Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 5: Kellnern, der erste Versuch.

Kellnern fand ich schon immer cool, aber meine ersten Schritte in dieser Branche führten mich in ein absolutes Desaster.

Als ich zu studieren anfing, finanzierte mich meine Mutter, allerdings hielt sie mich ziemlich knapp. Große Sprünge waren nicht möglich, also ging ich auf die Suche nach einem Job und wurde in einer meiner Stammkneipen fündig.

Eigentlich war es keine Kneipe, sondern eine Shisha-Bar, in der meine beste Freundin und ich manchmal rumhingen. Dort bekam ich dann zufällig mit, dass der Wirt eine Aushilfe suchte und meldete mich sofort. Weil er mich kannte, wurde ich vom Fleck weg eingestellt, obwohl ich keine Erfahrung hatte.

Darüber machte ich mir aber keine Sorgen. Ich wusste, ich kann das. Und tatsächlich war es dann auch so. Ich musste nicht zapfen, womit mit das Schwierigste an der Kellnerei schon mal wegfiel. Dafür hatten wir ca. 15 verschiedene Kaffeesorten und nochmal so viel Tee, aber auch das hatte ich schnell drauf. In diesem Job lernte ich, den perfekten Latte Macchiato zu machen – was ein bisschen doof ist, denn ich trinke überhaupt keinen Kaffee. Aber irgendwann werde ich damit mal jemanden mit der passenden Kaffeemaschine richtig glücklich machen, also ist das okay.

Aber obwohl die Arbeit an sich gut lief und mir das Kellnern Spaß machte, blieb ich nur wenige Wochen in dem Laden, weil der Chef mich massiv sexuell belästigte.

Es fing mit ein paar blöden Sprüchen an, wurde aber schnell richtig schlimm. Wenn Gäste da waren oder die zweite Kellnerin – oder, natürlich, seine Frau (!!) – hielt er sich zurück. Aber jeden Sonntag fing ich eine Stunde vor der anderen Kellnerin an und meistens waren zu dem Zeitpunkt auch keine Gäste da.
Leider wusste ich damals nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte. Ich war Anfang Zwanzig und hatte keine Ahnung, was ich dem entgegen setzen konnte. Das kann man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen, wenn man mich kennt, aber damals war ich absolut hilflos.

Meine Freunde halfen nicht so wirklich. Klar, sie fanden das total scheiße von ihm, aber so richtige Entrüstung, die mir gezeigt hätte, wie FALSCH das ist, konnten sie nicht aufbringen. ICH würde keine Freundin so hängen lassen – aber das zeigt mir im Rückblick nur, wie läppisch sexuelle Belästigung eingeschätzt wird.

So stand ich dann da und machte einen Tee, während er mich von hinten umarmte, seinen Schwanz an meinen Arsch rieb und meinen Nacken küsste, und konnte gar nichts tun, außer mich ihm entwinden. Heute würde ich ihm mein Knie zwischen die Beine rammen. Und nein, das halte ich NICHT für übertrieben. Wer jetzt rumweinen will, dass Gewalt gegen Männer ja ach so akzeptiert sei, darf seine Beschwerde gerne schriftlich an den Papierkorb seiner Wahl richten.
Er war ein hässlicher, ekelhafter Wicht, dem ich auf jede erdenkliche Art zu verstehen gegeben habe, dass ich das nicht will. Aber es war ihm egal. Ihm war auch egal, dass er verheiratet war. Er bedrängte mich und interessierte sich einen Scheißdreck dafür, dass ich weder seine dumme Sprüche hören, noch seine dreckigen Pfoten oder seine Schwulstlippen an mir spüren wollte.

Ich trug das lange mit mir herum. Wie gesagt, meinen Freunden hab ich davon erzählt, aber nicht meinen Eltern. Die waren froh, dass ich einen Job hatte, durch den ich wenigstens ein paar Stunden am Wochenende beschäftigt war und ein bisschen Geld verdiente. Damals lief es familiär nicht so gut, deshalb wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen, mich meinen Eltern mitzuteilen – obwohl mein Stiefvater von einem auf den anderen Moment aufdrehen kann und DAS nicht einfach so hingenommen hätte. Und meine Mutter… ach, keine Ahnung, wie die reagiert hätte.

Jedenfalls grübelte ich viel zu lange darüber nach, statt tätig zu werden. Es war klar, dass ich damit allein zurecht kommen musste. Niemand würde mir helfen. Selbst die andere Kellnerin, eine Frau in den Vierzigern, schien das doch teilweise mitzukriegen – und deswegen sauer auf MICH zu sein. Vermutlich war ich für sie die kleine Schlampe, die vom Chef einen Bonus bekommt, weil sie sich betatschen lässt (dabei hab ich nie irgendwas in der Art bekommen).

Mit der Zeit steigerte ich mich innerlich in eine riesige Wut rein – vor allem auf mich selbst. Mein Lebensziel war es doch, mutig zu sein, wieso konnte ich das in diesem Fall nicht? Ich hasste mich selbst dafür. So wollte ich nicht sein – ängstlich, duckmäuserisch, ein leichtes Opfer. Wer war dieser Typ schon? Warum hatte ich solche Angst, ihm einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen? Nur wegen DEN paar Kröten?

Es gärte in mir, aber irgendwann trat ich mir innerlich selbst in den Arsch. Bei der nächsten Aktion, so schwor ich mir, würde ich etwas sagen und mit den Konsequenzen leben. Ich musste nur meine Wut anzapfen, die schon immer mein bester Antrieb gewesen war.

Kurz darauf war es soweit: Bei der nächsten Schicht ging ich in die Küche und er gab mir im Vorbeigehen einen Arschklaps. Bescheuerterweise dachte ich sogar sekundenlang darüber nach, ob das jetzt überhaupt, naja… „zählt“, so verglichen mit einem Schwanz, der sich ungebeten an mir reibt… aber ich kam schnell zur Besinnung.
Ich drehte mich also zu ihm um, lächelte ihn strahlend an und sagte ihm, dass er eine fängt, wenn er das nochmal macht.

Seine Reaktion war Gelächter. Vielleicht hielt er das Ganze nur für ein Spiel, das gerade die nächste Stufe von „Ach, die kleine Bitch ziert sich nur“ erreicht hatte. Aber irgendwas an meiner extrem coolen Reaktion schien ihm zu zeigen, dass ich das vollkommen ernst meinte.
Während er lachte, drehte ich mich um und machte eine neue Kohle fertig. Vielleicht war es ja DAS gewesen – dass ich die Frechheit besessen hatte, ihm den Rücken zuzudrehen. Jedenfalls erstarb sein Lachen irgendwann. Ich konnte ihn nicht sehen, aber regelrecht fühlen, wie es in ihm zu arbeiten begann. Und schließlich meinte er angepisst: „Ich hab schon gegen zehn Russen gleichzeitig gekämpft – was willst DU kleine Frau da denn machen?“

Eine mehr als offensichtliche Drohung. Aber ich hatte tatsächlich die nächste Stufe erreicht. Es half irgendwie, an meinen Bogen zu denken und daran, ihm einen Pfeil mitten in seine dumme Fresse zu schießen. All die Angst von vorher war wie weggefegt. Wäre ich noch cooler gewesen, wäre ich erfroren. „Werden wir dann ja sehen,“ war mein einziges Kommentar. Ich meinte das vollkommen ernst. Egal, wie viele Kämpfe er schon bestritten hatte, in diesem Moment war ich sicher, dass ich ihn in der Mitte durchbrechen konnte, wenn ich wollte.

Das hat ihn völlig zerstört. Und es war einfach nur so toll.

Er sagte nichts mehr, aber den Rest des Abends, der noch richtig stressig wurde, war er komplett angepisst und meckerte mich wegen jedem Scheiß an. Tisch 5 hat keine Getränke mehr, es stehen zu viele dreckige Gläser rum, die Arbeitsplatte in der Küche ist krümelig… Kleinigkeiten. Aber ich ließ mir sein Gemecker am Arsch vorbei gehen. Ich wusste ja, dass er nur einen Vorwand suchte, um mich anzuscheißen. Und das gipfelte schließlich gegen Ende meiner Schicht in einer Tirade über meine schlechte Arbeit, bei der er mit den Worten schloss: „So hat das doch keinen Sinn!“
Ich stand da mit verschränkten Armen und unverschämten Lächeln und antwortete einfach maximal gelangweilt: „Joah.“ Worauf ihm wiederum keine passende Antwort einfiel. Er gab mir meinen Lohn für den Abend und ich haute ab. Auf dem Weg zu meiner Stammdisco, wo ich mich mit meiner besten Freundin treffen wollte (die mir ein Highfive für die ganze Sache gab), dachte ich müßig drüber nach, ob ich denn nun gefeuert worden bin. Oder hatte ich gekündigt? Keine Ahnung. Irgendwie war es mir aber auch egal.

Eine Woche später rief seine Frau an. Er hatte nicht mal die Eier, es selbst zu tun. Die fragte mich, ob ich denn abends kommen würde. Offensichtlich war es also doch keine Kündigung gewesen. Ich verneinte, sie war irritiert und legte schließlich ohne große Diskussion auf. Leider glaube ich, dass sie ganz genau wusste, welches Arschloch sie sich da angelacht hatte. Heute würde ich sie vielleicht nochmal freundlich darauf hinweisen. Damals beließ ich es aber bei knappen Worten.

Ich bin danach nie wieder zu diesem Wichser gegangen, außer einmal. Er hatte inzwischen einen anderen Laden gefunden, der wesentlich größer war und offensichtlich sehr gut lief. Ein paar alte Freunde schleppten mich mit.
Ich sah ihn an diesem Abend nur einmal ganz kurz. Als sein Blick auf mich fiel, lächelte ich ihn kalt an. Worauf ihm die nackte Panik ins Gesicht geschrieben stand und er sich schnellstens verpisste.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen, aber ich glaube kaum, dass ein gezielter Faustschlag mir mehr Genugtuung hätte verschaffen können als dieses Lächeln und diese Reaktion.

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Ein Jahr danach: #Aufschrei, Nachhallen

Stellt euch vor, ihr latscht in eine Musikschule rein und bucht Stunden bei Herman Li. Ihr würdet ihn ankucken und fragen: „Was kann Gitarre denn so?“ Und Herman Li würde grinsen und euch ein zwölfminütiges Solo an den Kopf knallen.

So ähnlich fühlte ich mich bei #aufschrei.

Im Dezember 2012 startete ich diesen Blog und kündigte auch gleich an, im Netzfeminismus mitmischen zu wollen. Einen Monat später kam der #aufschrei. Es war tatsächlich so gewesen, als hätte ich arglos lächelnd die Arme ausgebreitet und gerufen: „Na, was ist? Komm doch her und zeig mir, was du kannst!“ Und die lakonische Antwort aus den Tiefen des Internets war: „Das, Robin. Das.“

In den Tagen, in denen #aufschrei am wirkungsmächtigsten war und im Sekundentakt Tweets abgesendet wurden, machte ich ein richtiges Wechselbad der Gefühle durch. Was aber überwog: pure Euphorie. Ja, das mag bescheuert klingen, wenn wir uns das Thema zurück ins Gedächtnis rufen, aber die reine Wahrheit. Natürlich, während ich Beiträge wie diesen hier schrieb und meine Erinnerungen nach sexistischen Erlebnissen durchforstete, die ich twittern konnte, war ich selbstverständlich in anderer Stimmung. Scham über alte Verletzungen, Wut über saublöde Sprüche, kopfschüttelndes Entsetzen über Dinge, die einfach nicht richtig sind und die ich trotzdem hinnehmen musste, weil ich zu jung oder zu ängstlich war, um mich zu wehren.
Doch danach – Befreiung. Das gute Gefühl, Teil eines Kollektivs zu sein, das endlich die Schnauze voll hat und es jedem ins Gesicht brüllt, der immer noch der Meinung ist, das sei doch alles nicht schlimm.

Jahrelang waren meine Erfahrungen immer nur abgewertet worden. „Reg dich nicht so auf“ „Boah, du hast echt keinen Humor“ „Naja, ist ja nichts schlimmes passiert“ – nur einige der Sprüche, die ich mir anhören musste. Einmal löste ich mit meiner Erzählung über diese saublöde Gynäkologin, die es nicht geschafft hatte, mir als Kind auch nur die rudimentärste Intimsphäre zuzugestehen, einen krassen Streit aus, in dem ich mir von einer Freundin maschinengewehrartig immer wieder anhören musste, was für eine hysterische Kuh ich sei, die ich fortan der Meinung gewesen bin, diese Frau sei eine schlechte Ärztin. Ob guter oder schlechter Doktor, das hinge ja nicht vom Einfühlungsvermögen ab (ähä. Doch. Auch.).

Und plötzlich war alles anders. Ich merkte, ich bin nicht allein, nie gewesen. Viele hatten ähnliches erlebt, viele favorisierten meine Erlebnisse, weil sie fanden, dass sie relevant waren. Es war wie eine nachträgliche Legitimation für die ganzen Scheißgefühle, ausgelöst durch Scheißerlebnisse, die in mir gebrodelt hatten und die ich nur sehr selten rausgelassen hatte, weil ich ja doch nicht auf Verständnis hoffen konnte.

#aufschrei war für mich die reinste Kartharsis.

Und DANN kamen die Hater und Trolle.

Ein Jahr nach #aufschrei hat es sich in gewissen Kreisen etabliert, von „#Aufschreihälsen“ etc. zu reden und dafür johlenden Beifall zu kassieren. Denn #aufschrei, wisst ihr, war männerfeindlich, und alles, was unter diesem Hashtag getwittert worden ist, war die pure Jammerei. Natürlich. Weisse Bescheid.

Für einige scheint es wirklich zu reichen, beim #aufschrei mitgemacht zu haben, um als „radikalfeministisch“ eingestuft zu werden. Was haben diese Leute bitte für eine Definition von radikal? Warum darf ich nicht erzählen, was mir passiert ist, warum muss ich die Täter schützen?

Natürlich deswegen: Weil es um Männer geht. Und weil ich von EIN PAAR Männern berichte, die im Laufe meines Lebens meine Grenzen überschritten haben, MUSS das ja heißen, dass ich allgemein Männer hasse. Selbst wenn einige Täter Frauen gewesen waren. Was dann wohl heißt, dass ich komplett alles und jeden hasse, oder so.

Mich ärgert diese Einschätzung so dermaßen – nicht nur, weil ich selbst betroffen bin. Es ist einfach nur krass selektiv und undifferenziert, denn diese Art Hater machen mehrere schwerwiegende Fehler:

1. Sehen sie den Ursprung nicht. Dieser war NICHT „Sammeln wir jetzt mal böse Storys über die bösen Männer“, sondern „Sammeln wir mal unschöne, sexistische Erlebnisse“. Wer sind die, die uns das verbieten wollen? Was haben die, die sich von „Typ X hat mich in der Straßenbahn angegrabscht“ angesprochen und beleidigt fühlen, für ein Scheißproblem? Und warum ist das MEIN Problem?

2. Darauf aufbauend: Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Ja, dann hat halt irgendeine Tussi tatsächlich in einem Tweet Männer kollektiv unter Generalverdacht gestellt oder wirklich mal was peinlich-überempfindliches getwittert, was man auch unter den wohlwollendsten Umständen nicht als irgendeine Form des Sexismus einordnen kann. Das ist kein Beweis für die inhärente Männerfeindlichkeit oder Irrelevanz des #aufschreis, sondern Resultat unserer demokratischen Gesellschaft. Ich vergleiche das gerne mit Sozialleistungen: Diese sind, wie mir wohl jeder zustimmen wird, für Menschen, die sie brauchen, die unverschuldet in Not geraten sind, gut und richtig. Nun würde aber vermutlich nicht mal der am weitesten linke Politiker bestreiten, dass damit auch Schindluder getrieben wird, dass das Phänomen „Sozialschmarotzer“ (so sehr ich das Wort auch hasse) tatsächlich existiert, wenn auch sehr, sehr viel weniger verbreitet als vom rechten Rand gerne angenommen. Aber das finde ich okay. Anders geht es nämlich nicht. Erfinde irgendwas tolles und irgendjemand wird es missbrauchen. So war es, so ist es und so wird es auch immer sein, solange wir nicht auf Totalüberwachung umstellen. Aber so wie eine ungenannte Zahl Sozialschmarotzer nicht Sozialleistungen per se in etwas böses verwandeln, so wurde durch ein paar blöde Tweets auch nicht direkt der gesamte #aufschrei zerstört. Die Intention war nämlich eine andere.

Wer sind die, die alle Teilnehmerinnen des #aufschreis pauschal abwerten müssen, sich dann aber nicht erblöden, immer wieder individuelle Ausnahmen zu machen, statt die Sache einfach umgekehrt anzugehen, so wie es sein sollte? Was erwarten solche Leute von mir für die gönnerhafte Feststellung, MEIN Erlebnis X wäre ja tatsächlich uncool gewesen? Ne Parade oder was? Brauche ich eine solche Legitimation etwa – und dann auch noch von Typen und Tussis, die mit der gleichen lässigen Nonchalance alle anderen „Aufschreihälse“ beleidigen?
Es scheint ein großes Opfer zu sein, in Einzelfällen eingestehen zu müssen, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich existiert. Und sobald dieses Opfer erbracht wurde, wird erwartet, dass man sich total lieb und sachlich mit diesen opferbereiten Personen und all ihren wunderbaren Theorien auseinander setzt. Diese Leute, die Hashtags wie #aufschrei, #schauhin, #isjairre und #nudelnmitketchup missbrauchen und das megamäßig lustig finden. Tja – nee. Dazu fällt mir eigentlich nur eines ein:

you suck

Sogar von feministischen Verschwörungen ist teils die Rede, denn diese Hashtagerfindung kann ja kein Zufall gewesen sein und überhaupt wurden die vielen zehntausend Tweets ja nur von ungefähr sieben Radikalfemis produziert und bla. Manche gehen von einer „realen“ Zahl von „echten“ Tweets aus, die mich immer wieder zum Kichern bringt, denn das hieße, ich hätte mit meinen Tweets je nach Interpretation 10-100% des #aufschreis allein abgedeckt. Hihihi und so – aber nö ^^

Was bleibt ein Jahr nach #aufschrei? Uns wurde ein Label gegeben, dass ich sehr gerne benutze, wenn mir mal wieder was blödes passiert. Wenn ich über so etwas schreibe, tagge ich es mit dem Hashtag, benutze ihn weiterhin bei Twitter, egal wie viele Trolle darunter bereits twittern etc.pp. Ich weiß, ich werde damit eher gefunden, ich weiß, ich werde so besser gehört. Und das gefällt mir. Denn laut sein ist gut. Auch ohne Gitarre.

Am Schluss noch ein paar Links von vor einem Jahr:
Mein Aufschrei (dort am Ende auch eine umfangreiche, aber mit Sicherheit unvollständige Liste mit weiteren #Aufschrei-Beiträgen von anderen Bloggerinnen)
Mein Aufschrei II (Kellnerinnenedition)
Meine Antwort an Meike Lobo und ihren Anti-Aufschrei-Artikel
Der Aufschrei im Generationenkonflikt – ein Gespräch mit meiner Mutter

Und auf Kleinerdrei findet sich ein schöner „Ein Jahr danach“-Artikel, der weitere Links zu diesem Thema sammelt!

Wessen Privileg schwerer wiegt… (Das leidige Thema IV)

Einige Bloggerinnen haben die Aktion #waagnis ins Leben gerufen und andere aufgefordert, daran teilzunehmen. Das hier ist allerdings weniger ein Teilnehmerpost als ein kleiner Rant gegen die Kritiker dieser Aktion. Das ist hoffentlich auch genehm.

Als ich heute um halb eins so langsam die Augen aufbekam (ich war mal wieder arbeiten bis vier Uhr morgens), war meine erste Amtshandlung, wie immer, der Griff zum Laptop. Und, wie so oft, öffnete ich Twitter und sofort ploppten einige Fragezeichen über meinem müden Schädel auf. #waagnis, hä? Was geht ab?

Das war schnell geklärt. Ninia, Kathrin, Johanna und Maike von Kleinerdrei schrieben über das Hadern mit ihren Körpern, haben sich entschlossen, (teils weiterhin) ohne Waage zu leben und fordern alle auf, ebenfalls von ihren Problemen mit der unnötigen Badezimmerelektronik namens Waage zu berichten. Entweder in Form von Blogposts oder bei Twitter unter dem Hashtag #waagnis.

Noch bevor ich allerdings die Artikel alle lesen und entscheiden konnte, ob ich das nun cool finden soll oder nicht, fielen mir die ersten negativen Statements zu der Aktion ins Auge. Gleich gefolgt von einem entschuldigenden Tweet von Ninia.

Nennt mich anti, aber in diesem Moment war mir sofort klar, dass etwas, was so eine Entschuldigung nötig macht, eigentlich nur gut sein kann!

Doch zunächst zu mir.

Probleme mit meinem Gewicht habe ich schon hier, hier und hier verbloggt, man könnte also auf die Idee kommen, dass ich dazu nichts mehr zu sagen habe. Tatsächlich ist das aber eine neverending story… und nicht nur für mich.

Seit zweieinhalb Monaten lebe ich mehr oder weniger unfreiwillig ohne Waage, denn Anfang April bin ich umgezogen und war bisher zu faul, meine Waage in meiner alten WG abzuholen. Sie war auch eines der ersten Geräte, die ich für diese WG anschaffte – zusammen mit einer Küchenwaage.

Der Slogan der Mädels von #waagnis lautet übrigens:
waagnis
Ich musste direkt lachen, als ich das las. Nicht, weil es ein lächerliches Statement ist, sondern weil ich Leute kenne, die selbst DAS für irgendwie bescheuert halten.

Wie mein geschätzter Ex-Mitbewohner Moritz zum Beispiel. Er beäugte unsere neue Küchenwaage damals völlig verblüfft. „Wofür brauchst du die denn?“
Ich, gnadenlos: „Um Sachen zu wiegen.“
„Äh, aber warum? Das geht doch auch so?“
Nun muss ich mich vor jemanden, der eine halbe Stunde braucht, um eine Karotte und ne halbe Zucchini zu schneiden und das „Kochen“ nennt, wohl wirklich nicht zu rechtfertigen, tat es aber doch. „Ja, normal schon. Aber ich koche ja auch mal nach Rezept. Oder brauch abgewogene Zutaten zum Backen. Oder für Nudeln.“
Schockierter Blick von Moritz. „Du wiegst deine Nudeln?!?!“
„Ja.“
…Und er glotze mich an, als hätte ich eine Essstörung.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir klar, dass andere Leute das wohl offensichtlich nicht tun. Also, Nudeln wiegen. Aber da Moritz mit seinem Urteil nicht falsch lag (jedenfalls nicht völlig), gibt es für mich leider keine Alternative.
Das Problem ist, dass ich fressen kann, bis ich fast platze. Weitaus mehr, als ich brauche, weitaus mehr, als angenehm für mich ist. Und leider fehlt mir durch jahrelange Probleme mit meiner Ernährung irgendeine Art Mechanismus, der meinem Körper während des Essens sagt „Es langt jetzt“. Natürlich fühle ich mich nach zu viel Essen völlig vernichtet. Es ist nicht so, dass mir ein Sättigkeitsgefühl fehlt. Eher die Beherrschung, auch darauf zu hören, obwohl das für die meisten Leute überhaupt kein bewusster Akt ist und sie einfach von selbst aufhören, wenn sie merken, dass sie satt sind.
Daher wiege ich meine Nudeln. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich von 100-120 Gramm Nudeln absolut angenehm satt bin. Essen kann ich aber auch locker doppelt so viel!! Weshalb die Küchenwaage in diesem Fall mein einziger Freund ist, der zwischen mir und der völligen Überfressung steht.

Und aus dem selben Grund kann ich das #waagnis nicht eingehen und meine Körperwaage entsorgen.
Seitdem meine Waage in meiner Ex-WG im Exil ist, habe ich zugenommen. Das spüre ich an meinen Jeans und natürlich auch an der Optik. Vor meinem Umzug hatte ich gerade ein paar Kilo abgenommen und war auf 71 kg runter, verteilt auf schnuckelige 1,58. Inzwischen dürfte ich wieder bei 75 sein, ungefähr.

Und das gefällt mir nicht. ICH gefalle MIR so nicht. Es ist mein ureigenes Ästethik- und auch Körperempfinden, dass ich mir mit 10-20 Kilo weniger besser gefallen würde. Hatte ich alles schon, konnte es damals allerdings nicht genießen. Jetzt wäre das anders und deswegen möchte ich da wieder hin!

Das klappt allerdings nicht ohne Waage. Ich kann auf dieses elende Kontrollding nicht verzichten. Ich hätte nämlich nicht wieder 4 Kilo zugenommen, wenn ich zwischendurch gesehen hätte, in welche Richtung ich mich gerade bewege. Ohne Waage war das ein diffuses Gefühl, das sich ganz langsam aufbaute, bis es zu spät war.
„Hm, so lange ohne Waage. Hab ich zugenommen? Neeeee.“
„Hm, die Jeans kneift. Ist aber auch frisch gewaschen. Muss nix heißen.“
„Hm, ist das ein neues Speckröllchen? Schwer zu sagen…“
„Okay, ein neues Loch im Gürtel. JETZT ist es amtlich!“

Natürlich ist die Waage nur ein unzureichendes Gerät zur Messung des Körpers. Die Waage interessiert sich nicht dafür, ob ich mir gerade ein Kilo Eis reingepfiffen hab oder ein Liter Wasser auf Ex – in beiden Fällen zeigt sie direkt danach ein Kilo mehr an. Es ist ihr auch egal, ob ich gerade meine Tage hab und aufgeschwemmt bin. Oder, ob ich vor oder nach ihrer Besteigung aufs Klo gehe. Die Waage macht, was sie will, weil der menschliche Körper macht, was er will!

Dennoch brauche ich das blöde Teil einfach, denn zumindest für die grobe Richtung reicht es. Deshalb werde ich meine Waage nicht entsorgen (und kann leider auch nicht, wie gewünscht, ein Foto machen, weil ich sie ja momentan nicht in der Wohnung habe).

Ich weiß nicht, ob das vielleicht bedeutet, dass ich „noch nicht so weit“ bin. Oder ob es einfach von meinem Standpunkt aus nur logisch ist. Wie soll ich das beurteilen? Ich hätte meine Meinung nicht, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass meine Meinung richtig ist.

Dennoch mag ich die Aktion und fand alle Ausgangsartikel ziemlich gut. Deswegen nervt es mich auch, wie viel Kritik die Initiatorinnen einstecken müssen!

Warum? Naja. Es gibt ja diese „fat acceptance“-Bewegung, die sich für die Akzeptanz „alternativer Körperformen“, bzw. in diesem Fall ganz konkret fetter Körper einsetzt (sie nennen sich selbst so. Also, fett. Deshalb schreibe ich das jetzt einfach so, obwohl ich sowas im Leben nicht jemanden ins Gesicht sagen würde. Dazu habe ich es selbst schon zu oft gehört.). Eine Bewegung, die ich nicht unkritisch betrachte, die mich aber auch nicht wirklich tangiert.

Genau aus dieser Ecke erschallt nun ne Menge Wut, was in meinen Augen einfach nur paradox ist. Immerhin war es ja die Intention der Autorinnen, alle mollige Frauen da draußen dazu zu motivieren, den ständigen Kampf mit der Waage einfach aufzugeben und sich ihr Leben nicht von ein paar Zahlen auf einem Display diktieren zu lassen!

Und das ist ja auch richtig so. Oft wird der Einfluss der Medien etc. auf dieses Thema verharmlost (mein Eindruck: Meist irgendwie nur von Männern, die nur auf Frauen mit Modelmaßen stehen), aber man muss sich nur mal ein bisschen umsehen und auf saublöde Artikel wie diesen stoßen um zu merken, dass es eben NICHT harmlos ist. Kleine Mädchen machen sich schon Sorgen um ihre Figur, der Großteil der weiblichen Teenager hasst sich, erwachsene Frauen geben Tonnen von Geld dafür aus, schlank zu werden oder zu bleiben.

Diese Frauen und Mädchen sind alle sehr unsicher und sehr unglücklich, obwohl sie größtenteils wirklich keinen Grund dazu haben. Aber es wird ihnen eben eingeredet. Eine Folter, an der sogar Freunde und Familie mit Genuss partizipieren.

Für einige dieser Frauen könnte es ein Segen sein, die Waage einfach in den Müll zu werfen, sich davon nicht mehr den Tag versauen zu lassen, nicht mehr darüber zu grübeln, warum man heute plötzlich ein Kilo mehr wiegt, obwohl man gestern nur Salat und ne Salzkartoffel gegessen hat (das passiert halt manchmal einfach so). Was ist daran bitte schlecht?

Auf Twitter las ich von irgendeiner, das Problem sei, dass sich hier nur Frauen mit „Normalgrößen“ zu Wort gemeldet hätten. Und diese sind natürlich im Vergleich zu richtig fetten Frauen total privilegiert, was in manchen radikalen Strömungen des Feminismus der finale Code ist für „Fresse halten“. Denn privilegierte Menschen dürfen NIEMALS irgendwas sagen!

Diesen Damen scheint das tatsächliche Problem entgangen zu sein. Das Problem ist ja nicht, dass Frauen ab BMI 30 verhöhnt und ständig wegen ihrer Figur kritisiert werden. Das Problem ist, dass sowas auf ALLE Frauen zutrifft! Eine Ausnahme mögen wohl die wenigen von der Natur gesegneten sein, die ohne Sport etc. essen können was sie wollen und trotzdem schlank bleiben. Aber selbst die werden doch ständig auf ihr Gewicht angesprochen, auf ihren Körper reduziert!

Die Schwere eines Misstandes äußert sich nicht darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die extrem krass von der gesetzten Norm abweichen. Die Schwere eines Misstandes äußert sich darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die davon auch nur ein bisschen abweichen. Und das ist beim Thema „weibliche Figur“ eindeutig der Fall!

Der Schmerz, den richtig fette Menschen empfinden müssen, wenn sie angepöbelt oder ausgelacht werden, wird nicht im Geringsten geschmälert, wenn eine, die in einen H&M reingehen kann und dort sogar auch ohne Übergrößenabteilung was passendes findet, davon berichtet, wie an ihrem Aussehen rumgemäkelt wurde. Und es ist nur logisch, dass eine solche Frau sich mit solchen, die von diesen Attacken noch viel mehr betroffen sind, praktisch automatisch solidarisiert!

Deshalb ist es gar nicht schlecht, dass sich hier Frauen zu Wort gemeldet haben, die nach Interpretation der fat-acceptance-Membern ne völlig normale Figur haben. Ganz im Gegenteil! DAS beweist doch erst, was für ein Problem wir heutzutage mit abweichenden Körperformen haben!

Deshalb finde ich die Kritik an der Aktion völlig überzogen, vor allem, wenn man das weiter denkt. Wenn jetzt Frauen, die mehr wiegen als die Initiatorinnen meinen, dass nur so richtig fette Frauen sich dazu wirklich äußern dürfen, was passiert dann, wenn NOCH dickere Frauen auftauchen? Gibts ne Grenze, ab der man sich äußern darf? Oder heißt es: Je mehr BMI, desto mehr Gewicht haben auch die Worte?

Manchmal sollte man einfach mal überlegen, was sich Leute bei bestimmten Dingen gedacht haben. Und die #waagnis-Mädels haben bestimmt nicht gedacht: Höhö, trollen wir mal ein bisschen rum. Sie haben reflektiert, wofür dieses Scheißding Waage eigentlich steht und beschlossen, sich daraus zu befreien, während sie gleichzeitig anderen Frauen damit Mut machen wollen.

Dass dabei viele fatpositive oder fatacceptance Bloggerinnen „unsichtbar“ gemacht wurden… also meine Güte. Manchmal glaube ich, manche Leute stecken so tief in ihrer Filterbubble drin, dass sie gar nicht merken, dass ihnen außerhalb dieser keine Sau zuhört. Ich habe mich beispielsweise schon seit ich denken kann mit Diäten, Gewicht etc. beschäftigt, aber fat acceptance ist mir erst über den Weg gelaufen, als ich anfing zu bloggen. Das ist wieder mal keine besonders verbreitete Bewegung, die daher doch über jeden neuen Impuls froh sein kann. Wenn dieser jetzt von Ninia, Kathrin, Johanna und Maike kommt, warum nicht? Sie mögen einen anderen Ansatz haben, sind auch wahrscheinlich nicht fat positive. Aber sie sind Frauen und haben eine Leidensgeschichte. Frauen mit einer kleinen Idee. #waagnis eben. Und der Vorstellung, dass man ausgehend von seiner Blogger-Fangemeinde damit vielleicht für das ein oder andere Mädchen etwas besser macht.

Ich mache bei #waagnis nicht mit. Aber ich hoffe, viele andere tun es. Und Ninia, Kathrin, Johanna und Maike wünsche ich alles Gute. Sie haben sich absolut nichts vorzuwerfen.

Der #aufschrei der Generationen

Antje Schrupp hat in einem ihrer letzten Artikel anschaulich erklärt, weshalb Frauen wie Wibke Bruns, die sich Spitzenpositionen erkämpften, als das noch tausendmal unschicklicher war als heute, der gesamten #aufschrei-Aktion ihre Legitimität absprechen.
Ich fand das sehr interessant, da man solche Alteritäten leicht vergisst und schnell den Blick dafür verliert, wie anders vieles vor – weltgeschichtlich gesehen – wenigen Jahren noch gewesen ist, vor allem, wenn man damals noch nicht mal auf der Welt war.

Meine Mutter kam mich am Freitag besuchen. Eigentlich hatte ich vor gehabt, sie direkt auf die Sexismus-Debatte anzusprechen und zu fragen, was sie schon so erlebt hätte, aber nach Antjes Beitrag entschloss ich mich für ein anderes Vorgehen.
Die folgenden Gesprächsausschnitte sind das Resultat davon. Es sind Gedächtnisprotokolle, die ich für euch lediglich dialektbereinigt habe.
Ob man daraus irgendetwas Gehaltvolles destillieren kann, überlasse ich euch.

 

Mama: „Kuck mal, die hab ich mir bei H&M gekauft. Nur sieben Euro!“

Ich betrachte die mittelscheußliche Strickjacke in lila. „Schön.“

Aber hm, eigentlich gutes Stichwort… Ich greife neben mich und krame nach meiner „Emma“. „Das hab ich mir gekauft.“

Mama nimmt die Zeitschrift. „Aha…“ Sie studiert das Cover. „Die Hannelore Hoger ist ja schon eine interessante Frau.“

Ich: „Ich kenn die ehrlich gesagt gar nicht.“

Mama: „Die spielt „Bella Block“.“

Ich: „Ach, ich dachte das wäre die Iris Berben.“

Mama: „Nee, Hannelore Hoger.“

Ich: „Ach so.“

Mama blättert zu dem Artikel und beginnt, ihn zu überfliegen. Ich sitze daneben und sage nix.
Irgendwann, langsam: „Da läuft ja gerade eine riesige Diskussion wegen Sexismus ab… diese Diskussion ist jetzt wohl auch auf Facebook ganz groß und das geht mir so auf den Senkel.“ Ihre Stimme wird schärfer. „Das wird so dargestellt, als hätten die Frauen meiner Generation sich jahrelang alles gefallen lassen und jetzt plötzlich würden die jungen Frauen aufstehen und was tun. Als hätte meine Generation alles mit sich machen lassen.“

Ich: „Naja, es läuft halt vieles nicht so, wie es sollte. Es gibt offensichtlich viele junge Frauen, die sowas tagtäglich erleben.“

Mama: „Dagegen kann man sich ja wehren. Das kannst du ja auch.“

Ich: „Na, auch nicht immer.“

Mama, mich anstarrend: „Wie?! Wogegen konntest du dich denn nicht wehren?“

Ich überlege eine Sekunde und atme innerlich tief durch. Schließlich: „Weißt du nicht mehr, damals, als die Jungs mich gezwungen hatten, mich vor ihnen auszuziehen?“

Mama, mit großen Augen: „Wer war das?“

Ich: „Sören.“

Mama: „Welcher Sören?“

Ich: „Na, der Sören Müller. Und Martin von nebenan. Es war noch ein dritter dabei, ich glaube dieser eine, der immer mit Martin rumgehangen hat, aber ich weiß den Namen nicht mehr.“

Mama ist etwas aus der Fassung. „Warum hast du dich uns nicht anvertraut?“

Ich: „Das hab ich doch.“

Mama, leise: „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie alt warst du da?“

Ich: „Weiß nicht mehr genau. Sechs Jahre, höchstens. Eher aber vier oder fünf.“

Mama: „Daran kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern.“

Ich: „Ich aber. Sie haben mir damals gesagt, dass sie mich nie wieder heim lassen, wenn ich mich nicht ausziehe. Und ihr habt damals gesagt, dass es dumm von mir war, das zu glauben. Ich hätte mich einfach weigern sollen. Das weiß ich heute auch, aber naja, ich war halt klein, ne?“

Mama ist sprachlos. Ich sitze schweigend neben ihr und schäme mich ein bisschen.

Schließlich, mit bekümmerten Ton: „Nun… junge Eltern machen wohl schon einige Fehler, die sie später mit mehr Erfahrung sicher nicht mehr machen würden.“

Ich akzeptiere das als längst überfällige Entschuldigung. Gleichzeitig ist damit auch die lang gehegte Frage, ob damals vielleicht ohne mein Wissen noch was unternommen worden ist – ein Gespräch mit den Eltern der Jungs zum Beispiel – endlich beantwortet.

Ich: „Also kann man wohl sagen, dass Kinder sich wohl schlecht wehren können.“

Mama: „Ja, wohl schon. Aber HEUTE…“

Ich: „Heute passiert das doch auch ständig.“

Mama: „Du lässt dich doch wohl nicht von jemanden angrabschen?“

Ich: „Nein.“

Mama: „Na also!“

Ich: „Aber es muss ja nicht immer was mit Anfassen sein. Wie soll man sich gegen Beleidigungen wehren?“ Ich erzähle ihr eine Story von der Arbeit. „‚Ich steck dir noch einen Cent Trinkgeld in die Fotze‘ – wie hätte ich mich da wehren können? Ich kann ja da keine Schlägerei anfangen.“

Mama: „Bei sowas wehrt man sich überhaupt nicht. Das ist einfach nur riesige Dummheit, solche Ausdrücke. Das würde ich einfach ignorieren.“

Ich: „Aber warum soll ich mir das gefallen lassen? Da steckt ja auch Struktur dahinter. Offensichtlich finden es solche Menschen angemessen, solche Worte gegenüber Frauen zu benutzen und werden damit akzeptiert. Das kann doch wohl nicht sein.“

Mama: „Mit solchen Leuten verschwendet man nur seine Energie.“

Ich, seufzend: „Jaaaa.“

 

Das Gespräch wird unterbrochen, weil meine Mutter aufs Klo muss. Wieder zurück, sieht sie mich mit einer Art Triumph an. „Mein Chef ist zwanzig Jahre jünger als ich und nennt mich ‚Puppe‘!“ Sie lacht.

Ich: „Ja, das ist doch scheiße. Warum tut er das?“

Mama: „Weil er ein furchtbar lieber Bub ist.“

Ich: „Hm.“

 

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt zum Essen.

Mama: „Aber meinst du, es ist der richtige Weg gegen sowas, jetzt auf Facebook nach Sexpartnern zu suchen?“

Ich: „Hä?“

Mama: „So stand das in der Zeitung. Da gibt es jetzt wohl  sowas auf Facebook, mit dem man sich fürs Bett verabreden kann…“

Ich: „Äh, da wirfst du grade was durcheinander.“ Ich erkläre ihr bang your friends, was Twitter ist und die Grundzüge von #aufschrei.

Mama: „Ach so. Das klang in der Zeitung ganz anders.“

Ich: „Ja, BILD halt.“

Mama: „Aber mich regt diese Hexenjagd auf Brüderle so auf. Der hat sich doch nur blöd ausgedrückt. Und dann kommt diese Journalistin ein Jahr später und schreibt so einen Artikel!“

Ich: „Die kann ja nichts dafür, dass der Artikel jetzt erst kam. Vorher war es halt uninteressant, das wollte niemand drucken.“

Mama: „Hm. Trotzdem. Wenn es ihr gegen den Strich gegangen ist, hätte sie ja was sagen können.“

Ich: „Man kann aber ja nicht immer was sagen.“

Mama: „Warum nicht? Ich bin mal aus dem Büro gegangen, mein oberster Chef war hinter mir. Ich hielt ihm die Tür auf und ging dabei rückwärts. Er ging an mir vorbei und sagte: ‚Was für ein Arsch!‘ Da hab ich ihn angesehen und sagte: ‚Ja, und du bist ein Arschloch.'“

Ich: o.O (anders als bei mir gehören solche Worte bei meiner Mutter nicht gerade zum Alltagsvokabular)

Mama: „Wenn der mich heute sieht, kriegt der einen knallroten Kopf. So macht man das. Wer mir gegenüber solche Ausdrücke benutzt, muss damit rechnen, dass ich sie zurück gebe.“

Ich: „Aber es bleibt doch oft nicht bei Sprüchen.“

Mama: „Na, wer grabscht, der kriegt eine gescheuert!“

Ich: „Hm, dann muss man sich anhören, man wäre gewalttätig. Manche Männer sind der Ansicht, die Frauen sind selbst Schuld, wenn sie mit tiefen Ausschnitt rumlaufen. Die würden das ja provozieren.“

Mama, jetzt richtig aufbrausend: „Was für ein Unsinn! Man darf nicht grabschen, selbst wenn ich nackig laufen täte!“ (woah, meine Mutter ist eine Slutwalkerin!)

 

Wir kämpfen uns über eine vielbefahrene Straße und gehen weiter,  eng unter den Regenschirm gedrängt.

Ich: „Okay, du bist schon lange in dem Betrieb und kannst dich wehren. Aber was ist, wenn dein Chef jetzt gesagt hätte, dass du deine Sachen packen musst? Nicht jeder Chef lässt so mit sich reden. Und manche Chefs legen es ja auch drauf an. Wie hättest du denn damals reagiert, als ich noch klein war und du noch allein warst?“

Mama: „Als ich mit 21 in dem Betrieb anfing, war mein damaliger Chef zwanzig Jahre älter als ich. Der hatte zwei kleine Kinder und die Frau war ihm weggelaufen. Der hat jemand gesucht, der sich um die kümmert und das Haus in Ordnung hält. Einmal hat er mir gesagt, dass er mich gerne mit in Urlaub nehmen würde. Ich hab ‚Nein‘ gesagt. Damit war das Thema erledigt.“

Ich: „Und wenn er drauf bestanden hätte? Wenn er gesagt hätte: ‚Bett oder Job los‘?“

Mama: „Dann hätte ich gekündigt!!“

Ich: „Und wenn ich damals schon da und noch klein gewesen wäre? Wenn du den Job dringend gebraucht hättest?“

Mama: „Dann hätte ich mir trotzdem eine andere Stelle gesucht! Dahingehend bin ich meinen Prinzipien immer treu geblieben!“

Ich: „Hm.“

Wir gehen weiter. Nach einer Weile meint meine Mutter leise: „Gut, das kann ich HEUTE natürlich leicht sagen…“

 

Wir sind nur noch ein paar Straßen vom Restaurant entfernt. Ich habe tierischen Hunger, aber ein paar Antworten fehlen mir noch.

Ich: „Und was ist mit Jugendlichen? Du warst 14, als du deine Lehre angefangen hast. Man kann ja wohl nicht erwarten, dass so junge Mädchen sich gegen alles wehren können.“

Mama: „Doch! Und wenn nicht, haben die Eltern versagt. Darüber muss man reden! ICH hab immer gesagt: Die Robin, die kann sich wehren.“

Ich: „Aber wir haben über sowas doch NIE gesprochen.“

Mama (seufzt): „Ja… das stimmt wohl.“

Ich: „Und zuhause hab ich so einen Scheiß ja auch ständig gehört. Weißt du, was P. mal zu mir gesagt hat? ‚Es ist okay, wenn Frauen arbeiten gehen, wenn Vollbeschäftigung herrscht, aber wenn die Rezession kommt, nehmen diese Frauen den Männern die Arbeitsplätze weg‘.“

Mama: „Ich habe es aufgegeben, mit meinem Bruder über politisches zu streiten. Der hat diese Denke von deinem Opa. Er war dagegen, dass Frauen arbeiten gehen, nur hat dein Opa das anders gemeint. Er meinte, das würde die Familie kaputt machen.“

Ich: „Aber meinst du, dass Mädchen sich sowas anhören müssen?“

Mama: „Nein, eigentlich nicht. Aber wie gesagt, ich habe solche Diskussionen aufgegeben. Und DEIN Problem ist vor allem, dass du immer direkt so aggressiv wirst, wenn du dich mit deinen Onkeln streitest.“

Ich: „Ja, aber ich reagiere ja nur. Ich müsste nicht aggressiv werden, wenn ich mir nicht so eine Scheiße anhören müsste.“

Mama, dieses Mal tief, tief seufzend: „Ja, das weiß ich ja…“

 

Robins Mama wurde Ende der Fünfziger als ältestes von drei Kindern geboren. Sie begann mit 14 ihre Ausbildung und verblieb in ihrem Lehrbetrieb, bis sie sich mit 21 dem Betrieb anschloss, in dem sie heute noch als Sachbearbeiterin arbeitet. Mit 19 heiratete sie, damit sie mit ihrem Freund zusammen ziehen durfte, mit 21 ließ sie sich scheiden. Mitte/Ende Zwanzig traf sie Robins Erzeuger und bekam ihr erstes und einziges Kind. Sie verzichtete auf Unterhaltszahlungen, weshalb Robin ihren Erzeuger heute kennt, der Staat kennt ihn jedoch nicht. 6 Monate nach der Geburt ging sie wieder Vollzeit arbeiten. Als Robin ca. zwei Jahre alt war, traf Robins Mama ihren Stiefvater, mit dem sie ein Haus baute und Robin mehr oder minder erfolgreich groß zog. Die Beziehung hielt bis vor wenigen Jahren. Gegenwärtig wartet sie darauf, in Frührente geschickt zu werden.

#aufschrei: Ein dummes Lämmlein blökt zurück

Nerdbarbie hat mir unter meinem letzten Blogpost den Artikel Das Schreien der Lämmer von Frau Meike geliefert. Als ich ihr meine ausführliche Meinung dazu posten wollte, merkte ich, dass dies den Rahmen der Kommentarspalte eindeutig sprengt, sowohl hier, als auch bei Frau Meike. Dennoch möchte ich Frau Meike darlegen, warum ich ihren Artikel, O-Ton, „ziemlich schlecht“ fand – gerade weil er in der  momentanen Sexismusdebatte immer wieder als sachliche Gegenstimme zitiert wird, obwohl er in meinen Augen zahlreiche nicht zu übersehende Schwächen hat.

Liebe Meike,

dein Blogpost hat mir leider einige Ansätze geliefert, die ich so auf keinen Fall unterschreiben kann, weshalb ich ihn, wenn auch nicht unbedingt vom Grundgedanken, jedoch von der Ausführung her nicht gut finde. Ich möchte dir erklären wieso.

Beginnen wir mit deinem ersten Kritikpunkt, Die Verquickung von z.B. Sexismus und Kindesmissbrauch, Sexismus und Vergewaltigung, Sexismus und körperlichen Übergriffen. Hier hältst du fest, dass sexuelle Gewalt bagatellisiert würde, wenn man sie mit Sexismus in einem Topf wirft. Kindesmissbrauch und Vergewaltigung seien ja viel schlimmer, ein Verbrechen.

Hier direkt zwei Probleme.
Erstens: „Sexismus ist kein Verbrechen“ – das kann man so nicht sagen. Im Grundgesetz ist der Schutz vor Sexismus verankert. Je nachdem, wer sich wo und wie sexistisch äußert oder handelt, kann ganz empfindliche Strafen erhalten – beispielsweise der Chef, der einen Mann befördert, obwohl eine Frau da wäre, die besser qualifiziert wäre. Die Arbeitsgerichte sehen sowas gar nicht gern!
(Falls du jedoch „Verbrechen“ im juristischen Sinne meinst, dann sei dir gesagt, dass sexueller Missbrauch von Kindern nach §176 StGB auch nur in schweren Fällen ein Verbrechen ist)

Zweitens: Du kritisierst die Vermengung der Begriffe, ohne deinerseits eine ordentliche Definition zu liefern. Nach dem, was du schreibst, kann man aber leider nicht davon ausgehen, dass du weißt, worum es sich bei den genannten Taten im einzelnen genau handelt. Sexuelle Gewalt scheint bei dir irgendwie nur als „Penis in Vagina“ zu existieren.
Alles andere ist bagatellisierend? Tja, sexuelle Gewalt ist aber viel mehr. Auch Kindesmissbrauch ist viel, viel weitgehender, der kann sogar schon anfangen, wenn das Kind nicht mal berührt wird. Bei vielen Missbrauchsfällen kommt es nie zur Penetration… und wenn, ist das schon schwerer Missbrauch. Wissen die meisten nicht, ist aber so.

Ist jeder Vergewaltiger ein Sexist? Spontan würden das wohl viele bejahen, aber wenn man etwas drüber nachdenkt, muss man wohl zum Schluss kommen, dass diese Einschätzung zu einfach ist. Bei manchen mag das sicher zutreffen, aber die meisten Vergewaltiger werden sich über ihre Opfer nicht hermachen, weil sie Frauen sind und Frauen für sie per se weniger wert sind, sondern weil sie sich einfach nicht unter Kontrolle haben. Für viele steckt da wohl kein richtiges Schema dahinter – zumindest keines, dem sie sich bewusst sind.

Ist jeder, der Kinder missbraucht, ein Sexist? Das wohl noch weniger. Echten Pädophilen ist es scheißegal, ob ihr Opfer männlich oder weiblich ist, es zählt allein die Kindlichkeit. Und der große Rest, der Kinder missbraucht, tut dies einfach, weil sie – die Kinder – gerade da sind; sie werden zum „Ersatzobjekt“. Das Geschlecht ist beim Kindesmissbrauch recht nebensächlich, auch wenn immer noch mehr Mädchen als Jungen missbraucht werden.

Damit kommen wir zur sexuellen Belästigung, die deiner Meinung nach überhaupt nichts mit Sexismus zu tun hat. Ich mach es kurz: Du liegst falsch. Wer mich „Fotze“ nennt oder mir ungefragt an die Brüste packt, während er schmierig grinst, macht sich nicht nur juristisch der Beleidigung bzw. der sexuellen Belästigung schuldig, sondern zeigt ausgeprägte sexistische Züge. Ein mir entgegen geschleudertes „Fotze“ dient nicht der sexuellen Befriedigung des Täters, sondern soll mich einfach nur demütigen, mich in meiner Weiblichkeit abwerten, indem ich auf mein primäres Geschlechtsorgan reduziert werde, ich zu einem Loch werde, womit systematisch und gewollt meine Grenzen überschritten werden.

Was ist Sexismus, wenn nicht das?

Was dir irgendwie gar nicht auffällt: Mit der Forderung, doch bitte beim Thema Sexismus zu bleiben und die „Schlagworte nicht zu verquicken“, verbietest du im Grunde den Opfern sexueller Gewalt (für dich also lediglich Vergewaltigungsopfer und als Kind sexuell missbrauchte Menschen), sich bei der #aufschrei-Aktion zu äußern, die nun mal unter dem Titel „Sexismusdebatte“ in die Mediengeschichte eingehen wird, da beides ja in deinen Augen nichts (und wie du siehst, in meinen auch nicht so wirklich) mit Sexismus zu tun hat. Aber wer bist du, Frauen, die jahrelang still gelitten haben, zu sagen, dass sie jetzt bitte nicht im Eifer des Gefechts mit der Teminologie durcheinander kommen sollen? So von wegen Ohrfeige ins Gesicht aller Opfer?

Wenn eine Vergewaltigung und ein Kindesmissbrauch schon nicht sexistisch sind… der ständige Druck auf die Opfer, doch bitte nicht so ein Fass aufzumachen, ist es schon. Pola Kinski kann ein Lied davon singen.

Bei deinem zweiten Punkt, Das Ignorieren unterschiedlicher Wahrnehmungen fragst du dich, was sexistisch ist und was nicht und bringst Beispiele.
Ich finde den Punkt unnötig: Die Frauen, die bei #aufschrei mitmachen, empfanden die geschilderten Aktionen wohl in jedem Fall übergriffig, sonst würden sie ja nicht davon berichten. Es ist doch völlig egal, ob das nicht der Fall gewesen wäre, wenn die übergriffige Person eine andere gewesen wäre.
Ich habe auch einige Vorfälle gelesen, die ich nicht als Übergriff empfunden hätte, wenn sie mir passiert wären. Aber das ändert ja nichts an der Wahrnehmung der Frau, die es erlebte. Für eine Beurteilung vor Gericht wäre dieser Maßstab freilich nicht ausreichend.

Am Ende bleibt aber dennoch: Wenn hier jemand unterschiedliche Wahrnehmungen ignoriert, dann bist das doch leider du.

Dein Punkt drei, Die Weigerung vieler Frauen, Verantwortung zu übernehmen, ist mir auch absolut zu pauschal. Klar soll man lernen, sich zu wehren, aber wenn ich einem Kerl, der mir an den Busen grabscht, eine Ohrfeige verpasse, ändert das nichts daran, dass dieser Busengrabscher passiert ist und sich nicht rückgängig machen lässt. Vielleicht für die nächste Frau, vor deren Linse er gerät, aber mir persönlich bringt es nichts (außer Genugtuung), zumal man sich in unserer verdrehten Gesellschaft dann auch noch vorwerfen lassen muss, man wäre gewalttätig.

Ich mag das Wort „Verantwortung“ in diesem Zusammenhang nicht. Liegt es in meiner Verantwortung, wenn ein Mann mich begrabscht? Nein, das war seine eigene und exklusive Entscheidung. Nicht mal meine Klamotten kann man dafür verantwortlich machen, denn ich kleide mich nicht sehr weiblich.

Von wegen, Frauen sollen bei der Beseitigung des Problems auch mal tätig werden – ähm, das wird doch gerade gemacht!? Aber das ist auch wieder nicht richtig. Es wäre doof, Männern einfach zu sagen, dass sie sich ändern sollen. Aber warum soll ICH mich ändern, damit Männer mich nicht mehr begrabschen? Ich hab doch gar nichts gemacht!
Also: Wehren ja, wehren ist toll! – aber die Verantwortung für einen Übergriff hat niemand sonst als der Übergriffige selbst!

Schön finde ich es auch, dass du diese vielen Tweets liest und einfach so davon ausgehst, dass sich die Betroffenen in keiner Situation gewehrt haben. Steht das dabei? Nee, das erfindest du dazu.
Davon ab: Wie soll man sich in allen Situationen wehren? Manche geschehen so plötzlich, so schnell, so unerwartet, dass man einfach nur zur fassungslosen Salzsäule erstarrt. Wie soll ich mich wehren, wenn mir jemand aus einem vorbeifahrenden Auto „Ey Schlampe, zeig mal deine Titten“ entgegen brüllt? Ich bin nicht schneller als ein Auto!

„Man soll miteinander reden“, schreibst du, da die Männer ja nicht wissen können, ob sie sich noch auf angemessenen Flirtterrain bewegen oder doch schon übergriffig sind. Sorry, aber wie einfach kann man es sich eigentlich machen? Wer mich „Schlampe“ nennt oder mir in die Brust zwickt, dem muss ich doch wohl nicht erst erklären, dass ich sowas nicht als Auftakt zu einem aufregenden Flirt empfinde!

Verantwortung sollen doch bitte die Männer übernehmen, die sowas für normale Umgangsformen halten!

Dein Punkt vier, Die Opferhaltung vieler Frauen, die sich in der Debatte äußern zeigt ein Problem auf, das mich auch immer wieder ankotzt, nämlich die durch und durch negative Konnotation des Wortes „Opfer“. Es klingt immer so, als wären Opfer schwächliche, kleine Mäuschen, die nur ihr Gesicht in den Armen vergraben und gar nichts machen können.

Ich bin kein Mäuschen, aber wenn ich sexuell belästigt werde, bin ich trotzdem ein Opfer, nämlich eines der sexuellen Belästigung. Das ist für mich völlig wertfrei!

Victim Blaming, Opferbeschuldigung, sagt schon viel aus, nur ist es meistens nicht auf das konkrete Ereignis beschränkt, indem man dem Opfer eine Mitschuld zuschiebt und ihm damit Komplizenschaft unterstellt („Na, wenn du SO rumläufst…!“ – „Selbst Schuld, wenn du nachts allein unterwegs bist“ – „Du hast bestimmt falsche Signale gesendet“) sondern man wird schon einfach so beschuldigt, nur weil man Opfer ist. Man ist scheiße, weil ein anderer Mensch sich dazu entschlossen hat, einen anzugreifen. Classic!

Ich bin mit dir einer Meinung, dass Frauen öfter mal auf den Putz hauen und sich wehren sollten. Aber DAS geht in meinen Augen nicht klar. Auch geht es nicht, dass du deine Geringschätzung echten Opfern gegenüber damit begründest, noch nie selbst in solche Situationen gekommen zu sein. Du schreibst das, als wärst du stolz darauf, als wäre das dein eigener Verdienst. Aber das ist es nicht – du hast, falls das stimmt, einfach nur Glück gehabt.

Netzwertig meldet, dass in nur zwei Tagen 25.000 Tweets mit dem Hashtag #aufschrei über den Schirm gelaufen sind. Weißt du wahrscheinlich, denn du wurdest mit deinem „differenzierten Blickwinkel“ verlinkt.

Jetzt überleg mal: 25.000 Tweets, „ohne Spam“! Was das für ne Masse ist!

Natürlich kann man die nicht alle zählen. Ich nehme an, Trolle wurden nicht herausgefiltert, wie sollte das auch gehen? Dafür müsste man jeden Tweet einzeln lesen.
Nehmen wir mal (ganz hoch angesetzt) an, bei drei Fünfteln der Tweets handelt es sich um Trollerei oder um Aphorismen. Dann bleiben immer noch 10.000 Geschichten von Frauen und den sexuellen Übergriffen, die sie erlebt haben. Nach deiner eigenen Schätzung („60% der Schilderungen fand ich erschreckend, der Rest Pillepalle“) sind das immer noch 6000 Tweets, die schockierende Erfahrungen mit sexueller Gewalt zum Thema haben! Und das in zwei Tagen! Kannst du mit dieser Zahl vor Augen immer noch so relativieren, wie du es in deinem Blogpost getan hast?

Dazu möchte ich anmerken: Ich kenne niemanden persönlich, der Twitter benutzt. Keine einzige meiner Freundinnen ist bei Twitter. Twitter ist für mich eine Randerscheinung, ein Special Interest für Leute, die sich ohnehin überwiegend im Netz aufhalten und es mitgestalten. Meine Freundinnen nutzen das Internet, um Nachrichten zu lesen, Youtubevideos zu kucken, Konzertkarten oder Flugtickets zu bestellen, Rezepte zu suchen, auf Facebook rumzugammeln, was bei Wikipedia nachzuschlagen, nach der korrekten Rechtschreibung eines Wortes zu suchen oder Antworten auf Fragen wie „Wie entfernt man Kaugummi aus Haaren?“ oder „Darf man Spülmittel in die Spülmaschine tun?“. Das wars. Und meine Freundinnen sind damit nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Deutschen, ob Frau oder Mann, nutzen Twitter nicht. ICH habe Twitter nicht genutzt. Konkrete Zahlen sind schwer zu bekommen, aber es ist unübersehbar, dass Twitter im Vergleich zu Facebook und Co. gewaltig abstinkt.

Trotzdem diese vielen Beiträge. In zwei Tagen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Auch nicht durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der Versicherung, dass man SELBST nie sowas erlebt hat.
Ganz ehrlich: Ich glaube dir das nicht. Bist du wirklich noch nie „Schlampe“ oder ähnliches genannt worden? Hat noch nie ein Mensch, den du nicht mal kanntest, eine unangemessene Bemerkung über dein Aussehen oder deine Brüste oder Hintern gemacht?
Wenn es wirklich so ist: Herzlichen Glückwunsch. Ich beneide dich. Nur muss  ich dir leider sagen: Das ist vollkommen egal. Kaltmamsell hat dazu einen wunderbaren Artikel geschrieben, den du dir mal zu Gemüte führen solltest. Sie schreibt ebenfalls, dass sie sowas noch nie erleben musste, aber kommt zu einem komplett anderen Schluss. Ihrer lautet: „Es geht nicht um mich.“

Wenn es tausende Frauen allein auf Twitter, dem Minderheitenmedium, gibt, die von ihren Erlebnissen berichten, dann ist es doch völlig unwichtig, dass du sowas noch nie erlebt hast. Das beweist gar nichts, höchstens, wie gesagt, dass du ein besonderes Glückskind bist. Aber damit hast du nicht den Beweis geliefert, dass sexuelle Gewalt in Deutschland kein Thema ist. Nein, du hast lediglich den Männern in die Hände gespielt, die tausend Tweets mit Leichtigkeit ignorieren können, solange nur eine Frau sich hinstellt und sagt: „Das ist doch gar nicht schlimm.“

Bei Punkt 5, Nicht alles ist Sexismus, stimme ich dir bis zu einem gewissen Grad zu, aber ich glaube, das ist schlicht und ergreifend momentan egal. #aufschrei ist zu einem Selbstläufer geworden, der keinen klaren Richtlinien unterworfen ist, weil die Erfinderinnen niemals auch nur im Traum erwartet hätten, was für eine Lawine sie da lostreten könnten. Das in dieser Debatte, wie in eigentlich jeder Debatte, nicht alles astrein läuft und dass vieles möglicherweise auch übertrieben wird, liegt in der Natur der Sache. Dieser einzigartigen, großartigen Sache, die so viele Frauen dazu gebracht hat, endlich ihr Schweigen zu brechen und damit auf eine Weise tätig zu werden, die du einerseits forderst, andererseits aber verurteilst. Wenn dabei teilweise über das Ziel hinaus geschossen wird – sei es drum! Momentan will sich jede nur Luft machen und das ist auch dringend nötig. Niemand will Männer verletzen, die sich Frauen gegenüber respektvoll verhalten und von den ganzen geschilderten üblen Vorfällen tief betroffen sind (schämen müssen die sich übrigens nicht – warum auch, wenn sie nichts gemacht haben?).

Ich finde #aufschrei einfach gigantomanisch. Vielleicht könntest du dich darauf mehr einlassen, wenn du mal über folgendes nachdenken würdest: Nicht alles ist KEIN Sexismus.

Damit bin ich fast am Ende, habe aber noch eine letzte Frage. Du schreibst direkt zu Anfang:

Dennoch möchte ich sagen, was mich wütend macht und warum.

Du hast mit mehr oder weniger schlüssigen Argumenten dargelegt, was dich an der Debatte gestört hat, aber das Warum hast du nicht beantwortet. Daher noch mal die Frage: Warum macht dich das so wütend? Warum kannst du nächtelang deswegen nicht schlafen? Warum heulst du deswegen? Warum schreibst du sechs Stunden lang an einem Blogpost, der einzig zum Ziel hat, diese Aktion schlecht zu reden? Warum nutzt du die letzten Sätze deines Posts, um deine übertriebene emotionale Betroffenheit herauszustellen?

Was stört dich denn so daran, wenn Frauen endlich gemeinschaftlich von Übergriffen sexueller und sexistischer Art berichten, die nicht okay sind, egal wie oft sie noch relativiert werden?

Ich fürchte, dieser Post wird dir nicht gefallen. Es lag mir fern, dich zu beleidigen, auch wenn ich mich selbst von deinem Post ein wenig beleidigt gefühlt habe. Das Beste daran war leider der Titel.

Sorry.

lg
Robin

Edit: Mehr Contra: 

Haltungsturnen: Derailing und die Lämmerfrage
Frau Elise: Wir sind keine Lämmer
Und allgemein:
Natalie: Aufschrei-Argumente
Journelle: Danke #aufschrei

Mädels, join the #Aufschrei!

aufschrei

„Qualitätsmedien“ wie die BILD schreiben immer wieder: „Nachdem die Ereignisse bekannt wurden, ging ein Aufschrei durch Deutschland!“

Tja, dieses eine Mal stimmts.

Inzwischen dürfte es wohl jeder mitbekommen haben: Rainer Brüderle macht eine Journalistin blöd an und die schreibt darüber einen Artikel, der eine Sexismusdebatte auslöst, die ich in dieser Form niemals erwartet hätte.

Ich möchte überhaupt nicht darüber diskutieren, ob das Vorgehen der Journalistin so ganz astrein war, denn dass die Tatsache, dass dieser Artikel erst ein Jahr nach dem Vorfall erschienen ist und daher ein „Geschmäckle“ hat, ist schon zur Genüge und erschöpfend breit getreten worden. Ich finde, beide Seiten haben gute Argumente, ich bleibe aber trotzdem bei meiner Meinung, dass dieser Artikel gut ist, so wie er ist, auch wenn man ihn schon vor einem Jahr hätte veröffentlichen können.

Ob er trotzdem die gleichen hohen Wellen geschlagen hätte? Wer weiß! Aber DAS er Wellen geschlagen hat, ist unbestreitbar. Von den Blogs, denen ich folge – und das sind nur zum Bruchteil feministische Blogs – beschäftigten sich gut ein Viertel heute oder gestern mit dem Vorfall. Und es werden immer mehr!
Vor allem „Schuld“ an dieser tsunamiartigen Ausweitung der Debatte ist wohl Twitter, da ein paar fixe Leute auf die Idee gekommen sind, daraus eine Aktion zu machen. Unter dem hashtag #aufschrei erzählen seit einigen Tagen Frauen und Mädchen aller Altersklassen von ihren Erlebnissen mit dem alltäglichen Sexismus. Inzwischen ist das so groß, dass sich selbst die Mainstreammedien damit beschäftigen müssen (Onyx hat unter ihrem Beitrag zum Thema mal eine beeindruckende Liste mit Artikeln zusammengestellt… und das ist nur der Anfang!).

Und ich finde das ultrageil! Nie im Leben hätte ich gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Was da zusammenkommt, das ist… shocking!

Es heißt von Feministinnen gerne, wir würden in einer Rape Culture leben, einer Kultur, die Vergewaltigung systematisch zulässt durch Opferbeschuldigung, lasche Strafen, wenn überhaupt bestraft wird etc.pp.
Ich fand den Begriff immer etwas reißerisch. Es passieren viel zu viele Vergewaltigungen, dennoch ist das jetzt nicht ein Problem, dem ich mich tagtäglich aussetze, indem ich nur einen Fuß vor die Tür setze. Auch gibt es viele, viele Menschen, die einfach nur übelste Hassgefühle kriegen, wenn sie hören, dass eine Frau vergewaltigt worden ist. Also nix mit Opferbeschuldigung und so weiter.
Man kann den Begriff durchaus kritisieren. In meinen Augen aber völlig unbestreitbar ist die Tatsache, dass wir in einer Belästigungskultur leben. Sexuelle Übergriffigkeiten sind an der Tagesordnung und wer das nicht glaubt, kann ja in diesen Tagen Twitter einschalten!

Ich habe keinen Twitteraccount, werde mir aber in den nächsten Tagen einen anschaffen. Zu beeindruckt bin ich von der Macht dieser Plattform, die sich mir hier demonstriert.
Das heißt aber nicht, dass ich darauf verzichten muss, bei der #Aufschrei-Aktion mitzumachen. Im Gegenteil, ich brenne darauf, meine Erlebnisse nieder zuschreiben… nur halt eben hier! Und ich fände es einfach nur wundervoll (seltsame Wortwahl in diesem Zusammenhang, aber es ist halt so), wenn wirklich jede Bloggerin da mitmachen würde. Man muss keinen Blog mit feministischen Inhalten betreiben, um seine Erlebnisse mit dem alltäglichen Sexismus mit der Welt zu teilen, denn das ist ein Thema, das jede Frau und jedes Mädchen betrifft, da wir ALLE schon mal Opfer solcher Übergriffe geworden sind… oder bezweifelt das immer noch jemand?

„Männer nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr“ titelt Spiegel Online. Tja, lasst uns doch einfach eine so gigantische Informationsbombe zünden, dass die gar nicht anders können, als es wahrzunehmen!! Viel ist ja schon erreicht, aber da geht  doch noch mehr! Twittert, schreibt auf Facebook, redet mit Freunden drüber, bloggt, tut was euch sonst noch so einfällt, aber bitte tut was und brecht euer Schweigen! Denn irgendwas liegt in der Luft. Es ist vielleicht mal wieder viel zu optimistisch, aber irgendwie glaube ich, dass diese ganze momentane Debatte das Zeug dazu hat, tatsächlich mal langfristig etwas zu verändern.

Und nach dieser langen Vorrede… mein #Aufschrei!

Ich bin ja manchmal etwas schizophren unterwegs. So bin ich ja eigentlich gegen Gewalt, aber ne saftige Klatsche, zumindest im Geiste, da leider in der Realität nicht passiert, möchte ich dennoch an folgende Personen senden.

Da wären die widerlichen Typen, die mir und meinen Freundinnen, als wir gerade aus der Bahn steigen wollten, an den Arsch gepackt und dabei gröhlend gelacht haben. Und wenn ich „gepackt“ schreibe, meine ich gepackt!

Oder der Kumpel, der mir, die ich mich an dem Abend besonders sorgfältig zurecht gemacht hatte und mir in dem edlen Top mit tiefen Ausschnitt besonders hübsch vorkam, nach dem Discobesuch im Subway vor dem vollbesetzten Laden an den Kragen packte und versuchte, mein Top herunter zu ziehen. Ich konnte mich noch eben so retten, so dass lediglich eine Freundin, die mir gegenüber saß, einen Nippel zu sehen bekam. Das wurde mir am nächsten Tag immerhin reuevoll mit einer Rose und einer Packung Merci vergütet. Trotzdem!

Das dumme Arschloch, das meiner besten Freundin, als die in ihm einen Klassenkameraden von der Berufsschule erkannte und lächelnd auf ihn zu trat, blitzschnell in die Hose und damit in den nackten Schritt gegriffen hat, während seine Freunde ihn umringten und der Aktion applaudierten. Das geschah am hellichten Tag mitten in der Stadt und ich stand daneben!

Frauen können auch scheiße sein. Zumindest die unsensible, saublöde Frauenärztin, die ich mit meiner Mutter beim ersten Auftreten von diffusen Bauchschmerzen mit 11 Jahren aufsuchte und die keinen Gedanken daran verschwendete, dass ich es vielleicht unangenehm finden könnte, wenn ich auf den Stuhl und meine Vagina weit öffnen muss, während meine Mutter genau davor sitzt und einen so guten Blick auf UND IN meine Genitalien hat, dass sie praktisch schon ihren ungezeugten Enkeln Hallo sagen konnte!

Da wär noch der ekelhafte Schwanz, der die Freundlichkeit, mit der wir ihn bei Rock am Ring an unser Feuer eingeladen haben, damit vergütete, dass er mir, als ich gerade mit einem Freund neben ihm redete und kurz wegsah, in die linke Titte kniff. Das war nicht nur scheiße, das tat sogar richtig weh!!!

Dann die vielen, vielen Assis, die den fröhlichen Marsch meiner besten Freundin und mir in Richtung Disco jedes verdammte Mal mit einem aus dem heruntergekurbelten Autofenster gerufenen „Fickeeeen!“ beendeten!

Oder der Blogger, der ein Lifestyle-Autor sein will, aber einfach nur ein Arschloch ist, der sich nicht zu blöd ist, Frauen, die seine Meinung nicht teilen, zu unterstellen, sie müssten wohl mal wieder gefickt werden, was von seinem degenerierten Fanclub johlend kommentiert wird, und der außerdem abgrundtief böse genug ist, über Missbrauchsopfer abzulästern und gar Frauen, die sowas nicht erlebt haben und die er nicht leiden kann, sein Bedauern über diesen Umstand auszusprechen.
Diesem Kerl würde ich keine Ohrfeige verpassen. Ich wünsche mir schlicht und ergreifend, dass er Krebs kriegt und stirbt!

Schön war auch der zurückgebliebene Sack, der bei meinem Betriebspraktikum in der 9. Klasse in einer Druckerei auf Nachfrage überrascht ausstieß: „Nein, Frauen können keine Druckermeister werden! Dafür muss man gut sehen können!“

Mit besonderer Liebe  denke ich auch an den stinkigen Bastard zurück, der mich, ein sechszehnjähriges Mädchen, im Park in einen schraubstockartigen Griff nahm und meinen Hals küsste und in mein Ohr stöhnte!

Und last, but not least: Die beschissenen kleinen Arschlochkinder, die mich, ich kann nicht älter als sechs Jahre gewesen sein, im Wald zwangen, mich ganz nackt auszuziehen, damit sie die weibliche Anatomie am lebenden Objekt studieren konnten!

…und das sind nur die Vorfälle, die mir spontan einfallen!

Ich möchte nicht, dass das falsch verstanden wird: Ich glaube nicht, dass mich etwas davon nachhaltig traumatisiert hat (bis auf den letzten Vorfall… dafür spricht, dass ich diesen gut 7, 8 Jahre nicht nur verdrängt, sondern VERGESSEN hatte). Aber SCHÖN war es auch nicht, verdammte Scheiße!!!
Es ist nicht unbedingt die Qualität einer Belästigung, die einem das Leben schwer macht, sondern einfach die pure Masse. Es ist nicht die Art der Waffen, die entscheidend ist, sondern wie man sie einsetzt. Wassertropfen sind harmlos, aber in der chinesischen Wasserfolter werden sie, permanent auf die Stirn eines Folteropfers fallend, dennoch zu einer wirksamen Methode, einen Menschen in den Wahnsinn zu treiben.

Und so ist es auch mit Belästigungen. Sie sind die Wassertropfen, die Hass in dir wecken, die dich vom Schlafen abhalten, dir die Laune versauen, dich dazu bringen, dass du dich in dem süßen Kleid, das du gerade noch so hübsch gefunden hast, nicht mehr wohlfühlst, weil sich wieder mal ein Arschloch dazu genötigt gefühlt hat, eine Bemerkung über deinen Arsch oder deine Titten fallen zu lassen. Immerhin hast du mit dem Fetzen Stoff ja auch ein Signal gesendet, also bist DU schuld, weil du Arsch und Titten hast.

Wir sind nicht Schuld, wenn Männer gegen uns übergriffig sind. Wir sind Frauen. Und Frauen werden tagtäglich von schwanzlosen kleinen Wichsern überall in Deutschland auf der Welt zu Opfern gemacht.
Das traumatisiert uns vielleicht nicht, aber es verdirbt uns zumindest temporär den Spaß am Leben. Und manchmal, viel zu oft, macht es uns auch Angst. Das ist nicht okay! Und es gibt so vieles, was mich ankotzt, was aber so alltäglich ist, dass sich kaum das Aufschreiben lohnt. Der abschätzige Blick von oben bis unten, mit dem ich mal eben abgecheckt werde. Die Hand, die ich, höflich wie ich bin, zur Begrüßung gereicht habe, und die einfach nicht mehr losgelassen wird. Die vielen „Fotze“-, „Schlampe“-, „Titten raus“-Rufe, die ich in meinem Leben schon hören musste. Die Kommentare, die ich kassiere, wenn ich aus dem Haus gehe ohne mich zu stylen, und die Kommentare, die ich kassiere, wenn ich es tue. ES NERVT!!!

Liebe Frauen und Mädchen, die ihr das hier liest. Viele machen schon bei dieser Aktion mit. Bitte tut das auch. Lasst uns die Wassertropfen sammeln, die so harmlos sind, aber unser Leben trotzdem manchmal zur Hölle machen, und gemeinsam erschaffen wir damit eine Flut, die vielleicht einen Damm brechen kann. Und wenn es nur der Damm ist, der die ganzen „Sowas passiert bei UNS doch nicht“-Laberern vor der Realität bewahrt. Die Gelegenheit war nie so gut wie jetzt, also macht es wie Maike, JaySue, Ninia, Mina, Theodoraa, Picki, Ina, Antje, Claudia, Frau Auge, AufZehenspitzen, Merle, Kris, die Femgeeks, Nele, Hopskuller, Nonalicious, Lisa, FlauschHanu, Cloudette, Hermione,
Sachensucherin, Katrin und die vielen anderen Bloggerinnen, die über oder von Übergriffen geschrieben haben und die man wohl unmöglich alle lesen kann (ich musste nicht gerade lange suchen für diese Liste!). Knallt den Männern eure Erlebnisse in die Fresse, auf dass sie endlich kapieren, dass dies ein Problem ist, welches man nicht weglabern kann, indem man die Betroffenen veräppelt!!

Wir sind Frauen und wir sind viele. Zeit, dass die richtigen Leute das merken!