aber wer keine macht erst recht nicht!!!
Meine Vorsätze bestanden daraus, endlich all das aufzuarbeiten, das sich in letzter Zeit angesammelt hat und gleichzeitig die Dinge zu erledigen, die noch vor mir liegen. Klingt erstmal unspannend und irgendwie meh.

Aber Leute: ES KLAPPT. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber seit dieser Woche bin ich so dermaßen motiviert wie noch nie in meinem ganzen verschissenen Leben!! Ich TUE DINGE!!! Und das sogar SOFORT!!! Und, verdammt nochmal: ES KLAPPT!!!

Vielleicht war es der berühmte Klick, der passieren muss, aber ich habe diese Woche mehr wichtige Dinge erledigt als im ganzen letzten Monat. Dabei war ich gestern sogar komplett außer Gefecht gesetzt, weil ich meine Tabletten aus Versehen überdosiert habe und mir kotzübel war. Wird mir sicher NIE wieder passieren. Aber das Beste: Während meine Tage früher häufig so aussahen wie der gestrige – der praktisch nur aus Rumgammeln bestand, weil ich zu nichts anderem fähig war – habe ich mich gestern unfassbar gelangweilt!! Ich KONNTE zwar nichts tun, WOLLTE es aber unbedingt!! Und das ist doch der absolute Hammer!!!

Mehr noch: Ich FREUE mich auf kommende Arbeit! Wenn Mitbewohner Dave demnächst auszieht, wollen Mitbewohner David und ich die Wohnung so richtig auf den Kopf stellen und so kommt es plötzlich, dass ich es gar nicht erwarten kann, das Wohnzimmer umzudekorieren! Und sein altes Zimmer einzurichten!! Und sogar das blöde Kühlfach endlich abtauen zu können!!!

Ich weiß nicht, was mit mir los ist und wieso, aber es gefällt mir! Und auch meine Therapeutin hat gesagt, dass ich Optimismus und Tatendrang ausstrahle! Dann muss es ja stimmen – die Frau ist vom Fach!!!

Ich habe also berechtigte Hoffnung… nein, vergesst das. Ich WEISS, dass ich mein Leben auf die Reihe kriegen werde. Ich WEISS es.

Armbändchen, um mich daran zu erinnern. Das habe ich ganz allein gebastelt!

Armbändchen, um mich daran zu erinnern. Das habe ich ganz allein gebastelt!

Am Dienstag habe ich mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten bei dem Gedanken ertappt, glücklich zu sein 🙂 So starte ich das neue Jahr nicht nur als Teil einer neuen Beziehung 😀 sondern auch mit frischer, nie dagewesener Energie! Mit dem Versprechen an mich selbst: I WILL GET SHIT DONE – und dazu gehört hoffentlich auch einiges meiner alten Blogartikel-Karteileichen!

Euch allen ein superschönes neues Jahr!

Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

Kurzer Halloweengruß

Es ist soweit, und das wie jedes Jahr völlig plötzlich und total überraschend: Der schönste Feiertag des Jahres! Halloween!!!

halloweenpumkin

An dieser Stelle möchte ich einfach nur ein kleines Hallo an alle dalassen, die sich nach meinem letzten Beitrag in den Kommentaren oder per Mail bei mir gemeldet und mir Mut zugesprochen haben. Viel mehr ist mir dieses Jahr zu diesem Festtag leider nicht möglich.
Die letzten Wochen waren depressionsbedingt sehr hart, aber wenigstens heute geht es mir ziemlich gut. So freue ich mich nicht nur drauf, heute Abend hammergeil kostümiert wie immer die Stadt unsicher zu machen, sondern feiere auch, dass ich mich nun schon das fünfte Jahr in Folge mit der Ausrede vor der Arbeit drücken konnte, Halloween sei für mich ein religiöser Feiertag (was stimmt).

Was die kommenden Wochen und Monate angeht, bin ich nun auch recht zuversichtlich, denn anders als befürchtet habe ich dank meiner Therapeutin noch diese Woche einen Termin bei einem Psychiater bekommen (das hätte, nur der Vollständigkeit halber, ohne ihre Intervention BIS MÄRZ gedauert. MÄRZ.), der mir nun Antidepressiva verschrieben hat. Diese werde ich ab Montag nehmen und hoffe, dass es was bringt.

Damit hat der Winter für mich ein wenig den Schrecken verloren, aber wenigstens heute soll der Tod und das Sterben trotzdem zelebriert werden. Weil… das gehört sich so an Halloween und ist SEHR GESUND!

Feiert schön, liebe Leute. Life’s no fun without a good scare – viel mehr bleibt uns auf dieser Welt und in diesem Leben auch nicht mehr übrig.

Und wenn ihr dazu noch was schönes zum Lesen wollt, hier nochmal meine Halloweenbeiträge vom letzten Jahr:
Die große Halloween-Blogparade
Meine fünf schlimmsten Horrorfilme
Spielereview: Betrayal at House on the Hill
Stephen Kings fünf beste Kurzgeschichten
Die fünf besten Halloween-Serienspecials
Minimalistische Partytipps

Und natürlich die gruseligste Halloweengeschichte aller Zeiten:
Halloween Horror Happening

Awareness: Ein Nachtrag an meine Leser

Noch ein Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und zum Nachfolgeartikel Awareness – und jetzt? Dieser richtet sich an die vielen Leser, die dadurch – oft erstmalig – zu meinem Blog gefunden haben.

Lange habe ich mich nicht geäußert, auch wenn mich immer noch fast täglich Kommentare zu den Artikeln erreichen – ob nun hier im Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail. Die Resonanz auf meine Artikel hat mich absolut überwältigt und ich habe mich über jeden gefreut, der sich dafür bedankt hat oder wichtige Anmerkungen hinterlassen hat.

Leider habe ich es nicht geschafft, auf alle Kommentare zu antworten (sogar auf die meisten nicht). Einerseits, weil mich die pure Masse erschlagen hat, andererseits aber auch, weil ich im echten Leben grade sehr viel Stress habe und damit einfach keine Zeit. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ein fettes DANKE! hinterlassen an alle, die sich die Zeit genommen haben, sich damit auseinander zu setzen. Ihr seid toll!

Einige Kommentare enthielten auch Fragen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vor allem aber möchte ich einiges ergänzen und erzählen, wie es mir momentan geht.

Zuerst mal ein bisschen mehr zu meinem Werdegang. Mein erster Artikel enthielt ein gewaltiges Plothole, von dem ich sicher war, dass es mir zur Last gelegt werden wird. Tatsächlich ist es aber nur einen Kommentatorin aufgefallen und die kam auch noch ziemlich spät. Leute, ihr müsst mehr aufpassen! ^^
Das Plothole äußert sich in folgender Frage: „Woher weißt du eigentlich, dass du depressiv bist?“ – denn ohne Facharzt keine Diagnose. Das ist eine gute Frage, auf die ich näher eingehen will.

Als ich mich an die Konzeption des Artikels machte, war der Teil, der sich mit meinem persönlichen Werdegang beschäftigt, viel länger. Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich einiges davon rausgeschmissen, um den ohnehin schon viel zu langen Artikel zu straffen. Ich entschied mich für die Phase der letzten paar Jahre, die mir wegen dem erfolglosen Kampf für einen Therapieplatz besonders enttäuschend im Gedächtnis geblieben ist.

Tatsächlich war ich aber einer ambulanten Therapie bereits einmal sehr nahe. Dem voraus ging eine ziemlich beschissene Jugend, während der sich meine Depression manifestierte. Ich schätze heute, dass ich wirklich ernsthaft depressiv bin seit meinem 13. oder 14. Lebensjahr. Damit einher ging Soziale Phobie, SVV (selbstverletzendes Verhalten) und spätestens nach dem Abitur auch eine dicke Adoleszentenkrise. In dieser Phase wurde von mir erwartet, einen Berufsweg einzuschlagen, obwohl es mir damals aufgrund der Depression unmöglich war, sinnvolle Entscheidungen dahingehend zu treffen oder mich darum zu kümmern. Dies führte zu (weiteren) gewaltigen Stress mit meiner Familie.

Mit 20, immer noch ohne Studienplatz oder Lehrstelle, offenbarte ich schließlich nach langem Ringen meinen Eltern meine Vermutung, depressiv zu sein. Wenn ich dadurch Hilfe erwartet habe, dann wurde diese Hoffnung enttäuscht – meine Eltern taten gar nichts. Aber da das böse D-Wort nun endlich ausgesprochen war, versuchte ich, mich um einen Therapeuten zu kümmern, von denen es auf dem Land leider noch weniger gibt als in der Stadt.
Der erste Therapeut entpuppte sich als Neurologe, der mir Fluoxetin verschrieb, das ich wegen gewaltiger Nebenwirkungen jedoch schnell wieder absetzte. Ansonsten konnte er, da ohne Therapeutenausbildung, nicht viel für mich tun, aber er regte für mich an, in eine Psychosomatische Klinik zu gehen, um die Zeit zu überbrücken, bis ich einen ambulanten Therapeutenplatz bekomme.

Um dort aufgenommen zu werden, sollte ich in der Klinik ein Gespräch mit dem Oberarzt führen – das meine Mutter eine Woche vorher ohne meine Zustimmung absagte. Das hätte sie selbstverständlich, da ich volljährig war, nicht gedurft, aber offensichtlich kann sie sehr überzeugend sein.
Der Grund ist wohl in ihrer absoluten Panik zu suchen, ich könnte irgendwie „nicht normal“ sein. Das passte nicht in ihr Konzept und ihre Familienplanung, also schleppte sie mich stattdessen zu Heilpraktikern und schickte mich zu einer ambulanten Gruppentherapie in ein Krankenhaus, das so weit weg lag, dass ich fast eine Stunde Auto fahren musste – und das im tiefsten Winter, obwohl sie mich sonst nie fahren ließ, wenn das Thermometer den Nullpunkt auch nur kratzte. Außerdem war es IHR Auto, das ich dafür nutzen musste, obwohl das bedeutet hätte, dass sie einmal in der Woche mit dem Bus zur Arbeit hätte fahren müssen. (Die Gruppentherapie entpuppte sich aber bereits beim Anmeldegespräch als absoluter Fail und die Therapeutin war selbst der Ansicht, dass ein stationärer Aufenthalt besser für mich wäre, also blieb es bei diesem einzigen Besuch.)

Mit all dem wollte meine Mutter mich über ihr absolut übergriffiges Verhalten hinweg trösten, aber ich ließ das nicht mit mir machen und vereinbarte einen neuen Termin in der Klinik, was sich aber Dank Feiertagen, Jahreswechsel etc. weiter nach hinten schob.

Dennoch konnte ich wenige Monate später in die Psychosomatische Klinik gehen, wo die Diagnose „Depression“, die mein Neurologe gestellt hatte, nochmal bestätigt wurde.

Ich sollte sechs Wochen dort bleiben, was später auf acht Wochen verlängert wurde. Leider kann ich nicht sagen, dass mir irgendetwas davon geholfen hätte. Ich war dort für Wochen die einzige Depressive und zudem die mit Abstand Jüngste. Ich saß dort mit Menschen mit Panikattacken, Leuten, die um Angehörige trauerten und nicht zuletzt einigen Patienten, die an Schmerzen litten, für die keine körperlichen Ursachen ermittelt werden konnten (Psychosomatik eben), aber überhaupt nicht verstanden, weshalb sie deshalb über GEFÜHLE REDEN sollten. Mit anderen Worten: Ich habe mich sehr, sehr unwohl gefühlt. Erst Recht, da alle um mich herum sehr schnell gesund zu werden schienen, aber anscheinend niemand meine Erkrankung nachvollziehen konnte. Ich wurde von Pflegern dafür kritisiert, dass ich soviel schlief und nicht aufstand, wenn plötzlich zehn Leute bei der morgendlichen Visite vor mir standen und wissen wollten, wie es mir geht. Bei der Gruppentherapie heulte ich meist durchgängig die ganze Sitzung lang, aber da die Therapeutin der Meinung war, dass ich mich schon selber melden müsse, wenn ich über was reden wollte, blieb es meistens dabei, also heulte ich, während ich zum 20. Mal die traurige Geschichte einer viel zu früh verstorbenen Ehefrau hören musste oder die verständnislosen Fragen einer Frau, die offensichtlich nicht kapiert hatte, warum man sie wegen ominöser Ohrenschmerzen in die „Klapse“ schickt.
Die Therapeutin dagegen, die meine Einzelsitzungen leitete, schien hingegen schlichtweg überfordert. Ihr offensichtlich rein verhaltenstherapeutischer Ansatz erschöpfte sich in Phrasen wie „Und wenn Sie versuchen, das nicht so anzugehen, sondern so oder so?“, mit denen ich damals einfach nichts anfangen konnte. Alternativen hatte sie aber nicht, also gab sie mir am Ende die resignierte Bemerkung mit auf den Weg, gegen diesen „Berg aus Traurigkeit“ einfach nicht anzukommen.

Ich verließ die Klinik also mit dem erhebenden Gefühl, ein hoffnungsloser Fall zu sein, und der traurigen Gewissheit, dass die Entscheidung, in eine Klinik zu gehen, zum endgültigen Bruch mit meiner Familie geführt hatte. Seitdem habe ich außerdem eine bereits geschilderte Abneigung gegen Gruppentherapien, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Diese Klinik war für mich nicht der richtige Ort gewesen – aber am meisten verbittert mich, dass man sich dort nicht für mich um eine ordentliche Nachsorge gekümmert hat. Diese Leute hatten die Zeit, die Ressourcen und die Expertise, mir an meinem Studienort (denn direkt an den Klinikaufenthalt schloss sich endlich mein erstes Semester an, das ich aber vollständig an mir vorbei gehen ließ) oder auch Zuhause einen ambulanten Therapieplatz zu besorgen, aber dahingehend ist NICHTS passiert. Ich wurde nach dem Maximum der möglichen Zeit ungeheilt praktisch auf die Straße geworfen und bin seitdem ohne Behandlung. Die Suche danach habe ich ja schon erschöpfend geschildert.

Es ist schwer zu sagen, ob es mir heute besser oder schlechter geht als damals. Einerseits hat sich vieles bei mir verbessert. Meine Soziale Phobie, damals ganz massiv, habe ich selbstständig und unter großen Anstrengungen alleine in den Griff gekriegt. Das habe ich geschafft, indem ich mich bewusst immer wieder in für mich unangenehme Situationen gebracht habe, bis sie nicht mehr unangenehm waren – klassische Desensibilisierung. Übrig geblieben ist eine gewisse Social Akwardness, die aber vielleicht auch einfach Teil meines Charakters ist und mit der ich leben kann. Auch hat mir meine Arbeit als Kellnerin, der ich seit vier Jahren nachgehe, was vor neun Jahren völlig unmöglich gewesen wäre, mehr Selbstbewusstsein verschafft.
Dennoch sind die schwarzen Phasen, so scheint es mir zumindest, heutzutage wesentlich schwärzer als damals. Sie suchen mich allerdings auch nicht mehr so häufig heim – wenn aber doch, dann voll in die Fresse. Eine solche Phase hatte ich diesen Winter, was ich als die schlimmste Zeit meines Lebens in Erinnerung habe.

Momentan sieht es also so aus, dass es mir besser geht, ich aber dennoch weiterhin eine Therapie suche. Dank des vielen positiven Feedbacks sehe ich das allerdings nicht mehr so pessimistisch wie noch vor kurzem.
So sollte ich erwähnen, dass die Passagen, die sich mit der Therapeutensuche beschäftigten, alle im Präsens geschrieben waren, aber der letzte Teil davon – der, in dem ich diesen blöden Anamnesebogen vor mir habe – bereits drei Monate zurück liegt. Ich habe das dämliche Teil nicht nur ausgefüllt (mit ein bisschen Hilfe meiner Mitbewohner), sondern sogar geschafft, es zur Post zu bringen. Ich habe also schon die Hälfte der sechsmonatigen Wartezeit rum und vielleicht ergibt sich da ja was.
Andere Vorschläge wie Tagesklinik oder die Empfehlung, es doch mal in der Psychiatrie zu versuchen, sind leider mit meinem Leben momentan nicht vereinbar. Ich erhalte zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei finanzielle Unterstützung von irgendjemanden oder irgendeinem Amt, weshalb ich arbeiten gehen MUSS, allein um meine Wohnung und mein Essen zu bezahlen. Auch halte ich eine Psychiatrie (und eine Tagesklinik ist meist einer Psychiatrie angeschlossen) immer noch für den für mich letzten Ausweg, der für mich nur im absoluten Notfall in Frage kommt.

Was sich jedoch geändert hat: Die vielen Tipps bezüglich sozialpsychatrischem Dienst, der einem bei der Therapeutensuche helfen kann, möchte ich definitiv in Anspruch nehmen, sobald mein aktueller Real-Life-Stress etwas nachgelassen hat. Das soll mein zweites Standbein sein, falls es mit der oben angesprochenen Therapie nicht klappt. Und außerdem hat sich eine sehr nette Expertin bei mir per Twitter-DM gemeldet und es geschafft, mir meine absolute Abneigung gegen Psychopharmaka zu nehmen. Möglicherweise kann sich dadurch ja auch einiges verbessern. Zumindest ist es nach 10 Jahren ein neuer Versuch wert.

Ihr seht, so krass am Boden bin ich momentan nicht, auch weil sich unlängst einige positive Entwicklungen im Real Life ergeben haben, die mich sehr aufgebaut haben. Dennoch fühle ich mich seit meinen Artikel etwas unsicher gerade im Hinblick auf diesen Blog. Ich habe seitdem einige Twitter-Follower dazu gewonnen, aber allein die Followerzahlen meines Blogs gingen danach von ca. 160 hoch auf über 210!! Verglichen mit manch anderen Bloggern mag das nicht viel sein, aber es ist immerhin eine Erhöhung um ein fettes Drittel. Gleichzeitig zeigen mir meine Statistiken, dass unmöglich alle diese neuen Abonnenten in meinem Blog quergelesen haben können, um zu sehen, was ich eigentlich sonst so von mir gebe.

Ich befürchte, die könnten am Ende alle enttäuscht sein, wenn ich plötzlich wieder zu meinen normalen Themen zurück kehre und höchstens einmal im Monat etwas schreibe, was über einen kurzen Lacher oder einen Rant über einen doofen Film hinaus geht. Und Depressionen waren hier bisher sehr selten Thema, was eigentlich auch so bleiben soll, da ich vermutlich schon viel zu viel erzählt habe und das Gefühl nicht mag, nur noch darüber definiert zu werden. Ich möchte wirklich nicht von Leuten, die mit mir vorher ganz ungezwungen Quatsch gemacht haben, plötzlich wie ein rohes Ei behandelt werden.

Deshalb sitze ich jetzt hier und grüble über Blogideen. So fehlt ja immer noch mein Reisebericht aus den USA, den ich unbedingt schreiben wollte. Außerdem hatte ich eigentlich vorgehabt, zur Feier meines jüngsten Nebenbroterwerbs (DJ!) ein paar Mixtapes zu veröffentlichen, wobei ich als erstes einen von mir so betitelten „Depressive“-Mix vorgesehen hatte, aber nach diesen letzten Wochen habe ich keine Ahnung, wie sowas wohl ankommen würde. Ohnehin neige ich dazu, über meine Depression Witze zu reißen, was bestimmt auch einige sehr seltsam finden.

Andererseits kann ich sowieso nicht aus meiner Haut, also werden sich meine Themen wohl nicht wirklich ändern. Mehr kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu aber leider nicht sagen, außer, dass ich hoffe, euch nicht allzu sehr zu enttäuschen ^^

Silvesterparty: Die echten Katertipps!

Die Silvesterparty ist geplant, der Sekt ist kalt gestellt. Zeit für eine alljährliche Tradition in sämtlichen deutschen Medien: die „Tipps gegen den Kater“!

Und damit auch Zeit für meine alljährliche stumme Frage, ob Journalisten für solche Retoren-Artikel, die sie vermutlich irgendwann vor 10 Jahren geschrieben haben, um sie jedes Jahr zu Silvester und Karneval wieder verwursten zu können, tatsächlich Geld kriegen… aber darum soll es heute nicht gehen!

Ich pflege ja, was Alkohol angeht, ein Selbstbild als Koryphäe, stehe ich doch nun immerhin schon jobmäßig jahrelang hinter einem Zapfhahn und privat, tja, privat sage ich auch selten nein, wenn es zu einem lustigen kleinen Umtrunk kommt! Daher finde ich solche Artikel durchaus interessant.

Aber ich werde jedes Mal enttäuscht. Machen wir uns nichts vor: Solche Artikel (z.B. dieser) helfen nicht, sondern behandeln erwachsene Menschen wie Kleinkinder. So ist der einzig „nützliche“ Tipp, der sich aus solchen Ergüssen am Ende extrahieren lässt, der Ratschlag, einfach nicht so viel zu trinken.

Nicht so viel trinken. „Einfach“.

Aha.

dr-cox laughing

Tja, in welche große Tradition reiht sich dieser bahnbrechende Tipp nun ein? Das ist doch so, als würde man in einem Beitrag über Empfängnisverhütung tatsächlich Enthaltsamkeit als die wirksamste Methode anpreisen. Und was kriegt man durch solche Tipps? Na? Na??? Schwangere Teenager natürlich. Weil der Mensch sich genauso wenig vom Sex abbringen lässt wie der Deutsche vom Saufen.

Und damit zurück zu diesem unglaublich dämlichen „Tipp gegen den Kater“, bei dem der zuständige Autor einfach nur ganz klar das Thema verfehlt hat. Auch Tipps, den Kater durch die Auswahl richtiger Alkoholika zu reduzieren, sind kaum besser, denn das geht ebenfalls an der Realität vorbei. Nicht jeder mag sich trockenen Weißwein in den Schlund schütten, nicht jeder kann sich superreinen teuren Wodka leisten. Überhaupt, was ist das eigentlich für ne Einstellung? „Liebe Leser, wir wissen, Sie MÜSSEN Alkohol trinken, deshalb wählen Sie doch um Gottes Willen das kleinere Übel, Sie Schnapsnase, Sie.“  Als würde man jungen Frauen zur Verhütung raten, sich an alte übergewichtige Männer zu halten, weil die vielleicht schon mit Platzpatronen schießen!

Das ist so bevormundend! Erst ein ganzes Volk auf Biersauferei sozialisieren (Bierwerbung vor JE-DEM Fußballspiel!), Alkohol bis zum Ultimo verharmlosen (Fußballfunktionäre, die sich ihr Weizenbierglas an die Brust drücken, als wäre es ihr Erstgeborenes, hinter dem bei jedem Schluck ein „Keine Macht den Drogen“-Shirt zum Vorschein kommt!) und dann plötzlich gegen Jahresende ach so erwachsen daher kommen von wegen „Alkohol ist ja doch irgendwie ganz schön ungesund“! Oh, you don’t say?!

Pfui, ihr Medien! Pfui!

Jedenfalls habe ich mich dieses Jahr entschlossen, dieser abwertenden Berichterstattung entschlossen entgegen zu treten. ICH verstehe vollkommen, dass ihr Alkohol an Silvester, der bekanntermaßen enttäuschendsten Party des Jahres, natürlich BRAUCHT, und selbstverständlich in genau der Form, die euch am liebsten behagt, egal wie zerstörerisch, billig oder ekelerregend sie ist! (Oh, dazu hätte ich ja was…!)

Denn „Tipps gegen den Kater“ sollten auch solche sein, nicht „Tipps gegen den Alkohol“! Also:

Was gegen einen echten Kater wirklich hilft

von Robin Urban, Koryphäe

Präventiv:
Ein allseits bekanntes Hausmittel bei Kater ist Hering. Unkorrekterweise geht die Allgemeinheit allerdings davon aus, der Hering müsse am nächsten Tag aufs Frühstückstablett. Falsch: Um einen Kater zu vermeiden, sollte der Hering VOR dem Saufgelage gegessen werden. Das Fett in diesem sehr fetten Fisch nämlich bindet den Alkohol und verhindert dadurch einen zu großen Trunkenheitsgrad.
Und wer aufgepasst hat, wird nun gemerkt haben, dass der Hering sich durch diese Erklärung als Katermittel völlig disqualifiziert. Denn wenn das Ziel „Vollsuff“ ist, kann etwas, das genau dem im Wege steht, ja schwerlich ein empfehlenswertes Mittel sein. Nein, das führt nur dazu, dass man NOCH MEHR säuft, um das Ziel zu erreichen. Ist ja nicht so, als hätte jeder ein bestimmtes Kontingent (z.B. fünf Bier, zwei Longsdrinks), das er niemals überschreitet, egal wie er sich danach fühlt.
Also: Vergesst Prävention. Damit könnt ihr leidlich kontrollieren, wie schnell ihr wie voll werdet, aber auf den Kater hat das keinerlei Einfluss.

Währenddessen:
Ein Tipp, den tatsächlich auch doofe Zeitungsartikel meistens auf die Reihe kriegen: Trinken, trinken, trinken! Natürlich nicht noch mehr Alkohol, sondern Wasser!
Denn viele Katersymptome, allen voran der berüchtige „Nachbrand“, also der unstillbare Durst am nächsten Morgen, entstehen durch Dehydrierung. Gerade auf privaten Silvesterpartys stellt es kein Problem dar, zu jedem Drink ein Glas Wasser zu ordern. In Discos oder Clubs empfehle ich dagegen aus Kostengründen den Gang zum Bad, wo man in unserem fortschrittlichen Land völlig umsonst Leitungswasser erhalten kann. Einfach eine leere Bierflasche schnappen, ausspülen, neu befüllen, trinken! „Zuviel“ gibt es hier nicht: Haut rein, so viel wie geht.

Danach:
Die Party ist um, ihr macht euch bettfertig (sofern ihr dazu noch in der Lage seid). Vielen Leuten wird jetzt erstmal kotzübel, wenn sie sich flachlegen. Und aus irgendeinem Grund denken viele Leute jetzt „Ach Gottchen, ich kann doch nicht kotzen gehen!“ – und verharren in dieser schrecklichen Lage stundenlang, bis sie doch irgendwie einschlafen können.
Liebe Leute: Brechreiz ist ein Zeichen eures Körpers, dass er auf das Gift Alkohol genau so reagiert, wie er reagieren sollte. Wenn ihr übertrieben habt (und niemals würde ich euch dafür verurteilen!) und er euch das auf diese Weise kommuniziert, dann tut ihm den Gefallen und geht kotzen. Lasst es raus. Niemand verleiht euch einen Orden, wenn ihr es mit Gewalt drin behaltet. Ihr werdet euch danach besser fühlen – und auch der Kater am nächsten Tag ist wesentlich angenehmer!
Falls es soweit nicht gekommen ist, dann beherzigt auch hier wieder den Universaltipp: Wasser! Denn ihr habt im Laufe des Abends trotz aller Vorkehrung niemals so viel zu euch genommen, wie der Alkohol euch entzogen hat. Setzt also vor dem Schlafengehen eine Flasche Wasser an den Hals und kippt sie weg. 1,5 Liter auf Ex ist machbar! Macht euch keine Sorgen, dass ihr deswegen nachts achtmal pinkeln gehen müsst – eure Zellen saugen das schon weg und sind euch sehr dankbar!
Und jetzt noch ein Tipp, den mit Sicherheit jemand ganz schrecklich finden wird:
Alkohol führt zu einem unruhigen Schlaf und kann bei einem gewissen Pegel sogar aufputschend wirken. Folge: Ihr wacht völlig gerädert nach vier Stunden Schlaf auf, weil euer Promillewert in dieser Zeit nach unten gerattert ist und genau diesen Pegel erreicht hat. Darum ist der nächste Tag geprägt von einer lustigen Mischung aus völliger Erschöpfung und der Unfähigkeit, weiter schlafen zu können. Hier könnt ihr euren Körper ein bisschen austricksen, indem ihr vor dem Schlafengehen beruhigende Mittel einnehmt wie beispielsweise Baldrian. AUF KEINEN FALL RICHTIGE SCHLAFTABLETTEN. Rezeptfreie Mittel können hier helfen, den Suffschlaf erholsamer zu machen und zu verlängern. Von rezeptpflichtigen Medikamenten ist in Verbindung mit Alkohol dagegen selbstverständlich die Finger zu lassen!

Der Tag danach:
Hier ist es nun, the real Hangover. Wenn ihr euch genug gewässert habt, werdet ihr bereits eine Verbesserung zu sonst feststellen – aber vermutlich seid ihr dennoch weit entfernt von „gut“.
Will man dem Kater den totalen Overkill verabreichen, braucht ihr drei Dinge:
– Elektrolyte
– Vitamine
– Mineralien

Also trinkt:
– eine Tasse Brühe (gerne kalt)
– ein Glas Orangensaft (gerne frisch gepresst)
– ein Glas Magnesium (als Brausetablette)

Danach sollte es euch schon wesentlich besser gehen. Dennoch verrate ich euch noch meinen Specialtipp: Meine exklusive Teemischung, die ich eigentlich täglich trinke, die sich allerdings für Kater ganz besonders gut eignet.

Ihr braucht:
– 2 Teebeutel Grüntee
– 3 Teebeutel Pfefferminz
– 1 Zitrone
– 1,5 Liter kochendes Wasser

Tee nach Anleitung kochen, Zitrone reinquetschen, fertig. Gerne auch schon einen Tag vorher zubereiten, damit er schön kalt und erfrischend ist. Es gibt nichts besseres. Grüner Tee ist ohnehin so ziemlich das gesündeste, was man trinken kann. Das darin enthaltene Koffein macht munter und die Gerbstoffe putzen den Magen. Der Pfefferminz sorgt für die nötige Frische und die Zitrone für die Entgiftung und noch mehr Vitamine. Und voll lecker ist er auch! (Finde ich zumindest)

Der weitere Tag danach:
Richtig gut wäre jetzt noch ein Spaziergang an der frischen Luft. Aber wir wollen mal nicht unrealistisch sein. Bestellt euch also eine richtig fette Pizza, gammelt euch mit Freunden auf die Couch und kuckt ein paar echt doofe Filme – und schon ist der Kater plötzlich gar nicht mehr so schlimm!

Sauft Silvester, dankt mir Neujahr! Prost!

Auf der falschen Seite der Theke – ein WM-Finale als Kellnerin

„Du hast noch ne Reservierung für zehn Leute auf Tisch 4 für 8 Uhr,“ teilt mir mein Chef gut gelaunt mit. Ich bestätige die Reservierung, lege auf und starre aus dem Fenster in den Regen.

Klar muss es heute regnen! Damit das Public Viewing auch schön ins Wasser fällt. Für mich als Kellnerin bedeutet das leider, dass viel mehr Menschen in die Kneipen strömen werden, um sich das WM-Finale anzusehen. Einfach zuhause bleiben ist bei einem solchen Spiel für die meisten keine Option.

Mein Chef hat einen Bierstand beim Public Viewing ergattert und sämtliche Kolleginnen dort eingeteilt. Einzige verfügbare Kellnerin für die Kneipe: ich. Alleine.

Diesem Schicksal konnte ich nicht entgehen – so sehr es mich auch ankotzt. Viel lieber wäre ich heute auf der anderen Seite der Theke, um unser Team zu feiern. Je näher die Öffnung der Kneipe jedoch rückt, desto mehr freunde ich mich mit dem Gedanken an. Wenn meine Kinder mich in 20 Jahren fragen, wo ich beim Finale 2014 gewesen sei, kann ich sagen, dass ich hinter der Theke gestanden und den Laden geschmissen habe. Eigentlich ist das doch irgendwie cool.

So halbwegs versöhnt mache ich mich ein paar Stunden später auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle. Schon von weitem sehe ich eine Traube Menschen, die aufgeregt vor der Kneipe warten.
Und sämtliche positiven Gefühle fallen in mir zusammen.

„7 Uhr macht ihr auf, oder?!“ werde ich sofort aufgeregt bestürmt. „Wir haben reserviert!“
Ich kenne den Typen: ein Stammgast, der oft bei Fußballspielen anwesend ist. Ich starre ihn perplex an. „Ja – für um halb 9!“
„Dein Chef hat uns gesagt, ihr macht um 7 auf und da dachten wir…!“

Ich antworte nicht. Noch nicht mal den Laden aufgesperrt und schon bin ich richtig sauer! Wie kann der mir das antun?! Wenn er den Gästen sagt, dass wir um 7 aufmachen, dann soll er doch bitte MIR sagen, dass ich um halb 7 kommen soll!

Ich öffne und betrete den Laden, hinter mir eine kleine Karawane. Es ist dunkel, nur das Notlicht brennt, aber das stört die Leute nicht. Eilig mache ich das Licht an.
„Wir stören jetzt irgendwie, ne?“ fragt einer. Ungeachtet dessen sitzt die Hälfte schon.
„Nee, aber ich brauch grad fünf Minuten, sorry!“

In fliegender Hast erledige ich alle nötigen Handgriffe, Kaffeemaschine an, den Stickstoff für die Zapfanlage aufdrehen, Stereoanlage an, Spülmaschine auch. Deren Anblick macht mich noch saurer – die braucht nämlich eine halbe Stunde, bis sie auf Temperatur ist. Was scheiße ist, denn ich werde sie dringend brauchen! Und die Gläser von gestern Abend hat der Chef auch stehen lassen. Meine Fresse!

Im Abstellraum liegen ein paar Original-WM-Trikots. Die bekamen wir von einer Brauerei zum Verlosen. Eins davon packe ich aus und ziehe es an. Männergröße XL, viel zu groß für mich, außerdem wird es darin sicher megaheiß werden, aber es nicht zu tragen geht gar nicht klar, ein bisschen WM-Feeling will ich selbst auch noch haben. Ich kremple die Ärmel hoch und stopfe eine Ecke hinter meinen Gürtel. So wird’s gehen.

Jetzt das Wichtigste: die blöden Fernseher. Zwei Stück haben wir, dazu noch einen Beamer, insgesamt fünf Fernbedienungen. Ich fummel so lange rum, bis ich das richtige Sky-Programm gefunden habe. Der Chef hat mir nie erklärt, wie das geht.

Endlich fertig, die Leute werden schon ungeduldig. Ich renne zum ersten Tisch, verscheuche dabei gleichzeitig noch ein paar Typen von Tisch 4, weil der ja reserviert ist, aber ich hatte ja keine Zeit ein Schild hinzustellen.
Am Tisch nehme ich die Bestellung auf. „Malzbier“ „Erstmal Cola“ „Weißbier“ „KiBa“ „Alt“ „Flaschenbier“ „Ich auch“ – mein Gott, können die nicht einfach alle Pils trinken?
Wenigstens enttäuschen mich die anderen Typen nicht, die einen neuen Platz gefunden haben. „Ein Pils“ – vier Männer, ein Wort! So kann ich unseren 5-Liter-Biertower anpreisen, dann wären die schon mal versorgt. Sie wollen drüber nachdenken.

Während ich die Getränke fertig mache, tauchen noch fünf Leute für den reservierten Tisch auf. Von wegen halb 9. Die wollen natürlich auch was trinken. Auch das bringe ich sofort. Ich nutze die Gelegenheit, mich für meinen etwas ruppigen Ton vor der Tür zu entschuldigen. „Aber ich bin heute alleine und mein Chef hätte…“ „Du bist heute ALLEINE?!“

Ich ernte erstes Mitleid.

Es kommen mehr Leute. Trotz „Reserviert“-Schildchen muss ich den letzten reservierten Tisch ständig verteidigen. Viele Leute gehen auch wieder, weil sie keinen Platz finden. An der Theke sitzen jetzt auch schon zwei, ein wortkarger Stammgast und ein Typ mittleren Alters, der sich sofort beschwert, es würde kleben. Ich renne mit Reinigungszeug und einem Tuch hin, kann aber absolut nichts klebriges entdecken. Der Typ bläst die Backen.

Anruf, mein Mitbewohner. Er will wissen, ob für ihn, Mitbewohner zwei und einen weiteren Typen noch Platz ist. Ich biete ihnen die Theke an, sie sind einverstanden. Schnell stelle ich auch dort ein „Reserviert“-Schildchen hin. Mein Chef würde ausflippen, wenn er das sieht – an SEINER Theke dürfen immerhin nur SEINE Stammgäste sitzen. Aber die sind nicht da, kucken heute woanders und solange ich arbeite (alleine!!) bestimme ich, wer wo sitzen darf.

Auch diese Reservierung muss ich öfter verteidigen. Es ist inzwischen 8 Uhr, die ersten 100 Euro hab ich bereits verdient. Der zweite reservierte Tisch im Schankraum taucht pünktlich auf, alle anderen Tische sind nun ebenfalls proppenvoll, jeder einzelne Sitzplatz ist inzwischen belegt. Ich schwitze bereits heftig unter meinem Trikot, renne aber weiter tapfer gegen den Ansturm an.

Die Pilstrinker haben ihre erste Runde leer. „Wie ist das denn mit dem Biertower – kriegen wir den zur Feier des Tages ein bisschen billiger?“
Ich öffne den Mund und will anfangen zu diskutieren, aber dann seufze ich einfach nur „Ach, warum nicht…“ Je mehr Leute kommen, umso angepisster bin ich wegen der Situation. Wenn mein Chef nicht will, dass ich Nachlass gebe, soll er mich nicht allein da stehen lassen!

Anruf, wieder mein Mitbewohner. Es werden jetzt doch ein paar mehr Leute. Ich sage ihm, dass dann vermutlich einige stehen müssen, aber das ist ihm egal. Außerdem bitte ich ihn dringend, sich zu beeilen, denn ewig werde ich die Theke nicht mehr verteidigen können.

Sie tauchen gerade noch rechtzeitig auf. Zwölf Leute. „Mann, tust du mir leid!“ ist so ziemlich das erste, was mein Mitbewohner sagt. Der andere, den ich genau hier hinter dieser Theke kennen gelernt habe – ein ehemaliger Kollege – murmelt mit Blick in den Schankraum einfach nur „Oh Mann…“

Höchste Zeit, unsere beschissene Verlosung vorzubereiten. Nach dem Anpfiff gilt es ja nicht mehr. In fliegender Hast beschrifte ich ca. 50 Lose und verteile sie. Die Leute müssen das Ergebnis tippen und wer richtig liegt, bekommt einen Preis. Eigentlich sind noch genug da, weil bisher kaum jemand richtig getippt hat, aber mein Chef will trotzdem nur ein Trikot rausrücken. Er meinte, wenn ich mehrere Gewinner habe, sollte ich losen. Klar, ER hat ja auch nicht den Stress am Hals, wenn einer richtig getippt hat und erfährt, dass er nun doch nichts kriegt…! Ich versuche trotzdem, allen Anwesenden die Spielregeln so gut es geht zu erklären.

Unser Putzmann taucht mit einem Kumpel auf. Sie bestellen jeder ein Bier und wirken beleidigt, weil die Theke belegt ist. Ich jedoch bin unglaublich froh. Dieser Kumpel ist mir schon mehrmals bei anderen Fußballspielen mit Naziparolen aufgefallen, aber weil er ein riesiger Kerl ist und im besoffenen Zustand unglaublich aggressiv, hat mein Chef sich nie getraut, ihn deswegen rauszuschmeißen. ICH könnte das allerdings nicht einfach so hinnehmen, weshalb ich erleichtert bin, dass beide ihr Bier runterstürzen und wieder gehen.

Das tun auch viele andere Leute, die sehen, dass der Laden voll ist. Heute könnte die Kneipe locker dreimal so groß sein.

Ein paar Leute wollen Pizza bestellen vom Italiener nebenan. Ich sage, dass der heute zu hat. Ich habe keine Ahnung, ob der heute zu hat. Ich kann aber nicht auch noch Pizza servieren.

Ich habe ungefähr fünf Sekunden Luft, Zeit, endlich mal was zu trinken. Ich bin am Verdursten. Im Laden sind locker 28 Grad. „Was ist denn da-has?“ fragt eine Bekannte meiner Mitbewohner mit feixenden Blick auf mein Glas. „Tee!“ blaffe ich. Es ist wirklich kalter Tee mit Eiswürfeln. Grün, weil ich das Koffein dringend brauche.

Der Anpfiff nähert sich. Die Leute vom reservierten Tisch grölen irgendwelche Fußballlieder. Schon seit einer Stunde werde ich ständig von denen angehauen, ich solle lauter drehen. Mehrmals habe ich dieser Bitte schon entsprochen, es reicht immer noch nicht. Als die Mannschaften einlaufen, brüllt der halbe Tisch gleichzeitig „LAUTER!!!“

„Es wäre laut genug, wenn ihr einfach eure Schnauze halten würdet“, zische ich bei meiner Rückkehr hinter die Theke. Ich habe genug. Ich reiße den Lautstärke-Knopf nach oben, der Krach ist nun infernalisch. Dafür kriege ich stehenden Applaus.

Ich muss feststellen, dass ich nun, da es so laut ist, die Bestellungen nicht mehr hören kann. In mir drin stirbt etwas. Heimlich drehe ich wieder ein bisschen leiser, keiner merkt es.

Nationalhymne. Die eine Hälfte der Gäste singt mit, die andere Hälfte schürzt angewidert die Lippen. Ladies and Gentlemen: Deutschland.

Ich bitte meinen Mitbewohner, einen Kasten Weißbier holen zu gehen. Er weiß ja, wo alles ist. Er erledigt das schnell. Dann räumt er noch die Spülmaschine aus, weil sich die dreckigen Gläser inzwischen stapeln, und räumt sie wieder ein. Bevor er vor die Theke zurück kehrt, umarme ich ihn stürmisch. Der Stammgast an der Theke lacht.

„Sag mal, bist du alleine?!“ fragt mich eine Frau im Schankraum. Ich nicke, sie schüttelt fassungslos den Kopf.

Das Spiel läuft schon seit einer Viertelstunde, noch habe ich kein Fitzelchen davon gesehen. Hinter der Theke sehe ich den Fernseher nicht. Die Leute bestellen nun etwas weniger, wie immer, wenn ein Fußballspiel läuft. „Noch eine komplette Runde drehen, dann kuck ich selber mal 10 Minuten,“ nehme ich mir vor. Die Runde dauert ebenfalls eine Viertelstunde. Eigentlich könnte ich danach direkt wieder von vorne anfangen, aber ich beschließe, mir jetzt mal eine Pause zu gönnen. Mit einer Zigarette stelle ich mich zu meinen Mitbewohnern an die Theke. 10 Minuten hatte ich mir vorgenommen. Nach knapp vier Minuten ist meine Zigarette aufgeraucht und mein schlechtes Gewissen immens. Also wieder zurück.

Trotz der Hilfe meines Mitbewohners werden die Biergläser knapp. Wenn ein Tisch so voll ist, wie heute alle Tische voll sind, komme ich nicht an die benutzten Gläser ran. Die meisten Gäste denken auch nie daran, sie vielleicht mal dort hinzustellen, wo ich sie auch erreichen kann.

Ich überlege noch, wie ich das Problem lösen kann, als die Kopfschüttel-Frau zu mir kommt. „Sag mal, würde es dir helfen, wenn wir dir ein paar Gläser einsammeln?“
Die Rettung! Sie und ihre Freunde bringen alle ihre gebunkerten und unerreichbaren Gläser, ein paar andere tun es ihnen gleich.

Halbzeit. Ein allgemeiner Strom Richtung Klo setzt ein. Endlich Lücken, durch die ich passe und Gläser einsammeln kann. Die vier Pilstrinker bestellen ihren zweiten 5-Liter-Biertower.

Ich arbeite nun schon drei Stunden unter Volldampf und fange an, Fehler zu machen. Drei Weißbier und ein Weißbier mit Cola sind bestellt, ich mache ein Weißbier und drei Weißbier mit Cola. „Scheißeee,“ murmle ich, was jetzt? Ein Liter Bier einfach wegkippen?
Ich bringe den Leuten das Ergebnis trotzdem, zwei kriegen ihr Bier halt mit Cola, keiner beschwert sich.

Wir sind bereits in der 60. Minute. Ich habe immer noch nichts mitgekriegt, glaube aber ständig, was zu verpassen. Bei jedem noch so kleinen Run Richtung Tor schreit die Menge auf. Und sobald der Neuer den Ball auch nur berührt, egal wie lasch der Schuss war, gibt es „Manuuu!!“-Rufe und Applaus.

Überhaupt applaudieren alle pausenlos. Oft direkt neben meinem Ohr. Das pfeift inzwischen kräftig. Wie wird das erst, wenn wir wirklich ein Tor schießen?
Zeit für meinen alten Disco-Trick: Ohrstöpsel aus Taschentüchern basteln. Dafür reißt man eine Ecke ab, kaut sie und steckt sie sich ins Ohr. Isoliert gut und hält besser als normale Ohrstöpsel!

Ich komme mit neuen Bestellungen zur Theke. „Beliebigen Knopf drücken,“ empfängt mich jemand.
„Hä?“
„Das steht da! Robin, der Fernseher schaltet sich gleich ab!“
Nicht der Fernseher, sondern der Receiver!!! OMG, die automatische Abschaltung nach drei Stunden!!! Das wollte der Chef doch deaktivieren!!!

Ich springe zur Stereoanlage, oh mein Gott, welche Fernbedienung ist die richtige, was kann ich drücken, ohne alles kaputt zu machen, einfach mal ein Programm hoch und…

„EEEEY!!!!!“ brüllt der ganze Laden kollektiv auf. Ich ziehe den Kopf ein und drücke wieder zurück. Kollektives Aufatmen. „Hat geklappt,“ wird mir vergnügt mitgeteilt. Ich lächle hilflos.

Die 80. Minute nähert sich, mein Gott, wenigstens die letzten Minuten würde ich doch gerne sehen… ich nehme letzte Bestellungen auf. „Ähm, danach bin ich mal 10 Minuten am Kucken…“ „Mach nur, wir werden schon ne Viertelstunde auskommen, ohne zu Verdursten.“

Verständnisvolle Gäste.

Das Spiel geht in die Verlängerung, das gleiche gilt für mich. Ich finde eine halbe Minute Zeit, um mal die Lose durchzukucken. Eigentlich zählt das Ergebnis nach 90 Minuten, aber ob jemand wirklich 0:0 getippt hat…?
Ich finde einen Zettel, bei dem ich nicht beschwören könnte, ob die Zahl bei Deutschland eine 0 oder eine 3 ist. Auch das noch! Eine kurze Umfrage an der Theke ergibt aber, dass es eine 3 sein muss. Also kein Gewinner, dann zählt das Endergebnis, beschließe ich.

Zwei Fässer geht mein Mitbewohner mir wechseln, worüber ich sehr dankbar bin.

Halbzeit der Verlängerung, so, die zweite Hälfte kucke ich mir jetzt aber WIRKLICH an! Ein Kumpel meiner Mitbewohner bestellt noch ein Alt. „Das mach ich noch, dann kuck ich selber,“ teile ich ihm überzeugt mit. Er lächelt, redet kurz mit seiner Freundin, dreht sich wieder um, als ich ihm ein Alt hinstelle und sagt: „Machst du noch ein Radler?“

Nach dem Radler dann vor die Theke. Ich darf sogar sitzen. Es ist die 110. Minute. Ich rauche und trinke kalten Tee.

Dann macht Götze sein Tor und der Laden explodiert. Alle feiern, ich feiere mit. Was für ein schönes Tor!!

„Yay, wir sind Weltmeister!“ singt eine Bekannte neben mir, obwohl das Spiel noch läuft. Ich sage ihr, dass sowas Unglück bringt, obwohl ich es selber glaube.

10 Minuten und einen lächerlich schlechten Freistoß von Messi später ist es dann soweit. Keinen hält es mehr auf seinem Stuhl. Wir schreien und umarmen uns, ich höre Glas klirren, es ist mir egal. Im Schankraum falle ich mehreren Leuten um den Hals, dann stürme ich hinter die Theke und mache Freischnaps für alle klar. Das ist mit dem Chef nicht abgesprochen, es ist mir egal.

Der ruft kurz darauf an. In diesem Moment bin ich zu happy, um sauer auf ihn zu sein. Er spricht mir seine Hochachtung aus, weil ich schon vor dem ersten Spiel gesagt habe, dass wir Weltmeister werden, und er sich zusammen mit sämtlichen fußballbegeisterten Stammgästen deswegen über mich lustig gemacht hat. Er billigt außerdem meine Freirunde.

Ich bin mega gut drauf, aber das hält nicht lange an. Die Leute feiern, keiner sitzt mehr. Kein Durchkommen. Unmöglich, da überhaupt zu bedienen oder einzelne Leute noch ihren Tischen zuzuordnen. Einige könnten sogar schon gegangen sein. Wie lange das wohl noch geht? Ich habe so viel Geld in der Kasse, aber noch nichts abkassiert. Das macht mir Angst.

Glücklicherweise zieht es die Leute zwar nach draußen, aber nicht alle auf einmal. Ich kassiere das erste Dutzend ab. Wie erwartet bei so glücklichen Menschen klingelt die Trinkgeldkasse. Es sind aber tatsächlich ein, zwei dabei, die megageizig sind. Zum Beispiel hat der Typ, der sich über die klebrige Theke beschwert hat, die gar nicht klebrig war, zusammen mit seinem Kumpel 43,80 Euro zu bezahlen. Erst motzen sie, das könne ja nicht sein (kann es), dann geben sie 45 Euro. Und eine Tussi gibt doch tatsächlich gar nichts. Das macht mich ein bisschen fassungslos. Dafür gibt eine andere 7 Euro, „Weil du das heute so toll gemacht hast!“ Das höre ich noch mehrmals. Ich freue mich.

Es wird Zeit für die Siegerehrung. Drei Leute hatten 1:0 getippt. Hm, und jetzt? Anruf bei Chef. Der ist so gut drauf, dass er ALLEN einen Preis gönnt. Zwei Trikots haben wir noch (plus das, was ich trage – aber das ist inzwischen sehr versaut), dazu ne DFB-Stranddecke. Ich gehe alles holen, lasse die Gewinner Streichhölzer ziehen und übergebe alle Preise.

Immer mehr Leute bezahlen und gehen. Ich bin sicher, dass genügend bereit stehen, um nachzurücken – aber ich hatte schon vor Stunden beschlossen, nach dem Spiel dicht zu machen. Ich kann nicht mehr. Der Chef hätte heute das Geschäft seines Lebens machen können, hätte er mir noch eine Kollegin zur Seite gestellt – so ist jetzt Feierabend.

Einer der Typen, der gewonnen hat, bedankt sich am Ende überschwänglich für das Trikot. 80 Euro kosten die Dinger. Oder kosteten sie zumindest bis gestern – jetzt fehlt ja ein Stern. Ich lächle ihn an. Trinkgeld hat er nicht gegeben.

Die Leute, die schon vorher so nett waren, bestehen darauf, mir zu helfen, indem sie sämtliche Gläser zusammen räumen. Die Kopfschüttel-Frau lässt sich von mir die Mailadresse der Kneipe geben. Sie will sich bei meinem Chef beschweren, weil er mich allein hat stehen lassen. Viele andere Gäste teilen mir mit, wie geil ich den Laden geschmissen habe. Ich fühle mich wie die Weltmeisterin im Kellnern.

Ein Stammgast macht noch Stress, weil er betrunken immer aggressiv wird und findet, ich hätte mich einfach weigern sollen, so zu arbeiten. Einerseits findet er, ich hätte mich gar nicht so reinhängen sollen, andererseits ist er sauer, dass er nun bald gehen muss, weil ich schließe. Wir streiten uns ein bisschen, am Ende wankt er angepisst heim.

Ich schließe hinter ihm ab. Nur noch ein einziger Stammgast ist da, ein richtiges Schätzchen. Zu dem setze ich mich. Erstmal Pause vorm großen Aufwisch! Endlich in Ruhe rauchen, endlich auch mal ein Bier trinken!

Wir sitzen friedlich da und sehen uns ein bisschen Nachberichterstattung an, als mein Chef reingewankt kommt. Die Stände beim Public Viewing mussten schon um 1 Uhr schließen. Deutschland.

Seit unserem letzten Telefonat hat er es geschafft, sich komplett volllaufen zu lassen. Als er hoch zur Theke kommt, stolpert er gegen nen Barhocker und schiebt ihn beiseite. „Jetzt komm ich vom Stand und muss hier auch noch selbst die Stühle zusammen stellen,“ grummelt er. Für einen Moment würde ich ihn gerne umbringen.

Der Stammgast verabschiedet sich, Chef setzt sich an einen Tisch, den ich schon gewischt habe. Vermutlich will er noch bedient werden, aber nee. Ich ignoriere ihn und beginne, die Zapfanlage sauber zu machen. Wenig später schwankt er heim.

Ich räume weiter auf, während die Nachberichterstattung weiter läuft. Um 3 Uhr endet sie und eine Wiederholung des Spiels fängt an. Na sowas!

Ich muss nur noch das Leergut wegbringen und alle Getränke auffüllen, dann setze ich mich an die Theke. Während das Spiel läuft, zähle ich die Kasse. 750 Euro zähle ich, das wären 250 Bier, wenn denn alle nur Bier getrunken hätten, fast alles davon in nur fünf Stunden.

97 Euro Trinkgeld, das bricht meinen persönlichen Rekord.

Eigentlich wollte ich schnell raus, damit ich noch ein bisschen mitfeiern kann, aber das Spiel fesselt mich. Ich mache mir noch was zu trinken und hole mir eine Packung Kneipenchips, weil ich jetzt erst merke, wie hungrig ich bin, dann sitze ich allein an der Theke in der leeren Kneipe und sehe mir das WM-Finale an.

Als das Spiel abgepfiffen und der Pokal überreicht wird, weine ich ein bisschen.

Trikot4