20 Jahre §177-Reform – Die halbe Geschichte eines Meilensteins

Vorgestern feierte meine Timeline das Jubiläum eines Meilensteins: Nach jahrelangem Ringen wurde am 15. Mai 1997 eine Reform des Paragraphen 177 (heute „sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“) beschlossen. Gegen den Widerstand weiter Teile der CDU wurde damals der Begriff „außerehelich“ aus dem Gesetzestext gestrichen, womit Vergewaltigung in der Ehe nun endlich auch als solche justiziabel war. Dem voraus gingen endlose Debatten, die heute größtenteils schockierend und absurd anmuten und sich deshalb perfekt zu Demonstrationszwecken eignen – zeigt dies doch, wie hart einst für Rechte gekämpft werden musste, die uns heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie auf dem Papier noch gar nicht so lange existieren.

Ich war 12, als die Reform auf den Weg gebracht worden ist. Ich wusste damals nicht, dass Ehepartner bis dato vom Straftatbestand „Vergewaltigung“ nicht erfasst worden sind und war darüber schockiert. Umso wichtiger finde ich eine Erinnerungskultur in Form einer Berichterstattung 20 Jahre nach der Reform.

Und trotzdem stößt mir gerade diese Berichterstattung sauer auf. Es wird nämlich nur die halbe Geschichte erzählt.

Sehen wir uns dazu den §177 mal an, der bis zur Reform nur den Tatbestand „Vergewaltigung“ umfasste:

§ 177. Vergewaltigung.

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

 

 

Mit der Reform wurden die Straftatbestände „Sexuelle Nötigung“ und „Vergewaltigung“ zusammen gefasst, eine Vergewaltigung somit also zu einer besonders schweren Form der sexuellen Nötigung. Das neue Gesetz las sich dann nach einigen kleineren Korrekturen von 1998 bis 2016 (in gekürzter Form) so:
 

§ 177. Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung.

(1) Wer eine andere Person

  • 1. mit Gewalt,
  • 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  • 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. [2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  • 1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Wie bereits erwähnt wurde hier „außerehelich“ gestrichen. Gleichzeitig, und das fällt vielleicht nicht so deutlich ins Auge, wenn der Text mit den sexistischen Vorzeichen gelesen wird, die wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben, wird jedoch auch aus der „Frau“ in der älteren Version das geschlechtsneutrale „Person“. Und das, liebe Berichterstatter, bedeutet nichts anderes als das: Vor der §177-Reform konnten Männer laut deutschen Gesetz nicht vergewaltigt werden.

Ich möchte nun sicher nicht darüber streiten, welche Änderung bahnbrechender war. So argumentierte ein Kumpel gestern, ein betroffener Mann hätte zwar keine Vergewaltigung, wohl aber die schon vor 1997 geschlechtsneutral formulierte „Sexuelle Nötigung“ (damals §178) zur Anzeige bringen können. Allerdings gilt für Vergewaltigung in der Ehe ähnliches: Diese konnte auch schon vor der Reform als einfache Nötigung (§240) oder Körperverletzung verurteilt werden (weshalb die Behauptung, sie wäre vor 1997 „straffrei“ gewesen, strenggenommen falsch ist).
Aber das sind Feinheiten. Richtig ist ganz simpel: Bis 1997 konnte vor dem Gesetz eine Frau nicht von ihrem Ehemann und Männer im Allgemeinen von niemanden vergewaltigt werden.

Soweit die Fakten. Fragen bleibt dennoch:

Warum wird die Änderung Männer betreffend an keiner Stelle miterwähnt? Warum fällt die gegenüber der Vergewaltigung in der Ehe völlig unter den Tisch? Gibt es darüber nicht ähnlich zeithistorisch interessante Bundestagsdebattenschnipsel, welche den schweren Weg bis dahin nachzeichnen? Wie wurde DIESER Antrag aufgenommen, wer hat ihn zur Diskussion gestellt, wie lauteten die Gegenargumente? Und so weiter.

Jetzt könnte man aus antifeministischer Sicht argumentieren, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nun mal als wichtigeres Problem wahrgenommen wird als gegen Männer. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, erklärt das in keinster Weise, warum auch aus Männerrechtler-Kreisen keine einzige Anmerkung zu dieser Reform gekommen ist. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer solchen einzig auf einen Eintrag zum §177 in der antifeministischen und sexistischen Datenbank WikiMANNia gestoßen, der allerdings die Reform weniger feiert als sie in verschwörungstheoretischer Manier negiert. Eine Sichtweise übrigens, mit der ich mich auch schon auseinander setzen musste:

Während ich mich also durchaus darüber ärgere, dass nur die halbe Wahrheit zu dieser dringend nötigen Reform den Weg in die Medien findet, besteht die Erinnerungskultur und damit Lobbyarbeit deutscher Männerrechtler mal wieder aus – genau – nichts.

Aber das ist ja nun auch nichts neues.

Quellen zur Straftatsbestandsgeschichte: lexetius.com

Männertränen to the Max und (fehlende) Vorbilder

Gestern hat „Mad Max: Fury Road“ bei den Oscars richtig abgesahnt. Der Freund war indes leicht verstimmt, weil ich den Streifen auf Twitter als „den bescheuertsten Film aller Zeiten“ bezeichnet habe.
Aber das ist er nun mal. Er ist bekloppt, total krank, maßlos übertrieben, irrsinnig, abgedreht, sprich: einfach bescheuert to the Max und das macht so verdammt viel Spaß, wie ein Film nur Spaß machen kann. Ob das oscarwürdig ist? Keine Ahnung. Beziehungsweise, naja, offensichtlich schon. Aber egal – für mich ist nur wichtig, dass ich den Film sicher nicht zum letzten Mal gesehen habe.

Tittenlastig

Die Oscarverleihung erinnerte mich jedoch gleichzeitig wieder an einen Text, über den ich vor Monaten gestolpert bin und der aus dem Reigen der übeschwänglichen Kritiken ausbricht. Wobei, eine Kritik kann man das wirklich nicht nennen… der Autor hat nämlich nur 10 Minuten durchgehalten, nimmt das jedoch zum Anlass, „dem neuen Filmstandard“ einen Rundschlag zu verpassen.

Neue Filme haben nämlich für ihn genau eine Schwachstelle. Etwas, was man der Welt eigentlich wirklich nicht zumuten kann. Neue Filme haben nämlich – so die weinerliche Heultriade – einfach VIEL ZU VIELE STARKE FRAUEN!!!

Ich weiß, was ihr jetzt denkt: E-kel-haft. Frauen als Hauptakteure? Frauen als leading roles? Mehr Frauen als Männer auf der Leinwand? Widerlich – da fault einem ja schon beim Gedanken daran der Schwanz ab!

Jedenfalls das kümmerliche Exemplar, den man sein Eigen nennen muss, wenn man so eine unfassbare Scheiße verzapft.

Oh, tears so manly

Okay, das habe ich jetzt nur geschrieben, damit die antifeministische Meute wieder was zu geifern hat. Überhaupt ist so ziemlich der einzige Punkt, den selbst seriöse Männerrechtler, die mich leiden können und beim bösen Wort „Feminismus“ nicht direkt Schnappatmung kriegen,  an mir kritisieren, meine konsequente Verwendung des Begriffes „male tears“. Aber wie soll man ein solches Mimimi anders nennen? Der Autor ist gar nicht persönlich betroffen, niemand zwingt ihn, sich diese Filme anzusehen. Und dennoch fühlt er sich IRGENDWIE benachteiligt, nur weil sich EINIGE Filmemacher an die offensichtliche Tatsache erinnert haben, dass die Hälfte der Menschheit aus Frauen besteht und man das deshalb auch in Filmen so zeigen kann.

Nun halte ich den Bechdel-Test, der zeigen soll, wie es um weibliche Repräsentation in Filmen bestellt ist, für ein absolut lächerliches Konstrukt. Mir sind zwei Frauen, die inhaltsschwer über den männlichen Hauptprotagonisten reden wesentlich lieber, als zwei Frauen, die sich über Lipgloss und Nagellack unterhalten (letzeres würde den Test bestehen, ersteres nicht). Und ein interessanter männlicher Charakter spricht mich bedeutend mehr an als ein weiblicher Charakter, den man nur eingeführt hat weil „weibliche Repräsentation und so“. Aber man müsste wirklich schon blind und dämlich sein, um nicht trotzdem zu merken, dass die meisten (Haupt)Rollen in Film und Fernsehen immer noch mit Männern besetzt werden.

Sich nun darüber zu echauffieren, dass es tatsächlich auch Ausnahmen gibt – wie soll man das anders nennen als „peinliche Jammerei“ auf einem Niveau, wie man es halt nur in der Manosphere findet, weshalb der Begriff „male tears“ nun mal zutreffender kaum sein kann?

Der Mittelpunkt des Universums

Wobei, natürlich trifft das nicht nur Filme und Serien. In die selbe Kerbe schlägt ein viel älterer Artikel, in dem sich ein männlicher Abiturient unter anderem darüber ereifert, in seiner Deutschprüfung „Frauenthemen“ behandeln zu müssen. Er musste nämlich wählen aus drei Themen: Eine Gedichtinterpretation zur „Loreley“ und „eine Textinterpretation über zwei Damen die an Liebeskummer leiden“. Das dritte Thema wird nicht erwähnt – vermutlich war das ein „Männerthema“.

Meine Fresse, ey. Wisst ihr, was meine Themen in der Oberstufe waren? Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Faust, Die Räuber, moderne Liebeslyrik und Die Blechtrommel. Also haargenau ein Werk, in dem tatsächlich eine Frau eine größere Rolle spielt – wobei es in „Minna von Barnhelm“ eigentlich ausschließlich um männliche Befindlichkeiten geht. Und da regt sich dieses angebliche Bübchen darüber auf, die „Loreley“ interpretieren zu müssen? Ist ja nur eines der bedeutendsten Gedichte der deutschen Romantik (das man übrigens auch antifeministisch deuten könnte, wenn man wollte). Und warum sich mit dem Liebeskummer zweier Frauen auseinander setzen, wenn man sich doch viel besser mit Oskar Matzeraths oder Karl von Moors Eskapaden befassen kann (zum Beispiel dem Vergewaltigen von Nonnen – was für ein tragischer Held)?

Dass dabei die MÄDCHEN in der Klasse auf der Strecke bleiben… hach, das juckt die Herren der Schöpfung natürlich nicht. Sie wollen, nein, MÜSSEN der Mittelpunkt des Universums sein – weniger ist inakzeptabel. Deshalb geht eine Deutschprüfung mit zwei Dritteln angeblicher „Frauenthemen“ gar nicht, obwohl die „männerfreundliche“ Alternative hieße,  zwei Drittel „Männerthemen“ zu behandeln. Oder drei Drittel. Was dann natürlich wieder überhaupt kein Problem wäre.

Ich halte diesen Brief eines Abiturienten ja für einen äußerst peinlichen Fake. Ernsthaft, allein dieser Satz: „Entschuldigt meine saloppe Ausdrucksweise aber ich hab genug von diesem erbärmlichen Quatsch mit Soße“? Also BITTE. Die Achtziger haben angerufen: Sie wollen ihre knorken Beleidigungen zurück! Zumal hier, wenn ich mich nicht ganz stark irre, bei Veröffentlichung noch „Quatsch mit Sosse“ stand, ein Fehler, der einem älteren Autor, der die Schule schon vor längerer Zeit abgeschlossen und daher von der letzten Rechtschreibreform nicht viel mehr mitgekriegt hat, als dass das ß irgendwie abgeschafft worden ist, in Nachahmung eines, äh… „jugendlichen“ Schreibstils (rofl) leicht unterlaufen kann, einem aktuellen Schüler allerdings eher weniger.

Abgesehen davon ist aber auch das einfach wieder Jammerei auf Höchstniveau – entweder von einem Mann oder einem Jungen, der dabei vergisst, dass er Dinge beweint, die für Frauen (und Mädchen) so alltäglich sind, dass sie den meisten nicht mal auffallen. Ich wäre als Schülerin nicht mal auf die IDEE gekommen, mich über die Überrepräsentanz männlicher Protagonisten in unserer Literaturauswahl zu beschweren, weil es so NORMAL war!

Die wenigen Vorbilder

Zurück zu den Medien und gleich mal zur Frage, warum ich das Thema JETZT auspacke, obwohl über Mad Max tatsächlich schon viel gesagt worden ist (auch zu diesem Thema). Ganz einfach: Erstens habe ich den Film erst kürzlich sehen können (und bin seitdem sehr betrübt darüber, um das Kinoerlebnis gebracht worden zu sein). Und zweitens hängt das stark mit einem weiteren Thema zusammen, über das ich zufällig ebenfalls gestern wieder nachdachte.

Eigentlich wollte ich nach der Serie „Versailles“ suchen (grauenhaft übrigens, genau das, was rauskommt, wenn man HBOs „Blut und Titten“-Erfolgsrezept kopiert, aber dabei interessante Charaktere, intelligenten Spannungsaufbau und tolle Story weglässt. Der Freund und ich schalteten nach einer halben Folge weg), stolperte dabei aber über eine Kindheitserinnerung: Lady Oscar.

Lady Oscar ist ein schon etwas älterer Anime, der in der Zeit der französischen Revolution spielt. Die titelgebende Hauptprotagonistin ist dabei die sechste Tochter eines hochrangigen Generals, der, da er sich einen Sohn gewünscht hat, Oscar einen Männernamen gibt und sie wie einen Jungen erzieht.

So wenig ich Animes auch mag und so albern Textzeilen wie „wie ein Mann kann sie fighten, sie kann fechten und reiten“ heute auch sind – als Kind habe ich diese Serie sehr gemocht. Sie bediente nämlich eine Sehnsucht, die ich jahrelang nicht benennen konnte.

In einem anderen Artikel schrieb ich mal:

Rollenklischees haben mir meine Kindheit zur Hölle gemacht. Mir ist täglich unter die Nase gerieben worden, wie schrecklich ich sei, nur weil ich nicht den Erwartungen eines “typischen Mädchens” entsprochen habe. Ich durfte nicht toben und Fußball spielen, bekam nie die Spielsachen, die ich gerne wollte und wurde in Klamotten gezwängt, die ich hasste. Außerdem wurde ich früh darauf vorbereitet, was mich in meinem späteren Leben unweigerlich erwarten wird: Hausfrau sein, Männer bedienen, lächeln, brav sein, die Fresse halten. Mein Umfeld hat mir eine so passive Art Weiblichkeit vermittelt, dass ich einen regelrechten Hass darauf entwickelte. Das machte die Anfänge meiner Pubertät extrem problematisch (“oh mein Gott, ich werde tatsächlich zur Frau – wie scheiße!”) und zog sich durch bis ins frühe Erwachsenenalter.

Als solches „untypisches Mädchen“ fühlte ich mich immer fehl am Platze, falsch, regelrecht wie ein Alien – und deshalb saugte ich sämtliche Beweise für die Existenz ANDERER Frauen, die so waren wie ich oder wie ich gerne sein wollte, gierig auf, ohne das überhaupt selbst zu merken. Natürlich gibt es in den Medien massenweise Frauen – aber welche Rollen nehmen die ein? Köchin, gute Mutter, schmuckes Beiwerk oder dumme Tussi, die ständig gerettet werden muss, wenn sie nicht gerade darüber jammert, dass ihr ein Fingernagel abgebrochen ist.
Tomboys dagegen, die man seltsamerweise in vielen Serien als Nebencharaktere findet, waren meine Heldinnen. Burschikose Mädels, die über den Schönheitswahn ihrer Schwestern die Augen rollten, kreativ waren, stur, belesen, nerdig. Das sprach mich an.
Und dann natürlich die echten, unrealistischen Heldinnen. Lady Oscar wurde ja schon genannt. Dann Wonder Woman – natürlich. Obwohl die eigentlich als Charakter sehr wenig Tiefe besitzt, jedenfalls weitaus langweiliger ist als Batman. Aber damals war mir das egal, Hauptsache ENDLICH mal eine Frau, die was interessantes macht, kämpft und stark ist, statt ein Mann. Immer und immer nur ein Mann.

Ich könnte noch Dutzende Beispiele nennen. Aber die Essenz ist: Was ich als Kind und Jugendliche suchte und sehr selten fand, waren weibliche Vorbilder. Und dabei gab ich mich schon mit sooo wenig zufrieden. Mit welcher Berechtigung können sich nun erwachsene Kerle darüber auslassen, dass es nun tatsächlich mal im filmischen Kontext EIN PAAR solcher Frauenfiguren gibt, die man tough und cool statt nervig und hilflos finden kann – wenn es denn überhaupt weibliche Charaktere gibt?

Ich bin es als Frau gewöhnt, mich auch relativ problemlos mit männlichen Charakteren identifizieren zu können, weil ich einfach sehr lange nie eine andere Wahl hatte. Wenn nun Männer sich zuhauf beschweren, weil in „Mad Max“ ausnahmsweise mal mehr Frauen zu Wort kommen als Männer, zeugt das nicht nur von einer intellektuellen Behäbigkeit, sondern nun mal auch von hochgradig peinlichen Rollenklischees. Und das, obwohl auch Antifeministen den Wert starker Vorbilder bewusst ist – verlinkt doch MANNdat gleich neben ihrem Abitur-Heulpost eine Jungenleseliste.

Solange die Mehrzahl der Hollywood-Blockbuster und Serien immer noch männlich dominiert sind, solange ist das Jaulen nach mehr männlicher Repräsentation nichts weiter als Ausdruck einer nach außen hin arroganten, aber innerlich hoch verunsicherten Männlichkeit, die vermutlich erst dann zufrieden gestellt ist, wenn alle Heldenrollen wieder 100% weiberfrei sind.

Da fragt man sich, wie es sich mit dem eigenen Bild von Männlichkeit verträgt, sich buchstäblich wie die Prinzessin auf der Erbse aufzuführen?

So, und jetzt warte ich auf den einen Kommentar von zehn, der nicht nur aus „Aber-aber-aber Feministinnen jammern doch auch!!!einself“ besteht. Den werde ich dann freischalten, alle anderen nicht. Warum? Weil ich Lust drauf habe. Heult doch.

Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

Mansplaining

Ich hab mich über nervige Kerls geärgert, also habe ich ein bisschen (um)gedichtet.

macker dont preach

Mansplaining: Die ekelhafte Attitüde mancher Männer, erwachsene Frauen wie Kleinkinder zu behandeln, die von nichts ne Ahnung haben können, weil Frauen ja generell nie von irgendetwas ne Ahnung haben oder gar ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Wisster Bescheid.

Abtreibung und Beratung. Teil 2: Ein Zwang, der eigentlich nur eine Pflicht ist und manchmal eine Chance sein kann

Teil 1

Die Beratungspflicht vor einer Abtreibung in Deutschland ist von feministischer Seite eigentlich kaum eine Diskussion wert, weil sich hier mal zur Abwechslung alle einig sind: Es handelt sich um eine bevormundende, sexistische Prozedur, eine reine Schikane gegen Frauen, die im besten Fall als Slutshaminng zu bewerten ist, im schlechtesten Fall aber beweist, dass wir offensichtlich immer noch für zu dumm und unselbstständig gehalten werden, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.
Völlig ausgeblendet werden dabei jedoch Situationen, in denen ein solches Beratungsgespräch für Frauen praktisch lebensrettend sein kann – und die gar nicht zustande kämen, gäbe es keinen „Zwang“ dazu!

Die Frau Rat aus Teil 1 gibt’s eigentlich gar nicht. Ich habe sie erfunden. Genau wie diese Gesprächsprotokolle. Aber es wird wohl hoffentlich niemand abstreiten, dass es da draußen viele MüllerMaierSchmidts gibt, die in ähnlichen Situationen stecken!

Selbstverständlich ist der Beratungspflicht erstmal ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Frau. Allerdings gibt es unzählige Beispiele in unserem Staat, die seltsamerweise trotzdem nicht als „Zwang“ dämonisiert werden. Schulzwang? Gurtzwang? Klingt albern, ne – weil jedem klar ist, dass diese „Zwänge“ als freiheitliche Eingriffe dennoch einen größeren Nutzen als Schaden haben und außerdem die Erfahrung gezeigt hat, dass man hier nicht grundsätzlich auf Freiwilligkeit bauen kann. Das ist demnach absolut nichts ungewöhnliches.

Pflicht gegen den Zwang

Was allerdings zur Frage führt, ob hier überhaupt ein Schaden entsteht? Vor allem der Schwarzer-Feminismus, der noch aktiv gegen ein real existierendes Abtreibungsverbot kämpfen musste, stellte eine Abtreibung als medizinisch zu vernachlässigenden Eingriff dar (gefährlich nur, wenn er von „Engelmacherinnen“ durchgeführt wird). Verschiedene Gruppierungen vor allem aus dem fundamentalistisch-religiösen Bereich dagegen sprechen hier gerne von unsäglichen Traumata, die der Frau bei einer Abtreibung in jedem Fall entstehen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Eine Abtreibung muss keine große Belastung darstellen, kann aber durchaus aufgrund gesellschaftlicher Umstände psychische Probleme verursachen. Zwangsabtreibungen haben da allerdings nochmal ein ganz anderes Niveau – und genau als solche bewerte ich Abbrüche aufgrund Drucks von außen.

Ein Beratungsgespräch als Pflichtveranstaltung bietet keine Sicherheit, aber wenigstens die Chance, solchen Frauen Hilfe zukommen zu lassen. Hilfe, die Betroffene nicht bekämen, gäbe es keinen Zwang – denn wer eine Frau oder ein Mädchen zu einer Abtreibung zwingt, hat sicher auch keine Skrupel, sie von einem freiwilligen Beratungstermin abzuhalten.

Erfordert es wirklich SO viel Phantasie, sich die drei obigen Szenarios vorzustellen? Ich hätte mir auch ein Dutzend ausdenken können. Man kann nicht einerseits immer behaupten, Frauen seien in unserer Gesellschaft vielfachen Sexismen ausgesetzt, dann aber andererseits felsenfest der Meinung sein, negative Einflüsse von Außen wären ausgerechnet nur bei diesem EINEN Thema nicht existent!

Antiklassistische Solidarität

Unwissenheit über finanzielle Ansprüche (wie in Fall 1) oder andere Vorgänge die Schwangerschaft betreffend (Fall 2) halte ich für einen weiteren Faktor, der in einem Beratungsgespräch eliminiert werden kann. Aber als ich mal zu diesem Thema was bei der Mädchenmannschaft postete, wurde mein Kommentar tatsächlich mit der Triggerwarnung „Klassismus“ versehen und weitere Kommentare nicht mehr freigeschaltet.

Das muss man sich mal reinziehen! Und das mir, die ich selbst von Klassismus betroffen bin!

Im Gegenteil ist es absolut klassistisch anzunehmen, alle Frauen hätten die gleichen Informations- und Handlungsmöglichkeiten und wären in keinem Fall Repressionen ausgesetzt, egal wie jung, ungebildet oder verunsichert sie sind. Die gleichgeschaltete MM-Rhetorik unterscheidet sich dahingehend nicht im Geringsten von der Argumentationslinie der Apologeten unseres sozial undurchlässigen Bildungssystems – nur gehen DIE davon aus, dass persönliches Versagen Aufstiege verhindert („hat sich halt nicht genug angestrengt“), während hier einfach unterstellt wird, jede Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung sei total informiert und ohne Repressionen geschehen. Tja, vor dem Hintergrund haben Frauen, die nach diesem erzwungenen Eingriff leiden, halt einfach die Arschkarte gezogen, weil sie ja angeblich gar nicht existieren. Das ist nicht nur klassistisch, sondern diskriminiert auch noch psychische Erkrankungen!

Ein weiterer schöner Vergleich drängt sich mir da in Bezug auf die Diskussionen um das US-Gesundheitsreform auf. „Warum soll ICH gezwungen werden, Geld in eine staatliche Krankenkasse einzuzahlen? ICH mache das ja sowieso schon privat. Etwa nur um den Pöbel zu unterstützen, der zu dumm ist, sich selbst um seine Vorsorge zu kümmern? Vielleicht haben es solche Leute ja VERDIENT, an Krankheiten zu verrecken, deren Behandlung sie nicht bezahlen können?”
Ja, und vielleicht SOLLEN Frauen, die nicht den Bildungsstand haben, sich selbst durch den bürokratischen Dschungel zu wühlen, ja gar keine Kinder in die Welt setzen? Antiklassismus, Mädchenmannschaftsstyle?

Klar nervt das, zu so einem Gespräch gehen zu müssen, obwohl man selbst den totalen Durchblick über sämtliche Eventualitäten hat. Aber kann man dieses Opfer nicht mal aus Solidarität auf sich nehmen?

Eine Abtreibung ist kein Kindergeburtstag

Ich bin für das Recht auf Abtreibung, das es in Deutschland immer noch nicht gibt. Aber Abtreibungen sind dennoch nichts schönes. Ein solches Statement mag vor fünfzig Jahren von einer Feministin unmöglich gewesen sein, aber heute sind wir doch ein bisschen weiter und sollten auch Dinge ansprechen dürfen, die nicht zur politischen Agenda der 60er Jahre gepasst haben.

Unabhängig von der psychischen Verfassung der Frau wird hier nun mal potentielles Leben zerstört. Das ist schlimm, aber anders als Pro-Life-Spinner werte ich die Persönlichkeitsrechte eines erwachsenen Menschen (der Schwangeren) höher als die eines Zellhaufens, der sich erst zum Mensch entwickelt.
Dass er dies allerdings ziemlich sicher tun wird, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist halt auch ein Fakt – und ich der Meinung, dass es keine unzumutbare Last ist, etwa eine halbe Stunde Zeit zu opfern, um die Entscheidung zur Abtreibung in einem Beratungsgespräch zu bestätigen, wenn damit mögliches Leben gerettet werden kann. Zumindest DAS hat der Fötus meiner Meinung nach verdient, egal, was später daraus wird.

Man kann nicht immer nur Rechte fordern, aber jedwede Pflicht, die sich daraus möglicherweise ergibt, konsequent ablehnen. Dazu zähle ich auch den Umstand, Abtreibungen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durchführen lassen zu dürfen und danach mit der Entscheidung leben zu müssen. Anders erhält man nämlich am Schluss keine emanzipierten Frauen, sondern verwöhnte Kackbratzen, die darauf insistieren, ihre gesunden Babys bis kurz vor der Geburt umbringen zu dürfen, weil den wankelmütigen Madames vielleicht halt mal ein halbes Jahr zu spät einfallen könnte, dass ein Kind ja jetzt irgendwie doch nicht so gut passt. Ist DAS etwa Eigenverantwortung und Selbstständigkeit?

Dass letztendlich eine Beratungspflicht nur Frauen trifft und sie deshalb sexistisch ist, kann dagegen halt auch kein starkes Gegenargument sein, wenn nun mal nur Frauen schwanger werden können.

Abtreibung und Beratung. Teil 1: Frau Rat und ihre Fälle

Ich erzähle euch heute mal etwas von Frau Rat. Frau Rat arbeitet bei Pro Familia und führt Beratungsgespräche mit schwangeren Frauen und Mädchen, die eine Abtreibung wollen. In Deutschland ist ein solches Beratungsgespräch Pflicht, was die meisten Feministinnen als sexistische Bevormundung empfinden, die abgeschafft gehört.

Frau Rat sieht das nicht so.


1. Fall: Julia Müller, 17 Jahre, ist mit ihrer Mutter zum Beratungsgespräch gekommen.

Frau Rat: Julia, ich kann mir vorstellen, wie beängstigend das gerade alles für dich sein muss…
Frau Müller: Ja, eine Schande ist das. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie enttäuscht ich bin.
Julia schweigt.
Frau Rat: Nun ja, das ist schon tausenden anderen Frauen vor dir passiert, Julia. In diesem Gespräch möchte ich dir gerne erläutern, welche Möglichkeiten dir offen stehen…
Frau Müller: Da gibt es nichts zu erläutern. Füllen Sie einfach den Beratungsschein aus. Wir haben das bereits mit ihr besprochen.
Frau Rat: Sie und Julias Vater?
Frau Müller: Mein Mann und ich, ja. Für den ist eine Welt zusammen gebrochen. Die eigene Tochter… das Zeugnis voller Einsen und dann lässt sie sich schwängern… aber wir werden nicht zulassen, dass sie sich damit ihr ganzes Leben verpfuscht.
Frau Rat: Was sagst du denn dazu, Julia?
Frau Müller: Sie sagt gar nichts dazu. Unsere Entscheidung steht. Geben Sie uns einfach den Schein.
Frau Rat: Frau Müller, ich kann keinen Beratungsschein ausstellen, wenn Sie Ihre Tochter nicht zu Wort kommen lassen. Ich muss Sie leider bitten, kurz ins Wartezimmer zu gehen, damit ich mit Ihrer Tochter reden kann.
Frau Müller protestiert, fügt sich aber schließlich.
Frau Rat: Tja… ist sie immer so?
Julia: Ja… tut mir leid…
Frau Rat: Wie ist das eigentlich passiert? Pille vergessen?
Julia: Ich nehme die Pille gar nicht. Ich hab meine Mutter mal deswegen gefragt, aber sie ist total ausgerastet und, naja… mein Freund und ich haben dann Kondome benutzt…
Frau Rat: Hm, Kondome sind leider nicht so sicher wie die Pille. Wie haben deine Eltern reagiert?
Julia: Ich wollte es ihnen gar nicht direkt sagen, aber meine Mutter hat den Schwangerschaftstest gefunden… es gab einen Megakrach, so hab ich sie noch nie brüllen gehört… und am Ende meinten meine Eltern halt, ich muss es loswerden.
Frau Rat: Und was sagst du selbst dazu?
Julia: …ich weiß nicht. Ich will eigentlich nicht abtreiben. Aber wenn ich ein Kind habe, kann ich nicht studieren. Ich mache nächstes Jahr Abi, aber meine Eltern haben gesagt, mit einem Baby kann ich die Uni vergessen. Ich will so gerne Graphikdesignerin werden…
Frau Rat: Naja, das kann man so aber nicht sagen. Mit einen Baby zu studieren ist auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, aber es gibt bei den meisten Unis Hilfsangebote für junge Mütter. Es gibt zum Beispiel WGs, in denen nur Studentinnen mit Kind wohnen und sich gegenseitig unterstützen – beim Babysitten zum Beispiel.
Julia: Echt? Das hab ich noch nie gehört. Wow… aber wie soll ich das bezahlen? Meine Eltern haben gesagt, sie geben mir keinen Cent, wenn ich das Baby behalte.
Frau Rat: Das dürfen deine Eltern gar nicht. Solange du noch keine Ausbildung hast, müssen sie dir Unterhalt leisten, es sei denn, sie sind dazu finanziell nicht in der Lage.
Julia: Nee, das geht schon. Mein Vater hat ne eigene Firma…
Frau Rat: Dann müssen sie für dich aufkommen, egal ob mit oder ohne Baby. Und dir selbst steht dann ja auch staatliche Hilfe zu, Kindergeld zum Beispiel…
Julia: Dann könnte ich ja… aber… nein, das geht nicht. Ich kann nicht! Meine Eltern würden nie wieder mit mir reden!
Frau Rat: Hast du denn keinen, der dich unterstützt?
Julia: Naja, meine Tante, die hab ich nach diesem Riesenstreit sofort angerufen. Die war total sauer auf Mama deswegen und meinte, ich könnte notfalls bei ihr einziehen…
Frau Rat: Was ist denn mit deinem Freund?
Julia: Der war ziemlich geschockt, aber er meinte, wir kriegen das hin. Meine Eltern können ihn nicht leiden, weil seine Eltern aus der Türkei kommen. Dabei sind die voll nett und haben auch schon gesagt, dass sie helfen werden, wenn ich was brauche…
Frau Rat: Das klingt doch gar nicht sooo hoffnungslos.
Julia: Ja, eigentlich… aber meine Mutter…
Frau Rat: Julia, wichtig ist, dass du tust, was DU für richtig hältst. Du hast noch ein paar Wochen Zeit, um dich zu entscheiden. Schau, ich habe hier eine Liste mit allen Nummern und Adressen, an die du dich wenden kannst. Da sind auch ein paar Websites und ein Forum, durch die du dich mal klicken kannst mit allem, was man als junge Mutter wissen muss. Auch zum Thema Adoption…
Julia: Wow, das werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Danke!!
Frau Rat: Hier hast du deinen Beratungsschein. Viel Glück!


2. Fall: Renate Maier, 47, ist bereits zweifache Mutter und kommt mir ihrem Mann zur Beratung.

Frau Rat: Frau Maier, es ist eher ungewöhnlich, dass eine Frau Ihres Alters zu mir kommt. Und für die meisten ist es die erste Schwangerschaft…
Frau Maier: Ja, dann geben Sie uns doch bitte einfach diesen Schein. Mein Mann und ich sind seit 26 Jahren verheiratet, da werden wir doch wohl selbst wissen, was gut für uns ist.
Herr Maier: Ganz genau.
Frau Rat: Bitte lassen Sie uns trotzdem über Ihre Situation reden. Es dauert auch nicht lange. Ich nehme an, die Schwangerschaft war nicht so ganz geplant?
Frau Maier: Nein, das war im Urlaub… ich hatte meine Pille zuhause vergessen und ich wollte nicht zum Arzt im Ausland… ich hätte ja nicht gedacht, dass… als mir vorletzte Woche so schlecht war, dachte ich ja sogar, das wären jetzt die Wechseljahre…
Herr Maier wird rot.
Frau Rat: Aber Ihre Söhne waren Wunschkinder?
Frau Maier: Ja, natürlich!
Herr Maier: Also bei unserem Ältesten, da wollten wir damals eigentlich ja noch ein, zwei Jahre warten, bis wir mehr gespart hatten, aber Herrje, dann ist es halt passiert und wir haben es auch so hingekriegt, Gott sei Dank…
Frau Maier: Der hat gerade seinen Abschluss gemacht als Ingenieur. Der ist ja der erste in unserer Familie, der studiert hat. Unser Jüngster, der ist 20, der hat aber auch letztes Jahr angefangen. Der will Gymnasiums-Lehrer werden.
Frau Rat: Dann müssen Sie ja wahnsinnig stolz sein.
Frau Maier: Ja freilich! Und wenn ich ein paar Jahre jünger wäre… aber nein, das geht nicht…
Frau Rat: Warum glauben Sie das?
Frau Maier: Ach, so eine alte Mutter, das geht doch nicht… lieber so als… also, eine Bekannte von mir hatte eine Frühgeburt, da musste das Würmchen in so einen Brutkasten und hat da ganz hilflos gelegen mit all den Schläuchen… nach einer Woche ist es dann gestorben…
Herr Maier: Das könnte ich nicht. Da ginge ich kaputt von.
Frau Rat: Sie glauben also, das Baby hat sowieso keine Überlebenschance?
Frau Maier: Ja, ist doch so. Meine ältere Schwester hat ihr letztes Kind mit 27 bekommen, das war ’85. Damals hat der Doktor gesagt, sie wär eine „Spätgebärende“. Und ich bin zwanzig Jahre älter…
Frau Rat: Naja, das ist aber auch schon wieder 30 Jahre her. Heute ist man mit 27 eher früh dran. Und letztes Jahr sind in Deutschland fast 30.000 Kinder von Müttern über 40 geboren worden.
Herr Maier: 30.000? Das wusste ich nicht. Wusstest du das?
Frau Maier: Nein. Das ist ja ein Ding!
Frau Rat: Wie waren denn Ihre bisherigen Schwangerschaften?
Frau Maier: Die waren problemlos. Ein bisschen Übelkeit am Anfang, das war’s. Die Geburten dauerten auch nicht lange.
Herr Maier: Und unsere Buben sind kerngesund. Ich weiß nicht mehr, wann die das letzte Mal krank waren.
Frau Maier: Aber trotzdem… ich hab ja auch noch keine Krankheiten… aber der Gedanke, dass das Kleine stirbt oder irgendwie geschädigt ist… andererseits, so stirbt’s ja auf jeden Fall…
Herr Maier: Ach je…
Frau Rat: Frau Maier, ganz ehrlich: In Ihrem Alter gehören Sie tatsächlich zur Risikogruppe, aber Ihre letzte Schwangerschaft ist 20 Jahre her. Seitdem hat es sehr viele Fortschritte in der Medizin gegeben. Hier habe ich eine Liste mit Frauenärzten, die Erfahrung mit Risikoschwangerschaften haben. Vielleicht wollen Sie sich ja mal einen Termin geben lassen, bevor sie sich endgültig entscheiden.
Frau Maier: Danke… Also Heinz, ich glaube da ruf ich morgen mal an…
Herr Maier: Ja, mach das. Ach, so was Kleines wieder im Haus, das wär ja schon was…
Frau Rat: Und hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!


3. Fall: Lisa Schmidt, 28, ist allein gekommen.

Frau Rat: Also, Frau Schmidt, ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Situation reden…
Frau Schmidt: Geben Sie mir einfach diesen blöden Schein. Dass ich hier überhaupt antanzen muss… eine Unverschämtheit!
Frau Rat: Ich verstehe Ihre Verärgerung, aber ich bin wirklich nur hier, um Ihnen zu helfen…
Frau Schmidt: Ja, helfen, helfen – klar! Ich habe studiert, einen guten Job und kann mich problemlos selbst versorgen, aber hier muss ich trotzdem angekrochen kommen, als wäre ich zu blöd, das selber zu entscheiden!
Frau Rat: Sie sind gerade sehr aufgebracht.
Frau Schmidt: Natürlich bin ich aufgebracht!
Frau Rat: Ich möchte Ihnen wirklich nur Ihre Optionen aufzeigen und…
Frau Schmidt: Ich habe keine Optionen!! Ich muss abtreiben!! Ich muss!!
Frau Schmidt bricht in Tränen aus.
Frau Rat: Frau Schmidt, warum weinen Sie denn? Hier sind Taschentücher…
Frau Schmidt: Schnüff… Danke…
Frau Rat: Sie scheinen ja doch mit der Entscheidung zu hadern. Warum „müssen“ Sie abtreiben?
Frau Schmidt: Es ist mein Freund, er… Sie verstehen das nicht, er war am Anfang nicht so… und er hat sich entschuldigt… aber die Schwangerschaft…
Frau Rat: Frau Schmidt… werden Sie misshandelt?
Frau Schmidt: Nein, er… das ist doch nicht „misshandelt“… es hat nur ein paar Mal, wenn wir Streit hatten, also… er hat sich jedes Mal entschuldigt!
Frau Rat: Das macht es nicht besser. Haben Sie sich denn schon mal jemanden anvertraut? Was ist mit ihren Eltern?
Frau Schmidt: Oh Gott, das könnte ich ihnen nicht erzählen. Mein Vater würde ihn umbringen! Nur meine beste Freundin, die habe ich angerufen nach dem ersten Mal… aber die ist direkt ausgeflippt, meinte, sie würde mich sofort holen kommen und mit mir zur Polizei gehen… seitdem treffe ich sie fast nicht mehr, obwohl sie ständig anruft…
Frau Rat: Will ihr Freund etwa nicht, dass sie sich mit ihr treffen?
Frau Schmidt: Sie… sie haben sich sowieso nie gut verstanden. Er ist ja eigentlich nicht so, aber jetzt mit dem Baby… ich hatte vor ein paar Wochen einen Virusinfekt und war mir nicht sicher, ob die Pille noch wirkt und ich habe ihm GESAGT, wir sollten besser zusätzlich Kondome nehmen, aber er wollte nicht…
Frau Rat: Und deshalb sollen Sie jetzt abtreiben – weil er keine Kinder will?
Frau Schmidt: Ich liebe ihn, aber… ich kann doch nicht mein Baby umbringen!! Aber… er war so wütend… ich weiß nicht, was er tut, wenn ich ihm sage, dass ich es behalten will… aber ich kann auch nicht zu meinem Eltern… wir sind seit über drei Jahren zusammen, da kann ich doch nicht plötzlich ankommen und sagen, dass er mich schlägt!
Frau Rat: Frau Schmidt, es gibt absolut keinen Grund, sich zu schämen. Ich hatte schon einige Frauen in Ihrer Situation bei mir. Ich habe hier zahlreiche Broschüren mit Hilfsangeboten für misshandelte Frauen. Sie können sofort einen Termin machen, wenn Sie möchten. Bitte überlegen Sie sich das! Und egal, wie Sie sich wegen des Babys entscheiden – tun Sie, was SIE für richtig halten!
Frau Schmidt: Ja… ich muss etwas tun… ich halte das nicht mehr aus…
Frau Rat: Hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!

Und jetzt? Weiter mit Teil 2

Nochmal: #MeinFeminismus

Es wurde ja schon oft vehement gefordert lieb danach gefragt. Da ich es außerdem gerne auf diese Weise speichern würde: #MeinFeminismus als Tweetsammlung.


 

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Wenn jemand über einzelne Punkte diskutieren möchte, gerne. Allerdings bitteschön mit Begründung, was seiner/ihrer Meinung nach an dem entsprechenden Punkt kritikwürdig ist. Meldungen von Tussis, die meine Meinung mit Mord gleichsetzen und biologistische *tuuut* *bitte höflich bleiben* sind nicht erwünscht.