Ein feministisches Desaster: Wonder Woman

Seit Wonder Woman vor zwei Wochen in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, bricht dieser Film Rekorde. Nicht nur das Einspielergebnis, sondern auch die Ratings auf imdb, Rotten Tomatoes etc.pp. beeindrucken.
Spätestens der inzwischen oft gelesene Spruch „Wonder Woman – der beste DC-Film seit langem!“ sollte allerdings stutzig machen, denn in Anbetracht von Verbrechen an die Filmkunst wie Man of Steel, Batman v Superman und Suicide Squad muss man sich fragen, ob das tatsächlich eine großartige Leistung darstellt.

DC hat mich in der Vergangenheit einfach zu oft enttäuscht, um den euphorischen Berichten glauben zu können. Deshalb habe ich etwas getan, was ich noch nie getan habe und bin am ersten Tag der deutschen Veröffentlichung ins Kino gegangen, um endlich mitreden zu können.

Leider wurde ich erneut enttäuscht, wenn auch ganz anders, als ich vermutet habe. Ich habe einen mittelmäßigen Actionfilm mit feministischen Anklängen erwartet – tatsächlich ist es mir aber nach dem Kinobesuch völlig unbegreiflich, was an diesem Film feministisch oder überhaupt in irgendeiner Weise herausragend sein soll.

Spoilerwarnung – Details zur Handlung, inklusive Plottwists

Wonder Womans erster Coverauftritt, 1942

Einige scheinen zu glauben, Wonder Woman müsse feministisch sein, weil es ein Film mit einem weiblichen Superhelden ist. Das ist aber falsch. Ein Wonder-Woman-Film muss feministisch sein, weil Wonder Woman feministisch ist. Ihr Schöpfer William Moulton Marston erfand sie, weil es ihn ärgerte, dass alle Superhelden männlich waren. Er war selber Feminist und hat mit Wonder Womans Background als Amazone den Inbegriff weiblicher Macht und Unabhängigkeit gewählt. Wonder Woman begleitet Steve Trevor in die Welt der Männer, um den Krieg zu beenden, aber auch, um für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen (in der Neuinterpretation ihrer Figur Mitte der Achtziger war das sogar der Hauptgrund).

Und schon sind wir mittendrin in der feministischen Kritik. Das ist nämlich etwas, was im gesamten Film nicht mit einem Wort Erwähnung wird.

Dabei betritt Wonder Woman im Film eine Zeit, die inzwischen 100 Jahre in der Vergangenheit liegt. Doch nicht ein einziges Mal stutzt sie oder wird überhaupt wirklich konfrontiert mit dieser Welt, in der Frauen nicht wählen oder Kriegsdienst leisten dürfen oder überhaupt etwas zu sagen haben. Kein Stirnrunzeln, als die versammelten Generäle sich ereifern, weil sie, eine FRAU, es gewagt hat, in ihre Sitzung zu platzen. Nicht ein Wortwechsel zwischen Steve und seinen Compagnons, die ihn fragen, was um alles in der Welt er sich dabei gedacht hat, eine Frau auf ihre Mission mitzunehmen. Und damit auch keine Gelegenheit für Diana, sich gegen diese Behandlung zu wehren – und den Jungs demonstrativ zu beweisen, dass sie trotz ihres Geschlechts alles kann, was sie können, nur besser.

Eine Frau als Präsident? In 1000 Jahren vielleicht.

Es scheint inzwischen als feministisch zu gelten, eine Frau in eine klassische Männerrolle zu stecken und dann so zu tun, als würde das keinen Unterschied machen. Leider werden damit Tatsachen ignoriert, die aber nun mal existieren – heute und noch viel mehr vor 100 Jahren. Wonder Woman kommentiert den Sexismus dieser Welt nicht, sie registriert ihn ja nicht mal. Sie nimmt ihn vielmehr sogar an. Sie akzeptiert ohne Widerrede, dass sie sich nicht öffentlich in ihrer Uniform zeigen darf, auch wenn sie nicht weiß wieso, und lässt sich fügsam aus der Versammlung der Generälen führen, so, wie sie sich eigentlich den ganzen Film über von Steve Trevor führen lässt. Da bleiben auch die wenigen Male, als sie (endlich!) doch tut, was sie für richtig hält, nicht im Gedächtnis und ein Spruch wie „Ich lasse mir von dir nichts befehlen!“ wirkt eher hysterisch in seiner Hilflosigkeit. So typisch Weib eben.

Ich habe mir kein flammendes feministisches Plädoyer von einem Film gewünscht, im Gegenteil. Das wirkt schnell belehrend und nervt. Aber dieses völlige Ausblenden historischer Diskriminierungserfahrungen, sogar die bloße Nicht-Erwähnung des Umstands, dass Frauen im Jahr 1918 normalerweise nicht an die Front reisen und kämpfen – das ist geschichtsvergessen und schlicht ignorant.

Sexismus kennen übrigens auch die Amazonen – denn Männer, das sind für sie ausnahmslos Kriegstreiber, Gewalttäter, Tiere. Diana nun betritt in ihrer Achtziger-Version die Welt der Männer nicht nur als ihre Botschafterin mit dem Auftrag der Befreiung der Frau – sondern lernt, dass es auch gute Männer gibt. Steve ist einer davon, ihre späteren Kollegen Superman und Batman ebenfalls. Diese versöhnliche Botschaft geht über den vulgärfeministischen Ansatz eines William Moulton Marston, der von der Überlegenheit der Frau überzeugt war und sich ein Matriarchat herbei sehnte, weit hinaus und hätte Chancen geboten, die hier gnadenlos verspielt worden sind, weil das Geschlechterthema schlicht und ergreifend völlig eliminiert wurde.

Ein Superheldenfilm ohne Geschlechterthematik? Klar kann man das machen. Aber eben nicht bei Wonder Woman. Und wenn alle, die den Film bisher euphorisch gelobt haben, mal einen Schritt zurück treten würden, dann müssten sie erkennen, dass dieser Film nicht direkt ein feministisches Meisterwerk ist, nur weil im ersten Drittel ein paar durchaus coole Amazonen vorkommen.

Wonder Woman auf dem Cover des feministischen Ms.-Magazins

Allein dadurch wird Wonder Woman zu einem Film, der von dem Geschlecht der Superheldin abgesehen keine feministische Botschaft hat, sogar im Gegenteil unfeministischer ist als so ziemlich alles, was ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Selbst Deadpool, der eine Frau abknallt, weil er es irgendwie sexistisch findet, wenn er während seiner Tötungsorgie nur bei Frauen eine Ausnahme machen würde, ist da emanzipatorischer. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich nur eine einzige Szene zu wünschen, in der Wonder Woman einem Macho, der sie beleidigt, voll auf die Fresse haut?

Aber eine Frau hat Regie geführt! Kaum ein Artikel, der Patty Jenkins‘ Regiearbeit nicht besonders hervorhebt, als handle es sich hierbei um die Entdeckung des achten Weltwunders. Erwähnenswert dabei immer Monster, „Jenkins‘ Oscarfilm“ – tatsächlich hat einzig Charlize Theron, die die Hauptrolle spielte, für den Film einen Oscar erhalten, auch wenn die Formulierung etwas anderes nahelegt. Und da Jenkins seit Monster (von 2003!) keinen Kinofilm mehr gedreht hat, gibt es kaum eine Gelegenheit, ihre bisherige Arbeit zu bewerten und damit auch keine Möglichkeit, ihren persönlichen Stil zu erkennen. Vielmehr ist eine andere Handschrift unverkennbar – Zack Snyders, der bei Man of Steel und Batman v Superman Regie geführt hat und hier sowohl Produzent ist, als auch die Story beigesteuert hat. Slowmotion ist sein filmisches Markenzeichen. Die Zeitlupeneinstellungen während der Kämpfe, mit denen die ohnehin schon überrissene Akrobatik der Amazonen mehr als einmal haarscharf am Rande der Lächerlichkeit taumelt, nehmen den Kämpfen allerdings viel Dynamik und werden schlicht überstrapaziert. Das allerdings ist typisch für Snyder und Grund für so ziemlich allen Spott, den er für seine Arbeit erhält. Neben dem viel zu auffälligen CGI-Effekten natürlich. Diese, sowie sein Hang zu düsteren Farben, sind bei Wonder Woman und vor allem der Darstellung von Themyscira nicht ganz so ausgeprägt wie sonst, aber immer noch störend genug in ihrer Künstlichkeit. Bei Filmen wie 300 (Synders Durchbruch), den ich sehr mochte, war das ja noch neu und passend, aber ich kenne wirklich niemanden, der diesem Stil langfristig etwas abgewinnen kann. Umso unbegreiflicher, dass er immer noch solche Megadeals erhält!

Was allerdings wohl sicher auf Jenkins zurück zu führen ist – und das hat mich tatsächlich positiv überrascht, weil ich das in dieser Deutlichkeit noch nie bemerkt habe – ist das völlige Fehlen des „männlichen Blicks“. Aber selbst dieses wohltuend ungewohnte Stilmerkmal verkehrt sich ins Negative, wenn Steve Dianas zeitgemäße Verkleidung brüsk kommentiert: „Sie sollte doch WENIGER auffällig aussehen!“ – und die Kamera die ganze Zeit auf ihrem Gesicht bleibt. Die Aussage ist nicht nur lächerlich (das graue Kostüm kann man maximal adrett nennen), sondern auch unpassend umgesetzt, da ja aus seiner Sicht gefilmt wird, ohne einen Schwenk über ihren Körper aber der Eindruck entsteht, es sei wirklich nur ihr Gesicht und nicht etwa ihr knappes Superheldenoutfit, was ihn bisher gestört hat. Was hat er sich als Verkleidung vorgestellt, eine Burka?

Hätte ich einen Regisseur nennen müssen, der es versteht, Frauenrollen zu drehen, wäre mir auf Anhieb ein Name eingefallen: Joss Whedon. Das Mastermind hinter Buffy, der vielleicht besten Serie mit einer starken Frau in der Hauptrolle aller Zeiten, war auch verantwortlich für Avengers und hat dort mit Black Widow einen weiblichen Charakter interpretiert, der interessant, cool, stark und wahnsinnig tough ist. Eben das hätte ich mir für Wonder Woman gewünscht und sollte sie im kommenden Justice-League-Film so dargestellt werden, dann ist das ganz allein Whedons Verdienst, der kürzlich für den ausgefallenen Synder als Regisseur eingesprungen ist. Hätte ich gewusst, dass es tatsächlich möglich ist, gleichzeitig für Marvel und für DC zu arbeiten, wäre er als Regisseur für Wonder Woman meine allererste Wahl gewesen.

Tatsächlich war er vor Jahren schon mal im Gespräch gewesen als Regisseur, aber die Verhandlungen darüber scheiterten. So wurde es also Jenkins und wäre sie es nicht geworden, dann eine andere Frau, denn genau das war das alleinige Kriterium, nach dem Warner Bros. den Posten der Regie besetzte. Kompetenz egal, Hauptsache weiblich – das kann ich beim besten Willen nicht als Fortschritt ansehen, vor allem nicht eingedenk des vorliegenden Ergebnisses.

Nach eigener Aussage wollte Jenkins Wonder Woman schon seit Jahren drehen. Umso unverständlicher, warum dann ausgerechnet mit Wonder Womans Abstammung als Tochter des Zeus (der laut Überlieferung die Menschen übrigens NICHT erschaffen hat, aber wen interessieren schon solche Details) ein Storyelement in den Film Einzug hielt, das in den Comics erst seit 2011 etabliert wurde. Davor war ihre Schöpfung aus geformten Lehm Kanon gewesen – SIEBZIG JAHRE LANG.
Änderungen wie diese passieren in Comics häufig und regelmäßig und so gut wie immer sind die alteingesessenen Fans damit unzufrieden. Aber obwohl mir schon oft Pingeligkeit vorgeworfen wurde bei meiner Kritik an Neuheiten oder nicht-werkgetreuen Adaptionen, weigere ich mich, das dieses Mal gelten zu lassen. Was DC damals angerichtet hat, geht weit über die üblichen Umgestaltungen hinaus und hat der Wonder Woman als Figur massiven Schaden zugefügt.

Und das wird nun auch auf die Leinwand getragen: Nicht Hippolyte, die als Herrscherin über ein ganzes Volk voll starker, wunderschöner Frauen glücklich sein müsste, es aber nicht ist, weil sie sich nichts mehr wünscht als ein Kind, erschafft Diana. Zeus ist es. Doch zeugt er kein Kind der Liebe (oder auch nur der Lust), sondern eine Waffe gegen seinen entfesselten Sohn. Diana ist damit Mittel zum Zweck, kein vaterloses Wunder aus Lehm, dem Aphrodite aus Gnade gegenüber der flehenden Hippolyte Leben einhaucht, einer Tochter, die sie schuf um ihrer selbst willen, von den Göttern des Olymps ausgestattet mit Kräften weit über das menschliche Maß hinaus. Nein, stattdessen ist sie lediglich ein weiblicher Halbgott, wie es sie zu Dutzenden gibt. Und so stellt sie sich dann auch ihrer Bestimmung, nicht weil sie getrieben ist von ihrem unbedingten Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit, sondern weil Zeus, ihr Vater, ein Mann, das eben so geplant hat.

Das ist mehr als nur ärgerlich. Es ist traurig. Und es macht die Figur schon auf der untersten konzeptionellen Ebene unfeministisch. Tatsächlich ist es so, als hätte man ihr damit die Seele ihres Schöpfers ausgetrieben. Der Film nun, der nicht verpflichtet gewesen wäre, dieser Neuinterpretation zu folgen, tut das nicht nur, sondern verhöhnt auch noch die ursprüngliche Idee. „Ach ja, du wurdest ja aus LEHM geformt,“ spottet Steve – und das ist zusätzlich auch noch unfassbar arrogant. Mit welchem Recht spuckt die Filmadaption auf eine Originstory, die im ersten Moment für Nicht-Comicleser vielleicht lächerlich klingt, sich aber wunderbar in das mythologische Setting einfügt, wesentlich origineller ist als die meisten anderen Superheldenentstehungsgeschichten und darüber hinaus noch die tiefgründige Bedeutungsebene der vaterlosen Geburt trägt?

Mein erster DC-Comic war Wonder Woman – und ich war als Kind absolut fasziniert von ihrer Geschichte, auch wenn ich diesen Subtext noch nicht verstand. Mein Fanherz blutete bei Steves Spott und mir ging das Messer im Sack auf. Ist es da ein Wunder, dass DC seit Jahren im Kino keinen Fuß auf den Boden bekommt, wenn sie so mit ihren Schöpfungen umgehen?

Abgesehen von dieser dezidiert feministischen Kritik möchte ich allgemein von der eigentlichen Handlung noch zwei weitere Dinge heraus stellen, die mir besonders negativ aufgefallen sind.

Zum einen wäre da die reichlich seltsame Entscheidung, das Setting von Wonder Woman, deren Historie über 75 Jahre eng mit dem 2. Weltkrieg verbunden war, in den 1. Weltkrieg zu verlagern. „Intelligent“, findet die FAZ, Nazis seien ja so ausgelutscht. Kann man so sehen, allerdings wusste selbst die grenzdebile Sarah-Palin-Doppelgängerin in Iron Sky, dass es keine besseren Schurken gibt als Nazis. Deshalb funktioniert die Änderung des Settings auch aus dem gleichen Grund nicht, aus dem Kriegscomics nach dem 2. Weltkrieg aus der Mode kamen, obwohl mit dem Koreakrieg der nächste große Konflikt gar nicht lange auf sich warten ließ: Das Feindbild ist einfach nicht besonders gut. Den 1. Weltkrieg allein Deutschland anzulasten, selbst wenn es unter dem Einfluss von Kriegsgott Ares stand, ist historisch bestenfalls fragwürdig und nötigt den Zuschauern einiges ab. Nazis dagegen, als alleinige Aggressoren, Hassprediger und Massenmörder schon schlimm genug, aber mit ihrem Mutterkult und einem Rollenbild, in dem die Frau nur als Gebärmaschine und gehorsame Dienerin ihres arischen Mannes Platz hat auch der Inbegriff eines Patriachats – das wäre was gewesen. Es ist nicht ausgelutscht, wenn es funktioniert.

Tatsächlich wollte DC wohl einfach keinen Superheldenfilm mit Nazis drehen, wenn Marvel das doch schon mit Captain America vorgemacht hat. Aber die haben halt trotzdem kein Patent auf Nazis, und wenn man schon solche Angst vor Plagiaten hat, sollte man nicht General Ludendorffs Chefchemikerin eine Substanz erfinden lassen, die frappierend an Captain Americas Superserum erinnert, darüber hinaus aber nahezu keine Storyrelevanz besitzt.

Gleichzeitig mit dem Settingwechsel wird damit auch jegliche Verbindung zu Amerika gekappt. Nun ist der Standort USA neben Feminismus und griechischer Mythologie aber ein integraler Bestandteil der Figur. Wonder Woman ist schlicht eine amerikanische Heldin, nicht gerade in dem Maße wie Captain America, aber nah genug dran. Vor einigen Tagen schien sich das ganze Internet darüber zu amüsieren, dass FOX den fehlenden Patriotismus der Figur bemängelte, aber leider hat diese Kritik, so lächerlich sie auch wirken mag (und so antisemitisch motiviert sie in Wahrheit möglicherweise ist), einen wahren Kern, wenn man bedenkt, dass tatsächlich nicht ein einziger Amerikaner – von einem amerikanischen Ureinwohner an der belgischen Front einmal abgesehen – in diesem Film vorkommt. Der Frage, warum Wonder Woman dann ein Star-Spangled-Banner als Kostüm trägt, wurde zwar aus dem Weg gegangen, indem man die Sterne einfach wegließ – die Assoziation bleibt aber, denn Wonder Woman ist nun mal eine Ikone der Popkultur, deren Darstellung auch der bisher desinteressierteste Kinobesucher irgendwann schon einmal irgendwo gesehen hat. Das lässt sich nicht einfach so wegwischen, selbst wenn es die Verantwortlichen wirklich versucht hätten, wovon man aber wiederum nichts merkt. Gleichzeitig beweisen Dianas im Laufe des Films zunehmend übermenschliche Fähigkeiten bzw. der Umstand, dass diese bis zur Enthüllung ihrer Herkunft nicht erklärt werden, dass beim Publikum minimales Wissen um die Figur vorausgesetzt wird, was damit ja auch wieder inkonsequent ist.

Der zweite Punkt betrifft die Weglassung des Contests. In bisher fast jeder Adaption musste Diana zuvor eine Reihe von Wettkämpfen bestreiten, bis feststand, dass sie die beste Kämpferin unter den Amazonen und damit würdig ist, den Titel „Wonder Woman“ (sowie das dazu gehörige Kostüm und das Lasso der Wahrheit) zu tragen. Im Film dagegen entschließt sie sich einfach, die Insel zu verlassen, und handelt damit gegen den erklärten Befehl ihrer Mutter und Königin (deren hervorstechendes Merkmal ist aber ohnehin, dass sie sich erst über missachtete Befehle ereifert und dann doch nachgibt, worüber ich mir jetzt jeglichen Kommentar spare).
Der Unterschied ist offensichtlich: In der Ursprungsversion hat sie sich die Ehre VERDIENT, während sie in der Filmversion durch die Untätigkeit der Amazonen regelrecht dazu getrieben wird. Die Betonung ihrer edlen Gesinnung geht also zu Lasten derer ihres Volkes, dem die Kriegsopfer in der Außenwelt damit anscheinend ziemlich egal sind.

Natürlich MUSS ein Film, der nun mal eine begrenzte Laufzeit hat, an manchen Stellen gekürzt werden. Aber der Contest ist meiner Meinung nach zu essentiell, um gestrichen zu werden – anders als der Kampf der Amazonen gegen die eindringenden Deutschen. Natürlich: Man wollte sie kämpfend, eben in Aktion zeigen – aber gerade das wäre doch auch beim Contest der Fall gewesen. Und damit wäre auch die peinliche Frage vermieden worden, wieso die mächtige magische Barriere um Themyscira offensichtlich von jeder kleinen Nussschale von einem Boot durchbrochen werden kann.

Antiope, Dianas Tante und Ausbilderin (die in den Comics übrigens schon seit Jahrzehnten von der schwarzen Amazone Philippus verkörpert wird, was die große Masse der radikalfeministischen Wonder-Woman-Neufans glücklicherweise nicht weiß und wir damit einer weiteren ermüdenden Whitewashing-Debatte entronnen sind), hätte außerdem nicht sterben müssen. Das inzwischen nur noch nervige und dämliche Klischee eines toten Familienmitglieds als Motivation des Helden, das in Barry Allens (The Flash) ermordeter Mutter einen traurigen Höhepunkt gefunden hat, wäre vermieden worden. Vielmehr hätte sich hier die Möglichkeit geboten, Diana WIRKLICH als würdigste Kandidatin zu zeigen – indem sie Antiope im Kampf Frau gegen Frau erstmals besiegt. Die Schülerin übertrifft die Meisterin, Antiope senkt respektvoll ihr Haupt – wie großartig wäre das bitte gewesen.

Ich glaube, das hätte man durchaus unterbringen können. Natürlich hätte man dann an anderer Stelle kürzen müssen, aber bedenkt man die pure Dämlichkeit des eigentlichen Plots, wäre hier weniger eine Kürzung denn eine komplett andere Story nötig gewesen. Bis hierhin war der Verriss größtenteils eine Kritik an der ADAPTION einer Figur, die ich bereits vorher kannte. Aber auch als normaler Superheldenfilm ist Wonder Woman EINFACH NICHT GUT. Ludendorffs Plan, das neu entwickelte Supersenfgas gegen die englische Zivilbevölkerung einzusetzen, ist am Ende ein Twist aus dem Nichts und als Storyelement so löchrig wie die Gasmasken nach einer Behandlung mit eben diesem. Denn für einen solchen Angriff wäre keine jahrelange Forschung nötig gewesen – oder trägt etwa jeder Londoner eine Gasmaske im Bett, die man erst aufwendig zersetzen muss, bevor das Gas seine tödliche Wirkung entfalten kann? Überhaupt, was macht London als Ziel attraktiver als Paris, Moskau, Washington? Der gesamte Plan wirkt wie eine Rachaktion, wenn man auch nicht weiß für was – einen kriegsstrategischen Sinn vermag ich dahinter jedenfalls nicht erkennen, sofern Ludendorff nicht vorhat, die gesamte Weltgemeinschaft noch mehr gegen Deutschland aufzubringen und den Krieg auf diese Weise zu beenden, weil ihm die schon laufenden Waffenstillstandsverhandlungen irgendwie zu konventionell sind. Mein Gott, ist das so blöd! Ähnlich schwammig und verwirrend wirkt dann auch Ares‘ Plan, den ich nicht mal wiedergeben könnte, weil er total an den Haaren herbei gezogen ist.

Und selbst wenn man über so etwas in einem Actionfilm, der nicht zwangsläufig intelligent oder auch nur schlüssig sein muss, hinweg sehen kann, hat der Film noch weitere Probleme. Die Spezialeffekte machen stellenweise einfach fassungslos. Schon in der Szene, in der Diana als Kind von der Klippe springt (warum auch immer), also gerade mal gut 5 Minuten im Film, sind die Hintergründe so grauenhaft schlecht animiert, dass ich im Kino wirklich die Hände über den Kopf zusammen schlug. Ein Film mit diesem Budget, und DAS kommt dabei heraus?! Es gibt Filme, die zwanzig Jahre und mehr auf dem Buckel haben und trotzdem bessere Effekte aufweisen können. Und die wurden noch mit Bluescreen gedreht! Leider kein einmaliger Ausrutscher, sondern fast in jeder Szene mit Special Effects, vor allem bei Wonder Womans Kampfszenen, zu bestaunen. Allein dafür könnte man schon fast sein Geld zurück verlangen. Das Studio weiß offensichtlich sowieso nichts damit anzufangen!

Und ja, ich weiß, dass das niemand hören will – aber Gal Gadot ist eine BESCHISSENE Schauspielerin. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeugt ihr Gesichtsausdruck von ihrer Karriere als Model, denn der Blick ist alles, nur nicht natürlich. Sie ist wunderschön, klar, aber gibt es in Hollywood solche Frauen nicht zu Hunderten, die deutlich besser schauspielern können? Da sie zuvor praktisch unbekannt war, kann dieser Faktor da auch keine Rolle gespielt haben. Das ist in der Tat eine Besetzung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und versaut mir auch noch den Spaß an den Szenen, die nicht pointless, unfreiwillig komisch oder auf andere Weise schlecht sind!

Fazit: Trotz der ikonischen Hauptfigur und einer reichen Veröffentlichungshistorie, aus der man sich bei Story und Konzeption hätte bedienen können, wurden bei Wonder Woman eigentlich nur falsche Entscheidungen getroffen – personell, narrativ, dramaturgisch. Das Ergebnis ist dann vom feministischen Standpunkt aus ein absolutes Desaster und auch ansonsten einfach kein guter Film, weder für normale Kinogänger, als auch im noch größeren Maße für Fans. Hätte man dieselbe Mühe, die man anscheinend darauf verwendet hat, Wonder Woman alles Feministische auszutreiben, in die Entwicklung einer guten Story gesteckt, wäre der Film ein Meisterwerk geworden. So ist er nur ein schreckliches Vorzeichen auf das, was mit Justice League noch kommen mag. Aus den Lobeshymnen kann man indes nur schließen, dass die Latte für DC-Produktionen inzwischen wirklich gewaltig niedrig hängt – und eine Frau als Hauptperson, die nicht eindeutig sexistische Klischees bedient, offensichtlich schon reicht, um das Label „feministisch“ zu verdienen.

Damit ist nicht Wonder Woman der beste DC-Film seit Langem, sondern weiterhin The LEGO Batman Movie und mein Gott, wie traurig ist das bitte.

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20 Jahre §177-Reform – Die halbe Geschichte eines Meilensteins

Vorgestern feierte meine Timeline das Jubiläum eines Meilensteins: Nach jahrelangem Ringen wurde am 15. Mai 1997 eine Reform des Paragraphen 177 (heute „sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“) beschlossen. Gegen den Widerstand weiter Teile der CDU wurde damals der Begriff „außerehelich“ aus dem Gesetzestext gestrichen, womit Vergewaltigung in der Ehe nun endlich auch als solche justiziabel war. Dem voraus gingen endlose Debatten, die heute größtenteils schockierend und absurd anmuten und sich deshalb perfekt zu Demonstrationszwecken eignen – zeigt dies doch, wie hart einst für Rechte gekämpft werden musste, die uns heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie auf dem Papier noch gar nicht so lange existieren.

Ich war 12, als die Reform auf den Weg gebracht worden ist. Ich wusste damals nicht, dass Ehepartner bis dato vom Straftatbestand „Vergewaltigung“ nicht erfasst worden sind und war darüber schockiert. Umso wichtiger finde ich eine Erinnerungskultur in Form einer Berichterstattung 20 Jahre nach der Reform.

Und trotzdem stößt mir gerade diese Berichterstattung sauer auf. Es wird nämlich nur die halbe Geschichte erzählt.

Sehen wir uns dazu den §177 mal an, der bis zur Reform nur den Tatbestand „Vergewaltigung“ umfasste:

§ 177. Vergewaltigung.

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

 

 

Mit der Reform wurden die Straftatbestände „Sexuelle Nötigung“ und „Vergewaltigung“ zusammen gefasst, eine Vergewaltigung somit also zu einer besonders schweren Form der sexuellen Nötigung. Das neue Gesetz las sich dann nach einigen kleineren Korrekturen von 1998 bis 2016 (in gekürzter Form) so:
 

§ 177. Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung.

(1) Wer eine andere Person

  • 1. mit Gewalt,
  • 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  • 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. [2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  • 1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Wie bereits erwähnt wurde hier „außerehelich“ gestrichen. Gleichzeitig, und das fällt vielleicht nicht so deutlich ins Auge, wenn der Text mit den sexistischen Vorzeichen gelesen wird, die wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben, wird jedoch auch aus der „Frau“ in der älteren Version das geschlechtsneutrale „Person“. Und das, liebe Berichterstatter, bedeutet nichts anderes als das: Vor der §177-Reform konnten Männer laut deutschen Gesetz nicht vergewaltigt werden.

Ich möchte nun sicher nicht darüber streiten, welche Änderung bahnbrechender war. So argumentierte ein Kumpel gestern, ein betroffener Mann hätte zwar keine Vergewaltigung, wohl aber die schon vor 1997 geschlechtsneutral formulierte „Sexuelle Nötigung“ (damals §178) zur Anzeige bringen können. Allerdings gilt für Vergewaltigung in der Ehe ähnliches: Diese konnte auch schon vor der Reform als einfache Nötigung (§240) oder Körperverletzung verurteilt werden (weshalb die Behauptung, sie wäre vor 1997 „straffrei“ gewesen, strenggenommen falsch ist).
Aber das sind Feinheiten. Richtig ist ganz simpel: Bis 1997 konnte vor dem Gesetz eine Frau nicht von ihrem Ehemann und Männer im Allgemeinen von niemanden vergewaltigt werden.

Soweit die Fakten. Fragen bleibt dennoch:

Warum wird die Änderung Männer betreffend an keiner Stelle miterwähnt? Warum fällt die gegenüber der Vergewaltigung in der Ehe völlig unter den Tisch? Gibt es darüber nicht ähnlich zeithistorisch interessante Bundestagsdebattenschnipsel, welche den schweren Weg bis dahin nachzeichnen? Wie wurde DIESER Antrag aufgenommen, wer hat ihn zur Diskussion gestellt, wie lauteten die Gegenargumente? Und so weiter.

Jetzt könnte man aus antifeministischer Sicht argumentieren, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nun mal als wichtigeres Problem wahrgenommen wird als gegen Männer. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, erklärt das in keinster Weise, warum auch aus Männerrechtler-Kreisen keine einzige Anmerkung zu dieser Reform gekommen ist. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer solchen einzig auf einen Eintrag zum §177 in der antifeministischen und sexistischen Datenbank WikiMANNia gestoßen, der allerdings die Reform weniger feiert als sie in verschwörungstheoretischer Manier negiert. Eine Sichtweise übrigens, mit der ich mich auch schon auseinander setzen musste:

Während ich mich also durchaus darüber ärgere, dass nur die halbe Wahrheit zu dieser dringend nötigen Reform den Weg in die Medien findet, besteht die Erinnerungskultur und damit Lobbyarbeit deutscher Männerrechtler mal wieder aus – genau – nichts.

Aber das ist ja nun auch nichts neues.

Quellen zur Straftatsbestandsgeschichte: lexetius.com

Männertränen to the Max und (fehlende) Vorbilder

Gestern hat „Mad Max: Fury Road“ bei den Oscars richtig abgesahnt. Der Freund war indes leicht verstimmt, weil ich den Streifen auf Twitter als „den bescheuertsten Film aller Zeiten“ bezeichnet habe.
Aber das ist er nun mal. Er ist bekloppt, total krank, maßlos übertrieben, irrsinnig, abgedreht, sprich: einfach bescheuert to the Max und das macht so verdammt viel Spaß, wie ein Film nur Spaß machen kann. Ob das oscarwürdig ist? Keine Ahnung. Beziehungsweise, naja, offensichtlich schon. Aber egal – für mich ist nur wichtig, dass ich den Film sicher nicht zum letzten Mal gesehen habe.

Tittenlastig

Die Oscarverleihung erinnerte mich jedoch gleichzeitig wieder an einen Text, über den ich vor Monaten gestolpert bin und der aus dem Reigen der übeschwänglichen Kritiken ausbricht. Wobei, eine Kritik kann man das wirklich nicht nennen… der Autor hat nämlich nur 10 Minuten durchgehalten, nimmt das jedoch zum Anlass, „dem neuen Filmstandard“ einen Rundschlag zu verpassen.

Neue Filme haben nämlich für ihn genau eine Schwachstelle. Etwas, was man der Welt eigentlich wirklich nicht zumuten kann. Neue Filme haben nämlich – so die weinerliche Heultriade – einfach VIEL ZU VIELE STARKE FRAUEN!!!

Ich weiß, was ihr jetzt denkt: E-kel-haft. Frauen als Hauptakteure? Frauen als leading roles? Mehr Frauen als Männer auf der Leinwand? Widerlich – da fault einem ja schon beim Gedanken daran der Schwanz ab!

Jedenfalls das kümmerliche Exemplar, den man sein Eigen nennen muss, wenn man so eine unfassbare Scheiße verzapft.

Oh, tears so manly

Okay, das habe ich jetzt nur geschrieben, damit die antifeministische Meute wieder was zu geifern hat. Überhaupt ist so ziemlich der einzige Punkt, den selbst seriöse Männerrechtler, die mich leiden können und beim bösen Wort „Feminismus“ nicht direkt Schnappatmung kriegen,  an mir kritisieren, meine konsequente Verwendung des Begriffes „male tears“. Aber wie soll man ein solches Mimimi anders nennen? Der Autor ist gar nicht persönlich betroffen, niemand zwingt ihn, sich diese Filme anzusehen. Und dennoch fühlt er sich IRGENDWIE benachteiligt, nur weil sich EINIGE Filmemacher an die offensichtliche Tatsache erinnert haben, dass die Hälfte der Menschheit aus Frauen besteht und man das deshalb auch in Filmen so zeigen kann.

Nun halte ich den Bechdel-Test, der zeigen soll, wie es um weibliche Repräsentation in Filmen bestellt ist, für ein absolut lächerliches Konstrukt. Mir sind zwei Frauen, die inhaltsschwer über den männlichen Hauptprotagonisten reden wesentlich lieber, als zwei Frauen, die sich über Lipgloss und Nagellack unterhalten (letzeres würde den Test bestehen, ersteres nicht). Und ein interessanter männlicher Charakter spricht mich bedeutend mehr an als ein weiblicher Charakter, den man nur eingeführt hat weil „weibliche Repräsentation und so“. Aber man müsste wirklich schon blind und dämlich sein, um nicht trotzdem zu merken, dass die meisten (Haupt)Rollen in Film und Fernsehen immer noch mit Männern besetzt werden.

Sich nun darüber zu echauffieren, dass es tatsächlich auch Ausnahmen gibt – wie soll man das anders nennen als „peinliche Jammerei“ auf einem Niveau, wie man es halt nur in der Manosphere findet, weshalb der Begriff „male tears“ nun mal zutreffender kaum sein kann?

Der Mittelpunkt des Universums

Wobei, natürlich trifft das nicht nur Filme und Serien. In die selbe Kerbe schlägt ein viel älterer Artikel, in dem sich ein männlicher Abiturient unter anderem darüber ereifert, in seiner Deutschprüfung „Frauenthemen“ behandeln zu müssen. Er musste nämlich wählen aus drei Themen: Eine Gedichtinterpretation zur „Loreley“ und „eine Textinterpretation über zwei Damen die an Liebeskummer leiden“. Das dritte Thema wird nicht erwähnt – vermutlich war das ein „Männerthema“.

Meine Fresse, ey. Wisst ihr, was meine Themen in der Oberstufe waren? Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Faust, Die Räuber, moderne Liebeslyrik und Die Blechtrommel. Also haargenau ein Werk, in dem tatsächlich eine Frau eine größere Rolle spielt – wobei es in „Minna von Barnhelm“ eigentlich ausschließlich um männliche Befindlichkeiten geht. Und da regt sich dieses angebliche Bübchen darüber auf, die „Loreley“ interpretieren zu müssen? Ist ja nur eines der bedeutendsten Gedichte der deutschen Romantik (das man übrigens auch antifeministisch deuten könnte, wenn man wollte). Und warum sich mit dem Liebeskummer zweier Frauen auseinander setzen, wenn man sich doch viel besser mit Oskar Matzeraths oder Karl von Moors Eskapaden befassen kann (zum Beispiel dem Vergewaltigen von Nonnen – was für ein tragischer Held)?

Dass dabei die MÄDCHEN in der Klasse auf der Strecke bleiben… hach, das juckt die Herren der Schöpfung natürlich nicht. Sie wollen, nein, MÜSSEN der Mittelpunkt des Universums sein – weniger ist inakzeptabel. Deshalb geht eine Deutschprüfung mit zwei Dritteln angeblicher „Frauenthemen“ gar nicht, obwohl die „männerfreundliche“ Alternative hieße,  zwei Drittel „Männerthemen“ zu behandeln. Oder drei Drittel. Was dann natürlich wieder überhaupt kein Problem wäre.

Ich halte diesen Brief eines Abiturienten ja für einen äußerst peinlichen Fake. Ernsthaft, allein dieser Satz: „Entschuldigt meine saloppe Ausdrucksweise aber ich hab genug von diesem erbärmlichen Quatsch mit Soße“? Also BITTE. Die Achtziger haben angerufen: Sie wollen ihre knorken Beleidigungen zurück! Zumal hier, wenn ich mich nicht ganz stark irre, bei Veröffentlichung noch „Quatsch mit Sosse“ stand, ein Fehler, der einem älteren Autor, der die Schule schon vor längerer Zeit abgeschlossen und daher von der letzten Rechtschreibreform nicht viel mehr mitgekriegt hat, als dass das ß irgendwie abgeschafft worden ist, in Nachahmung eines, äh… „jugendlichen“ Schreibstils (rofl) leicht unterlaufen kann, einem aktuellen Schüler allerdings eher weniger.

Abgesehen davon ist aber auch das einfach wieder Jammerei auf Höchstniveau – entweder von einem Mann oder einem Jungen, der dabei vergisst, dass er Dinge beweint, die für Frauen (und Mädchen) so alltäglich sind, dass sie den meisten nicht mal auffallen. Ich wäre als Schülerin nicht mal auf die IDEE gekommen, mich über die Überrepräsentanz männlicher Protagonisten in unserer Literaturauswahl zu beschweren, weil es so NORMAL war!

Die wenigen Vorbilder

Zurück zu den Medien und gleich mal zur Frage, warum ich das Thema JETZT auspacke, obwohl über Mad Max tatsächlich schon viel gesagt worden ist (auch zu diesem Thema). Ganz einfach: Erstens habe ich den Film erst kürzlich sehen können (und bin seitdem sehr betrübt darüber, um das Kinoerlebnis gebracht worden zu sein). Und zweitens hängt das stark mit einem weiteren Thema zusammen, über das ich zufällig ebenfalls gestern wieder nachdachte.

Eigentlich wollte ich nach der Serie „Versailles“ suchen (grauenhaft übrigens, genau das, was rauskommt, wenn man HBOs „Blut und Titten“-Erfolgsrezept kopiert, aber dabei interessante Charaktere, intelligenten Spannungsaufbau und tolle Story weglässt. Der Freund und ich schalteten nach einer halben Folge weg), stolperte dabei aber über eine Kindheitserinnerung: Lady Oscar.

Lady Oscar ist ein schon etwas älterer Anime, der in der Zeit der französischen Revolution spielt. Die titelgebende Hauptprotagonistin ist dabei die sechste Tochter eines hochrangigen Generals, der, da er sich einen Sohn gewünscht hat, Oscar einen Männernamen gibt und sie wie einen Jungen erzieht.

So wenig ich Animes auch mag und so albern Textzeilen wie „wie ein Mann kann sie fighten, sie kann fechten und reiten“ heute auch sind – als Kind habe ich diese Serie sehr gemocht. Sie bediente nämlich eine Sehnsucht, die ich jahrelang nicht benennen konnte.

In einem anderen Artikel schrieb ich mal:

Rollenklischees haben mir meine Kindheit zur Hölle gemacht. Mir ist täglich unter die Nase gerieben worden, wie schrecklich ich sei, nur weil ich nicht den Erwartungen eines “typischen Mädchens” entsprochen habe. Ich durfte nicht toben und Fußball spielen, bekam nie die Spielsachen, die ich gerne wollte und wurde in Klamotten gezwängt, die ich hasste. Außerdem wurde ich früh darauf vorbereitet, was mich in meinem späteren Leben unweigerlich erwarten wird: Hausfrau sein, Männer bedienen, lächeln, brav sein, die Fresse halten. Mein Umfeld hat mir eine so passive Art Weiblichkeit vermittelt, dass ich einen regelrechten Hass darauf entwickelte. Das machte die Anfänge meiner Pubertät extrem problematisch (“oh mein Gott, ich werde tatsächlich zur Frau – wie scheiße!”) und zog sich durch bis ins frühe Erwachsenenalter.

Als solches „untypisches Mädchen“ fühlte ich mich immer fehl am Platze, falsch, regelrecht wie ein Alien – und deshalb saugte ich sämtliche Beweise für die Existenz ANDERER Frauen, die so waren wie ich oder wie ich gerne sein wollte, gierig auf, ohne das überhaupt selbst zu merken. Natürlich gibt es in den Medien massenweise Frauen – aber welche Rollen nehmen die ein? Köchin, gute Mutter, schmuckes Beiwerk oder dumme Tussi, die ständig gerettet werden muss, wenn sie nicht gerade darüber jammert, dass ihr ein Fingernagel abgebrochen ist.
Tomboys dagegen, die man seltsamerweise in vielen Serien als Nebencharaktere findet, waren meine Heldinnen. Burschikose Mädels, die über den Schönheitswahn ihrer Schwestern die Augen rollten, kreativ waren, stur, belesen, nerdig. Das sprach mich an.
Und dann natürlich die echten, unrealistischen Heldinnen. Lady Oscar wurde ja schon genannt. Dann Wonder Woman – natürlich. Obwohl die eigentlich als Charakter sehr wenig Tiefe besitzt, jedenfalls weitaus langweiliger ist als Batman. Aber damals war mir das egal, Hauptsache ENDLICH mal eine Frau, die was interessantes macht, kämpft und stark ist, statt ein Mann. Immer und immer nur ein Mann.

Ich könnte noch Dutzende Beispiele nennen. Aber die Essenz ist: Was ich als Kind und Jugendliche suchte und sehr selten fand, waren weibliche Vorbilder. Und dabei gab ich mich schon mit sooo wenig zufrieden. Mit welcher Berechtigung können sich nun erwachsene Kerle darüber auslassen, dass es nun tatsächlich mal im filmischen Kontext EIN PAAR solcher Frauenfiguren gibt, die man tough und cool statt nervig und hilflos finden kann – wenn es denn überhaupt weibliche Charaktere gibt?

Ich bin es als Frau gewöhnt, mich auch relativ problemlos mit männlichen Charakteren identifizieren zu können, weil ich einfach sehr lange nie eine andere Wahl hatte. Wenn nun Männer sich zuhauf beschweren, weil in „Mad Max“ ausnahmsweise mal mehr Frauen zu Wort kommen als Männer, zeugt das nicht nur von einer intellektuellen Behäbigkeit, sondern nun mal auch von hochgradig peinlichen Rollenklischees. Und das, obwohl auch Antifeministen den Wert starker Vorbilder bewusst ist – verlinkt doch MANNdat gleich neben ihrem Abitur-Heulpost eine Jungenleseliste.

Solange die Mehrzahl der Hollywood-Blockbuster und Serien immer noch männlich dominiert sind, solange ist das Jaulen nach mehr männlicher Repräsentation nichts weiter als Ausdruck einer nach außen hin arroganten, aber innerlich hoch verunsicherten Männlichkeit, die vermutlich erst dann zufrieden gestellt ist, wenn alle Heldenrollen wieder 100% weiberfrei sind.

Da fragt man sich, wie es sich mit dem eigenen Bild von Männlichkeit verträgt, sich buchstäblich wie die Prinzessin auf der Erbse aufzuführen?

So, und jetzt warte ich auf den einen Kommentar von zehn, der nicht nur aus „Aber-aber-aber Feministinnen jammern doch auch!!!einself“ besteht. Den werde ich dann freischalten, alle anderen nicht. Warum? Weil ich Lust drauf habe. Heult doch.

Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

Montagskolumne: Antifeministische Scheiße des Monats

Hallo und Willkommen zu meiner dritten Montagskolumne, die am 3. Montag des Monats für die, treffend betitelt, „Antifeministische Scheiße des Monats“ reserviert war. War? Dazu mehr am Schluss.

Antifeministen sind, so tough sie sich auch gerne geben, Witzfiguren. Damit lag für mich der Gedanke nahe, die lächerlichsten Ergüsse dieser Sorte Mensch zu sammeln und mich darüber genüsslich lustig zu machen. Damit hätte diese antifeministische Scheiße wenigstens noch den Sinn, Leute zum Lachen zu bringen, die im Kopf halbwegs normal geblieben sind. Schadenfreude ist was schönes.

So sah mein Plan aus. Doch das heutige Thema ist leider gar nicht komisch. Es ist sogar das unkomischste, was mir seit langer Zeit vor die Linse gekommen ist.

Es war mal wieder einer dieser stinkfaulen Artikel auf dem antifeministischen Evo-Blog „Alles Evolution“, der lediglich aus einem Zitat und ein, zwei hingerotzten Sätzen besteht mit dem Titel „Wie umgehen mit dem Gutwettervater?“ Thema ist eine Mutter, die vom Vater ihres Kindes getrennt lebt und ihm ständig hinterher rennen muss, weil der Typ offensichtlich keinen Bock auf seine Vaterschaft hat. Wie soll man als Mutter nun darauf reagieren, sprich: Ist dieser mehr oder weniger erzwungene Kontakt zum Vater für das noch sehr kleine Kind überhaupt förderlich oder wäre ein sauberer Cut besser?

Das ist eine sehr gute Frage. Und wie bei allen guten Fragen gibt es hierauf keine einfache Antwort. Sobald Gefühle im Spiel sind, besonders, wenn sie so fundamentale Dinge berühren wie die Bindung zwischen Eltern und Kind, sind konkrete Aussagen schwierig, vielleicht sogar unmöglich.

Nicht so für unsere antifeministische Gerechtigkeitsfront.

Schon in der Vergangenheit fiel mir immer wieder diese eklatante Blindheit bei Themen auf, die ein wenig differenzierter zu betrachten sind als die Frage, ob nur Männer zum Bund müssen oder Frauen auch gewalttätig sein können. Die Antworten darauf lauten übrigens „Nein“ und „Ja“. Schön einfach. Sobald es aber um Väter-, Mütter- oder Kinderrechte geht, wird es unglaublich kompliziert, weil sich hier je nach Thema zwei oder sogar drei gleichwertige Rechte gegenüber stehen. So jedenfalls, wenn man ein bisschen Empathie im Hirn hat und sich nicht, durch sein Feindbild geschützt vor allzu anstrengendem Nachdenken, schon eine Antwort gebastelt hat, bevor die Frage überhaupt gestellt werden konnte.

Damit ist auch hier die Antwort plötzlich sehr einfach.

Edit: Hier stand die Antwort eines etwas verspannten Herren, der nichts besseres zu tun hatte, als mir mit seinem Anwalt zu drohen, weil ich sein anonym (!!) gepostetes Kommentar verwendet habe. Das passt natürlich hervorragend zum Thema und weil ich außerdem keinen Nerv habe, mir durch langwieriges googlen meine 1000%ige Gewissheit zu bestätigen, dass hierbei nicht mal ansatzweise jegliche Art des Urheberrechts verletzt wird, ist das Kommentar hiermit gelöscht. Eine Zusammenfassung kann mir jedoch wohl erst Recht keiner verbieten, daher sei gesagt, dass der Kommentar aus einem hingerotzten juristischen Blablabla bestand ohne den geringsten moralischen Bezug zum Thema. Dazu dann mein Kommentar:

Pardon, sagte ich „Antwort“? Das hier ist natürlich überhaupt keine Antwort. Auch nichts von dem, was da noch folgt:

Edit 2: Hier dasselbe: Böse Robin, wie kannst du es wagen, mein Kommentar zu verwenden, das ich auf einem öffentlichen Blog gepostet habe, der selbst ganz groß darin ist, nicht nur Kommentare, sondern gerne auch ganze Blogbeiträge zu zitieren, womit ich bisher nie ein Problem hatte, denn DA GING ES JA UM BLÖDE FEMINISTINNEN.
Naja, hier stand als Ergänzung ein seltsames Geschwurbel darüber, dass man ohnehin erst an eine Einschränkung des Umgangsrechts denken kann, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Und wenn euch diese Zusammenfassung nicht reicht, könnt ihr auch einfach auf den verlinkten Blogbeitrag gehen und euch die Originalkommentare ansehen – sofern es nicht plötzlich ab morgen verboten sein sollte, Links zu setzen.

Wir halten fest: Juristisches Gelaber eignet sich hervorragend, moralische Probleme des täglichen Miteinanders zu erörtern. NICHT. Aber würde man anders an die Sache rangehen, müsste man ja möglicherweise zugeben, dass der Vater sich hier beschissen verhält. Nee, stattdessen ist es natürlich die Mutter, die hier Scheiße baut, weil sie sich einfach nicht genug Mühe gibt. Die Frage, ob das Kindswohl durch die pure Gleichgültigkeit des Vaters schon gefährdet ist, wird weder gestellt, noch beantwortet.

Aber wir sind schon so weit im Kommentarfeld und immer noch nicht vom Thema abgekommen. Das ist doch kein Zustand, also:
Alles Evolution 3

Kein Problem ohne Abweichen vom Thema, neudeutsch „Derailing“. Was natürlich nur ein Schlagwort von Feministinnen ist, um unliebsame Diskussionen abzuwürgen. Es sei denn, wir hätten hier eine Feministin, die eine Diskussion um das Sorgerecht unehelicher Väter dadurch sprengt, zu betonen, dass es auch viele Väter gibt, die überhaupt gar keinen Umgang mit ihren Kindern wollen. DAS wäre dann NATÜRLICH Derailing.

Aber irgendetwas anderes fehlt noch… ach ja, natürlich!
Alles Evolution 4

Classic. Sobald auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass die übliche antifeministische Rechnung „Frau = Täterin, Mann = Opfer“ nicht aufgeht, muss an den Leser appelliert werden, offen zu bleiben. Immerhin könnten da wichtige Informationen fehlen, welche die ganze Situation in einem komplett anderen Licht erstrahlen lassen. Irgendein Shyamalan’scher Twist wird sich aus so einem kurzen Artikel sicher herbei konstruieren lassen!
Es SEI denn, es wäre ein Artikel, in dem eine Frau schlecht wegkommt. DANN ist es natürlich GENAU SO und NICHT ANDERS passiert!
Selbstverständlich ist dieser Satz komplett unnötig. Hier geht es nicht drum, ein reales Familiendrama zu lösen, sondern um eine moralische Einschätzung eines Sachverhalts und NUR darum. Der Fall mag oder mag nicht so passiert sein – das ist aber gar nicht wichtig. Mutmaßungen über unbekannte Hintergründe sind nichts mehr als das: Mutmaßungen. Und damit eine reine Zeitverschwendung.

Weiter:
Alles Evolution 5

Die Mutter soll aufhören zu nerven, aber immer bereit sein zu springen, wenn der Vater pfeift. Und wenn der sich dann immer noch nicht interessiert… „ist halt so“.
Sehr markig. Und so empathisch wie ein Backstein.

Darauf:
Alles Evolution 6

Hach, den Typen mag ich ja, aber trotzdem, meine Güte… „sein“ Problem? Und „ihr wird es nicht zu Herzen gehen, wenn er nicht da ist“? Herrgott, wenn es doch so einfach wäre.

Alles Evolution 7

Ich würde gerne glauben, dass sowas nur ein dummer Witz ist – mit PU-Gelaber kommen, wenn es eigentlich um das Wohlergehen eines Kindes gehen sollte. Aber ich fürchte leider nicht:

Alles Evolution 9

Wir haben es hier offensichtlich mit einem echten Alpha zu tun, der sich nicht rumschubsen lässt. Ein strahlendes Vorbild also, dem man ja verzeihen kann, dass er sich nicht für sein Kind interessiert. Im Gegenteil, die Frau ist schäbig, wenn sie sich auf einen solchen Traummann nicht einzustellen imstande ist. Oder weil sie sich überhaupt auf ihn eingelassen hat. Das wird dann ab jetzt auch meine Standardantwort, wenn ein Mann bei einer Scheidung alles an seine raffgierige Ex verliert. Hätte er ja vorher wissen können, ne.

Alles Evolution 8

Nuff said. Wenn er keine Lust hat, hat er halt keine Lust. Ist ja nicht so, dass ein kleines Kind deshalb traurig sein könnte, nur weil der Herr Alpha sich nicht gängeln lässt, dieser Hengst, dieser. „Ist halt so“.

Oder haben Männer etwa doch Gefühle?!
Alles Evolution 12

Und DAS, liebe Leser, nenne ich „Male Tears“. Dieser herbeiphantasierte Untergang des Abendlandes, nur weil der Kommentator wohl selbst einmal zu häufig abgeblitzt ist, durchzogen von allerschwärzesten Frauenhass, und im Grunde nichts als GEJAMMER, das noch ekelhafter dadurch wird, dass für das eigentlich thematisierte Problem bisher nicht das geringste Verständnis sichtbar war!! Warum genau soll es nochmal sexistisch sein, diese Art der paranoiden Weinerlichkeit ob der angeblich so desaströsen Lage von Männern als RUMGEHEULE zu bezeichnen?!

Alles Evolution 13

Oh, süßes Halbwissen. Eine Mutter kann Unterhalt eben NICHT ablehnen, da es nicht ihr Geld ist. Das Geld gehört dem Kind. Noch so ein Nebenkriegsschauplatz, bei dem es nicht mehr um die Rechte zweier Personen geht, sondern um drei. Aber kapieren die Herren Antifeministen das? Natürlich nicht. Ich habe darauf schon mal hingewiesen. Antwort: „Und trotzdem bekommt sie das Geld und damit ist es ihres.“ Man möchte im Strahl kotzen bei so viel Stumpfheit.
Die einzige Möglichkeit wäre, ihn als Vater nicht eintragen zu lassen. Dafür dürfte es nun zu spät sein. Und wenn sie das gemacht hätte, wäre es vermutlich auch wieder bösartig. Immerhin nimmt sie ihm damit ja sein Kind komplett weg. Opfer ist immer der Vater, egal wie desinteressiert oder reich er auch sein mag.

Aber natürlich:
Alles Evolution 15

Deshalb versuchen wir auch gar nicht erst so zu tun, in irgendeiner Weise Mitleid für die Situation der Mutter und des Kindes zu empfinden. Dann könnte man ja den Eindruck bekommen, wir wären menschliche Wesen.

Obwohl, ein Anflug von Mitgefühl ist tatsächlich vorhanden:
Alles Evolution 17

„Das Mindeste“ ist allerdings für das arme Kind offensichtlich schon zu viel.

Zum Abschluss noch ein bisschen mehr Rumgeheule, das sich hinter harter Männlichkeit versteckt:
Alles Evolution 16

Noch irgendwelche Fragen?

Eine einzige Feministin hat sich bei dieser, nun, nennen wir es „Diskussion“ beteiligt. Eine, die oft unglaubliche Scheiße von sich gibt. Aber hier sagt sie etwas sehr wahres – was dann endlich mal ein paar Emotionen weckt, wenn es sich dabei auch nur um kindische Empörung handelt:
Alles Evolution 10
Alles Evolution 11

Das ist das erste und einzige Mal, dass hier sowas wie eine gefühlsmäßige Beteiligung erkennbar ist, die über dumpfen Frauenhass hinausgeht, aber natürlich nur, wenn der Vater angegriffen wird, das arme, arme Hascherl. Dabei muss man schon sehr paranoid sein, hier einen Aufruf zum Mord hinein lesen zu wollen. Tatsächlich ist es einfach nur die Wahrheit. Leider. Wäre mein Vater tot, hätte ich mir als Kind die Phantasie zurecht basteln können, dass er von oben voll Liebe auf mich herab blickt und furchtbar stolz auf sein Töchterchen ist. Stattdessen lebt er und interessiert sich einen Scheißdreck für mich. Und das ist jetzt genau WESHALB besser?!

Denn ja: ICH kenne das alles zur Genüge – ein Vater, der sich nur meldet, wenn er Bock drauf hat… oder auch gar nicht. Vor ein paar Monaten habe ich das sogar hier lang und breit ausgeführt.
Mir macht es nichts aus, private Dinge dieser Art zu verbloggen, aber wegen solchen Bullshit wie oben hatte ich dennoch Angst, diesen Artikel zu veröffentlichen. Tatsächlich herrschte aber bei den üblichen Verdächtigen Schweigen im Walde – vermutlich, weil es leichter ist, über eine unbekannte Frau in der Lebensberatungsspalte irgendeiner Online-Zeitung herzuziehen, statt das Kind anzugreifen, das unter einer solchen Situation tatsächlich gelitten hat. Nicht, dass es irgendeinen von diesen Wichsern interessieren würde, wenn ein Kind wegen des moralischen Versagens eines Mannes leidet, denn die Essenz dieser Kommentarspalte lässt sich nicht anders als folgendermaßen zusammen fassen:

Vater gleich Opfer.
Mutter gleich Täterin.
Kind… auch ein Opfer. Der blöden Mutter natürlich. Oder, wahlweise… irrelevant.

Diese galoppierende Gefühlskälte, die hier aus fast jedem Kommentar spricht, ist so dermaßen unmenschlich, dass mir wirklich die Worte fehlten. Was, um Gottes Willen, ist so verdammt schwer daran, gegenüber dem einzigen wahren Opfer dieses Dilemmas (denn es IST ein Dilemma, für das es keine Lösung gibt), nämlich das Kind, ein bisschen Mitgefühl zu zeigen? Zumal diese demonstrative Leerstelle auch der eigenen Agenda schadet, die da heißt, dass ein anwesender Vater verdammt noch mal wichtig ist. Aber das gilt natürlich nur, wenn einem Vater gegen seinen Willen der Kontakt zum Kind verwehrt wird – ist er stattdessen einfach nur ein unzuverlässiges Arschloch, das nicht mal für sein eigene Nachkommenschaft genug Energie aufbringen kann, um wenigstens so zu TUN, als wäre ihm ein enges Verhältnis wichtig, ist das plötzlich gar nicht schlimm. Schaden wird’s der Kleinen nicht, sowas traumatisiert nicht, „ist halt so“. Wem da die Logik nicht in den Arsch beißt?! Und das alles nur, weil man nicht zu dem Eingeständnis in der Lage ist, dass Mitglieder des eigenen Geschlechts vielleicht auch manchmal scheiße und nicht nur arme Opferlein sind.

Was, genau das werft ihr immer Feministinnen vor? Dann hätte ich nen Vorschlag: MACHT ES BESSER, IHR IDIOTEN, ODER HALTET DIE FRESSE, SOLANGE NICHTS LOGISCHES RAUSKOMMT!!!

Ich habe all diese Kommentare gelesen. Zuerst wurde ich wütend. Dann klappte ich den Laptop zu und heulte. Ja, darüber könnt ihr lachen. Diese Arschlöcher, die sich hier angesprochen fühlen sollten, werden ganz bestimmt drüber lachen. Da sitzt se, die depressive Feministentussi mit Daddy Issues und heult, haha.

Das Problem ist, dass ich in DIESER Hinsicht völlig gesund und vernünftig bin. IHR seid diejenigen, die krank im Kopf seid. Ihr hasserfüllten, egozentrischen, irrationalen, widerlichen Säcke, die ihr eure posttraumatische Verbitterungsstörung an denen auslasst, die sich nicht wehren können, und dabei so viel Gift produziert, dass es jemand, der genau diese Scheiße ERLEBT hat, zum Heulen bringt. Aber ich heule nicht um meinen Vater, dieses dämliche Arschloch. Ich heule um die Menschheit, die solche verbohrten Soziopathen hervor bringt, die ihre standardisierte Meinung zu einem sehr schwierigen Thema ungefiltert ins Internet kotzen können, ohne sich auch nur ein bisschen zu schämen, weil ihnen jegliche Empathie fehlt. Ich heule, weil Idiotie dieser Art so verbreitet ist und Leute wie ihr nicht öfter ein paar auf die Fresse bekommt.


 

Damit nochmal kurz zu was Organisatorischem. Die Idee, richtig dämliche Äußerungen von Antifeministen zu sammeln, trug ich schon lange mit mir herum. Daraus eine wiederkehrende Kolumne zu machen, beschloss ich dann, nachdem ich diesen Artikel gelesen habe, der die Theorie aufstellt, die Zeitrechnung wäre von den ersten Menschen nur „erfunden“ worden, um vorher sagen zu können, wann Frauen menstruieren und es damit auch Zeit ist, sich als Mann zeitweise vom Acker zu machen. Mein Gott. Wäre das Satire… nein, selbst dann wäre es noch ziemlich blöd.
Es dauerte dann noch ein bisschen, bis ich es umsetzen konnte. Nach der Lektüre des oben vorgestellten Artikels wusste ich, worüber ich als erstes bloggen wollte. Aber danach?

Tatsache ist: Der thematisierte Artikel und die dazu gehörigen Kommentare waren der letzte Tropfen auf ein übervolles Fass. Ich bin damit durch. Ich habe keinen Bock mehr, mir Scheiße dieser Art reinzuziehen. Ich halte mich für durchaus leidensfähig, aber mich nur für einen dämlichen Blogbeitrag, für den ich noch nicht mal bezahlt werde, durch diesen Dreck zu wühlen, ist einfach too much. Die einschlägigen Seiten lese ich schon seit längerer Zeit kaum noch und auch auf Twitter greife ich vermehrt durch, wenn das Bullshit-Level zu hoch ist. Nur, weil ich glaube, dass auch Männer wegen ihres Geschlechts leiden können, bin ich nicht die Feministin-für-alle-Fälle, die sich jeden möglichen Müll anhören und erklären muss. Genauso wenig muss ich mich mit Typen rumschlagen, die auf Twitter ihre Borderline-Störung zelebrieren und beleidigt sind, wenn ich ihre männlichen Allmachtsphantasien nicht beklatsche, oder für selbsternannte Humanisten parat stehen, deren größte Leistung darin besteht, mir wegen Nichtigkeiten tierisch auf den Sack zu gehen und dabei von Respekt für alle (besonders aber für Nazis!) jaulen, aber selber jede Form von Respekt missen lassen.

Es gab in der Vergangenheit so viel Scheiße, die ich mitlesen musste. Da wird sich künstlich darüber echauffiert, dass Paris Hilton in einem ihrer Musikvideos vor einem offensichtlich nicht abgeneigten Teenager mit dem Arsch wackelt und gleichzeitig eine 13jährige Schülerin, die von ihrem Lehrer in der Besenkammer gefickt wird, als „Lolita“ bezeichnet, von denen es ja offensichtlich in den unteren Klassen nur so wimmelt und die es ja alle nur darauf anlegen, neben Mop und Eimer entjungfert zu werden. Oder der Typ, der sich die Wahnvorstellung gebastelt hatte, die linken Parteien, offensichtlich sein Feindbild, wären am dämlichen Beschneidungsgesetz Schuld, es dann aber in vier oder fünf Versuchen nicht hinbekam, die für jedermann frei verfügbaren Abstimmungsergebnisse korrekt zu zitieren und auch dann noch hartnäckig an seiner dümmlichen Theorie festhielt, als man (= ich) ihm schwarz auf weiß darlegte, dass er falsch liegt und sogar das Gegenteil der Fall ist. Oder die Art, wie sich gewisse Vertreter dieser Bewegung ständig selbst zum hirnlosen Sklaven ihrer Triebe degradieren, indem sie jede mögliche männliche Verhaltensweise erstmal darauf abklopfen, ob die bei den Ladies gut ankäme und wenn das (angeblich!) nicht der Fall wäre ablehnen, selbst wenn das bedeutet, aus Überforderung psychisch krank zu werden, denn DAS ist offensichtlich das männlichste Verhalten von allem.
Der Wichser, der ne zwanglose Umfrage startet, deren Ergebnis ihm nicht gefällt und dann in seinem Fazit das Gegenteil behauptet, worauf ihn niemand hinweist. Die grassierende Homophobie. Diese Rumwichserei auf männlichen Erfolgen, die ja alle biologisch determiniert sind und das gleichzeitige Rumjaulen bei Nachteilen, die dann plötzlich alle sozial konstruiert sein sollen. Diese ständigen Widersprüche. Diese Double Standards. Dieses „Aber der Feminismus macht das doch auch!!!“, als würde die eigene Hirnwichse damit besser. Diese Intoleranz bei gleichzeitiger Panik, als Mitglied der breiten Mehrheit irgendwas zu „verlieren“, nur weil sie ab und an daran erinnert werden, nicht die einzigen verdammten Menschen auf diesem Planeten zu sein.

Es – kotzt – mich – an. Schlimmer: Es beleidigt meine Intelligenz. Viel wird gejammert, wenn Maskulismus in den Medien schlecht dargestellt wird, weil sich Journalisten, branchenüblich, lieber auf den radikalen Rand stürzen statt auf seriöse Vertreter. Aufgewacht: DER RADIKALE RAND IST DIE VERDAMMTE MITTE. Der Rest sägt sich selbst ab, indem er seine Zeit damit verschwendet, das irgendwie schön zu reden, weil es ja so dermaßen unbefriedigend ist, allein auf weiter Flur für echte, gerechte Anliegen zu kämpfen und man das gerne anders hätte. Also kokettiert man mit dem Mob, während man gleichzeitig an die Gegenseite Standards anlegt, die unmöglich zu erfüllen sind. Dann fallen Sätze wie „Ja, Blogger X ist SCHON polemisch und ich stimme ihm ja nicht bei ALLEM zu, aber ab und zu findet man in seinen Artikeln eine Perle…“, was bei gewissen Vertretern, an die ich hier denke, wirklich fast genauso ist, als würde man den Zweiten Weltkrieg verteidigen, weil Hitler ja auch Autobahnen gebaut hat. Frauen wie ich müssen dagegen nur einmal „Scheiße“ sagen und schon sind sie unten durch, denn DA ist Sachlichkeit ja plötzlich das 11. Gebot und jemanden „Idiot“ zu nennen ist ja so viel schlimmer als „Frauen fehlt aus hormonellen Gründen die Fähigkeit zur Rationalität“ – und irgendjemand liest das, nickt bedächtig und starrt nachdenkliche Löcher in die Luft, denn Herrgott, klingt das nicht SCHÖN so ohne Schimpfwörter?! Darüber muss man erst mal meditieren…

Fazit also: Da ich nicht weiß, ob ich die Kategorie „Antifeministische Scheiße des Monats“ auch regelmäßig füllen kann, da ich mich lieber mit Personen auseinander setze, die nicht durch und durch unredlich, eristisch oder völlig irrelevant sind, schließe ich diese Kategorie hiermit wieder. Es hätte mir vorher auffallen können, dass ich auf sowas keinen Bock mehr habe, ist es aber nicht. Stattdessen taufe ich die Kolumne um in „Aufreger des Monats“ (ich weiß: sehr kreativ!) und packe hier die vielen Kleinigkeiten rein, die mir im Laufe der vergangenen Wochen auf den Sack gegangen sind, aber nicht lange genug, um ihnen deshalb einen eigenständigen Beitrag zu widmen. Oft sind das dämliche Tweets, Artikel, wasauchimmer, über die ich mich meist ganz kurz auf Twitter aufrege, womit sie dann nach kurzer Zeit auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Eigentlich schade, ne? So ne Sammlung ist doch viel lustiger.

Ach, und außerdem habe ich beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn man versagt, sollte man das wenigstens zelebrierend tun. Sprich: Nachdem ich die ersten beiden Male meine Montagskolumne auf Dienstag verschieben musste, erscheint sie jetzt immer am Dienstag. Es bleibt aber beim Namen. Damit ist das die erste Montagskolumne, die standardmäßig am Dienstag erscheint. So voll IRONISCH, ne?!

Der Endgegner im Badezimmer 2: Fatshaming, Fatacceptance

Der Artikel sollte erst am Freitag erscheinen, aber ich habe den Plan geändert wegen aktuellen Stress auf Twitter, der über meinen ersten Artikel entbrannt ist. Ich hoffe, damit ist mein Standpunkt ausreichend geklärt und die Menschen, die das blöd finden, können mich von nun an meiden, denn ich werde ihn nicht ändern.

Ich mache es kurz und schmerzhaft: Ich verabscheue Fatshaming, aber ich lehne die Fataccaptance-Bewegung ab.

So, und wer jetzt noch nicht reflexartig weggeklickt hat, interessiert sich ja vielleicht für die Begründung. Hier ist sie:

Übergewicht ist nicht gesund. Übergewicht – ist – nicht – gesund. Natürlich heißt das noch lange nicht, dass jeder Übergewichtige an seinem Übergewicht sterben muss oder gar auch nur krank wird, aber das ändert nicht daran, dass Übergewicht nicht gesund ist.

Seltsamerweise wird das bei jedem anderen Thema eingesehen. Beispiel Helmut Schmidt. Der Mann ist hundertachtzig Jahre alt, aber trotzdem würde mir wohl jeder zustimmen, dass Rauchen ungesund ist, obwohl Helmut Schmidt keine Probleme damit hat.

Aber nein: Übergewicht ist hier die große Ausnahme gegen sämtliche Evidenz.

Ein bisschen kann ich den Grund dafür nachvollziehen. Ich war, wie im letzten Artikel deutlich wurde, schon als Kind Opfer von Fatshaming, auch wenn ich, wie man mir vorwarf, die meiste Zeit davon nicht mal Übergewicht hatte. Dennoch wurde mir jedes kleine Speckröllchen oder auch nur wenig figurbetonte Kleidung hämisch unter die Nase gerieben. Das war scheiße und hat mir verdammt weh getan. Und natürlich ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem: Frauen und sogar schon kleine Mädchen müssen einem Schönheitsideal entsprechen, um respektiert zu werden und werden permanent nur auf ihr Äußeres reduziert.

Deshalb ist es mir scheißegal, wie andere aussehen. Wobei, ich glaube, so etwas gibt es gar nicht: dass man zu seinem Umfeld keine Meinung hat. Natürlich kann und darf man zur Optik seines Gegenübers eine negative Meinung haben, aber ohne guten Grund hat man einfach nicht das Recht, ihm das ins Gesicht zu sagen. Es geht einen nämlich absolut null an!

Deshalb äußere ich mich nicht zum Gewicht von Personen, die mir begegnen. Ich habe nicht die Absicht, andere Menschen wegen so etwas Unwichtigem wie dem Gewicht zu verletzen. Jeder kann so gesund oder ungesund leben, wie er möchte. Das ist mir ja so unheimlich scheißegal.

Aber nur, weil Fatshaming scheiße ist, ist das andere Extrem auch nicht besser. Seid oder werdet so fett, wie ihr wollt, das interessiert mich überhaupt nicht – aber verlangt doch nicht von jedem, dass er das schön und gesund finden soll, wenn es letzteres einfach nicht ist!

Vor einigen Wochen hat sich bei dieser Masernwelle das ganze Internet über Impfgegner lustig gemacht, die allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum trotz tatsächlich glauben, Impfen würde zu Autismus führen, aber bei diesem Thema ist es plötzlich völlig egal, was Ärzte überall auf der Welt sagen? Bitch please!

Das geht ja sogar soweit, dass selbst die Existenz eines „Übergewichts“ schon angezweifelt wird. Sind das wirklich alles nur völlig willkürliche Kategorien, die sich Ärzte nur ausgedacht haben, um dicke Menschen zu nerven?

Als ich letztes Jahr auf dem Jakobsweg unterwegs war, entschied ich mich, am Ende angekommen, nochmal zurück zu fahren und wieder neu anzufangen, denn ich hatte noch Zeit über. Ich hatte in der Zwischenzeit jedoch einiges angesammelt, was das Gewicht meines Rucksacks erhöhte: Bücher, Muscheln, ein neues Strandtuch etc.pp. Insgesamt hatte ich ca. 3 Kilo mehr als am Anfang auf dem Rücken – und das merkte ich schon beim kurzen Gang zur Post, wo ich mein überflüssiges Zeug als Päckchen nach Deutschland aufgab. Es waren nur 3 Kilo, aber ich merkte dieses Mehrgewicht schon so stark auf den Füßen, dass mir völlig klar war, dass ich niemals eine ganze Etappe damit durchhalten würde, ohne mir am Schluss eine Sehnenentzündung eingefangen zu haben (schon wieder!).

Und das waren NUR die Füße. Zuviel Gewicht merkt aber der GANZE Körper. Auch ich merke das, obwohl mein Übergewicht im Vergleich zu anderen nicht sehr massiv ist.

Aber auch das ist mir egal. Jeder hat das Recht, so mit sich und seinem Körper umzugehen wie er Bock drauf hat (schrieb sie und zündete sich eine neue Kippe an…). Aber ich sehe es NICHT als meine feministische Pflicht an, an der Selbsttäuschung partizipieren, Gewicht hätte keine Auswirkungen auf die Gesundheit und allein dies in Frage zu stellen sei schon Fatshaming!

Ich habe seit über 20 Jahren Gewichtsprobleme. Ich verstehe vollkommen, wie schmerzhaft dieses Thema sein kann. Und dennoch kann ich die Fatacceptance-Bewegung nicht unterstützen – zumal es ja offensichtlich dort von einigen schon für Fatshaming gehalten wird, dass I-C-H mit M-E-I-N-E-M Gewicht unzufrieden bin, als wäre das nicht ganz allein meine Sache!!

Die heutigen Diskussionen (und Nonmentions, vergessen wir die bloß nicht!) haben mir zudem wieder mal klar vor Augen geführt, wie verbissen diese Bewegung und das Thema gesehen wird. Es gibt Strukturen in dieser Bewegung, die auf mich fast sektenartig wirken. Jegliche abweichende Meinung ist absolut inakzeptabel und wer am fettesten ist (ein Begriff übrigens, der mir extreme Bauchschmerzen bereitet, denn er trägt zu viele negative Erinnerungen mit sich, aber ob das für jemanden wie MICH in Ordnung ist, als fett oder auch nur dick bezeichnet zu werden, hat natürlich nie jemand gefragt), hat sämtliche Deutungsmacht.

Mir wurden schon lustige Tweets in die Timeline gespült von Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, aber wenn ich diese Tweets dann retweeten wollte, stellte ich fest, dass ich das nicht konnte – weil die Person mich geblockt hat. Forsche ich dann nach, sehe ich sehr oft das Label „fat positive/fat acceptance“ aufblitzen – und dann ist mir alles klar. Ich habe nämlich schon EINMAL in der Vergangenheit etwas negatives über fatacceptance gesagt und das reicht offensichtlich schon, um geblockt zu werden, weil andere Meinungen ja so dermaßen unerträglich sind.

Und damit doch mal kurz zu Triggerwarnungen. Ja, natürlich kann ein Text wie der gestrige negative Gefühle auslösen – ABER MEHR AUCH NICHT. Er kann weder „traumatisieren“, noch sehe ich in einer Gesellschaft, in der in jeder Werbeunterbrechung mindestens drei Diät-Produkte angepriesen werden einen Sinn darin, ausgerechnet diesen einen Text mit einer Triggerwarnung zu versehen, zumal der Titel und das Thema doch schon mehr als genug Hinweise auf den Inhalt geben.
Ich muss es leider nochmal sagen: Ich habe einen Text über meinen Vater geschrieben und darüber, dass er mich nicht liebt, und dieser Text hat einige Leser zu Tränen gerührt. Er war mir wichtig, das Schreiben hat geschmerzt und mich aufgewühlt. DA könnte ich vollkommen verstehen, dass bei Lesern negative Gefühle hochkommen. Aber stattdessen wird nach einer Triggerwarnung verlangt für einen Text über meine Gewichtsprobleme. Holy Shit. Kann es sein, dass das Thema ein ganz kleines bisschen überdramatisiert wird?

Ich werde weder jetzt, noch in Zukunft einen Text von mir mit einer Triggerwarnung versehen. Dafür habe ich gute Gründe. Die müssen euch nicht passen, aber ich werde mit Sicherheit nicht einen Begriff, der eigentlich im Kontext von Posttraumatischen Belastungsstörungen verwendet werden sollte (ihr wisst schon, das kriegt man, wenn man im Krieg war oder entführt oder vergewaltigt wurde und so) dazu zweckentfremden und verwässern, um vor einem Diättext zu warnen. Damit werden Befindlichkeiten, die mit Sicherheit für die Betroffenen sehr scheiße sind, auf eine Stufe gestellt mit einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung. Und DAS ist diskriminierend.

Macht mit euren Körpern, was ihr wollt. Es interessiert mich nicht. Aber verlangt nicht von mir und anderen, diese Bewegung total abzufeiern. Denn das werde ich nicht tun.

Edit, 21. Mai:

Ich habe das Bedürfnis, dazu noch etwas zu sagen, möchte das Thema aber eigentlich nicht mehr aufkochen. Ich habe keinen Bock, jetzt zur „Feministin, die was gegen Fat Acceptance gesagt hat“ zu werden, nachdem ich doch grade erst die „Tussi, die diesen Depressionsartikel geschrieben hat“ war (ist beides sehr ungeil).
Deshalb hier ein Nachtrag, der nochmal deutlich machen soll, was ich eigentlich meine, da das offensichtlich einige nicht verstehen wollen:

mädchenmannschaft fettlogik

Dies erschien bei der Mädchenmannschaft. Und zwar unter dem Titel: Dinge, die du nicht mehr sagen solltest, außer du hasst dicke Menschen.

Ich denke, nichts könnte mehr illustrieren, was ich sagen wollte. Ich weiß nicht, wie oft ich es noch betonen soll: Mir ist egal, was andere Menschen mit ihren Körpern machen. Aber dies ist eine völlig andere Stufe. Hier werden die Gesundheitsrisiken nicht nur kleingeredet, sondern VOLLKOMMEN NEGIERT (bei gleichzeitiger Erwähnung von „gesundheitlichen Risiken durch Abnehmen“ – oh my fucking god).
Polly’s Pocket nennt das „den Punkt der totalen Toleranz“. Gefällt mir, obwohl „totale Ignoranz“ vielleicht noch besser wäre.

Und da hört es bei mir auf. Ist das wirklich so bösartig von mir? Talking ‚bout „Bösartigkeit“… die MM redet ja selbst schon nicht mehr von Fatshaming, sondern von HASS. Ein Arzt, der eine 150kg schwere Frau darauf hinweist, dass sie auf eine Diabetes zusteuert, HASST diese Frau. Mir fehlen völlig die Worte.

Aber „Diabetes“ ist ein gutes Stichwort: Zum kürzlich stattfindenden Anti-Diät-Tag las ich mehrere Tweets von Aktivistinnen, die damit auch schon wieder nicht glücklich waren, denn es gäbe ja Menschen, die wegen einer Krankheit Diät halten müssen (zum Beispiel Diabetes!) und da ist es doch unfair, diese mit Leuten in einem Topf zu werfen, die Diät halten, weil… keine Ahnung. Weil sie dicke Menschen hassen?

Laut der Logik des MM-Artikels waren bereits diese überkorrekten Hinweise, die mal wieder äußerst pflichtschuldig geteilt worden sind, Fatshaming in Reinform. Weil nämlich ALLES Fatshaming ist.

Nein, schlimmer. Alles ist HASS.

Ich weiß nicht, wie oft ich noch sagen muss, dass es mir hier um mich geht. Ich hasse keine dicken Menschen und finde sie auch nicht per se unattraktiv. Im Gegenteil, ich finde viele dicke Menschen atemberaubend schön, aber das ändert für mich selbst überhaupt nichts.

Es macht mich traurig, dass man mir etwas so abgrundtief böses vorwirft: Hass gegen Menschen allein aufgrund ihrer äußeren Erscheinung. So war ich nie, so will ich auch nie sein.

Aber wenn ALLES Hass ist, dann ist das wohl unvermeidlich. Schöne neue Welt.

Themenwoche:
Teil 1: Der ewige Kampf

#WasAndersWäre – Blogparade

Vorgestern stieß ich auf die Antworten von „Mama arbeitet“ zu einem Blogstöckchen und auch, wenn ich noch ein paar andere Blogstöckchen hier rumliegen habe, zu denen ich noch nicht gekommen bin, und ich außerdem für dieses hier nicht nominiert wurde, fand ich das Thema zu interessant, um nicht sofort mitzumachen!

Worum geht es? Die Autoren des Buchs „Die rosa-hellblau-Falle“, das behandelt, wie sehr wir schon unsere Kinder in Rollenschubladen stecken (oh, the memories!) haben auf ihrem Blog Fragen gestellt, die sich rund um genau dieses Thema „Klischees“ drehen. Konkreter: Unter dem Titel #WasWäreAnders sollen sich die Teilnehmer Gedanken darum machen, wie ihr Leben nun aussehen würde, würden sie zum anderen Geschlecht gehören.

Diesen Ansatz finde ich sehr spannend – und darum mache ich mit! Ich verzichte jedoch auf Nominierungen und werfe das Blogstöckchen in die Runde. Ich würde mich freuen, wenn es jemand auffängt!

Und damit geht’s auch schon los!

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?
Puh… alles und nichts. Ich entspreche weder dem Klischee einer Frau, noch dem eines Mannes. Ich würde folglich genauso wie jetzt unter Rollenklischees leiden, nur wären es halt andere. Meine Kindheit wäre wohl komplett anders verlaufen, aber nicht unbedingt besser.
Werde ich heute schief angesehen, weil ich Comics mag, würde man mich als Mann wohl auslachen, weil ich außerdem Jane-Austen-Verfilmungen feiere (die sehe ich mir übrigens immer zusammen mit meinem Mitbewohner an – er ist ein riesen Fan!). Das sind Kleinigkeiten, über die ich (heute) drüber stehe, aber die pure Masse macht es dann letztendlich. Ich würde als Mann wohl sehr darunter leiden, so sensibel zu sein, wie ich nun mal bin.
Davon abgesehen müsste ich mich wohl als Kellner komplett anders verhalten als als weibliche Thekenkraft. Wenn ich pöbelnde Gäste rausschmeiße, muss ich richtig aufdrehen, da ich ansonsten keine Chance hätte. Ich muss brüllen und auf die Theke hauen, um überhaupt beachtet zu werden. Bisher hat das immer wunderbar funktioniert.
Als Mann dagegen hätte ich mit dieser Art mit Sicherheit schon ein paar aufs Maul gekriegt. Um sich in solchen Situationen durchzusetzen muss Frau schreien, während ein Mann im Gegenteil ruhig bleiben muss. Beides kann bedrohlich wirken, aber auf völlig andere Weise und nur mit dem richtigen Geschlecht.
Eigentlich ist es sehr interessant, dass man sich genau gegensätzlich zum Rollenklischee verhalten muss, um in brenzligen Situationen als Autorität anerkannt zu werden.
Wäre ich ein Mann, müsste ich mir, nachdem ich gerade erfolgreich eine Gruppe Nazis rausgeschmissen habe, zudem nicht anhören, dass wir wegen sowas dringend einen Mann hinter der Theke bräuchten -.-

Als Mann würde ich außerdem wohl nicht so glockenhell kichern. Tihihi.

2. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?
Ganz klar: Beauty-Zeugs. Da kann man noch so sehr empowert oder emanzipiert sein – wenn die ganze Welt bestimmte Erwartungen an einen stellt, kann man entweder immer nur kämpfen und am Ende doch auf der Strecke bleiben oder halt mitmachen.
Too much information: Das gilt insbesondere für Schamhaare. Männern meiner Generation und jünger ist eingetrichtert worden, dass die Dinger unhygienisch und eklig sind. Komischerweise war das noch vor 10, 20 Jahren nie ein Thema gewesen. Was haben die Kerle davor gemacht – Sex nur unter allergrößter Überwindung oder wie?
Ich finde mich mit Schamhaaren schöner und weiß zudem, dass es im Gegenteil OHNE unhygienischer ist. Aber weil ich keinen Bock auf Diskussionen habe (oder stumme Verurteilung), lass ich sie halt wegmachen. Jedenfalls manchmal. Aber niemand würde mir das vorwerfen, wenn ich ein Mann wäre.

3. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?
Ich bin da relativ schmerzfrei und tue ganz bewusst immer wieder Dinge, die man von mir nicht erwarten würde, weil ich eine Frau bin, wenn ich Lust dazu habe. Ich weigere mich, Geld für’s Taxi anzunehmen und gehe nachts lieber zu Fuß nach Hause. Ich schleppe Bierkästen lieber selbst, statt einen starken Mann zu suchen, der das für mich übernimmt. Ich lasse nicht zu, dass sich auf der Arbeit ein Mann in meine Streits einmischt, weil ich das selber regeln will.
Ich bin tatsächlich der Meinung, dass ich nichts bewusst unterlasse, nur weil ich eine Frau bin. Dazu bin ich zu stur. Höchstens habe ich auf Konzerten Angst, mitten in den Moshpit rein zu springen, aber das hat eher was mit meiner Körpergröße zu tun als mit meinem Geschlecht.
Okay, ein bisschen Schiss, mir da eine gebrochene Nase zu holen, was bei einem Mann aus rein optischen Aspekten nicht so schlimm wäre wie bei einer Frau, die ständig auf ihr Äußeres reduziert wird, spielt da vielleicht auch mit rein. Aber ansonsten… wobei… natürlich! Furzen und rülpsen in der Öffentlichkeit. Wer schon mal mit gefrorenen Lächeln und randalierenden Eingeweiden auf einer Party stand, wird diese Freiheit sehr vermissen. Keine Ironie.

4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
Hier müsste ich ehrlicherweise „alle“ sagen. Aber natürlich sind einige schlimmer als andere.
Rollenklischees haben mir meine Kindheit zur Hölle gemacht. Mir ist täglich unter die Nase gerieben worden, wie schrecklich ich sei, nur weil ich nicht den Erwartungen eines „typischen Mädchens“ entsprochen habe. Ich durfte nicht toben und Fußball spielen, bekam nie die Spielsachen, die ich gerne wollte und wurde in Klamotten gezwängt, die ich hasste. Außerdem wurde ich früh darauf vorbereitet, was mich in meinem späteren Leben unweigerlich erwarten wird: Hausfrau sein, Männer bedienen, lächeln, brav sein, die Fresse halten. Mein Umfeld hat mir eine so passive Art Weiblichkeit vermittelt, dass ich einen regelrechten Hass darauf entwickelte. Das machte die Anfänge meiner Pubertät extrem problematisch („oh mein Gott, ich werde tatsächlich zur Frau – wie scheiße!“) und zog sich durch bis ins frühe Erwachsenenalter.
Ich bin froh, das hinter mir zu haben. Aber wenn ich heute mit so etwas konfrontiert werde, kocht wieder der selbe Hass in mir hoch. Nicht gegen Weiblichkeit, sondern gegen diese Idioten, die so unglaublich dumm und beschränkt in ihrem Denken sind – und damit nicht nur Frauen, sondern auch sich selbst Ketten anlegen.
Daher fühle ich mich tatsächlich doch von JEDEM Klischee beeinträchtigt (besser gesagt: persönlich beleidigt), sogar wenn ich es selber erfülle.
Und dazu kommt dann natürlich noch das harte Zeug. Dass mir nicht zugehört wird, weil ich eine Frau bin. Dass mir trotz gleicher oder höherer Kompetenz ein Mann vorgezogen wird, weil ich eine Frau bin. Dass ein Kerl Applaus für einen Vorschlag kriegt, den ich zwei Sekunden früher selber gemacht habe, aber das hat dann niemand beachtet, weil ich eine Frau bin. Die ganzen sexistischen Sprüche, Beleidigungen, Grenzüberschreitungen, nur weil ich eine Frau bin. Das ist alles sehr, sehr scheiße.

5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.
Siehe Antwort 1. Ich hatte wirklich schon einige Situationen bei der Arbeit, die auf Außenstehende sehr gefährlich gewirkt haben, aber ich habe mir dabei noch nie wirklich Sorgen um mich gemacht. Grade Männer, die sehr rollenfixiert sind und sexistisch in ihrer Denkweise haben verinnerlicht, Frauen nicht zu schlagen (zumindest keine fremden). Das ist für mich in solchen Fällen definitiv ein Vorteil. Und das ist so massiv, dass unser Chef uns Kellnerinnen im Zweifelsfall vorschicken würde, um einen Pöbler rauszuschmeißen, weil wir da relativ safe sind, während ER sofort ein paar in die Fresse bekäme. Einige meiner Kolleginnen haben damit Probleme, weil sie Angst haben, aber ich sehe das realistisch und gehe gerne vor, wenn ich damit ihn oder meine männlichen Kollegen schützen kann.
Außerdem merke ich den Vorteil Frau ganz massiv in gewissen Kreisen des Netzfeminismus. Das finde ich unglaublich zum Kotzen. Ich bin keine Anhängerin der Privilegientheorie, denn ich vertrete ja gerade die Ansicht, dass das Geschlecht KEINE Rolle spielen sollte. Das sehe ich in dieser Theorie nicht gegeben.
Mir ist es tatsächlich mal passiert, dass mir in einer Diskussion zu einem völlig anderen Thema (Klassismus) plötzlich das „Argument“ entgegen geschleudert wurde, dass ich hierzu ja eigentlich nichts zu melden hätte, denn zwar mag ich klassistisch benachteiligt sein, aber als Mann hätte ich ja immer noch den Privilegienjackpot gewonnen. Offensichtlich hielt man mich wegen meines hierzulande männlich konnotierten, aber eigentlich geschlechtsneutralen Nicks für einen Mann (was ich nochmal auf ganz andere Weise für sexistisch halte).
Und da hört’s bei mir aber sowas von auf. Sobald der Standpunkt eines Mannes bei jedem erdenklichen Thema nur deshalb nicht zählt, weil er ein Mann ist, ist das kein Feminismus mehr, sondern Sexismus in Reinform. Das unterstütze ich nicht.

6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?
Online. Ich weiß von vielen meiner Follower auf Twitter oder hier im Blog das Geschlecht überhaupt nicht und es ist mir auch egal. Und auch in meinem Freundeskreis fühle ich mich sehr wohl dahingehend. Ich mag weder sehr klischeehafte Frauen, noch sehr klischeehafte Männer, darum umgebe ich mich mit solchen Leuten nicht. In meiner WG, in der ich mit zwei Männern lebe, und unter meinen Freunden ist das alles so egal. Sowohl Frauen als auch Männer machen dasselbe Ding, mögen sich unabhängig vom Geschlecht, werden gleich respektiert. Und diese ominöse sexuelle Spannung, die ja angeblich unweigerlich in Mann-Frau-Beziehungen herrscht und Freundschaften zwischen den Geschlechtern unmöglich macht, gibt es nicht (was nicht heißt, dass in meiner Clique keine Pärchen zusammen finden oder niemand Sex hat. Ich denke ihr wisst, was ich meine.).
Das würde ich mir für die ganze Welt wünschen.